Dietmar Dath: „Dirac“

Unverbindliche Verbindlichkeiten …

Politische Texte gibt es zuhauf. Hierzu zählen politische Traktate, die sich als Roman verkleiden; Aufrufe und Belehrungen, die in Erzählungen eingebunden werden; die Moral von der Geschichte, die den eigentlichen Protagonisten einer Story mimt. Wenig dezidierte und offensiv politische Texte gibt es jedoch, die es mit der Ästhetik ernst meinen und ihren politischen Anspruch ins Formale transponieren, also nicht mit der Tür ins Haus fallen. Dietmar Dath gehört zu solchen Autoren. Anlässlich seiner Nominierung für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse habe ich mich durchgerungen, ein vor zehn Jahre gekauftes Buch zu lesen. Es hat den Titel: Dirac.

Bevor ich zum Inhalt des Romans von Dath komme, ein paar wenige Worte zu dem theoretischen Physiker Paul Adrien Maurice Dirac, die vielleicht den Zusammenhang erhellen, weshalb Dath möglicherweise einen Roman über ihn geschrieben hat. Neben der Relativitätstheorie steht die Quantenmechanik als eine Wegbereiterin für ein komplett neues Aufschreibverfahren von Datenstrukturen in den Naturwissenschaften. Ohne ins Detail zu gehen, bleibt nur zu sagen, dass die Quantenmechanik eine Möglichkeit bietet, Wahrscheinlichkeitsdichten effizienter als klassische Theorien zu komprimieren. Was der Relativitätstheorie mit der Erweiterung auf den vierdimensionalen Raum gelang, vermag die Quantenmechanik mit komplexen Feldamplituden. Dirac hat diese beiden Konzepte verknüpft, mit anderen Worten eine kovariante Wahrscheinlichkeitsfeldamplitudentheorie.

Dath seinerseits versucht, ähnlich zu Slavoj Zizek, den dialektischen Materialismus mit populärer Kunst und der Unterhaltungsindustrie zu vereinen. Seine Texte zitieren auf fast jeder Seite Serien, Kinofilme, Popsongs, die sich mit Zitaten und Diskussionen über polit-philosophische Thesen mischen. Dath versucht in ästhetischen Belangen, was Dirac auf dem Gebiet der theoretischen Physik gelang, zwei zuerst unterschiedliche Felder unter einen Hut zu bringen. Bei Dath sind es der kapitalistische Hedonismus und die kommunistische Gesellschaftsstruktur.

Im Folgenden zuerst eine Inhaltsangabe, dann eine Stilanalyse, und dann eine kommunikative Einbettung des von Dath Geschriebenen. Im letzten Abschnitt werde ich auch genauer auf Dirac eingehen und weshalb Daths Roman möglicherweise den interessantesten Aspekt über Diracs Leben und Wirken verpasst hat.

Inhaltsangabe:

Der Roman Dirac handelt hauptsächlich von David, Paul, Nicole und Johanna. David schreibt Romane und verdient sein Geld als Journalist. Paul lehrt als Assistent an der Universität und verdingt sich zusätzlich als Programmierer. David lebt allein und ist zumeist unglücklich verliebt. Paul führt eine Beziehung mit der autistischen Nicole, die er aus den besitzergreifenden Händen ihrer Eltern gerettet hat, und Johanna, sehr gut befreundet mit Paul und David, schreibt Artikel für Zeitungen und versucht ihren Lebensunterhalt als Performance-Künstlerin zu verdienen und ist heimlich noch immer verliebt in Paul.

Das Buch entfaltet mehrere Handlungsstränge. Zum einen müht sich David ab, ein Buch über Dirac zu schreiben, eben jenes Buch, das man liest. Paul dagegen bemüht sich, Geld für sich und Nicole zu verdienen und Stabilität in Nicole und sein Leben zu bringen, wobei er öfter übers Ziel hinausschießttz und Nicoles unkonventionelle und an Verrücktheit grenzende Art ihren Teil dazu beiträgt, die Dinge stets wieder ins Chaos versinken zu lassen. David recherchiert über UFOs, Johanna sorgt sich um ihren alkoholsüchtigen Vater, der Psychoanalytiker-Freund Christof betreut Nicole und dazwischen tauchen Krokodile, alte, verknöcherte Geister, eine geheimnisvolle Frau von der Küste und Ex-Jugendlieben auf, Paul Dirac, Werner Heisenberg, Robert Oppenheimer, Engel, Gemetzel, und eben Einsprengsel von Diracs, Pauls, Davids, Johannas Biographie.

Nur deshalb [aus einem Missverständnis mit Nicole heraus] wird alles so schwierig für den Mittdreißiger und Computerprogrammierer Paul, der Nicoles Liebester ist, für den Mittdreißiger und Schriftsteller David, den Paul seinen besten Freund nennt, für den Mittdreißiger und Psychiater Christof, der mit Paul und David zur Schule gegangen ist, für die Mittdreißigerin und Wissenschaftlerin Sonja, für und über die David ein Buch geschrieben hat, für die Mittdreißigerin und Künstlerin Johanna, die früher einmal Pauls Liebste war, und endlich für die Mittdreißigerin und Hausfrau Candela, die in Wirklichkeit weder Hausfrau noch Mittdreißigerin ist.

Dietmar Dath aus: „Dirac“

Das Spektakel zieht alles in seinen Schlund. Es geschehen Selbstmorde, Unfälle, Reisen nach Israel, nach Roswell, New Mexico, Streitgespräche mit der Familie – Kinder werden geboren, Paare trennen sich, finden zueinander, Serien werden geschaut, Kunstwerke erschaffen. Es wird getrunken, gefeiert, geheult. Es wird gestorben, geliebt, betrauert. Es wird geschrieben, gezeichnet und gemalt, und als roter Faden tauchen immer wieder Debatten der politischen Philosophie nach dem Ende des Kalten Krieges und Details über Dirac und die Fortschritte in der modernen Physik auf. Beispielsweise wird Dirac aus dem Jahre 1939 mit seinem Aufsatz über den Zusammenhang zwischen Mathematik und Physik zitiert:

Das [die Überwindung der längen- und größenmäßigen Beschränkung der Gültigkeit einer physikalischen Theorie] würde die Existenz eines Schemas bedeuten, in dem die Gesamtbeschreibung des Universums ein mathematisches Gegenstück besitzt, und wir müssen annehmen, dass unter derartigen Gegebenheiten eine Person, die jene Mathematik vollständig beherrscht, nicht nur astronomische Daten, sondern auch die historischen Ereignisse auf der Welt würde berechnen können, selbst die allergewöhnlichsten.

Der Roman feiert das Genie Diracs und bezeichnet sich selbst im Nachwort als Heldenlegende, beschäftigt sich aber beinahe ausschließlich mit den zwischenmenschlichen Ereignissen im Leben Diracs, so dass beim Lesen des Romanes nicht klar werden kann, weshalb dieser Physiker überhaupt bekannt ist, noch immer Leute über ihn Leben reden und Vorträge halten und weshalb ihn viele für einen der wichtigsten Physiker der Weltgeschichte halten. Statt dies aufzuklären, handelt der Text vor allem um seine eigene Entstehungsgeschichte, wie nämlich über Dirac zu schreiben ist, ohne Diracs Theorie zu verstehen, wie man mit sich und seiner eigenen Biographie eine Erzählung gestaltet, so dass alles und jedes eine Allegorie auf das eigene Ich wird. Am Ende werden einfach physikalische Begriffe für den üblichen Selbstfindungsprozess verwendet, beispielsweise in der Rede von der mysteriösen Frau von der Küste, die orakelhaft kundgibt:

»Ich hab‘ euch [David und Paul] ausgetauscht, damit das Ding in Schwung kommt. Er, der neue David, wurde Forscher, du, Dirac, wurdest Erzähler: Du hast mir Diracs Leben zu einem Roman gemacht, in den ich passe, und er hat Davids Leben, seine Umstände, seine Gründe und Anlässe wissenschaftlich auseinandergenommen, damit sich das alles vernünftig neu so organisiert, dass David mir als mein Erzähler taugt, für diesen Roman. Involution: die Materie der Erzählung, ihr Stoff, ist Diracs Weg, die dazu komplementäre Antimaterie ist Davids Weg, und wenn ich Kontakt herstelle … «
»Heben beide einander auf, in einem Energieblitz.«

Schreibstil:

Die Sprache Daths verbleibt in der Popliteratur. Schmissige Sprüche jagen einander. Englische Wendungen werden eingestreut. Schnelle, kurze Absätze füllen winzige, teilweise nur eine halbe Seite lange Kapitel. Viel Dialog. Aber vor allem episodenhaft. Viele Schnitte. Einblendungen. Nie langatmiges Beschreiben. Dath kommt schnell zum Punkt. Sein Stil vibriert vor Ungeduld und Rastlosigkeit, von einem Zapping zwischen Serienanbietern und dem Jetsetten zwischen den Kontinenten und Kunst-  und Wissenschaftssphären:

Später, in Haifa, steht sie [Johanna] eine Viertelstunde zwischen den in Italien mit Laserstrahlen zurechtgeschnittenen Hebron-Steinen des ultrageometrischen heiligen Gartens der Bahai und schaut einfach nur mesmerisiert aufs Wasser runter, während David neben ihr am Geländer rumlümmelt und verbissen gar nichts sagt, weil er gleich Sonja [seine Jugendliebe] treffen wird.

Die Atemlosigkeit beherrscht Daths Stil bis ins letzte Detail. Die Sätze wirken improvisiert, schnell hingeschrieben, wie eine Sponti-Literatur der Hausbesetzer der frühe 80er. Sie bleiben zumeist Makulatur, eine Art Skelett und Grundgerüst fürs eigene Schreiben und befreite Imaginieren. Arhythmisch, synkopisch verheddern sich die Impressionen. Wirre Szenen entstehen, Sprünge in der Zeit, im Raum, in den Realitätsebenen, bis man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht und man sich zu fühlen beginnt wie laut Dath Paul Dirac beim Lesen eines Heisenberg-Forschungsartikels:

Er [Dirac] scheiterte zunächst kläglich: Selten war ihm die deutsche Grammatik struppiger erschienen, und Heisenbergs Gleichungen kamen ihm vor wie mit dem Hammer bearbeitet, gesucht, mit Gewalt zusammengezwungen. Was im Titel »Umdeutung« hieß, erweckte zunächst den Eindruck der schieren Willkür – als habe es der Deutsche bloß darauf angelegt, sich durch möglichst grobe Abweichungen von der Konvention interessant zu machen.

Dath distanziert sich von anderen Schreibstilen mit Idiosynkrasien. Beispielsweise schreibt er alle Jahreszahlen aus, oder er zitiert als Kommentar, kommentiert den Kommentar und erzählt am Schluss übers Zitieren als eigene Erzählform. Er durchsetzt seine Dialoge andauernd mit englischen Redewendungen, verwirrt und wechselt die Erzählperspektiven so schnell und abrupt, dass man oft nicht weiß, worüber eigentlich gerade gesprochen wird. Zudem verwendet er vorausschauende und rückwärtsgewandte Erzählperspektive derart, dass man den Protagonisten gegenüber im Vorteil bleibt, also nicht nur ahnt, sondern weiß, welches Schicksal sie ereilen wird, und die sich entfaltende Erzählung wie eine Hommage an den selbst initiierten Revanchismus wirkt.

Kommunikative Einbettung:

Der Stil von Dath erinnert stark an Science-Fiction-Autoren wie Isaac Asimov, H.P. Lovecraft oder Philip K. Dick. Er ist sehr trocken, sehr sachlich und nüchtern und illustriert eine distanzierte Weltsicht, etwas entrückt, nicht teilnehmend, schon gar nicht mitfühlend, und stets ein bisschen sonderbar, verquast. Man kommt den handelnden Figuren einfach nicht auf die Schliche, und was es mit Dirac auf sich hat, versteht man gar nicht, geschweige denn, dass seine Formel auftauchen würde:

\left( i\hbar\gamma^\mu \partial_\mu -mc \right) \left| \Psi(t) \right>=0

Dirac hat mit seiner Formel den Lösungsraum der Schrödingergleichung dimensional erweitert wie Einstein die Newtonsche Theorie, um mittels der zugewonnenen Freiheitsgrade über Näherungsverfahren Inkonsistenzen zu beseitigen. Auf diese Weise wurde von Dirac der Spin in die Quantenmechanik eingebettet und die Merkur-Perihel-Drehung und Lichtablenkung von Einstein in die Gravitationstheorie. Um die Inkonsistenz zu beseitigen, wurde also der Lösungsraum unkontrolliert vergrößert. Die ungewollten Konsequenzen in der Gravitationstheorie zeitigten die Möglichkeit eines sich zusammenziehenden, schrumpfenden Universums, das Einstein durch die ad hoc Einführung seiner kosmologischen Konstante vermied, und in der Diracschen Quantenfeldtheorie divergierende Lösung, also Gleichungen, deren Lösungen Unendlichkeiten erlaubten. Dirac bekümmert dies sehr. Ihm wurde im Laufe seines Lebens immer mehr klar, dass die Physik sich auf einem Holzweg befindet. So schreibt er 1978 in Directions in Physics:

Wegen dieser Schwierigkeiten [dass keine befriedigenden Lösungen der Grundgleichungen gefunden werden] habe ich das Gefühl, dass die Grundlagen der Quantenmechanik noch nicht wirklich korrekt gelegt wurden. Mit den gegenwärtigen Grundlagen arbeitend, stecken die Leute abscheulich viel Mühe in der Suche nach Anwendungen, in denen man Regeln für das Vernachlässigen der Unendlichkeiten rechtfertigen kann. Aber diese Regeln, wiewohl sie Ergebnisse erlauben, die mit den Beobachtungsdaten übereinstimmen, sind künstliche Regel, und ich kann einfach nicht akzeptieren, dass die gegenwärtigen Grundlagen korrekt sind. […] Menschen sind, denke ich, einfach zu selbstgefällig, dass sie eine Theorie anerkennen, die basale Imperfektionen besitzt. Wirklicher Fortschritt wird sich nur dann ereignen, sobald man nötige fundamentalen Anpassungen erlaubt, wie der Übergang von der Schrödingergleichung zu meiner Gleichung.

Paul A. M. Dirac aus: „Directions in Physics“

Dirac war vierzig Jahre mit dieser selbstverschuldeten Selbstgefälligkeit konfrontiert, die ein Neudenken und Umdenken in den Grundlagen der theoretischen Physik verhindert. Dirac wurde gefeiert, aber im Sinne von Dirac zu Unrecht. Die Konsequenzen der relativistischen Quantenfeldtheorie bringen monströse Schwierigkeiten zutage, die an Anschaulichkeit und Intuition missen lassen. Dirac setzte sich in seiner eigenen Disziplin ein, den Wildwuchs zu vermeiden und das freie Spiel der assoziativen Kräfte in ihr einzudämmen, aber vergebens. In einem Gespräch mit Thomas S. Kuhn am 14.05.1963 antwortet Dirac auf die Frage nachdem, was er unter „ein Bild“ versteht:

Etwas, was einen befähigt eine Gleichung unabhängig von der approximativen Methode zu verstehen, die bei ihrer Lösung verwendet wird. Man benötigt wohl definierte Gleichungen, bevor man Störungstheorien anwendet, um diese zu lösen, und eben dies ist mit der Renormierungstheorie nicht gegeben.

Paul A. M. Dirac aus: „Session V

Ähnlich unanschaulich geht es bei Dietmar Dath zu. Die Begeisterung für Dirac basiert auf einem nicht näher begründeten Nimbus eines fast außerirdischen, von UFOs auf die Erde gebrachten Genies. Die Näherungsmethode, das Leben und Wirken von Paul Dirac zu verstehen, beruht auf Bewertung und Beurteilung und identifikatorischer Vereinnahmung für die eigene gute Sache, nämlich sich aus allem herauszuhalten. Dirac wollte sich aber nicht heraushalten. Er wurde durch das tönende Lob ausgeschlossen. Seine Selbstkritik fand kein Gehör, und Daths Heiligenlegende stimmt in diesen Chor mit ein, ohne etwas von der Verzweiflung und Beunruhigung zu transportieren, die Dirac in all seinen Spätwerken und Altersaufsätzen aufweist.

Es wäre schade, wenn Dietmar Daths Dirac daran hindert, Dirac selbst zu lesen und verstehen zu wollen. So wie Dirac von der Forschungsgemeinde mit Lob zum Schweigen gebracht wurde, handelt Daths Roman fast ausschließlich nicht von Dirac und fügt sich deshalb bruchlos in das jubelnde Missverständnis ein und grenzt am Ende sogar an Sensationsjournalismus.

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