Marie NDiaye: „Die Rache ist mein“

Poetische Stille sanfter Verzweiflung – eindrucksvoll und nachwirkend.

Viele Gegenwartsromane behandeln Gewalt gegen Frauen. Beispielsweise Zeruya Shalev in „Schicksal“, in welcher Rachel, eine ehemalige Terroristin, mit ihrer Rolle als Mutter, als Witwe und Staatsbürgerin hadert und gegen emotionale Entfremdung kämpft; oder Leila Slimanis Roman „Das Land der Anderen“, in welchem ebenfalls Kolonisierung thematisiert wird, Befreiungskriege und -kämpfe und die gewaltsame Unterwerfung einer Frau unter die herrschenden Sitten und traditionellen Bräuchen in Marokko beschrieben werden. Beide Romane erzählen die Geschehnisse aus großer Distanz, beinahe nüchtern und kühl, journalistisch. Anders dagegen Hengameh Yaghoobifarah in „Ministerium der Träume“, das nicht nüchtern, eher wild dem Schmerz freien Ausdruck lässt und einen Staat anprangert, der junge Frauen nicht ausreichend vor sexuellen Übergriffen schützt. Zwischen hitziger Beschimpfung und sachlicher Beschreibung finden sich in der gegenwärtigen Literaturlandschaft alle möglichen Abstufungen. „Die Rache ist mein“ von Marie NDiaye lässt sich darin dennoch nicht einordnen. Der Roman verhandelt das Thema expressiv, sprachlich, weniger narrativ, inhaltlich und erschließt auf diese Weise eine eigene Schmerzzone emotionaler Gefangenschaft, vergleichbar mit der Fragment gebliebenen Romantrilogie „Todesarten“ von Ingeborg Bachmann.

Der Roman handelt von den Ereignissen rundum ein Kindsmord in Bordeaux. Eine Anwältin, Maître Susane, wird von einem Mann, Gilles Principaux, beauftragt, seine Ehefrau Marlyne zu verteidigen, die des Mordes an ihren drei Kindern, Jason, John, und Julia, angeklagt ist. Der Mann schwört auf die Unschuld seiner Frau. Die Anwältin meint den Mann aus einer Kindheitsepisode zu kennen. Sie war zehn und er fünfzehn. Doch die Erinnerungen bleiben zunächst im Dunkeln. Maître Susane führt Gespräche mit Marlyne, mit Gilles, hilft ihrer aus Mauritius ausgewanderten Putzkraft Sharon bei der Einbürgerung, hilft ihrem Ex-Partner Rudy mit seiner Tochter Lila, besucht ihre Eltern und hadert mit ihren Entscheidungen.

Maître Susane, nur der erste Buchstabe des Vornamens wird genannt ‚H‘, ansonsten wird die Protagonistin nur mit Maître, also als Rechtsanwältin bezeichnet, mit ihrer sozialen Funktion fusioniert, erinnert in vielerlei Hinsicht an Josef K. aus Franz Kafkas Romanen. Bordeaux in „Die Rache ist mein“ verliert wie Prag bei Kafka jede Kontur. Es gleicht mehr einem mystischen Ort von Pflastersteinen, von Toren, Türen, verschlossenen Fenstern, erinnert an Alfred Kubins „Die andere Seite“, an das Prag von Gustav Meyrink aus „Der Golem“. Schemen, bläulich, einsam. Nur ein Hauch von Stadt. Die Andeutung einer Betriebsamkeit.   

„Ein paar Sekunden lang blieb sie [Maître Susane] reglos vor der hohen, olivgrünen Toreinfahrt der Nummer 27 stehen, ihre gestiefelten Füße breit in das rutschige Pflaster gestemmt, fest gegürtet in ihrem weiten, grauen Wollmantel – grau wie auch ihre kurzen, dichten Haare, die früher sehr lang, schimmernd, ihr ganzer Stolz gewesen waren.“

Marie NDiaye aus: „Die Rache ist mein“

Die Gefangenschaften in dem Roman zementieren sich im Unsichtbaren. Alle drei Frauen, Maître Susane, Sharon und Marlyne Principaux, werden von realen Gespenstern heimgesucht, die sich in ihrer Macht nur indirekt offenbaren. Sie sind Opfer einer reterritorialisierenden Fähigkeit, Spiel- und Handlungsräume, Gefühlsdimensionen einzuschränken. Das Thema des Romans lässt sich als das Ineinanderweben dieser drei Gefangenschaften auffassen. Die Konsequenz der Gefangenschaften lässt sich aus den Namen ablesen. Maître Susane besitzt keinen Vornamen. Sie flüchtet sich nach der  direkter sexueller Gewalt, die sie als Kind durch Gilles Principaux erfahren hat, in die Funktionalität eines rein administrativen Daseins:

„Sie [Maître Susane] fand den heftigen Schock nicht wieder, den sie verspürt hatte, als Principaux zum ersten Mal in ihr Büro gekommen war, dieses Gefühl, dass sie ihn früher in Caudéran gekannt hatte und dass diese eine Begegnung, dieser eigentümliche Kampf »Maître Susane« hervorgebracht hatten. Der Mann, den sie vor sich hatte, war ein für ihr Gedächtnis toter Körper.“

Der Schock sitzt so tief, dass Maître Susane ihre eigenen Gefühlswelten als unzugänglich erfährt. In vielen inneren Monologen widerspricht und erforscht sie sich selbst, sucht Nähe und schreckt vor Nähe zurück, falls sie möglich erscheint wie mit Rudy oder dessen Tochter Lila. Das Trauma hat eine gespenstische Distanz zur Realität in ihr Empfindungsvermögen eingeschrieben, die sie über die Länge des Romans nicht zu überwinden vermag, aber gegen die sie in einem fort ankämpft. Ihre eigene Wehrhaftigkeit zu erkämpfen, den Opferstatus von sich zu weisen, dem Täter ins Auge zu sehen, ohne sich zu verleugnen, darin artikuliert sich in jeder ihrer Handlungen das von ihr angestrebte Ziel.

„Und so hatte sie an diesem Morgen beschlossen, dass sie ihm, wenn er in die Kanzlei käme, als Frau mit spitzen Absätzen entgegentreten würde, autoritär, auf glamouröse Weise gebieterisch mit ihren klingenden Schritten. Sie wollte ihn nicht verführen, sondern einschüchtern, ihn nicht betören, sondern herabsetzen, diesen Mann mit der hohlen Brust, mit den bläulichen Hemden unter dem Rundhalspullover.“

Das Scheitern, das Wiederanlaufen, das Aufstehen, Aufbäumen, das erneute Fallen treibt die Erzählung voran. Maître Susane ist widerborstig, sucht Nähe, vermag sie nicht zu finden, hört aber nicht auf zu suchen trotz aller Fehler, die sie begeht, trotz der inneren Gekränktheit, die sie verspürt, wenn sie mitbekommt, dass ihre Putzkraft Sharon sie betrügt, mit der sie unbedingt befreundet sein will, obwohl das Arbeitsverhältnis dies gar nicht wirklich zulässt. Sharon, im Gegensatz zu Maître Susane, die keinen Vornamen hat, besitzt keinen Nachnamen. Existiert Maître Susane nur als öffentliche Person, so Sharon als illegale Einwanderin nur im Privaten. Sie will sich einbürgern lassen, aber ihr Bruder Ralph schickt ihr nicht die erforderlichen Dokumente.  

„Was sie [Maître Susane] mit einiger Gewissheit zu verstehen geglaubt hatte, war, dass Ralph das Leben [in Mauritius], das Sharon und ihr Mann sich dank ihrer Arbeit, ihrer Tapferkeit aufgebaut hatten, für objektiv zufriedenstellend hielt. Sie waren an den Ufern eines hinreichenden Glücks gelandet, hatte Ralph Me Susane zufolge geurteilt, und sollten dieses bescheidene Glück nicht aufs Spiel setzen für eine vage Hoffnung auf ein üppiges Leben in der Ferne [in Frankreich], wo ihnen das Licht, die Sprache und die Wahrhaftigkeit immer fehlen würden.“

Ralph entscheidet für Sharon, was richtig und gut für sie ist, und verweigert ihr die Hilfe, ein neues Kapitel in Frankreich anzufangen. Sharon bleibt zur Illegalität verurteilt, und Maître Susane kann die Antragsdokumente für Sharons Einbürgerung nicht ausfüllen. Hat Maître Susane keinen Vornamen, und Sharon keinen Nachnahmen, so besitzt Marlyne Principaux, die des Kindsmord Angeklagte, sowohl als auch. Existierten aber Maître Susane und Sharon jeweils öffentlich oder privat, so ist Marlyne gänzlich durch ihre Hausfrauentätigkeit zur Unsichtbarkeit in allen Bereichen verurteilt, von der Familie verstoßen, von Freunden isoliert, durch den Mann an der Erwerbstätigkeit gehindert, empfindet sie ihr Dasein als einzige Gefangenschaft, so dass das wirkliche Gefängnis ihr wieder Freiheit verschafft, nämlich zumindest den öffentlichen Status einer Verbrecherin verleiht.

„Aber jetzt, da ich [Marlyne Principaux] mit Ihnen [Maître Susane] spreche, möchte ich nirgendwo anders sein als in diesem Gefängnis. Aber ich habe ja kein Zuhause mehr, aber umso besser. Aber nein, unser Haus in Le Bouscat, aber das mochte ich nicht, aber das hasste ich am Ende geradezu. Aber da ist mir meine Zelle, mein kleines Bett für mich allein viel lieber. Aber nein, denn ich setze meine Kopfhörer auf, aber ich lese die Schriftsteller wieder, die ich so liebte, aber da höre ich nichts, aber da können die anderen fernsehen, aber ich höre nichts, aber es geht mir gut, aber die Stimmung ist angenehm.“

„Die Rache ist mein“ verknüpft diese drei Frauenschicksale. Viele Monologe, lange Rechtfertigungsreden, Assoziationskomplexe verbinden sich zu einem unheimlichen, gespenstischen, eindrucksvollen Ganzen. Viele Szenen prägen sich ein. Die lose Erzählweise erzeugt eine multidimensionale Sicht auf die Dinge, in der sich langsam alles zu einem Bild zusammensetzt, das dynamisch bleibt, als Bild figuriert, dennoch keine Eindeutigkeit aufzwingt. Alles ist verdichtend erzählt, kurz und knapp angedeutet, flüchtig hingeworfen, nur um einen nachhallenden Schrecken, ein bedrückendes Gefühl zu hinterlassen und auf Dauer nur noch nachhaltiger zu erzeugen. Die Atemlosigkeit, der Schmerz, die Hoffnungslosigkeit vermischen sich mit dem Mut, der Widerborstigkeit und der Verzweiflung der Protagonistinnen. Einfache Aussagen, einfache Zusammenhänge gibt es in diesen Leben und Kontexten nicht. Einfache Aussagen, einfache Zusammenhänge erscheinen vielmehr als willentliche Akte der Zerstörung und der Aufprägung, Aufmodulierung von Etiketten und Kategorien, denen die Protagonistinnen zu entkommen versuchen, weder Unterschichtsfrau noch Flüchtling noch Hausfrau sein zu müssen.

Der Roman von NDiaye verfügt über viele, sich verbindende, verstärkende Momente, um in Erinnerung zu bleiben. Die Gewalt als Auflösung von Bedeutungsstrukturen bleibt allenthalben sichtbar und zwischen und in den Zeilen erkennbar. In einem fort erinnern die konfusen, dennoch sich abarbeitenden Monologe der Selbstfindungsverzweiflung an James Joyce Monolog von Molly am Ende von „Ulysses“, als Molly neben Leopold Bloom liegt und über ihr Leben und ihre Ehe nachdenkt.

„[…] und da soll ich rumschlurfen unten in der Küche daß seine Lordschaft sein Frühstück kriegt während er da zusammengerollt rumliegt wie eine Mumie also soll ich das überhaupt hast du mich schon mal rennen sehn ich würd mich ja eigentlich ganz gerne mal selber dabei sehen wenn man aufmerksam ist gegen sie behandeln sie einen wie den letzten Dreck mir ist das doch schnurzegal was die Leute sagen jedenfalls wär es viel besser für die Welt wenn sie von den Frauen regiert würde von Frauen hat man noch nie gesehn daß sie sich gegenseitig umbringen und schlachten wann hat man überhaupt mal gesehen daß Frauen sich besoffen rumtreiben wie die das machen oder daß sie den letzten Penny den sie haben im Spiel riskieren und bei Pferdewetten verlieren ja weil nämlich eine Frau egal was sie macht weil die weiß wann sie aufhören muß und überhaupt die wären doch nichtmal auf der Welt wenn wir nicht wären die wissen ja gar nicht was das heißt Frau zu sein und Mutter wie sollten sie auch wo kämen sie alle wohl hin wenn sie keine Mutter hätten die sich um sie kümmert […]“

James Joyce aus: „Ulysses“ übersetzt von Hand Wollschläger

In jedem Wort, in jedem Atemzug geht es stets ums Ganze, um das eigene Empfinden, das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. NDiaye schreibt gegen einen großen Anderen an, der seinen Schatten über das Leben anderer wirft. Die Unterdrückung, explizit, implizit, befindet sich im Auge des Beobachters, in welchem sich alle Beteiligten widerspiegeln und wiederzufinden versuchen. In dieser dunklen, krassen Ausgeliefertheit gleicht Bordeaux einem riesigen Großgrundbesitz, den Peter Weiss treffend in „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ beschreibt:

Der Himmel über den Waldungen hinter den Äckern hinter dem pflügenden Hausknecht ist von brennend blutigem Rot; der Schatten des Hausknechts, des Pfluges und des Pferdes zieht sich langgestreckt und wellenförmig, umflattert vom Schatten der Krähe, über die Ackerfurchen; der Schatten des Hauses legt sich blauschwarz bis über den Holzstoß, den Schuppen und den Steinhaufen, daneben zieht sich lang und schmal der Schatten des Abtritts hin, und der Schatten der Scheune ergießt sich, mit einem noch darüber hinausragenden Schatten einer menschlichen Gestalt, riesenhaft über die Felder. Der schattenwerfende Mensch auf dem Dach der Scheune ist der Vater […]“

Peter Weiss aus: „Der Schatten des Körpers des Kutschers“

Wer die Niederungen des Empfindens, die Poesie des Schmerzes, die Verzweiflung als literarisches Medium nicht scheut, wird mit „Die Rache ist mein“ neue Gedankenanstöße erhalten, wie soziale Systeme permutieren, sich definieren und möglicherweise zerfallen. Gegen das Zerfallen, gegen das Schweigen, gegen Sprachlosigkeit und Verstörung, aufgepfropfter Kategorisierung schreibt NDiaye erfolgreich an.

Alles an diesem Roman zeugt von der Souveränität einer Autorin, die dem Schicksal noch einmal von der Schippe gesprungen ist.

5 Antworten auf „Marie NDiaye: „Die Rache ist mein““

    1. Vielen Dank für den Kommentar! Ich war von dem Buch sehr begeistert, da ich die Monologe, das Ineinanderweben der Behauptungen und Rechtfertigungsexzesse mochte. Mich hat das Buch sehr ergriffen – ich verstehe aber, dass es trocken schien. Ich hätte gedacht, es nimmt sehr schnell an Wucht zu. Aber Leseerlebnisse unterscheiden sich. Ich hatte ja beim „Land der Anderen“ ein völlig anderes, und finde es spannend, wie anders Bücher erfahren werden können. Meines Erachtens ist „Die Rache ist mein“ formal und stilistisch eines der Höhepunkt des Jahres für mich gewesen. Ich lasse aber auch, bis auf wenige Ausnahmen, die Bestsellerlisten für mich auswählen – das ist ja die Idee meines Blogs (in meinem Elfenbeinturm fühle ich mich ohnehin wohl) 🙂 Viele Grüße.

      1. Das ist ja das Schöne. Dass wir alle so unterschiedlich lesen, wie wir auch sind. Und es hat ja doch immer viel mit einem selbst zu tun, wie man etwas wahrnimmt. Ich zumindest kann mich nicht so gut distanzieren, aber ich bin ja auch keine professionelle Kritikerin. Und Bestsellerlisten beachte ich gar nicht …
        Viele Grüße!

      2. Ich sehe das genauso. Viel hat mit dem Lesefluss selbst zu tun. Dass dein Blog die Bestsellerlisten gar nicht beachtet, ist ja gerade eines der Gründe für sein Leuchten 🙂 … mein Blog versucht die Bestsellerliste zu verstehen. Es ist meine mir selbst auferlegte Herausforderung, inwieweit dies gelingt, weiß ich auch nicht. Ich freue mich immer sehr über deine Leseeindrücke!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: