Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“ (i: Inhalt)

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi
Krieg und Frieden von Lew Tolstoi. Leipziger Buchpreis 2011: Übersetzung.

Wenige Bücher besitzen so sehr den Nimbus eines Monumentalwerkes wie Lew Tolstois Krieg und Frieden. Die sogenannte Urfassung wurde 1863 fertiggestellt und teilweise unter dem Namen 1805 veröffentlicht. Tolstoi schien aber nicht sehr zufrieden mit dieser gewesen zu sein, arbeitete die Fassung um, sodass 1869 die vollständige, erweiterte Version unter dem bekannten Titel Krieg und Frieden vorlag. Im Zentrum des Geschehens stehen die beiden russischen Städte Moskau und St. Petersburg und die jeweiligen Adelsfamilien, die sich regelmäßig in Salons und auf Bällen wiedertreffen, bspw. hier zu Silvester:

»Das ist der Bruder der Besuchowa, Anatole Kuragin«, sagte [die Peronskaja zu Natascha] und zeigte auf den hübschen Gardekavallerieoffizier, der an ihnen vorbeiging und dabei hocherhobenen Hauptes über die Damen hinweg irgendwohin blickte. »Wie schön er ist, nicht wahr? Man will ihn angeblich mit dieser Reichen verheiraten. Auch Ihr Cousin, Drubezkoi, schwänzelt um sie herum. Die Rede ist von Millionen. […] Und der da, der Dicke mit der Brille, ein friedliebender Freimaurer«, sagte die Peronskaja, während sie auf [Pierre] Besuchow zeigte. »Stellen Sie sich den nur neben seiner Frau [Hélène] vor: so ein närrischer Kauz!« Pierre ging, watschelte mit seinem dicken Körper, schob die Menge auseinander, grüßte nach rechts und links [… und blieb] neben einem nicht großen, sehr hübschen Brünetten in weißer Uniform stehen [… Natascha erkannte ihn] sofort: das war Bolkonski, der ihr sehr viel jünger, fröhlicher und hübscher geworden schien. »Da ist noch ein Bekannter, Bolkonski, sehen Sie, Mama?« sagte Natascha und zeigte auf Fürst Andrej.
Lew Tolstoi aus: „Krieg und Frieden

Dynastische Querelen

Deretwas längere, zurechtgestutzte Auszug bringt viele Hauptfiguren von Krieg und Frieden zusammen, die aus vier Familien stammen. Natascha stammt aus der Landadelsfamilie Rostow, die sowohl in Moskau wie Otradownoje ansässig ist und als Familienoberhaupt Graf Ilja Andrejewitsch Rostow hat. Ihr Bruder heißt Nikolai, der zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon weiß, dass er später Andrej Bolkonskis Schwester Marja begehren wird, um die sich zu diesem Zeitpunkt Anatole Kuragin noch, obgleich wenig erfolgreich, bewirbt. Die Kuragins, mit dem Familienoberhaupt Fürst Wasili, sind ein höfischer Stadtadel und leben in St. Petersburg, in der Nähe des Zarenhofes, stehen aber dynastisch wie die Rostows unter den Bolkonskis, deren Sitz sich in Lysyje Gory („Kahle Berge“) westlich von Moskau in der Provinz Smolensk befindet. Das Familienoberhaupt heißt Nikolai Andrejewitsch „Der alte Fürst“ Bolkonski. Bleibt noch Hélène, geborene Kuragin, Schwester von Anatole, und ihr Ehemann Pierre Besuchow üblich, der als illegitimer Sohn dennoch als Millionenerbe vom Grafen Pjotr Kirillowitsch Besuchow eingesetzt wird, mit welchem nun auch der letzte im Bunde der obigen Beschreibung, Boris Drubezkoi, entfernt verwandt ist. Die Besuchows repräsentieren den einflussreichen Altadel noch aus Zeiten Katharina der Großen und haben ihren Sitz in St. Petersburg. Unter diesen Familien herrschen nun große Verwirrungen, denn mit jeder neuen Generation gilt es, die Söhne und Töchter miteinander zu vermählen und auf diese Weise zu mehr Einfluss und Reichtum zu gelangen. Dieses Mal jedoch kommt der Krieg mit Napoleon im Juni 1805 dazwischen:

Fräulein [Anna Pawlowna] Scherer dagegen zeigte trotz ihrer vierzig Jahre eine große Lebhaftigkeit. Ihre soziale Stellung beruhte darauf, für eine enthusiastische Dame zu gelten. Das politische Gespräch, das sich entwickelte, brachte sie nach und nach in Aufregung. »Ach, sprechen Sie mir nicht von diesem Österreich! Es ist möglich, daß ich nicht alles richtig verstehe, aber nach meiner Ansicht will es nicht den Krieg und hat ihn nie gewollt. Es verrät uns. Rußland allein muß Europa befreien. Unser Herr und Wohltäter ist durchdrungen von seiner hohen Mission und wird sich ihr gewachsen zeigen. Gott wird ihn nicht verlassen, er wird seine Aufgabe erfüllen und die Hydra der Revolution zerschmettern. Aber wem können wir vertrauen, frage ich Sie! England hat zu viel Krämergeist […] Und Preußen? Hat es nicht erklärt, Bonaparte sei unüberwindlich und England ohnmächtig, ihn zu bekämpfen? Ich glaube nicht an Hardenberg, noch an Haugwitz, diese berühmte preußische Neutralität ist nur eine Schlinge! Aber ich glaube an Gott und an die höchste Bestimmung unseres Kaisers.«

Es handelt sich um den dritten der sechs Koalitionskriege, die im Gefolge der Französischen Revolution in Europa ausbrachen und durch die die dynastisch verflochtenen aristokratischen Großfamilien, hauptsächlich aus Österreich, Preußen, Großbritannien und Russland, die politischen wie sozialen Folgen der französischen Ereignisse einzudämmen suchten. Die Handlung setzt vor der Schlacht in Trafalgar ein, in der Großbritannien die Napoleonischen Bemühungen zurückschlug, die Vorherrschaft auf See zu erringen. Napoleon richtet daraufhin sein Augenmerk auf die Vorherrschaft im europäischen Festland und marschierte in Österreich ein, was letztlich im Dezember 1805 zur Dreikaiserschlacht in Austerlitz führte.

»Kinder! Vorwärts!« rief [Andrej]. »Jetzt kommt es!« dachte er, ergriff kühn die Fahne und hörte mit Entzücken das Pfeifen der Kugeln, welche augenscheinlich auf ihn gezielt waren. Einige Soldaten fielen. »Hurra!« rief Fürst Andrej, der die schwere Fahne kaum in den Händen zu halten vermochte, und lief vorwärts mit der unerschütterlichen Zuversicht, daß das ganze Bataillon ihm nachfolgen werde. Wirklich, als er einige Schritte gemacht hatte, rührte sich der eine und der andere, das ganze Bataillon lief mit Hurrageschrei ihm nach und überholte ihn. Ein Unteroffizier ergriff die Fahne, welche wegen ihrer Schwere in den Händen des Fürsten Andrej schwankte, wurde aber sogleich erschossen.

Die Schlacht entschied Napoleon eindeutig für sich. Er besiegte die Allianz von österreichischen und russischen Truppen von einerseits Franz I. und Alexander I., und die Heldenhoffnungen von Andrej Bolkonski und eines Nikolai Rostows verpufften. Bolkonski, schwer verletzt, wird ins französische Lager gebracht. Nikolai, traumatisiert, findet, nach Russland zurück gekehrt, keinen Halt und verspielt einen Großteil des familiären Erbes, bis es ihn wieder aus dem Zivilen ins Militärische zieht, da dort Zucht und Ordnung herrschen. Der Krieg verändert alle Verhältnisse, Maßstäbe und Verbindungen und überschreibt die Hoffnungen und Ideale der einzelnen. Russland zieht sich mehr oder weniger zurück und sucht eher den Frieden mit Napoleon, bis dann wieder dynastische Erwägungen zum Anlass für Napoleon werden, gen Moskau zu ziehen. Statt nämlich Katharina Pawlowna Napoleon zur Frau zu geben, entschied sich das russische Zarenhaus dem Ansinnen des Herzogs von Oldenburg nachzugeben. Als Napoleon aber im September 1812 nach großen Verlusten in Moskau einzieht, findet er nur eine verlassene Stadt vor:

Einwohner waren nicht mehr in Moskau, und die [Napoleonischen] Soldaten versickerten in der Stadt wie Wasser im Sand und liefen unaufhaltsam, sternförmig, vom Kreml aus, den sie als erstes besetzt hatten, in alle Richtungen auseinander. […] Noch zurückgebliebene Einwohner luden Offiziere zu sich ein in der Hoffnung, sich damit gegen Plünderung abzusichern. Reichtümer gab es in Unmengen, und ein Ende war nicht abzusehen; überall um die von den Franzosen besetzten Stadtviertel, gab es noch unerforschte, unbesetzte Viertel, in denen, wie die Franzosen meinten, noch mehr Reichtümer waren. Und Moskau saugte sie nur immer weiter in sich hinein. So wie wenn Wasser in den trockenen Boden eindringt und dann ebenso verschwindet wie der trockene Boden, genauso wurde auch das Heer, als es in die reiche, leere Stadt eingedrungen war, vernichtet wie die reiche Stadt; und es entstand Schmutz, entstanden Brände und Plünderei.

Der russische Zar gibt sich zu keinen Verhandlungen her, und Napoleon muss einen Monat später abziehen und verliert fast so viele Soldaten auf dem Rückweg wie auf dem Hinweg, sodass von ungefähr 400,000 Soldaten noch schätzungsweise 10,000 bis 20,000 übrigbleiben. Nach der Rückkehr wird Moskau wieder aufgebaut und die familiären Bande werden nun unter den veränderten Umständen aufs neue geknüpft. Wie in allen Kriegen hat besonders die ärmere Bevölkerung unter den Auswirkungen zu leiden. 

Eine ausführlichere Inhaltsangabe findet sich hier.

Aristokratisches Bäumchen-Wechsel-Dich

Hinter dem Plot von Krieg und Frieden hat Tolstoi eine soziographisch konservative Struktur hinterlegt, die sich durch Analyse der dynastischen Verhältnisse zu erkennen gibt. Der stärkste Adel, d.h. der Altadel u.a. der Familie Besuchows und Bolkonskis, erweist sich als die dauerhafte Struktur, deren Linie durch den Krieg zwar geschwächt, aber nicht ausgelöscht oder ernsthaft in die Bredouille gebracht worden ist. Zu leiden haben vielmehr der Klein- und der Stadtadel wie die Kuragins, die alles verlieren: Anatol stirbt im Krieg, und die frankophile Hélène begeht Selbstmord, und die Familie Rostows, nun verarmter Landadel, übernimmt konsequenterweise die Rolle des Stadtadels, da sie ihre ländlichen Besitztümer verloren hat: Nikolai heiratet Marja Bolkonski, obwohl er Sonja Alexandrowna liebt; und Natascha heiratet den wenig attraktiven, watscheligen Pierre Besuchow, der gar nicht zu ihren früher gezeigten artistischen und amourösen Ambitionen zu passen scheint. Anatol und Hélène Kuragin, und mit ihr der hoffärtige, buckelnde Stadtadel, werden auf diese Weise dynastisch-funktional ersetzt. Hart trifft es aber besonders die schwächsten, wie Sonja Alexandrowna, das Ziehkind der Familie Rostow. Nikolai und sie lieben sich sehr, wie in der Verkleidungsball- und Weihnachtsschlitten-Szene deutlich wird:

Sonja ging fest eingewickelt in ihren Pelz. Sie war nur noch zwei Schritte entfernt, als sie ihn sah; sie sah ihn auch nicht so, wie sie ihn kannte und wie sie ihn immer ein wenig gefürchtet hatte. Er war noch im Frauenkleid mit verstrubbelten Haaren und einem glücklichen und für Sonja neuem Lächeln. Sonja lief rasch zu ihm hin. ›Ganz anders ist sie, und doch dieselbe‹, dachte Nikolai und schaute ihr in das vom Mondlicht ganz erleuchtete Gesicht. Er schob die Hände unter den Pelz, der ihr den Kopf bedeckte, umarmte, drückte sie an sich und küsste sie auf die Lippen, über denen das Schnurrbärtchen war und nach verkohltem Korken roch. Sonja küsste ihn mitten auf die Lippen, befreite ihre kleinen Hände und hielt ihn von beiden Seiten an den Wangen. »Sonja!« … »Nicolas!« sagten sie nur. Sie liefen zur Scheune und kehrten, ein jeder über seinen Eingang, zurück.

Dort, in der Stille Weihnachtens, abgeschieden von allen sozialen Erwägungen, finden sich die seit jüngster Jugendzeit ineinander verliebten wieder. Doch das Glück wird jäh zerstört, und zwar durch den Krieg, durch die Probleme Nikolais, sich zwischen Zivil- und Militärleben zu orientieren, aber vor allem eben durch das Geld, durch die Schulden, die angehäuft wurden von Nikolais Vater. Sonja muss verzichten und verkümmert unter diesem Verzicht, mittellos und isoliert, wie sie ist, am Rande der Familie Rostow. In der Figur Sonjas hat Tolstoi das ganze Drama all jener Menschen gelegt, die keinen Schutz, keine Verbindung, die nichts als das Miteinander besitzen, das im Krieg rückhaltlos zerstört wird. Nicht ohne Grund gibt Tolstoi Sonja keinen Familiennamen:

»Weißt du, was es ist«, sagte Natascha: »Du liest doch soviel im Evangelium; dort gibt es eine Stelle direkt über Sonja.«
»Wie das?« fragte Gräfin Marja verwundert.
»›Wer da hat, dem wird gegeben, wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen‹, erinnerst du dich? Sie ist es, die nicht hat: weshalb? Ich weiß es nicht; in ihr ist. vielleicht kein Egoismus, ich weiß nicht, aber ihr wird genommen, ist alles genommen worden. Mir tut sie manchmal schrecklich leid; früher wollte ich schrecklich gern, dass Nicolas sie heiratet; aber ich habe immer irgendwie gefühlt, dass es nichts wird. Sie ist eine taube Blüte, weißt du, wie bei der Erdbeere? Manchmal tut sie mir leid, aber manchmal glaube ich, dass sie das nicht so empfindet, wie wir es empfinden würden.«

Sonjas Schicksal bleibt in Krieg und Frieden durchweg präsent und geht nicht verloren, wie bspw. das des Karrieristen Boris Drubezkoi, der einfach, sang- und klanglos, aus dem Buch verschwindet, nachdem er sich eine gute Partie ans Land gezogen hat; oder der eitle, bigotte Anatol, der einfach im Lazarett ohne erzählerischen Zuspruch, jenseits aller Aufmerksamkeit verrecken muss. Sonja, die stille Hauptfigur, die fürsorgliche und solidarische Freundin, muss ihrem Glück entsagen und entsagt auch, ausgeliefert, wie sie ist, und liefert den Schlüssel des gesamten Buches, das den Krieg auf Mark und Bein hin verteufelt.

Eine andere Figur spiegelt die Situation von Sonja ebenfalls wider, der Bauerssohn Platon Karatajew, den Pierre während der Moskauer Okkupation kennenlernt, während derer beide in französischer Gefangenschaft geraten und bleiben. Auch Platon findet sich mit den Ereignissen ab, obwohl ihm alle Möglichkeiten geraubt wurden, und verbreitet dennoch Optimismus und kuriert so Pierres wankelmütige Sinnsucherei. Sonja und er ergeben sich einem menschenfreundlichen Stoizismus, der sich nicht in Frage stellen lässt und inspiriert auf diese Weise alle um sie herum, sich ähnlich zu verhalten. Von dieser Warte aus gesehen stellt Sonja das Herz der Familie Rostow dar:

In der Tat schien Sonja von ihrer Situation nicht bedrückt und sich mit ihrem Schicksal als taube Blüte vollkommen ausgesöhnt zu haben. Sie schien weniger die Menschen zu schätzen als die ganze Familie. Wie eine Katze hatte sie sich nicht bei den Menschen, sondern in das Haus eingelebt. Sie kümmerte sich um die alte Gräfin, liebkoste und verwöhnte die Kinder, war immer bereit, die kleinen Dienste zu leisten, zu denen sie in der Lage war; aber alles das wurde unwillkürlich mit allzuwenig Dankbarkeit entgegengenommen…

Deutlicher lässt sich eine Familiensaga mit vielen dynastischen Querelen, mit einem Krieg, dem Russlandfeldzug Napoleons, der aus dynastischen Gründen geführt wurde, nicht beenden. Der auktoriale Erzähler Tolstoi lässt keinen Zweifel, wer die wahren Helden der Geschichte sind, und fordert von seinen eigenen Figuren sogar mehr Dankbarkeit ein.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Krieg und Frieden wird hier als Paradigma des auktorialen Erzählens ausführlich besprochen. Morgen erscheint der zweite Teil über die Struktur als Chronik.

Diese und andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier.

2 Antworten auf „Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“ (i: Inhalt)“

  1. Das in der Einleitung genannte Jahr der Veröffentlichung ist offensichtlich falsch. 1805 kann nicht stimmen

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Kommunikatives Lesen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen