Kalenderwoche 42-43. Lesebericht.

Kalenderwoche 42-43. Lesebericht.

Nun, nach der Zeitumstellung, zwitschern die Vögel morgens wieder fröhlicher und früher, selbst in Berlin. Es dauert nur wenige Tage an, aber solange die Gewöhnung noch nicht eingesetzt hat, fliegen, flattern und piepen die Vögel über den Dächern von Kreuzberg äußerst immens. Vielleicht liegt’s auch am Halbmond, oder am Wetter. Wer weiß. Nach dem Buchpreislesen beschäftigt sich mein Kalenderwoche 42-43 Lesebericht nicht so sehr mit Bestsellerbüchern, sondern mit Klassikern der Ökonomie, die u.a. die Wechselwirkungen von Subsystemen untersuchen, um der Selbstreferenzialität zu entfliehen:

Das Erstaunliche liegt in der Prätention und in dem Ausmaß, in dem es ihr doch gelingt, selbstreferentielle Zirkel zu unterbinden. Zumindest operiert das System jeweils so, also ob dies so wäre; und wenn dies eine Fiktion ist, dann eine, die funktioniert.

Niklas Luhmann aus: „Die Wirtschaft der Gesellschaft“

Lesen scheint gerade eine solche Tätigkeit zu sein und treibt, trotz hoher Unwahrscheinlichkeit, oft über jedwede semantischen Grenzen hinaus.

Gekauft:

Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft – nun in gebundener Form. Bücher dieser Art lese ich lieber mit der Sicherheit im Rücken, dass egal wie oft ich sie aufschlage, bekritzle, wie viele Notizblätter ich in sie hineinlege, herausziehe, wieder hineinstopfe, das aus den Fugen gehen unwahrscheinlich, bis unmöglich ist. Deshalb lasse ich die Taschenbuchausgabe mal links liegen und befasse mich mit der erstandenen gebundenen Erstausgabe.

Isabel Allende: Das Geisterhaus – das Buch habe ich im Flur auf dem Fensterbrett stehen sehen und nachdem mir Violeta nicht ganz so gut gefallen hat, wie ich es mir gewünscht hätte, bin ich nun neugierig auf ihr bekanntestes Werk.

Sie war eine virtuose Erzählerin, die es verstand, an den richtigen Stellen Pausen einzulegen, den Tonfall zu berechnen, zu schildern, ohne Gesten zu Hilfe zu nehmen. Das Bild, das sie entwarf, war so lebendig, dass der Zuhörer es zu sehen vermeinte, es war unglaublich, wie sie durch die angelehnte Tür die Art des Erschauerns, die Vielfalt der Spiele, die ins Ohr geflüsterten Worte, die heimlichen Gerüche hatte wahrnehmen können, wirklich ein Wunder.

Isabel Allende aus: „Das Geisterhaus“

Ich mag die etwas distanziert erzählende Allende mehr als das direkte „Du“ in dem Briefroman Violeta, das mir viel abgeklärter zu sein scheint, an vielen Stellen über viel zu viele Dinge gleichzeitig unterschiedslos hinweggleitet als die Erzählerin in Das Geisterhaus.

Annie Ernaux: Das andere Mädchen – ist das Belletristik-Bestsellerbuch dieser Woche und ähnlich zu Das Ereignis ein sehr kurzer Text, gerade einmal 73 Seiten. Die Wirkung der Lektüre hallt jedoch noch nach. Ich werde Ende der Woche darüber detaillierter berichten. Es ist deutlich verschieden von Das Ereignis, indem es literarisch andere Formen wählt und sich anderen Spielräumen überlässt:

Weit weg, aber scharf, die ersten Bilder aus Lillebonne:
             die Kneipe, mit dem Billardtisch und den Tischen mit Marmorplatte in parallelen Reihen, die schemenhaften Silhouetten der Gäste […]
             die Küche, die durch eine verglaste Tür vom Laden abgetrennt ist und auf den gepflasterten Hof hinausgeht
             das Esszimmer im ersten Stock mit den schwarz-orangenen Stoffblumen in einer Schale auf dem Tisch
             Poupette, unsere Kurzhaarhündin, die ständig zitterte und die Ratten aus dem Fluss totbeißt

Annie Ernaux aus: „Das andere Mädchen“

Die Reihung und Stanzen, die mich sehr an Claude Simons Das Gras erinnern, berühren mich und ziehen sanft in einen Strudel der Erinnerung, dem ich mich kaum zu entziehen vermag. Eine Kurzbesprechung findet sich hier.

Ausgelesen:

Annie Ernaux: Das Ereignis – über diesen Kurzroman habe ich hier berichtet und eine Kurzfassung der Rezension findet sich noch dort.

Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals – eigentlich wollte ich von Ayn Rand Der Ursprung (The Fountainhead) lesen, aber dann landete unversehens Rosa Luxemburg und Niklas Luhmann auf meinem Tisch. Rosa Luxemburg mit Ayn Rand querlesen ist sehr inspirierend, ähnlich wie Simone Weil mit Hannah Arendt. Beides sind Projekte, die noch ausstehen. Rosa Luxemburg zeigt sich in ihrem Hauptwerk als Systemtheoretikerin avant la lettre, indem sie untersucht, unter welchen Bedingungen sich Tauschmärkte und Profitstreben ausweiten und ausbreiten können. Bei all dem verliert sie nie aus den Augen, dass sie heuristisch der Dynamik gesellschaftlichen Reichtums auf die Schliche zu kommen sucht:

Die Lösung liegt, im Sinne der Marxschen Lehre, in dem dialektischen Widerspruch, dass die kapitalistische Akkumulation zu ihrer Bewegung nichtkapitalistischer sozialer Formationen als ihrer Umgebung bedarf, in ständigem Stoffwechsel mit ihnen vorwärtsschreitend und nur so lange existieren kann, als sie dieses Milieu vorfindet.

Rosa Luxemburg aus: „Die Akkumulation des Kapitals“

Die Entstehung gesellschaftlichen Reichtums vermag Luxemburg also nicht völlig zu entparadoxalisieren. Darauf macht Luhmann in Die Wirtschaft der Gesellschaft aufmerksam, der ein solches Paradoxon als systemgründend schlechthin begreift. Hier gehen also in Stil und Wortlaut zwei Denkweisen Hand in Hand, die für gewöhnlich als zwei Seiten der Medaillen angesehen werden. Ich bin nun auf Niklas Luhmanns ökonomisches Hauptwerk gespannt. Jedenfalls zitiert Luxemburg an entscheidender Stelle Gotthold Ephraim Lessing in einem Brief an Johann Albert Heinrich Reimarus:

Aber was tut’s? Jeder sage, was ihm Wahrheit dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen.

Gotthold Ephraim Lessing vom 6. April 1778

Und schließt ihr theoretisches Hauptwerk, in dem sie es wieder öffnet und dem Zu- und Widerspruch fröhlich preisgibt.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste (KW 43):

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Zur See – Dörte Hansen
  2. Einsame Nacht – Charlotte Link
  3. Nachmittage – Ferdinand von Schirach
  4. Eine Frage der Chemie – Bonnie Garmus
  5. Drachenbanner – Rebecca Gablé
  6. Kummer aller Art – Mariana Leky
  7. Ian McEwan – Lektionen
  8. Achtsam morden im Hier und Jetzt – Karsten Dusse
  9. Fairy Tale – Stephen King
  10. Lügen über meine Mutter – Daniela Dröscher
  11. Violeta – Isabel Allende
  12. Das andere Mädchen – Annie Ernaux
  13. Stay away from Gretchen – Susanne Abel
  14. Die Kunst des Verschwindens – Melanie Raabe
  15. Sisi – Karen Duve
  16. Das tiefschwarze Herz – Robert Galbraith
  17. Zwischen heute und morgen – Carmen Korn
  18. Ein Sommer in Niendorf – Heinz Strunk
  19. Was ich nie gesagt habe – Susanne Abel
  20. Jahre mit Martha – Martin Kordic

Annie Ernaux‘ Das andere Mädchen hat diese Woche das Rennen gemacht und wurde von mir kurz hier besprochen. Im Anschluss lese ich die neue wie alte Nummer 1 Dörte Hansens Zur See.

In diesem Sinne wünsche ich allen eine schöne Nach-Halloween-Woche mit viel Süßem und angenehm Saurem.

7 Antworten auf „Kalenderwoche 42-43. Lesebericht.“

    1. Es geht bei mir nur durch einen Rhythmus – ich stehe früh auf, ohne Handy, ohne E-Mails, ohne alles, setze mich an den Schreibtisch, schaue über die Dächer Berlins, trinke Kaffee und lasse meine Seele baumeln, nach wenigen Minuten habe ich Lust aufs Lesen, lese zwei Stunden und danach bricht das Chaos des Alltags los 😀 … d.h. ich reserviere die ersten zweieinhalb Stunden des Tages fürs Lesen. Für mich funktioniert es, besonders das sehr frühe Aufstehen hilft, wenn gar keiner wach sein will! Viele herzliche Grüße nach Zürich und einen guten Start in den Tag!!

    1. Ja, Schirachs Buch kam nicht so gut weg, weil es den Leuten wie Geldmacherei vorkam. Mein Leseeindruck ist sehr gespalten, aber Geldmacherei ist es nicht, eher Lebensstil-Einübungspraxis. Aber wie ich sehe, hast Du den Lesebericht schon gefunden 🙂 Viele Grüße!

  1. Spannender Leseeindruck. Mich erstaunt dein Umgang mit dem gebundenen Buch. Meiner ist genauso:))) und immer mit schlechtem Gewissen. Aber wie du es Mal schriebst, man kommuniziert mit dem Buch.

    1. Es gibt auch tollgemachte Taschenbuchausgaben. Für mich ist das Lesen auch ein genereller Zustand, wie ich sitze, wie ich das Buch halte, all das gehört zu, da es im Grunde ein Gespräch ist, und auch bei einem Gespräch spielt die Umgebung, der Klang der Stimme, die Gesten eine Rolle. Gebundene Bücher verdichten das Geschriebene noch mehr. Das ist mein Problem mit den E-Büchern … sie könnten endlos sein, und sind es manchmal auch! Viele Grüße!!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: