Robert Menasse: „Die Lebensentscheidung“

Die Lebensentscheidung von Robert Menasse.
Die Lebensentscheidung von Robert Menasse. SWR Bestenliste 2026.

[Keine Spoiler] Nach Die Hauptstadt und Die Erweiterung legt Robert Menasse nun ein drittes EU-Buch mit Die Lebensentscheidung vor, in welchem das Leben, Wirken und die Desillusionierung von Menschen im europäischen bürokratischen Dschungel narrativ beleuchtet wird und das möglicherweise als kontrapunktiver Abschluss von Menasses Brüsseler-Trilogie dient. Aufgrund seiner sehr explizit politischen Thematik lässt sich Menasses Novelle mit Büchern wie Antje Rávic Strubels Der Einfluss der Fasane, Gaea Schoeters‘ Das Geschenk oder Juli Zehs und Simon Urbans Zwischen Welten vergleichen. Im Gegensatz aber zu diesen durchaus diskursiv getränkten, didaktisch-stilistisch orientierten Erzählweisen zeigt sich Menasse in Die Lebensentscheidung eher ambigue, erzählfreudig und in der Tradition eines Max Frischs aus Homer Faber versetzt, mit welchem Die Lebensentscheidung überraschenderweise viele strukturelle Motive teilt. Menasses Held heißt hier Franz Fiala, stammt aus Wien und befindet sich im neunundfünfzigsten Lebensjahr und ist seines Brüsselers EU-Wirken eindeutig müde geworden:

Aber die Bauern da unten kannten und wollten keine Kompromisse. Seine Wut wuchs. Sie war eine Wut auf die Wut, auf diese dumme, herrische, aggressive, unversöhnliche Wut der Demonstranten, oder der sogenannten Protestwähler, der »Menschen da draußen«, die man »ernst nehmen« müsse, wie die Politiker so gerne betulich sagten, als wären »da draußen« nur Bauern, Rechtsextremisten, Faschisten oder Idioten, die angeblich keine Faschisten waren, sondern nur Faschisten wählten, das müsse man auseinanderhalten, und genau das war die Politik: auseinanderhalten, und dann versprechen, Brücken zu bauen, Gräben zuzuschütten.

Robert Menasse aus: „Die Lebensentscheidung“

Inhalt/Plot:

Statt nun aber in diskursiv instrumentalisierte Dialogwelten abzugleiten wie bspw. Menasse selbst in Die Erweiterung oder Juli Zeh in Über Menschen, die beide Figuren und Handlung eher in Brechtscher Manier verwenden, um Denkanstöße und Provokationen zu bewirken oder gar, teilweise, ganze politische Programme zu propagieren, fokussiert sich Die Lebensentscheidung schnell vollständig auf Franz Fiala und seine fremdgesteuerte Lebensweise, sein Marionettendasein, dessen Fäden die EU-Bürokratie in Brüssel und seine Mutter in Wien fest in den Händen halten. Unverheiratet, aber mit einer Kollegin liiert, mäßig erfolgreich, eher ambitionslos in der Ausführung, sieht er sich unversehens vor dem Scherbenhaufen einer einstmals angestrebten Politikkarriere stehen und beschließt die Reißleine zu ziehen.

Der Gestank. Die Stille. Als wäre die Stadt tot und würde verwesen. Und seine Lebensentscheidung. Er würde diesen Raum verlassen, ohne ein Post-it mit der Nachricht, wo er zu finden sei, an die Tür zu kleben, er würde das Gebäude verlassen, nicht mehr zurückkehren. Seine Arbeit für die Europäische Kommission sollte demnächst Geschichte sein.

Die Entscheidung kommt schlagartig über ihn, und als er daraufhin nach Wien fliegt, mit dem Flugzeug in Turbulenzen gerät und abzustürzen droht, ohne Angst zu verspüren, und nach der doch geglückten Landung in Wien seine altgewordene, schwächliche Mutter sieht und eine matte körperliche, fast ausweglose Erschöpfung verspürt, begreift er, dass er sein Leben ändern muss, für sich und auch für seine Mutter. Er beginnt also sein Leben in Brüssel abzuwickeln und einen neuen Lebensabschnitt in Wien zu planen. In Brüssel muss er einen Weg finden, wie er die Beziehung mit Nathalie retten oder gütlich beenden kann, in Wien, wie er durch seine langjährige Freundin Felicitas sich wieder ein soziales Leben aufbaut, das sich nicht nur um Politik und Brüsseler Intrigen dreht, und dann gibt es noch den letzten und eindringlichen Wunsch der Mutter:

Sie tranken, und Mutter, die Alkohol nicht gewohnt war, begann zu plappern, weinerlich, dann vorwurfsvoll: dass sie keine Enkelkinder hatte. Jetzt bin ich fast neunzig und habe keine Enkelkinder! Du hast nie die Richtige heimgebracht. Was du da alles … na ja –
Dann wieder weinerlich: Es war ein wunderschöner Tag, du hast mich wirklich beschenkt, aber meinen größten Wunsch hast du mir noch immer nicht erfüllt. Wie oft habe ich es dir gesagt! Dass ich ein Enkelkind will. Das ist mein letzter Wunsch. Dass du mich endlich zur Oma machst.

Zwischen Nathalie, der Mutter und Felicitas hin und her gezogen, bekämpft Franz Fiala seine schwindenden Körperkräfte, die ihm mehr und mehr Sorgen bereiten, bis zur Angst hin, seine Mutter möglicherweise nicht mehr überleben zu können. Dieses dann doch zu schaffen, stellt daraufhin seine letzte und wirkliche Lebensentscheidung dar, um seiner Mutter, die schon darüber trauert, keine Enkelkinder zu haben, wenigstens dieses Leid, ihr eigenes Kind zu überleben, zu ersparen. Minutiös wird in Die Lebensentscheidung Franz Fialas Abgesang beschrieben, sein mutiges Stemmen gegen die Erschöpfung, seine selbstlose Liebe zu seiner Mutter und seine Unfähigkeit, um Hilfe und Beistand bei seinen Freunden zu bitten.

Menasse beschreibt in Die Lebensentscheidung also kein politisches Drama um einen Idealisten, der das Vertrauen in die demokratischen Institutionen verliert. Vielmehr, und für die Intensität der Novelle günstigerweise, parallelisiert er diesen Vertrauensverlust mit körperlicher Erschöpfung, psychischer Vereinsamung und zutiefst empfundenem Pflichtbewusstsein seiner Mutter gegenüber. Vom Stoff her in Körper-Geist-Bewusstsein angesiedelt, treibt Menasse den Roman mit der Dramatik und Plot von Aussteiger/Duldsamkeit voran. Thematisch bieten sich deshalb Parallelen zu John Williams‘ Stoner, Eugène Ionescos Der Einzelgänger, Paul Austers Baumgartner und auch Der Tod des Iwan Iljitsch von Lew Tolstoi an.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Körper-Geist-Bewusstsein mit Plot: Aussteiger/Duldsamkeit

Stil/Sprache/Form:

Sprachlich, stilistisch gesehen, stellt Menasse in Die Lebensentscheidung seine Erzählweise klar in den Dienst, von Franz Fialas erlebten, unerhörten Begebenheiten zu berichten, wie es nach Johann Wolfgang Goethe einer Novelle gemäß sei:

»Wissen Sie was,« sagte Goethe, »wir wollen es die ›Novelle‹ nennen; denn was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit. Dies ist der eigentliche Begriff, und so vieles, was in Deutschland unter dem Titel Novelle geht, ist gar keine Novelle, sondern bloß Erzählung oder was Sie sonst wollen.«

Johann Peter Eckermann aus: „Gespräche mit Goethe

Klassisch, unauffällig, aber sehr lesbar, flüssig und gleitend fließen die Tage und Wochen in Franz‘ Leben vorüber. Eher ruhig und gelassen, nicht auf den Effekt und/oder Ulk abgezielt, auch nicht auf Politikdiskurse, Seitenhiebe abgesehen, erzählt ein kaum auftretender, fast nie kommentierender Erzähler meist aus der Sicht von Franz, wie dessen Leben sich unter seinen stets bemühten und eifrigen Händen langsam zu Staub verwandelt. Nur an wenigen Stellen beginnt die Sprache Menasses in Die Lebensentscheidung von sich aus zu atmen und eine Dynamik zu entwickeln, wie bei der Beschreibung von Franz‘ Übermut bei einem Marilyn Manson-Konzert:

Franz holte so richtig aus, stolperte, er fing sich gerade noch, bevor er fiel, reckte und streckte sich und machte einen Knicks, aus dem er hochschnellte, er wankte und bewegte die Arme, als suchte er etwas, woran er sich festhalten konnte, machte Schritte, als würde er auf einer Eisfläche gehen, ausrutschen, doch nicht hinfallen, fand gerade noch sein Gleichgewicht, er machte kleine vorsichtige Schritte, als suchte er festen Boden unter seinen Füßen, plötzlich schien er sich gegen einen Sturm zu stemmen, er kämpfte gegen Naturgewalten, gegen alle Zumutungen der Welt, listig, fast scheiternd, triumphierend, es erschien artistisch, zugleich wie reiner Slapstick, er machte das so raumgreifend, dass alle anderen um ihn herum zurückwichen, er zuckte plötzlich in einer leeren Blase inmitten der Menge, grotesk und komisch und – Völlig besoffen.

Eher unauffällig und auch hier sehr der nüchternen Diktion eines Max Frisch verpflichtet, nimmt er nicht nur dessen Stil und Erzählweise, auch viele Motive aus Homo Faber auf, dem zweiten Teil seiner Zürcher Trilogie, weiterhin bestehend aus Stiller und Mein Name sei Gantenbein.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Krank, mit den Kräften am Ende, resümierend auf ein möglicherweise vertändeltes Leben blickend, besitzt Menasses Die Lebensentscheidung mit vielen Werken Parallelen. Mit Homo Faber jedoch teilt es einige weitere gewichtige Motive. Allen voran das Alter (beide um die fünfzig) und der auftauchende, stets verleugnete Magenschmerz, der auf eine lebensbedrohliche Erkrankung hinweist, und die nüchterne, sehr rationale, fast maulfaule Art der Hauptfiguren und das Pendeln zwischen New York und Zürich bei Frisch, zwischen Brüssel und Wien bei Menasse. Aus diesem charakteristischen Setting entwickelt sich dann eine sehr gleichgeartete Problematik mit einer, mehr oder weniger, lange aus den Augen verlorenen Studienkollegin, Hanna bei Frisch, Felicitas bei Menasse, das Kündigen des Jobs, Walter seine Stellung beim Technischen Hilfswerk für die UNESCO, Franz bei der Europäischen Kommission, Generaldiktion Umwelt, und der Tod eines nahestehenden Menschen, bei Frisch die Tochter, beim Menasse der befürchtete Tod der Mutter. Insgesamt eint Homo Faber und Die Lebensentscheidung die Grunddisposition, den Karrieristen und Macher auf sich selbst zurückbesinnen und seinem Scheitern und seiner Schwäche ins Auge blicken zu lassen.

Die Weltlosigkeit des Technikers. (Was Hanna damit meint, weiß ich nicht.) Hanna macht keine Vorwürfe, Hanna findet es nicht unbegreiflich, daß ich mich gegenüber Sabeth so verhalten habe; ich habe (meint Hanna) eine Art von Beziehung erlebt, die ich nicht kannte, und sie mißdeutet, indem ich mir einredete, verliebt zu sein. Es ist kein zufälliger Irrtum gewesen, sondern ein Irrtum, der zu mir gehört (?) wie mein Beruf, wie mein ganzes Leben sonst. Mein Irrtum: daß wir Techniker versuchen, ohne den Tod zu leben. Wörtlich: Du behandelst das Leben nicht als Gestalt, sondern als bloße Addition, daher kein Verhältnis zur Zeit, weil kein Verhältnis zum Tod. Leben sei Gestalt in der Zeit. Hanna gibt zu, daß sie nicht erklären kann, was sie meint. Leben ist nicht Stoff, nicht mit Technik zu bewältigen.

Max Frisch aus: „Homo Faber“

Wie der Techniker so der Politiker, beide scheitern an dem eigenen Anspruch, die Welt zu ordnen, in den Griff zu bekommen. Sie drohen beide am Ende existenziell zu scheitern, der eine, Walter Faber, verliebt sich in seine Tochter, die vor seinen Augen tödlich verunglückt; und Menasses Franz unterschätzt seine Mutter und glaubt sich ihrer so verpflichtet, dass er sie belügen muss. Dass sowohl Hanna wie die Mutter viel stärker sind, als die beiden Figuren glauben, kommt ihnen nicht in den Sinn, wiewohl die Mutter in Die Lebensentscheidung ziemlich klare Worte findet:

Die Wand. Das war die Geschichte, die sie in letzter Zeit immer wieder erzählte. Ihr Stolz auf ihren Sohn wurde abgelöst oder zumindest durchwachsen von Selbstmitleid. Ihre Intelligenz, ihr Bildungshunger, ihre Neugier, die in einer anderen Familie gefördert worden wären und zu einer schönen Karriere geführt hätten, waren immer wieder an eine Wand gestoßen, so erzählte sie es: Sie sollte damit zufrieden sein, dass ihr Mann vom Arbeiter zum Angestellten aufgestiegen war. Dein Vater, sagte sie, vom Lagerarbeiter zum Angestellten im Verkauf, wie zufrieden er war! Aber er war zufrieden in derselben engen Wohnung, die wir hatten. Angestellter statt Arbeiter, das ist so, als wäre die Wohnung größer, nur wenn man das Türschild wechselt.

Die Mutter wollte Karriere machen, aber die Umstände erlaubten ihr das nicht. So trieb sie ihren Sohn an, der die besagte Wand zu ihrem Stolz und ihrer Freude durchbrechen konnte, aber am Ende doch eben daran scheitert, dass es nicht aus eigenem Antrieb heraus geschah, wie es bei seiner Mutter der Fall gewesen wäre. Franz Fiala wie Walter Faber bleiben Schachfiguren in einem Spiel, das sie nicht übersehen. Robert Menasse zeichnet diesen Charaktertypus des unbewussten Untertanen in Die Lebensentscheidung unbarmherzig wie Max Frisch in Homo Faber nach. Diese Figuren zerstören, ohne es zu merken, die Lebenspläne anderer, lassen sich treiben, gehorchen und spielen mit. Auf diese Weise parallelisiert Menasse Franz‘ EU-Müdigkeit auch mit einer Charakterschwäche, aber auch mit der physischen Problematik der Kraftlosigkeit. Sein Scheitern auf ganzer Linie bekommt etwas Fatales im besten modernen Sinne, nämlich eines Individuums, das nie gelernt hat, auf eigenen Füßen zu stehen, und das dennoch gezwungen ist, ohne es zu können, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Die Mutter hätte es gekonnt und kann es bis zum Ende, ihr Sohn Franz jedoch nicht.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Andere (mir bekannte) Rezensionen:
matthiaszehnder
Buch-Haltung

Die Kurzversion findet sich hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

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