Eckhart Nickel: „Punk“

Punk von Eckhart Nickel.
Punk von Eckhart Nickel. Hermann-Hesse-Preis 2024.

Im Gefolge der letzten beiden Rezensionen, Christian Krachts Air und Takis Würgers Für Polina, stellt sich von allein ein literarisch-kommunikativer Bezug zu dem neuesten, im letzten Jahr, erschienenen Buch von Eckhart Nickel Punk her, das 2024 mit dem Hermann-Hesse-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Mit Air verbindet Nickels Punk das popliterarische Kontinuum einer referenzgesättigten Mediensprache, wie die beiden sie unter anderem mit Benjamin von Stuckrad-Barre im manifestartigen Tristesse Royal (1999) ausbaldowert haben, um ästhetisierend-kritisch auf eine ihrer Meinung nach bedürftige postmoderne Wirklichkeit einzuwirken. Mit Für Polina verbindet Punk der Stoff Jugend mit dem dynamisierenden Problem des Klavierspielens und des Lampenfiebers im Plotbereich Soziale Renitenz. Er verbleibt hiermit im Fahrwasser seines letzten Romans Spitzweg. Auch in Punk dreht sich alles um die Kunst, nur hier nicht um die Malerei, sondern um die befreiende Kraft der Musik:

Nun gut, wir brauchen ja die Stille, um überhaupt etwas zu hören. Wusstet ihr, dass das Gehirn, wenn wir Musik hören, an der bereits fertiggestellten Komposition mitarbeitet, weil es immer Bruchteile einer Sekunde vorausdenkt und die gerade im Augenblick gehörte Melodie in Richtung Zukunft weiterspinnt? Da wird man irre, wenn man versucht, sich das vorzustellen. Das HIRN rast also der Musik davon, fast wie im Märchen der Igel vermeintlich dem Hasen.
Eckhart Nickel aus: „Punk“

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Carl Einstein: „Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders“

Bebuquin
Bebuquin … An sich selbst irre gewordener Humanismus.

Mit dem Anbruch der Moderne fanden Versuche statt, den Stil, die Schreibweise völlig vom Inhalt zu lösen. Wegweisend wirkt hier Stéphane Mallarmé, der mittels einer Kunst für die Kunst, eines l’art-pour-l’art, zur reinen Form und Idee, zur poésie pure durchstoßen wollte. Symbolistisch, hermetisch treffen abstrakte Konstruktion aus L’après-midi d’un faune (1876) und eine Écriture automatique eines Lautréamonts mit seinen Die Gesänge des Maldoror (1874) aufeinander. Etwas später gesellt sich Carl Einstein hinzu, der 1912 mit Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders den Hermetismus in der Gattung des Romans vollendet und deshalb bis heute als das Sinnbild für absolute Prosa gilt:

[Im Kampfe mit zwei Wirklichkeiten] überkam [Nebukadnezar Böhm] eine wilde Freude, dass ihm sein Gehirn aus Silber fast Unsterblichkeit verlieh, da es jede Erscheinung potenzierte, und er sein Denken ausschalten konnte, dank dem präzisen Schliff der Steine und der vollkommen logischen Ziselierung. Mit den Formen der Ziselierung konnte er sich eine neue Logik schaffen, deren sichtbare Symbole die Ritzen der Kapsel waren. Es vervielfachte seine Kraft, er glaubte in einer anderen, immer neuen Welt zu sein mit neuen Lüsten. Er begriff seine Gestalt im Tasten nicht mehr, die er fast vergessen, die sich in Schmerzen wand, da die gesehene Welt nicht mit ihr übereinstimmte.

Carl Einstein aus: „Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders“
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Thomas Hettche: „Sinkende Sterne“                         

Sinkende Sterne
Verzagte Polemik und Bauernromantik … SWR-Bestenliste 11/2023

Sinkende Sterne von Thomas Hettche liest sich vor allem als Roman über Romane, als Literatur über Literatur, als das Erzählen übers Erzählen. Diese Verweisstruktur bringt Gefahren mit sich. Umberto Ecos ausschweifendes Das Foucaultsche Pendel oder auch Passagen in Die Insel des vorigen Tages spielen auf der Klaviatur des Zitats und der Permutationen des Gelesenen, also sekundär Erinnerten, und ufern zum Teil aus. Popliteratur insgesamt verliert oft den erzählerischen Rahmen und sprengt alles zugunsten einer kulturellen und universell-gültigen Verweisstruktur auf. Oft bleiben nur Assoziationen, nur Fragmente, Bruchstücke eines Erzählens übrig, so auch bei Hettche in Sinkende Sterne:

Was geschehen sei, als die Frist abgelaufen war, wollte [Marietta] wissen. Ich freute mich so sehr, sie wiederzusehen, dass es mir ganz unnötig schien, jetzt davon zu sprechen. ‚Männer sind sinkende Sterne‘, dachte ich. Isabelle Huppert hat diesen Satz, der mir sofort einleuchtete, vor ein paar Jahren in einem Interview gesagt.

Thomas Hettche aus: „Sinkende Sterne“
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Dietmar Dath: „Dirac“

Unverbindliche Verbindlichkeiten …

Politische Texte gibt es zuhauf. Hierzu zählen politische Traktate, die sich als Roman verkleiden; Aufrufe und Belehrungen, die in Erzählungen eingebunden werden; die Moral von der Geschichte, die den eigentlichen Protagonisten einer Story mimt. Wenig dezidierte und offensiv politische Texte gibt es jedoch, die es mit der Ästhetik ernst meinen und ihren politischen Anspruch ins Formale transponieren, also nicht mit der Tür ins Haus fallen. Dietmar Dath gehört zu solchen Autoren. Anlässlich seiner Nominierung für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse habe ich mich durchgerungen, ein vor zehn Jahre gekauftes Buch zu lesen. Es hat den Titel: Dirac.

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