Wolf Haas: „Wackelkontakt“

Wackelkontakt von Wolf Haas
Wackelkontakt von Wolf Haas. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2025.

Bei Wackelkontakt von Wolf Haas, auf der Shortlist des Leipziger Buchmessepreises 2025, handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Krimi, wie es von dem Brenner-Krimi-Autor Haas zu erwarten wäre. Wackelkontakt unternimmt ein erzählerisches Experiment und reiht sich in die experimentelleren Texte ein, die ohnehin gerne von der Jury des Leipziger Buchmessepreises beachtet werden, bspw. Barbi Marković mit Minihorror, das den Preis ein Jahr zuvor zugesprochen bekommen hat. Haas betreibt aber weniger eine medienkritische Montage- und Kollagentechnik, mit der Marković subversiv gegen Erzählkonventionen vorgeht, sondern eher eine Perspektivdämonologie à la Maurits Cornelis Escher, indem er über eine Figur schreibt, die einen Roman über sich selbst liest:

Das erste Kapitel, das Escher vor dem Einschlafen gelesen hatte, war eine erschütternde Aufzählung der Gewalttaten, zu denen der Kronzeuge aussagte. Seit dem zweiten Kapitel zitterte Escher um das Leben des jungen Häftlings. Er hieß Elio, doch seit er so schön sang, nannten die Zeitungen ihn Luciano. In vier Tagen sollte er aus seiner Hochsicherheitszelle entlassen werden und seinen alten Namen für immer ablegen.  [… Elio] konzentrierte sich wieder auf das Buch, das ihm helfen sollte, so lange wach zu bleiben […] Es handelte von einem Typen, der Escher hieß wie irgendein anderer Typ, der ebenfalls Escher hieß. Escher wartete schon den halben Tag auf den Elektriker.
Wolf Haas aus: „Wackelkontakt“

Inhalt/Plot:

Wackelkontakt besitzt, wie dem Zitat leicht zu entnehmen ist, zwei Hauptfiguren: Franz Escher, passionierter Puzzle-Spieler, und Elio Russo, einstiges Mafiamitglied, nun Elektriker. Beide haben mehr oder weniger dasselbe Alter zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig und wohnen in Wien, wo sie sich auch treffen. Franz hat nämlich bei seiner Hausverwaltung einen Elektriker eingefordert, um endlich das Problem seiner unter Wackelkontakt leidenden Küchensteckdosen zu beheben. Eschers erzählte Zeit beginnt in etwa zu diesem Zeitpunkt (von Figuren erklärenden Erinnerungsversatzstücken einmal abgesehen) und Elios zum Zeitpunkt seiner Haftentlassung, als er aus Italien in einem Zeugenschutzprogramm nach Deutschland auswandert, um dort inkognito als Marko Steiner ein neues Leben als Handwerker aller Art zu beginnen:

Marko Steiner war schneller zu einem neuen Beruf gekommen, als er es erwartet hatte. Sein zuerst nur für den Eigengebrauch, dann als bezahltes Hobby betriebenes Restaurieren alter Fahrräder entwickelte sich ohne richtige Absicht zu einem einfachen Broterwerb. […] Da ihm die Mundpropaganda einen immer größeren Kundenzulauf bescherte, eröffnete er eine richtige Werkstatt mit Ladenlokal und ließ seine Firma unter dem Namen RAREST in das Firmenregister eintragen. […] Die Eingeweihten hielten sich etwas darauf zugute, den Hintergrund des Markennamens RAREST zu kennen: RAd REparatur STeiner.

Als ehemaliges Mafiamitglied muss er jedoch ständig befürchten, entdeckt zu werden, denn er hat 27 Bosse hinter Schloss und Riegel mit seinen Aussagen gebracht. Bald bricht er in Duisburg alle Zelte ab und zieht nach Berlin, wo er Gabriele kennenlernt, als sie sich von ihm ihre defekte Alarmanlage reparieren lässt. Derweil hat Franz seinen Studenten-Nebenjob als Trauerredner nach einem gescheiterten schriftstellerischen Versuch zum Hauptberuf gemacht, denn das Buch über seine Erfahrungen als Trauerredner verkaufte sich nur 347 mal und ließ seine literarischen Ambitionen im Keim ersticken:

Allerdings entpuppte sich ‚Eine traurige Angelegenheit‘ als Flop. Nur 347 Bücher gingen über den Ladentisch. Für den Verlag war es ein Verlustgeschäft. Die Tatsache, dass es sich bei seinem Honorar um einen nicht rückzahlbaren Vorschuss handelte, war ein schwacher Trost. Es war ihm peinlich, und er wollte die zehntausend D-Mark so schnell wie möglich loswerden. […] Aus dieser Gefühlslage befreite der junge Escher sich mit einer grandiosen Geste. Er erinnerte sich an den Spruch, dass man als kluger Verbrecher eine Bank nicht ausrauben, sondern gründen musste, und erwarb für die zehntausend D-Mark, die das Buch ihm eingebracht hatte, Aktien einer großen Buchhandelsfirma.

Die Aktien fielen aber schnell in den Keller, und Franz fokussierte sich auf das Puzzle-Spielen und Trauerreden bis zu jenem merkwürdigen Tag, als der Elektriker Elio bei ihm klingelte und in seiner Küche zu werkeln beginnt und Franz, aus nicht wirklich ersichtlichen Gründen, sich bemüßigt sieht, die Sicherungen wieder zu aktivieren:

Vielleicht lag es auch nur an einem allgemeinen Ordnungsbedürfnis, oder an einer Unruhe seiner Finger, deren Bereitschaft, den Türöffner zu drücken, nicht zum Einsatz gekommen war. […] Vielleicht war es auch eine Mischung aus all diesen Faktoren, die Escher in diesem Moment bewog, gedankenlos die beiden Sicherungen hinaufzuschieben. Im selben Moment hörte er ein leichtes Klacken in der Küche. Dieses lakonische Geräusch erzeugte der auf die Arbeitsplatte fallende Schraubenzieher.

Im Stoffbereich Brutalität angesiedelt, denn die Kriminalgeschichten stehen im Zentrum des Geschehens, behandelt Wolf Haas‘ Wackelkontakt einen Plot zwischen Aussteiger/Duldsamkeit und Gewalt/Verbrechen/Krieg, wobei das Komödiantische, etwas Slapstickartige irritierend federführend bleibt.

Stil/Sprache/Form:

Wackelkontakt erweist sich als flüssig-professionell, ohne Aufregung und poetische Ambitionen geschrieben. Der Inhalt des Gesagten steht klar im Vordergrund, was auch die Nähe des Romans zur Genreliteratur unterstreicht. Interessanter als die Sprache erscheint hier die Komposition, denn auch die Erzählstimme, klar auktorial, allwissend über allem stehend, bleibt dem erzählerischen Klischee verhaftet. Die Komposition jedoch nicht. Sie besitzt eine rekursive Struktur, denn die Hauptfiguren lesen wieder und wieder über sich selbst in dem bereits erwähnten Buch, das zum Zeitpunkt von Elios Lektüre ausschließlich prophetisch, zum Zeitpunkt von Franz‘ Lektüre historisch korrekt und prophetisch, die Zukunft richtig voraussagt. Die Figuren finden insofern nicht ohne Grund das Buch als unheimlich, wie auch Elios Tochter Ala:

Er griff nach ihrem Buch. »Was liest du da?«
»Ein Buch.«
[Der Student] Elias las ein paar Zeilen, und Ala sagte: »Das ist auch ein bisschen spooky.«
»Das Buch? Was ist daran spooky?«
»Die Personen erinnern mich an meine Familie.«
»Bücher erinnern einen doch immer an sich selbst.«
»Der Mann ist auch Elektriker. Und die Frau hat denselben Vornamen wie meine Mutter.«
»›Wie heißt die?«
»Gabi.«
»Gabi!«, lachte Elias. »Meine Oma heißt auch Gabi. Das ist noch nicht spooky. Das ist bestenfalls ein Zufall. Über mich steht auch in der Bibel, dass ich ein Prophet bin. Und da war ich noch nicht einmal geboren.«

Der Haas’sche Blödsinn unterhält, aber vermag es nicht über die Schwierigkeit der erzählerischen Anlage hinwegzutäuschen. Beide Geschichten funktionieren nämlich völlig unabhängig voneinander, und beide Figuren bedürfen einander auch nicht. Das Sinngewebe bleibt allenfalls lose gekoppelt, sodass die Möbiusbandstruktur bloß hineinmontiert wirkt und nicht überzeugt. Von diversen deus ex machina nicht zu sprechen, die in Wackelkontakt auftauchen und teilweise hanebüchen an den Haaren herbeigezogen sind. Wackelkontakt bietet, um es positiv zu sagen, zwei Bücher zum Preis von einem, aber sie bilden zusammen definitiv nicht mehr, sondern weniger als die Summe seiner Teile.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Haas‘ Idee in Wackelkontakt greift ein ambitioniertes Unterfangen auf, zyklische Erzählstrukturen zu schaffen. James Joyces Finnegans Wake bspw. endet auf eine Weise, dass das erste Wort des Romans direkt an das letzte anschließt und so das Buch wieder und wieder gelesen werden könnte. Ein anderes Buch, das eine solche Zyklizität anstrebt, wäre Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht oder Julio Cortázars Rayuela, die beide noch näher zu Wackelkontakt stehen, da Calvino, Cortázar und auch Haas eine Art literarisches Labyrinth zu schaffen versuchen, von dem Jorge Luis Borges in Fiktionen und genauer in der Erzählung Der Garten der Pfade, die sich verzweigen berichtet:

»Bevor ich diesen Brief ausgrub, hatte ich mich gefragt, auf welche Weise ein Buch unendlich sein kann. Ich bin zu keinem anderen Schluß gekommen, als daß ein solcher Band zyklisch, kreisförmig angelegt sein müßte. Ein Band, dessen letzte Seite mit der ersten identisch sein müßte, mit der Möglichkeit, bis ins Unendliche fortzufahren. Ich habe auch an jene Nacht gedacht, die in der Mitte von Tausendundeiner Nacht steht, wo die Königin Scheherazade (infolge einer magischen Zerstreutheit des Abschreibers) sich anschickt, wortwörtlich die Geschichte von Tausendundeiner Nacht zu erzählen, so daß sie Gefahr läuft, wieder bei der Nacht, in der sie sie erzählt, anzukommen, und so immer fort.«
Jorge Luis Borges aus: „Fiktionen“

Franz heißt in Wackelkontakt mit Nachnamen nicht ohne Grund „Escher“, mit eben dem Bezug zu den sich zwei selbst zeichnenden Händen. Die Idee, dass sich die Ebenen der Realität nicht nur ergänzen, sondern überschneiden und so ineinander übergehen, dass ein paradoxes Ganzes und Unendliches, da in sich Gefaltetes entsteht, fasziniert und lockt, und doch vermag Haas das Zirkuläre leider nur durch einen faulen Trick zu bewerkstelligen, und es nimmt wunder, dass er sich dort nichts anderes hat einfallen lassen, zumal ihm durch seine auktoriale Erzählperspektive alle Wege offen gestanden hätten.

Borges gibt ein mögliches Verfahren an. Scheherazade erzählt von sich, wie sie erzählt, nämlich bis zu dem Zeitpunkt, von dem an sie wieder von sich, wie sie erzählt, zu erzählen beginnt. Das Problem in Wackelkontakt besteht nämlich in der Erzählanlage. Eine rekursive Struktur, die Zyklizität anstrebt, benötigt eine Vorzugsrichtung. Diese vermag in einem Erzähltext nur die Erzählinstanz selbst zu bieten. Gerade diese existiert nicht. Haas‘ erzählt in Wackelkontakt aus dem Off (wie sein erstes Kapitel konsequenterweise auch als Überschrift heißt):

So wie man Fußballern die Namen früherer Legenden gab, hatten die Zeitungen seinen Untersuchungsrichter nach dem berühmten sizilianischen Mafiajäger Falcone getauft. Eigentlich waren es nicht die Zeitungen, die ihm diesen Spitznamen gegeben hatten, sondern die Bosse selbst, denen die Zeitungen gehörten.

Diese Perspektive, erhaben über seiner Erzählwelt zu stehen, erlaubt eine gewisse Ironie nicht, denn die Erzählinstanz steht ja (mit dem Publikum zusammen) außerhalb der Schleife. Mindestens personal erzählt müsste Wackelkontakt sein. Mit der humoresken Unverbindlichkeit lässt sich eine eher tragisch-zirkuläre Struktur nicht glaubwürdig etablieren. Haas verulkt diese Erzählweise vielmehr oder betreibt einfach doch nur Schabernack.

Sein Wörterbuch war nach ein paar Tagen schmieriger als die Kette. Ich schmiere die Kette. Ich demontiere die Schaltung. Ich entroste die Zahnräder. Wer rastet, der rostet. Ich raste. Ich raste aus. Nachdem er gerastet hatte, raste er los. Ich erneuere die Verkabelung. Ich stelle jede Speiche neu ein. Die Speiche, der Speichel. Der Speicher. Der Speichel rinnt, die Speiche rostet, der Speicher ist voll.

Auf eine gewisse Weise gelesen, lässt sich nämlich die Handlung von Wackelkontakt zusammenfassen als, „sie wissen nicht, was sie tun“ und sie wissen es wirklich nicht, alle nicht, und wollen es auch nicht wissen. Und zu diesem Credo passt ein Buch, das sich selbst als Buch behandelt und nicht mehr endet, ganz hervorragend. Nur sollte im wirklichen Leben lieber niemand auf die Idee kommen, die Sicherungen in die Fassung zu drehen, wenn ein Handwerker gerade die wohnungseigenen Steckdosen repariert, nur um die hypothetisch zirkuläre Struktur der Realität zu erproben.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Nächste Woche am 18.03.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich KOMMANDO AJAX von Cemile Sahin vorstellen, das ebenfalls für den Leipziger Buchmessepreis nominiert worden ist.

Diese und andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier

9 Antworten auf „Wolf Haas: „Wackelkontakt““

  1. Hach! Ich liebe Haas, ich liebe auch Genre, Blödsinn und Schabernack…habe aber „Wackelkontakt“ als pdf (noch) nicht gefunden. Würde mir bloss jemand das Buch an den Kopf schmeissen!

    Klar, Haas hat wenig Konsistenz, aber hallo! viel Witz und Ironie. Frage nicht…

    Danke für die Rezension. Muss abwarten, um zu sagen, ob das Buch weniger ut ist, als die anderen Haas-Werke.

  2. P.S. in meiner Jugend machte „Francks Aroma“ mit dem Abbild einer Packung dieses Kaffee-Ersatzes Reklame. Auf dem Bild war ein Steinbock, der mit dem Vorderhuf eine Packung „Francks Aroma“ hielt. Auf dem Abbild wiederum ein Steinbock, der….(undsoweiter bis ins Unendliche). Erinnert an Borges‘ Sheherazade. Geschihten in der Geschichte find ich faszinierend (Puzzles auch, siehe dazu auch Georges Perec, „La Vie, mode d’emploi“).

  3. Tausendundeine Nacht? Of course :-). Hab – hurra – inzwischen auch „Wackelkontakt“ gefunden (ebenso wir „Herkunft“ von Stanisiç). Zuerst vermisste ich in „Wackelkontakt“ den von Brenner her gewohnten Wiener Schmaeh, bald aber („Ruaf mi net a, denn Du weisst doch genau, wo i wohn“) (ist ja Georg Danzers Lied, dass er im Übrigen – sorry, Haas – nicht für Maedels aber, schon von seinem Kehlkopfkrebs gezeichnet, sozusagen als Abschiedslied singt). Sagte Brenner: „Fühlte mich so obenauf, könnte der Welt ein Bein ausreissen!“ (die Welt aber hat spaeter dem Brenner ein Bein ausgerissen) so sagt Escher: „Super“, ‚ungefähr so enthusiastisch wie
    man »super« sagte, wenn einem ein rohes Ei auf den Boden
    gefallen ist.‘ Also doch typisch Wolf Haas.

    Was mir aber trotz allem Genrehaften sehr gefaellt, ist, das man, wenn Escher mal wieder zur Lektüre greift, sofort mitten in Elios Geschichte ist und keineswegs denkt „ist ja nur ein Buch“…Der Elektiker ist ja auch ein Buch! Also was ist Realitaet? Oder wo? (ist das verstaendlich oder verspinne ich mich?)

    Gruss!

  4. Haas schreibt: „Wie er in der frischen Luft angekommen ist, war er auf einmal richtig euphorisch…und er hätte der Welt ein Bein ausreissen können. Später ist es dann umgekehrt gekommen, und die Welt hat ausgerechnet dem Brenner das halbe Bein ausgerissen. Aber das ist eben das Gefährliche an der Euphorie. Du fühlst dich gut, aber du unterschätzt die Welt ein bisschen.“

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