Kalenderwoche 27: Lesebericht.

Es fällt mir schwerer, über Bücher zu schreiben, die mich mein Leben begleiten, als über aktuelle Bestseller, meist von Autoren und Autorinnen, von denen ich noch nie vorher in meinem Leben etwas gehört habe. Letzte Woche habe ich den ersten Schritt mit der Besprechung von Max Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein getan. Malina von Ingeborg Bachmann soll alsbald folgen. Wie bald steht in den Sternen. Zu viel bringen die Sätze, Kapitel, die Wörter in Malina in Bewegung. Wie bei Werner Bräunigs Rummelplatz benötige ich vielleicht noch Zeit. Max Frisch sagte zwar in einem Gespräch mit Peter André Bloch 1972:

Wenn einer schreibt, schreibt er wohl kaum, weil er ein ablieferbar fertig anderes Bewusstsein hat, sondern indem er schreibt, kommt er zu einem solchen. Es ist ein Forschungsvorgang, den ich brauche, ich für mich selbst; um unsere Welt auszuhalten, möchte ich erkennen, wie sie sich für mich darstellt.

Max Frisch (1972)

Eine Perspektive scheint mir dennoch vonnöten, eine Art Fluchtpunkt, Ebene, die Vielfalt wenigstens ein wenig zu bändigen. Statt mich jedoch zu fokussieren, habe ich mich letzte Woche noch mehr verwirrt, was vielleicht auch am Wetter liegen konnte. Davon nun in den Kategorien: „Gekauft“, „Gelesen“, und „Zu schreiben“.

Gekauft:

Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel – um mich in Sachen Frisch und Bachmann noch mehr zu verwirren, habe ich auf Anraten von matter birgit diesen Roman von Max Frischs Tochter gekauft. Er hat mich sofort mit seinem zaghaften Ton überzeugt. Sie schreibt beispielsweise über eine Reise nach Italien mit ihrem Vater:

Die laue Luft, der Geruch vom Meer, die auf und ab Promenierenden, plaudernd, schäkernd, das Klacken hochhackiger Sandaletten auf dem Quai, zuschlagende Autotüren, knatternde Motorciclette, Rufen und Lachen in der Ferne … Jene Sommernacht ist wie ein Traumbild, und mitten darin das Mädchen – ich –, das plötzlich, fast schmerzhaft begriff: Das ist das Leben! So ist es! So wird es sein! Ich war glücklich damals, glaube ich. Glücklich mit meinem Vater.

Ursula Priess aus: „Sturz durch alle Spiegel“

Ich habe das Buch direkt ausgelesen, und ich werde es wahrscheinlich mit der Besprechung von Montauk und Blaubart verknüpfen. Vielleicht auch im Hintergrund reifen lassen.

Sybille Lengauer: Mottengedanken und Ziemlich schlechte Nachrichten – durch die Texte auf ihrem Blog bin auf die Bücher von Lengauer aufmerksam geworden. Es sind harte, krasse Texte, die subversiv mit ihrem Wortmaterial umgehen, es respektieren und zugleich malträtieren. Hier ein Beispiel. Der Protagonist ist in den dunklen Wald gegangen, um sich zu erhängen:

Durch das dichte Laubdach funkeln vereinzelte Sterne. In diesem Augenblick leuchten sie nur für ihn. Clemens springt. Schmerz folgt auf den kurzen Fall, blendender, gellender Schmerz. Schmerz, der aufhören will. Nicht mehr gespürt werden will. Der atmen will. Der gequälte Körper bäumt sich auf, wehrt sich krampfhaft gegen das straffe Seil, das gnadenlos den Kehlkopf zerdrückt. Clemens zuckt und schaukelt wild hin und her.

Sybille Lengauer aus: „Mottengedanken“

Nun beginnt die Geschichte aber erst. Ich werde mich in dieser Woche mehr mit dieser unbarmherzigen Schreibweise auseinandersetzen. Empfehlen kann ich bereits die Sci-Fi-Story Elparadiso.

Ingeborg Bachmann: Ich weiß keine bessere Welt – ihre nachgelassenen Gedichte. Die Publikation verläuft etwas verwirrend, da keine reguläre nummerierte Gesamtausgabe fertiggestellt wird und im Piper Verlag bereits die Werke erschienen sind. So stellte sich mir die Frage, ob ich die Gedichte in Ich weiß keine bessere Welt nicht schon habe, zumal ich auch eine Version von Letzte unveröffentlichte Gedichte besitze, die von Hans Höller herausgegeben wurden. In der Tat kannte ich die Gedichte aber nicht:

Ein Leben, ein einziges, zum Experiment
gemacht. So ists gelungen. Vollbracht.

Auch das Kaninchen, im Labor, aufgedunsen,
das sein Fell lässt nach dem Versuch,
auch die Ratte, abgespritzt, ohnmächtig
wird den Arm ihres Mörders nicht zerfleischen.
Auch die Fliege, gegen die eine Flitspitze
sich richtet, die Mücken, die eine Charta
der Mückenrechte noch nicht in Anspruch nehmen
sind meine Genossen.

Ingeborg Bachmann aus: „Eintritt in die Partei“

… Ingeborg Bachmanns Gedichte lesen sich von Mal zu Mal intensiver. Sie schließt mit ihren Worten nichts und niemanden aus – das nennt sie Partei ergreifen.

Francis D. Pelton: Sprung über ein Jahrhundert – auf dieses Buch wurde ich aufmerksam durch Birgit Böllingers Lesebericht. Science-Fiction interessiert mich, insbesondere Utopien und Dystopien. Pelton kannte ich nicht. Das Buch erschien im Jahre 1934, als naturwissenschaftlich so allerhand noch im Schwange gewesen ist. Beispielsweise spricht er von einem Todesstrahl:

Er führte uns zu einem Auto und setzte sich ans Steuer. Von der Bundesstraße bog er in jenes enge Tal ein und folgte ihm so lange, wie das Terrain es gestattete. Dann mussten wir ein Stück mühsam steigen, bis wir unter der Felswand standen. Der Kadaver der unglücklichen Kuh rauchte noch. Er war verbrannt, als hätte er stundenlang im Feuer gelesen. Und aus der Panzerplatte war ein großes Loch ausgeschmolzen. Keiner von uns wagte ein Wort.

Francis D. Pelton aus: „Sprung über ein Jahrhundert“

Der Stil erinnert mich sehr an Alfred Kubin und Gustav Meyrink, an anderen Stellen liest es sich teilweise sehr Traktat-mäßig.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste:

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Eine Frage der Chemie – Bonnie Garmus
  2. Ein Sommer in Niendorf – Heinz Strunk
  3. Was ich nie gesagt habe – Susanne Abel
  4. Die Toten von Fleat House – Lucinda Riley
  5. Milde Gaben Donna Leon
  6. Stay away from Gretchen – Susanne Abel
  7. Affenhitze – Volker Klüpfel; Michael Kobr
  8. Morgen kann kommen – Ildikó von Kürthy
  9. Der Markisenmann – Jan Weiler
  10. Das Reich der Vampire – Jay Kristoff
  11. Der Papierpalast – Miranda Cowley Heller
  12. Der Geschichtenbäcker- Carsten Sebastian Henn
  13. Der Buchspazierer – Carsten Henn
  14. Lonely Heart – Mona Kasten
  15. Crescent City – Wenn ein Stern erstrahlt – Sarah J. Maas
  16. Tête-à-Tête – Martin Walker
  17. Schreib oder stirb – Sebastian Fitzek; Micky Beisenherz
  18. Die Enkelin – Bernhard Schlink
  19. How to kill your family – Bella Mackie
  20. Dann lassen wir eben die Heizdecke weg! – Renate Bergmann

Ich werde wohl diese Woche How to kill your family lesen, nachdem schon das Hörbuch bei Feiner reiner Buchstoff gefallen hat.

Aus- und angelesen:

Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel – eine Besprechung wir auf diese oder jene Art mit Sicherheit folgen.

Susanne Abel: Was ich nie gesagt habe – ein seltsamer, sehr kitschiger Roman, der dennoch seine Wirkung zeigt. Ich habe bereits eine Kurzrezension verfasst. Eine längere Besprechung wird folgen, wahrscheinlich im Kontext von anderen Heimatromanen, der bei Abel eine seltsam moderne Note erhalten hat:

Wie jeden Sonntag schlenderten sie den Berg hinauf. Rechts und links breiteten sich Wiesen aus, auf denen erstes zartes Grün sprießte, das eingerahmt war von Sträuchern, deren Knospen sich von den Sonnenstrahlen ins Leben küssen ließen. Es roch nach Neuanfang und Aufbruch. Conny wusste, heute musste er es ihr sagen. Sie bogen auf den Philosophenweg ein, und er steuerte gezielt das Philosophengärtchen an. »Sollen wir uns da hinten auf diese Bank setzen?« »Welche?«, fragte Greta. »Die unter der Buche.«

Susanne Abel aus: „Was ich nie gesagt habe“

Im Kontext mit Die Enkelin von Bernhard Schlink und Juli Zehs Über Menschen wirft Abel einen ganz anderen Blick auf die Gegenwart und zwar vermittelt und aus der Sicht der Nachkriegsgeneration, nämlich über die Auswirkungen der Schweigespirale, wie es die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann beschrieben und untersucht hat.

Zu schreiben:

Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel
Susanne Abel: Was ich nie gesagt habe
Max Frisch: Montauk, Blaubart
Simone Weil: Das Fabriktagebuch
Ingeborg Bachmann: Malina, Frankfurter Poetik-Vorlesungen
Werner Bräunig: Rummelplatz
Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt
Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter
Hari Kunzru: Red Pill

Ich freue mich über Anmerkungen, Vorschläge, und weitere Lesehinweise, denen ich nachgehen könnte. Vielen Dank und eine fröhliche sonnige Woche!

10 Antworten auf „Kalenderwoche 27: Lesebericht.“

  1. werde noch schauen, welche Stellen in diesem Buch durch #Kennzeichnungen von mir hervorgehoben & markiert wurden; mir war noch in Illusion, dass ich es unter der Intention las, weshalb und wieso die Tochter über den Vater schreibt, den viele als #Pflichtlektüre im Deutschunterricht während der Schulzeit lesen mussten bzw. gelesen haben, aus diesem Grund erinnerte ich mich auch sofort wieder daran: im einzelnen kann ich mich jedoch immer wieder nur in Vagheiten erinnern: Vieles lasse ich auf unbefriedigende Weise vermutlich für Lesende offen und komme später darauf zurück

    1. Ja, das passt, aber hier konvergiert ihr Stil sehr gut mit dem alten Frisch, mit Montauk und Blaubart, und der Mensch erscheint im Holozän. Es hat etwas sehr Verbindliches, ohne Voyeurismus. Die letzten Stunden mit ihren Vater haben mich sehr berührt. Ich finde es alles in allem ein außergewöhnliches Buch. Ich bin gespannt, auf die Stellen, die du angestrichen hast.

    1. Ich habe das Zitat selbst nur aus einem Sammelband. Erschienen ist das Gespräch mit Peter Bloch in:

      Bloch, Peter André: Der Schriftsteller und sein Verhältnis zur Sprache. Bern: Franke, 1971.

      Das Buch lässt sich noch antiquarisch kaufen. Ich habe das Interview nirgendwo im Internet gefunden, leider, trotz ausgiebiger Suche. Ich hoffe, die Quelle hilft. Viele Grüße!

  2. Der Bachmann-Gedichtband lag lange Zeit auf meinem Nachtkastel, jeden Abend vor dem Schlafen gehen ein Gedicht, manche habe ich sofort geliebt, andere bis heute nicht verstanden. Wahrscheinlich mag ich sie deshalb so sehr. Ist dir eigentlich schon „Musil – Der Mann ohne Eigenschaften“ empfohlen worden oder hast du ihn vielleicht sogar schon gelesen? Ein Buch mit Sätzen wie Karamellbonbons, zumindest kam es mir so vor. LG, Sy

    1. Ja, ein Gedicht pro Tag oder zwei, drei. Mehr geht einfach nicht. So dicht ist das, was sie schreibt. Robert Musil, ja, ich habe, glaube ich, alles, bis auf die Tagebücher gelesen, die nur auszugsweise, aber was heißt das schon. Ich müsste das alles wieder und wieder lesen und mich freuen, dass es diese Sprache und Ausdruckswelten gibt, die sich beim jeden Lesen verändern. Danke für den Tipp! Viele Grüße!

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