Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“

Die Dame mit der bemalten Hand von Christine Wunnicke
Die Dame mit der bemalten Hand von Christine Wunnicke. Georg-Büchner-Preisträgerin 2026.

Christine Wunnicke, Georg-Büchner-Preisträgerin 2026, schreibt seit geraumer Zeit, wie sie es selbst bezeichnet, Roman-Haikus, das sind kurze, knappe, weniger als zweihundert Seiten umfassende Prosatexte, die über ein Ereignis, eine historisch belegte Begebenheit lyrisch-poetisch meditieren. 2025 hat sie eine solche Begebenheit in Wachs beschrieben, wo sie die Freundschaft oder Beziehung zwischen Marie Marguerite Bihéron, Anatomikerin, und Madeleine Basseporte, Zeichnerin, im Frankreich des 18. Jahrhunderts imaginierte. Wie mit Wachs 2025, genauer hier besprochen, stand sie auch mit Die Dame mit der bemalten Hand 2020 auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. In diesem schmalen Bändchen beschreibt sie die Begegnung zwischen Musa al-Lahuri und Carsten Niebuhr im Jahr 1764 auf der Insel Elephanta, der indischen Stadt Mumbai (Bombay) vorgelagert. Wie es dazugekommen ist, erzählt Niebuhr al-Lahuri in etwas geschwülstigen Worten:

»Es war einmal«, fiel ihm Niebuhr heftig ins Wort, »vor einer Zeit, die mir miserabel lang erscheint, in Almanya ein Mann, der meinte, dass man Gottes Wort besser begreift, wenn man in Arabien jeden Stein umdreht und schaut, was darunter ist. Dieser Mann war unser Befehlshaber und ist jetzt meiner, noch immer, nehme ich an. Er ist gelehrt und ein Scheusal. Meine Pflicht war, und ist es noch immer, nehme ich an, zu messen: die Länge und Breite und Höhe von allem und wie lang alles dauert und wo sich alles befindet und wie sich alles zueinander verhält. Die Gefährten lagen krank in Sues. Immer lagen sie krank. Unterdessen maß ich das Rote Meer, hier und dort seine Breite, und wie lang alles dauert, die Ebbe und Flut.«

Christine Wunnicke aus: „Die Dame mit der bemalten Hand“

Inhalt/Plot:

Beide, Niebuhr wie al-Lahuri, betreiben Wissenschaft, erforschen die Welt und haben sich für ihre Reise insbesondere mit Teleskopen und Astrolabien ausgestattet. Beide befinden sich auf einer Forschungsreise: Niebuhr, um einem Altertumsforscher in Göttingen Antworten auf Fragen zu geben, die in der Bibelexegese noch offen geblieben sind; und al-Lahuri, seiner Familie und des Lebens in Jaipur überdrüssig geworden, um seinen Lebensfunken in Mekka neu zu entfachen und seinem Leben wieder Sinn einzuhauchen.

Und so ging das Leben dahin. Man wurde immer dicker und müder. Es war kein Wunder, wenn das Gemüt nach Abwechslung schrie. Al-Lahuri lächelte, nachsichtig mit sich selbst. Bald wäre er in Arabien. Dort fände er Sinn. In Arabien, so hieß es, sei all der Sinn zuhause, der Sinn des Himmels und der Erde, Gottes Sinn und der Menschensinn und der Sinn aller Dinge.

Dass sich die beiden nun auf der Insel Gharapuri, Elephanta, treffen, ergibt sich aus einem doppelten und daher dreifachen Zufall. Einerseits hat sich durch diverse Krankheiten die Forschungsexpedition rundum Niebuhr von selbst zerlegt. Um den letzten seiner Mitreisenden zu retten, hat Niebuhr den Umweg über Mumbai gewagt, aber vergebens. In der Hoffnung auf der Insel nun Überbleibsel eines Salomon-Tempels zu finden und zu kartographieren und so den Umweg wenigstens beruflich oder archäologisch rechtfertigen zu können, lässt sich der bereits vom Sumpffieber schwer gezeichnete und kranke Niebuhr zu der Insel übersetzen, bricht dort aber bei seiner Tempelbesichtigung zusammen. Andererseits, um die Zeit vor der Weiterreise nach Dschidda totzuschlagen, verkauft Musa al-Lahuri ein Astrolabium in Panvel, gerät aber auf der Rückreise mit dem Schiff in eine Windflaute und beschließt auf derselben Insel ein Nickerchen zu machen, bis der Wind sich wieder aufgefrischt hat.   

Und plötzlich war es Musa zufrieden. Wem nützte die Eile, all die sinnlose Eile? Ein Leben lang, so schien es ihm, war er ständig gerannt, zeternd und zankend, von Kunde zu Kunde, von Geschäft zu Geschäft […] Dann schaute er nach Gharapuri hinüber. Die Insel war borstig und grau, von Gestrüpp überwuchert, dazwischen ein paar Sauerdattel- und Mangobäume. Palmen, deren nutzloseste Sorte, streckten lange, triste Wurzeln ins Meer. Kein Haus, kein Mensch war zu sehen. Ein Affe kreischte, ein zwitscherndes, helles Kreischen, viel zu laut, viel zu lang, viel zu wichtig in der dunstigen Stille. Niemand rannte auf Gharapuri umher. Niemand, so schien es, hatte dort etwas zu schaffen. Leer und grau schwamm ein wenig Land im Meer zwischen Panvel und Manbai. In seiner neuen philosophischen Stimmung fand Musa das liebenswert.

Die Insel erscheint aber nur auf dem ersten Blick verlassen. Es leben dort einige Menschen, und einigen Menschen begegnen die beiden auch dort, nämlich nachdem al-Lahuri Niebuhr schwerkrank im Tempel überrascht hat, dieser vor Schreck und Erschöpfung in Ohnmacht fällt und so Hilfe für ihn von den Inselbewohnern benötigt. Al-Lahuri findet das gar nicht witzig, will sich aber auch nicht der unterlassenen Hilfeleistung bezichtigen lassen. Schweren Herzens schleppt er Niebuhr in ein Haus, besorgt Wasser und sorgt für Schutz. Niebuhr faselt im Fiebertraum und vermischt Sprachen, Musa al-Lahuri, vieler dieser Sprachen nicht mächtig, reimt sich etwas sehr eigenes aus dem Gesprochenen zusammen:

Zunächst, als er aus der ersten Ohnmacht erwacht war, hatte er noch höflich mit Musa geredet. Er heiße Nibbur und mit Rufnamen Kurdistan und stamme aus Almanya. Musa hatte nicht weiter nachgeforscht. Der Bursche würde schon wissen, warum er so log. Kein Mensch hieß Nibbur und gewiss nicht in Almanya. Er hatte sich sehr entschuldigt, dass er besinnungslos niedergesunken sei »wie ein Weib gebrochenen Herzens, dem alles zu viel wird«. Wahrscheinlich hatte er sagen wollen »wie ein Schlappschwanz«. Sein Arabisch war reichhaltig, falsch und lustig. Man verstand jedes Wort.

Nun, in äußerster Verdichtung, wird die Vorgeschichte von Niebuhr und die von al-Lahuri erzählt und wie sie die nächsten Tage auf der Insel verbringen, nachdem nämlich ihre beiden Schiffe mit allem Proviant davon gesegelt sind und sie, ohne mit ihnen Rücksprache gehalten zu haben, zurückgelassen haben. Niebuhr, fiebrig und ängstlich, wird nun von seinem Reisegefährten mit Geschichten aufgemuntert, der ähnlich wie die Scheherazade, die den drohenden Tod mit ihrem Märchenerzählen aufschiebt, nur hier die drohende Ohnmacht und Fieberanfälle verhindern sollen.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Öffentliches Miteinander mit Plot: Genies und Wahnsinnige

Stil/Sprache/Form:

Wunnicke hat nicht nur für ihre exotische Stoffauswahl den Georg-Büchner-Preis 2026 zugesprochen bekommen. Zudem wurde in der Verkündigung hervorgehoben, dass ihre Romane „von subtilem Sprachwitz und dem Verzicht auf Selbstreferenz“ getragen werden, also sowohl gegen postmoderne Sprach- wie Faktenernüchterung protestieren. In der Tat besitzen die imaginierten Szenen, die Konstellation und Montage der Vielsprachigkeit eine besondere, Wunnickes Stil auszeichnende Leichtigkeit, die durch das mosaikhafte Schreiben zusätzlich noch im Arrangement verstärkt wird. Eine einheitliche oder rahmende Erzählung gibt es jedoch weder in Wachs noch in Die Dame mit der bemalten Hand, so dass die Texte eher einer poetischen Meditation über ein bestimmtes, je nach Fokus ausgewähltes Material gleichen und somit zumindest in die postmoderne Erzählmüdigkeit eines bspw. Thomas Pynchon einstimmen. Wie bei einer lyrischen Meditation üblich steht die Form im Vordergrund, die Rhythmik des Schreibens, das Ineinandergleiten der Sätze, das Überlagern von Bedeutungsmöglichkeiten und die Parallelisierungen von Sinn und Unsinnhaftem:

»Bedauerlich«, sagte Musa. »Zeig mir, wie du Kassiopeia siehst. Wo fängt sie an und wo ist sie zu Ende?« »Fünfundvierzig der Rocksaum, Siebenunddreißig das Knie, Achtzehn und Elf die Schultern.« »So klein«, seufzte Musa. »Ihr seht das ganze Weibsbild in den paar Sternen. Wir sehen dort nur ihre bemalte Hand.« »Und wo ist der Rest?« »Ihr Ellenbogen ist Flamsteed dreiunddreißig Persei!« Musa breitete die Arme aus. »Ihr Kopf ist in Taurus! Die Dame-mit-der-bemalten-Hand umspannt den halben Himmel. Die griechische Kassiopeia, das lateinische VV, sind ihre gespreizten Finger. Sie spreizt sie, um sie besser anmalen zu können.«

Die Dame mit der bemalten Hand lässt sich als eine Sprachreflexion und Sprachimprovisation über die verwendeten Originaltexte begreifen, deren Titel im Anhang des Romans angegeben werden. Wunnicke bleibt am historisch-verbürgten Material, und deshalb wirkt der Text zwar oft kunstvoll konstruiert, aber nur durch starre Verbindungen verknüpft, die einen gewissen Fluss nicht oder eine gewisse Lebendigkeit des sich selbst überraschenden, Szenerie erfindenden Schreibens entstehen lassen würden. Wunnickes Stil, so geschliffen er sich lesen lässt, verlässt die faktualen Bahnen nicht, die die Originale festziehen. So schreibt bspw. Niebuhr in Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern folgendes:

Auf [der Abbildung] sieht man eine sehr große Figur mit acht Armen. Sie hat den Mund offen und macht eine zornige Miene. Die beiden vordersten Hände und beide Beine sind durch die Zeit verlorengegangen. In der zweiten rechten Hand hält sie ein großes Schwert und in der dritten ein Kind bei einem Bein; auf der zweiten linken Hand trägt sie ein Becken, in der dritten hat sie eine kleine Glocke, und mit den beiden hintersten Händen hält sie ein großes Tuch. Um und über dieser großen Figur sind noch verschiedene kleine, die alle eine furchtsame Miene machen.

Carsten Niebuhr aus: „Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern

Hieraus wird bei Christine Wunnicke in ihrem Roman-Haiku:

Von acht Armen fehlten ihm zwei. In den übrigen Händen hielt er eine Schale, eine Glocke, ein Schwert und kopfunter, um die Füße gefasst, einen krüppligen Zwerg. Seine Beine, gespreizt in einem Sprung oder Tritt, waren in der Mitte der Oberschenkel abgebrochen. Er trug Ohrschmuck und Halsschmuck und die Menschenschädelgirlande und auch einen Schädel an seine reich verzierte Krone gesteckt. Sein hinterstes Armpaar war in die Höhe gereckt, mit den Händen spannte er ein Tuch, ein Fell oder das Himmelszelt über sich auf. Sein Mund klaffte. Zwei Raubtierzähne berührten die Unterlippe.

D.h. sie übernimmt die wesentlichen Details, die fehlenden Arme, die Insignien Salomos und erweitert die Beschreibung um die Beobachtungen, die sie aus der Abbildung in dem Buch entnehmen kann. Hierbei lässt sich gar nicht ein über sich hinaus schießendes Maß an Fiktionalität kreieren. Die Lücken bleiben zu starr, die gefüllt werden, und die Lebendigkeit bleibt deshalb an vielen Stellen auch nur angedeutet, obgleich die Insel mit sehr atmosphärischen Beschreibungen ausgestaltet wird. Vollständig fiktional scheint nur die Figur Musa al-Lahuri zu sein, als überflüssig erweisen sich aufgrund der Kürze des Textes problematischerweise jedoch alle anderen Figuren des Romans, da sie kaum eine Hintergrundgeschichte besitzen und so auch keine narrative Dynamik erzeugen, wie al-Lahuris Diener Malik, und wieso symbolisch das Buch mit Musas Tochter Nayyirah schließt, die sich die Hand bemalt, lässt sich ebenfalls höchstens erraten. (Wahrscheinlich liegt der Witz darin, dass Kassiopeia, Mutter der Andromeda, und Nayyirah, die Mutter der Enkelkinder, dasselbe für Musa al-Lahuri und Niebuhr darstellen, sie beide sehen also das, was ihnen am wichtigsten ist und sind sich einig darin, der Himmel als Mutter aller Dinge.)

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Wie in Wachs Marie Bihéron liegt auch Niebuhr in Die Dame mit der bemalten Hand mehr oder weniger im Sterben, aber erholt sich wie Marie. Beide Romane thematisieren im Stoff einzig und allein die Welt der Wissenschaft, wie auch noch ein anderer Roman, Dr. Fuchs und Dr. Shimamura, im Medizin- und Psychologiebereich spielt. Wunnicke betreibt insofern relativ konsequent eine alternative Wissenschaftsgeschichte, verdichtet rundum fiktionale und reale Wissenschaftspersönlichkeiten und rekonstruiert mögliche Dialoge von ihnen wie bspw. diesen:

Etwas wie Kummer schlich sich in [Niebuhrs] Miene. Er ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Dann formulierte er mit Sorgfalt: »Wir glotzen alle in denselben Himmel und sehen verschiedene Bilder.« »›Glotzen‹ ist kein schönes Wort«, rügte Musa. »Ich meine ›glotzen‹! Ich meine ›hilflos, blöd und hoffnungslos schauen‹! Ich meine ›Affen des Mundes zu Markte tragen‹! Wir glotzen nach oben und erfinden große Gestalten und hängen sie in den Himmel. Ich eine Frau und du eine Hand und was weiß ich, was andere sehen. Und dann gibt es Streit. Es ist zum Erbarmen!«

Niebuhr und al-Lahuri finden eine gemeinsame Sprache im Ungewissen, im Offenen. Sie erzählen sich gegenseitig zuerst Märchen, dann Lebensgeschichten, in denen sich aber vieles, vor allem Lüge und Wahrheit, vermischt, einerseits durch Sprachmissverständnisse, andererseits dadurch, dass das Erzählen mit Übertreibungen so al-Lahuri interessantere Effekte beim Publikum erzielt. Das arabische Gegen-den-Tod erzählen, beschreibt Goethe im West-Östlicher Diwan wie folgt:

Diese Luftgebilde, über einem wunderlichen Boden schwankend, hatten sich zur Zeit der Sassaniden ins Unendliche vermehrt, wie sie uns »Tausendundeine Nacht«, an einen losen Faden gereiht, als Beispiele darlegt. Ihr eigentlicher Charakter ist, dass sie keinen sittlichen Zwecke haben und daher den Menschen nicht auf sich selbst zurück, sondern außer sich hinaus ins unbedingte Freie führen und tragen.

Johann Wolfgang Goethe aus: „West-Östlicher Diwan“ (Noten und Abhandlungen)

Ins Freie und Unbekannte fahren die beiden Protagonisten von Die Dame mit der bemalten Hand, und beide Protagonisten kehren mit neuen Eindrücken heim, ohne dass sie sich in irgendwelchen Details einig werden hätten können: Weder in Sachen Salomo Tempel, noch inwiefern irgendwelche biblischen Details mit einer historischen Tatsache übereinstimmen, noch welche Sterne zu welchen Konstellationen gehören und wie diese versinnbildlicht werden könnten. Nach der Rückkehr interessieren sich auch die entsprechenden Institute nicht mehr ob der gemachten Funde und al-Lahuri gibt seine Reise nach Sinn scheinbar gänzlich auf.  

Erstaunlicherweise bekehrt die Reise also die beiden Wissenschaftler vom Wissensdurst und der Wissenschaft insgesamt. Sie hören nämlich mit der Vermessung des Himmels, ihrer Wissenschaft auf. Al-Lahuri setzt sich zu Ruhe, wird freundlicher Großvater, der seiner Tochter und seinen Enkelkindern vorliest, und Niebuhr kehrt auf den Hof seines Vaters in Norddeutschland zurück. Scheinbar hat das Treffen des Unbekannten bereits im Menschen selbst, in der fremden Kultur dazu geführt, dass das Geheimnis auch ohne Nachforschung ganz offenbar wird. Goethe fasst es in seinem West-östlicher Divan anlässlich seiner Begegnung vom Abendland mit dem Morgenland im Gedicht Geheimschrift wie folgt:

Ist unbedingten Strebens
Geheime Doppelschrift,
Die in das Mark des Lebens
Wie Pfeil um Pfeile trifft.
Was ich euch offenbaret,
War laengst ein frommer Brauch,
Und wenn ihr es gewahret,
So schweigt und nutzt es auch.

Johann Wolfgang Goethe aus: „West-östlicher Divan“

Es lässt sich also sagen, dass Wunnickes Protagonisten die geheime Doppelschrift des Lebens zu entziffern gelernt haben und es nun, als Großvater und Großgrundbesitzer, anwenden.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

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