Susanne Abel: „Was ich nie gesagt habe“

Susanne Abel: „Was ich nie gesagt habe“
Eine Reise durchs kulturelle Unbewusste … Spiegel Belletristik-Bestseller (27/2022)

Gibt es eine in sich runde Form, die aus konsequenter Formlosigkeit besteht? Ein Erzählen, das so naturalistisch daher kommt, dass der leiseste Anspruch an Wortwahl, Satzkomplexität, an überraschenden grammatikalischen Strukturen ins Leere geht? Tatsächlich gibt es diese Form des nüchternen, fast aus dem Leben gegriffenen Erzählens, eine Art Protokoll des Seelenlebens, ein Traum, ein Trauma frei von der Leber weg geschrieben. Ein Beispiel dafür ist Susanne Abels Gretchen-Reihe, in der Greta „Gretchen“ Schönaich und Konrad „Conny“ Monderath einen Neuanfang inmitten der Katastrophe suchen und versuchen:

Wie jeden Sonntag schlenderten sie den Berg hinauf. Rechts und links breiteten sich Wiesen aus, auf denen erstes zartes Grün sprießte, das eingerahmt war von Sträuchern, deren Knospen sich von den Sonnenstrahlen ins Leben küssen ließen. Es roch nach Neuanfang und Aufbruch. Conny wusste, heute musste er es ihr sagen. Sie bogen auf den Philosophenweg ein, und er steuerte gezielt das Philosophengärtchen an. »Sollen wir uns da hinten auf diese Bank setzen?« »Welche?«, fragte Greta. »Die unter der Buche.«

Susanne Abel aus: „Was ich nie gesagt habe“
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Kalenderwoche 27: Lesebericht.

Es fällt mir schwerer, über Bücher zu schreiben, die mich mein Leben begleiten, als über aktuelle Bestseller, meist von Autoren und Autorinnen, von denen ich noch nie vorher in meinem Leben etwas gehört habe. Letzte Woche habe ich den ersten Schritt mit der Besprechung von Max Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein getan. Malina von Ingeborg Bachmann soll alsbald folgen. Wie bald steht in den Sternen. Zu viel bringen die Sätze, Kapitel, die Wörter in Malina in Bewegung. Wie bei Werner Bräunigs Rummelplatz benötige ich vielleicht noch Zeit. Max Frisch sagte zwar in einem Gespräch mit Peter André Bloch 1972:

Wenn einer schreibt, schreibt er wohl kaum, weil er ein ablieferbar fertig anderes Bewusstsein hat, sondern indem er schreibt, kommt er zu einem solchen. Es ist ein Forschungsvorgang, den ich brauche, ich für mich selbst; um unsere Welt auszuhalten, möchte ich erkennen, wie sie sich für mich darstellt.

Max Frisch (1972)
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Susanne Abel: „Stay away from Gretchen“

Susanne Abel "Stay away from Gretchen"
Dokument eines Traumas … Spiegel Belletristik-Bestseller 35/2021

Das, neben Juli Zehs „Über Menschen“, die Bestseller-Listen in diesem Jahr dominierende Buch „Stay away from Gretchen – Eine unmögliche Liebe“ von Susanne Abel liest sich zwiespältig. Unbedarft und unvoreingenommen handelt es sich um einen Roman. Um was sonst?! Es wird die Liebesgeschichte zwischen Greta und Robert erzählt, sie, eine weiße deutsche, Adolf Hitler anhimmelnde Vertriebene, er ein schwarzer US-amerikanischer, Jazztrompete spielender Soldat stationiert in Heidelberg, wo sie sich im Nachkriegsdeutschland kennenlernen und ineinander verlieben. Beide arm, mittellos und weitestgehend den gesellschaftlichen Mächten ausgeliefert, die es nicht gut mit ihnen meinen, ein Romeo-und-Julia-Plot, wie er im Buche steht. Liest man aber genauer, so drängen sich ungewollt eine Menge von Fragen auf, kreisende, nicht enden-wollende Gedanken darüber, was eigentlich ein Buch von einem Roman unterscheidet, wann ein Text Literatur, wann ein Bericht eine Erzählung, wann etwas Fiktion, wann Protokoll, wann Dokumentation ist und wird. „Stay away from Gretchen“, so zeigt sich, schwebt windschief zwischen allen Kategorien und gehört weder in die eine noch in die andere. Es ist fast im guten wie im schlechten lebendige, zwischen Gelingen und Scheitern pendelnde Kommunikation – ein Anwesenheitsbericht.

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