Wolf Haas: „Wackelkontakt“

Wackelkontakt von Wolf Haas
Wackelkontakt von Wolf Haas. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2025.

Bei Wackelkontakt von Wolf Haas, auf der Shortlist des Leipziger Buchmessepreises 2025, handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Krimi, wie es von dem Brenner-Krimi-Autor Haas zu erwarten wäre. Wackelkontakt unternimmt ein erzählerisches Experiment und reiht sich in die experimentelleren Texte ein, die ohnehin gerne von der Jury des Leipziger Buchmessepreises beachtet werden, bspw. Barbi Marković mit Minihorror, das den Preis ein Jahr zuvor zugesprochen bekommen hat. Haas betreibt aber weniger eine medienkritische Montage- und Kollagentechnik, mit der Marković subversiv gegen Erzählkonventionen vorgeht, sondern eher eine Perspektivdämonologie à la Maurits Cornelis Escher, indem er über eine Figur schreibt, die einen Roman über sich selbst liest:

Das erste Kapitel, das Escher vor dem Einschlafen gelesen hatte, war eine erschütternde Aufzählung der Gewalttaten, zu denen der Kronzeuge aussagte. Seit dem zweiten Kapitel zitterte Escher um das Leben des jungen Häftlings. Er hieß Elio, doch seit er so schön sang, nannten die Zeitungen ihn Luciano. In vier Tagen sollte er aus seiner Hochsicherheitszelle entlassen werden und seinen alten Namen für immer ablegen.  [… Elio] konzentrierte sich wieder auf das Buch, das ihm helfen sollte, so lange wach zu bleiben […] Es handelte von einem Typen, der Escher hieß wie irgendein anderer Typ, der ebenfalls Escher hieß. Escher wartete schon den halben Tag auf den Elektriker.
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Wolf Haas: „Eigentum“

In letzter Zeit steht in den Buchregalen die Mutter in Sachen Vergangenheitsaufarbeitung im Vordergrund, sei’s in Sylvie Schenks Maman, um deren Seitensprunggeheimnis zu lüften; in Alois Hotschnigs Der Silberfuchs meiner Mutter die eigene Herkunft zu erforschen oder in Daniela Dröschers Lügen über meine Mutter, die unberechtigten Vorurteile ihr gegenüber abzubauen. Uneingeschränkte Liebeserklärungen fallen jedoch eher seltener aus, obzwar bei Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen und Tatjana Gromačas Die göttlichen Kindchen das positive Gefühl, die Dankbarkeit überwiegen, schwingen auch kritische Bezüge und Stellungnahmen mit. Wolf Haas, bekannt zumeist durch seine Brenner-Krimis, legt nun mit Eigentum ein Text des Abschieds vor, bei dem der positive Unterton durchweg dominiert:

Weil sie so gescheit war, durfte meine Mutter in die Hauptschule gehen. Und weil sie die Hauptschule gemacht hat, durfte sie einen Servierkurs machen. Und weil der Servierkurs in einem anderen Bundesland war, hat sie die erste Zugfahrt ihres Lebens gemacht. Da war nichts dabei. Ich hab ja gewusst, wo ich einsteigen muss. Meine Tante hat mir das Geld für den Zug gegeben. Die Anna, weißt, die Schwester von meiner Mami. Hat das Geld zusammengekratzt für mich, dass ich mitn Zug fahren kann. Meine Taufgodn. Der ihr Vater den Bauernhof verkauft hat. Die hat mir das Geld gegeben für den Zug nach Innsbruck.

Wolf Haas aus: „Eigentum“
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