Tomer Gardi: „Liefern“

Liefern von Tomer Gardi
Liefern von Tomer Gardi.

Liefern heißt Tomer Gardis dritter Roman, der im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern, Broken German und Eine runde Sache, sprachexperimentell gesehen, nunmehr konventionell geraten ist und die Lebensgeschichten von Fahrradkurieren, genauer: Essenslieferanten in Tel Aviv, Neu-Delhi, Istanbul, Berlin und Buenos Aires mit eher gemäßigten sprachlichen Mitteln nachzeichnet. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Romanen verzichtet Gardi auf wilde Wort-Staccatos und onomatopoetische Sinngebungs- und Sinnverklausulierungsverfahren. Sein literarischer Fokus verbleibt eng auf der Ausgeliefertheit der Lieferanten und verzichtet, mit wenigen Ausnahmen, auf seine üblichen, dem Schelmenroman gemäßen Abschweifungen. Wie Salman Rushdie in Die elfte Stunde verlagert Gardi seinen Episodenroman auf viele Kontinente und erzeugt hierdurch eine flirrende, verbindende Stimmung, die dem Offenen und Dynamischen der nicht aufgebenden Figuren überzeugend entspricht:

Dort stiegen wir aus, gingen an der Moschee vorbei und fanden die Stelle, die wir mit Resul ausgemacht hatten, den Platz mit der Atatürk-Statue. Da saßen wir mit unseren rasierten, rotgesprenkelten Schädeln zu Füßen des Vaters der Türken. Ich dachte an Auerbach, wie er in einem der Häuser hier saß und zum Klang der Nebelhörner seine Mimesis schrieb, und auch zum Ruf des Muezzins, der die Gläubigen zum Gebet rief und wie im Schma Israel verkündete, dass Gott Einer ist. Ich dachte an Hazal, die schon keine Führungen mehr macht. An Aischa, die nicht Wissenschaften unterrichten wird, was sie sich so gewünscht hatte. An Resul, der nach jedem Lieferanten, den er in seinen Tod begleitet, mit schwerem Herzen ans Wasser geht und all seine Gewichte und Haken weit auswirft, sich einen Zeugen angelt, der seine Geschichte anhört. Ich dachte an mich, an meine Versuche, meine Gewichte und Haken abzuwerfen, mir meine Zeugen zu angeln.
Tomer Gardi aus: „Liefern“

Inhalt/Plot:

Liefern teilt sich auf in sechs mehr oder weniger unabhängige Geschichten, die teilweise jedoch wiederkehrende Figuren besitzen und allesamt, bis auf die letzte, von unter prekären Arbeitsbedingungen lebenden Fahrradkurieren handeln. Hauptaugenmerk liegt auf dem Stress, auf den mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten und dem wenigen Geld, das sie verdienen, um zumeist äußerst basale Wünsche zu realisieren, wie mit der eigenen Familie in einem Land oder in einer Wohnung zu leben, oder sich ein eigenes Fahrrad oder Motorrad zu kaufen. Folgende Hauptfiguren lassen sich in Liefern finden:

  • Filmon, Ex-Soldat aus Eritrea, der seinen Job in Tel Aviv als Küchenhilfe verliert und sich nach seiner Familie sehnt, die nach erfolgreicher Flucht in Berlin wohnt.
  • Sachin, in Neu-Delhi, deren Ehemann Kaayar spurlos verschwindet, aber sein Motorrad zurücklässt, woraufhin sie unter Mithilfe ihres Sohnes Vavaan, als Kurierin arbeitet.
  • Resul, ein Literaturstudent, der durch die Abschlussprüfung gefallen ist und nun in Istanbul dafür jobbt, sie zu wiederholen und hierbei als Gewerkschafter aufsteigt.
  • Pavan, ein indischer Maschinenbaustudent in Berlin, der das Rindfleisch in Dönerbuden nicht erträgt und sich einen weniger anstrengenden Job und mehr Zeit für seine Freundin in London wünscht.
  • Ciervo, ein Fußballfan in Buenos Aires, der sich als Fahrradkurier durchschlägt und mit Online-Spielen sein Geld zu verdienen versucht.
  • Akiny, in Naivasha, Kenia, die von einem Job als Frisörin oder Schneiderin träumt, aber sich als Rosenpflückerin verdingen und auch um diesen Job fürchten muss.

Um diese Figuren herum organisiert Gardi eine Reihe von Nebenfiguren, die die Hauptfiguren miteinander verbinden, wie die Deutschlehrerin Nina Kegel in Berlin, die sowohl Filmon wie Pavan kennt und auch mit Sachin und digital mit Ciervo zusammentrifft. Akiny wirkt in dem Ensemble am isoliertesten. Sie bildet den Schlusspunkt der Erzählungen, die alle in ihre jeweiligen Sackgassen zu laufen drohen, ohne dass die Figuren ihren Mut und ihre Hoffnungen verlieren:

Akiny verließ die Terrasse und ging weiter runter bis zum Ufer. Hinter den Bergen ging die Sonne unter. Die Hippos kamen aus dem Wasser, sie grasten. Die Touristen standen am Ufer, sie fotografierten. Der Mensch vor dem Vieh. Und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh. Und alles ist eitel. Nur der Fünftausend-Volt-Elektrozaun zwischen ihnen nicht.

Von allen Situationen wirkt die von Akiny am trostlosesten, eine staubige Straße, ein übergriffiger Vorarbeiter, eine endlose Menge an Arbeitswilligen, die ihren Job gerne übernehmen würden, und vor ihr und um sie herum die Weißen, die sich an der Natur und der Gegend weiden und sich von den Schwarzen nach Strich und Faden bedienen lassen. Was Liefern jedoch auszeichnet, ist das nüchterne, respektvolle Erzählen dieser Lebenssituationen, das klare und narrative Verfolgen der Gedanken, der Wünsche seiner Figuren, die zwar Opfer von ungerechten Arbeitsbedingungen sind oder werden könnten, sich aber als solche nicht fühlen und so nicht auftreten.

Pavan und Filmon unterhielten sich [nach dem Deutschkurs] noch eine Weile. Der Schnee schmolz, die Sonne schien. Die Stadt tropfte, kalt wie ein Stalaktit. Sobald die Sonne untergeht, sagte Pavan, wird es wieder kalt. Das Wasser auf den Straßen wird gefrieren. Noch eine Abendschicht mit Glatteis. Und das an Valentine’s. Sie schwiegen einen Moment, dann verabschiedeten sie sich. Auf Wiedersehen, Pavan. Sehr angenehm, Filmon. Julias Lieblingsfarbe ist Rot. Jürgen geht Eis essen.

Nicht nur die Aussichtslosigkeit, auch die Träume und Hoffnungen treiben die Figuren an. Vieles gelingt, vieles misslingt, und so webt sich über die Seiten ein stimmungsvolles Bild der sehr verschiedenen Lebensläufe, die das charakterliche Auf und Ab so gestaltet, dass weder romantisiert, noch klischiert, noch idealisiert wird. Gardis Figuren in Liefern scheitern aus fremdbedingten und auch selbstbedingten Gründen. Das Chaos bedingt sich aus einer schier überkomplexen, überfordernden und übermäßigen, weltumspannenden Gesamtsituation, der die Gedanken der Figuren nicht beizukommen vermögen.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Öffentliches Miteinander mit Plot: Verhängnisvolles Durcheinander

Stil/Sprache/Form:

Gardi zeichnete sich bislang durch seine äußerst freie Weise aus, Deutsch zu schreiben. Seine Texte sind manchmal direkt von ihm auf Deutsch verfasst, ein andermal übersetzt, in Liefern bpsw. von Anne Birkenhauer im Kapitel Mimesis. Seine freie, willkürliche, fröhliche Form die deutsche Sprache zwischen Schriftsprache und Umgangssprache, zwischen Fremdsprache und dialektalen Einfärbungen zu verorten, wirkt in der ansonsten sehr konventionell alltäglich-sprachlichen Gegenwartsliteratur belebend und als Ausnahme, wie in Broken German nachzulesen ist:

Eine Bekannte von mir, vielleicht Freund sogar, Lektor als Beruf, in eine nicht unwichtige Verlag, erzählte mir ein Abend als wir sassen seine Verlag hörte auf kurze Geschichten zu veröffentlichen. Niederganggerüchte dieses Genre erreichten mich schon vorher ab und zu, so eine Todesurteil war für mich aber neu. Ich glaub es nicht. Das kann doch nicht Wahr sein. Das ist unlogisch. Das macht doch kein Sinn. Unsere Welt wird ja immer schneller. Hektisch. Kurzfristig. Kompakt. Der scheiss Roman soll ausrotten! Schrie ich, gehetzt, während der Kurzgeschichte gedeiht! Langweilt sich selbst schon, seit Jahren, der Roman! Der Lektor murmelte etwas, Literatur, die Klassenunterschiede, der bürgerliche Ausbruch, Freiezetkultur, das World Wide Web, das Fernseher, das Proletariat. Dann erzählte ich ihm von etwas der mich mal passierte, worüber ich überlegte eine Kurzgeschichte zu schreiben.
Tomer Gardi aus: „Broken German“

Solche Eskapaden fehlen in Liefern leider völlig. Diese Umkehr ins Konventionelle, und eher farblose Schreiben hat sich bereits nach einem dynamischen Einstieg in Eine runde Sache, in dessen erstem Kapitel es um eine Sintflut geht, abgezeichnet, als der zweite Teil etwas unmotiviert das Leben und Wirken des indonesischen Künstlers namens Raden Saleh Syarif Bustaman rekapituliert. In Liefern entgleiten Gardi die Teile aber nicht. Sie ergeben ein locker verknüpftes Ganzes, nur die Sprachlust fiel hierbei unter dem Teppich, so dass einige Passagen rahmenlos wirken und ästhetische Fiktionalität einbüßen, zu montiert erscheinen, was jedoch das bei weitem längste Kapitel Mimesis durch eine intensive Ich-Erzählung auszugleichen versteht.

Ein überbordendes Verbrechen, sagte er, eines, das die Sonne nicht an den Tag bringen muss, sondern, das in ihrem Glanz noch erstrahlt. Und niemand wird in der Sache etwas unternehmen. Weil niemand es kann, sagte er. Das perfekte Verbrechen eben, auf andere Art. Das ist ein ziemlich abstraktes Begehren, sagte ich. Und außerdem ist es ziemlich formal, wenn sich das nicht widerspricht.

Widersprüche nicht scheuend, wie das von einem abstrakten Begehren, hangelt sich Liefern von Lebensgeschichte zu Lebensgeschichte und versteht viele Szenen mit Intensität und Spannung aufzuladen, obgleich vieles dann offen bleibt und verschwindet, das Wichtigste sich aber erahnen und erschließen lässt, sprachlich jedoch kein Neuland betreten wird.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Die Lektüre von Liefern lebt von Überraschungen. Sie lebt durch die eindrückliche biographische Aufladung von Gesichtern, von herumflitzenden Fahrradkurieren, die mittlerweile zum Alltag in jeder Großstadt geworden sind, aber bislang kaum eine narrative Grundstruktur erhalten haben. Gardis Roman liefert einen solchen und zeigt, wie vielschichtig, verwoben, verwirrend Lebensläufe im Zeitalter der Globalisierung geworden sind, aber auch wie kleinteilig und kleinkariert manche Konflikte erscheinen können. Das Heldenhafte der Figuren erscheint in ihrem Unwillen auch nur ans Aufgeben zu denken.

Das Handy steckte er in die Hosentasche, streifte sich die Handschuhe über, zog die gelbe RatzFatz-Jacke und den wollenen Schlauchschal zurecht, verschob den Helm, sodass er richtig saß, und trat hinaus in die Kälte. Der Wind blies gewaltig, Pavan hatte zu kämpfen, die Seitentaschen links und rechts an das E-Bike zu hängen. Dann stieg er auf und drehte den Schlüssel, aber es passierte nichts. Er drehte ihn nochmal. Wieder nichts.

Viele einzelne Motive aus anderen Gegenwartsromanen (Fernanda Melchor, Salman Rushdie, Bodo Kirchhoff) werden von Gardi in Liefern aufgenommen, aber diese Ähnlichkeiten betreffen nicht den wirklichen Zusammenhang und das Innovative, das sich in seinem lockeren Gefüge der Erzählung zeigt. Gardi betreibt, ähnlich wie Thomas Pynchon in Schattennummer oder V., eine Art Episodenroman-Ästhetik, die das, was John Dos Passos für New York in Manhattan Transfer oder Alfred Döblin in Berlin-Alexanderplatz für Berlin betreibt, auf globale Ebene bringt:

Dos Passos denkt indes nie über [die Tatsachen] nach: nicht einen Augenblick lang ist unter der zeitlichen Ordnung die Kausalordnung spürbar. […] Dos Passos hält [aber] rechtzeitig inne. Deshalb bewahrt das Vergangene auch den Reiz der Gegenwart; noch im Exil bleibt es das, was es eines Tages, einen einzigen Tag lang war: unerklärbarer Tumult aus Farben, Tönen, Leidenschaften. Jede Begebenheit ist ein grelles, einsames Ding, das sich aus keinem anderen herleitet, sondern plötzlich auftaucht und sich mit anderen verbindet: ein Unreduzierbares. Erzählen bedeutet für Dos Passos addieren. Daher auch das lockere Gefüge seines Stils: «und… und… und …» Die großen Wirrnisse, Krieg, Liebe, eine politische Entwicklung, ein Streik lösen sich auf, zerbröckeln in eine Unzahl winziger Kleinigkeiten, die sich gerade noch aneinanderreihen lassen.
Jean-Paul Sartre aus: „Der Mensch und die Dinge“

Gardis Figuren erhalten in Liefern eine Form von Heimat, die sie in der Wirklichkeit missen. Sie erhalten einen Erzählrahmen, der trägt und sie verwebt. Sie erscheinen nicht mehr isoliert, sondern als ein Bewegung und Entwicklung, die unabsehbar ins Offene und Neue führt. Wie in Dos Passos geschieht aber diese Einwebung nicht über statische identifikatorische Konzepte. Sie gelingt über das Probieren, das Riskieren, über das Umziehen und Weiterziehen, das Abenteuer. 

Da stand [Filmon] im Unschein an dem Laternenpfahl, während der Mond übervoll und exaltiert über ihnen erstrahlte. Filmon schaute Romy von der Seite an. Jetzt geht sie noch ein letztes Mal rein. Das Licht drinnen geht an. Romy verabschiedet sich von ihrem Café. Jetzt kommt sie raus und schließt ihr Café ab, das letzte Mal. Jetzt geht sie nach Hause. Nur das Foto des alten schwarzen Mannes hängt noch da, mit den Lachfalten um Mund und Augen, seiner glatten Glatze, der weißen Perlenkette um den Hals. Und dann fuhr auch er nach Hause.

Sie bleiben am Leben und im Leben durch ihre Bewegung und teilen den Mond, der auf die ganze Erde ohne Unterschied scheint. In dieser Vermengung der Motive, diesem fröhlichen und auch bedenklichen Durcheinander hat Gardi mit Liefern ein Stück dynamischer Ordnung ins Chaos gebracht und erinnert ansatzweise in Motivik und Handlungsführung, und auch von der Wahl der Orte her, an Voltaires Candide, nur dass dieses hoffnungsfroher in einem Garten endet, derweil Akiny in Kenia aus ihrem Rosenpflückerjob herausgeworfen wird.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Andere (mir bekannte) Rezensionen:
intellectures

Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

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