Elke Engelhardt: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“

Elke Engelhardt: "Sansibar"
… von einer Lyrik des sanften Zwischenklanges.

Der Gedichtband Sansibar von Elke Engelhardt tastet die Welt im Unmerklichen ab. Sein lyrisches Ich ist nicht laut. Es ist leise. Es macht nicht aufmerksam auf sich. Es bleibt in sich, ruhend. Sein Name „Sansibar“ spielt mit der Ferne, dem Fremden, die verheißungsvollen Weiten irgendwo im Indischen Ozean, an der Ostküste Afrikas, auf einer kleinen Insel unter sternenvoller Nacht. Doch der Titel und der Klang der Gedichte nehmen das Versprechen zurück. Sie sind gebrochen. Sie führen übers Weite ins Nahe, gebogen, zu sich zurück. Nicht die Weite, das Nahe verdichtet sich in den Gedichten, tritt aus dem Trott hinaus in die Welt:

Die Verlassenheit in den Zügen
Die leeren Blicke in den Straßen
Du trittst aus der Tür
in eine verlorene Landschaft
mit einer Haltung aus Kleingeld
nach dem sich niemand bückt

Elke Engelhardt aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“
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Marie NDiaye: „Die Rache ist mein“

Poetische Stille sanfter Verzweiflung – eindrucksvoll und nachwirkend.

Viele Gegenwartsromane behandeln Gewalt gegen Frauen. Beispielsweise Zeruya Shalev in „Schicksal“, in welcher Rachel, eine ehemalige Terroristin, mit ihrer Rolle als Mutter, als Witwe und Staatsbürgerin hadert und gegen emotionale Entfremdung kämpft; oder Leila Slimanis Roman „Das Land der Anderen“, in welchem ebenfalls Kolonisierung thematisiert wird, Befreiungskriege und -kämpfe und die gewaltsame Unterwerfung einer Frau unter die herrschenden Sitten und traditionellen Bräuchen in Marokko beschrieben werden. Beide Romane erzählen die Geschehnisse aus großer Distanz, beinahe nüchtern und kühl, journalistisch. Anders dagegen Hengameh Yaghoobifarah in „Ministerium der Träume“, das nicht nüchtern, eher wild dem Schmerz freien Ausdruck lässt und einen Staat anprangert, der junge Frauen nicht ausreichend vor sexuellen Übergriffen schützt. Zwischen hitziger Beschimpfung und sachlicher Beschreibung finden sich in der gegenwärtigen Literaturlandschaft alle möglichen Abstufungen. „Die Rache ist mein“ von Marie NDiaye lässt sich darin dennoch nicht einordnen. Der Roman verhandelt das Thema expressiv, sprachlich, weniger narrativ, inhaltlich und erschließt auf diese Weise eine eigene Schmerzzone emotionaler Gefangenschaft, vergleichbar mit der Fragment gebliebenen Romantrilogie „Todesarten“ von Ingeborg Bachmann.

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Valerie Fritsch: „Winters Garten“

Zeitlos im Fluss der Zeit .. Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015

Ein wenig aus der Reihe, aber inspiriert von einer Rezension des Romans „Herzklappen von Johnson & Johnson“ aus dem Jahr 2020, ein Roman von der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015: Valerie Fritsch „Winters Garten“. Die Apokalypse bleibt en vogue. Sie ist es seit dem Gilgamesch-Epos. Die Welt geht unter. Die Titanen zerstören, was sie erschaffen. Die Götter nehmen, was sie geben, und das Ende von Dantes „Commedia“ gipfelt im weißen, kleinen, sternklaren Punkt des nichtigen Nichts eines ewigen und erlösten, erleuchteten Jetzt. Auch Valerie Fritschs Roman handelt von der Apokalypse. Sie handelt von Werden und Vergehen eines Individuums, und vom Ende der Welt insgesamt. Die Erzählung beginnt mit einem Hirtengesang alter bukolischer Schule Vergilischer Provenienz. Anton Winter, der Protagonist, ist jung, angstlos, ein Kind, das beobachtet, erlebt, heranwächst und staunt:

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Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“

Ein ewigwährender literarischer Frühling … nominiert für den Preis der Leipziger Buchchmesse 2021

Friederike Mayröcker legt mit „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ einen erstaunlichen, überraschenden, in seiner Breite und Tiefe einzigartigen Text vor. Zusammenfassend lässt es sich als poetisches Tagebuch begreifen. Es beginnt am 22.9.2017 und hört am 03.11.2019 auf. In unterschiedlichen Längen und Formaten reflektiert Mayröcker ihr Dasein, das Leben zwischen öffentlich und privat, zwischen berühmten Kollegen und unbekannten Freuden, in intimen Momenten und schmerzhaften Augenblicken. Der Text unterläuft die Einordnung Prosa und Lyrik, und deshalb nennt es die Autorin „ein Proem“ – diese Zwischenform erlaubt eine ungeahnte Freiheit, die abschrecken oder anziehen kann.

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Judith Hermann: „Daheim“

Die Selbstvergessenheit als Utopie ….  (Spiegel Belletristik-Bestseller 15/21)

„Daheim“ von Judith Hermann erzählt Geschehnisse an einem Küstendorf oder -städtchen, in das eine Frau um die Vierzig zieht. Sie lebt allein in einem abseitsgelegenen Haus, arbeitet bei ihrem Bruder (Sascha), der eine der Dorfkneipen führt und eine Beziehung mit einem verrückten Partygirl namens Nike führt, die über drei Jahrzehnte jünger als er ist. Nach einem sehr einsamen Winter zieht eine Künstlerin (Mimi) auf das Nachbargrundstück und eine Freundschaft beginnt. Die Geschehnisse drehen sich um Beziehungs- und Elternprobleme, um Missverständnisse und darum, wie man einen Marder fängt, der sich ins Dachgebälk eingenistet hat. Statt jedoch des Marders fängt die Protagonistin mit der Falle des Bruders ihrer Nachbarin (Arild) Katzen und Vögel, lernt aber dadurch diesen Bruder kennen und beginnt eine Affäre. Es passiert also oberflächlich gesehen nicht viel. Hintergründig jedoch behandelt Hermanns Text die Frage, wie überhaupt so etwas wie Wurzeln, ein Zuhause, wie Vertrauen, ein gefühlsmäßiges Koordinatensystem denkbar sind. Leitmotiv von „Daheim“ ist das Reisen und der Wunsch nach der Möglichkeit, anzukommen.

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