
Zerfahrene Beziehungskisten eignen sich für mäandernde Erzählweisen besonders gut. Ob der Verschobenheit und Unsicherheit der Gefühlslage darf sich ja alles und jedes beliebig mischen und sorgt für einen plausiblen, den Verlust, aber auch die Nähe eines Gegenübers fürchtenden Monologes, wie ihn bspw. Benjamin von Stuckrad-Barre in Soloalbum vorstellt und für die deutsche Gegenwartsliteratur quasi salonfähig gemacht hat. Mit Toxibaby legt nun Dana von Suffrin die ähnlich gelagerte Antwort aus weiblicher Sicht vor. Bei Stuckrad-Barre handelt es sich um das Auf und Ab eines Musikjournalisten mit seiner Flamme Katharina, bei Suffrin um dasselbige von einer 36jährigen Schriftstellerin zu einem 42jährigen Sozialpädagogen an einer Brennpunktschule, statt in Hamburg aber nun in München:
Hier, verehrte Zuschauerinnen, ist die Colaflasche, aus der Toxi etwa drei Wochen, bevor er mich das hundertachte Mal auf WhatsApp blockierte, getrunken hat. Der Redakteur würde die Flasche ratlos in seiner Hand drehen und sie dann abstellen. Er würde seine Empörung nicht verstecken, und auch die ganze Nation wäre auf meiner Seite: Die Fernsehzuschauer würden mit mir weinen, sie würden zornige Leserbriefe schreiben und tagelang meinen Fall diskutieren, in der Sauna, im Biergarten, im Gartencenter, an der Kasse, im Pausenraum, in Kompaktfahrzeugen und in Werkstätten, und endlich hätte ich es schwarz auf weiß: Ich war nicht schuld.
Dana von Suffrin aus: „Toxibaby“
Inhalt/Plot:
Romane wie Toxibaby, Soloalbum, Nele Pollatscheks Kleine Probleme oder Joshua Groß‘ Prana Extrem geben eher Einblicke in ein Lebensgefühl, als dass sie einen Plot besäßen oder von Figuren lebten, die eine Handlung vorantreiben könnten. Herzchen Goldberg, 1985 geboren, lebt in München und verdient ihr Geld mit den Tantiemen ihres Erstlingromans Omama’s Madhouse, das über das Schicksal ihrer jüdischen Familie handelt:
Ich hatte vor sechs Jahren Omama’s Madhouse geschrieben, und weil meine Familiengeschichte überwiegend in einem der Außenlager von Auschwitz-Birkenau geendet war und so der größte Teil meiner Familie zu Asche wurde, deren Partikelchen vielleicht noch tagelang über die polnische Provinz wehten, sich in den Haaren spielender Kinder verfingen, polnische Apfel- und Birnenbäume nährten und sich für die Ewigkeit auf den glänzenden Schalen, aus denen mein Gehirn zu bestehen schien, absetzten, hatte sich das Buch in Deutschland, Österreich und Holland so gut verkauft, dass mir erst jetzt langsam das Geld ausging […]
Von dem Geld bringt sie sich und ihren Partner Toxibaby durch, der ein sehr instabiles, antriebs- und orientierungsloses Leben führt und sich nahezu als lebensunfähig erweist, bspw. verprasst er seine Arbeitslosenunterstützung für Zigaretten, Klamotten und Bücher von Byung-Chul Han. Der finanzielle Engpass verhindert auch, dass er sein defektes Handy reparieren lassen kann, was die Beziehung zusätzlich belastet, oder dass er seinen Teil für den Urlaub in Italien beiträgt. Versuche seitens Herzchen, Toxibaby zu motivieren, sich einen Job zu suchen, führen unweigerlich zu Diskussionen und heftigen Streitereien, die wiederum in Trennungen enden, die erst wieder von den stets erfolgenden Wiederversöhnungen überwunden werden. Die Ich-Erzählerin belässt es im Unklaren, was genau sie an Toxibaby anziehend findet. Um ihn herrscht ein gewisser Nimbus, etwas Genialisches, gleichzeitig etwas Rebellisches und Unangepasstes, das Herzchen anzieht, zumal sie vor nichts größere Angst verspürt, als ein durchschnittliches Leben mit durchschnittlichen Problemen zu führen. Im nächsten Atemzug träumt sie aber exakt wieder davon, dass Toxibaby und sie erwachsen werden und sich in partnerschaftlicher Zärtlichkeit mit der Welt zu versöhnen lernen:
Das ist es, dachte ich: Er streicht ihr den Pullover glatt, er versteht nicht, wozu sie diese scheußlichen Creolen trägt, an denen kleine Federn aus Messing hängen, er versteht auch nicht, wieso sie die gemeinsame 38-Quadratmeter-Wohnung in Milbertshofen mit den ganzen hässlichen Dekosachen vollstopfen musste, aber sie hat ebendiesen kleinen Körper, der nach künstlicher Vanille duftet, diesen kleinen Körper, an den man Stoffe schmiegen muss, den man warm halten muss, er hat das alles einfach akzeptiert, und er muss nicht mehr kämpfen; sie begreift nicht, was er arbeitet und wieso er so früh seine Haare verliert, aber er hat eben diese Hände. Das ist es, das dachte ich wirklich, das ist das, was ich nie haben werde mit Toxi: Selbstverständlichkeit, Unverbrüchlichkeit.
Beide, Toxibaby und Herzchen, wünschen sich nämlich, dass sich der jeweils andere um sie kümmert. Sie möchten keine Verantwortung übernehmen. Sie möchten keinen durchschnittlichen Job erledigen müssen, und sie wollen sich auch nicht herrschenden Mustern und sozioökonomischen Zwängen unterwerfen. Sie wollen im Grunde nur sein, und dieses Sein aber muss geschützt werden, und so stellen sie sich beide vor, dass der jeweils andere sich um all die Dinge kümmern sollte, um die sie sich selbst nicht kümmern wollen: Arbeit, Altersvorsorge, Amtsgänge, Einkaufen, Kochen, Putzen und alles andere auch, das ihrem Lebensgefühl unangepasst erscheint:
Erwachsenwerden ist entweder eine Lüge oder ein Betrug, davon bin ich insgeheim überzeugt. Eine Lüge ist es für Leute wie mich, die verdammt dazu sind, große Kinder zu bleiben, die sich jeden Morgen vor den Aufgaben, die das Leben ihnen stellt, fürchten, vor all den kleinen, schrecklichen Dingen, zu denen uns der Alltag zwingt, ich kann nicht mehr richtig schlucken, wenn ich nur daran denke, mir wieder einen normalen Job zu suchen, jeden Tag zur gleichen Uhrzeit ins Bett zu gehen und abends bei Rewe Salat und Feta zu kaufen und langsam stumpfsinnig zu werden, während ich stundenlang amerikanische Serien streame.
Drama und gleichzeitig Satire des Romans bestehen nun darin, dass sie sich zwar versorgen lassen, sich aber gleichzeitig auch nicht abhängig fühlen wollen. Sie wollen ihre Existenz auf ein Sein gründen, das ihnen qua Präsenz die Umsorgung und Versorgung sichert. Mehr noch: Sie wollen ein Anrecht darauf haben oder als eine Form von Märtyrer berechtigt sein, dass sich andere um die wesentlichen Dinge in ihrem eigenen Leben kümmern, indes sie sich bspw. nicht konformieren, ideologisieren, in Untertanen der sozioökonomischen Verhältnisse verwandeln lassen. Die offensichtlich hieraus sich entspinnende hoffnungslose Beziehungsproblematik übertünchen Herzchen und Toxibaby mit Sex, Drogen und wilden Streitereien sowie Lügen und Vorwürfen und halbseidenen Versöhnungen.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Liebe mit Plot: Unerfüllte Liebe/Eifersucht
Stil/Sprache/Form:
Sprachlich gesehen besitzt Toxibaby große Verwandtschaft mit jedweden Romanen, die auf Therapeutengesprächen beruhen wie bspw. Portnoys Beschwerden von Philip Roth oder in Geständnisform vorgetragenen Berichten wie J.D. Salingers Der Fänger im Roggen, oder auch popliterarischen Auslassungen wie die in Soloalbum von Stuckrad-Barre oder eben Alexa Hennig von Lange in Relax:
Wie kommt Barb denn jetzt darauf? Ey, ich meine, ich sage doch nur, daß ich mal wieder Sex haben möchte. Aber vielleicht bin ich ja wirklich sexsüchtig. Ich meine, das würde mich nicht wundern. Ich bin schließlich ein zwanghafter Mensch, ich will mich umbringen, da paßt Sex-Sucht wahrscheinlich wunderbar dazu. Ey, ich bin absolut psychisch krank. Toll. Da kann ich ja nur Alkoholikerin werden. Deswegen liebe ich ja auch Chris so. Wir sind einfach zwei verwandte Seelen. Beide auf dem Psycho-Abstellgleis. Zwei verlorene Kinder im Sturm. Das ist doch schön, oder? Chris und ich sind psycho. Oh, Gott. Wahrscheinlich weiß es schon jeder. Nur Chris und ich raffens nicht. Na toll. Ich bin debil.
Alexa Hennig von Lange aus: „Relax“
Eine ähnliche Stelle nun aus Toxibaby zum Vergleich:
Ich sagte zu ihm, er sei eine leicht psychopathische Variation von mir selbst, die genau das Gleiche hasste wie ich (Horoskope, Psychologen, Alpen, Restaurants), aber im Gegensatz zu mir nie darüber lachte. Er lachte auch nie über unser Scheitern. Wieso findest du unser Elend nie lustig?, fragte ich ihn, und er fragte zurück, was es da bitte zu lachen gäbe, und ich sagte, viele verschiedene Aspekte, zum Beispiel jener, dass wir ein Klischee auf vier exakt gleich langen Beinen seien, und Toxi sagte wieder, er könne daran nichts Lustiges entdecken, unsere Geschichte sei traurig, und dann sagte ich, sie ist traurig, aber es ist auch alles daran witzig […]
Direkt verglichen mit popliterarischen Verfahren erweist sich jedoch Toxibaby eindeutig konsistent in der Form des nacherzählenden Ich-Berichtes, der etwas ruhiger, besonnener die Problematiken rekapituliert, die bei Hennig von Lange und Stuckrad-Barre in Echtzeit nur so aus dem Text fallen. All jene Texte bespielen jedoch denselben Stoff: Trauma, Sexsucht, Drogensucht, Langeweile, Versagensängste und Regressionsphantasien, weshalb der Stoff für die handelnden Figuren wenig Möglichkeit besitzt, eine sich entfaltende kreisende Bewegung zu erzeugen, die nicht stets wieder auf sich und ihren Ausgangspunkt zurückfällt. Trotz poetologischer Gewolltheit läuft sich Toxibabys und Herzchens Drama deshalb nur nach wenigen Dutzend Seiten bereits trotz flüssiger Schreibweise tot.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Selbstredend hat Dana von Suffrin mit Toxibaby eine Satire hingelegt, was auch ihre indirekte Zitation von Carl Einsteins Bebuquin und seine Bezeichnung des Gehirns als glänzende, oder silberne Gehirnschale belegt. Besser als Bebuquin hätte ein Verweis auf Einsteins Intellektuellen-Polemik Die Fabrikation der Fiktionen, die als Auseinandersetzung avant la lettre über die Frankfurter Schule und die aus ihr hervorgegangene Kritische Theorie gelesen werden kann. Suffrin jedenfalls Roman improvisiert über das Thema, das Theodor W. Adorno in seinem Buch Minima Moralia bündig formuliert hat:
Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, daß die Fülle der Konsumgüter potentiell so groß geworden ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; daß man aber dennoch Eigentum haben muß, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt. Aber die Thesis dieser Paradoxie führt zur Destruktion, einer lieblosen Nichtachtung für die Dinge, die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt, und die Antithesis ist schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Theodor W. Adorno aus: „Minima Moralia“
Toxibaby und Herzchen leben in dieser Paradoxie. Geld, Arbeit kommen unverhältnismäßig häufig in ihren Gesprächen vor und sogar der Streit, wem das letzte Stück Käse gehört:
[…] und schon zielte ich mit meiner Gabel auf Toxis Schüsselchen und spießte ein Stück Käse auf, und Toxi rief, hey!, das ist meins, und ich sagte, wer weiß, vielleicht ja auch nicht, die Besitzverhältnisse sind nicht abschließend geklärt, und er sagte, schon wieder ein wenig versöhnlich, ich dachte, du bist gegen die Abschaffung des Privateigentums, und ich sagte, solange ich für dich zahlen muss, bin ich dafür, und ich wusste, dass ich Toxi einmal wieder gekränkt hatte, denn er blieb den ganzen restlichen Tag distanziert […]
Toxibaby und Herzchen wollen das von Georg Lukács 1962 im Vorwort von seiner Theorie des Romans bezeichnete „Grand Hotel am Abgrund“ beziehen, in welchem dieser die Frankfurter Schule samt und sonders mit Arthur Schopenhauer und anderen weilen sah. Von dem gemütlichen, alimentierten Dasein aus auf die unerträglichen Verhältnisse schauend, bringt offenkundig dennoch eigene Probleme mit sich und Toxibaby legt beredtes Zeugnis von den Entfremdungs- und Verzweiflungserscheinungen einer Kierkegaardschen Krankheit zum Tode ab.
Dana von Suffrin lässt es leider an Humor und Leichtigkeit, ja auch an Spritzigkeit fehlen. Das Thema entgleitet an vielen Stellen, aber die Performance einer Intellektuellen-Identität, die sich unfreiwillig inhaltlich und argumentativ entleert und zur bloßen Pose verkommt, gelingt ihr vorzüglich. Beide stehen am Ende mit leeren Händen da. Weder können sie den Hedonismus der Verhältnisse genießen noch einen Ansatzpunkt für eine gültige Kritik finden. Sie eiern herum und betäuben sich mit Drogen und Sex und hoffen, dass sich das wenigstens als Roman verkaufen lässt:
Der neue Roman war Schrott, denn wie sollte ein halbautobiografischer Roman, in dem nichts passiert und der nur von Psychopathen handelt, kein Schrott sein, aber meine Agentur hatte 160000 Euro Vorschuss ausgehandelt, ich hatte mich damit abgefunden, dieses neue Buch zu hassen, auch meine Existenz als lebendiges Mahnmal hatte ich akzeptiert, und an das Scheitern war ich dank Toxibaby jetzt ja gewöhnt.
In beißender Ehrlichkeit und schmerzender Selbstbespiegelungstortur überzeugt Toxibaby durchaus als Performanceakt und offizielle ästhetisch-argumentative Bankrotterklärung des von Heinz Maus sogenannten Justemilieu:
Die Korrumpierung der [Arbeit und] Sinnlichkeit, die weitreichende Genußunfähigkeit, die allgemeine Glücklosigkeit, welche von Glückssurrogaten verdeckt wird, entquellen nicht der Natur, sondern sind das Werk einer vernunftlosen gesellschaftlichen Organisation, deren Bild von Schopenhauer umrissen wurde. Die Erfahrung, daß das Glück selbst da, wo es begegnet, keine Dauer hat, hat seine Philosophie schwermütig gemacht und ihn getrieben, den zweifelhaften metaphysischen Trost zu verkünden, daß die »heilige Tatenlosigkeit des dem Willen Abgestorbenen« der in der Misere miserabel gewordenen Seele (der »Schicht der in Bildern sich meldenden Antriebe und Bedürfnisse«) das Heil bringe, darin die Bilder leibhaftig sich vollzögen.
Heinz Maus aus: „Die Traumhölle des Justemilieu“
Erzählerisch bleibt dennoch in Toxibaby vieles auf der Strecke. Es hätte theoretisch bissiger und philosophisch expliziter sein können, vielleicht sogar müssen, um den Ausgang aus der selbstauferlegten Verzweiflung zumindest ästhetisch nahezulegen.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Andere (mir bekannte) Rezensionen:
literaturreich
guenterkeil
lesefalten
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

