Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (iii: Mignon)

Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe
Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang Goethe.

Als Abschluss meiner dreiteiligen Besprechung (Teil 1, Teil 2) von Wilhelm Meisters Lehrjahre soll nun ein Versuch unternommen werden, die harte Dichotomie von Goethe, Kunst oder Leben, Poesie oder Prosa, die Novalis harsch am ersten Wilhelm Meister-Roman kritisiert, als Herausforderung und Problemstellung für die Literaturgeschichte zu betrachten. Auf eine gewisse Weise lassen sich zwei der wichtigsten deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhundert als Folgeerscheinungen und Antworten auf Goethes dichterisches Werk begreifen: Doktor Faustus von Thomas Mann als Bearbeitung von Faust Tragödie Erster Teil und Hermann Hesses Das Glasperlenspiel als die von Wilhelm Meisters Lehrjahre. Goethe bietet somit seinen Nachfolgern das, was er zu seiner Zeit noch vermissen musste, und zwar einige Stützpunkte für die literarische Produktion im eigenen Sprachraum:

Es kommt darauf an,« fuhr Goethe fort, »daß Sie sich ein Kapital bilden, das nie ausgeht. Dieses werden Sie erlangen in dem begonnenen Studium der englischen Sprache und Literatur. Halten Sie sich dazu und benutzen Sie die treffliche Gelegenheit der jungen Engländer zu jeder Stunde […] suchen Sie in der Literatur einer so tüchtigen Nation, wie die Engländer, einen Halt. Zudem ist ja unsere eigene Literatur größtenteils aus der ihrigen hergekommen. Unsere Romane, unsere Trauerspiele, woher haben wir sie denn als von Goldsmith, Fielding und Shakespeare? Und noch heutzutage, wo wollen Sie denn in Deutschland drei literarische Helden finden, die dem Lord Byron, Moore und Walter Scott an die Seite zu setzen wären?«
Johann Peter Eckermann aus: „Gespräche mit Goethe“

Der Mignon-Stoff

Literarische Stoffe fallen nicht vom Himmel. Oft werden aus mündlichen Überlieferungen, Märchen und Legenden langsam nur Stoffe, die dann in Werken kondensiert und in ihrer Dynamik vorgetragen werden, bspw. die altdänische Sage von Amletus von Saxo Grammaticus um 1200, die dann bei William Shakespeare zum Hamlet wurde. Goethe verarbeitete im selben Sinne den bekannten Fauststoff zu seiner Tragödie über den historisch verbürgten Johann Georg Faust. Beide Werke haben nachhaltig den Stoff aufbewahrt und viele Folgewerke gezeitigt. In Wilhelm Meisters Lehrjahre hat Goethe mit seiner Italiensehnsucht, seiner Nordsüd-Ambivalenz eine Gestalt geschaffen, die vielleicht ihr eigenes Urbild geworden ist: Mignon. Wilhelm lernt sie im vierten Kapitel des zweiten Buches kennen:

Wilhelm sprang hinüber, um zu sehen, was [für ein Getümmel] es sei, und mit Entsetzen erblickte er, als er sich durchs Volk drängte, den Herrn der Seiltänzergesellschaft, der das interessante Kind bei den Haaren aus dem Hause zu schleppen bemüht war und mit einem Peitschenstiel unbarmherzig auf den kleinen Körper losschlug. Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu und faßte ihn bei der Brust. »Laß das Kind los!« schrie er wie ein Rasender, »oder einer von uns bleibt hier auf der Stelle.« Er faßte zugleich den Kerl mit einer Gewalt, die nur der Zorn geben kann, bei der Kehle, daß dieser zu ersticken glaubte, das Kind losließ und sich gegen den Angreifenden zu verteidigen suchte.

Wilhelm rettet Mignon aus den brutalen Fängen der Seiltänzergesellschaft und schützt sie fortan. In ihr findet er eine treue Begleiterin. Zuerst noch denkt sie, ihn mit Kunststücken vergnügen zu müssen, sie verkleidet sich, singt und gibt sich Mühe, ihm dienstbar zu sein. Nach und nach aber bemerkt sie, dass sie in Wilhelm mehr gefunden hat als einen Dienstherren und traut sich, Gefühle zu zeigen. Das Verhältnis wird von Goethe langsam entwickelt, mit vielen Umwegen betrachtet, um anzuzeigen, wie schwer es Mignon gefallen ist, wieder Vertrauen zu schöpfen:

Nichts ist rührender, als wenn eine Liebe, die sich im stillen genährt, eine Treue, die sich im verborgenen befestigt hat, endlich dem, der ihrer bisher nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahe kommt und ihm offenbar wird. Die lange und streng verschlossene Knospe war reif, und Wilhelms Herz konnte nicht empfänglicher sein. Sie stand vor ihm und sah seine Unruhe. »Herr!« rief sie aus, »wenn du unglücklich bist, was soll aus Mignon werden?« – »Liebes Geschöpf«, sagte er, indem er ihre Hände nahm, »du bist auch mit unter meinen Schmerzen. – Ich muß fort.«

Wilhelm, der sich durch die Umstände in der Theatergruppe, insbesondere um Philine herum, beschämt fühlt, überlegt die Zelte abzubrechen und Mignon zurückzulassen. Sie bricht daraufhin zusammen, zuckt am ganzen Körper so, dass Wilhelm nicht umhin kann, seine Pläne zu ändern. Er bleibt und seine Theaterkarriere setzt sich fort. Mignon belohnt ihn im ersten Kapitel des ersten Buches mit ihrem bekannten Lied Kennst du das Land, das Robert Schumann (1849) und Franz Schubert (1814) vertonten:

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?                                
Dahin! Dahin Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!
Johann Wolfgang Goethe aus: „Mignon

Fortan begleitet Mignon Wilhelm, und auch um den alten Harfner kümmert er sich. Er lässt beide nie im Stich und kehrt immer wieder zu ihnen zurück. Mignon, die am Anfang nur Knabenkleidung tragen möchte, verweigert sich mehr und mehr dem Artistenleben, bis sie sich sogar traut, Wilhelm ein Anliegen abzuschlagen. Zur Erbauung eines Prinzen führt er ein Theaterstück auf und ihr Eiertanz sollte eines der Hauptattraktionen sein. Sie jedoch will nicht:

Er hatte sich den größten Effekt von Mignons Eiertanze versprochen, und wie erstaunt war er daher, als das Kind ihm mit seiner gewöhnlichen Trockenheit abschlug zu tanzen, versicherte, es sei nunmehr sein und werde nicht mehr auf das Theater gehen. Er suchte es durch allerlei Zureden zu bewegen und ließ nicht eher ab, als bis es bitterlich zu weinen anfing, ihm zu Füßen fiel und rief: »Lieber Vater! bleib auch du von den Brettern!« Er merkte nicht auf diesen Wink und sann, wie er durch eine andere Wendung die Szene interessant machen wollte.

Im weiteren Verlauf verschlechtert sich Mignons Gesundheitszustand, auch bewirkt durch Wilhelms länger andauernde Abwesenheiten, aber auch durch das Klima, das ihr nicht bekommt. Am Ende des Romans erfährt Wilhelm Mignons Vorgeschichte, dass sie einer Geschwisterliebe entstammt, ihre Mutter dem Wahnsinn verfallen ist, nachdem sie von Zirkusleuten entführt wurde, und ihr Vater Richtung Norden aufgebrochen ist, sie zu suchen und sich letztlich als der Harfner entpuppt. Bei aller Ausführlichkeit schockiert jedoch Mignons Ende ungemein, wirkt hart, brutal und einschneidend im Lesefluss und hinterlässt eine große Leere in Wilhelm Meisters Lehrjahre.

Die Mignon-Problematik

Aus diesem heftigen unvorhersehbaren, abrupten Ende Mignons entstand der Mignon-Stoff. Viele, bspw. Novalis, empfanden Goethes Entscheidung nicht nachvollziehbar, die Figur, die die Poesie, die Italiensehnsucht, das dolce vita repräsentiert, so kompromisslos zugrunde gehen zu lassen. Vertonungen und Opern folgten. Gerhart Hauptmann schrieb 1947 eine gleichnamige Novelle über die Figur, die sich als etwas Unerlöstes in der Literaturwelt durchgesetzt hat, und als Lied taucht sie auch in Thomas Manns Lotte in Weimar auf. Hermann Hesse unternimmt mit Das Glasperlenspiel nun eine Umdeutung, dessen Roman das Thema von Wilhelm Meisters Lehrjahre umdichtet, ohne die Pointe zu verändern. Sein Wilhelm Meister heißt Josef Knecht. Wie Wilhelm sucht Josef sein Glück in der ästhetischen Selbsterfahrung, im Glasperlenspiel. Im Gegensatz aber zum Goetheschen Bildungsroman vereinigt Hesse die Motive, lässt als intellektuelle Entwicklung die Liebesbeziehung weg und konzentriert sich auf das Selbstentfaltungsmotiv, das von Wilhelm immer wieder betont wird:

»Wie sehr irrst du, lieber Freund, wenn du glaubst, daß ein Werk, dessen erste Vorstellung die ganze Seele füllen muß, in unterbrochenen, zusammengegeizten Stunden könne hervorgebracht werden. Nein, der Dichter muß ganz sich, ganz in seinen geliebten Gegenständen leben. Er, der vom Himmel innerlich auf das köstlichste begabt ist, der einen sich immer selbst vermehrenden Schatz im Busen bewahrt, er muß auch von außen ungestört mit seinen Schätzen in der stillen Glückseligkeit leben, die ein Reicher vergebens mit aufgehäuften Gütern um sich hervorzubringen sucht. Sieh die Menschen an, wie sie nach Glück und Vergnügen rennen! Ihre Wünsche, ihre Mühe, ihr Geld jagen rastlos, und wonach? Nach dem, was der Dichter von der Natur erhalten hat, nach dem Genuß der Welt, nach dem Mitgefühl seiner selbst in andern, nach einem harmonischen Zusammensein mit vielen oft unvereinbaren Dingen.«

Hesse verlagert diese Stimmung und diese Sehnsucht nach Kastalien, wo Josef seine Fähigkeit ausbildet und entfaltet und Stufe um Stufe überschreitet. Durch die fehlenden amourösen Affären verliert Das Glasperlenspiel an Weltlichkeit, aber es vermittelt die Kritik von Novalis mit der Stoffanlage Goethes, bspw. indem Hesse die Figur der schönen Seele mit der des Harfners zum Musikmeister synthetisiert, der erleuchtet, im reinen mit sich, seinem nahenden Ende entgegensieht:

Einen habe ich gekannt, es war unser ehemaliger Musikmeister, den du einst in Waldzell auch je und je gesehen hast; dieser Mann hat in seinen letzten Lebensjahren die Tugend der Heiterkeit in solchem Maße besessen, daß sie von ihm ausstrahlte wie das Licht von einer Sonne, daß sie als Wohlwollen, als Lebenslust, als gute Laune, als Vertrauen und Zuversicht auf alle überging und in allen weiterstrahlte, die ihren Glanz ernstlich aufgenommen und in sich eingelassen hatten. Auch ich bin von seinem Licht beschienen worden, auch mir hat er von seiner Helligkeit und seinem Herzensglanz ein wenig mitgeteilt, und ebenso unsrem Ferromonte, und noch manchem andern. Diese Heiterkeit zu erreichen, ist mir, und vielen mit mir, das höchste und edelste aller Ziele.
Hermann Hesse aus: „Das Glasperlenspiel“

Hesse versöhnt hier die Fähigkeiten des Harfners, mit seiner Musik zu rühren und zu inspirieren, mit derjenigen der schönen Seele bei sich zu bleiben und im Frieden mit sich und ihrer Umwelt zu leben. Aus dem Theater wird das Glasperlenspiel, und ebenso wie Wilhelm sieht sich auch Josef gezwungen aus dem ätherischen Spiel, dem Elfenbeinturm, fortzugehen. Hier nun, ohne erotische Unbill, vermag nun die Figur Mignons mit derjenigen von Wilhelms Sohn Felix zu fusionieren. Hesse lässt Josef kein Kind zeugen. Er nimmt sich eines Kindes an, des Sohnes seines Jugendfreundes Plinio. Mignon, die in Knabenkleidung auftritt, einen Jungennamen trägt (statt Mignonne), wird in Das Glasperlenspiel zum Zögling Josefs, zu Tito, für den dieser ins kalte Wasser springt, Abschied von der heilen Welt Kastaliens nimmt und sein Leben ändert, mit tragischem Ausgang, als beide frühmorgens in einem eiskalten Gletschersee schwimmen gehen. Josef ertrinkt.

O weh, dachte [Tito] entsetzt, nun bin ich an [des Magisters] Tod schuldig! Und erst jetzt, wo kein Stolz zu wahren und kein Widerstand mehr zu leisten war, spürte er im Weh seines erschrockenen Herzens, wie lieb er diesen Mann schon gehabt hatte. Und indem er sich, trotz allen Einwänden, an des Meisters Tod mitschuldig fühlte, überkam ihn mit heiligem Schauer die Ahnung, daß diese Schuld ihn selbst und sein Leben umgestalten und viel Größeres von ihm fordern werde, als er bisher je von sich verlangt hatte.
Hermann Hesse aus: „Das Glasperlenspiel“

Hier wird Josef zu Meister, Felix und Mignon zu Tito, und das Dichterisch-Schwelgende findet seine novalische Versöhnung durch das Selbstopfern des Meisters für die Inspiration der Nachkommenden. Josef wird zur Legende, die Wilhelm verwehrt bleibt. Er hat sich zu früh von Mignon abgewendet und sie in Herzeskälte erstarben lassen. Hesse schreibt den Wilhelm Meisters Lehrjahre-Stoff derart um, dass Novalis‘ Kritik, die intensive Sprache, das Dichterische wieder zu ihrem Recht kommen, ohne die eigentliche Pointe, das Verlassen des Elfenbeinturms, aufzugeben. Mit anderen Worten, Hesse hat Mignons Rufe aus Goethes Roman erhört:

Nach allem diesen setzte sich Wilhelm mit der Alten auseinander; er wollte den Felix mit sich nehmen, sie sollte Mignon zu Theresen bringen und hernach eine kleine Pension, die er ihr versprach, wo sie wollte, verzehren. Er ließ Mignon rufen, um sie auf diese Veränderung vorzubereiten. »Meister!« sagte sie, »behalte mich bei dir, es wird mir wohltun und weh.«
Er stellte ihr vor, daß sie nun herangewachsen sei und daß doch etwas für ihre weitere Bildung getan werden müsse. »Ich bin gebildet genug«, versetzte sie, »um zu lieben und zu trauern.«

Erlöst wird die Gestalt der Figur auch nicht durch Das Glasperlenspiel, aber die Wunde, die Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre schlägt, indem er die Liebe zur Poesie auf die Probe stellt, verlangt weiterhin nach Befragung und literarischer Bearbeitung. Es ist daher vielleicht eines der gelungensten Beiträge Goethes, die Literatur und mit ihm die Poesie am Leben zu erhalten.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

Außerplanmäßig werde ich ab und zu Besprechungen zu Klassikern posten. In diesem Zuge soll nach und nach mein ein Kanon an Leben und Inhalt gewinnen. Am 31. Dezember 2025 wird es nun wie auch in den Jahren zuvor einen Jahresrückblick geben.

Andere aktuelle und Klassiker-Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier.

3 Antworten auf „Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (iii: Mignon)“

  1. Hab von Mignons Tod ne sehr persönliche Erinnerung. Eine von unheilbarem Krebs befallene junge Frau tanzte im weissen Kleid zu dem Gedicht:

    „So laßt mich scheinen, bis ich werde,
    Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
    Ich eile von der schönen Erde
    Hinab in jenes feste Haus.

    Dort ruh‘ ich eine kleine Stille,
    Dann öffnet sich der frische Blick;
    Ich lasse dann die reine Hülle,
    Den Gürtel und den Kranz zurück.

    Und jene himmlischen Gestalten
    Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
    Und keine Kleider, keine Falten
    Umgeben den verklärten Leib.

    Zwar lebt‘ ich ohne Sorg und Mühe,
    Doch fühlt‘ ich tiefen Schmerz genung.
    Vor Kummer altert‘ ich zu frühe;
    Macht mich auf ewig wieder jung“

    Die folgende Nacht war ich mit meiner Freundin zu Gast in ihrem Sterbehaus. Am Morgen war sie gestorben.

    1. Es gibt kaum eine bessere und für Mignon sprechende Anekdote als diese. Schön und traurig zugleich, wie Mignon. Die Figur hat mich sehr berührt. Danke für diese Nachricht. Es gibt so viel Trauriges, vorschnell Beendetes in der Welt. Mignon steht für all diese und jene Pate. Gruß!

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