Franz Kafka: „Der Prozess“

Franz Kafka: „Der Prozess“
Dr. Jekyll und Mr. Hyde im Zeitalter der Bohème …

Interpretationsmodelle (3): Im Rahmen der Reihe Interpretationsmodelle, von denen es bereits einen ersten Teil mit Theodor W. Adornos Skoteinos und einen zweiten mit Jacques Derrida Gesetzeskraft gibt, veranschauliche ich dieses Mal anhand Franz Kafkas Der Prozess, inwieweit sich Interpretationen wertfrei darin unterscheiden lassen, wie sehr sie dem Textganzen und nicht nur gewissen Teilaspekten entsprechen.  Deutungen und Inhalt eines Romanes lassen sich ja selbstredend nach Belieben konstruieren, genauso wie Wertungen, Urteile, Eindrücke und Impressionen. Dies gilt selbst dann, wenn Interpretationen die Textgesamtheit berücksichtigen, aber erst recht im Falle einer dezisionistischen Textstellenauswahl. Als Beispiel dient hier Jacques Derridas dekonstruktivistisches Verfahren beim Besprechen von Walter Benjamins Text Zur Kritik der Gewalt. Noch deutlicher aber lässt sich dies an den Interpretation bezüglich Kafkas Der Prozess veranschaulichen:

»Sie dürfen nicht weggehen, Sie sind ja verhaftet.«
»Es sieht so aus«, sagte K.
»Und warum denn?« fragte er dann. »Wir sind nicht dazu bestellt, Ihnen das zu sagen. Gehen Sie in Ihr Zimmer und warten Sie. Das Verfahren ist nun einmal eingeleitet, und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren. Ich gehe über meinen Auftrag hinaus, wenn ich Ihnen so freundschaftlich zurede. Aber ich hoffe, es hört es niemand sonst als Franz, und der ist selbst gegen alle Vorschrift freundlich zu Ihnen. Wenn Sie auch weiterhin so viel Glück haben wie bei der Bestimmung Ihrer Wächter, dann können Sie zuversichtlich sein.«

Franz Kafka aus: „Der Prozess“

Der Inhalt lässt sich schnell zusammenfassen. Ich lege nicht die Pasley, Sánchez Trujillo oder eine andere historisch-kritische Ausgabe der Inhaltsangabe zugrunde. Ich halte mich an die 1925 von Max Brod herausgegebene Version, die zehn Kapitel, neun vollständige, ein unvollständiges umfasst:

  1.  Josef K. wacht eines Tages in seiner Wohnung auf und bekommt von zwei Männern mitgeteilt, dass er verhaftet und ein Prozess gegen ihn eröffnet worden sei. Er nimmt diesen außerordentlichen Vorgang zum Anlass, mit seiner Nachbarin Fräulein Bürstner anzubandeln.
  2. Auf ein Telefonanruf hin soll er an einem Termin seiner Wahl beim Untersuchungsrichter vorstellig werden, der in einem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus residiert. Bei dieser Gelegenheit belustigt sich Josef K. lautstark über alle Anwesenden samt Richter.
  3. Eine Woche später kehrt Josef K. in das besagte Mehrfamilienhaus zurück und lernt die Frau eines Gerichtsdieners kennen, die sich ihm an den Hals wirft. Nach einigen Wirrungen und Irrungen im Dunst und Nebel findet er den Ausgang aus dem Zimmerlabyrinth.
  4. Fräulein Bürstner, nach der sich Josef K. verzehrt, entzieht sich ihm und lässt sich durch ihre Freundin, Fräulein Montag, entschuldigen.
  5. Josef K. trifft die zwei Männer aus dem ersten Kapitel wieder, die in einer Rumpelkammer nahe seines Bankbüros von einem in Lederkluft gekleideten Prügler mit einer Rute bestraft werden. Grund sei Josef K.s Beschwerde beim Untersuchungsrichter.
  6. Der Onkel besucht Josef K. und ist aufgrund des Prozesses sehr um das Ansehen und Josef K.s bürgerliche Existenz besorgt. Um ihm beim Prozess zu helfen, schleppt ihn sein Onkel zu einem bettlägerigen Advokaten. Seine Neffe hat aber vielmehr Interesse an der hiesigen Haushälterin namens Leni, mit der er ein Techtelmechtel beginnt.
  7.  Josef K. hat die Hilfe des Advokaten angenommen und lässt seine Verpflichtungen als Prokurist schleifen. Er berät einen Fabrikanten schlecht und wird zum Gespött des Direktor-Stellvertreters. Vor dem Weggehen steckt der nachsichtige Fabrikant ihm ein Empfehlungsschreiben für einen Maler namens Titorelli zu, der ihm bei seinem Prozess behilflich sein könnte. Statt weiterzuarbeiten, sucht er diesen auf. Titorelli wohnt in einem verwinkelten Dachgeschoss und wird von einer Gruppe kleiner Mädchen belagert. Titorelli verkauft ihm ein paar Gemälde und gibt Josef K. Tipps zum Prozess.
  8. Nach der Besprechung mit Titorelli empfindet Josef K., dass der Advokat in seiner Prozessangelegenheit nicht schnell genug vorankommt, und beschließt diesen zu feuern. In der Wohnung des Advokaten trifft er auf einen Kaufmann, der ebenfalls mit Leni anzubandeln versucht und vom Advokaten zwecks Machtdemonstration in Anwesenheit von Josef K. vorgeführt wird. (Dieses Kapitel ist ein Fragment geblieben.) 
  9. Josef K., als Mitglied des Vereins zur Erhaltung der städtischen Kunstdenkmäler, bekommt den Auftrag, einem italienischen Geschäftsfreund des Direktors den Dom zu zeigen. Statt des Geschäftsfreundes trifft er im Dom auf einen Geistlichen, der ihn auf seinen Prozess anspricht und ihm die Fabel Vor dem Gesetz erzählt und interpretiert. Am Ende entpuppt sich der Geistliche als Gefängniskaplan und infolgedessen als Teil des Gerichts.
  10.  Josef K. wird eines Abends von zwei Männern abgeholt und, an Polizisten vorbei, die Josef K. nicht um Hilfe ersucht, in die Vorstadt gebracht, wo dieser sich seinen Henkern freiwillig beugt und seine Kehle darbietet.

Diese ausführliche Inhaltsangabe habe ich gegeben, um Standardinterpretationen abzugleichen. Mich interessiert diesbezüglich einzig, inwieweit sie dem Textganzen entsprechen, also die Textgesamtheit abbilden und nicht nur Teilaspekte heranziehen, wie dies oft geschieht. Solche Interpretationen fassen dann einen Teilaspekt zusammen, der in den meisten Fällen mit dem Text nur peripher, wenn überhaupt etwas zu tun hat. Gängige Interpretationen von Der Prozess betätigen diese Beobachtung.

Eine der bekanntesten Deutungen mobilisiert den Begriff des Absurden und die transzendenzlose Haltlosigkeit des modernen Subjektes. Konfrontiert mit einer unglaubwürdig gewordenen Traditionen droht laut dieser Perspektive alles Höhere und Sittliche zu verschwinden. Josef K. repräsentiert in diesem Sinne das vereinzelt, entfremdete Individuum, das vermeidlich als bloßer Haufen von Atomen, sich jedes Sinns und jeder Bedeutung beraubt sieht. So schreibt beispielsweise Walther Killy, der Herausgeber des Killy Literaturlexikons, über Der Prozess:

Aber in der unendlichen Entfernung des modernen Menschen vom Gesetz, in der wachsenden Relativität von Gut und Böse wurde die Freiheit höchst zweifelhaft, … ‚als gäbe es gleichzeitig nichts Sinnloseres, nichts Verzweifelteres als diese Freiheit‘. Diese beiden Sätze aus dem vorliegenden Buche [Der Prozess] weisen auf den Grund der Angst, von der sich der in der Erfahrung des eigenen Ungenügens und in der Ungewissheit des Gesetzes lebende religiöse Mensch ergriffen findet; wie soll er sich rechtfertigen, wenn der Richter so unerreichbar ist wie die Ordnung des Gesetzes.

Walter Killy aus: „Der Prozess“ (Nachwort)

Bezeichnenderweise befindet sich der Satz im Roman Das Schloss und nicht im Der Prozess, in welchem das Wort ‚Freiheit‘ nur zweimal vorkommt, einmal im zweiten Kapitel, als Josef K. in einer Menschenmenge seine Bewegungsfreiheit eingeschränkt sieht und deshalb zurückweicht; das andere Mal im dritten Kapitel, als er voller Vorfreude auf das Außen, auf der Schwelle des Ausganges den Vorgeschmack der Freiheit bemerkt. Entgegen der existenzphilosophischen und theologischen Interpretation erscheint Freiheit, sofern von ihr überhaupt die Rede ist, durchweg positiv und als anzustrebendes Ziel in diesem Text. ‚Sinnlosigkeit‘ selbst taucht dreimal auf, insbesondere im ersten Kapitel, als Josef K. über die Sinnlosigkeit des Selbstmordes reflektiert, die so sinnlos sei, dass sie selbst im Falle eines Selbstmordwunsches die Ausführung verunmöglicht. Er unterminiert mit dieser Aussage Albert Camus‘ zentrale Fragestellung in Der Mensch in der Revolte, wenn dieser schreibt:

Wichtig ist zunächst nicht, zu den Wurzeln der Dinge hinabzusteigen, sondern zu wissen, wie man sich in der Welt, wie sie nun einmal ist, verhalten soll. In der Zeit des Neinsagens könnte es nützlich sein, das Problem des Selbstmordes zu erörtern. […] Gott betrügt, alle Welt, ich eingeschlossen, betrügt ihn, folglich sterbe ich: Der Selbstmord war die ganze Frage.

Albert Camus aus: „Der Mensch in der Revolte“

In Der Prozess wird von Anfang der Selbstmord und mit ihm das Absurde und die Fragwürdigkeit der Existenz ausgehebelt. Josef K. lebt gern. Er vermisst weder den Glauben, noch den Sinn, noch fühlt er sich bemüßigt, sich zu rechtfertigen. An keiner Stelle im Roman wird auf eine höhere Instanz hingewiesen. Sowohl Tradition wie Brauchtum kommen nicht vor. Josef K. vermisst sie nicht. Da von Josef K.s alle möglichen, sich widersprechenden Gedanken im Text erwähnt werden, ist es unwahrscheinlich, dass eine Sehnsucht nach Halt, Sicherheit und Geborgenheit im Absoluten nirgendwo Erwähnung findet.

Transzendenz existiert für Josef K. nur innerhalb des Ästhetischen, bspw. in Form einer gemalten Göttin der Jagd als janusköpfiger Zwitter der Gerechtigkeit oder Engel als Fresken und Säulenverzierungen im Dom. Ohnehin verspürt Josef K. die meiste Zeit über viel irdischere Sehnsüchte wie nach seiner Nachbarin Fräulein Bürstner, Leni oder seiner Geliebten Elsa, wie überhaupt allen weiblichen Figuren, die ihm im Laufe der Handlung begegnen. Von existenziellen Ängsten lässt sich auf der Textebene also nichts finden und von einem erhabenen Schauder gegenüber dem Unbekannten und Fragwürdigen auch nicht. Er blickt beiden vielmehr lässig entgegen:

Es ist gar nichts Dummes was Sie gesagt haben, Frau Grubach, wenigstens bin auch ich zum Teil Ihrer Meinung, nur urteile ich über das Ganze noch schärfer als Sie und halte es einfach nicht einmal für etwas Gelehrtes, sondern überhaupt für nichts. Ich wurde überrumpelt, das war es.

Wenn auf ‚Angst‘ und ‚Rechtfertigung‘ die Rede kommt, dann in Bezug auf Josef K.s Stellung in der Bank, auf seinen Kleinkrieg mit dem Direktor-Stellvertreter und das Ansehen, dass er als Prokurist verdient, aber durch die Mitbewerber gefährdet sieht. Ihm wird nämlich fortlaufend bewusst, wie wenig Lust er weiterhin auf seinen Job hat, wie viel lieber er sich mit seinem Prozess beschäftigen würde, den er zunehmend als Herausforderung, als Abenteuer, als willkommene Ablenkung von seinem ernüchternden Arbeitsalltag erfährt:

Es war unbedingt nötig, daß K. selbst eingriff. Gerade in Zuständen großer Müdigkeit, wie an diesem Wintervormittag, wo ihm alles willenlos durch den Kopf zog, war diese Überzeugung unabweisbar. Die Verachtung, die er früher für den Prozeß gehabt hatte, galt nicht mehr.

Josef K. spürt also keine Verachtung für den Prozess. Vor diesem Hintergrund erscheinen auch andere, düstere Interpretationen schwierig am Text festzumachen, die sich nachgerade gegen die existenzialphilosophische oder theologische richten, die völlig am Text vorbeigehen. Beispielsweise jene im Dunstkreis von Theodor W. Adorno, der in Der Prozess die literarische Antizipation des organisierten Terrors der Nationalsozialisten sieht. So schreibt dieser in Aufzeichnungen zu Kafka:  

Klaus Mann hat auf der Ähnlichkeit des Kafkaschen Reiches mit dem Dritten bestanden. So fern gewiß die unmittelbare politische Anspielung einem Werk liegt, dessen »Haß gegen den, dem der Kampf gilt«, viel zu unversöhnlich war, als daß es die Fassade durch die leiseste Konzession an einen wie immer gearteten ästhetischen Realismus, durchs Hinnehmen dessen, wofür sie sich gibt, hätte bestätigen dürfen – jedenfalls zitiert der Stoffgehalt jenes Werkes eher den Nationalsozialismus als das verborgene Walten Gottes.

Theodor W. Adorno aus: „Prismen“

Zu dieser Interpretation passt hervorragend die anfängliche und empfindliche Verletzung der Privatsphäre, als Josef K. in seiner Wohnung aufwacht und sich zwei, dann drei Männern gegenüber sieht. Dieser Einbruch in die Privatwelt markiert deutlich eine Form der totalitären Staatsgewalt. Was zu dieser Interpretation jedoch gar nicht passen will, ist beinahe der gesamte Rest des Romans. Die Staatsgewalt taucht nämlich gar nicht auf. Keine offiziellen Regeln, Gesetze, Abzeichen und Rangordnungen. Alles schwimmt und fluktuiert im Unklaren und besitzt nicht den Hauch eines Herrschaftsgestus. Die Beamten erklären sich, widersprechen sich und bilden keine Einheit. Befehle werden nicht ausgesprochen, sondern verklausuliert entschärft und diplomatisch bis zur Beliebigkeit verunklart. Gewalt als Mittel findet nirgendwo, an keiner Stelle im Text Anwendung. Josef K. sucht sogar die Nähe zum Gericht selbst. Zwang empfindet er nicht. Er setzt sich freiwillig und mit Elan dem Abenteuer aus:

K. stand dann noch einen Augenblick still, strich sich mit Hilfe eines Taschenspiegels das Haar zurecht, hob seinen Hut auf, der auf dem nächsten Treppenabsatz lag – der Auskunftgeber hatte ihn wohl hingeworfen – und lief dann die Treppe hinunter, so frisch und in so langen Sprüngen, daß er vor diesem Umschwung fast Angst bekam. Solche Überraschungen hatte ihm sein sonst ganz gefestigter Gesundheitszustand noch nie bereitet. Wollte etwa sein Körper revolutionieren und ihm einen neuen Prozeß bereiten, da er den alten so mühelos ertrug? Er lehnte den Gedanken nicht ganz ab, bei nächster Gelegenheit zu einem Arzt zu gehen, jedenfalls aber wollte er – darin konnte er sich selbst beraten – alle künftigen Sonntagvormittage besser als diesen verwenden.

Der Prozess wirkt also belebend auf ihn, etwas, was jenseits der Mühle der täglichen Plackerei steht, etwas, das ihn zwar in Verruf bringen könnte, aber nicht wie einen Dieb, wie explizit gesagt wird, sondern Situationen und Umstände ermöglicht, in denen es zu spontanen Berührungen und körperlichen und einvernehmlichen Gemengelagen kommt, im Nebel, Dunst, in zwielichtigen Dachkammern, zwischen Gemälden, Gerüchen, Schatten, Händen und obskuren Begierden. Auch als die zwei Herren mit „unverrückbaren Zylinderhüten“, also keine Soldaten und keine brutalen Häscher, ihn zu seiner Urteilsverkündung abholen, bleibt Josef K. ganz gefasst. Er blickt ihnen unverwandt in die Augen:

Ohne daß ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre, saß K., gleichfalls schwarz angezogen, in einem Sessel in der Nähe der Türe und zog langsam neue, scharf sich über die Finger spannende Handschuhe an, in der Haltung, wie man Gäste erwartet. Er stand gleich auf und sah die Herren neugierig an. »Sie sind also für mich bestimmt?« fragte er. Die Herren nickten, einer zeigte mit dem Zylinderhut in der Hand auf den anderen. K. gestand sich ein, daß er einen anderen Besuch erwartet hatte.

Diese Situation auf den ahnungslos Verfolgten anzuwenden, ist möglich, wirkt aber unplausibel, zumal Zwang, Gewaltandrohungen, offizielle Strafmaßnahmen weder angedroht noch irgendwie erwähnt werden. Von Organisation, Brutalität, von roher Gewalt, militärischer Ordnung und einer verwalteten Welt des faschistoid Funesten findet sich in Der Prozess keine Spur. Auch erscheint Josef K. an keiner Stelle als Opfer. Er treibt munter sein eigenes Unwesen, treibt Diener an, macht sich über seine Mitmenschen lustig und drängt sich Frauen auf, die nichts von ihm wissen möchten. Das unbeherrscht Sexuelle von Josef K. taucht beinahe in jedem Kapitel auf, auch seine herablassende Behandlung gegenüber seinen Untergebenen:

Es lag ihm daran, den Diener loszuwerden, dessen Goldknopf ihm unaufhörlich in die Augen stach, wenn er auch sonst wahrscheinlich niemandem auffiel. In seiner Dienstfertigkeit wollte sich der Diener noch auf den Kutschbock setzen. K. jagte ihn aber hinunter. Mittag war schon längst vorüber, als K. vor der Bank ankam. Er hätte gern die Bilder im Wagen gelassen, fürchtete aber, bei irgendeiner Gelegenheit genötigt zu werden, sich dem Maler gegenüber mit ihnen auszuweisen. Er ließ sie daher in sein Büro schaffen und versperrte sie in die unterste Lade seines Tisches, um sie wenigstens für die allernächsten Tage vor den Blicken des Direktor-Stellvertreters in Sicherheit zu bringen.

Die theologische Interpretation erhöht also die Fragwürdigkeit des Prozesses selbst zur Frage und Suche nach einem Absoluten, wohingegen die politische die anfängliche Verletzung der Privatsphäre verallgemeinert. Beide greifen einen Teilaspekt aus dem Text heraus und überhöhen ihn, ohne Rücksicht auf Josef K. Verhaltensweisen und Äußerungen zu nehmen. Gleichermaßen geschieht dies in dem Versuch, Kafkas Roman als verklausuliertes Bekenntnis zur Homosexualität und den Prozess als heteronormatives Nivellieren von Josef K.s Persönlichkeit zu verstehen. Diese Interpretation geht von der Prüglerszene im fünften Kapitel aus, in der sich Männer gegenseitig züchtigen, aber ignoriert die durchweg positive und attraktive Beschreibung der weiblichen Figuren, die allesamt für Josef K. unwiderstehlich sind und die völlige Abwesenheit von männlichen und als attraktiv beschriebenen Vertrauenspersonen und Freunden.   

Das Geheimnis um den Prozess lüftet sich und erhält einen plausiblen Zusammenhang, wenn er als Aufnahme- und Initiationsritus einer Geheimgesellschaft wie der um Stefan George begriffen wird. So erklärt sich, dass die Richter nicht als Richter, die Advokaten nicht als Advokaten auftreten und es zu keiner offiziellen Urteilsverkündung oder Verhaftung kommt. Der Prozess beschreibt eher eine Form von Öffentlichkeit, die nicht bei jedem und allen wohlgelitten ist, für die sich also Josef K., sobald er an ihr teilnimmt, schämt, zu der er sich aber hingezogen fühlt und die er zunehmend als Herausforderung und Bereicherung für seine dröge bürgerliche Existenz erlebt, bspw. die Bohème, die für das künstlerische, studentische Böhmen statt für so etwas wie die Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag steht.

Um zu den Kulturschaffenden zu gehören, bedarf es jedoch einer ersten Eingabe, eines Manuskripts. Es bedarf vieler Kontakte, eines Publikums, eines Lektorats und Verlages. Es bedarf Lesungen in kleinen, dann in größeren Kreisen, Clubs voller Rauch, in Dachkammern, in den Salons befreundeter interessierter Künstlerfiguren, und führt schließlich zu der alles entscheidenden Kritik der literarischen Öffentlichkeit, dem Urteil in den Feuilletons. Mit diesem Verweiszusammenhang lässt sich Der Prozess hervorragend als tastender und ängstlicher Emanzipationsvorgang eines Angestellten lesen, der Angst und Freude vor der eigenen Courage hat, sein sicheres und gewöhnliches Leben als Prokurist für das aufregende Leben als Literat einzutauschen, hätte er nur Zeit ein großes Erstlingswerk zu verfassen:

Wenn sich aber auch K. dies alles durchzuführen getraute, die Schwierigkeit der Abfassung der Eingabe war überwältigend. Früher, etwa noch vor einer Woche, hatte er nur mit einem Gefühl der Scham daran denken können, daß er einmal genötigt sein könnte, eine solche Eingabe selbst zu machen; daß dies auch schwierig sein konnte, daran hatte er gar nicht gedacht. Er erinnerte sich, wie er einmal an einem Vormittag, als er gerade mit Arbeit überhäuft war, plötzlich alles zur Seite geschoben und den Schreibblock vorgenommen hatte, um versuchsweise den Gedankengang einer derartigen Eingabe zu entwerfen und ihn vielleicht dem schwerfälligen Advokaten zur Verfügung zu stellen, und wie gerade in diesem Augenblick die Tür des Direktionszimmers sich öffnete und der Direktor-Stellvertreter mit großem Gelächter eintrat. Es war für K. damals sehr peinlich gewesen […]

Die humoristischen Stellen mit dem Loch im Boden, durch das die Beine der Winkeladvokaten einsinken, oder die Tatsache, dass vor dem Gericht alle Advokaten im Grunde Winkeladvokaten sind, oder Slapstick-Einlagen, in der sich Advokaten solange von einem Gerichtsdiener die Treppe herunterschmeißen lassen, bis dieser zu müde wird, ihren Ansturm weiter abzuwehren und sie resigniert durchlässt, verweisen auf diese weniger tragische, weniger existenziell-bedrohliche Interpretation, die auch weniger im krassen Gegensatz zu den eigentümlich sexualisierten, pubertär erscheinenden Phantasien rundum die diversen Frauen in Der Prozess steht. Die Episoden verlieren auf diese Weise ihre Rätselhaftigkeit wie der Prozess der Anerkennung in diesen Kreisen selbst. Niemand kann künstlerischen Erfolg garantieren. Dieser erscheint als Taube auf dem Dach, wohingegen die Anstellung als Prokurist den Spatz in der Hand sichert. Die Scham und Schuld sich und der Familie gegenüber bleiben jedoch, solange der maßgebliche Erfolg fehlt und vielleicht sogar trotz diesem:

Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

Die Entscheidung fürs Schreiben zieht den Tod seiner bürgerlichen Existenz nach sich, von der sich Josef K., mehr Täter als Opfer, nur ganz oder gar nicht zu trennen vermag. Der Prozess als Emanzipationsvorgang eines Schriftstellers zu lesen, vereinigt die disparaten Momente einer bürgerlichen und nicht-bürgerlichen Existenz, die beide in Josef K. wechselseitig um Vorrang kämpfen. Auf diese Weise lässt sich die Lektüre eines eher unübersichtlichen Romanes organisieren und beruhigen, ohne ihn sowohl stilistisch wie allegorisch zu entschärfen oder weltanschaulich zu instrumentalisieren.

4 Antworten auf „Franz Kafka: „Der Prozess““

  1. Diese Lesart finde ich – in großem Abstand zu meiner Lektüre des ‚Prozess‘ – sehr nachvollziehbar. Mit diesem anderen Blick ist es sicher zu empfehlen, das Buch erneut zu lesen.
    Vor allem mag ich aber den Respekt gegenüber dem Ganzen eines Werkes, mit dem du es beschreibst.
    Grundsätzlich bin ich aber nicht sicher, ob AutorInnen schreibend immer so stringent nur einen Ansatz im Kopf haben; gerade bei sich über Jahre hinziehenden Schreibprozessen können doch Wandlungen im politischen und kulturellen Umfeld auf das Denken Einfluss nehmen und sich auch im Schreibprojekt niederschlagen.
    Allerdings weiß ich nicht, wie schnell Kafka seine Werke fertiggestellt hat und wie hermetisch er sich während der Schreibzeit von Äußerem abschloss.
    Jedenfalls bewundere ich die Sorgfalt, mit der du hier verschiedene Interpretationen auf ihre Tragfähigkeit hin abklopfst.

    1. Ja, ich denke, es könnte interessant sein, diese Lesart von Anfang im Kopf zu behalten und sie überprüfen. Ich gebe dir völlig recht, dass Bücher, je nachdem wie und wer sie wann geschrieben hat, völlig in sich unabhängig Felder, Gefühle, Assoziationen beinhalten und vereinigen können.

      Ich würde nie auf die Idee kommen, eine Interpretation wahrer als eine andere einzustufen. Mich hat vielmehr die Möglichkeit interessiert, dass Leseerlebnis selbst zu steigern und unassetorisch zu stützen. In diesem Sinne wäre eine gelungene Interpretation eine, von der ich in das Buch hinein und aus dem Buch wieder heraus komme, also eine Wechselseitigkeit entsteht, die Ausgangs- und Endpunkt angibt, ohne das Spannungsfeld zu verkürzen.

      So eine aber zu finden, also ohne dem Text gegenüber Willkür walten zu lassen, denn in einem Text ist ja alles wichtig, kann schwierig sein. Beispielsweise denke ich dann mehrere Woche über Hölderlin nach und komme dennoch auf keinen grünen Zweig 🙂

      Vielen Dank für deinen netten Kommentar und herzliche Grüße!

  2. „Der Prozess“ ist ein Fragment, aber es ist ein Fragment in doppelter Hinsicht: Mir ist bei deiner Interpretation – und noch weit mehr bei den anderen, von dir zitierten Ansätzen – bewusst geworden, wie stark Kafka den Leser braucht und hineinzieht in die „Kontruktion der Wirklichkeit“ seines Romans. Nicht anders ist es bei seinen fertiggestellten Erzählungen – daher meine ich, dass es ein auszeichnendes Stilelement der Kafkaschen Prosa ist. Jede erzählerische Wendung, jeder Bruch sucht im Leser nach einer Ergänzung. Der Leser sagt dann: das ist gemeint, jenes. Der Text als solcher gibt das nicht her, er braucht den Leser, der ihn entsprechend seinen Lebensdeutungen ergänzt.
    Natürlich braucht jeder Text den Leser als Interpreten, aber bei Kafka kommt dem Leser eine weit größere Rolle zu, da sich die Texte der gewöhnlichen Logik entziehen. Der Leser fühlt sich gezwungen, mit der ihm je eigenen Logik den Text verständlich zu Ende zu schreiben. Ich weiß nicht, ob du verstehst, was ich meine?

    1. Liebe Gerda, ich bin völlig deiner Meinung. Mein Versuch ging ja nicht dahin, Interpretationen gegeneinander aufzuwiegeln, sondern sie im Vergleich dazu zu setzen, inwiefern sie mich durch den Text geleiten. Bei Kafka, deshalb meine Wahl, benötige ich eine solche Perspektive, da viele viele Seiten ein seltsames Gemurmel in Bezug auf was weiß ich darstellt 🙂 Darin ist er sehr einzigartig, ein Autor, der sich im Text langsam und mehr und mehr zurückzieht, bis kaum noch ein Erzähler vorhanden ist und eine Masse Wörter hinlässt. Ich denke, dass das in die Richtung von dem geht, was du in Bezug auf Kafka sagst. Hölderlin wäre auch so ein Kandidat oder Robert Walser, sehr mysteriöse Schriftsteller. Viele Grüße!

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