Damon Galgut: „Das Versprechen“

Eigentümlich hoffnungsvoll … Booker-Preis 2021.

Mehrere Romane in den Bestsellerlisten dieses Jahres behandeln die emotionalen, politischen, psychologischen Hinterlassenschaften der kolonialen Gewaltherrschaft. In „Das verlorene Paradies“ von Adulrazak Gurnah geht es um Tansania, um den Lebensweg eines kleinen Jungen zwischen preußischem Militär und chaotischer Häuptlingsregentschaft; in „Die Rache ist mein“ von Marie NDiaye unter anderem um die Problematik einer Flüchtlingsfamilie aus Mauritius im Gegenwartsfrankreich. In Leïla Slimanis „Das Land der Anderen“ wird die Geschichte einer Französin in Marokko erzählt und deren gewaltsame Initiation in die dort herrschende Kultur, und in „Schicksal“ beschreibt Zeruya Shalev die Ereignisse in den ersten Jahren des neugegründeten Staates Israel, das Leben, Weiterleben, Fortleben von Terror und Freiheitskampf. Damon Galguts Roman „Das Versprechen“, diesjähriger Booker-Prize Gewinner, lässt das Augenmerk auf die Südhalbkugel wandern, weit über den Mittelmeerraum hinaus auf Südafrika, Pretoria, und erzählt die Geschichte der Familie Swarts.

„Die Swarts halten zusammen, meistens jedenfalls, obwohl sich die Reihen inzwischen doch ziemlich gelichtet haben und sie vollzählig in der ersten Bank Platz finden, Amor und Anton und Desirée und diverse andere weitläufige Verwandte, die von den übrigen Gästen nur schwer zu unterscheiden sind. Denn die Familie Swart hat so gar nichts Besonderes oder Bemerkenswertes, o nein, sie gleicht der Familie von der Nachbarfarm und der Nachbarfarm der Nachbarfarm, nur ein gewöhnlicher Haufen weißer Südafrikaner, und wenn du es nicht glaubst, brauchst du nur einmal darauf zu achten, wie wir sprechen. Wir klingen nicht anders als die anderen Stimmen, wir klingen ganz genauso, und wir erzählen dieselben Geschichten, in einem breiigen Akzent, mit geköpften Konsonanten und gequetschten Vokalen. Unsere Seele ist irgendwie verrostet, regenfleckig und verbeult, und das hört man unserer Stimme an.“

Damon Galgut aus: „Das Versprechen“

Die Swarts sind weiße Großgrundbesitzer, die neben ihrer Farm noch einen Reptilienzoo besitzen, und schwarze Diener und Dienerinnen für sich arbeiten lassen. Am Anfang des Romans stirbt die Mutter, Rahel. Die drei Kinder, Amor, Astrid und Anton und der Vater Herman Albertus (Manie) bleiben zurück, und auch das schwarze Dienstmädchen Salome. Der letzte Wunsch Rahels, den Amor als kleines Mädchen bezeugen kann, ist, Salome das kleine Haus, in welchem sie mit ihrem Sohn Lukas wohnt und das sich am Rande des Grundstücks der Swarts befindet, zu schenken. Der Roman handelt nun von dem Aufschub, den Problemen, die Kleinkariertheiten der Familie mit diesem Versprechen umzugehen.

„Ja, sagt er [Manie] vage, wenn ich einmal ein Versprechen gegeben habe, halte ich es auch. Sicher? Wenn ich’s dir doch sage. Er zieht ein Taschentuch aus der Jackentasche und schnäuzt sich die Nase, dann schaut er hinein und nimmt das Resultat in Augenschein. Steckt es wieder ein. Worum geht es hier eigentlich?, sagt er. (Salomes Haus.) Aber auch Amor schwinden die Kräfte, und sie sinkt abermals an seine Brust. Sie sagt etwas, doch er versteht kein Wort.“

Was erzählt wird, ist der Niedergang der Familie Swarts, ganz und gar vergleichbar mit Thomas Manns „Buddenbrooks“. Nur weniger verhängnisvoll, weniger Schopenhauersches Karma. In „Das Versprechen“ wird einfach ein Versprechen nicht gehalten und dieses Nicht-Halten zieht seine Kreise, spinnt eine Allegorie um das Chaos in Südafrika, um das Ende der Apartheid, um die nicht eingelösten Hoffnungen, die nicht aufgelösten Verbrechen, die nicht neu ausgehandelten und verhandelten Kommunikationsverhältnisse in einem zerrütteten Land. Anders als in „Schicksal“ von Zhalev lässt Galgut den Schicksalsbegriff außen vor und leiht ihm dennoch eine eigene und eindrucksvolle Stimme: Schicksal als unbewusst wühlendes, hinterrücks sich durchsetzendes Verhängnis eines schlechten Gewissens.

„Aber verweigern kann man sich nur anderen Menschen, nicht dem Schicksal. Du [Antons Frau Desiree] hast das vielleicht an dir selbst schon einmal festgestellt, sich seinem Los zu widersetzen, ist vergebene Liebesmüh, was geschehen wird, wird geschehen, unabhängig von deinem Nein. Letztlich ist es eine Tatsache, so schlicht wie das Wetter, dass dein Mann heute Morgen aufgestanden ist, mit seiner Flinte das Haus verlassen hat und absurde Verrenkungen vollführen musste, um sich den Schädel wegpusten zu können. Warum? Darum.“

Die etwas banale und sogar vorhersehbare Geschichte dient nur zum Anlass, vom Leben und Sterben dieser Menschen in jenen Verhältnissen zu erzählen. Sie dient nur als roter Faden, als Rahmen, ein Gewusel an individuellen Schicksalen, Selbstlügen, Unzulänglichkeiten und Verzweiflung zum Ausdruck kommen zu lassen. Galgut nämlich lässt sie alle zu Wort kommen. Er kommentiert, taucht in die Gedanken seiner Figuren ein, erzählt auktorial und personal zugleich und schafft es auf diese Weise, ein polyphones Erlebnis zu kreieren, das fesselt, bannt, das interessiert, weil die Figuren lebendig werden, ihr je eigene Stimme bekommen, ihre je eigene Sicht auf die Dinge artikulieren, die meist, weniger verwunderlich, windschief zu den Ansichten, Vorstellungen, Meinungen aller anderen, auch ihrer Familienmitglieder stehen. „Das Versprechen“ evoziert auf diese Weise ein Gesamtbild, fokussiert entlang einer Farm, gebündelt rund um eine Familie, aber mit ganz Südafrika als Hauptakteur.

„Der Boden ist aufgebrochen worden, an der Stelle, wo es nach Knochen stinkt. Die Erde verströmt Gerüche, wenn sie aufgerissen wird, für die menschliche Nase nicht wahrnehmbar, aber für Canis mesomelas redet sie, ach, in Zungen. Die Wunde ist groß und tief, und in ihr riecht es nach den Übeltätern, den stählernen Rändern ihrer Klauen, nach ihrem Schweiß, ihrem Speichel, ihrem Blut, obgleich sie selbst längst verschwunden sind. Vielleicht wollten sie einen Bau anlegen. Vielleicht kommen sie ja zurück, um ihr Werk zu vollenden.“

Galguts Sprache bedient sich aller modernen Erzähltechniken. Er hält sich an keine stringente Erzählposition. Er zieht heran, was ihm zum je augenblicklichen Ereignis einfällt. Seine Assoziationen sind zwar lose, jedoch nie beliebig. Seine Satzstrukturen fest und klar, obgleich Tote als Gespenster sprechen, von einem Er in ein Ich gesprungen wird, oder von einer Innenwelt in die nächste gehüpft wird, ohne das Hüpfen anzukündigen oder gar zu rechtfertigen. Das Chaos singt und zittert, tobt und zürnt. Die Emotionen durchmischen sich, und hier und da meldet sich ein allwissender Erzähler, der die Lage mit Ironie und Kopfschütteln, selbst verwirrt, manchmal mit Sarkasmus kommentiert, aber nie überheblich über den Dingen schwebt. Sein Schreibstil spiegelt das emotionale, intellektuelle Wirrwarr wider, das sich um die Geschehnisse in den Köpfen aller Beteiligten stets aufs Neue bildet.

Es fehlt das Vertrauen, die Beständigkeit, die durch das Vertrauen entsteht, sich erst durch das Verfahren, das Zuhören manifestieren und festigen kann. Die jüngste Tochter Amor weiß davon und entzieht sich deshalb, machtlos an das Wort und das Einverständnis ihrer Geschwister gebunden. Das Versprechen, Salome das Haus zu schenken, ihr Grund und Boden zu vermachen, bildet das Fundament des Sozialen, der Gesellschaft, die mehr und mehr bröckelt, je länger das Versprechen der sterbenden Mutter ignoriert wird. Antik schalten sich polyphone Stimmen von Bettlern und Alkoholikern, Priester und Fremden in das Geschehen ein, verlautbaren als Sophokles‘scher Chor das Verhängnis, das über den Swarts wie ein Damokles Schwert baumelt. Sie ignorieren es. Ohne Worte, die etwas bedeuten, fällt ein Gemeinwesen in sich zusammen. Was bleibt, ist Gewalt.

„Die Südafrikaner massakrieren sich zum Spaß oder wegen ein bisschen Kleingeld oder einer winzigen Meinungsverschiedenheit. Es wird geschossen, erstochen, erdrosselt, verbrannt, vergiftet, erstickt, ersäuft, erschlagen/Eheleute, die sich gegenseitig niedermetzeln/Eltern, die ihre Kinder töten und umgekehrt/Fremde, die andere Fremde umbringen. Leichen, die einfach am Straßenrand liegen gelassen werden, wie achtlos weggeworfenes Bonbonpapier. Jede einzelne davon ein Leben, oder vielmehr ein zerstörtes Leben, von dem sich konzentrische Ringe aus Schmerz nach allen Seiten ausbreiten, womöglich bis in alle Ewigkeit.“

Galgut klagt jedoch nicht an. Er ist mitten im Geschehen. Er ist hilflos wie alle, konstruiert keine Ursachen, schwimmt mit dem Strom und paddelt gegen die Verlogenheit. Machtlos. Dunkel wie „König Lear“ von William Shakespeare, verzweifelt wie Elfriede Jelinek in „Gier“ und „Lust“. Rhythmisch, suchend, in einer écriture automatique der Ratlosigkeit erinnert Galgut an Claude Simon von „Das Gras“, in welchem ebenfalls die Geschichte einer Familie erzählt wird, von Gewalt, Verrat, Lügen und den permanenten Versuchen, das Aussprechbare unter fadenscheinigen Gründen eben doch nicht aussprechen zu wollen.

„[…] denn womöglich war es ihr jetzt gar nicht mehr klar, dass sie redete – aber das, was sie zum Reden brachte, das, was ihre Stimme nicht etwa zu erzählen versuchte, da es sie anscheinend gar nicht mehr kümmerte, ob sie gehört wurde, und da sie noch weniger um jenes Minimum an Kohärenz besorgt war, das man seinen Worten geben muss, um sich verständlich zu machen, das heißt, wenn man es sich recht überlegt, um sich nicht verständlich zu machen, weil es immerhin recht komisch und sogar völlig absurd ist, genötigt zu sein, sich genötigt zu fühlen, etwas kohärent auszudrücken, wenn das, was man empfindet, inkohärent ist, wie bei mir zum Beispiel […]“

Claude Simon aus: „Das Gras“

Galguts Panorama kreiert weniger Sinn als Präsenz. Die Welt mischt sich in die Worte. Sie nimmt Anteil und teil an den geizigen, gierigen, raffsüchtigen Plänen, Gedanken und Wünschen der Figuren. Sie gibt ihnen jeden Tag aufs Neue eine Chance. Mit jedem neuen Ereignis, mit jeder neuen Stunde, jedem weiteren Jahr in der Geschichte der Swarts hätte sich alles zum Guten kehren können, aber jedes Mal lassen die Beteiligten alle Hoffnung fahren, suchen ihr Glück nach vorn, nicht zurück und vergessen, wer sie waren, was sie sein wollten, wie sie sich einst ihre Zukunft vorstellten.

„Strommasten, deren Silhouetten sich wie gestanzt gegen das Rot abheben. Er [Anton] ist ziemlich weit gelaufen, das Haus hinter ihm nicht mehr zu sehen. Die Vögel jetzt in vollem Chor. Törichte alte Erde, die immer wiederkehrt und immer dasselbe Programm herunterleiert, Tag für Tag. Hat noch nie eine Vorstellung ausfallen lassen. Wie erträgst du das bloß, du alte Hippe, immer und immer wieder dieselbe Nummer zu spielen, früh wie spät, während das Theater ringsum langsam verfällt und sich an deinem Text nie auch nur eine Silbe ändert, von der Maske, den Kostümen, den übertriebenen Gesten nicht zu reden … Morgen und übermorgen und überübermorgen …“

Damon Galgut aus: „Das Versprechen“

Das nicht eingelöste Versprechen allegorisiert die Geschichtsvergessenheit. Der Bann verbleibt und zieht die Figuren hinab in ihr jeweiliges Elend. Galgut kennt hier mit ihnen keine Gnade. Gleichsam als Leitmotiv Boris Pasternak auf den Lippen, der von der Geschichte sagt, dass niemand sie mache, niemand sie sehe, ebensowenig wie man das Gras wachse sähe, so wenig erkennen die Swarts Salomes Dienste an, Salomes Anspruch auf das Haus, das Rahel ihr auf dem Sterbebett vermacht hat. Die Heldinnen der Geschichte sind Amor und Salome, die als Hintergrund fungieren, die hier und da nur auftauchen, nur leiden, nur fliehen, sich verstecken können, weil sie nicht Teil dieser Form der Kommunikation sein können, der unaufrichtigen.

„Es weht ein heißer, böiger Wind, und von Osten ziehen schwarze Wolken auf. Donner gurgelt in der Himmelskehle. Höchste Zeit, sich auf den Weg zu machen, Eile vorzutäuschen, denn sonst bricht das Herz. Beide Frauen [Amor und Salome] wissen, dass sie sich nie wiedersehen werden. Aber warum ist das wichtig? Sie stehen sich nahe und doch auch nicht. Sie sind verbunden und doch auch nicht. Eine der seltsamen, simplen Fusionen, die dieses Land zusammenhalten. Manchmal nur so eben.“

Damon Galgut schreibt gegen das Vergessen an und zwar intensiv, unnachgiebig, bruchstückhaft und verzweifelt. Sein Text birst und borstet an allen Ecken und Kanten über sich hinaus. Das Vergessen will nicht vergessen werden. Es will von der dunklen Last der Verschwiegenheit befreit werden, und Galgut stellt die Literatur in genau diese Dienste. „Das Versprechen“ ist ein Text, der vor Hoffnung trotz Desillusion eigenartig nur so glüht.

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