László Krasznahorkai: „Zsömle ist weg“

Zsömle ist weg von László Krasznahorkai
Zsömle ist weg von László Krasznahorkai. SWR Bestenliste.

Zsölme ist weg heißt der neueste Roman vom Literaturnobelpreisträger 2025, László Krasznahorkai, der, wie schon in seinem zweiten Buch Satanstango(1985), das Alt- und Schwächer-Werden auf dem Lande beschreibt und der Sehnsucht nach einem ganz anderen, neuen Leben woanders eine eigentümlich, in sich zerstrittene Stimme leiht. Treibt in Der Gefangene von Urga das Fernweh zu Abenteuern und einer Selbstbeforschung an, gilt es in Satanstango und Zsömle ist weg (2025)das Neue im eigenen Land zu verwirklichen, eine Utopie, einen Aufbruch zu initiieren, um den festgefahrenen Lebenswegen zu entkommen. Die Hauptfigur in seinem neuesten Roman heißt József Kada I. der Árpáden. Halb Mongole, halb Ungar wartet er als letzter Spross einer über 750 Jahre bestehenden Dynastie auf die rechtmäßige Krönung und Thronbesteigung in einem maroden, sich dem Untergang nähernden Ungarn:

[…] wissen Sie, meine liebe Etelka, wie ich mir das Ungarn vorstelle, das dieses so leidgeprüfte Land durch die Wiederherstellung der Monarchie werden könnte?, und da das nur eine rhetorische Frage gewesen war, sprach er schon weiter, erstens werden wir diese Frage mit Blick auf den erbärmlichen Zustand der Königlichen Ungarischen Flotte durch den Bau neuer Schiffe lösen […] zweitens befreien wir uns von der Schande der heruntergekommenen und an den Tourismus verkauften ungarischen Burgen […] drittens darf der König, also ich, nur und ausschließlich in der königlichen Residenz wohnen, das heißt in der Budaer Burg, viertens werden die traditionellen Bestrafungsmethoden des Ius gladii und der körperlichen Züchtigung wieder eingeführt und ebenso alle derzeit nur als alte Traditionen gepflegten Tätigkeiten wie das Bogenschießen, das Reiten, der Volkstanz, die Turniere, Chöre und so weiter […]
László Krasznahorkai aus: „Zsömle ist weg“

Inhalt/Plot:

Hier spricht József, der sich gerne Onkel Józsi nennen lässt, zu der Medizinstudentin Etelka, in die er sich mit seinen 92 Jahren in kürzester Zeit unsterblich verliebt, die aber im Gegenzug nur eine sanfte Sympathie für ihn zu hegen vermag, auch verspürt sie ein wenig Mitleid mit seinem geistig wirren Zustand. Onkel Józsi leidet nämlich unter einem Metallsplitter im seinem Gehirn, welchen er sich als Wehrmachtsoffizier am Ende des Zweiten Weltkrieges bei einer Explosion 1944, von ihm als Tag seiner offiziellen Krönung gedeutet, zugezogen hat. Trotz seines hohen Alters besitzt er aber noch genügend Energie um eine Schar Anhänger um sich zu sammeln und sie mit der Utopie eines neuen, reinen, wieder monarchischen Ungarns zu bezirzen. Sie besuchen ihn wöchentlich, aber auch manchmal täglich in seinem bescheidenen Heim in einem kleinen Dorf, das hauptsächlich aus einer Wirtsstube und aus Kuh- und Schafsbauern wie dem Trotteltoni und Drübennachbarn besteht. In diesem Dorf verbringt er die meiste Zeit, trinkt Wein, sammelt Antiquitäten, schreibt E-Mails an Staatsoberhäupter weltweit, um seinen Status als König der Ungarn zu untermauern, und füttert seinen geliebten Hund, Zsömle:

Trottel haben im Haus nichts zu suchen, genauso wenig wie Zsömle, sein Hund, auch der hatte seinen Platz draußen, aber der war schon so alt, dass ihn seit Jahren niemand mehr bellen gehört hatte, wenn jemand aus dem Dorf die Straße heraufkam, um aus dem Wald ein bisschen trockenes Holz zu stehlen, hob Zsömle nicht einmal den Kopf, nur am Abend, wenn er ihm in einer Blechschüssel die Reste hinstellte und ihm das Wasser wechselte, schien er nicht nur ein wenig den Kopf zu heben, sondern ihn auch mit traurigen Augen anzublicken, als fragte er ihn ständig, wie viele Tage noch, mein Herrchen?, und dann schlabberte er langsam, sehr langsam das Wasser und pickte im Essen herum, aber fraß kaum etwas, er sagte auch zu dem Drübennachbarn, sollte er etwas von einem Welpen hören, solle er ihm Bescheid geben, weil es Zsömle nicht mehr lange mache, und so kam es auch […]

Seit über 33 Jahren hat Onkel Józsi einen Hund, den er stets wieder „Zsömle“ nennt, und dessen tadellose, obgleich mit Ketten erzwungene Untertänigkeit er als selbsternannte Majestät sehr zu schätzen weiß. Als nun im krisengeschüttelten, aber nicht weiter beschriebenen Ungarn bekannt wird, dass ein lebender Nachfolger der Árpáden, also ein waschechter Nachkomme des Dschingis Khan unter ihnen weilt, gerät die Öffentlichkeit in Aufruhr. Die Presse und die Politik trauen dem Braten aber nicht so recht über den Weg, bis einer der anerkanntesten Historiker namens René Badigy Soós hieb- und stichfeste Beweise für aristokratisch-dynastische Herkunft Józsis liefert. Das Auf und Ab des ihm entgegengebrachten Vertrauens hält er nur durch die Treue seines Hundes aus, den er, kaum ist der alte Hund gestorben, schnell wieder durch einen Welpen zu ersetzen versteht:

[…] ich kann sagen, du bist dein Geld wert, sagte er und streichelte ihn am Kopf, ging dann nach hinten zum Keller, suchte die Kette des alten Zsömle, schlenderte zurück und legte sie dem Hund um den Hals, der drehte sich eine Weile immer im Kreis herum, um die Kette abzustreifen, vielleicht dachte er, auch das sei nur ein Spiel, doch es war kein Spiel, er war eingeweiht worden, denn es war wie die Weihe zum Mann in alten Zeiten, er hielt ihm die Schnauze zu, rüttelte zum Spaß an seinem Kopf und sagte zu ihm, jetzt bist du ein richtiger Wachhund, und die Kette ist deine, die kommt nie wieder ab, bis du stirbst […]

Insgesamt dreht sich Krasznahorkais Zsömle ist weg um das Alt- und Schwächer-Werden und auch um die Scham, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, und um die Angst, von der Familie isoliert und belächelt, alleine dazustehen. Józsi träumt aber auch von Bedeutung und Sinn, einerseits sein Ungarn zu retten, andererseits sich einer langen Tradition einzufügen, die seiner Existenz eine kulturell-verbürgte Unsterblichkeit verleihen könnte. Ganz ähnlich wie Zsömle, der kaum, dass er stirbt, wieder aufersteht, als neuer und alter Zsömle, sucht Józsi Rettung in der Rolle des Königs. Hannah Arendt umschreibt dieses Streben mit der bekannten Redewendung, die Ernst Kantorowicz‘ zur Theorie der zwei Körper des Königs entwickelt hat, wie folgt:

»Der König ist tot, lang lebe der König« heißt natürlich, daß der König etwas verkörpert, das unsterblich ist […] daß er auf Erden einen göttlichen Ursprung verkörpert, in dem Gesetz und Macht zusammenfallen. 
Hannah Arendt aus: „Über Revolutionen“

Dieser literarisch-schwierig zu bearbeitende Konfliktbereich – denn gerade im Erzählerischen lässt sich Ersetzbarkeit kaum gestalten, da die Welt der Literatur von der Einmaligkeit der Ereignisse und nicht deren Austauschbarkeit lebt – charakterisiert die narrative Widersprüchlichkeit von Zsömle ist weg: die Figuren bedeuten etwas, ohne etwas zu bedeuten. Dieses Paradox verstärkt Krasznahorkai noch durch die in Zsömle ist weg konsequent in sich gebrochene Erzählweise.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Öffentliches Miteinander mit Plot: Physisches Ausgeliefertsein.

Stil/Sprache/Form:

Von Anfang an fällt in dem Roman das Fehlen von Punkten, also symbolisch markierten Satzenden auf. Die Sätze hören in Zsömle ist weg erst mit dem Kapitel auft. Rein syntaktisch, vom Zeichenmaterial ausgehend, umfasst der Roman also ungefähr zwölf Sätze. Näher betrachtet fehlen jedoch leider nur die Punkte. Die Sätze enden meist ziemlich schnell sogar. Bspw. beginnt das vierte Kapitel wie folgt (die Punkte sind von mir):

Heute entführen wir Sie, Onkel Józsi, sagten sie beim nächsten Mal. Es war gerade Wochenende, und er hatte gedacht, es werde so wie die anderen Tage. Nun, es wurde nicht so, denn er musste sich schön anziehen, und zwar empfahlen sie ihm, was er anziehen sollte, Mantel, Kalpak und die Stiefel des Ritterordens, also setzte er sich so in das zweite der vier Autos, die kreuz und quer um das Haus herum parkten. Der Drübennachbar rief auch zu ihnen herüber: „Bitte, das ist hier kein Parkplatz, fahren Sie sofort die Autos weg.“ „Wir fahren ja schon.“ Er winkte dem Drübennachbarn zu.

Statt Anführungszeichen und Punkte setzt Krasznahorkai lediglich Kommata, ohne jedoch den Textfluss, den Leserhythmus und die Atmosphäre des Textes zu verändern. Er verwendet eigentümlicherweise eine Form des inneren, bruchlosen, fließenden Monologs, wie er u.a. in Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl verwendet worden ist, um die Kontinuität und Vielschichtigkeit eines Bewusstseins ästhetisch zu gestalten, und verbindet diesen mit der Endlos-Satz-Technik eines Thomas Bernhard oder Jon Fosse, die aber stets personal und perspektiviert bleiben:

[…] aber wenn ich den Hund absetze und ihm folge, dann geht er vielleicht zur Galleri Beyer zurück? das kann doch sein, seine Nase führt ihn vielleicht dorthin? denke ich und ich setze Brage ab und er steht einfach nur da und schaut zu mir hoch mit seinen Hundeaugen und dann ziehe ich ein bisschen an der Leine und ich sage, geh los, Brage, und dann geht er los und er geht in die entgegengesetzte Richtung zurück, er geht die Straße entlang und ich gehe hinter ihm her, denn eine andere Art herauszufinden, wo wir hinmüssen, will mir nicht einfallen, denke ich, also verlasse ich mich darauf, dass der Hund zur Galleri Beyer zurückgeht, denke ich […]
Jon Fosse aus: „Der andere Name“

Auch hier lassen sich ein paar (wenige) Punkte setzen, rein vom Sinnabschluss der Bedeutungseinheiten, aber diese Punkte würden den Lauf und das Tempo des Lesens verändern und auch die Sogwirkung unterwandern, die Fosses Schreib- und Erzählstil auszeichnen. In Zsömle ist weg jedoch entwickelt dieser stream-of-consciousness-Stil weder Sogwirkung, hierzu fehlt die situative Intensität, noch bleibt sie an eine Figur gebunden. Stattdessen erzählt Krasznahorkai sogar auktorial:

[…] sie schien sich gut zu amüsieren, sie glaubte, es war nicht ernst gemeint und nur ein Scherz wie so vieles, was Onkel Józsi redete, doch da irrte sie sich, er meinte es todernst und er dachte verschiedene Pläne und Tricks, wie er sie überzeugen konnte, er betete die Etelka geradezu an und versprach ihr Dinge, zum Beispiel dass er ihr die Insel Madeira schenken würde und Ähnliches, dass sie kaum aufhören konnten zu lachen […]

Nicht nur weiß die Erzählinstanz, was in den je verschiedenen Figuren vorgeht. Er korrigiert sogar die Vorstellung und den Glauben seiner Hauptfigur („da irrte er sich“). Hierdurch geht jedoch gerade die von der Erzählperspektive angestrebte Immersion komplett verloren. Sie wirkt sogar artifiziell und widersprüchlich, eher wie eine bewusst eingesetzte Nebelbombe, die noch die letzte narrative Glaubwürdigkeit des Ganzen untergräbt.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Zsömle ist weg nimmt viele Motive aus Satanstango auf und radikalisiert die paradoxe Erzählweise ins Unabsehbare, indem er Thomas Bernhards und Jon Fosses Gedankenzermalm-Schreibweise übernimmt, sogar ihre Motive und Handlungsbögen einarbeitet, mit ein paar bürokratischen Slapstick-Szenen, die an Franz Kafka erinnern, und auf Charaktere wie Etelka von Arthur Schnitzler anspielt. Von der Melancholie und Traurigkeit her ähnelt er zudem Bodo Kirchhoffs Seit er sein Leben mit einem Tier teilt. Das Pastiche irrt etwas planlos um die Hauptfigur herum, die zunehmend an Orientierung und Erinnerungskraft einbüßt, jedoch offensichtlich an einem erbarmungslosen Narzissmus leidet.

[…] Sie wissen, wie der Ungar ist, der Ungar und sein Hund gehören zusammen, und ich bin Ungar, nicht Slowake wie Sie, Sie wollen damit jetzt doch nicht etwa sagen?!, der Jenő sah ihn verärgert an, dass wir?!, Slowaken?!, kein Herz haben?!, die Ungarn können mir gestohlen bleiben!, he!, was soll das heißen, wir, die Slowaken!, Herr Kada!, wir haben ein so großes Herz, dass Sie nicht mal auch nur eine Ahnung davon haben, für uns sind die beiden wichtigsten Dinge auf der Welt ein Kind im Dreck, eine Rose im Garten und der Hund hinten im Hof an der Kette, wir lieben alle Tiere, das kann ich im Namen des ganzen slowakischen Nationalismus sagen […]

Das Motiv des An-die-Kette-Legens zieht Krasznahorkai erbarmungslos durch. Wie schon in Satanstango so auch in Zsömle ist weg werden unschuldige Wesen gefoltert und getötet, und das Publikum in einen Reigen von Anspielungen und Andeutungen geradezu ertränkt und wie der Hund Zsömle gegängelt, ohne dass an ein interpretatorisches Entkommen durch ein Sinnrahmen zu denken wäre. Angeleint an einer linearen Kette von Buchstaben rast die Suche nach Sinn in die Sackgasse, dem Licht in einem dunklen Tunnel entgegen, das die Erzählinstanz, sobald es kein Weg zurück mehr gibt, erbarmungslos löscht. Zsömle ist weg lässt sich wie Thomas Pynchons Schattennummer, auf den Krasznahorkai in der Danksagung explizit verweist, als Schwarzsatire auf den Zustand der Welt und ihre Erzählbarkeit begreifen, und das wäre noch die freundlichste Lesart.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

+radikal-paradoxale Erzählweise
+Zeitgeist-Bewusstseinsstrom
-gespalten-gebrochen, düster-sarkastisch
-brutales Leerlaufen, Satire

Nächste Woche am 13. Januar 2026 gibt es auf Kommunikatives Lesen die nächste Besprechung eines Gegenwartsromans. Ich bin offen für Vorschläge, einfach im Kommentar ein Besprechungswunsch äußern. Bis dahin gibt es andere und weitere aktuelle Kurzrezensionen hier

4 Antworten auf „László Krasznahorkai: „Zsömle ist weg““

  1. Das klingt nach Dunkelhaft in der Sinnlosigkeit, kein Lesevergnügen weit und breit. Ich frage mich gerade, ob ich das möchte – oder ob mir zu solchem Zweck nicht die Tageszeitung genügt. Nun, ich kann jedenfalls nicht behaupten, du habest mich nicht gewarnt.

    1. Der Gefangene von Urga läuft ganz anders. Den lege ich dir ans Herz. Das Buch ist eine seltsame Satire, die für mich narrativ gar nicht zündet, zumal überhaupt nicht klar wird, was wie eigentlich gemeint sein könnte. Nun ja, die Verhältnisse in Ungarn, aber da informiere ich mich auch eher andersweitig. Viele Grüße!

  2. Oje, dieser Roman hat dir gar nicht gefallen. Ich habe gerade mit dem Gefangenen von Urga begonnen und finde ihn nach den ersten Seiten recht interessant, wenn auch eher mühsam zu lesen.

    1. Ja, Urga wirkt am Anfang behäbig, aber es wird besser, das verspreche ich dir. Das Buch jedoch wurde eher träger und behäbiger zum Ende hin, und löste sich dann auch noch brutal auf. Wer nicht genug Weltschmerz verspürt, bekommt hier eine satte Portion 😀 Viele Grüße!

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