Ingeborg Bachmann: Malina

Ingeborg Bachmann: "Malina"
Von dem Sag- und Unsagbaren …

Es gibt wenige Texte, die sich so gegen das plakative Lesen sträuben wie Ingeborg Bachmanns einzig vollendeter Roman Malina. Er ist so vielschichtig und polyphon, so dicht und komplex, dass beinahe jeder Absatz für sich allein steht und das Lesen seinen eigenen Fokus, seine eigene Perspektive konstruieren muss. Bachmanns Text versprachlicht Heraklits Fluss, in den sich nach seiner Formel panta rhei niemals ein zweites Mal steigen lässt, indem es einfach kein zweites Lesen gibt. Malina liest sich stets von neuem. Mit dem ersten Satz beginnt eine neue Reise. Er lautet:

Nur die Zeitangabe mußte ich mir lange überlegen, denn es ist mir fast unmöglich, ›heute‹ zu sagen, obwohl man jeden Tag ›heute‹ sagt, ja, sagen muß […]

Ingeborg Bachmann aus: „Malina“
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Kalenderwoche 27: Lesebericht.

Es fällt mir schwerer, über Bücher zu schreiben, die mich mein Leben begleiten, als über aktuelle Bestseller, meist von Autoren und Autorinnen, von denen ich noch nie vorher in meinem Leben etwas gehört habe. Letzte Woche habe ich den ersten Schritt mit der Besprechung von Max Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein getan. Malina von Ingeborg Bachmann soll alsbald folgen. Wie bald steht in den Sternen. Zu viel bringen die Sätze, Kapitel, die Wörter in Malina in Bewegung. Wie bei Werner Bräunigs Rummelplatz benötige ich vielleicht noch Zeit. Max Frisch sagte zwar in einem Gespräch mit Peter André Bloch 1972:

Wenn einer schreibt, schreibt er wohl kaum, weil er ein ablieferbar fertig anderes Bewusstsein hat, sondern indem er schreibt, kommt er zu einem solchen. Es ist ein Forschungsvorgang, den ich brauche, ich für mich selbst; um unsere Welt auszuhalten, möchte ich erkennen, wie sie sich für mich darstellt.

Max Frisch (1972)
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Max Frisch: „Mein Name sei Gantenbein“

Max Frisch: "Mein Name sei Gantenbein"
Auf der Flucht vor sich selbst … Spiegel Belletristik-Bestseller (45/1964)

In Mein Name sei Gantenbein experimentiert Max Frisch mit biographischen Erzählpositionen. Im Gegensatz aber zu seinem Frühwerk Stiller bedient sich der 1964 veröffentlichte Roman explizit bei den formästhetischen Varianten des nouveau roman, um minutiös die auktoriale Erzählposition zu unterminieren und so, wenn möglich, die Grenzen des Sagbaren auszuloten und zu erweitern. Typischerweise wird Max Frisch jedoch nicht zu den Vertretern des nouveau roman gezählt. Überhaupt haben die stilistischen Bemühungen dieser formästhetischen Experimente von , zu denen Nathalie Sarraute, Michel Butor, Claude Simon oder Alain Robbe-Grillet in der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit wenig Anklang gefunden und wurden nur von vereinzelten wie Arno Schmidt aufgenommen. Frischs Roman fügt sich aber nahtlos in die Reihe von Romanen wie Die Jalousie von Alain Robbe-Grillets oder La modification von Michel Butor ein, die wie Mein Name sei Gantenbein das Thema Eifersucht behandeln und ein zersplittertes Ich zur Erzählfigur erheben:

Ich hocke noch immer in Mantel und Mütze, Hände in den Hosentaschen. Es riecht nach Staub und Bodenwichse. Von den Personen, die hier dereinst gelebt haben, steht fest: eine männlich, eine weiblich. Ich sehe Blusen im Schrank, etwas Damenwäsche, die nicht mehr in den Koffer paßte oder nicht mehr Mode ist, Krawatten auf der andern Seite, drei lahme Jacken für den Herrn im Winter, zwei für den Sommer, und unten stehen die Schuhe, gereiht wie zum Appell, teils mit Leisten drin. Warum sind leere Schuhe so entsetzlich?

Max Frisch aus: „Mein Name sei Gantenbein“
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Kalenderwoche 26: Lesebericht.

Kalenderwoche 26: Lesebericht.

Mich beschäftigt momentan durchweg das Ingeborg Bachmann-Max Frisch Enigma. Vielleicht nehme ich es nur zum Anlass, um mich durch das Werk von den beiden zu lesen, und mich daran zu erinnern, weshalb die Literatur seit dem ersten Satz in Stiller einen zentralen Stellenwert in meinem Leben erhalten hat. Der erste Satz lautet:

Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere.

Max Frisch aus: „Stiller“

Kaum lese ich den Satz, möchte ich weiterlesen. Auf seine Art und Weise wird Stiller das Leseerlebnis schlechthin bleiben, wiewohl viele andere folgten. Der Aufruf, nicht mehr still zu bleiben, still zu sein, nicht mehr stillgestellt bleiben zu wollen, sondern von sich und seinem Leben erzählen, all dies evoziert das Ausrufezeichen, der Widerstand, das mutige und fröhliche Aufbegehren gegen den Stillstand. Dazu passend Ingeborg Bachmann:

So ist die Literatur, obwohl und sogar weil sie immer ein Sammelsurium von Vergangenem und Vorgefundenem ist, immer das Erhoffte, das Erwünschte, das wir ausstatten aus dem Vorrat nach unserem Verlangen – so ist sie ein nach vorn geöffnetes Reich von unbekannten Grenzen.

Ingeborg Bachmann aus: „Frankfurter Vorlesungen“
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Heinz Strunk: „Ein Sommer in Niendorf“

Heinz Strunk: "Ein Sommer in Niendorf"
Die Legende vom unheiligen Trinker … Spiegel Belletristik-Bestseller (25/2022)

In der Literatur lassen sich einige Trunkenbolde ausfindig machen. Manche verbrieft wie William Faulkner oder Ernest Hemingway. Manche unterstellt wie Emily Dickinson oder Ingeborg Bachmann. Andere explizit wie Hans Fallada mit Der Trinker oder Eugen Egner und seinem Kurzroman Aus dem Tagebuch eines Trinkers, oder implizit wie Joseph Roth in seiner Novelle Die Legende vom heiligen Trinker. In Strunks kurzem Roman Ein Sommer in Niendorf dreht sich auch alles um Alkohol. Zwar mischt noch die Gruppe 47 mit, gesellt sich Thomas Mann, Paul Celan und Ingeborg Bachmann hinzu, aber im Grunde geht es schlicht und ergreifend um das Saufen eines Protagonisten namens Roth:

Die Sonne sinkt in Tönen von geronnenem Rot und geht allmählich in eine weiche verhauchende Mattigkeit über, der Strand saugt sich im Dämmer mit Licht voll. Schön ist das. Roth nickt wieder ein. Als er aufwacht, ist die Röte des Himmels auf einen schmalen Streifen über dem Horizont reduziert. Das Dunkel ringsherum wird dichter, und der Himmel vergrößert sich, als würde er mit der ausgebrannten Schlacke angefüllt, aus der das Universum gemacht ist.

Heinz Strunk aus: „Ein Sommer in Niendorf“
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Kalenderwoche 24/25: Lesebericht.

Lesebericht

Dieses Mal ein Lesebericht der KW 24 und 25 zusammen, um nicht allzu sehr in Verzug zu geraten. In den letzten zwei Wochen beschäftigte mich vor allem die Re-Lektüre von Max Frisch und der erneute Versuch, mich in das Notizbuchwerk von Simone Weil einzuarbeiten. Ich las also Mein Name sei Gantenbein und Montauk sowie kleinere Prosastücke von ihm. Das Verrückte: Ich konnte mich beim Lesen nicht einmal mehr daran erinnern, dass ich die Texte bereits gelesen habe. Nur bei Montauk blitzte hier und da ein Hauch von Erinnerung durch, aber Gantenbein las ich, als hätte ich es noch nie zuvor gelesen. Ich ziehe in Betracht, dass ich früher ein viel zu hastiger und oberflächlicher Leser gewesen bin, d.h. ich habe nicht einmal versucht zu verstehen, wenn ich etwas nicht verstand, sondern überlas es einfach. Ein oberflächliches Lesen verträgt Simone Weils Texte gar nicht. Ingeborg Bachmann beschreibt Weils Stil in ihrem Sprech- und Radiostück Das Unglück und die Gottesliebe – Der Weg Simone Weils wie folgt:

Simone Weil ist keine Schriftstellerin gewesen. Sie war nicht produktiv. Sie hat nicht geschrieben, um zu schreiben und etwas zu schaffen, das für sich stehen konnte, sondern Schreiben war für sie – neben starken kritischen und pädagogischen Impulsen – vor allem eine Übung. Eine Übung, die sich zwischen Demut und Rebellion bewegte und wichtig war, solange für sie der Abstand zwischen »wissen« und »von ganzer Seele wissen« nicht überbrückt war.

Ingeborg Bachmann aus: „Das Unglück und die Gottesliebe – Der Weg Simone Weils“

Es beschreibt sehr gut, warum mich unproduktives Schreiben wie jenes von Weil oder Emile Cioran oder Walter Benjamin so begeistert.

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Jan Weiler: „Der Markisenmann“

Hoffnungslos durch den Pott … Spiegel Belletristik-Bestseller (23/2022)

Existenzialistische Romane leben nicht von der Sprache. Sie kommen spröde, trocken, in einfachen Sätzen, fast alltagssprachlich daher wie Albert Camus in Der Fremde oder Der Fall, Simone de Beauvoir in Alle Menschen sind sterblich, Jean-Paul Sartres Der Ekel, sein unvollendeter Romanzyklus Die Wege der Freiheit oder Ernesto Sabato in Der Tunnel. Sie verhandeln philosophische Themen, drehen sich um Thesenuntersuchungen und illustrieren mehr Fragen, als dass sie einen literarischen Stoff bearbeiten und durchformen. Mit anderen Worten, die Erzählung bleibt sekundär. Primär steht die Frage im Zentrum, was ist Freiheit, wie frei ist der Mensch wirklich, wie viel Freiheit ist eigentlich möglich und erträglich. Jan Weiler hat ebenfalls einen existenzialistischen Roman geschrieben: Der Markisenmann. Er kommt vielleicht siebzig Jahre zu spät, aber das spricht nicht gegen ihn und erlaubt ihm sogar ein gewisses Maß an spielerischer Leichtigkeit.

»Ich finde bis heute, dass ich es nicht anders verdient habe. Ich habe das alles getan, und ich muss es wiedergutmachen. Es wäre nicht angemessen, wenn ich danach einfach ein erfolgreiches angenehmes Leben geführt hätte. Mit einer anderen Frau, irgendwo, mit einem tollen Job. Ich habe akzeptiert, dass diese Halle mit diesen Markisen und den Schrauben und dem alten Kombi mein Leben sein soll. Ich muss das so lange machen, bis keine Markisen mehr da sind.«

Jan Weiler aus: „Der Markisenmann“
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Ernst Bloch: „Experimentum Mundi“

Ernst Bloch: „Experimentum Mundi“
Der Materie auf der Spur …

Selten wird der Zukunft wirklich viel Aufmerksamkeit entgegengebracht. Sie ist zu unbequem, unterminiert jede Selbstgewissheit und Selbstzufriedenheit bis zur Kenntlichkeit, sobald sie beim Namen genannt wird. Das liegt an dem Diffusiven, Trüben, Bevorstehenden und Ominösen um sie herum. Explizit würde nämlich niemand ernsthaft sagen, es sei möglich, in die Zukunft zu schauen, wahrscheinlich nicht einmal Nostradamus selbst. Implizit jedoch wird stillschweigend davon ausgegangen, es sei möglich. Unmöglichkeitssätze, die tagtäglich hörbar sind, was unmöglich, irreal, utopisch ist, und die nur vor dem Hintergrund dieser Annahme formuliert werden können, geben beredtes Zeugnis davon ab. Ernst Blochs philosophisches Werk stellt diesbezüglich eine Ausnahme dar. Es beschäftigt sich ausschließlich mit der Utopie, dem Vorschein und Noch-Nicht, kurz: mit der Zukunft. Experimentum Mundi lautet seine letzte philosophische Schrift, die er um das Jahr 1973 herum, also im hohen Alter von 88 Jahren geschrieben und als Summa seines philosophischen Gesamtwerkes und utopisch-ontologischen Kategorienlehre verstanden hat:

Dies also ist Experimentum Mundi, nicht nur als eines an der Welt, sondern in ihr, eben das Realexperiment der Welt selber. […] Dem entspricht eine endlich betonte Ontologie des Noch-nicht-Seins im noch nicht Bewussten, noch nicht Gewordenen, beide wesend in den Perspektiven der Tendenz und Latenz, im Realexperiment der Kategorien (Daseinsweisen, Daseinsformen) wie ihrer Materie nach vorwärts.

Ernst Bloch aus: „Experimentum Mundi“
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Kalenderwoche 23: Lesebericht.

Die Lesewoche stand im Zeichen von Ingeborg Bachmann, deren Werke ich seit langem wieder einmal besuchen und erneut lesen wollte, insbesondere den Roman Malina und die anderen unvollendeten Romane im Zyklus Todesarten. Eigenartigerweise fiel dies zusammen mit der Nachricht, die mich dann ein paar Tage später ereilte, dass der Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Max Frisch Wir haben es nicht gut gemacht im September erscheinen wird, zudem nun die Briefe, Traumnotate und Berichte von Bachmann an ihre Ärzte Male oscuro in den 1960er Jahren veröffentlicht wurden. Neben den bereits veröffentlichten Briefen mit Paul Celan Herzzeit liegt dann bald Ingeborg Bachmanns Privatleben der Allgemeinheit vor – Texte, Nachrichten und Mitteilungen, die im Grunde sehr privat gewesen sind. Inwieweit dieses ein unentbehrlicher Schlüssel zu ihrem Gesamtwerk ist, bleibt dahingestellt. Ingeborg Bachmann hat selbst so formuliert:

Die kristallinischen Worte kommen in Reden nicht vor. Sie sind das Einmalige, das Unwiederholbare, sie stehen hin und wieder auf einer Seite oder in einem Gedicht. Es sind für mich, da ich nur für mich einstehen kann, zu den getreusten geworden: Die Sprache ist die Strafe. Und trotzdem auch eine Endzeile: Kein Sterbenswort, ihre Worte.

Ingeborg Bachmann aus: „Rede zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises“
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Elke Engelhardt: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“

Elke Engelhardt: "Sansibar"
… von einer Lyrik des sanften Zwischenklanges.

Der Gedichtband Sansibar von Elke Engelhardt tastet die Welt im Unmerklichen ab. Sein lyrisches Ich ist nicht laut. Es ist leise. Es macht nicht aufmerksam auf sich. Es bleibt in sich, ruhend. Sein Name „Sansibar“ spielt mit der Ferne, dem Fremden, die verheißungsvollen Weiten irgendwo im Indischen Ozean, an der Ostküste Afrikas, auf einer kleinen Insel unter sternenvoller Nacht. Doch der Titel und der Klang der Gedichte nehmen das Versprechen zurück. Sie sind gebrochen. Sie führen übers Weite ins Nahe, gebogen, zu sich zurück. Nicht die Weite, das Nahe verdichtet sich in den Gedichten, tritt aus dem Trott hinaus in die Welt:

Die Verlassenheit in den Zügen
Die leeren Blicke in den Straßen
Du trittst aus der Tür
in eine verlorene Landschaft
mit einer Haltung aus Kleingeld
nach dem sich niemand bückt

Elke Engelhardt aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“
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