
Nelka von Svenja Leiber thematisiert ein rohes Thema, das der Kriegsgefangenschaft und Vergewaltigung im Zweiten Weltkrieg, mit märchenhaften Mitteln, die das Grauen, aber auch das Durchhaltevermögen der Figuren auszutarieren verstehen. Leibers Roman steht hiermit im Zusammenhang mit Annett Gröschners Schwebende Lasten, Susanne Abels Gretchen-Saga oder auch Elli Unruhs Fische im Trüben. All diese Romane zeichnet einen warmen Ton aus. Leicht entrückt, schillernd schwebend über dem sich ausbreitenden Schrecken ihrer von Mord und Totschlag handelnden Stoffe ruhen sie in sich als Märchen ohne unmittelbare Moral, aber mit klarer Empathie für ihre Figuren. Nelka erzählt von der gleichnamigen Tochter eines Apfelbauern aus Lwów:
„Svenja Leiber: „Nelka““ weiterlesenWomit beginnen? Mit den Herren oder mit den Knechten? Mit den Erzählten oder den Unerzählten? Womit beginnen? Mit dem Kummer oder mit dem Trost? Es muss von allem handeln, und es muss vorn beginnen, und seinen Anfang nahm es vor vielen Jahren im armen Kronland Galizien, in der Stadt Lemberg, damals gerade polnisch Lwów, wo ein Mann namens Wendelin Lechner lebte, der aber kein Pole war, dafür ein nicht unbekannter Pomologe. Oder jedenfalls den Bauern und Pächtern bekannt, die eine Ahnung von Äpfeln hatten, diesen so selbstverständlichen und dabei so eigenartigen Früchten, verwandt mit Erdbeeren und Rosen, die angeblich einmal im Paradies wuchsen, in seiner Mitte sogar, und die doch auch das Paradies zerstörten und die Menschen lehrten, sich zu schämen, was immer Scham ist und was immer das Paradies gewesen sein mochte, eine Idee oder schon Ideologie.
Svenja Leiber aus: „Nelka“

