Jacques Derrida: „Grammatologie“

Ausufernde Gedanken- und Schreibwelten …

In „Grammatologie“ analysiert Jacques Derrida Jean-Jacques Rousseaus „Essai sur l’origine des langues“, also den Aufsatz über den Ursprung der Sprache. Ausgehend von einer detaillierten Analyse der Argumentation Rousseaus formuliert Derrida einen neuen Signifikantenbegriff, d.h. Signifikante verweisen auf Signifikante und nicht auf Signifikate, Zeichen auf Zeichen und nicht auf Bedeutungen, und schlägt eine Form der Textaneignung namens Dekonstruktion vor. Wie die meisten Bücher beginnt der Text mit den Ergebnissen und Folgerungen, die erst im Nachhinein begründet werden. Im Folgenden wird mit der Analyse und These begonnen, also das Buch von hinten nach vorne gelesen, um die Folgerungen zu kontextualisieren und in ihrem eigenen Sinnhorizont zu umschreiten.

Schwierig wird der Text, der einen Text beschreibt, im klassischen, hermeneutischen Sinne dort, wo die genaue Kenntnis des beschriebenen Textes vorausgesetzt wird. Die vielen Zitate illustrieren lediglich die Argumentation. Inwiefern die Zitationsweise bereits Vorentscheidungen im Bezug auf die Dekonstruktion getroffen hat, lässt sich nur im Vergleich mit einer eigenen Lesart des beschriebenen Textes überprüfen. Derrida hat jedoch einen modernen Begriff von Textanalyse. Der Text wird nicht auf eine Bedeutung hin befragt und rekonstruiert, sondern in seiner Dynamik beschrieben. Die Dynamik selbst, die aus Derridas eigener Lektüre hervorgeht, ist das Ziel – eine durch Textrezeption erfolgte Textproduktion. Im Folgenden wird stets von Rousseau in Derridas Lesart geschrieben, ohne Abgleich, Querlesen eines eigenen Rousseau-Eindrucks, zumal der behandelte Text („Essai sur l’origine des langues“) schwer erhältlich und im Grunde im Original gelesen werden müsste. Um dies zu kennzeichnen, wird *Rousseau statt Rousseau geschrieben, in Anleihe von Differenz und *Differenz in Derridas Lesart.

*Rousseau behandelt in seinem Aufsatz die Gegensätze: Schrift/Stimme, Prosa/Lyrik, Nord-Süd, Leidenschaft/Begehren, Tod/Leben, Tier/Mensch, Repräsentation/Imitation, Kind/Erwachsener und vollzieht in dieser axialen Begriffsbestimmung als zentrales Leitmotiv eine Kritik der Repräsentation.

„Da das Böse immer die Form repräsentativer Entäußerung, der Repräsentation ihrer enteignenden Seite annimmt, ist das Denken [*]Rousseaus in einem bestimmten Sinn – sprachlich wie politisch – eine Kritik der Repräsentation. (507)

Jacques Derrida aus: „Grammatologie“, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 417, Frankfurt am Main 1974

Alles steht und fällt mit dem Grad der Repräsentation, mit der inhaltlichen Fülle der Imitation. Am Beispiel der Großzügigkeit merkt *Rousseau in „Emile“ an, dass das zu erziehende Kind anhand von Imitation Großzügigkeit als Option kennenlernt, aber diese Option zuinnerst selbst ergreifen muss, um großzügig zu sein und nicht nur Großzügigkeit zu imitieren, weil es dafür Lob vom Erzieher erhält. *Rousseau fürchtet die formale Lehre, die Legimitation nach Verfahren, das formale leere Spiel von Wörtern ohne innere Anschauung, ohne Überzeugungskraft, eine reine, mimetische Spiegelung der Spiegelung. Die Problematik beginnt dadurch, dass ohne Repräsentation kein Lernen möglich ist, ohne Imitation die Optionen nicht realisiert werden, ein gewisses Maß an Imitation, Repräsentation notwendig scheinen.

 Daher die Unsicherheit im Emile. Einerseits fängt alles mit der Imitation an, das Kind lernt nur am Beispiel. Hier ist die Imitation gut, sie ist menschlicher und hat nichts mit Nachäffung zu tun. […] Aber die gute Imitation trägt bereits die Voraussetzung für ihre Verfälschung in sich. […] Das Kind ist zunächst passiv, das Beispiel prägt sich zunächst in das Gedächtnis ein, »so lange, bis« es ins Herz eindringt. Es kann aber durchaus im Gedächtnis bleiben, ohne das Herz zu berühren […] (351)

Berührt das Beispiel nicht das Herz, bleibt die Option rein formal als leeres Spiel, als von außen nach innen, und von innen nach außen geleiteter Simulation, vergleichbar mit Wörtern, die der Sprechende sagen, aber in keinem Zusammenhang produktiv zu entfalten vermag. Es werden Lautketten auf Lautketten formuliert, ohne die Lautketten mit einer intellektuellen Anschauung zu verbinden, oder im Falle der Großzügigkeit: Eine Verhaltensweise wird eingeübt, die in Gesellschaft von bestimmten anderen als gewünscht, in Gesellschaft von ganz anderen vielleicht unerwünscht ist. Modern wird von extrinsischer und intrinsischer Motivation, von Authentizität und Inauthentizität gesprochen – laut Derrida das zentrale Thema von *Rousseau.

Das Unheil liegt in einer Art Perversion der Imitation, der Imitation in der Imitation. Und dieses Unheil ist gesellschaftlichen Ursprungs. (352)

Derrida rekonstruiert die Problematik die „gute Imitation“ von der „schlechten Imitation“ zu trennen, die sinnvolle Zeichensetzung von der losgelösten, pervertierten Zeichenfolge leerer Zeichenbezüge. *Rousseau dreht sich um das erfüllte Sprechen, das in der Präsenz des Hörens und Sagens, des Kommunizierens erfolgte Verstehen, in der Betonung, in der Intonation, im Singen, Darstellen, Übertragung von Anschauungsinhalten mittels unmittelbarer Verständigung. In diesem Sinne muss das Zeichen noch unmittelbar zum Anschauungsinhalt hinzugehören, darf nicht Schrift, nicht Formalität, nicht leere Zeichenabfolge sein. *Rousseau benötigt stets zwei Pole: den Ursprung, die Natur, die Essenz, das Gute, und das Vermitteln aber als ans Gute, an die Natur, am Ursprung gebundene Formale. Trennt sich das Formale wird es zum Bösen. Es wird zum leeren Spiel.  

Die Hauptproblematik dreht sich um diese Pole – wie grenzen sie sich ab. Wie lässt sich in der Verständigung der Inhalt von der Form, wie lässt sich das Kind vom Erwachsenen, wie das Tier vom Menschen, wie der Norden vom Süden, die Schrift von der Stimme etc. trennen. Der Versuch, dies zu trennen, besteht in *Rousseaus Begriff der Supplementarität.

Der Wunsch nach dem Ursprung wird zu einer unerlässlichen und unzerstörbaren Funktion, die jedoch eingebettet ist in eine Syntax ohne Ursprung. Rousseau möchte die Ursprünglichkeit von der Supplementarität trennen. (418)

Im Versuch jedoch, die Supplementarität zu definieren, sie anschaulich, handhabbar als Begriff werden zu lassen, gerät *Rousseau wieder in das Schisma der Ambivalenz. Die Supplementarität besitzt wiederum zwei Seiten der einen, nämlichen der begrifflichen Medaille.

Denn der Begriff des Supplements, der hier den des repräsentativen Bildes bestimmt, birgt in sich zwei Bedeutungen, deren Zusammengehörigkeit ebenso befremdlich wie notwendig ist. Das Supplement fügt sich hinzu, es ist ein Surplus; Fülle, die eine andere Fülle bereichert, die Überfülle der Präsenz. […] Aber das Supplement supplementiert. Es gesellt sich nur bei, um zu ersetzen. Es kommt hinzu oder setzt sich unmerklich an-(die)-Stelle-von; wenn es auffüllt, dann so, wie wenn man eine Leere füllt. (250)

*Rousseau dreht sich im Kreis. Er versucht, das Kind vom Erwachsenen, den Norden vom Süden, das Bild von der Präsenz, das Wort vom Ausdruck, das Zeichen vom Bezeichneten zu trennen, indem er das eine aus dem anderen hervorgehen lässt, dem einen vor dem anderen den Vorzug gibt. Das Tier sei dem Menschen unterlegen, sofern der Mensch sein volles, sprachliches Potential ausnütze. Das Singen sei dem Sprechen überlegen, das Sprechen dem Schreiben, das Dichten der Prosa, die wärmeren Gegenden (der Süden) den kälteren Gegenden (dem Norden).

Rousseau konnte sich nicht einfach dazu entschließen, dem Begriff des Ursprungs eine lediglich relative Funktion in einem System einzuräumen, in welchem selbst eine Vielheit von Ursprüngen angesiedelt ist, wobei jeder einzelne Ursprung die Wirkung oder der Abkömmling eines anderen Ursprungs sein kann, so dass der Norden für einen noch nördlicher gelegenen Landstrich zum Süden werden kann, usw.; er konnte es nicht, denn er hätte im absoluten Ursprung gerne einen absoluten Süden gesehen. (374ff)

Indem er diesen absoluten Punkt setzt, verwickelt sich *Rousseau in Widersprüche, die er argumentativ zu überdecken versucht, aber in der Deskription offenbar. Mit anderen Worten, er kann das Gefährliche vom Hilfreiches des Supplements nicht trennen. Das eine ist das Preis des anderen. Das Zeichen ersetzt die Sache. Wie hilfreich auch das Zeichen als Gedächtnisfunktion ist, es ersetzt, verweist nicht nur, vermag sich absolut zu setzen, als Zeichen des Zeichens. Es führt sofort über sich hinaus und schwebt im Leeren, zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, im Nirgendwo.

Und doch sagt Rousseau, der, wie die Logik der Identität, in der Graphik der Supplementarität befangen ist, was er nicht sagen will, und er beschreibt, was er nicht schlussfolgern will: dass das Positive das Negative (ist), das Leben der Tod (ist), die Präsenz die Absenz (ist), und dass diese repetitive Supplementarität in keiner Dialektik erfasst wird, zumindest dann nicht, wenn dieser Begriff, so wie er es immer gewesen, durch einen Horizont der Präsenz beherrscht wird. (422)

Dieses Ergebnis illustriert Derrida an den Texten von *Rousseau, nämlich das jeder Signifikant gleich weit vom Signifkat, alle Signifikanten nur auf andere Signifikante verweisen, die nur im Verweischarakter, als Zwischenstufe, als Abkürzung, semantische Fülle erheischen. Das Ergebnis lautet, dass diese *Differenz auf die Spur hinweist, aber nur unvollständig, und nur im Nachhinein, wenn die Spur also verloren gegangen ist, nur als Entzug, als Leere den Worten zur Verfügung steht, die mittels der *Differenz um die Spur schillern. Die Gesellschaft ist nicht oder sie ist schon verdorben. Der Erwachsene singt oder er spricht und verdirbt schon die Melodie. Die Sprache besitzt immer ein Allgemeines. Das als „Tisch“ bezeichnete Tisch ist niemals durch das „Wort“ bezeichnet, nicht einmal als Name, als deiktisches Implikat. Alles ist bereits eine Verallgemeinerung, eine Nebensächlichkeit der Präsenz, jede Gedächtnisfunktion enthebt die Präsenz in ein Beliebiges, um transponierbar (und damit als Gedächtnis) zu operieren.

Derrida illustriert die Ambiguität anhand von *Rousseaus Texten, stellt aber fest, dass dies ganz unabhängig von einem speziellen *Rousseau gilt. Seine Beobachtung, dass das Signifikat eine fixe Idee in einem Sprachsystem ist, die Sprache selbst also mit Signifikaten nichts zu tun hat, mit Anschauung, dass jeder Begriff, Name, jedes Wort, jedes Zeichen, sich unabhängig vom Besonderen setzt, der Begriff des Besonderen selbst ein Gegenentwurf des Besonderen bleibt, lässt sich ohne jeden spezifischen Text, also an allen Texten demonstrieren.

Dieses ganze Spiel von Implikationen ist so komplex, dass es mehr als nur unklug wäre, sich vergewissern zu wollen, was einem Text – zum Beispiel dem Text Rousseaus – an Eigenem zukommt. Es ist das nicht nur schwierig, sondern tatsächlich unmöglich: die Frage, der man damit zu entsprechen vorgäbe, hat außerhalb der Metaphysik der Präsenz, des Eigentlichen und des Subjektes zweifellos keinen Sinn. Streng genommen gibt es keinen Text, dessen Autor oder Subjekt Jean-Jacques Rousseau ist. (423)

Derrida begreift seine Rezeptionsweise als produktiv, aufwühlend, als strategischer Umweg, Interessantes zu evozieren. D.h. auch wenn es kein „außerhalb des Textes“ gibt, so lässt sich innerhalb des Textes permutativ auf neue Ideen kommen. Die Abwesenheit eines letzten Sinnes, in letzter Instanz, lässt das Lesen und Interpretieren nicht unnötig werden.

Aus dieser grundsätzlichen Behauptung sind die strengen Schlussfolgerungen zu ziehen, ohne alle untergeordneten Behauptungen unter dem Vorwand abzutun, ihr Sinn und ihre Grenzen seien ja bereits an ihrer tiefsten Wurzel angefochten. (423)

Leider verbleibt es bei der bloßen Behauptung. *Rousseaus Texte erscheinen durch die Brille Derridas wenig interessant. Genausowenig Claude Lévi-Strauss, Ferdinand de Saussure, oder Gottfried Wilhelm Leibniz. Die Lektüre verfolgt nüchtern und textimmanent die Verwendung der Begriffe, ohne die Begriffe selbst mit Anschaulichkeit zu unterfüttern. Eine reine Begriffsmechanik wird akzeptiert, ein Oszillieren, ein Miteinander und Auseinander der Worte gesehen, die beinahe zoologisch beobachtet werden, wer mit wem und wie lang. Was taucht auf, wenn dieses Wort geschrieben wird – wovon wird dieser Begriff begleitet. Die Lektüre lässt sich als horizontal begreifen, im Text durch den Text als Text hindurch. Die Spielregeln des Wortspieles im Text als Signum des Texts selbst.            

 Die Lektüre hingegen muss ein bestimmtes, vom Schriftsteller selbst unbemerktes Verhältnis zwischen dem, was er an verwendeten Sprachschemata beherrscht, und dem, was er nicht beherrscht, im Auge behalten. Dieses Verhältnis ist […] gekennzeichnet […] durcheine signifikante Struktur, die von der Lektüre erst produziert werden muss. (273)

Diese Lektüre lässt sich als dekonstruktivistisch beschreiben. Sie sieht kein Außen. Sie erzeugt kein Noumenon. Sie will die Wortmechanik als Abfolge, Sequenz und Muster extrahieren.

[…] Feststellungen, die sich auf die Abwesenheit des Referenten oder des transzendenten Signifikats beziehen. Ein Text-Äußeres gibt es nicht. […] Was wir zu beweisen beabsichtigen, indem wir den Leitfaden des »gefährlichen Supplements« folgten, war, dass es in dem, was man das wirkliche Leben nennt […] immer nur Schrift gegeben hat. (274)

Es ergibt sich kein tieferes Verständnis, nur ein Vorwand, die alten Klassiker nochmal zu lesen. Interessanterweise verfällt Derrida in eine eigene Tautologie, die nur extern behauptbar ist, immanent sich gar nicht sagen – sich also auf eine Autorität und einen Referenten bezieht. Beispielsweise schreibt er „was wir zu beweisen beabsichtigen“ – aber worin besteht ein Beweis, was zeichnet einen Beweis von einer Behauptung aus, wie lässt sich überhaupt etwas beweisen? Womit? Wie lässt sich Notwendigkeit produzieren, wenn er schreibt die „Lektüre hingegen muss …“ oder von Normen der Wissenschaftlichkeit schreibt „denen wir uns bis auf weiteres zu beugen haben“, oder von Fragen in der Wissenschaft redet und schließt: „Hier gilt es, Partei zu ergreifen.“ (295)  

Solche impliziten Wendungen täuschen Konsequenz vor, wo lediglich Lesarten koexistieren. Sie widersprechen sogar formal dem, was Derrida über Schrift, das Schreiben, über die Sprache selbst schreibt. „Müssen“, oder Wendungen wie „Rousseau unterscheidet nicht nur, wie sich von selbst versteht, zwischen Einbildungskraft und Vernunft“ unterwandern die Signifikantenketten hin zu Bedeutungen. Die *Differenz zwischen „Einbildungskraft“ und „Vernunft“ ist demnach eine lautliche und besitzt keinen Bezug zu *Rousseau, oder, wenn sie doch etwas über die Philosophiegeschichte aussagt, umspannen sie Bedeutungsknotenpunkte, die hinterfragt werden können.

Wir halten es für prinzipiell unmöglich, durch Interpretation oder Kommentar das Signifikat vom Signifikanten zu trennen und so die Schrift durch die Schrift, die auch noch Lektüre ist, zu zerstören […] Selbst wenn es niemals ein reines Signifikat gibt, bietet sich doch in je verschiedener Weise etwas am Signifikanten als nicht weiter reduzierbare Schicht des Signifikats dar. Als Beispiel sei der philosophische Text genannt, welcher – obschon immer geschrieben – als philosophischer daraufhin entworfen ist, vor dem bezeichneten Inhalt, dessen Träger er ist, zurückzutreten. Die Lektüre muss diesem Anspruch gerecht werden, selbst wenn sie überzeugt ist, ihn in letzter Analyse entkräften zu können. (276)

Entscheidend ist hier die Wendung, dass eine „nicht weiter reduzierbare Schicht des Signifikats“ existiert und es doch möglich ist, diese „in letzter Analyse entkräften zu können“. Hier pendelt das Beschreiben der Sprache, der Sprachwerdung der Schrift, im Beliebigen, spannt sich zwischen zwei Pole, die auswuchernd und einschränkend wirken, unerreichbar Szenarien, die Schrift umgrenzen, die grenzenlos in dieser Schranke fortexistiert und sich entwickelt.

Die Geschichte der Schrift als Geschichte der Wissenschaft sollte zwischen zwei Epochen der Universalschrift, zwischen zwei Simplizitäten, zwischen zwei Formen von Transparenz und Einmütigkeit zirkulieren: als eine absolute Piktographie, die die Totalität des natürlichen Seienden in einem ungezügelten Verbrauch von Signifikanten verdoppelt, und als eine absolut formale Graphie, die die Verausgabung von Signifikanten auf fast nichts einschränkt. (490)

Die Simplizität der Verausgabung liegt auf der Hand. Sprache spricht. Das Beschreiben schreibt fort. Es hört nicht auf. Das Reden redet und redet, ohne je zum Punkt gelangen zu müssen. Die Einschränkungssimplizität bleibt geheimnisvoll. Sie wird nicht näher beschrieben in Derridas Text, das, was ihn als Text unterfüttert, ihn argumentieren, auf Zustimmung hoffen lässt, bleibt im Hintergrund als Possibilität des Sprechens und Einschnürung des Signifikanten. Sie lässt sich als Autorität denken, als willkürlicher Einschnitt eines Einhaltgebietens – als Hörigkeit. Und viel in „Grammatologie“ spricht von einer unhinterfragten Gläubigkeit und Hörigkeit Derridas an das Wort.

Das könnte bedeuten, dass man aus einer Epoche [der Onto-Theologie], deren Abschluss (clôture) umrisshaft sich bereits abzeichnen lässt, doch nicht herauszutreten vermag. Die Bewegungen der Zugehörigkeit oder der Nicht-Zugehörigkeit zu einer solchen Epoche sind zu subtil, die damit verbundenen Illusionen zu verführerisch, als dass sich hier eine Entscheidung treffen ließe. (26ff)

Zuerst „zu subtil“ im Vergleich zu was? „Verführerisch“ in Bezug auf? Und wie lässt sich sagen, dass sich keine „Entscheidung treffen ließe“ – im Vergleich zu welchen Entscheidungen? Hier bleibt alles in Schwebe, nur nicht das Zugehörigkeitswollen, das verschleiert gesetzt und gerechtfertigt wird, wäre nicht das „das könnte bedeuten“, das alles Weitere belanglos und lediglich sagbar werden lässt (als Lautkette) ohne jedweden Dezisionismus und Semantikbezug. Und doch besteht eine Mission, ein Zwang, eine Notwendigkeit, eine auferlegte Konsequenz, der sich Derrida berufen und verpflichtet fühlt:

Wir können auf diese [theologischen] Begriffe [wie Signifikat, das Antlitz Gottes], um so weniger verzichten, als wir ihrer bedürfen, um die Erbschaft aufzulassen, zu der auch sie gehören. Mit versteckten, beständig gefährlichen Bewegungen, die immer wieder dem zu verfallen drohen, was sie dekonstruieren möchten, müssen im Rahmen der Vollendung, die kritischen Begriffe in einen vorsichtigen und minuziösen Diskurs eingebettet werden, müssen die Bedingungen, die Mitte und die Grenzen ihrer Wirksamkeit markiert, muss mit äußerster Sorgfalt ihre Zugehörigkeit zu jener Maschine bezeichnet werden, die mit diesen Begriffen zerlegt werden kann. (28ff)

Und doch wird später gesagt, wie weiter oben zitiert, dass „prinzipiell unmöglich [ist], durch Interpretation oder Kommentar das Signifikat vom Signifikanten zu trennen und so die Schrift durch die Schrift, die auch noch Lektüre ist, zu zerstören.“ (276) Hier schöpft und schüttet man Wasser in Wasser in der Hoffnung, die Nässe zu beseitigen. Zwar wird die dekonstruktivistische Tätigkeit auf die Philosophiegeschichte eingeschränkt, aber Äußerungen das Oszillieren zwischen „Beweis“, „Logik“, „Notwendigkeit“, „Zwang“ und „Müssen“ und Kontingenz bleibt.

Um den hier skizzierten Gestus angemessen zu erfassen, ist ein neues Verständnis der Ausdrücke »Epoche«, »Abschluss einer Epoche« und »historische Genealogie« erforderlich; vor allem müssen sie jeglichem Relativismus entzogen werden. (30)

Wie aber können Begriffe dem Relativismus entzogen werden? Per Dekret, Sprachzwang und Sprechverbot? Und wie lässt sich ein solches „Müssen“ verstehen? Kämpft hier nicht ein Schreibender gegen die eigene Intention? Und wo beginnt Relativismus, wo Verständnis? Ab wann existiert ein Referent, eine Metapher? Derrida entzieht sich diesen Fragen, indem er die bloße Mechanik der Begriffe (ohne Referenten) beschreibt – aber worin besteht dann die Tätigkeit? Sie nimmt die Schrift als Dokument und zählt Zeichen und Zusammenhänge von Zeichen, aber was bleibt von der Schrift übrig? Was lerne ich durch das Zählen und Zusammenhänge-Beobachten über bspw. Rousseau? Der Selbstbezüglichkeit entkommt Derrida nicht. Die Transparenz seines Vorgehens verbleibt im Dunkeln, selbst wenn er schreibt:

Zunächst müssen wir bei diesem Problem folgende Vereinnahmung oder Überraschung stärker als bisher berücksichtigen: der Schriftsteller schreibt in einer Sprache und in einer Logik, deren System, Gesetze und Eigenleben von seinem eigenen Diskurs definitionsgemäß nicht absolut beherrscht werden können. Er bedient sich dieses Systems, indem er sich in gewisser Weise und bis zu einem gewissen Grad von ihm beherrschen lässt. (273)

Die Begriffe „Herrschaft“ und „Gesetze“ tauchen aus dem Nichts auf, genauso wie „Eigenleben“, „Vereinnahmung“ und „definitionsgemäß“. Der Dekonstruktivismus erscheint wie ein Krebs gefangen in einem Netz, der sich durchs Drehen und Wenden nur noch stärker ins Netz verwebt in der Hoffnung, sich aus Verknotung heraus befreien zu können, ohne an seine eigene Kraft glauben zu können. Er verheddert sich nur weiter, statt einfach herauszukriechen. Die Ambivalenz der Lektüre lässt diese im Willkürlichen verbleiben. Die „Grammatologie“ legt Zeugnis davon ab, dass jemand, hier Jacques Derrida, Ferdinand de Saussure, Martin Heidegger, Claude Lévi-Strauss, Jean-Jacques Rousseau, um nur einige zu nennen, gelesen hat. Das Zeugnisablegen des Lesens steht außer Frage, erhellt das Gelesene aber nicht.

Quintessenz scheint zu bleiben, dass jede textimmanente Präferenz (der Süden, die Imitation, die Melodie im Vergleich zum Norden, der Repräsentation, der Harmonie bei Rousseau; das Authentische, Kulturelle, Spontane im Gegensatz zur Zivilisation, Alphabetisierung, Kapitalisierung bei Lévi-Strauss; das gesprochene im Vergleich zum geschriebenen Wort bei Saussure etc …) von Derrida als Bezugslosigkeit überschritten und mit seinem Gegenteil gleichgesetzt wird. Das eine nicht ohne das andere. In diesem Sinne existiert Derridas Text nur, weil andere Autoren unbewusst über das Ziel hinausgeschossen sind und sich angemaßt haben, Präferenzen zuzugeben und inhaltlich auch noch zu rechtfertigen. Er unterläuft diese Rechtfertigungen und deckt dezisionistisch eingeführte Ambiguitäten auf. Hierfür verallgemeinert er stets einen zugrundeliegenden Begriff, wie im Falle des Gegensatzes von „phone“ zum „graphem“ bei Saussure und Louis Hjelmslev den der Schrift:

Wir meinen, dass die generalisierte Schrift nicht allein die Idee eines noch zu erfindenden Systems […] darstellt, sondern glauben im Gegenteil, dass die gesprochene Sprache bereits dieser Schrift zuzurechnen ist. Doch setzt das einen modifizierten Schriftbegriff voraus, den wir vorerst nur antizipieren können. (97)

Oder bei Rousseau den der Harmonie, der Form, und bei Lévi-Strauss den der Kultur, des Wissens und der Technik. Was bleibt? Vielleicht dieselbe Haltung, die Derrida gegenüber bspw. Lévi-Strauss einnimmt, wenn dieser meint zu beobachten, dass „Kenntnisse eher fluktuiert als angewachsen sind“, und Derrida daraufhin sagt:

Wir glauben nicht, dass eine solche Behauptung falsch ist. Noch weniger aber, dass sie wahr ist. Vielmehr beantwortet sie um einer Sache willen eine Frage, die überhaupt keinen Sinn hat. (226)

Woraufhin er den Absatz schließt mit:

Wie dem auch sei, Behauptungen, die auf das Wesen einer Sache abzielen, werden sich niemals im Rahmen einer Skala aufstellen lassen. (227)

Woher das „Niemals“ in die Beschreibung tritt, was eine „Skala“ ist, und vor allem worauf sich „das Wesen einer Sache“ bezieht, bleibt im Unklaren, vor allem, wenn Derrida schreibt:

Es gibt niemals eine Malerei der Sache selbst, vor allem weil es keine Sache selbst gibt. (501)

Das „Wesen einer Sache“ kann also niemals die „Sache selbst“ sein. Was immer dieses oder jenes, der Begriff, der Ursprung, die Brisur, die Spur, die *Differenz im Sinne Derridas auch meint, es endet ohnehin in einem semantischen Nirwana. Was bleibt, ist Schweigen und Glauben, die *Differenz:

Die Urschrift, die Bewegung der *Differenz, irreduzible Ursynthese, die in ein und derselben Möglichkeit zugleich die Temporalisation, das Verhältnis zum anderen und die Sprache eröffnet, kann, insofern sie die Bedingung für jedes sprachliche System darstellt, nicht selbst ein Teil davon sein und kann ihm folglich nicht als ein Gegenstand einverleibt werden. (Was jedoch nicht heißt, dass sie nicht anderswo einen wirklichen Ort oder eine andere, benennbare Lage haben könnte.) (105)

Ein Beispiel für diese „andere Lage“ oder „wirklichen Ort“ wäre schön gewesen, aber der Wunsch stirbt bekanntlich zuletzt.

Die Schrift, die radikal mit der phone bricht, ist vielleicht die rationellste und effizienteste wissenschaftliche Maschine; sie entspricht keinem Wunsch mehr oder vielmehr: sie bedeutet dem Wunsch seinen eigenen Tod. Sie war das, was schon in der Stimme als Schrift und Maschine am Werk war. Sie ist der Repräsentant im Reinzustand, ohne Repräsentiertes, oder ohne Ordnung eines auf natürliche Weise an sie gebundenen Repräsentierten. (535)

Und die „Grammatologie“ endet, konsequenterweise mit einem Zitat von Jean-Jacques Rousseau:

… mit viel Aufwand will man die Träume etwelcher schlechter Nächte für Philosophie ausgeben. Man wird mir sagen, dass auch ich träume; das ist richtig: was die anderen dabei jedoch übersehen, ist, dass ich meine Träume für Träume ausgebe und es dahingestellt sein lasse, ob sie für aufgeweckte Leute etwas Brauchbares enthalten. (541)