Elke Engelhardt: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“

Elke Engelhardt: "Sansibar"
… von einer Lyrik des sanften Zwischenklanges.

Der Gedichtband Sansibar von Elke Engelhardt tastet die Welt im Unmerklichen ab. Sein lyrisches Ich ist nicht laut. Es ist leise. Es macht nicht aufmerksam auf sich. Es bleibt in sich, ruhend. Sein Name „Sansibar“ spielt mit der Ferne, dem Fremden, die verheißungsvollen Weiten irgendwo im Indischen Ozean, an der Ostküste Afrikas, auf einer kleinen Insel unter sternenvoller Nacht. Doch der Titel und der Klang der Gedichte nehmen das Versprechen zurück. Sie sind gebrochen. Sie führen übers Weite ins Nahe, gebogen, zu sich zurück. Nicht die Weite, das Nahe verdichtet sich in den Gedichten, tritt aus dem Trott hinaus in die Welt:

Die Verlassenheit in den Zügen
Die leeren Blicke in den Straßen
Du trittst aus der Tür
in eine verlorene Landschaft
mit einer Haltung aus Kleingeld
nach dem sich niemand bückt

Elke Engelhardt aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“

Die Gedichte trumpfen nicht mit Schüttel- und Stabreimen auf. Sie bescheiden sich in Miniaturen, fast ungewollten Assonanzen und Alliterationen. Sie bleiben einem Geheimnis auf der Spur, das sich nicht einzwingen, einfangen, sondern nur umkreisen, andeuten lässt. Die Melancholie der Ferne bleibt. Die Landschaft ist verloren. Sie hat sich noch nicht verbunden. Ihr wird mit einer Haltung aus Kleingeld begegnet, einem Klimpern, Klappern, Rascheln, das nicht viel Aufsehens und Aufhebens um sich macht, aber im Gegensatz zu Scheingeld klingt und klackt. In diese Welt, mit ein paar Münzen in Hut und Hand, streifen Sansibar im ersten Teil des Gedichtbandes und die kleine Frau in Einige sehr kurze Geschichten vom Glück, die kleine Frau zu sein im zweiten Teil durch die Welt, eingefasst und zum Abschluss gebracht von der Sammlung Lumpen meiner Erinnerung als dritter Teil. Es beginnt mit dem suchenden, an sich selbst und seiner Familie abarbeitenden Sansibar und seinen prägenden Erlebnissen:

Als ich ein Kind war
lebte ein Usambaraveilchen
auf unserer Fensterbank
Ich streichelte seine samtweichen Blätter
Es kommt aus Afrika
erzählte mir meine Schwester mit der stolzen Überlegenheit
die mich heute noch kränkt
Ich ersetzte meine Berührungen durch Wasser
Und die Pflanze starb

Seine Fremdbestimmtheit erlaubt es nicht, sich dem Usambaraveilchen zu nähern, sobald es kontextualisiert, bezeichnet worden ist. Das Geheimnis geht verloren. Die Möglichkeit einer Welt, die überall und nirgends zugleich ist und sein könnte, wird vom Wort der Schwester widerrufen. Das Wort kommt überlegen und bedeutend daher und lässt ihn kleinlaut werden. Sansibar fühlt sich in die Enge getrieben, entblößt, genötigt und verliert den Bezug zum Pflänzchen. Das, was Bezüge herstellen könnte, zerstört sie. Die Worte wirken zu spießend, eingrenzend, definierend, und er rettet sich deshalb in die Weite und Grenzenlosigkeit seiner stillen, sanften Versuche, sich dem Unnennbaren zu nähern:

Was ist
wenn sie dir deinen Wortschatz zusammenstreichen
fragt Sansibar
Wenn du Worte findest
aber nichts zu sagen
Wenn du sprichst ohne zu meinen
wird dann dein Schweigen zu laut
Silbern und fließend
zieht es dich in deine Träume

Die Sprachlosigkeit erlaubt eben das Einswerden mit den Träumen. Nicht die Narration, nicht das Wortgeflecht, sondern die Worte, die nichts sagen, die nichts sagen müssen, die einfach als Klänge Assoziationen evozieren, erlauben die Verbindung von Traum und Wirklichkeit. Engelhardts Dichtung umkreist auf diese Weise das Sprachzentrum schlechthin, die Sehnsucht nach einem Sesam-Öffne-Dich, nach jenem Schlüssel, das die Verbundenheit, Einheit, die Harmonie zwischen Gegenwart und Vergangenheit wieder herstellt, die Ur-Teilung in den Urteilen wieder aufhebt. Auf diese Weise wirkt ihre Sprache beruhigend, besänftigend, wie eine Rekonvaleszenz der Worte, die ihre Wunden versorgen dürfen, denen Zeit gelassen wird, sich wieder zu sammeln, wieder zu Kräften zu kommen. Mit jeder Zeile, die gelesen wird, kehrt mehr Stille, mehr Ruhe, mehr Freude am Jetzt ein.

Was trennt die Träne vom Auge
Was den Toten vom Leben
Was die langsamen Bewegungen
vom Stillstand
Die Frage von der Möglichkeit
zu tanzen
Ich habe keine Angst
sagt Sansibar

Die Angstlosigkeit vor der Sprachlosigkeit, vor der Bescheidenheit, vor der Zurückhaltung zeichnet diese Gedichtsammlung aus. Sie bietet einen Rückzugsort, eine Art Singsang des sanften Zwischenklangs. Eile und Hektik schlüpfen durch das diaphane Gewebe der Sprache hindurch, und was in diesem Loslösungsprozess zurückbleibt, ist pure Einkehr, Freundlichkeit, Einfachheit, von dem Einige sehr kurze Geschichten vom Glück, die kleine Frau zu sein berichten:

Die kleine Frau schreibt

Erst muss man die Worte erfinden,
dann kann man sich tragen lassen von der Sprache.

Eine schreibt wie die Duras
(das ist die Duras selbst)
ein anderer zwängt sich in ein zu enges Korsett.

Die kleine Frau wächst einem sofort ans Herz. Sie ist keine Marguerite Duras, denn Marguerite Duras‘ Schreiben kann nur das Schreiben von Marguerite Duras sein. Sie ist eine ganz andere und schreibt trotzdem. Die kleine Frau erlebt allerhand, aber ihre Beschaulichkeit lässt sie sich von niemandem nehmen. Sie bleibt, die sie ist. Sie lässt sich nicht in einen Erwartungshorizont sperren, entflieht und entkommt dem Prokrustesbett der öffentlichen und fremdformulierten Anspruchshaltungen. Sie geht fröhlich und offen durch die Welt, getragen von den eigenen lyrischen Emanationen, freundlichen Eingebungen und ihrer ins Detail gehenden und in ihr aufgehenden Aufmerksamkeit.

Ich bin die kleine Frau.
Ich stehe am Strand
und denke nach.

Aber ich mache mir keine Gedanken worüber ich nachdenke.
Das ist Freiheit.

Die Selbstgenügsamkeit der kleinen Frau steckt an. Jedes Wort erhält eine schillernde Mitteilbarkeit. Nicht die Bedeutung, Großartigkeit, Monumentales zählen. Es zählt der Akt, die Begegnung, die Wechselwirkung am Strand zu stehen, Sand, Wellen, die Bewegung zu spüren, in die Weite, hoch in den Himmel zum Horizont zu schauen, und trotzdem bei sich fokussiert im Erleben zu bleiben, das Nahe und Ferne, das Verdichtete und Ungeklärte ineinsgesetzt. Die Assoziationen, aus den Erinnerungen entstehend, schieben sich nicht vor die Gegenwart, aber die Gegenwart verschiebt und verdrängt auch nicht die Vergangenheit und ihre Spuren. Es vergeht nichts, weil alles zusammen ins Erleben eingeht, sich mischt und Neues entstehen lässt.

Ich bin die kleine Frau.
Ich glaube an die Macht des Mondes,
an Ebbe und Flut.
Aber mehr noch an die Worte,
die alle Spuren verwischen,
sobald sie entstehen.

In diesem Versuch kulminieren die Sätze, die Gedichte, die Zeilen von Engelhardts Gedichtband, nämlich eine Sprache zu schaffen, die sich nicht vor die Dinge drängt, sondern mit den Dingen tanzt, deren Möglichkeiten entfesselt, die Aufmerksamkeit steigert, sie nicht dämpft und Details hervorkehrt, statt sie untergehen zu lassen. Ihre Lyrik bewegt sich auf demselben Grat wie Rainer Maria Rilkes, wenn dieser in seinen frühen Gedichten schreibt:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Rainer Maria Rilke aus: „Die frühen Gedichte

Die Spannung erhalten diese Gedichte aus dem Verlangen, eben nicht einfach das Schweigen zu besingen, sich zum Schweigen bekehren zu wollen, sondern durch das Bestreben, dem Schweigen im Sprechen einen Raum zu erschaffen. Die Gedichte von Engelhardt berichten nämlich. Sie erzählen Biographisches. Sie erzählen von Begegnungen, von Hoffnungen, von Liebenden, aber auf eine Weise, dass der Imagination Raum gelassen wird, dass den Erlebnissen Zeit eingeräumt wird, sich zu ordnen, sich im je gelesenen Augenblick eine neue Form und Ausrichtung, eine neue Perspektive geben zu können. Alles bewegt sich. Jeder Augenblick ist einzigartig. Daran erinnern diese Zeilen. Daran erinnert auch Rilke mit der abschließenden Strophe aus dem oben zitierten Gedicht:

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Dieses Unterfangen kann nur ein zeitloses sein, weil es in der Zeit mit der Zeit lebt, mit ihr geht, sie einfängt, um sie stets wieder, in jedem neuen Augenblick aufzuheben. Engelhardts Sansibar Gedichte erinnern zudem an Paul Valérys Monsieur Teste, auf den sie sogar implizit hinweisen, wenn geschrieben steht:

Ich hatte einen Nachbarn
der kleine Herr Paul
Als ich ihn das letzte Mal sah
hat er getanzt

Paul Valéry aus: „Monsieur Teste“ (Dt. von Max Rychner)

Herr Paul könnte Valéry sein und Sansibar Monsieur Teste, denn beide besitzen diese abstrakte, in sich gekehrte, sehr reflektierte Art sich in allem zu sehen, in den Spiegelungen zu betrachten, ohne den Blick auf die Welt zu verlieren. Je tiefer sie in sich gehen, desto mehr breitet sich ihre Aufmerksamkeit für alles und jedes aus. So schreibt dieser in Ein Brief eines Freundes:

Ich fürchte sehr, mein alter Freund, dass wir aus vielen Dingen bestehen, die uns nicht kennen. Und in ihnen kennen wir uns selbst nicht. Gibt es deren eine Unendlichkeit, so ist alles Denken eitel …
Ich fühlte mich also von einem andern Lebenssystem ergriffen, und ich erkannte meine Rückkehr als eine Art Traum dieser Welt, in die ich heimkehrte.

Monsieur Teste und Sansibar kommunizieren über Träume, die sich zu Wirklichkeit verdichten. Sie begegnen ihren Mitmenschen und den Situationen ohne Angst, aber mit Zurückhaltung, denn nur diese erlaubt es den Dingen, sich gewaltlos zu ordnen, sich geeignete Begriffe zu wählen, in diesen Begriffen Färbungen zu kreieren, die ein Entstehen und Miteinander an Sinn erlauben. So findet Sansibar Frieden und eine scheinbar intellektuell unbefriedigende Antwort auf alles:

Erst schien mir als die Antwort nichts
Später
alles
Und dann stellte sich heraus
die Wahrheit lag
wie fast immer im Leben
dazwischen

Elke Engelhardt aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“

Auf diese Weise löst Sansibar oder andere gebrochene Versprechen seine Versprechen dennoch ein, indem das Ver-sprechen Raum zur Entfaltung schafft.

Eine weitere Leseerfahrung findet sich auf cafeweltenall; „Versuch einer Buchbesprechung„.

6 Antworten auf „Elke Engelhardt: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen““

    1. Ja, ich hatte überlegt, auf Andersch einzugehen, aber beim Schreiben passierte etwas anderes (wie so oft). So blieben Philippe Jaccottet, Alfred Andersch und Henri Michaux außen vor, obwohl sie in Stapeln neben mir lagen, aber den Text aus dieser Perspektive zu lesen, wäre sehr gewinnbringend. Vielen Dank für den Kommentar!

  1. Ich bin sprachlos und sehr glücklich über diese Besprechung, lieber Alexander. Was für ein schönes Gefühl, wenn jemand das eigene Buch so tief durchdringt und seine Gedanken dazu auch noch in Worte fasst. Ganz herzlichen Dank.

    1. Das freut mich sehr. Das Buch hat an vieles angeschlossen, vieles losgestoßen, mich an vieles erinnert. Meine Besprechung kratzt nur an der Oberfläche von all dem, aber die Gedichte arbeiten und verzweigen sich weiter. Vielen Dank dafür!

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