Ayn Rand: „Atlas Shrugged“ (iii: die Logik)

Übers Leben um des Überlebens willen.

Nach der literaturhistorischen Einordnung im ersten Teil (i: das Genre), der Rekonstruktion des Plots als zweiten (ii: der Plot), nun die Erzähl- und Argumentationslogik von Ayn Rands Hauptwerk „Atlas Shrugged“ zum Abschluss (iii: die Logik). Rand betrachtete den Roman und insbesondere die Rede von John Galt im Kapitel „Hier spricht John Galt“ als die Grundlegung ihrer Philosophie des Objektivismus. In vielen Reden, Aufsätzen, in Interviews und Stellungnahmen verweist sie auf diese Rede als die ausführliche Darlegung all dessen, was sie in Bezug auf Philosophie in die Waagschale zu werfen hat. Es nimmt insofern kein Wunder, dass die Rede, die über 5% der Textmasse des Romans ausmacht, völlig aus dem Rahmen und unangemessen lang ausfällt. Sie beginnt mit den folgenden Worten:

Ihr habt gehört, unsere Epoche sei eine Zeit der moralischen Krise. Du sagst dir selbst, voller Angst oder Hoffnung, das seien nur Worte.

Ayn Rand aus: „Atlas Shrugged“ (dt. „Der freie Mensch“)

Bevor die Rede inhaltlich analysiert wird, noch eine Anmerkung zur neuen Übersetzung, die hier nicht nur fragwürdig, sondern schlichtweg falsch ist. Auch wenn im Englischen die zweite Person Singular von der im Plural nicht zu unterscheiden ist, lässt sich die zweite Person Plural im individualistischen Universum einer Ayn Rand gar nicht denken und rechtfertigen. Sie spricht nicht zur Masse, zu einer Gruppe. Ihr John Galt spricht zu jedem einzelnen Selbst. Das „Du“ im zweiten Satz kontrastiert kein „Ihr“ im ersten. Die Übersetzung lautet „Du hast gehört, deine … Du sagst dir selbst …“ Die freie Übersetzung verstößt aber nicht nur gegen Ayn Rands Philosophie, sondern sogar gegen die die Rede einleitenden Sätze selbst, die da lauten:

Und diese Stimme [von John Galt] klang so, als ob er hier, in diesem Raum, nicht zu einer Gruppe, sondern zu jedem einzelnen Menschen sprechen würde; es war nicht der Ton einer öffentlichen Ansprache, sondern der Sprecher appellierte an die Vernunft jedes individuellen Zuhörers.

Von dieser die Rede empfindlich störenden Fehlübersetzung abgesehen, beginnt John Galt sofort mit den entscheidenden und alles definierenden Problem des Nominalismusstreites. Das, was gehört wurde, so die Hoffnung, seien nur Worte. In Ayn Rands Universum gibt es aber keinen Unterschied zwischen den Worten und der Wirklichkeit. Worte sind nicht einfach nur Worte. Worte sind Abbilder der Realität. Jede Beschreibung ist entweder richtig oder falsch. Jede Handlung ist entweder gut oder böse, und jede Aussage entweder wahr oder gelogen. Die Philosophie des objektiven Realismus will von Konstruktivismus und Dekonstruktivismus nichts wissen. So wie die Realität für jeden Menschen gleich zugänglich und wirklich ist, so ist die Bedeutung eines jeden Wortes klar festgelegt. Wer über Bedeutungen von Worten anfängt zu sinnieren, trägt Schuld an der moralischen Krise, denn, so John Galt:

Ihr habt [Du hast] die Vernunft dem blinden Glauben geopfert.

Die Rede fährt nun fort, die Missstände aufzuzählen, die darin bestehen, dass der Altruismus seinen Siegeszug feiert und die vernünftigen reichen Männer auf dem Altar geopfert werden sollen. Diese haben sich deshalb zurückgezogen und ihren Streik gegen die Selbstzerstörung begonnen. Nach diesem Auftakt findet die Enthüllung statt, auf die der Roman hingearbeitet hat. Es wird die Frage beantwortet, wer John Galt ist, denn über 25 mal wurde bis dahin, wenn einer der Figuren in einem Gespräch die Antwort nicht weiß, gesagt: Wer ist John Galt? gesagt. Wie in einer Sinfonie, findet nun alles zusammen:

Während ihr weiter gejammert habt, dass eure Moral edel sei, nur der Mensch nicht gut genug, sie zu praktizieren. Und niemand ist aufgestanden, um die Frage zu stellen: Edel? Nach welchem Maßstab denn? Ihr wollt die Identität von John Galt erfahren? Ich bin der Mensch, der diese Frage gestellt hat.

John Galt ist ohne Frage eine Erlöserfigur, die eine Art von Bergpredigt hält. Er bringt die wahre Moral. Er lüftet das Geheimnis der menschlichen Natur, auf dass der Bann sich löst, die moralische Krise überwunden werden kann, indem er darauf hinweist:

Um am Leben zu bleiben, muss er [der Mensch] denken. Aber zum Denken muss man sich entscheiden. Der Schlüssel zu dem offenen Geheimnis der menschlichen Natur, vor dem ihr euch so fürchtet, ist, dass der Mensch zum bewussten Sein einen Willen braucht.

Das Geheimnis aber liegt nicht darin, dass man denken muss, sondern dass man die Realitäten zu akzeptieren hat. Die Grundprämisse der Moral von Ayn Rand ist nämlich das nackte Überleben. Ihre Philosophie beruht darauf, dass Leben selbst der höchste Wert ist, das Überleben selbst bereits das größte Glück gewährt, und nichts anderes als die Strategie im Hier und Jetzt, wie man am besten überlebt, der Schlüssel zum Schloss der Wahrheit ist, denn:

In jeder Stunde und bei jeder Frage deines Lebens steht dir frei, zu denken oder auf diese Anstrengung zu verzichten. Aber du bleibst gebunden an die menschliche Natur, an die Tatsache, dass der Verstand dein Überlebenswerkzeug ist.

Die Reduktion aller Fragen darauf, wie man überlebt, dekodiert die extremen Behauptungen von Rand ins Plausible. Fairness, Gerechtigkeit wird in einem brennenden Haus nicht diskutiert. Auf der Flucht ist ein Tisch ein Tisch, A=A, ein Hund ein Hund, ein Sack Brot ein Sack Brot und alles andere nebensächlich. Wer Hunger hat, nimmt, was er bekommt. Alles andere ist in Ayn Rands Universum Dekadenz. Die Bedrohung ist omnipräsent. Der Kampf gegen die Natur hört nie auf. Überall lauert der Tod, die Gefahr, das Ende des Lebens durch eine lebensfeindliche Umgebung.

Die Materie als solche ist unzerstörbar. Sie verändert nur ihre Form. Nur der lebende Organismus steht unentwegt vor einer Alternative: Leben oder Tod. Leben ist ein Prozess sich selbst erhaltender und selbst erschaffener Handlungen. Wenn ein Organismus bei diesen Handlungen versagt, stirbt er. Seine chemischen Elemente bleiben erhalten, aber sein Leben hört auf zu existieren.

Ihre Erkenntnistheorie bezieht sich also lediglich auf den Notfall. Nur erhebt sie diesen in den Rang eines Dauerzustandes. Wer Hunger hat, rettet das Korn vor dem Feuer, egal wem es gehört. Wer Geld für seine Familie benötigt, arbeitet und fragt nicht, wie lang, was, noch wozu. Er blickt um sich, nüchtern, pragmatisch, soldatisch, gehorcht oder macht sich selbständig, gibt Befehle oder führt Befehle aus, frisst oder wird gefressen, oder in einem Satz, den sie mehrmals in „Atlas Shrugged“ wiederholt:

Was immer du betrachtest, einen Gegenstand, eine Eigenschaft oder eine Handlung – das Gesetz der Identität gilt für alles. Ein Blatt kann nicht gleichzeitig ein Stein sein, es kann nicht gleichzeitig völlig rot und vollkommen grün sein, es kann nicht gleichzeitig vereisen und verbrennen. A ist A. Oder, wenn du es mit einfacheren Worten hören willst: Du kannst deinen Kuchen nicht haben und ihn essen.

Mit anderen Worten: Der Sachzwang gebietet Gehorsam. Alles andere ist lebensmüde. Der ängstliche Blick kennt kein Grau. Er kennt nur Schwarz oder Weiß, Freund oder Feind, brauchbar oder unbrauchbar, nützlich oder schädlich. Ihre Denkweise akzeptiert die panische Gegenwart als Ausgangspunkt. Verfolgt von einer alles niederwalzenden Steinkugel zaudert sie nicht an einer Weggabelung. Sie fragt nicht, links oder rechts und bleibt stehen. Ayn Rand hat Friedrich von Logaus Sinngedicht zum allgemeinen existenziellen Prinzip erklärt:

In Gefahr und großer Not
Bringt der Mittelweg den Tod.

Friedrich von Logau aus: „Sinngedichte“ 1Z,89

In ihrer Formel heißt es denn auch konsequenterweise, Kapitalismus oder Tod. Sie starrt angstgegenwärtig auf die Realität, besessen, von Hunger und Durst getrieben. Ihr entgeht kein Detail. Alles ist scharf und klar vor dem Hintergrund des unbedingten Selbsterhalts. Die Gegenwart definiert, was wertvoll ist, was nicht. Die aktuelle Marktlage definiert den Preis. Und die Rationalität akzeptiert das Gegebene und macht das Beste, nämlich die Selbsterhaltung, daraus. Ihre Erkenntnistheorie nimmt Knut Hamsuns Roman „Hunger“ ernst, das Delirium, getrieben vom leeren Magen, klar, scharf umrissen das Ziel, etwas zu essen, streicht der Protagonist arm und abgemagert durch Kristiania:

Mir entging nichts, nicht einmal irgendeine kleine Nebensache von allem, was ich auf diese Weise beobachtete. Meine Aufmerksamkeit war äußerst wachsam, ich atmete empfindlich jeden kleinen Umstand ein und machte mir meine Gedanken über diese Dinge, wie sie der Reihe nach verliefen. Es konnte also unmöglich mit meinem Verstand etwas nicht in Ordnung sein. Wie sollte auch jetzt etwas nicht in Ordnung sein?

Knut Hamsun aus: „Hunger“

In der Rede von John Galt reduziert sich ebenfalls alles auf diesen nächsten Bissen Brot. Alles andere ist Einladung zur Selbstzerstörung. Es gilt vorzusorgen, zu sparen, zu erwirtschaften, ein Bollwerk zu errichten, gegen die finstere Umwelt und die feindlichen Kräfte, die dem einzelnen ans Leder wollen. Deshalb sagt er:

Meine Ethik, meine Moral ist eine der Vernunft und sie hat ein einziges Axiom: die Existenz existiert – und sie verlangt nur eine Entscheidung, nämlich die, leben zu wollen. Alles andere ergibt sich daraus.

Ayn Rand aus: „Atlas Shrugged“ (dt. „Der freie Mensch“)

Wäre dies der Schlusssatz der Rede, hätte sie ihren literarischen Dienst vollends erfüllt. Viel mehr zu sagen, gibt es danach eigentlich nicht mehr. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, und die Natur ist der Feind. Eigentümlicherweise steht der Satz noch im ersten Fünftel der Rede, die mehr als hundert Seiten umfasst und immer wieder über Tod und Leben und die Moral und Vernunft räsoniert, und so die einzig, fiktional, problematische Stelle in „Atlas Shrugged“ erzeugt. Die Fiktion, es handle sich noch um eine Radiorede, fällt in sich zusammen. Es ist ein philosophischer Aufsatz, der sich in einen Unterhaltungsroman verirrt hat.

Die Konsequenz von Ayn Rands Lebensphilosophie und politischer Theorie besteht darin, dass sie nirgends erörtert, wie Wert entsteht, welche Wahrheit sie meint, welchen Maßstab sie den Urteilen zugrunde legt. Was die objektive Realität ist, ist klar. Was Wert hat, was nicht, auch. Und was gut, was böse ist, sowieso. Das sagt einem die Vernunft, die Moral, die Wahrheit, und das Denken muss nur selbstbewusst rational entscheiden, um das eigene Überleben zu sichern. Dieses Nicht-Benennen führt in „Atlas Shrugged“ zu einer unfreiwilligen Komik. Beispielsweise rühmt der Lehrer von John Galt und seinen beiden Freunden Francisco d’Anconia und Ragnar Danneskjöl, nämlich Hugh Akston die Genialität seiner Schüler, indem er Dagny gegenüber aus dem Nähkästchen plaudert.

Diese drei Jungs sahen selbst für Neuntklässler jung aus – wie ich später erfuhr, waren sie damals sechzehn Jahre alt. Am Ende meiner Vorlesung stand John auf und stellte mir eine Frage. Es war eine Frage, die ich als Lehrer von niemandem erwartet hätte, der nicht mindestens sechs Jahre Philosophie studiert hatte. John stellte eine Frage zu Platons Metaphysik, auf die sogar Platon selbst nicht gekommen war. Ich antwortete – und bat John nach der Vorlesung in mein Büro.

Hugh Akston wurde also auf John aufmerksam, weil dieser eine Frage stellte, auf die Platon nicht gekommen war. Leider erfährt man nicht, weder nachher noch vorher, was das für eine Frage war, die selbst Platon überforderte. Die Genialität Johns entpuppt sich als Luftschloss und die Wirkung verpufft. Ayn Rands demagogisches, verrücktes, intensives, leuchtendes Feuerwerk überspannt den Bogen. Die Theatralik löst nicht ein, was sie verspricht, und der Selbsterhaltungskampf bekommt komödiantische Züge von Superreichen, die gerne mal wieder, und zwar ungestört von Gesetzen und Vorschriften, Cowboy und Indianer spielen wollen. So gefährlich nämlich ist die Natur nicht mehr. Am Ende des Romans trifft man Eddie Willers wieder, der neben dem verlassenen Vorzeigezug der Taggart Transatlantic, dem Comet, steht und diesen gegen die Vereinnahmung durch die Natur verteidigt:

Er hörte ein noch schärferes Rascheln in der Nähe – und er sah die kleine graue Gestalt eines Kaninchens, das sich auf seine Hinterbeine erhob, um an den Stufen eines Wagens des Taggart Comet zu schnuppern. Mit einem Wutschrei stürzte er sich auf das Kaninchen, als ob er den Vormarsch des Feindes in der Person dieser kleinen grauen Gestalt besiegen könnte. Das Kaninchen flüchtete in die Dunkelheit – aber er wusste, dass das Vorrücken des Feindes unaufhaltbar war.

Das Kaninchen gereicht nicht hin, das Bedrohungsszenario nachvollziehbar werden zu lassen, aus dem Ayn Rand ihre ganze Emphase und Intensität und Dringlichkeit schöpft. Ihr Atlas steht auf tönernen Füßen und so ist man ganz erleichtert, dass er am Ende zum Glück die Last von seinen Schultern abwirft.

4 Antworten auf „Ayn Rand: „Atlas Shrugged“ (iii: die Logik)“

  1. Interessant fand ich, dass in der Rede John Galts die Übersetzung nicht stimmte. Denn das hatte mich wirklich irritiert. Warum spricht John Galt plötzlich zu einer Gruppe. Wo ist der Individualismus?

    „Diese drei Jungs sahen selbst für Neuntklässler jung aus – wie ich später erfuhr, waren sie damals sechzehn Jahre alt. Am Ende meiner Vorlesung stand John auf und stellte mir eine Frage. Es war eine Frage, die ich als Lehrer von niemandem erwartet hätte, der nicht mindestens sechs Jahre Philosophie studiert hatte. John stellte eine Frage zu Platons Metaphysik, auf die sogar Platon selbst nicht gekommen war. Ich antwortete – und bat John nach der Vorlesung in mein Büro.“

    an dieser von dir zitierten Stelle habe ich auch gestutzt. Wo bleibt die Frage? Da macht Ayn Rand heiße Luft und lässt es zerplatzen..
    Tönerne Füße- ja das ist gut.
    Für mich ist es immer noch so, dass ich denke-es gibt vieles mit dem ich übereinstimme. Leistung muss sich lohnen, kein Altruismus bis zur Selbstaufgabe. Ich mag ihre Härte, ihre Disziplin den unbedingten Willen etwas zu erschaffen was über einen selbst hinausgeht. Aber : sie geht über Leichen. Man will in ihrer Gesellschaft nicht leben wollen.

    1. Ja, diese Platon-Stelle ist absonderlich … ich war völlig baff, als ich das las. Ayn Rands Philosophie lese ich gerade quer mit Hannah Arendts „Vita activa“, das ich am Wochenende ausgelesen habe – mir fällt es gerade sehr schwer, meine Gedanken zu sammeln. Ayn Rand ist da kompromissloser 😀 Ich bin gespannt, was du zu Fountainhead sagen wirst. Vielleicht lese ich erst einmal „We the living“ – ich weiß noch nicht. Seltsames Zwitterwesen, die zu unaufhörlichen Randnotizen zwingt. Bin gespannt, was du zu Eilenberger sagst. Viele Grüße!

      1. Ich hab derzeit wieder eine Phase, in der es mir schwer fällt am Stück etwas zu lesen. Im Moment gilt festhalten und nicht wegfliegen.
        Und Fountainhead strapaziert mich sehr mit der Banalität. Eilenberger ist toll. Da schaffe ich tatsächlich täglich ein paar Seiten.

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