Zeruya Shalev: „Schicksal“

Das Leiden im Vergeben … Spiegel Belletristik-Bestseller 24/2021

Zeruya Shalevs Roman „Schicksal“ handelt von dem Leben und den Beziehungen zweier Frauen mittleren Alters in Israel der Gegenwart, von Atara and Rachel. Atara ist Architektin, 50 Jahre alt, und kümmert sich um Sanierungen von alten Häusern, und Rachel ist eine ehemalige Terroristin, die nach dem zweiten Weltkrieg die britische Besetzung mit Gewalt vertreiben wollte, und danach ein Leben in der Zurückgezogenheit verbracht hat, als Hausfrau und Mutter von zwei Söhnen, der eine gegen alles Israelische eingestellt, der andere dem orthodoxen Glauben beigetreten. Atara ist Mutter von einer Tochter, die in den USA studiert, und von einem Sohn, der Elitesoldat im israelischen Militär geworden ist.

Der Dreh- und Angelpunkt des Romans ereignet sich in der Jugend von Rachel. Sie und ihr damaliger Ehemann, Meno, ebenfalls Terrorist, überbringen einen fälschlicherweise in ihrem Briefkasten gesteckten Brief an eine junge Frau aus reiner Nächstenliebe. Diese hat Geburtstag und entnimmt diesem Brief, dass ein Familienmitglied schwer erkrankt ist. Am nächsten Tag stirbt die junge Frau bei der Busreise durch einen Anschlag, und Meno fühlt sich schuldig, den Brief überbracht zu haben, der den Grund für die Reise der jungen Frau gegeben hat. Der Name der jungen Frau lautet: Atara. Meno verlässt Rachel und lässt sich scheiden, zieht sich zurück, begeht einen Selbstmordversuch, da er sich verflucht meint, ein Todesengel zu sein. Der Selbstmordversuch misslingt jedoch. Nach ein paar Jahren lebt Meno mit seiner neuen Ehefrau in Israel, ist ein bekannter Gehirnforscher und angesehen, und wird seine Tochter Atara nennen. Rachel hat er nie wieder gesehen.

Nach größeren Unglücken als diesem war das Leben weitergegangen, sie [Rachel] hatte doch wieder geheiratet und Kinder bekommen, und er [Meno] auch. Aber von ihrer Liebe war nichts geblieben, nichts von der Familie, die sie am Ende des Kampfes hatten gründen wollen, von dem Leben, das sie dann hatten führen wollen. Er hatte Naturwissenschaften und Philosophie studieren wollen, sie Literatur und Jura. Sie hatten von dem Tag geträumt, an dem sie in Frieden in ihrem freien Land leben und ihren Kindern Geschichten von Ruhm und Ehre und Heldentum erzählen könnten.

Zeruya Shalev aus: „Schicksal“

Der Dreh- und Angelpunkt eines Romans lässt sich frei wählen. Der Anfang ist beliebig. Nicht beliebig ist die Fortsetzung, die Weiterführung, die Entwicklung des Themas. Das Thema des Romans gibt sein Titel bekannt: „Schicksal“. Leider bedarf es für diesen Begriff eine Art Urverständnis davon, dass Dinge sich über Köpfe hinweg ereignen, sich nicht ändern lassen, dass die Planeten ihre Bahnen ziehen, und die Götter bereits alles über die Menschen und ihre Lebenswege entschieden haben. Im Grunde steht der Glaube an ein Schicksal diametral der Erzählhaltung eines Romans entgegen. Ein Buch, eine Erzählung, lässt sich ja gar nicht denken, ohne ein gewisses Interesse dafür, wie es weitergeht, wie alles endet, wie sich die Figuren entscheiden. Georg Lukásc schreibt in „Die Theorie des Romans“:

Die Welt des Epos beantwortet die Frage: wie kann das Leben wesenhaft werden? Aber zur Frage gereift ist die Antwort erst, wenn die Substanz schon aus weiterer Ferne lockt. Erst wenn die Tragödie die Frage: wie kann das Wesen lebendig werden? gestaltend beantwortet hat, ist es bewußt geworden, daß das Leben, so wie es ist (und jedes Sollen hebt das Leben auf), die Immanenz des Wesens verloren hat. Im formenden Schicksal und im Helden, der sich schaffend sich findet, erwacht das reine Wesen zum Leben […]

Georg Lukács aus: „Die Theorie des Romans“

Das moderne Subjekt, grammatisch der Schlüssel der Sprache, dem Prädikat und Objekt als verbindendes Element anheimgestellt, erzählt sich selbst und übernimmt Verantwortung für seine Taten. Falls jedoch von Anfang feststeht, dass die Figuren nicht verantwortlich zeichnen können, sie bloße Schachfiguren in einem kosmischen Spiel sind, gar keine Handlungsträger darstellen, fällt das erzählerische Kartenhaus in sich zusammen, oder es wird komödiantisch. Die tragische Glaubwürdigkeit der Erzählposition ist jedenfalls dahin. Wer identifiziert sich mit einer Maschine, die am Fließband ihrer Tätigkeit nachgeht, weil sie für diese Tätigkeit programmiert wurde? Shalev kann insofern gar nicht anders, als gegen ihr eigenes Thema anschreiben, als sich in Widersprüche verwickeln, solange sie nicht mit den Unzulänglichkeiten ihrer Figuren unterhalten, lediglich amüsieren will. Ihre Figuren sind frei, wie in jedem Roman, aber zutiefst traurig, verzweifelt und verwirrt. Sie leiden, sie fragen sich, sie besitzen Ziele und suchen Sinn:

Vielleicht deshalb prasseln die Wörter so hastig aus ihrem [Rachels] Mund, verheddern sich, ein Wort tritt das andere, rollt nach vorne, zieht sich wieder zurück, aber sie macht weiter, sie wird nichts auslassen. Sie muss alle Details erzählen, alle sind gleichermaßen wichtig, es gibt keine Hauptsache und keine Nebensache und keine Deutung. Auch das Lied muss sie ihr [Atara] vorsingen, seine Melodie steigt in ihrem Rachen auf wie ein dumpfes Erbrechen. Auf Betlehems Feldern / am Weg nach Efrata / klaget ein Grabstein / auf dem Grabe der Alten.

Zeruya Shalev aus: „Schicksal“

Der Roman verheddert sich zwischen seinem Anspruch und seiner Ausführung ins heillose Durcheinander. Einerseits leiden Rachel und Atara unter der Entscheidung Menos, sich für den Tod der ersten Atara schuldig zu fühlen. Rachel wurde von ihm verlassen und Atara von ihm misshandelt. Andererseits bleibt er das stille Zentrum ihrer beiden Leben und alle ihre Gedanken kreisen um ihn. In einer obsessiven Rückwärtsgewandtheit werden alle Momente des Lebens immer wieder durchgespielt, aber eben nicht aus der Sicht Rachels und Ataras, sondern aus der Sicht Menos. Im Grunde fühlen sie sich beide allem ausgeliefert, von allem zu einem Spielball des Schicksals reduziert. Rachel leidet an der Einstellung und den Entscheidungen ihrer Söhne. Atara hadert mit ihrem zweiten Ehemann und der Entscheidung ihres Sohnes, zum Militär gegangen zu sein. Sie hadern mit allem und finden keinen Ausweg.

Plötzlich scheint es ihr [Atara], als würde alles um sie herum immer größer oder als schrumpfe sie selber zusammen. Überdimensionale Lastwagen brettern über die Autobahn sechs, und sie sitzt in ihrem kleinen Wagen wie eine Ameise zwischen einer Herde Elefanten. Nicht umsonst hat Avigail [Ataras Tochter] ihr diesen lächerlichen Kosenamen angehängt, Mameise, jetzt fährt sie jeden Tag denselben Weg und lernt doch nichts dazu.

Zeruya Shalev aus: „Schicksal“

Die Ausgeliefertheit bestimmt das Leben der beiden Frauen. Beide warten auf die Erlösung, die Vergebung, auf das freundliche Wort, das Anerkennen, das Bekenntnis zu ihnen, Dankbarkeit aus dem Mund der Söhne, der Ehemänner, der Ex-Ehemänner und Väter. Jedoch warten sie vergeblich.

Aber ihre vielen Gäste erlauben ihr [Atara] nicht, diesen wichtigen Fragen nachzuhängen. Genau dafür sind sie hier, so scheint es, sie sind massenweise aus allen Ecken des Landes gekommen, um sie von ihren Gedanken abzuhalten, und sie starrt sie nur durch einen kleinen Spalt ihrer Augen an. Unglaublich, wie sehr sie ihr Leben mit überflüssigen Menschen angefüllt hat, so wie eine hamsternde Frau, und jetzt belagern sie sie, unaufhörlich bewegen sich ihre Lippen, Zangen öffnen und schließen sich, und da es ihr schwerfällt, ihnen wirklich zuzuhören, kommt sie sich vor, als sei sie in einem Aquarium gefangen, bis zum Deckel gefüllt mit unsichtbarem Wasser, umgeben von unsichtbarem Glas, und drum herum stehen diese Besucher und verfolgen aufmerksam ihre Bewegungen und ihre Mimik, so als sei sie ein besonders ausgefallenes Geschöpf, eine Meeresgurke oder ein seltener Geisterhai.

Zeruya Shalev aus: „Schicksal“

Das Problem des Romans ist erzähltechnischer Natur. Die Distanz zu den Figuren ist durch die auktoriale Wahl eingezogen, aber eine allwissende Struktur bleibt angenommen, ohne als Erzählinstanz umgesetzt worden zu sein. Atara und Rachel wirken auf diese Weise nur unfähig und unselbstbestimmt, passiv und ausgeliefert. Die Aporie steigert sich zur Unerträglichkeit, weil Atara und Rachel die Protagonistinnen, also die Handlungsträgerinnen sind, und sich automatisch die Frage stellt, weshalb Atara und Rachel sich die Demütigungen gefallen lassen, warum Rachel die Entscheidungen ihrer Söhne nicht akzeptieren kann, sich Atara von ihrem Ehemann nicht trennt, sich beide kein neues Leben aufbauen.

Spar deiner Stimme Weinen / und deinen Augen Tränen, und lass nicht den Zufall dein Schicksal wenden, denn unberechenbar und willkürlich ist unser Leben, es spottet jeder Deutung, es bringt jede Ordnung durcheinander, und gerade deshalb ist es so viel gewaltiger als jeder Verlust.

Zeruya Shalev aus: „Schicksal“

Shalevs Roman pendelt unentschieden zwischen einem Auflehnen gegen das Schicksal und einem Akzeptieren desselbigen. Nur leider besitzt der Begriff Schicksal keine Zweideutigkeit. Er ist als genaues Gegenteil konzipiert. Entweder es gibt ein Schicksal oder nicht. Gegen ein Schicksal aufzulehnen, heißt eine unglaubwürdige Position einnehmen. Don Quijote kämpft nur so lange gegen die Windmühlen, so lange er sie nicht als solche erkannt hat, in ihnen noch Riesen sieht. Rachel und Atara suchen dennoch eine vermittelnde, tröstende Position.

Denn schon immer hat sie [Atara] diesem oder jenem Detail, diesem oder jenem Wort zu große Kraft beigemessen, als könne man sich mit dem Sichtbaren, mit den Sinnen, der Erfahrung und der Logik begnügen, so als werde nur eine einzelne Geschichte geschrieben. Doch in den Tiefen der Geschichte verbirgt sich noch eine Geschichte, wie der Dotter im Eiweiß, wie der Embryo in der Mutter. Nicht sie allein bewegt diese Familiengeschichte, denn die wird auch ohne sie undurchschaubar und ohne Deutung weitergehen und doch eines Tages vielleicht ihren Sinn bekommen, auch wenn sie selbst dann schon nicht mehr hier sein wird.

Zeruya Shalev aus: „Schicksal“

Der Widerspruch tritt klar zu Tage. Einerseits glaubt Atara, dass nicht nur eine Geschichte geschrieben wird; andererseits verbirgt sich in den Tiefen der Geschichte noch eine weitere, die allem einen Sinn verleihen wird. Wie auch immer man die Erzählung dreht und wendet. Sie bleibt in sich widersprüchlich und unentschieden, zumal der inneren psychologischen Struktur der handelnden Figuren überhaupt nicht nachgegangen wird. Meno taucht als Figur in der ganzen Geschichte nicht auf, nur in den Erinnerungen der Tochter, Atara, und jener seiner Ex-Ehefrau, Rachel. Meno jedoch ist es, nicht Rachel, der sich für den Tod jener ersten Atara schuldig fühlt und deshalb seine Ehefrau verlässt und seine Tochter nach ihr benennt. Die Macht, die Meno über seine Ex-Frau und seine Tochter ausübt, lässt sich nicht durch einen Schicksalsbegriff erklären. Sie ist das eigentliche Thema des Romans, das auf einen widersprüchlichen Schicksalsbegriff abgewälzt wird. Es ist aber nicht terminologischer, sondern psychologischer, traumatischer, gewalttechnischer Art. Als der orthodoxe Sohn Rachel eine Geschichte erzählt, winkt diese ab. Sie will von seinen Gleichnissen nichts mehr hören. Ihr Sohn insistiert:

»Du fragst immer, was den Helden der Geschichte passiert, aber die Hauptsache ist doch, was dabei im Hörer und im Erzähler geschieht. Diese Geschichten rütteln uns auf, sie bringen uns dazu, den Tikkun [kabbalistischer Begriff für den langwierigen Prozess der Erlösung] zu suchen, unser eignes Leben in Ordnung zu bringen. Das Erzählen der Geschichte an sich ist ein Akt der Erlösung!«

Zeruya Shalev aus: „Schicksal“

Hier aber lässt der Roman einen verwirrt zurück. Gibt es nun Schicksal oder nicht? Am Ende bleibt den Protagonistinnen nichts anderes übrig, als den weiteren Weg gemeinsam zu gehen. Alle um sie herum haben sie verlassen, gehen eigene Wege, wenden sich von ihnen ab. Strukturell gibt der Roman sie auf.  Ihnen geht alles abhanden, aber die Erlösung bleibt aus. Vielmehr zerfällt das Leben der Protagonistinnen um sie herum in seine Einzelteile.

Die Gazelle, ihr [Ataras] Leben, wurde gerissen. Raubtiere haben ihm das Fleisch abgenagt, Geier sich auf seinen Kadaver gestürzt. Die Überreste hat das Feuer verzehrt, und der Wind hat die Asche zerstreut, das ist alles, was übrig geblieben ist, diese schwarze Asche, durch die sie sich tastet.

Zeruya Shalev aus: „Schicksal“

Romane, die ihre Figuren vorführen, sind problematisch, selbst aus der allwissenden Erzählhaltung heraus. Auktorial jedoch gerät das Lesen zu einer Tour de Force, sobald die Erzählung ihre Figuren sowohl mag und sympathisch zeichnet, wie zugleich als handlungsunfähig und passiv brandmarkt. Atara und Rachel haben ein hartes Leben gehabt. Man sympathisiert mit ihnen. Sie wurden verraten, verlassen, missbraucht, vergewaltigt, gedemütigt und ignoriert. Jedoch entschuldigen sie den ganzen Roman hindurch alles, was ihnen angetan wurde, erklären alles mit ihrer Unfähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, nehmen die ganze Schuld auf sich, bieten sich als Sündenbock freiwillig an.

Am Ende bleibt Ratlosigkeit zurück. Der Roman „Schicksal“ handelt von zwei Heldinnen, die durchweg als ängstlich und passiv, selbstanklagend dargestellt werden, auf einen Sinn im Großen und Ganzen hoffen, aber so richtig nicht mehr daran glauben können. Er schließt sich von Anfang an selbst kurz und dreht sich in einer contradictio in adiecto selbst im Kreise. Äußerst eigentümlich.  

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