Alois Hotschnig: „Der Silberfuchs meiner Mutter“

Blick ins ungezähmte Chaos … SWR Bestenliste Platz 1 (02/2022)

Kriege ziehen viel mehr in Mitleidenschaft als nur die oberflächlichen Zerstörungen und Verwüstungen und Verletzungen. Sie erschüttern Vertrauen, zwischenmenschliche Verhältnisse bis in die letzten Fasern und Fibern des Seins hinein. Untersucht Stefanie vor Schulte in „Junge mit schwarzem Hahn“ die unmenschlichen Gewaltverhältnisse während des Dreißigjährigen Krieges, so analysiert Susanne Abel in „Stay away from Gretchen“ die Problematik der während der Besatzung durch die Alliierten gezeugten Kinder im Nachkriegsdeutschland und Edgar Selge in „Hast du uns endlich gefunden“ die Wirkungen und Zerrüttungen des Krieges auf die familiären Verhältnisse, auf die Beziehung eines Sohnes zu seinem gewalttätigen Vater. Alois Hotschnigs Roman „Der Silberfuchs meiner Mutter“ eröffnet hier eine weitere Perspektive auf die Schrecken des Krieges und entwickelt diese entlang der Beziehung einer Mutter zu ihrem gewollt/ungewollten Sohn.

Der Lebensborn hat sie heruntergeholt. Dieses Papier, das ich gefunden habe durch einen Zufall, darin ist die ganze Fahrt aufgezeichnet. Es war festgelegt, dass man sich um Fräulein Hörvold, sie hieß Hörvold, Gerd Hörvold, dass man sich bemühen möge, ihr auf der Reise von Oslo nach Hohenems behilflich zu sein. Der Verlobte würde sie begleiten. Oslo, Kopenhagen, Berlin, München, Hohenems. Die Stationen, die Abfahrt und Ankunft der Züge. Aber das hat dann alles nicht mehr gestimmt, in Berlin ist etwas passiert, sie wurde verschüttet, so hat sie es gesagt.“

Alois Hotschnig aus: „Der Silberfuchs meiner Mutter“

Hier spricht der Sohn, Heinz, von seiner Mutter, deren Lebensgeschichte er im Roman nach und nach zu rekonstruieren versucht. Nicht viel ist klar, noch weniger eindeutig. Der Sohn, Heinz, gibt nicht vor, seine Mutter, die Geschehnisse, ihre Handlungen und Einsamkeit zu verstehen. Was er versteht, wiederholt er rhapsodisch in orchestralen Schlaufen, begeht, beschreibt, erforscht er immer wieder. Er ist aufmerksam, auf der Lauer, nimmt die Details auf sich und rekonstruiert im Nachhinein, legt die Erinnerungen wie ein Puzzle aneinander, aber ein Bild will sich nicht ergeben. Es geht ihm wie seiner Halbschwester Ingrid, die ihm von denselben Versuchen erzählt.

Bei meinem Vater war es schwierig. Die Antworten, das wusste ich, die werden nicht kommen. Aber ich habe noch eine Tante gehabt, meine Patin, und die habe ich gefragt, schon als Kind und über die Jahre hinweg, immer wieder, und dann, nachdem ich dich kennengelernt habe, da habe ich es wieder versucht, aber es ist nichts gekommen von ihr. Ich habe mich wirklich um Antwort bemüht und hätte es lieber von den eigenen Leuten erfahren, aber solche Dinge kommen immer von außen. Ich denke, dass manchmal die anderen mehr wissen als die Betroffenen selbst.

Alois Hotschnig wirft alles zusammen. Sein Ich-Erzähler, ein angehender Schauspieler, ein Lebenskünstler, ein liebender, verzweifelter Sohn mischt, fabuliert, faselt vor sich hin. Oft weiß man nicht, wen er meint, von welcher Zeit er spricht, ob er jemandem durch indirekte Rede zu Wort kommen lässt, das Wiedergegebene selbst erfindet, eine Erinnerung durchschreitet, von einem Alptraum berichtet oder lediglich ein Erlebnis vom Hörensagen wiedergibt. Sein Leben ist in Tausend Stücke zersplittert, befindet sich irgendwo zwischen Deutschland, Österreich, Norwegen und der Schweiz, internationalisiert, ohne Wurzel, ohne Zuhause, ohne die Mutter, die mal da ist, mal nicht, mal mit ihm spricht, ihn mal verlässt.

In Lustenau haben sie immer Gerda gesagt, aber sie hieß Gerd. Sie war die Einzige. Über diese Frau bin ich von den Bauersleuten weggekommen, und über sie ist mir meine kranke Mutter erschienen. Und dann – es ist ja eine Vermutung von mir, dass meine Mutter eine Weile in Deutschland war, in Lindau – von dort, meine ich, hätte sie gesagt, kommen meine Taufeltern her, meine Taufpaten, die waren nicht von Hohenems und nicht von Lustenau, die waren von Lindau, und bei denen, denke ich, ist sie gewesen. Und vielleicht haben diese Leute, diese Paten von mir, sie dann nach Hohenems gebracht und dann wiederum nach Lustenau, ich fantasiere, ich muss fantasieren, aber es ist möglich, sonst wäre es auch kein Roman.

Um die nackten Geschehnisse geht es nicht. Sie lauten wie folgt: Ein SS-Soldat, Anton Halbsleben, der in Norwegen stationiert gewesen ist, schwängert die junge Norwegerin Gerd Hörvold, deren Vater ein dem Nazi-Regime wohlgesonnener Bürgermeister ist. Gerd bekommt viel Gegenwind von ihren Mitmenschen in Kirkenes und auch aus ihrer eigenen Familie, in der sich auch kommunistische Widerstandskämpfer befinden. Sie wird von dem Lebensborn Verein nach Österreich, Vorarlberg, gebracht. Dort jedoch und schon auf dem Weg geht irgendwie alles schief. Gerd bringt ihren Sohn Heinz, den Ich-Erzähler, zur Welt. Zur Heirat mit Anton kommt es aber nicht. Sie geht verschütt, wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Krankheit, heiratet dann aus der Not heraus einen Kriegsversehrten namens Reinhard Fritz, der sich aber ihr und ihren Kindern gegenüber, sie bekommt noch zwei Kinder von ihm, als gewalttätig entpuppt. Gerd rastet oft aus, hat epileptische Anfälle, wird eingewiesen, behandelt, wieder entlassen und wird irgendwann die Pflegemutter drei türkischer Jungen nach etlichen fehlgeschlagenen Versuchen, sich mit ihrer norwegischen und österreichischen Familie zu versöhnen.

Als Epileptikerin wäre meine Mutter auch eine Kandidatin gewesen. Sie hatte nur das Glück, dass sie weg war in den Jahren nach meiner Geburt, denn wäre es anders gewesen, dann wäre sie auch weg gewesen, oder sie wäre eben eine andere gewesen als die, als die ich sie gekannt habe. Sie wäre nicht mehr in mein Leben zurückgekommen oder eben sterilisiert zurückgekommen, und einen Bruder und eine Schwester, meine Halbgeschwister hätte es nicht mehr geben können.

Der radebrechende Bericht erzeugt einen Strudel des Horrors, dass es solche Schicksale gegeben hat und noch immer gibt. Die unverbrüchliche Liebe zu seiner Mutter, obwohl sie mit einem Messer auf ihn losgeht, ihm nicht helfen kann, ihm stattdessen eine stete Sorge ist, schimmert überall durch. Heinz liebt sie. Er weiß um ihre Tapferkeit. Er weiß um die Unbill, die seine Mutter zu erleiden hatte, von allen Seiten, ohne Unterlass, wieder und wieder. Ihre Anfälle, ihre Schwächeepisoden sind Aussetzer in einem Leben des Duldens und Ertragens, von allen in Stich gelassen mit Ausnahme ihres Sohnes, von dem sie aber nicht einmal mit Sicherheit sagen kann, es ist ihrer, weil sie in einem fremden Land, mit Drogen vollgepumpt, ohne die Sprache der Ärzte und Schwestern zu verstehen, im Kreißsaal umnachtet gelegen und alles vergessen hat. Das Leben der Gerd fordert dem Geist zu viel ab, und dies spiegelt sich in der Sprache des um Verstehen bemühten Sohnes wider. Sie entgleitet ihm, versinkt in sich selbst verstärkende Kreise, umrundet, sucht, verfolgt nur ein Ziel, die Mutter von ihrer Last und ihrer Trauer zu erlösen durch Verständnis, durch Kunst, durch eben ein Spracherwachen. Hotschnigs Roman erinnert in vielen Passagen an Thomas Bernhard, beispielsweise an dem aus der Erzählung „Ja“:

Aber alles zu Schreibende muss immer wieder von vorne angefangen und immer wieder aufs neue versucht werden, bis es wenigstens einmal annähernd, wenn auch niemals zufriedenstellen glückt. Und ist es noch so hoffnungslos, es sollte doch immer wieder, wenn wir einen Gegenstand haben, der uns immer wieder und immer wieder mit der größten Hartnäckigkeit peinigt und nicht mehr in Ruhe lässt, probiert werden. In dem Bewusstsein, dass überhaupt nichts sicher und dass überhaupt nichts vollkommen ist, müssen wir, auch in der größten Unsicherheit und in den größten Zweifeln, anfangen und fortsetzen, was wir uns vorgenommen haben.

Thomas Bernhard aus: „Ja“

Seine Mutter ist dieser Gegenstand, der keine Ruhe gibt, der Heinz kontinuierlich peinigt. Er findet nicht zu ihr. Sie sitzt hinter Schmerz und einer Krankheit, die alles verschließt, und deshalb umkreist er alles Geschehen mit ihr im blinden, aber alles zusammenhaltenden Zentrum. Er setzt sich in Verbindung mit Menschen, die seine Mutter kannten, bringt neue Verbindung in Erfahrungen, kontaktiert sogar seinen Vater Anton, der aber sechzig Jahre benötigt, um auf diesen Kontaktversuch einzugehen, letztlich erst kurz vor dessen Ableben. Gerds Geschichte bleibt ein Mysterium. Die Zusammenhänge schließen nicht zusammen wie in Krimi-Geschichten. Zu viele Ungereimtheiten tauchen auf. Ist es die Konfession gewesen, die alles verhindert, denn Gerd ist evangelisch und Anton katholisch? Oder hat der Lebensborn Verein interveniert, weil Gerds Bruder kommunistisch gewesen ist? Oder ist mehr in Berlin vorgefallen, als Gerd verschütt ging? Oder hat Anton sie vergewaltigt, sie missbraucht? Nichts ist klar, und der Roman scheint nahezulegen, dass das Verhängnis im Zusammenspiel von vielen Kräften zustande gekommen ist, von Kräften, die nur eines miteinander gemein hatten, die junge Gerd, die junge Mutter nach allen Kräften zu sabotieren und voller Schuld, Trauer, Rachegefühle zurücklassen, mit einer Wut, mit der sie nicht umzugehen weiß und die sie manchmal an ihren eigenen Sohn auslässt:

Du bist nicht von mir. Du hast mit mir nichts zu tun, hat sie oft gesagt, hat auch zu mir gesagt, verschwinde, oder, wenn sie ganz schlecht gelaunt war, hat sie zu mir gesagt, Herr Pfarrer. Ja. Herr Pfarrer. Oder Truthahn. Weil ich so einen langen Hals habe. Strüthahn hat sie dann gesagt. Hau ab, du Strüthahn. Oder rannte mit dem Messer hinter mir her. Oft. Aber sie wollte auch, dass ich sie umbringe, kniete vor mir wie in einem Shakespeare-Klassiker, hielt sich das Messer an die Brust und sagte, stoß zu.

Das Schicksal hat es mit der jungen Mutter, die aus Norwegen auswandert und in Österreich ein neues Leben zu beginnen sucht, nicht gut gemeint. Sie kommt wortwörtlich unter die Räder, sitzt zwischen allen Stühlen und hat nichts allein in der Hand. Sie ist aus der Welt hinausgeworfen worden, ohne Zuhause, ohne Familie, verstoßen, fristet sie ihr Dasein und wartet und wartet. Ingeborg Bachmann hat die Situation der Ehefrauen in der Nachkriegszeit ähnlich trist beschrieben. In der Erzählung „Unter Mörder und Irren“ aus dem Erzählband „Das dreißigste Jahr“ findet sich die folgende Stelle, die an die Beschreibung der trinkenden, feiernden Männer anschließt:

Keiner [von den Männern] mochte daran denken, dass die Frauen jetzt zu Hause die Betten aufschlugen und sich zur Ruhe begaben, weil sie mit der Nacht nichts anzufangen wussten. Barfuß oder in Pantoffeln, mit aufgebundenen Haaren und müden Gesichtern gingen die Frauen zu Hause herum, drehten den Gashahn ab und sahen furchtvoll unter das Bett und in die Kasten, besänftigten mit zerstreuten Worten die Kinder oder setzten sich verdrossen ans Radio, um sich dann doch hinzulegen mit Rachegedanken in der einsamen Wohnung.

Ingeborg Bachmann aus: „Unter Mördern und Irren“

In Hotschnigs Roman passiert noch allerlei, aber der unterliegende Ton bleibt. Vieles ähnelt in der Anlage dem Roman von Edgar Selge „Hast du uns endlich gefunden“, auch dort entsagt eine Mutter, auch dort sinniert der Sohn über die Eltern, und auch dort bleiben die Eltern und die Geschwister entzweit, verwirrt, so fern und doch so nah beieinander, dass das Rätsel des Menschen von Wort zu Wort offenbarer wird. Dem Sohn bleibt nur, die innere Verwirrung mit dem Schauspiel und dem Schauspieler-Sein zu verquicken. In beiden Romanen spricht ein Erzähler davon, wie ihm das Leben zur Bühne wurde, wie er sich von dem Nichtwissen ablenkt, sich in die Rollen von Theaterstücken, in den Kinofilmen eine eigene Welt zusammenbaut, die zur Chiffre und zur Dekodierung des am eigenen Leibe erlebten Wahnsinns werden.

Alles, was ich dann auf der Bühne erlebt habe, habe ich vorher schon erlebt. Nur viel realistischer. Auf der Bühne sind die Messer bekanntlich manipuliert.

Alois Hotschnig aus: „Der Silberfuchs meiner Mutter“

Die wenigen Stellen, in denen Frieden herrscht, in denen der Erzähler in der Natur, bei der Mutter, auf der Reise Hoffnung verspürt, gereichen, um das Mögliche, die Utopie dieses von ihm erzählten Lebens aufleuchten zu lassen. Da war sie, die Norwegerin aus dem hohen Norden, die sich zum größten Abenteuer ihres Lebens anschickte. Ein Augenzeuge, der Onkel des Sohnes berichtet davon, wie er Gerd zum ersten Mal sah:

Für mich war sie eine Erscheinung, wie ich sie noch nicht gesehen hatte, sagte der Mann. Bis heute sehe ich sie dort stehen. Eine stattliche, eine große, eine sehr schöne Frau. Und an den Silberfuchs, den sie getragen hat, erinnere ich mich. Fuchspelze waren gerade in Mode. Beim Kirchgang, es war ja Winter damals, da hatten die Frauen diesen Fuchs umgehängt. Deshalb ist mir das wohl so sehr aufgefallen, die große Frau mit dem schönen Pelz.

Diese Stellen strahlen aus. Voller Traurigkeit schwindet das Leben, das mehr wollte, aber statt mehr, nicht nur weniger, sondern nichts bekam, wie so viele Frauen in Kriegs- und Nachkriegszeiten. Gerd trägt diese Stärke, nicht aufzugeben, weiter, jenes Unterfangen, von dem Thomas Bernhard berichtet:

Es gibt ja nur Gescheitertes. Indem wir wenigstens den Willen zum Scheitern haben, kommen wir vorwärts und wir müssen in jeder Sache und in allem und jedem immer wieder wenigstens den Willen zum Scheitern haben, wenn wir nicht schon sehr früh zugrunde gehen wollen, was tatsächlich nicht die Absicht sein kann, mit welcher wir da sind.

Thomas Bernhard aus: „Ja“

Alois Hotschnigs „Der Silberfuchs meiner Mutter“ gesellt sich bescheiden und freundlich in die Reihe jener Romane, die nicht vergessen wollen, die derer gedenken, die am meisten litten und trotzdem nicht aufgaben, und dies ohne Kitsch, Sentimentalität oder Romantik, ein Roman, der hilflos ins Chaos blickt und trotzdem Spuren hinterlässt. Für manches Leid kann es einfach keine Erklärung geben.

2 Antworten auf „Alois Hotschnig: „Der Silberfuchs meiner Mutter““

  1. Darüber habe ich nur begeisterte Stimmen gehört. Irgendwie bin ich aber noch nicht ganz überzeugt. Vielleicht denke ich noch eine Weile darüber nach …
    Schön jedenfalls Thomas Bernhards Zitat übers Scheitern. Ich werde es mir zu Herzen nehmen.
    Viele Grüße!

    1. Ich kann es sehr empfehlen, da diese Figur der Gerd widerspenstig, verrückt, und sehr lebendig erscheint, durch die Augen des Sohnes gesehen. Mich hat das Buch sehr berührt. An vielen Stellen musste ich an meine eigene Großmutter denken und an diese Konflikte, die niemand verstehen kann, weder die Beteiligten, noch die Außenstehenden. Hotschnig hat dieser Hilflosigkeit nachgespürt. Es liest sich sehr schnell und unkompliziert – ich hätte mehr aus der Analyse herausziehen sollen, aber manchmal kratzt man nur an der Oberfläche. Ich werde es bestimmt noch einmal lesen, irgendwann, eben wegen dieser unheimlichen Einsamkeit von Gerd. Aber es gibt so viele gute Bücher – die Auswahl fällt immer schwer 🙂 Das verstehe ich sehr gut.

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