Susanne Abel: „Stay away from Gretchen“

Susanne Abel "Stay away from Gretchen"
Dokument eines Traumas … Spiegel Belletristik-Bestseller 35/2021

Das, neben Juli Zehs „Über Menschen“, die Bestseller-Listen in diesem Jahr dominierende Buch „Stay away from Gretchen – Eine unmögliche Liebe“ von Susanne Abel liest sich zwiespältig. Unbedarft und unvoreingenommen handelt es sich um einen Roman. Um was sonst?! Es wird die Liebesgeschichte zwischen Greta und Robert erzählt, sie, eine weiße deutsche, Adolf Hitler anhimmelnde Vertriebene, er ein schwarzer US-amerikanischer, Jazztrompete spielender Soldat stationiert in Heidelberg, wo sie sich im Nachkriegsdeutschland kennenlernen und ineinander verlieben. Beide arm, mittellos und weitestgehend den gesellschaftlichen Mächten ausgeliefert, die es nicht gut mit ihnen meinen, ein Romeo-und-Julia-Plot, wie er im Buche steht. Liest man aber genauer, so drängen sich ungewollt eine Menge von Fragen auf, kreisende, nicht enden-wollende Gedanken darüber, was eigentlich ein Buch von einem Roman unterscheidet, wann ein Text Literatur, wann ein Bericht eine Erzählung, wann etwas Fiktion, wann Protokoll, wann Dokumentation ist und wird. „Stay away from Gretchen“, so zeigt sich, schwebt windschief zwischen allen Kategorien und gehört weder in die eine noch in die andere. Es ist fast im guten wie im schlechten lebendige, zwischen Gelingen und Scheitern pendelnde Kommunikation – ein Anwesenheitsbericht.

„Auf der Straße lag eine feste Schneedecke, es war bitterkalt, und der Atem kondensierte, als Greta mit Bob in die Straßenbahn stieg, die sie nach Rohrbach brachte. In der Bahn legte er den Arm um sie. Greta schmiegte den Kopf an seine Schulter.
»Ich bin zurück in ein Monat. As a free man. Frei. Dann ich werde sein deine Mann«, flüsterte Bob ihr in der Bahn zu.
»Und ich deine Frau.« Greta küsste seine Hand.
Am Kasernentor blickte er ihr tief in die Augen: »I love you. Forever!«
»Ich dich auch.«
Für alle Fälle gab er ihr seine Heimatadresse in New Orleans, hauchte: »Bis bald«, und ging. An der Tür einer Baracke drehte er sich noch einmal um und winkte.
Greta hob ihre Hand. Am liebsten wäre sie ihm hinterhergerannt. Aber sie blieb stehen. Und sah ihn in der Tür verschwinden. Sie blieb. Wie versteinert. Lange und frierend. Bis sie verstand, dass die Tür verschlossen blieb. Dann ging sie durch die Kälte die zwei Kilometer nach Hause in die kleine Altstadtwohnung.“

Susanne Abel aus: „Stay away from Gretchen“

Der Bericht findet statt, als hätte es damals Kameras gegeben, die an den Laternenmasten hängen, alles um sich herum aufzeichnen und das Aufgezeichnete bereits per Bilderkennungsverfahren mit Begriffen beschreiben und in Worte fassen. Sie können also protokollieren, und zwar im Zehn-Sekunden-Takt, stroboskopische Realitätsaufzeichnung. Moderne Verfahren verwenden hierzu künstliche neuronale Netzwerke, die mittels Deep-Learning-Schemata und Rückkopplungsschleifen darauf geeicht werden können, Katzen von Pandas, Pandas von Hunden, Hunde von Hamster und so weiter zu unterscheiden. Die Zeichenkette „das ist ein Hund“ und „der Hund bellt und der Hamster läuft davon“ ist sehr nah an den Protokollsätzen, denen sich der Wiener Kreis verschrieben hat und die Zeugen von sich geben, die nur zufällig etwas zu Gesicht bekommen haben und von den Geschehnissen nichts als die Oberfläche wissen und wahrnehmen können. Abels Bericht gleicht einem solchen.

Wo waren sie? – In der Nähe eine Baracke.
Was haben sie gesagt? – Dass sie sich lieben.
Was ist dann passiert? – Er ist gegangen, sie hat gewartet und ist dann auch irgendwann gegangen.
Ist noch etwas passiert? – Nein. Es hat geschneit. Es war dunkel. Mehr konnte ich nicht sehen.

Man weiß nicht, was durch Gretas Kopf geht, warum sie wartet, was sie sich verspricht, wie lange sie wartet, woran sie denkt, während sie wartet. Ja, man kann es erraten, in die Szene hineinlesen, aber die Figur Greta bleibt stumm. Sie äußert sich nicht. Sie wird kalt und nüchtern, sachlich von außen beschrieben. Greta bleibt eine Blackbox, die irgendwann scheinbar ‚versteht‘, dass die Tür geschlossen bleibt und sich schließlich von ihr abgekehrt in einer Art Reiz-Reaktion-Schema nach Pawlow. Tür zu, Greta weg.

Es ist nicht übertrieben, dass in „Stay away from Gretchen“ nomen est omen gilt. Der Name ist Motto. Intimität wird vermieden. Distanz gewahrt. Man bleibt sich fern, weil man sich fernbleiben soll, wie es die Gesetzgeber der Alliierten ihren Soldaten diktierten, die nicht mit den besiegten Deutschen fraternisieren sollten. Die körperliche Kälte spiegelt sich in der intellektuellen wider. Der Erzähler verschwindet hinter der Kulisse und murmelt nur noch kleinlaut Regieanweisungen durch den Vorhang, die ein Dritter gewissenhaft zu Papier bringt, so klar, so unumwunden und präzise, wie es nur möglich ist. Eine Sprache der exakten Humanwissenschaften als Projektionsfläche innergesellschaftlicher Problemhorizonte.

„»Halt!«, rief eine männliche Stimme panisch vom Ufer. Gretas Gesicht war ausdruckslos, die Augen starr auf den Neckar gerichtet. In ihrem Kopf war ein Vakuum.
»Bleiben Sie stehen!« Sie tat einen Schritt nach vorn. Der Untergrund war glitschig. Sie verlor den Halt, rutschte ab, wurde von der Strömung erfasst und in die Tiefe gezogen. Sie machte unkoordinierte Kraulbewegungen, wurde an die Oberfläche geschwemmt, versuchte zu atmen, schluckte Wasser und trieb wieder ab. Ein übermächtiger Sog wirbelte ihren Körper in dem undurchdringlichen Nass umher. Es gab kein Oben, kein Unten. Dann wurde es strahlend hell. Und still. Endlich.“

Die Figuren driften, werden getrieben, gleiten aus, fangen sich, rudern weiter. Die Überforderung ist Programm. Das sture Weiter die Antwort. Passivität als Immunisierungsstrategie. Es ist dies so konsequent durchgeführt, dass man eine Entscheidung darin vermuten kann. Thema des Romans ist schließlich das Nachkriegsdeutschland aus der Perspektive eines gegenwärtigen Deutschlands inmitten einer Flüchtlingskrise. Es geht um Vertriebene, um Kriegsverbrechen, um die Nationalsozialisten, um Befürworter und Gegner des Hitler-Regimes. Es geht um die Gräueltaten der Russen, die Vergewaltigungen der US-amerikanischen Soldaten, um deren Rassismus, die Gewalt gegen Schwarze, um Alkoholsucht, um Demenz, um Armut, um Rassenlehren, Patriotismus, um Adoption, Tod, das Alter, die Wehrlosigkeit von Kindern. Die Männer jeder Seite, jeder Partei, die beschrieben werden, üben ohne Unterlass Gewalt aus. Empathie scheint nicht mehr möglich zu sein.

Die Erzählerin distanziert sich, enthält sich, will nicht mitfühlen, nicht mitdenken, nicht mitleiden, und bleibt dennoch neugierig und detailliert. Dieser Ambivalenz entgeht der Text nicht. Er bleibt zu nahe am Voyeuristischen. Unnötige Details werden gegeben, brechen willkürlich in die Erzähllandschaft ein. Es entsteht der Eindruck eines Gesprächs, in welchem bereits alle wissen, worüber geredet wird und nicht geredet werden darf, und das mit ein paar pikanten Details garniert wird, um das Altbekannte aufzulockern. So trifft Tom, Gretas Sohn, der Protagonist, auf der Suche nach Robert in den USA die Historikerin Amy, die schwarze GI-Soldaten interviewt, um die Segregation im US-amerikanischen Militär zu beleuchten. Das Treffen bekommt aber schnell eine andere Wendung, als Amy von ihrer Familie und Herkunft erzählt.

„Das John Nessenthaler Memorial Hospital in Chicago [benannt nach Amys Urgroßvater], eine Spezialklinik für erektile Dysfunktion – ein Geheimtipp für betroffene Männer aus dem gesamten Land –, war zu hundert Prozent in Familienbesitz.
»Meine gesamte Erziehung hatte nur ein Ziel«, sagt Amy. »Ich sollte als einziges Kind das erfolgreiche Potenzzentrum einmal übernehmen.«
»Und das, obwohl Sie sich dafür nicht interessieren. Für Penisse, meine ich«, sagt Tom ernst.
»Das würde ich so nicht sagen«, antwortet Amy süffisant. Fünfzehn Minuten später reißen sie sich in Toms Hotelzimmer die Kleider vom Leib, und er stellt unter Beweis, dass die Nessenthalers an ihm nichts verdienen können.“

Das Irritierende liegt in der Episode selbst, das Kollagierte, Hineingesetzte, die im Bericht selbst nackte, isolierte Zusammenhänge präsentiert, die mit dem Fortgang und den Personen der Erzählung nichts zu tun haben, aber noch nicht einmal einen lebendigen Hintergrund nachzeichnen. Das Buch ist voll von diesen Details, die nicht fehlen würden und deshalb auch nichts hinzufügen. Viele Beschreibungen hängen nur locker, strukturell fast unabhängig, am mageren Bildungsprozess Toms, der sich von Saulus zu Paulus mausert, seiner dementen Mutter hilft, seine verlorene Schwester sucht und die große Liebe findet. Nicht dass die Storyline altbekannt, beinahe klischiert ist, lässt das Buch schwierig zu besprechen und beschreiben werden. Das Fehlen einer jedweden Beobachtungssituation, einer Perspektive, irritiert.

„Tom bestellt einen Kaffee und kramt die Interviewfragen aus seinem Rucksack. Es muss ihm gelingen, Angela Merkels Haltung zu den demonstrierenden Bürgern im sächsischen Heidenau zu erfahren, die gegen die neue Erstaufnahme-Einrichtung des Deutschen Roten Kreuzes protestieren. Vor einigen Tagen randalierten rund eintausend Rechtsextreme vor dem ehemaligen Baumarkt und wollten verhindern, dass die Busse mit den Kriegsflüchtlingen dort ankamen. Bilder von brennenden Barrikaden, von Schlägereien und verletzten Polizisten, von einem Bus, der mit Flüchtlingen an Bord nachts durch ein Spalier von pöbelnden Demonstranten fuhr, gingen um die Welt. Merkel hat bislang zu den Übergriffen in dieser und auch in anderen Einrichtungen geschwiegen. Vizekanzler Sigmar Gabriel hat die Stimmung angeheizt, indem er die aufgebrachten Heidenauer als »Pack« bezeichnete.“

Wer Merkel nicht kennt, von den Kriegsflüchtlingen nichts weiß, wem Sigmar Gabriel kein Begriff ist, und Heidenau auf der Karte nicht finden würde, dem besagen diese Sätze wenig bis nichts. Wer spricht hier also? Die Presse? Ein Beobachter? Tom? Aber Tom ist auch nicht bekannt. Er ist Nachrichtensprecher. Er lebt in Köln. Er hat eine demente Mutter – ein Blatt im Wind, das tanzt, sich verzettelt, sich im Ton vergreift, aber keine Perspektive besitzt. Tom bleibt farblos, flatterhaft, inkonsistent, als Innerlichkeit nicht begreifbar.

Eine eigenartige Stimmung von Verlorenheit zieht sich durch den Text, eine Ahnungslosigkeit und Hilflosigkeit gegenüber der eigenen Geschichte, die sich konsequent in Demenz und Trauma bahnbricht, beinahe als Verhängnis. Es nimmt es kaum Wunder, dass Greta die überzeugendste Person im Romangeschehen ist. Sie wird nur als Kind und Heranwachsende beschrieben, quasi verobjektiviert in ihrer Kindlichkeit und Naivität, und dann als demente alte Frau, die sich einen Jux aus allem macht und sich nichts mehr vorschreiben lässt. Beide Extreme brechen mit dem Diskurs. Man erwartet weder, dass sich ein Kind erklärt, sich in Relation stellt, selbstreflexiven Bezug nimmt, noch dass dies einer an Demenz erkrankten Person gelingt. Die Beobachtungsebene genügt, ein spielerisches, vergnügliches Von-Außen, das die Situation nicht mit Zusammenhängen belastet, die außerhalb des rein Sichtbaren sind. Die Passagen mit der jungen Greta lesen sich ruhig, freundlich. Greta Unzerstörbarkeit beruhigt. Sie ist ein kleiner, hell leuchtender Diamant, der nur einige familiär bedingte blinde Flecken besitzt.

„Dank der Eicheln, Bucheckern und Kastanien, die Greta unermüdlich an den steilen Hängen oberhalb des Philosophenwegs [in Heidelberg] sammelte, war Truman [das Hausschwein] nach drei Monaten so bullig wie sein Namensvetter und quiekte aufgeregt, wenn das Mädchen auf das Grundstück kam und seinen Namen rief. Die kleine Sau streckte sich und ließ sich von Greta am Bauch kraulen, machte auf Befehl Sitz und Platz, grunzte zufrieden und wedelte mit ihrem Ringelschwanz, wenn sie als Belohnung eine Eichel bekam.“

Die Sprache wird sofort anders. Sie bröckelt nicht unter dem Ausdrucksversuch auseinander, gilbt nicht aus, zerstäubt nicht. „Stay away from Gretchen“ als Kinderbuch wäre sehr nahe an „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr herangekommen. Gretas Widerborstigkeit erfreut. Ihre Wünsche und Hoffnungen sind nicht verdorben. Sie mag die Sterne, mag Tiere, das Feilschen, liebt die Unabhängigkeit. Das Leben jedoch war alles andere als zart zu ihr. Das Schwein Truman wird geschlachtet, der Vater entpuppt sich als prügelnder Alkoholiker, und die Liebe des Lebens darf sich nicht entfaltet und wird erfolgreich verhindert. Diese Ebene lässt einen Hintergrund im Buch erscheinen, der nicht thematisiert wird. Die Trauer, die Tragik, der Schmerz, den diese Generation an Frauen hat erleiden müssen. Abel hat die Geschichte ihrer eigenen Mutter aufgeschrieben. Die Passagen der jungen Greta besitzen hier und da eine Leuchtkraft, die diejenigen über Tom und Jenny in der Gegenwart fehlt. Gretas Geschichte ist nur angedeutet, nicht voll erfasst. Walter Benjamin schreibt in seinen geschichtsphilosophischen Thesen:

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen >wie es denn eigentlich gewesen ist<. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“

Walter Benjamin aus: „Über den Begriff der Geschichte“, Gesammelte Schriften Band I-2.

Gretas Leben wurde von der Flucht in jungem Kindesalter jäh auf eine andere Bahn gelenkt. Gewalt, Brutalität, Zerstörung vernichteten ein langsames, friedliches Ertasten und Heranwachsen. Alles geschah plötzlich. Zu schnell. Der Roman hat dieser Schnelligkeit nichts entgegenzusetzen. Er ist selbst gehetzt, ängstlich, rasant und jagt von einem Ereignis zum nächsten. Dier Erinnerung jedoch ist ein Bild, das bleibt, das sich sättigen könnte, hätte es zur Sprache gefunden. Man wünscht sich, Susanne Abels Mutter, Else Abel, selbst zu hören, wäre mehr Zeit vergönnt gewesen, ihre Geschichte zu erzählen, auf dass sie die Lücken der Anschauung langsam füllen hätte können. Der Schmerz mag vielleicht zu groß gewesen sein, vielleicht auch der der Tochter. Der Roman dokumentiert die Trauer, der Versuch eines Trostes und dessen Scheitern, dem Gewordenen und Vergangenen als literarische Erinnerung eine neue Dimension der Hoffnung zu entreißen.

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