Rezensionen 2026 – Teil 1


Thomas Hettche: „Liebe“

Liebe by Thomas Hettche

Selbstdiffusiver Mann sucht Frau und findet Frau.

Inhalt: 1/5 Sterne (biographisch-linear)
Form: 3/5 Sterne (pointillistisch)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (erinnernd)
Komposition: 0/5 Sterne (dissoziativ)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (schleppend-lahm)
–> 7/5 = 1,4 = 1 Stern

In Liebe spielt Thomas Hettche das Zusammenkommen eines Mannes mit einer Frau durch, die beide ein Großteil ihres Lebens bereits gelebt haben. Er nimmt das Alte Liebe von Elke Heidenreich, Die späten Tage von Natascha Wodin oder Helga Schuberts Der heutige Tag auf, nur ein wenig stoisch-lakonisch, wortkarg, mit Lücken und Andeutungen spielend wie Judith Hermann, bspw., in Daheim oder Wir hätten uns alles gesagt. Das Buch pointillisiert vor sich hin:

In den Obstbäumen bunte Lampions, deren Schein auf das fette Gras fiel, das wie ein Teppich unter seinen Schritten nachgab. Das unbewegte Wasser der Ostsee. Ein hölzerner Steg führte hinaus in die Dunkelheit. Er folgte ihm und spürte erleichtert, wie es immer stiller und die Luft kühler wurde. Leise zischelndes Schilf. Er ließ sich in einen der beiden Liegestühle am Ende des Stegs fallen. »Guten Abend.«

Anna grüßt Max, und Max grüßt Anna. Sie sitzen in der Dunkelheit, sprechen und erzeugen so gegenseitig eine gewisse Sehnsucht nach Nähe, die fortan die nächsten Jahre ihr Leben bestimmen wird. Anna, verheiratet, Max einsam, nach hauptsächlich zwei gescheiterten Beziehungen, aus denen jeweils ein Kind hervorgegangen ist. Wer Anna ist, bleibt lange unklar, spielt für Max auch keine Rolle. Max sehnt sich nach einem ozeanischen, fluiden Sein:

Was ist Berührung? Alles, was uns mit dieser Welt verbindet, berührt uns. Und das ist immer zuerst unsere Haut. In der Tierwelt ist es kein spezielles Individuum, das Begehren auslöst, sondern eine Form oder eine Farbe am Körper, und Max scheint es sehr poetisch, dass es bei der Lust nicht um den Partner, sondern um etwas ganz und gar Imaginäres gehen könnte. Um eine Stimme, die Silhouette, ein Lächeln, die Wärme einer Hand.

Mit krasser Konsequenz beschreibt Hettche, wie seiner Figur Max irgendwann der Mut und der Wille und Freude am Leben abhanden gekommen sind. Was bleibt? Die Sehnsucht nach Berührung, nach Nähe, nach Sex, nach geschichtsloser Intensität. Max ist ein Augenmensch. Sein Blick bleibt bei dem Offensichtlichen. Er liebt das Bewusstlose, das Gleitende, das Abwesende, und insofern erscheint der Text, aus seiner Perspektive erzählt, konsistent als Kaleidoskop, stroboskopisch zusammenmontiert, eher wahllos in seiner Figurenwahl, lediglich von außen an eine Gegenwart geheftet (Covid, Ukraine …) ohne wirklichen Bezug zu sich und einem Selbst oder einem Gegenüber.

Hettches Roman improvisiert über das Inkommunikable im Leben von Max, über seine Fremdgesteuertheit, seine Einsamkeit und verarbeitet hier, auch durch Aufnahme von Chatgespräche, ein ähnliches Lebensgefühl wie Martina Hefters Hey guten Morgen, wie geht es dir?. Alles dabei. Angst vor dem Altwerden, das Fremdgehen, die Angst, vor dem Alleinsein, die von Innen heraus das Bewusstsein auffrisst, so dass im Grunde nur ein Schluchzen zustande kommt, ein Winseln, die Sehnsucht im Begehren erhört zu werden. Thomas Hettche bringt es erschreckend gut auf den inhaltslosen Punkt, der bekanntlich keine Dimensionen, weder Breite noch Tiefe noch Länge hat.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Max, 63, Ocularist, lebt in Berlin, allein, hat eine Tochter Lucia mit Yasemine, und einen Sohn mit Cleo Philipp, von beiden getrennt, mit beiden befreundet. Anna, gleiches Alter, verheiratet, lebt in Stralsund, hat keine Kinder, Ozeanologin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Sommerfest am Saaler Bodden. Max (M) langweilt sich, setzt sich ans Ufer, eine Unbekannte setzt sich zu ihm, Anna (A). Sie unterhalten sich. Er fühlt sich hingezogen zu ihr.
Schnitt in die Erzählgegenwart (EG): Er verabschiedet eine Sie [es ist Anna, zehn Jahre später]. Sie fährt ins Krankenhaus und will nicht, dass er mitkommt.
2.) In der Praxis von M, er fertigt künstliche Augen an. Praxis vom Vater übernommen, nachdem die Sache mit der Kunst sich verlaufen hat. Yasemine spürt, dass M verliebt ist. Er trifft A in der Neuen Nationalgalerie. Sie haben Chat-Kontakt. Beim Abschied schließt sie Fremdgehen aus.
3.) EG: M geht die Nachrichten zwischen A und ihm durch.
Sie texteten sich nach ihrem Besuch, dann antwortete er nicht. Es schmerzt ihn zu sehr. Kontaktabbruch im November 2013. Eigenartige Radiosendung über eine Keglerin mit einem irren Lauf.
4.) Auf dem Adventsmarkt, Treffen mit Philosophieprofessorin [daran denkt er, als A ins Krankenhaus gefahren ist, also weil er wieder einsam ist].
EG: zehn Jahre später (2013), seit 6 Jahren von Yasemine getrennt, Lucia damals 12.
M erhält Nachricht von A, sie lädt ihn nach Stralsund ein.
5.) Treffen auf dem Weihnachtsmarkt, erster Kuss, am nächsten Tag der erste Sex. Danach fährt M zu seiner Exfrau Cleo nach Hamburg, Philipp damals 22 Jahre alt.
EG: M ruft A an, aber nur die Mailbox antwortet. Jemand ruft ihn an wegen eines dringenden Termins für seinen Sohn.
6.) Wiedersehen auf Hiddensee im Februar, in einem Tiny House. Ehemann von A hat eine Yacht, verdient gut.
7.) Treffen und Sex in Stettin (März), dann auf Usedom (April), in einem Wellness-Hotel, wo sie auch mit ihrem Mann gewesen ist. M eifersüchtig.
8.) Treffen mit Yasemin in der Bar. Sie erzählt das Märchen von der Zweiäugigen unter den Ein- und Dreiäugigen, die sich von einem Ritter retten lässt.
9.) A besucht M in Berlin. Sie gehen in die Komische Oper, schauen sich eine Inszenierung von Hoffmanns Märchen an. M drängt sie, ihren Mann zu verlassen. Sie will nicht ohne Grund auf Kinder verzichtet haben.
10.) Treffen mit Christoph im Café, der nicht an die wahre Liebe glaubt. Gibt ihm ein Reclam-Heft, in welchem Hegel über die Liebe räsoniert.
11.) Mitte Juli. Treffen in Fürstenwalde. A bricht zusammen, weint, weil sie sich Kinder gewünscht hat.
EG: M denkt über die Ukraine nach, wie selbstsüchtig die Berlin der Zeit gewesen ist.
12.) EG: Weitere Reflexionen zum Ukraine-Krieg.
M betrinkt sich, fährt in den Yachtclub von As Ehemann, wo dieser seinen Geburtstag feiert, will A für sich gewinnen, völlig betrunken. Wird von zwei Typen rausgeschmissen. Der eine hat Amor vincit tätowiert. A hilft ihm nicht, schreitet nicht ein.
13.) Treffen mit Christoph, der ihm die Geschichte von der Kurtisane und dem Samurai erzählt, der Hundert Tage auf sie warten soll, am neunundneunzigsten Tag aufgibt. Reden über Platons Liebeskonzeption (die zwei Hälfen). Treffen mit Yasemine. Gespräch mit Cleo, M sei nie wirklich kompromissbereit gewesen. Nicht beziehungsfähig. M bleibt alleine über die Feiertage.
14.) A meldet sich doch, hat ihre Mutter gepflegt, diese ist gestorben, will ihn sehen. Er zögert nicht. A mittlerweile in Wilhelmshaven. Will sich von ihrem Ehemann trennen.
15.) Spaziert in der Gegend, wird von einer Möwe aus seiner Trübsinnigkeit gerissen. M zieht zu A, bricht sein Leben in Berlin ab, schließt die Praxis des Vaters. 2015.
16.) Corona-Epidemie, gemeinsames Leben. Nordseehaus. Nach Lockdown lädt M alle Bekannten ein, vierzehn Leute, fragt wieder in die Runde: „Was ist Liebe?“ Alle lachen.
17.) EG: M wartet auf A, als ein Wagen vorfährt, hofft er, aber es ist der Vater, der einen dringenden Termin für seinen Sohn angefragt hat, um diesem Glasaugen einsetzen zu lassen. Die Augen aber besitzen kaum Leben, als er sie einsetzt, etwas mit den Muskeln stimmt nicht, und ihm wird klar, er wird A nicht mehr wiedersehen.
●Kurzfassung: M, Kunstaugen-Einsetzer, lebt alleine, seine Beziehungen sind gescheitert (Cleo, Exfrau, und Yasemine, eine Patientin), eine Frau setzt sich während eines Sommerfestes neben ihn. Er verliebt sich. Sie ist verheiratet. Sie beginnen eine Affäre. Er will mehr. Sie nicht. Am Ende leben sie zusammen an der Nordsee. Sie fährt alleine ins Krankenhaus, plötzlich wird ihm klar, er wird sie nicht mehr wiedersehen.
●Charaktere: (rund/flach) eher oberflächliche, kaum Persönlichkeitsentwicklung, Skizze
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Keglerin, die einen Rekord aufstellt. Die Märchen (Soldat und die Kurtisane, und Zweiäuglein, und auch die Opernaufführung von E.T.A. Hoffmanns Märchen) wirkten gestellt, und tragen nichts bei.
●Besondere Ereignisse/Szenen: ein gewisser Ekelfaktor bei dem Augeneinsetzen
●Diskurs: Covid, Ukraine
… erinnert atmosphärisch an Judith Hermanns „Daheim“, besitzt eine ähnliche Struktur wie Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ und nimmt die Chats und die neuen Medien auf wie Martina Hefters „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ … vom Thema her schließt es zudem an Natascha Wodins „Die späten Tage“ an.
… motivisch stark auf die Augen, auf das Sehen fixiert, was zur Oberflächlichkeit von Max passt, der von seinen Partnerinnen fast gar nichts weiß, und keinerlei kommunikative Nuancen besitzt. Max erscheint wie jemand, der nicht allein sein will und gerne Sex hat, dem aber eher desinteressiert am Innenleben seiner Geliebten bleibt, ein sehr körperlich, mit dem Körper liebender, wenig visueller, wenig intellektueller Mensch. Leider besitzt deshalb die Liebe wenig Dramatik. Der Text schleppt sich, und er nimmt sogar sein Ende vorweg, offenherzig, zudem dekonstruiert er sich selbst, an der Stelle, wo Max meint, Anna hätte sich nach seinem Aufkreuzen bei der Geburtstagsfeier ihres Mannes nie mehr gemeldet, sie hat sich aber gemeldet, sechs Monate später, und dies ist aus der Erzählsituation heraus auch bekannt. Narrativ bietet das Buch sehr wenig. Wirkt eher wie eine Meditation, ein ratlose zudem. Das offene Ende reißt dann dem Buch noch das letzte Fundament weg.
… Meditation über Brechts: „Was sind das für Zeiten, wo. Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.“
… Deutung: Aus den Augen aus dem Sinn, das Auge, die Oberfläche, als Anna zum Krankenhaus fährt, fällt ihm sofort wieder die Philosophieprofessorin ein, und als er plötzlich merkt, dass Anna nicht wiederkommt, fürchtet er nicht um ihre Gesundheit, er sagt nur, er selbst wird Anna nie wiedersehen. Max stellt einen narzisstischen, sehr körperlich liebenden Hedonisten dar. Mehr nicht. Yasemin blieb ihm fremd, Cleo wirft ihm fehlende Kompromissfähigkeit vor. Besitzt keine eigenständige Denkfähigkeit (benötigt seinen Freund Christoph hierfür, der ihm ein Buch von Hegel gibt), und in Trägheit und Tristesse befangen, reißt ihn lediglich der Schrei einer Möwe aus seiner Dumpfheit.
–> 1 Stern

Form:
●Eindruck: minimalistisch, eher als Skizze, viele kurze Wörter, eher Spiel mit dem Nichtsagen, Spiel mit dem Andeuten, eher ans Manieristische grenzend, reduktionistisch, eine gewisse Sprachlosigkeit, Zerfahren, Dissoziation ins Momenthafte, Blitzlichtartige. Ein pointillistischer, impressionistischer Stil, wenig Rhythmik, wenig Konsistenz, wenig getragene Motive und Töne.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch, durch die Stilistierung
●Wortschatz/Wortzahl: unauffällig, aber nicht redundant
●Auffälligkeiten: sehr viele derealisierende Wendungen, „als ob“, wie, als … etc Metaphern, die ins Leere laufen, eher alles diffusionieren, verschnörkeln, ornamentalisieren
●Innovation: keine, der Stil wurde aber durchgezogen, mit angezogener Handbremse über die Liebe nachgeklügelt. Sehr viel „und, und, und“, insofern eher biblischer Stil.
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: personal aus der Sicht von Max erzählt, der sich in der Erzählgegenwart in Präsens erinnert, also spielt das Buch mehrere Stunden nach Annas Wegfahrt ins Krankenhaus bis zum Besuch des Vaters mit seinem blinden Sohn. Dazwischen erinnert er sich. Konsequent durchgezogen.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): der Erzähler selbst tritt nicht in Erscheinung, spricht durch Max hindurch, wirkt durch die hier und räsonierenden Teilabschnitte wie jemand, der sich zu Max herablässt, durch seine Augen zu blicken.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher lakonisch, abgeklärt, desillusioniert
●Einschätzung: diese Form des Stoizismus ist gut durchgezogen, eine Immunisierungsstrategie gegen Risiko, Weltöffnung und Erfahrungswagnis, jedoch bricht der kommentierende Erzähler zu oft in das Gewebe, stört, und hinzukommen tatsächlich temporale Inkonsistenzen, die schwerlich zu verzeihen sind für ein Präsenserzählen
–> 2 Sterne

Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): gibt im Grunde keine Komposition, erinnernde Figur über die Art, wie sie mit ihrem jetzigen Partner zusammengekommen ist, linear, schnurstracks, wenig Ideen, die Märchenkollagen zerstören das Ganze dann zunehmend und wirkt wie ein Zitatpotpourri
●Signal/Noise-Ratio: viel Noise, viel Nebensächliches
●Operative Geschlossenheit: Nicht-Einsam-Sein-Wollen, Flucht in die Nächsten
●Rahmenstabilisierende Details: die Frage „Was ist Liebe?“
●Extradiegetische Abschnitte: keine wirklichen, es wird innerhalb der Story Stories erzählt
●Lose Versatzstücke: Christoph, Yasemin, Cleo unnötig, wirken hinein bugsiert, besitzen keine eigene Dramaturgie, Statisten
●Reliefbildung: kaum … es plätschert vor sich hin, in der Tat geht es dann am Ende um den Tod.
●Einschätzung: völlig zerfahren, kompositionell, zu diskursiv, zu unfokussiert, zu ideenlos, um der Liebesgeschichte irgendein Dreh zu verleihen
–> 0 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: verstörendes Pendeln zwischen Kitsch und Scham, zwischen Langeweile und ein gewisses empathisches Verständnis
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nicht wirklich, sehr zeitgeistig
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja schon, als momentaner Kommentar
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, die Sprache wirkt dissoziativ
●stimmig?(Komposition: ja/nein) als Persönlichkeitsdesintegration
●ein zweites Mal lesen? nein, besitzt aber wenigstens allegorische Potenz
–> 2 Sterne

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J.G. Ballard: „Crash“

Stilistisch-antiklimaktisches Debakel mit interessanten Maschinen-Eros-Ansätzen – leider zerfahren.

Inhalt: 3/5 Sterne (Maschine-Mensch-Eros)
Form: 2/5 Sterne (problematisch-diffus)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (reflektiert-rückblickend)
Komposition: 1/5 Sterne (wirr-pathologisch)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (eintönig zum Ende hin)
–> 12/5 = 2,4 = 2 Sterne

J.G. Ballard erforscht in seiner dystopischen Trilogie Die BetoninselDer Block und Crash die psychopathologischen Auswirkungen einer technisierten, durch und durch verwalteten, rationalisierten Welt auf die Gefühlslage der Stadtmenschen. In Crash lebt ein Werbebranchen-Ehepaar in einer offenen Beziehung nebeneinander her, bis der Ehemann, James Ballard, einen Unfall baut, bei dem ein junger Chemiker ums Leben kommt und dessen Ehefrau, Dr. Helen Remington, überlebt. Nach dem Unfall schauen sie sich direkt gegenseitig ins Angesicht:

Von ihrem diagonalen Sicherheitsgurt festgehalten saß seine Frau hinter ihrem Lenkrad, mich seltsam förmlich anblickend, als sei sie nicht sicher, was uns zusammengeführt hatte. Ihr schönes Gesicht, gekrönt von einer breiten, klugen Stirn, hatte den leeren und teilnahmslosen Ausdruck einer Ikonenmadonna der Frührenaissance, die das Wunder oder den Albtraum, der ihrem Schoß entsprungen ist, nicht zu akzeptieren gewillt ist. Nur einmal durchzitterte es eine Art von Regung, als sie mich zum ersten Mal klar zu sehen schien, und ein eigentümliches Grinsen zerrte an ihrer rechten Gesichtshälfte, als zöge ein Faden am Nerv.

Der Unfall dient als Weckruf, und James ändert sein Leben, und zwar indem er sich einem Unfall-Fetischismus hingibt. Seine Frau Catherine zieht mit, und beide, zusammen mit einem heruntergekommenen Computerexperten namens Robert Vaughn treiben es in diversen Autos, in diversen Konstellationen wild und intensiv, um sich gegen die dröge Beton- und Arbeitswelt einen letzten Rest Wildheit und Freiheit zu erobern. Sie entgrenzen ihr Dasein hin zur Maschine. Sie suchen die Fusion mit einer entfremdeten, kalten Welt, streben eine Cyborgisierung an, die das Werkzeug zum Teil ihrer Libido werden lässt:

Sie streckte eine behandschuhte Hand aus und berührte den Kühlergrill, befühlte einen der zerbrochenen Chromstäbe, wie um der Gegenwart ihres Mannes auf der blutbesprenkelten Lackierung nachzuspüren. Ich hatte noch nie mit dieser müden Frau gesprochen und das Gefühl, ich sollte wohl eine formelle Entschuldigung für den Tod ihres Gatten und für den entsetzlichen Gewaltakt, der uns beide getroffen hatte, zum Ausdruck bringen. Zugleich weckte ihre behandschuhte Hand auf dem verschrammten Chrom ein Gefühl heftiger sexueller Erregung.

Leider gerät der Plot schnell unter die Räder. Alles wird etwas wirr und unübersichtlich abgehandelt, sodass nur die explizit beschriebenen Sexszenen überzeugen, die jedoch transportieren eine abnorme Faszination und Sensualismus hin zur Maschine, was Ballards Crash symbolisch-allegorisch auszeichnet. Das dystopische Leerheitsmoment arbeitet er hierdurch klar heraus, den Thanatostrieb, der sich über die Maschine zu blocken versucht, die synergetischen Energien mit abhebenden Flugzeugen, mit dahin brausenden Autos, mit Stahl, Chrom und Leichtmetallstrukturen und Asphaltengelsklötzen.

Diese anziehende junge Frau mit ihren wohligen sexuellen Träumereien war in den zusammenbrechenden Konturen ihres zerdrückten Sportwagens wiedergeboren worden. Drei Monate später saß sie neben ihrem Physiotherapeuten in einem neuen Invalidenfahrzeug und hielt die verchromten Hebel in ihren starken Fingern, als seien sie Verlängerungen ihrer Klitoris.

Ballard hat keine poetische Idee oder Sprache gefunden, das innerlich Psychische anders als voyeuristisch auszuschlachten. Leider. Der Stoff selbst, das Faszinosum Maschine, die Ausgeliefertheit, der Kontrollverlust im Autounfall, die Übertragung der Aggression der Betonwelt auf die Menschen zu den Menschen untereinander, überzeugt, aber nicht die Form und schon gar das sich schleppende, antiklimaktische Ende, dann lieber Kristallwelt.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Vaughan (V) stirbt bei einem Unfall mit einem Flughafenbus und der Limousine von Elizabeth Taylor. Der Unfall ereignet sich 10 Tage, nachdem V den Wagen des Ich-Erzählers, James Ballard (J), gestohlen hat. Vor zwei Monate hat V bereits einen Unfall unter der Brücke einer Umgehungsstraße mit einem Kleinwagen.
2.) Unfall von J unter der Zufahrt der Western Avenue, mit dem Ehepaar Remington. Der Mann stribt, Dr. Helen Remington (H) überlebt. Sie starren sich über die verbeulten Kühlerhauben an. J wird ins Krankenhaus gebracht.
3.) Er liegt drei Wochen im Bett. Sein Knie wird operiert, sein Unterkörper. Er bekommt Beinschienen. Seine Ehefrau Catherine besucht ihn. Sie haben eine offene Ehe. Als er seinen Einlauf erhält, fühlt er wieder die ersten Anzeichen von Lust.
4.) Bald schon läuft er herum, trifft H, die im selben Krankenhaus untergebracht ist. Sie würdigt ihn keines Blickes. Er sieht auch einen Mann mit einem pockennarbigen Gesicht und nacktem Oberkörper unter dem Kittel. [das ist V]. Er streichelt danach seine Frau, die erregt ist.
5.) Wieder zuhause, will J wieder Autofahren. Er langweilt sich. Seitdem Unfall hat er eine innigere Beziehung zum Auto. Auch bessert sich das eheliche Sexleben. V verfolgt ihn, stellt ihm nach, fotografiert ihn.
6.) J mietet sich einen Wagen. Nach einigen Probieren entscheidet er sich für dasselbe Modell wie bei seinem Unfall, und lässt es sich von einer Prostituierten in einem Parkhaus besorgen. V taucht wieder auf. J schickt die Prostituierte weg. J erkennt V als den ehemaligen Computerexperten, der eine erfolgreiche TV-Karriere gehabt hat, bis sein Gesicht durch einen Motorradunfall entstellt wurde.
7.) J besucht seinen Unfallwagen auf dem Schrottplatz, trifft dort H. Er bringt sie zum Flughafen. Verliert die Kontrolle über den Wagen, H hilft. Er hat einen Orgasmus.
8.) Die Gerichtsverhandlung beschließt Tod durch Unfall ohne Vorsatz. Er fährt H zum Road Research Laboratory, die Autounfälle untersuchen. Sie haben Sex miteinander. Sie treffen sich häufiger, schlafen nur im Auto miteinander.
9.) V beendet das Idyll. H und J treffen ihn auf einem Stockcar-Rennen-Event, wo ein Stuntman namens Seagrave einen Unfall simulieren soll. Seagrave verunglückt. Sie bringen ihn gemeinsam ins Krankenhaus. J und V warten auf H. Beim Pinkeln überkommt J den Reiz, mit V zu schlafen.
10.) Sie bringen Seagrave nach Hause, wo seine Frau Vera und eine von einem Autounfall versehrte Gabrielle und ein Fernsehproduzent warten. Sie rauchen Joints. V stellt sein neues Projekt vor, über Autounfälle, auch Js und Gabrielles Unfall sind dokumentiert. V will über J an die Schauspielerin Elizabeth Taylor herankommen, die in einem Werbespot von J mitwirkt. Seagrave gibt seinen kleinen Sohn die Brust.
11.) V taucht nach einer Pause am Filmset auf. Seagrave mimt Elizabeth Taylor, Double für einen Unfall. Er lädt J ein, zum Road Research Center Laboratory zu fahren. H arbeitet dort, und es gibt eine Vorführung zum Tag der Offenen Tür. Auf der Straße fährt V gefährlich nah auf. C von der Fast-Unfall-Situation erregt.
12.) V wird zunehmend zum Teil von Cs und Js Phantasien. Sie reden über Js homosexuelles Interesse.
13.) H und J haben Sex, aber die Affäre flaut ab. Sie fahren zum Tag der Offenen Tür, wo berühmte Autounfälle nachgestellt werden. Camus, James Dean, Mansfield, Kennedy, und zwar mit Crashtest-Dummies. Szene in Zeitlupe, als die Wagen zusammenkrachen und die Puppen zermalmen. V will immer noch Kontakt zu Elizabeth Taylor. Seagrave mittlerweile gemeingefährlich.
14.) V gibt J einen Stapelfragebögen für die Sendung, die er plant. Sie fahren an eine Bar. V schickt J weg, Wein zu holen.
15.) Als J zurückkehrt, hat V zwei Prostituierte aufgegabelt. Während J fährt, treibt er es auf der Rückbank mit der einen. Der Sex passt sich dem Fahrstil von J an.
16.) V weiterhin auf Jagd nach Elizabeth Taylor, J wiegelt ihn ab. Polizisten fragen nach V. Sie benötigen einen Zeugen.
17.) Auf dem Weg kommen C, J und V an einem großen Unfall vorbei, viele Schaulustige. Als sie weiterfahren, setzt sich C und V auf die Rückbank und haben Sex, während J den Wagen in eine Waschstraße fährt.
18.) Zuhause haben J und C Sex. Am nächsten Morgen kommt V, Seagrave auf Abwegen. J bringt V nach Hause, dann fahren sie los und suchen Seagrave. Sie wiederholen das Spiel mit den Prostituierten.
19.) V, J und Gabrielle besuchen eine Autoausstellung. J und Gabrielle haben Sex.
20.) Seagrave produziert einen Unfall mit Elizabeth Taylor, die aber unverletzt davon kommt. Seagrave stirbt, V verletzt sich, völlig aufgebracht, dass Seagrave als Elizabeth Taylor kostümiert, stirbt.
21.) V und J sehen sich weniger. V nimmt Drogen. Als sie zusammen mit dem Autofahren, verleitet V J LSD beim Autofahren zu nehmen. Sie treiben es miteinander.
22.) J hat Halluzinationen, steigt aus, torkelt zu einem Unfallwagen. V rast los, erwischt J fast.
23.) J bleibt zuhause, erholt sich vom Drogentrip. Cs Auto wird beschädigt. Auf einer Tankstelle treffen sie Vera. Sie berichtet davon, dass V durchgedreht sei. Die Polizei sucht ihn. V aber verfolgt C, will sie zu einem Autounfall verleiten. V stiehlt Js Wagen.
24.) Zehn Tage später stirbt er bei dem Versuch, Elizabeth Taylor durch einen Autounfall zu töten. Auf dem Autofriedhof treffen sie H, die nun mit Gabrielle zusammen ist. J verschmiert seinen Samen auf Autowracks.
●Kurzfassung: James Ballard, der Ich-Erzähler, im Rückblick, erzählt von einem Autounfall, wie dieser Autounfall ihn aufgerüttelt hat, und wie er einen Autounfall-Fetisch entwickelt, den er mit einem Computer-Experten, Robert Vaughn, teilt, mit dem er eine homoerotische Freundschaft beginnt, die darin gipfelt, dass Vaughn Elizabeth Taylor in einem Autounfall verstricken und töten will.
●Charaktere: (rund/flach) polymorph pervers
●Überflüssige Szenen/Charaktere: eigentlich Dr. Helen Remington, die auch plötzlich verschwindet, wie auch Gabriella und Seagraves.
●Besondere Ereignisse/Szenen: der Sexakt zwischen Vaughn und Ballard, der zwischen Catherine und Vaughn in der Autowaschstraße.
●Diskurs: Fortschritt, Technologie, Dialektik der Aufklärung. Das Buch thematisiert vor allem, inwiefern die Naturbeherrschung ins Leere läuft in einer durch und durch rationalisierten Umwelt, und wie in dieser dann die libidinösen Kräfte sich gegen die Menschen untereinander austoben. Also der Wunsch nach Herrschaft, Instrumentalisierung, richtet sich von der Natur auf den Mitmenschen.
… roter Faden, die Entgrenzung des Physischen und Sexuellen auf alles, auf Maschinen, auf Leichen, auf Wunden, auf Schrott, Materie, auf alle Geschlechter, gegen alle Konventionen. Hier die langsame homoerotische Annäherung der beiden Protagonisten, leider bleiben die beruflichen Zusammenhänge, die Figuren, eher unterbelichtet, auch die Frauenfiguren.
… vgl. Thomas Pynchon „V.“ – die Liebe zu dem Auto, die Besessenheit mit der Karre, die Maschinenfrau.
… wirkt am Ende etwas gehetzt und unübersichtlich. Erste Hälfte interessanter und spannungsgeladener, insbesondere die Szene, in der Vaughn mit Catherine im Dabeisein von James schläft. Durch die Thematik interessant, pervers-morbid, nicht wirklich interessant, eher voyeuristisch-intensiv. Durch die Schocker zeitweilig lesbar.
–> 3 Sterne

Form:
●Eindruck: in der ersten Hälfe, gute Passage, die Technisierung des Physischen, das Maschinisieren des Sexus, hier die Großstadt, die Flughäfen, etc … anschaulich in Szene gesetzt, das triste Dasein in der Betonwüste, die Langeweile, dann aber zunehmend unklar, in der Syntax zu wirr, im Sprachmaterial zu eintönig am Ende (eben pornographisch).
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch
●Wortschatz/Wortzahl: eher unauffällig, und viele sprachliche Entgleisungen zum Ende hin
●Auffälligkeiten: kybernische Cyborgisierung der physischen Existenz
●Innovation: diese Form der Maschinenpornographie, leider sprachlich unausgewogen, und daher zieht es sich am Ende, motivisch nicht ausgereift; zu wilde Vergleiche und unplausible Übertragungseffekte. Beispiel: „Unterdessen rollt der Verkehr in stetem Strom die Überführung entlang. Flugzeuge heben von den Startbahnen des Flughafens ab und tragen die Reste von Vaughans Samen zu den Armaturenbrettern und Kühlergrills tausender ineinanderkrachender Autos, zwischen die Beine von Millionen von Passagieren.“
–> 2 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: Ich-Erzähler, im Rückblick, kommentierend, vorgreifend, die Situation klar reflektierend, leider fehlt es dem Erzähler an allegorischer Konsistenz
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): alles drei
●Erzählverhalten, -stil, -weise: lakonisch, todestriebig, entblößend, regressiv
●Einschätzung: die Erzählstimme überzeugt, besitzt aber kein ausgebildetes Reflexionsvermögen, eher passiv-duldend, registrierend.
–> 4 Sterne

Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): größter Schwachpunkt, da eine gewisse Unausgewogenheit am Ende hin sich zeigt, die Verfolgungsjagd mit Vaughn etwas kurz gerät, der Überblick verloren geht, und auch die Fixierung auf Elizabeth Taylor fragwürdig wird.
●Signal/Noise-Ratio: viel Rauschen im deskriptiven Auto-Fetischismus
●Operative Geschlossenheit: Code physische Entgrenzung, Flucht aus der eintönigen Alltagswelt, Perversion als regressive Entsublimierung bei allen Beteiligten.
●Rahmenstabilisierende Details: Vaughn und Elizabeth Taylor, rahmt Anfang und Ende
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: die Figuren Helen, Vera, Gabrielle, Karen, und Renata überflüssig
●Reliefbildung: zum Ende hin stark abflachend und langweilig
●Einschätzung: lebt nur von den Sexszenen im Auto (Catherine-Vaughn, Vaughn-James, Vaughn-Prostituierte).
–> 1 Stern

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: aus kybernetischem Dystopie-Interesse gelesen, teilweise wie bei „Metropolis“ gutes Anschauungsmaterial, Fremdheit, Verliebtheit zur Maschine, zum Maschinenwesen, aber leider fehlt die innere Zentrierung und gerät ins Voyeuristische, psychologisch überhaupt nicht mehr Verfolgbare.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, seltsame Fetisch-Londonwelt
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) nicht wirklich
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) manche Stelle besitzen Technoästhetik
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein
●ein zweites Mal lesen? nein
–> 2 Sterne

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Raymond Queneau: „Zazie in der Metro“

Zazie in der Metro by Raymond Queneau

Nächtliches Paris der 1950er aus den Augen eines Wildfangs: Staatsratio vs. Kunsteros.

Inhalt: 4/5 Sterne (Paris der 50er, etwas wirr)
Form: 5/5 Sterne (innovativ-onomatopoetisch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (unauffällig)
Komposition: 5/5 Sterne (Hoch-und-Subkultur)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (komplex – zu viel Klamauk)
–> 21/5 = 4,2 = 4 Sterne

1959 erschien Zazie in der Metro und wurde einer der wenigen Bestseller von dem OuLiPo-Gründer Raymond Queneau, der bereits vorher mit seinen Sally Mara-Romanen unterhaltende Literatur produzierte, in Zazie in der Metro aber seine avantgardistischen Literaturvorstellungen mit einem Stoff aus der Paris Rotlichtmilieu-Welt fusionieren konnte. Zazies Mutter gibt ihre Tochter an ihren in Paris lebenden Bruder Gabriel ab, um ungestört ein paar Nächte mit ihrem Geliebten zu verbringen. Gabriel nun gibt sich alle Mühe, Zazies Parisaufenthalt interessant zu gestalten, was ihm gelingt, bspw. durch Reden, die er wie Hamlet schwingt:

„Ein Nichts bringt es, ein Nichts belebt es, ein Nichts unterhöhlt es, ein Nichts fegt es hinweg. Wenn das nicht wäre, wer könnte da wohl die Schicksalsschläge ertragen und die Demütigungen einer glanzvollen Karriere, […] die Nervosität der Eltern, die Wut der Lehrer, die Anschnauzereien der Feldwebel, […] das Schweigen der unendlichen Räume, den Geruch des Blumenkohls oder die Passivität der Holzpferdchen, wenn man eben nicht wüßte, daß der schlechte und fruchtbare Lebenswandel einiger winziger Zellen“ (Gebärde) „oder die Bahn einer Kugel, die inr vorgeschrieben wird von einem anonymen Unfreiwilli-gen, den man nicht verantwortlich machen kann, alle diese Sorgen unversehens im Blau des Himmels verdampfen läßt.“

Gabriel tanzt als Schönheitstänzerin in einem Kabarett namens Pfandhaus und gerät ins Visier der Staatsmacht, während er mit Zazie durch Paris kurvt, die sich wiederum eine Jeans wünscht und im Grunde nur Metro fahren will, was leider unmöglich ist, weil die Metro just an diesem Wochenende bestreikt wird. Zazie ist außer sich:

„Nun ja: Es wird gestreikt.“ Die Metro, dieses durch und durch pariserische Transportmittel, ist unter der Erde eingeschlafen, denn die Angestellten mit den durchlöchernden Zangen haben die Arbeit niedergelegt. „Ach, die Drecksäcke“, schreit Zazie, „ach, die Sauhunde. Mir das anzutun.“
„Das tun sie ja nicht nur dir an“, sagt Gabriel völlig objektiv.
„Das ist mir Wurscht. Deshalb bin ich doch die Dumme, wo ich so glücklich war und so froh und alles, mal in der Metro rumzukutschen. Verfluchte Scheiße noch mal.“

Zazies Mundwerk treibt einige weg, andere zur Verzweiflung. Zazie in der Metro fängt ein wildes, dunkles, zwielichtiges Paris ein, das sich um die 1950er gegen die Urbarmachung durch die US-amerikanische Besatzung und Kulturindustrie, aber insbesondere gegen einen Staat widersetzt, der der Libido Einhalt zu gebieten versucht. Hier spielt dann eine abermals korrupte Polizeifigur eine Rolle, die das Ding am Laufen hält. In vielerlei Hinsicht erinnert das Spektakel an G.K. Chestertons Der Mann, der Donnerstag war wie auch an das Paris von James Baldwin in Giovannis Zimmer und besitzt ähnliche Züge zu Ulrich Plenzendorfs Die neuen Leiden des jungen Werther allein schon durch den frechen Ton und die unbedingte Sehnsucht nach den perfekten Blue Jeans. Leider aber stellenweise zu dialoglastig und wirr.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Zazie, 12 Jahre alt, lebt mit ihrer Mutter zusammen, die in Paris ein Wochenende mit ihrem „Scheich“ verbringt und Zazie bei ihrem Onkel Gabriel abliefert.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Am Bahnhof Gare d’Austerlitz wird Z von ihrer Mutter dem Onkel Gabriel (G) übergeben, der sich von Charles‘ (C) Taxi nach Hause fahren lässt. Auf dem Weg streiten sich G und C über die Sehenswürdigkeit. Z enttäuscht, dass Metrofahren wegen des Streiks unmöglich ist.
2.) G wohnt in Turandots (T) Haus, der im Erdgeschoss das Lokal „La Cave“ hat, wo Madeleine (Mado Ptits-pieds) arbeitet. T hat eine Papagei, Lavendure, der immer wieder denselben Satz sagt. G lebt mit seiner Ehefrau Marceline (M) zusammen. Z müde, geht schlafen. G muss zur Arbeit, gibt vor, als Nachtwächter zu arbeiten, vergisst aber seinen Lippenstift [er tanzt in Wahrheit als Transvestit].
3.) Am nächsten Morgen, M und G schlafen noch, büxt Z aus, T versucht sie einzufangen, sie beschuldigt ihn, sie zu belästigen. T flieht.
4.) Z zieht weiter, wird von einem Typen mit Schnurrbart angesprochen, zu einer Cola eingeladen. Sie isst Miesmuscheln. Er kauft ihr auch Jeans. Dann erzählt Z ihr eine seltsame Geschichte über ihre Mutter, wie sie ihren Vater mit einem Beil tötete, nachdem dieser sich an Z vergangen hat.
5.) Z klaut die Jeans, rennt davon, aber der Typ bleibt ihr auf die Fersen, zettelt einen kleinen Auflauf an, wegen Z der Diebin [Spiegelsituation zu der mit T]. Sie gehen gemeinsam zu G, wo der Typ, der sich als Pedro vorstellt, G Vorhaltungen macht, Z zur Prostitution zu verleiten. Es kommt heraus, dass G Schönheitstänzerin ist [Dragqueen].
6.) Z nimmt Jeans und zieht sie sich im Nebenzimmer an. Sie wartet mit M. G wirft den Kerl mit Schnurrbart heraus, der landet im La Cave bei C und T. C und G beschließen, ihre Sightseeingtour durchzuführen.
7.) Gridoux, der Schuster, und Mado schäkern über den Typen mit dem Schnurrbart, rätseln über C, der über Annoncen eine Frau sucht. Der Typ will Schnürsenkel von Gridoux kaufen, behauptet Demenz zu haben, sich an nichts mehr zu erinnern. G und C sausen mit dem Taxi an ihnen vorbei.
8.) Auf dem Eiffelturm überblicken sie Paris. C ist 45, G 32 Jahre alt. Gespräch zwischen C und Z, nachdem G bereits hinabgestiegen ist, eskaliert. C fühlt sich beleidigt und zurückgewiesen, aber auch von Zs Aufsässigkeit genervt. G hält abgewandelten Hamlet-Monolog. Begeistert Touristen. C dampft mit Taxi ab und nimmt Z und G die Mitfahrgelegenheit (und die Metro streikt). Ein Touribus nimmt sie mit, der Fahrer kennt G, Fedor Balanovitch.
9.) Z zwackt G. Sie springen aus dem Bus, treffen eine mannstolle Witwe, die sich in G verguckt, Mouaque. Die Touristen kommen zurück, wollen wieder Gs Unterhaltungskünste genießen, kapern ihn. Die Witwe fühlt sich um G betrogen und ruft Polizei um Hilfe wegen Kidnapping.
10.) Der Polizist hält ein Auto an, und sie verfolgen, Z, die Witwe und der Polizist den Bus. Witwe begeistert vom Polizisten. Fahrer baut Unfall, rammt schließlich den Bus mit den Touristen, in dem auch G sitzt.
11.) Auf Drängen Zs gibt G zu, dass er als Tänzerin sein Geld verdient. Er verspricht, sie mit ins Pfandhaus zu nehmen, samt allen anderen, auf dass sie seine Show sehen. Hierfür müssen das Programm umfrisieren, eine billigere Gaststätte anbieten, um den Eintritt zu finanzieren. Z vertreibt sich derweil die Zeit.
12.) Z trifft auf die Witwe, die mit dem Polizisten angebandelt hat. Sie speisen in einer Spelunke schlimmes Sauerkraut, nachdem die Touristen Billard- und Tischtennis gespielt haben. Z beschwert sich über den Fraß, Dialog mit dem Geschäftsführer.
13.) Bei T, Le Cave, kommen sich C und Mado näher, verloben sich. G ruft an, lädt alle ein, ins Pfandhaus zu kommen. Mado soll M Bescheid sagen, die aber nicht will. Eine leicht intime Szene zwischen M und Mado.
14.) Im Kabarett wird Champagner ausgeschenkt. G hält eine Rede über die Kunst, vermisst M, hat Lampenfieber. Witwe wartet auf Polizisten, der seine Runde dreht.
15.) M allein zuhause. Jemand bricht ein. Es ist der Polizist der Witwe, der M den Hof macht. Stellt sich als Bertin Poirré vor. M entkommt ihn, packt die Koffer und verschwindet.
16.) Show zu Ende. Die Touristen fahren weg. G lädt zum Zwiebelessen im Nyctalopes ein. C und M fahren in die „Flitterwochen“, Witwe und Polizist folgen Z und G, T und Girdoux. Sie treffen auf Polizisten auf dem Rad, sollen sich ausweisen, insbesondere der Polizist. Diskussion, bis eine grüne Minna vorfährt und die drei Möchtegern-Polizisten abführt. Nun, G und Z, T und Lavendure und Girdoux und Witwe alleine unterwegs.
17.) Essen Zwiebelsuppe in der Bar. Girdoux und die Witwe geben sich Ohrfeigen, T tanzt herum, provoziert das Personal. Es kommt zu einer Schlägerei. G verhaut sie alle, bis plötzlich zwei Panzerdivisionen vor der Tür stehen, angeführt vom Polizisten der Witwe, der sich Harun al-Raschid nennt.
18.) Die Nachtwächter erschießen die Witwe. Jemand hilft ihnen durch eine Luke zu entkommen, in die Kanalisation. Sie trennen sich. Der Jemand hat die Koffer von Z dabei (Marceline).
19.) Der Jemand heißt Marcel, bringt Z zum Bahnhof, die eine gute Zeit mit ihrem Scheich gehabt hat. Z bedauert, die Metro nicht gesehen zu haben.
●Kurzfassung: Zazie wird von der Mutter zu ihrem Onkel gebracht. Sie verbringt dort drei Tage, sieht den Eiffelturm, besucht die Innenstadt, erlebt eine Revue und muss dann vor Polizisten in Sicherheit gebracht werden. Kommt sicher wieder zu der Mutter zurück.
●Charaktere: (rund/flach) vieldimensional, wirr, kunterbunt, ein Käfig voller Narren.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, gibt es in dieser Form der Literatur nicht
●Besondere Ereignisse/Szenen: Miesmuscheln essende Zazie, Bier trinkend; Gabriels Hamlet-Monolog und Rede vor der Revue.
●Diskurs: US-Amerikanisierung des französischen Nachkriegsalltags.
… der Plot selbst wirkt teilweise zu zerfahren. Klar: zentrale Figur der Schnurrbarträger, der einerseits zwielichtig (Päderast), andererseits Repräsentant des Gesetzes ist (Polizist), am Ende in der Figur des Harun al Raschid sich verdichtet, Machtmensch, der Staat.
… Roter Faden: die Frage Zazies nach Gabriels Homosexualität; und dann wie die Witwe und Madeline auf der Suche nach einem Mann sind, wie Charles auf der Suche nach einer Frau, die Mutter von Zazie mit ihrem Scheich. Alles dreht sich um den Sex und wie er erlaubt ist: bspw. in der Ehe, wie Charles und Madeleine es sich wünschen; nicht erlaubt: Gabriels Homosexualität, die versteckt werden muss, Promiskuität der Witwe, die erschossen werden muss.
… Struktur des Textes: der lebendige zwielichtige Untergrund von Paris gegen die aufstrebende Kontrolle durch den Staat, die Spelunken, Untergründe, Winkel, in denen sich das Leben abspielt. Zazie erlebt die Welt der Erwachsenen als völlig verrückt. Sie erlebt aber die Welt nur aus der Sicht der Lebenskünstler, Gelegenheitsarbeiter (Taxifahrer, Kellner, Tänzer). Mit anderen Worte: der Code lautet Staat und Sexualität, und hier stellt der Polizist Gabriel nach, der eine alternative Lebensführung praktiziert, d.h. die Legalität seines Seins steht in Frage und bestraft die Promiskuität der Witwe (die wird erschossen).
… Bezug auf Albertine von Proust, angelehnt an Alfred, seinen Fahrer, Feminisierung von Albert, wie hier, wie aus Gabriels Frau Marceline ein Marcel wird.
… als Zirkus- und Abenteuerplot durchaus unterhaltend, auch durch die freche Zazie. Eine Hommage an die Anarchie des Nachkriegsfrankreichs, eines Henry Millers, bspw. auch verwandt mit der Atmosphäre aus „Giovannis Zimmer“, in welchem die Härte des Milieus reflektiert wird. Bei Queneau handelt es sich um eine Staat gegen sexuelle, artistische Freiheit, gegen die Amerikanisierung, der Vereinnahmung des „zwielichtigen Paris“. Ein dichtes Nachkriegsporträt dieser Seite von Paris, leider teilweise etwas wirr.
–> 4 Sterne

Form:
●Eindruck: witzige, innovative Schreibweise, Neologismen, Alltagssprache und Gaunersprache, durchgemischte Sprachwelten, mit Anglizismen (because = bikoos etc…) die Vergaunersprachlichung der US-amerikanischen Massenkultur (Cacocalo, Bludschiens), aber auch Verballhornung des Französischen Sänktschermänggdeprä (St. Germain-de-Près).
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität
●Wortschatz/Wortzahl: innovativ, verspielt, intensiv, lautmalerisch
●Auffälligkeiten: starke Kontrast zur Alltagssprache, Kunstsprache
●Innovation: hoch, aber eher im Wortmaterial, als in der Syntax, das Schreiben eher wie im Trivialroman, die Sprache jedoch avantgardistisch
–> 5 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: Eher inszenierend, hinter den Kulissen die Strippen ziehend, eher wild, eine Art Schelmenroman, also auktorial angelegt, ohne wirkliche Reflexion, keine wirkliche Einschränkung. Das Allwissende passt aber, um wenigstens den letzten Rest Übersicht zu behalten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts davon, aus dem Off erzählt
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher kommentierend, lakonisch.
●Einschätzung: literarisch gesehen erlaubt die Erzählweise Immersion, eher an einen Dreigroschenroman angelehnt, von der Erzählweise her, also ein Verknüpfen von (erzählerischer) Trivialliteratur mit formaler Kunstliteratur. Hier passt dann das auf den Effekt hin Erzählen, das ein allwissender Erzähler besitzt, der in seiner Erzählung verschwindet, dennoch wenig rausgeholt.
–> 3 Sterne

Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Komposition erscheint als Idee sehr gelungen, da es formalästhetisch sich widerspiegelt in seiner eigenen Inhalt-Form-Dialektik. Thematisch das Changieren der Pariser Zwischenwelt, also hier Konflikt Legalität-Ilegalität, und dieses angesehen-unangesehen nimmt die Erzählweise auf, die an Trivialliteratur erinnert, die Zwischenwelt repräsentierend, aber sprachlich auf eine Weise, die an Kunstliteratur gemahnt. Die Fusion bringt den Konflikt auch ästhetisch zum Inhalt, und ergibt eine Runde Sache.
●Signal/Noise-Ratio: im Grunde nur Noise
●Operative Geschlossenheit: das Erlaubt-Nicht Erlaubt, der Code, was der Staat will, wo er eingreift, was er bestraft, und wie in den toten Winkeln des Staates das Leben im Kontrast blüht
●Rahmenstabilisierende Details: der Papagie und sein Satz, dass Turandot nur quasselt; und Zazies Frage nach Gabriels Homosexualität.
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: hoher Rasanz in der Szenerie, Spektakel, Schlägereien, Verfolgungsjagden, Autounfälle … etc …
●Einschätzung: gelungene Form-Inhalt-Dialektik.
–> 5 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: hat mich eher enttäuscht im Humor, nicht in der Atmosphäre, dieses Wilde, Zazie aber mehr Beobachterin als Akteurin, auch das überraschend, als Sprachkunstwerk hatte ich es auch intensiver in Erinnerung, nicht so dialoglastig, dennoch in seiner Kunstform überzeugend und interessant, vielschichtig, dennoch ein paar schleppende, etwas nicht zielführende Passage, die mich dann wegen der teilweise monotonen Dialoge eher vom Lesespaß abgebracht haben (müde).
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, sehr
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, als Schelmenstück
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) fast, dann doch zu dialoglastig
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, sehr stimmig
●ein zweites Mal lesen? wahrscheinlich (aber schon das zweite Mal gelesen)
–> 4 Sterne

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Georg Lukács: „Die Eigenart des Ästhetischen“

Die Eigenart des Äesthetischen I by György Lukács

Defetischisierungsmission der Kunst aus Magie und Animismus zur Gattungsgemäßheit

Lukács eigentliches Hauptwerk Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins blieb noch mehr Fragment als sein faktisches Hauptwerk Die Eigenart des Ästhetischen, die in zwei Bänden vorliegt, mindestens aber drei weitere Bände haben sollte. Die ursprüngliche Ausgabe unterscheidet sich deutlich in Länge und Umfang von der vierbändigen Taschenbuch-Ausgabe Ästhetik in vier Teilen aus dem Luchterhand Verlag. Der erste Band von Die Eigenart des Ästhetischen umfasst 800 engbedruckte Seiten, auf denen Lukacs minutiös seinen Kunstbegriff entwickelt:

Das determinierende Prinzip ist der Inhalt. Die künstlerische Form entsteht als das Mittel, einen gesellschaftlich notwendigen Inhalt so auszudrücken, daß eine, ebenfalls ein gesellschaftliches Bedürfnis bildende, konkrete und allgemeine evokative Wirkung entstehe.

Lukács wendet sich hier direkt gegen spätbürgerliche Zerfallsform-Ästhetik wie die von Theodor W. Adorno, die die Kunst in einen Naturschutzpark der Negativität verbannt, wie gegen das frühbürgerliche freie Spiel der Einbildungskräfte eines Immanuel Kants, und auch gegen die revisionistische Haltung von der Kunst als Vorform einer Erkenntnis eines Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Lukács radikalisiert, wie dem Zitat zu entnehmen ist, die Determination von außen für die Kunst: Sie hat auf ein allgemein menschliches Bedürfnis zur Entwicklung, Erhöhung und Erhebung aus dem Alltag der Entfremdung zu antworten und mit der Wissenschaft zusammen notwendig und effizient zur Menschheitsbefreiung beizutragen:

Gerade weil hier die Übereinstimmung in der richtigen Widerspiegelung der Wirklichkeit zwischen Kunst und Wissenschaft in einer so klaren Form hervortritt […] ergibt sich hier ein Paradigma für das »getrennt marschieren, vereint sich schlagen« von Kunst und Wissenschaft […].

Lukács erscheint als der konsequente Denkers der engagierten Literatur, wendet sich gleichfalls gegen Dekadenz/Akademismus/Avantgarde wie gegen die Tendenzkunst eines sozialistischen Realismus. Seine Schrift, auf eine Faustformel gebracht, lässt sich verstehen als Rechtfertigungslehre für die Existenz der Kunst in einer Gesellschaft, die sich über die Notwendigkeit der materialistisch-ökonomischen Reproduktionsbedingung, die Arbeit, bewusst geworden ist. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Kunst wenig unterstützungswürdig, die nicht direkt „helfend“ dem Alltagsmenschen und seinen Alltagsbedürfnissen entspricht. Lukács befragt aber nicht empirisch diese Bedürfnisstruktur. Er setzt sie, nämlich als Bedürfnis nach Ganzheit und Einheit, und verwendet hierfür seine Formel: aus dem ganzen Menschen soll der Mensch ganz werden, d.h. die Welt soll seine Welt werden:

Es gehört jedoch – mit der Entfaltung der Kultur in steigendem Maße – zum Besitzergreifen der Welt durch den Menschen, daß er die faktisch und praktisch beherrschte Außenwelt auch zu sich selbst in Beziehung bringe, daß er mit dieser Eroberung auch eine Heimat erwerbe. Dieses Bedürfnis ist ebenso elementar, wie jenes, das zur selbständigen Ausbildung der Wissenschaften geführt hat.

Lukács konstruiert hier ein Bedürfnis, das er aus der notwendig gewordenen Arbeitsteilung und Naturbeherrschung ableitet. Die Entfremdung in einer industriellen Gesellschaft muss über eine Kompensationsstruktur behoben werden, und für diese entwickelt sich die Kunst aus der Magie, dem Animismus und der Religion heraus als anthropomorphistische Widerspiegelungsstrategie. Dass die Kunst hierbei selbst einer Entfremdung zum Opfer fallen kann, erkennt Lukács, weshalb er die Kunst auf einen objektiv die Wirklichkeit widerspiegelnden Realismus festlegt.

Hiermit gerät dennoch in krassem Widerspruch zum sozialistischen Realismus, der den Alltagsmenschen eben nicht als Mängelwesen begreift, und auch zum bürgerlichen Avantgardismus, der in der Phantasie und Freiheit der Einbildungskräfte das Charakteristikum der Kunst sieht. Lukács sitzt zwischen allen Stühlen, denn er stellt unangenehme Fragen und hält noch unangenehmere Antworten bereit. Leider verfällt er trotz ewiger Beteuerung stets in einen ziemlich haarsträubenden Begriffsdualismus, den er dann assertorisch unbefriedigend und auch oft polemisch löst.

Vielleicht beleuchtet Band 2 eine ganz andere Seite.

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Details (zur Erinnerung für mich):
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Begriffe:
– Desanthropomorphismus (von Außen nach Innen – Reflexion – Wissenschaft) vs. Anthropomorphismus (von Innen nach Außen – Projektion – Kunst/Religion)
– „der ganze Mensch“ (historische Totalität) vs. „der Mensch ganz“ (dynamische Objektivation)
– Sprache als Medium, Reiz und Reaktion des Alltags zu transzendieren, Sublimierung
– Religion (jenseits) vs. Kunst (diesseits). Kunst säkularisierte Religion und Magie, ohne Realitätsbehauptung.
– Homogenisierung vs. Heterogenität
– Rhythmus/Symmetrie/Proportion grundlegend für Wissenschaft und Kunst, aus der Arbeit resultierend (Stampf- und Schlagmaße, Stabilität, Zweckmäßigkeit).
– Evokation. Künstler als Sprachrohr der Menschheit. Aber gegen Rhetorik und platte Propaganda, die Form als Harmonie, die Organizität überzeugt.
– „tief“ (lebendige Widerspiegelung des gesell. Konkreten) vs. „dekorativ“ (Herausreißen aus einbettendem Rahmen).
– Suspension vs. Ekstase, und die Verallgemeinerung des Katharsis-Begriff von Aristoteles auf die gesamte Kunst. Kunst läutert die Entfremdung.
– Intention und Komposition zentrale Begriffe für die Analyse. Das Leiten der Evokation und vom Ende her konzipiert. Kunstwerke können nur durch einen sozialen Auftrag von außen entstehen.
– Durchbrechung der Naturschranke. Weltaneignung durch Schmückung. Diskussion: Lokalfarben. Farbenlehre. Horizonterweiterung.
– Ästhetische Widerspiegelung gegen Illusion/Einfühlung
– Kunst bindet den Menschen in die Allgemeinheit der Weltverfassung zurück: Ent-Fremdung – Defetischisierungsmission
– Akzidenz und Subsistenz in der Inhärenz im homogenen Medium
– Reculer pour mieux sauter
– Form-Inhalt-Dialektik bei Lukacs eher Inhaltismus.
– Wissenschaftlicher Monismus, künstlerischer Pluralismus (keine übergeordnete Idee).
– Gegen Trennung von Raum- und Zeitkunst
– Vermittlung von Zufall und Notwendigkeit
– Goethe’sche „Kern oder Schale“ – der Kern des Menschen, der schale Mensch, der hohle Mensch im Sinne des Heidegger‘schen „man“. Kunst bricht soziale Isolation/Solipsismus auf
Wichtige Werke für Lukacs:
Johann Wolfgang Goethes „Wilhelm Meister“
Maxim Gorkis „Die Mutter“
Honoré de Balzacs „Die menschliche Komödie“
William Shakespeare „Lear“, „Hamlet“
Miguel de Cervantes „Don Quijote“
Thomas Manns „Der Zauberberg“
Lew Tolstois: „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“
Gottfried Keller „Der grüne Heinrich“
Charles Dickens „Eine Geschichte aus zwei Städten“
Maler: Michelangelo, da Vinci, Raffael, Breughel, Rembrandt …
Musik: Bach, Mozart, Beethoven …
Stichworte:
– Autoritätshörigkeit. Argument entlang Zitaten von Hegel, Marx, Lenin, Engels und Goethe. Paradigma für Wissenschaft: Marx. Paradigma für Kunst: Thomas Mann.
– Strikte Trennung von Mensch und Tier, Auszeichnung des Menschen; der Mensch als nächste Evolutionsform, als veredeltes Tier – die Sprache als Ebene, die das tierische Fixieren verhindert, über das bedingt Reagieren hinausführt – Signalsystem 2.
– L. zieht nicht in Betracht, dass Alltag, Magie, die Wissenschaft und Kunst eher Immunisierungsgeseten gegen die Entdeckungen der Arbeit, Forschung und Praxis darstellen, bspw. werden Zahlen für den Tausch eingeführt, wird ein Aberglauben auf Zahlen basierend entwickelt. Es werden Märchen übers Unendliche erzählt etc … Märchen über die Physik, die nichts mit der Forschung zu tun haben. L. nennt das Magisieren und Mystifizieren, aber dies sind viel weitreichendere Begriffe, als er es anerkennen möchte, und die auch das „Wissenschaftliche“ von Marx betreffen.
– Alles Sinnvolle wurzelt in letzter Instanz in etwas für den Alltag Nützlichem.
– Seltsamer entgrenzt er den Begriff Arbeit (auch geistige „Arbeit“ für ihn möglich) und auch den der Wissenschaft (da er die experimentelle Forschung und das begriffliche Ordnen in Schemata gleichsetzt – hier dasselbe Spiel, das Wertvolle nicht im Empirischen, nicht im Tätigen, sondern im Reflektieren – Newton steht über Kepler und Brahe … ). Eigenartigerweise dafür einen äußerst engen Kunstbegriff.
– Objektivationen für Lukacs Realitäten, d.h. aber auch Begriffe. Sie werden in der Realität gefunden, als Zusammenhangsobjektivationen, die die realen Zusammenhänge widerspiegeln.
– Widerspiegelungstheorie besitzt keinen verdinglichenden Charakter bei Lukacs. Die Wirklichkeit befindet sich in Bewegung. Was er aber zu vereinheitlichen sucht, ist der Pragmatismus – d.h. die Wirkung, das Gelingen in der Realität, das er aus der Visualisierung selbst herleiten möchte, aus Gehör und Gesicht, d.h. er scheut die Empirie und das Ungewisse, er scheut das Selbständige und Widerständige an der Wirklichkeit. Seine Widerspiegelungstheorie lässt sich als verdinglichende Leitsatzstruktur begreifen.
– Zentrales Thema: Arbeitsteilung der Sinne, und Übergehen der Aufgaben der Sinne aufs Gehör und Gesicht. Auch hier: Erhöhung, Veredeln des Tierischen zum Menschlichen vom Geschmack, Geruch, Gefühl zu Gehör und Gesicht.
– Zentrale Methodik: Der Mensch als Schlüssel zur Anatomie des Affen, als nachträgliche Konstruktion – theoretischer Revanchismus, oder Panazee.
– Kunst ein Prozess der Menschwerdung des Affen – Spur der Entwicklung, der Arbeit an sich selbst. Wissenschaft unhistorisch (Gesetze gelten), Kunst historisch.
– Das verbindende Moment gründet sich in den Produktionsverhältnissen, die alle auf dieselbe Art und Weise formen und prägen.
– Gegen die Annahme, dass Kunst aus dem Spiel hervorgeht. Nur die Arbeit zählt.
– Magie: Vorstellung, dass durch Nachahmung die Wirklichkeit beeinflusst werden kann. Kunstwerke wie magische Rituale wollen überzeugen: Evokation.
– Abgrenzung zu Hegel? – Kunst eine eigene Form der Erkenntnis, nicht überlebt, nicht überflüssig durch Philosophie, kein Ende der Kunst.
– Kunst als wertvolles Werkzeug zur Befreiung des Menschen: „[…] »getrennt marschieren, vereint sich schlagen« von Kunst und Wissenschaft“.
– Notwendige Arbeitsteilung und so Entfremdung durch die Arbeit und Naturbeherrschung, hieraus Auftrag der Kunst, wieder zu vereinen, zu harmonisieren.
– Das Gelingen eines Kunstwerks hängt vom sozialen Auftrag ab, der Determination von außen.
– Ästhetische Subjektivität arbeitet an der Ausbildung eines Gattungsbewusstseins.


Gabriella Zalapi: „Ilaria“

Lebendig-impressionistische Reise zum ersten, obzwar zahmen Nein.

Inhalt: 4/5 Sterne (Italien-Roadtrip)
Form: 4/5 Sterne (poetisch-visuell)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (rückblickendes Ich)
Komposition: 3/5 Sterne (szenische Montage)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (lebendiges Erzählen)
–> 19/5 = 3,8 = 4 Sterne

Ilaria heißt der dritte Roman von Gabrielle Zalapi und versetzt sein Publikum in das Bewusstsein des neunjährigen Mädchen Ilaria, das von seinem Vater entführt und auf einen zwei Jahre langen Roadtrip durch Italien mitgenommen wird. Glücklicherweise fokussiert sich der Roman nur auf das problematische Wechselspiel zwischen Vertrauen und Familie, zwischen Nähe und Fremdheit statt einen dämonischen Vater zu inszenieren, der brutal die Psyche seines Kindes in Mitleidenschaft zieht. Von Anfang an, im Ton und in der Art der Präsentation wird klar, dass Ilaria verstört, aber nicht zerstört aus diesem Ereignis hervorgehen wird:

Niemand spricht über das, was passiert ist. Niemand fragt mich etwas, ich frage auch nichts. Das Wort »Papa« liegt unter unseren Füßen. Ein Glassplitter. Vermeiden. Übermorgen beginnt die Schule. […] Papa wird sich in ein Zimmer in meinem Kopf verwandeln. Dort werde ich meine Erinnerungen verstauen. Vielleicht wird er auch ein Punkt. Oder viele Punkte, wie auf der Tapete in meinem Zimmer.

Ganz wie Zazie in Raymond Queneaus Zazie in der Metro lebt der Roman durch die feste, verdichtete Innensicht des Mädchen, die sich, ohne sich zu reflektieren, schützt und in ihrer Visualität die Welt leuchtend wahrnimmt und sich nicht zerstören lässt. In diesem flottierenden Impressionismus erzeugt sie eine ähnliche Stimmung von Invulnerabilität wie Fleur Jaeggy in Proleterka, die fast ein identisches Szenario, eine kongruente Figurenkonstellation zeichnet (Schweiz/Italien, Großmutter/Klavier, Vater/Reise). Ilaria selbst erlebt die Welt auf abenteuerliche Weise:

Endlich sind wir da. Eine lange Auffahrt und ein Steinbogen. Ich lese den Namen des Hauses auf einer Marmortafel. La Ninfa. Die Nymphe. Großmama hält mitten auf dem Hof. Eine große Frau kommt auf uns zu. Isabella hat ein weites weißes Kleid und Sandalen an. Lächeln, Knicks, Großmama sieht zufrieden aus, Küsschen, und schon sitzt sie wieder in ihrer alten Kiste. Großmama fährt davon, winkt noch aus dem Autofenster. Sonnenlicht blitzt auf ihrem großen roten Ring. Ciao ciao!

Manko des Romans, wie so oft, bleibt die Kürze. Die Problematik des Erzählens taucht gar nicht auf, da die Länge wie bei Katerina Poladjan oder Fleur Jaeggy bestimmte Fragen gar nicht erst zulässt. Alles befindet sich noch in einem szenarischen Entwicklungsstadium. Der lange Atem kommt nicht zustande. Er findet einfach nicht statt. Die Figur beginnt zu leben, reicht über die letzten Seiten hinaus, verstummt aber offenkundig nur unfreiwillig. Dieses über den Rand hinaus Strahlen mag ein Qualitätsmerkmal sein, aber eben auch ein sehr einfacher Ausweg die Komplexität einer Figur zu erhalten. Ilaria lebt, aber wir wissen nichts mehr von ihr und davon wie.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ilaria, zu Beginn der Erzählung acht Jahre alt, in Genf, 1980. Eltern getrennt, Vater Fulvio lebt in Turin, hat eine Schwester Ana. Ihre Mutter, Antonia, will die Scheidung von Ilarias Vater. F entführt I für zwei Jahre.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
-Ilaria (I) unbeschwert, baumelt von einer Stange ins Leere. Ihr großes Vorbild die Turnerin Nadia Camaneci. Ihr Vater holt sie ab und bringt sie in ein Restaurant namens Chez Léon, wo sie sich mit ihrer Mutter und ihrer Schwester treffen wollen. Auf dem Weg telefoniert der Vater F mit der Mutter. Die Plane ändern sich. F gibt vor, dass er sich um I über das Wochenende kümmern soll. Sie fahren nach Turin.
– F bringt I nach Turin, in seine Wohnung. Nach ein paar Tagen, und einem Telefonat brechen sie abrupt auf, zum Meer. I hört Autoradio, 19. Juli. Sie fahren umher. Sie fahren Richtung Florenz. 23. Juli 1980. Sie kaufen Klamotten. Er kauft ihr einen Teddybären, den sie Birillo nennt. F gibt zu, dass er polizeilich gesucht wird. Sie entschließen sich nach Neapel zu fahren.
-Sie machen zehn Tage Ferien, am Strand. Sie hören Jazz auf ihren Nachtfahrten. Sie fahren weiter durch die Gegend. Sie beginnen sich Geld zu ergaunern, indem sie vorgeben, in Fundbüros, ihre Habseligkeiten zu suchen, unter falschen Namen. Danach verhökern sie die Beute bei Pfandleihern. Sie beschließen Giuseppe und Loredana in der Nähe von Rom zu besuchen, Freunde des Vaters.
-Dort lernt sie Maria und Lucia kennen, fröhliche Tage. Es ist Weihnachten. Über Fs Mutter, Is Großmutter, bekommt sie ein Geschenk von ihrer Mutter, in welchem eine Telefonnummer versteckt ist. Sie ruft ihre Mutter an, erreicht sie nicht. F bekommt Wind, vertraut I nicht mehr. Er bringt sie ins Internat.
-14. Januar, Anas Geburtstag. I wird im Internat einquartiert. Wird von Suor Maria betreut, hat eine Freundin namens Claudia. Als F nicht zu ihrem Geburtstag erscheint, fährt Suor Siliana mit ihr zum Luna Park. Sie verbringt einen schönen Tag. Eines Nachts büchst sie aus, versucht ihre Mutter per Telefon zu erreichen, übernachtet in der Telefonkabine, wird gefunden, aber von der Internatsleitung ausgewiesen.
-5. Mai 1981. Sie fahren Richtung Süden, nach Scilla. Fahren weiter nach Palermo, haben einen Unfall. I fliegt durchs Fenster. Ihr Ohr muss genäht werden. Sie quartieren sich bei Fs Mutter ein. Dort kümmert sich ihr Faktotum, Vito, um I. Donna L. ist extrovertiert, extravagant, Witwe, Anwaltsgattin, die selbst nun erfolgreich ist. Entsetzt wie I Obst isst. Donna L beschließt, I zu einer Freundin zu bringen, Isabella, die auf dem Land lebt.
-Bei Isabella lernt sie das Hausmädchen Paola kennen. Isabella lebt allein. Eine Bäurin namens Nini, und ihr Mann Corrada, bestellen Isabellas Felder. Dort arbeitet und hilft I mit. Isabella bringt I das Einmaleins bei. Weinlese beginnt, dann das Stampfen der Weintrauben, das die Kinder vollführen. Eines Tages holt F sie wieder ab.
-F trinkt, hat einen Job, ärgert sich. I wird krank, zieht sich in sich zurück. F versucht sie aufzuheitern, will ihr Dinge kaufen. Sie fahren los und werden von der Polizei erwischt. Die Mutter hat nach ihr fahnden lassen. Sie soll sich entscheiden, bei wem sie bleiben will. I kann nicht. F rät ihr, zu ihrer Mutter zu gehen. Sie fliegen zurück nach Genf.
-Sie fühlt sich entfremdet. Niemand spricht mit ihr, was passiert ist. Ana ist älter geworden.
●Kurzfassung: Impressionistische Erzählung aus der Sicht einer neunjährigen, die von ihrem Vater entführt wird, um die Mutter von einer Scheidung abzubringen. Am Ende wird er erwischt, und die Tochter zieht zurück zur Mutter.
●Charaktere: (rund/flach) sehr impressionistisch, aber vielschichtig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, sehr straff, sehr verdichtet.
●Besondere Ereignisse/Szenen: das Weinstampfen, die Fröhlichkeit in Sizilien.
●Diskurs: keine Diskurs, eher eine autobiographische Studie.
… Titel heißt eigentlich vollständig: „Ilaria ou la conquête de la désobéissance“ … keine Ahnung, warum das im Deutschen ausgelassen wurde.
… erinnert mich an Zazie von Raymond Queneau; die kleine Zazie, zehn Jahre, irrt während eines Streiks durch das Paris der 1950er.
… spannend durch die rhapsodische, schnelle Szenerien, Figuren, Blitzlichter; spannend auch, wie der Vater zu entkommen sucht, auch intensivierende Durchmischung durch die Zeitgeschichte, durch Revolten, Streiks, politische Radikalisierungen. Aus den Augen des Kindes wirkt das Italien wild, ein roter Faden stellt der Vertrauen herstellende Teddybär.
… der eigentliche Plot aber besteht darin, wie sie sich langsam zu wehren beginnt, wie sie ihre Mutter im Hotel anruft, wie sie aus dem Internat ausbüchst, wie sie aufblüht bei Isabella, und danach sich zurückzieht, bis der Vater sie im Grunde, bevor sie zu krank wird, wieder freigeben muss. Passiver und aktiver Widerstand.
–> 4 Sterne

Form:
●Eindruck: sehr poetisch, kondensiert, ins Detail hineingearbeitet, impressionistische Sprache, sehr visuell, teilweise sehr schnell, blitzlichtartig, stroboskopisch, gelungen durch die Mädchenwahrnehmungsweise einer Neunjährigen.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalität durch die Sprache, die Schnitte.
●Wortschatz/Wortzahl: lebendig, abwechslungsreich, nicht eintönig
●Auffälligkeiten: kurze Sätze, sehr filmisch, aber avantgardistisch
●Innovation: erinnert an nouveau roman, unausgezählt, angedeutet, viel Raum für Impressionen, Antizipationen
–> 4 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: Erzähl-Ich erzählt personal, nur ganz selten spricht es aus seiner Erzählgegenwart heraus, wie in: „Das ist, als würde er mir sein Zeichen in die Wange kneifen. Er wird es zwei Jahre lang machen und am Ende werde ich es hassen. Freust du dich?“
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch, Aufgehen in die kindliche Immersion der Erfahrung.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: sehr lakonisch, souverän, sehr rational.
●Einschätzung: durch die Erzählsituation nachvollziehbar und als literarische Immunisierungsgeste überzeugend, obgleich die Erzählinstanz sich das Leben sehr leicht macht durch die Auslassung, durch das Arrangement
–> 4 Sterne

Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Abwechslung gegeben, als Situation läuft sich die Reise etwas tot, dann kommt das Bleiben bei Freunden, dann das Internat, dann die Großmutter, die Freundin der Großmutter, und die Rückkehr zu Mutter, beschleunigt, aber in diesem rasenden Tempo nachvollziehbar, genau richtige Länge, da das Thema nicht mehr Introspektion hergibt, auch eher durch das Flottierende überzeugt, nicht durch Eindringlichkeit, eher durch Oberflächliches, durch das Gleiten entlang der Oberfläche des Lebens, um das zu schützen, was sich darunter verbirgt.
●Signal/Noise-Ratio: kein Noise, extrem lyrisch verdichtet.
●Operative Geschlossenheit: der Code heißt hier allein-nicht allein, immer wieder als Abwechslung, allein auf der Schaukel, nicht allein im Auto, allein im Internat, nicht allein beim Vater, allein beim Vater, nicht allein bei den Freunden etc ..
●Rahmenstabilisierende Details: Teddybär Birillo
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: Szeneriewechsel, Sommer, Italien, Meer, Palermo, Unfall.
●Einschätzung: sehr überzeugend in seiner Verdichtung, aber eben kurz, und daher kompositorisch nicht vollends überzeugend, d.h. der wahren Problematik wurde ausgewichen, eben durch die Länge.
–> 3 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: durch die Sprache sehr zugängliche Welt von Ilaria, das langsame Erwachen, der Widerstand, der langsame Mut; das bewusstseinsmäßige Erwachen findet nicht statt, aber eine Form von körperlich sich intensivierende Waghalsigkeit.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, als Erfahrungshorizont
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, durch die Perspektive
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) beinahe, poetisch-impressionistisch
●stimmig?(Komposition: ja/nein) stimmig in der Kürze
●ein zweites Mal lesen? vielleicht
… das Buch hätte nicht länger sein dürfen, da es tatsächlich bereits kurz vor Sizilien Längen besessen hat, also Fragen, wie das eigentlich passieren kann, außerdem wirkt die Großmutter und die Freunde, auch das Internat seltsam, dass diese nicht die Mutter verständigen. In der Zeit aber, 1980, mahlen die Mühlen langsam. Daher passt es.
–> 4 Sterne

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Christian Huber: „Solange ein Streichholz brennt“

Solange ein Streichholz brennt by Christian Huber

Die Schöne und das Biest – eigenartig aus dem Ruder gelaufene, überzeugend geschriebene Melodramschmonzette.

Inhalt: 1/5 Sterne (Journalistin verliebt sich in Obdachlosen)
Form: 3/5 Sterne (professionell)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (neutral-unreflektiert)
Komposition: 4/5 Sterne (gegenseitige Sorge als Code)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (reißerisch)
–> 12/5 = 2,4 = 2 Sterne

Solange ein Streichholz brennt adaptiert die Geschichte von die Schöne und das Biest, wie sie bspw. Angela Carter in Die blutige Kammer, übersetzt von Maren Kames, in der Geschichte „Die Tigerbraut“ verarbeitet hat, wie sie aber schon mehrere Tausende Jahre in der Kulturgeschichte herumwabert, am bekanntesten als Märchen von Gabrielle-Suzanne de Villeneuve (1740). Bei Huber übernimmt eine türkisch-stämmige Journalistin namens Alina Alev die Rolle der Schönen und Daniel Bohm, ein Obdachloser in Köln, die des Biestes:

Ihre Augen waren bernsteinfarben mit tiefschwarzen Pupillen. Ein Sonnensturm. In diesem Moment drehte der Wind und drückte ihm in den Rücken. Alina Alev, die eben noch nah an dem Handtuch gestanden hatte, wich etwas zurück, und Bohm sah, wie sie für einen Sekundenbruchteil die Mundwinkel verzog. Sofort lächelte sie wieder. Bohm schluckte. Ihm war bewusst, dass er stank. Einen Wimpernschlag lang fühlte er Scham, dann etwas anderes, Unbenennbares, bevor der Trotz in ihm aufstieg und seinen Verstand klärte.

Alina muss ihre Karriere als Journalistin retten und entschließt sich unter dem Motto „wie ein Leben entgleitet“, den Alltag eines Obdachlosen zu dokumentieren. Ihre Wahl fällt auf Bohm, der sich friedlich, trunk- und rauschgiftsüchtig, auf der Straße herumschlägt, ohne weiter auffallen zu wollen. Durch eine Notsituation muss er das Angebot, sich Tausend Euro zu verdienen, annehmen, und hieraus entwickelt sich nun die Liebesgeschichte zwischen den beiden, sodass der ursprüngliche Plot, Alinas Plan ihre Journalismus-Karriere zu retten, ins Abseits gerät.

Wieder und wieder sah sie sich in Zeitlupe an, wie der Obdachlose ihr sein Ticket vor die Füße fallen ließ und dann davonrannte. Bevor er aufgesprungen war, hatte er zu ihr geblickt. Alina sah diesen Blick. Die Wärme darin. Und irgendetwas machte es mit ihr, dass sie sich diese Szene in Dauerschleife ansah. Da war jetzt etwas in ihrem Inneren, in ihrem Brustkorb, leicht links versetzt. Winzig. Ein winziges Korn. Ein Gefühl, das sie nicht einordnen konnte. Nur eines wusste sie: Angst war es nicht.

Professionell geschrieben, am Anfang auch wohlkomponiert, in Details und symbolischer Kodierung überzeugend, entgleitet Solange ein Streichholz brennt zunehmend. Dies liegt vor allem daran, dass die Psychologie der Figuren unterkomplex bleibt und die Liebe zwischen ihnen eher als Konstrukt wirkt. Zudem verlieren viele Nebenstränge der Story ihren Sinn, sobald es nur noch um die Liebe zwischen Alina und Bohm geht, nicht mehr um ihren Wunsch, als Journalistin groß rauszukommen. Die Geschichte wirkt insofern zunehmend wie eine abstruse Form von Bonnie und Clyde, die Schöne und das Biest mit einer Brise von Hans Christians Andersens Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“.

Mit anderen Worten, die Komposition fliegt so derartig auseinander, dass am Ende des Romans der Plot wie ein Scherbenhaufen wirkt, und der gute Anfang, die dynamischen ersten Kapiteln mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Bei genauerem Hinsehen fehlte die zündende Idee, was eine bitter ironische Wendung in einem Roman darstellt, der Solange ein Streichholz brennt heißt, denn die Moral der Geschichte fasst ein sehr bekanntes Merksätzchen zusammen, das in vielerlei Wohnungen hängt:

»Immer, wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!«

Aber der Satz, in dieser Kürze, und fassungslos machenden Einfachheit bedarf keiner 330 Seiten. Im Gegenteil, je mehr er ausgeschmückt, desto mehr wird er zur Wurzel allen Kitschs, und dessen bedient sich Christian Huber ziemlich schamlos. Dass der Roman formal in Erzählweise weitestgehend überzeugt, rettet ihn vor dem völligen Absturz.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Daniel Bohm (B), 36 Jahre alt, Obdachloser in Köln, und Alina Alev (A), 36 Jahre alte Journalisten am RTI in Köln.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Teil:
– Bohms Sachen wurden weggeschmissen, Schlafsack nun unbrauchbar, muss sich neuen besorgen.
– As Journalistenkarriere am RTI läuft schlecht. Sie wird zu einem Meeting geladen und denkt, sie wird gefeuert.
– B übernachtet in Notunterkunft, geht zur Bahnhofsmission, fragt nach einem Schlafsack, sie haben keinen. Sozialarbeiterin fragt, ob er den Brief, den sie ihm überreicht hat, geöffnet hat. Er verneint. Sie schlägt vor, er solle seine selbstgeschnitzten Mäuse auf dem Markt verkaufen. Ein Hund läuft ihm zu.
– Das Meeting für A findet mit Jakob Nowak (J) statt, dem neuen Shootingstars, der ein TV Show plant. A soll eine Reportage beitragen: „Wie ein Leben entgleitet“, über einen Obdachlosen.
– Am Ebertplatz verkauft B seine Mäuse, eine junge Frau fragt nach dem Hund, gibt ihm den Namen Fox (F). Die Frau gibt ihm ein Salamibrötchen, denn B und F haben offenkundig Hunger.
– A versucht B mit 1000 Euro zu locken, an der Reportage mitzuwirken. Er schlägt das Angebot aus. Er zerknüllt ihre Visitenkarte, obwohl etwas zwischen A und B gefunkt hat.
– Treffen zwischen J und A im Karat. Sie verstehen sich gut, kommen sich näher. A erzählt über sich. J kokst.
– B im Moseleck. Es kommt zu einer Schlägerei, bei der F verletzt wird. B hetzt zur Notklinik, dort muss er für die Operationskosten bürgen. Er ruft A an.
2. Teil (ab 20%):
– Vorbereitungen zur Reportage, erster Tag. Menschen ekeln sich vor B. B wird ein Mikrofon installiert, hierbei erste Berührung zwischen B und A.
– Gespräch zwischen J und A über B. A soll härter mit B umgehen, ihn provozieren. Er sprecht etwas über seinen Alltag. Sie fahren mit der Bahn. A hat kein Ticket. Sie werden kontrolliert. B büchst aus, lässt aber sein Ticket für A fallen.
– B geht zu Mülheimer Arche, um dort etwas zu essen. Trifft die Sozialarbeiterin wieder, die ihm einen Schlafsack gibt. Er verdrängt seine Vergangenheit. Die Tierpraxis ruft an, F muss abgeholt werden.
– A und B treffen sich wieder. B zeigt A, wie sich ein Streichholz mit dem Fingernagel anzünden lässt.
– B in der Tierklinik. A filmt heimlich. Es kommt zum Gerangel, B stiehlt Tramadol. Arzt zweifelt an, dass B die Wunde von F reinhalten kann.
– B besorgt sich Essen aus der Mülltonne, A begleitet ihn zu einer Baustelle, wo er Unterschlupf findet. A verabredet mit J, der meldet sich aber nicht.
– B baut sich Zelt in Nische, hat kein Alkohol, betäubt sich gegen die Erinnerungen mit Tramadol, nachdem er F versorgt hat.
– A wartet bei J, der nicht zuhause ist. J kommt, aggressiv, wutschnaubend, pöbelt mit seinen Nachbarn, steht neben sich. A versteckt sich und geht. J Ordnungsfanatiker, Analsadist.
– B geht in den Hinterhof, wo sein Schlafsack weggeschmissen wurde, findet ein offenes Fenster, kleidet sich ein, hinterlässt Trinkgeld für die Putzfrau, deren Geld er nicht mitnimmt. Fühlt sich nun wohler in seiner Haut.
– A beschwert sich über eine neue Matratze, die offensichtlich gebraucht ist. Ignoriert die Anrufe von J.
– A und B treffen sich auf der Kirmes, verbringen eine gute Zeit miteinander. Fühlen sich angezogen voneinander. B organisiert A einen Crepes mit Zimt und Zucker.
– A und B schieben den Abschied hinaus, spielen ein Spiel mit einem Streichholz. Man darf solange Fragen stellen, wie es brennt, und der andere muss sich beeilen. Dann knallt es plötzlich [ein Generator explodiert].
3. Teil (52%):
– [ein paar Tage sind vergangen] A stellt ihre ersten 10 Minuten der Reportage vor, zufrieden. J und der RTI-Chef wollen mehr Drama, J schlägt vor, den Hund zu töten. A entsetzt. Streit zwischen A und J.
– B schläft in einer Hotelküche, allein. F bei A. B geht die Straße entlang, wird von der Polizei aufgegriffen, die checken seine Personalien. Er wird in Bayern gesucht. B flieht.
– A kümmert sich um F. Sie geht mit ihm Gassi.
– B in einem Puppentheater. Er stiehlt Wein und Tulpen, um zu A zu gehen.
– Es regnet. J ruft an, die Innenministerin hat abgesagt, die TV Sendung ist in Gefahr. J rastet verbal aus. A legt auf, steht vor ihrem Haus.
– As Eltern stehen plötzlich vor ihr, wollen mit ihr Frühstücken. Sie erzählt von ihrem „Kollegen“ Bohm.
– B besucht A, spielt das Spiel des Kollegen mit, Eltern mögen ihn, dann fällt der Kleiderständer und die Weinflasche zerbricht.
– B ganz Kavalier, legt seinen Parka über die Scherben und den Wein, trägt die Mutter über die Pfütze, der Vater springt. Die Eltern gehen. A geht ihm einen Kuss.
– B gerührt, unsicher, distanziert, zwiegespalten, da hämmert es an der Tür. Es ist J.
– J rastet aus, beleidigt A und B. J tritt nach F, der jaulend davon springt. B rastet nun aus.
– J und B prügeln sich, als A dazwischen geht, nutzt J die Gelegenheit und tritt gegen Bs verletzten Knöcheln.
– B unleidig. Sie hätte sich nicht einmischen sollen. A sammelt ihre Briefe vom Boden, die heruntergefallen sind, öffnet sie, dabei gerät Bs Brief in ihre Hände. Dort sieht sie, dass B eine Frau und zwei Kinder hat.
– B fertig, denkt an Saskia, Mathilda und Anton. A beginnt zu lesen.
– Offizieller Brief, dass B sich melden muss bei seiner Familie, da er sonst für tot erklärt wird. B flieht mit der Krücke, die A ihm gegeben hat.
– B im Schmerz versucht in der Tierklinik Tramadol aufzutreiben. Unerfolgreich.
– A geht das Filmmaterial durch, sieht, wie lieb sie B gewonnen hat. J postet Video von dem Fight, dort wird aber gezeigt, wie er den Hund tritt. Die PR-Aktion geht nach hinten los.
– A beschließt B zu suchen.
– B torkelt im Hauptbahnhof herum, halluziniert, schleppt sich irgendwann zu A, die ihn in ihren Wagen packt.
4. Teil (80%):
– Sie fahren Richtung Bayern, um B zu seiner Familie zu bringen. Sie kommen an.
– B unentschlossen am Gartentor, zündet ein Streichholz an, als Zeichen, um sich Mut zu machen.
– Nun Rückblick in 9 Teilen: wie B Saskia in Neuseeland kennenlernt, wie er seine Mutter aus unerfindlichen Gründen verlor, wie sein Vater verstarb, wie sie in Köln keine Wohnung mehr finden und das Haus übernehmen, wie sich B müde arbeitet, um das Haus instandzusetzen, wie er mehr und mehr trinkt, wie sie eine Tochter, einen Sohn bekommen, er das alles nicht mehr die Reihe bekommt, einen Unfall im Job baut, weil er nach dem Parken, die Handbremse nicht gezogen hat, und wie er dann nach einem Streit, als hoffnungsloser Fall, aufgibt, nach Köln geht und dort auf der Straße zu leben beginnt.
– A sieht B aus dem Auto, wartet mit F. Sie wird von Lorenz, dem RTI-Chef angerufen, der sie als Nachfolgerin von J installieren will, ihr ein gutes Angebot unterbreitet, aber als sie sich ein Streichholz anzündet, beschließt sie, nein zu sagen.
– B trifft im Haus Saskia und seine Kinder, Saskia von Yussuf schwanger, mit dem sie nun zusammen ist. Die Kinder erinnern sich nicht mehr an ihn, haben aber noch die Spielzeugmäuse, die er ihnen geschnitzt hat. Er willigt bei allem ein und überlässt Saskia alles, dann verlässt er das Haus.
– B erfreut, dass A gewartet. Gemeinsam blicken sie nun nach vorn.
●Kurzfassung: Ein Mann bekommt sein Leben als Familienvater nicht auf die Reihe, büchst aus und wird von einer Frau gerettet, die ihr eigenes Leben auf die Reihe bekommt.
●Charaktere: (rund/flach) solala … Jakob sehr überzogen, Alina und Bohm wirken dynamisch
●Überflüssige Szenen/Charaktere: der Besuch der Eltern, völlig überflüssig, die Dekonstruktion von Jakob nicht nötig, gerät zur Karikatur; Polizeiszene auch überzogen.
●Besondere Ereignisse/Szenen: stimmungsvolles Ende, mit dem Warten in der Dunkelheit, auch das Gespräch zwischen Alina und Lorenz, wie sie nein sagt.
●Diskurs: Obdachlosigkeit
… vlg. Nele Pollatschek „Kleine Probleme“, Anspielung auf Hans Christian Andersen Streichholz-Mädchen, und Johanna Adorjan „Ciao“. „Toxibaby“ von Dana von Suffrin.
… »Immer, wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!« als katholischer Sinnspruch, siehe auch Ralf Rothmann aus „Nacht unterm Schnee“, in etwa die Geschichte von Bohm, nur ohne Flucht, einfach nur der Niedergang.
… Problem des Plots: anfänglich interessante Konfliktsituation zwischen Alina und dem Fernsehsender, also ihr Karrieredruck tritt in den Hintergrund und wird zu einer Liebesgeschichte zwischen Bohm, dem ungepflegten Obdachlosen, und Alina, der Hochglanzjournalisten auf dem Abstieg. Hierdurch verliert die ganze Journalismus-Szenerie ihren Sinn [Alina hätte Bohm auch auf dem Flohmarkt treffen können, wo er seine selbstgeschnitzten Mäuse verkauft, und ihn anziehend finden]. Die Liebesgeschichte nun wirkt klischiert, überlastete Single-Journalistin sucht Freiheit bei einem sorglos vor sich hin vegetierenden Obdachlosen. Sie übernimmt im Klartext eine Mutterrolle. Bohm, der seiner Rolle als Familienvater mit zwei Kindern nicht gerecht wurde, darf sich umsorgen lassen. Ab einem bestimmten Punkt in der Geschichte ist er verletzt, mittellos, ahnungslos, ein Opfer, Verfolgter von seiner Vergangenheit und einer ungerechten Gegenwart, ganz wie der Hund Fox. Alina nimmt ihn auf, wie Bohm Fox aufgenommen hat. Hier hätte Alinas Psyche, irgendeine Art Helfersyndrom, wenigstens herausgearbeitet werden müssen, denn Bohm, mittellos, schmutzig, trunk- und drogensüchtig erscheint eher als problematische Partnerwahl [auch wenn der verkokste Jakob als Kontrast angeboten wird]. Stattdessen wirken beide Figuren defensiv: Alina zieht sich aus dem gescheiterten Berufsleben ins Privatleben zurück und übernimmt die Mutterrolle für Fox und Bohm; und Bohm lässt noch die letzten Selbständigkeiten fahren (als Obdachloser), löst sich von seiner Vergangenheit und steigt in Alinas Auto ein, völlig umsorgt und bedürftiger (mit seinem gebrochenen Fuß).
… Die Schöne und das Biest. Ein Kaufmann macht sich auf einer Reise an einem hässlichen, an einem Tier gemahnenden Hausherrn schuldig [er stiehlt eine Rose] und muss sich selbst oder seine Tochter zum Hausherrn schicken. Seine Tochter, für die die Rose bestimmt gewesen ist, entschließt sich, ihres Vaters Schuld abzutragen. Der Hausherr verwöhnt sie, aber sie will dennoch nicht mit ihm schlafen, seine Frau werden. Nach einer Zeit überkommt die Tochter Heimweh, sie darf zurück, aber nur für zwei Monate, da sonst der Hausherr stirbt. Nach zwei Monaten überkommt sie das schlechte Gewissen, sie will das Tier nicht sterben lassen. Sie begreift, dass sie es bereits liebt und willigt in die Heirat ein, wonach sich das Tier in einen Prinzen verwandelt. [Je nach Fassung gibt es nun Probleme mit der Heirat.]
–> alle Elemente beisammen, das Tier (Fox) darf nicht sterben, durch das Tier entwickelt Alina Gefühle für den elenden Bohm, der ihren Eltern gegenüber großzügig erscheint (legt sein Mantel über die Scherben), hierauf küsst sie ihn.
… ich bewerte in der Kategorie Plot, inwiefern der Inhalt lektüre-intensivierend ist, im ersten Drittel 4 Sterne, am Ende 0 Sterne, daher
–> 1 Sterne

Form:
●Eindruck: habe das Buch nur weitergelesen, weil es flüssig, professionell und angenehm zu lesen gewesen ist. Keine langweilige Sprache, durchaus wortgewandt, sehr viele Dialoge, ja, aber dennoch nie prätentiös, oder nur alltagssprachlich, sehr narrativ.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad, steht für sich.
●Wortschatz/Wortzahl: abwechslungsreich genug
●Auffälligkeiten: keine besonderen, aber auch keine negativen
●Innovation: keine
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: neutral, hält sich zurück, episodenhaft personal-erzählt, d.h. immersiv, mit fusionierender Erzählstimme, die fast nie entgleitet, sehr austariert, aber auch gewöhnlich
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nicht reflektiert, situiert, nur perspektivert (durch personales Erzählen in Episodenformat – Bohm. Alina. Bohm …)
●Erzählverhalten, -stil, -weise: unauffällig
●Einschätzung: langweilig, aber wirksam.
–> 2 Sterne

Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Kompositorisch bis zu 75% sehr überzeugend, dann aber geht der Erzählung etwas die Puste aus, übertreibt, haut auf den Putz, was gar nicht nötig gewesen wäre. Jakob verkommt zur Karikatur, und die Liebe zwischen Alina und Bohm wirkt aufgesetzt, so wie sie inszeniert ist. Das Streichholz als Licht, als Lebensfunke zieht sich durch das Buch, was funktioniert, ist der Hund Fox, der alle verbindet. Gerade zu Anfang gelingt das gut. Fox lässt in Bohm die Sorge erwachen, durch diese Sorge bindet er sich wieder in das gesellschaftliche Leben ein, und Alina findet durch Bohm, um den sie sich sorgt, wieder zurück in ein einfacheres und, wahrscheinlich, weniger plakatives Leben.
●Signal/Noise-Ratio: wenig Noise, sehr stringent.
●Operative Geschlossenheit: das Vernähen der sozialen Fürsorge, das Außen/Innen, das mit Sich-Kümmern oder Sich-Entziehen. Wird aber nicht ausgespielt.
●Rahmenstabilisierende Details: der Hund Fox hält das ganze Buch zusammen.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: Besuch der Eltern, die Puppentheater-Sequenz, die Referenz mit dem Neuseeland-Schiff, der Mäuse, die abgeschlachtet werden.
●Reliefbildung: vielleicht sogar zu stark und krass aufgetragen
●Einschätzung: kompositorisch überzeugt die Erzählung, inhaltlich aber nicht. Für das Episodenerzählen ein Stern Abzug.
–> 4 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: in Ordnung, weitestgehend, nur dass die Liebesstory störte, der Hund Fox, die Sorge um ihn, hält bei der Stange
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) sehr eigenständig
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) nein, inhaltlich, die Liebe wirkt aufgesetzt
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, eher illustrativ, unterhaltend
●stimmig?(Komposition: ja/nein) schon, in seiner Plakativität
●ein zweites Mal lesen? nein, bestimmt nicht, keine Komplexität, kein Crescendo, keine Dynamik, keine destabilisierende Syntagmata.
–> 2 Sterne

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Thea von Harbou: „Metropolis“

Metropolis by Thea von Harbou

Inhaltlich entglittenes, aus den Fugen geratenes und verstümmeltes Vater-Sohn-Drama mit religiösem Dekor und Maschinenstürmerei.

Inhalt: 3/5 Sterne (Vater-Sohn-Drama)
Form: 2/5 Sterne (expressionistisch zu wild)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (episodenhaft)
Komposition: 0/5 Sterne (aufgeblasen)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (stellenweise ok)
–> 9/5 = 1,8 = 2 Sterne

Metropolis wurde 1925 veröffentlicht und 1927 von Fritz Lang, dem damaligen Partner von Thea von Harbou, verfilmt. Metropolis steht im Kontext von einigen, expressionistisch-futuristischen Dystopien dieser Zeit, wie bspw. Jewgeni Samjatins Wir oder auch Die andere Seite von Alfred Kubin, die allesamt ähnlich deskriptiv überladene Sequenzen besitzen und holterdiepolter Erzählen praktizieren, aber keine so durchgeknallt wie von Harbou, im leider schlechten wie guten Sinne:

Es war ein über alle Maßen herrlicher und hinreißender Laut, tief und dröhnend und gewaltiger als irgendein Laut in der Welt. Die Stimme des Ozeans, wenn er zornig ist, die Stimme von stürzenden Strömen, von sehr nahen Gewittern, wären kläglich ertrunken in diesem Behemot-Laut. Er durchdrang, ohne grell zu sein, alle Mauern und alle Dinge, die, solange er währte, in ihm zu schwingen schienen. Er war allgegenwärtig, kam aus der Höhe und Tiefe, war schön und entsetzlich, war unwiderstehlich Befehl. Er war hoch über der Stadt. Er war die Stimme der Stadt. Metropolis erhob ihre Stimme. Die Maschinen von Metropolis brüllten: Sie wollten gefüttert sein.

Die Szenerie wird stimmungsvoll eingeführt: 50 Millionen Menschen leben in der Stadt Metropolis, dessen Oberhaupt Joh Fredersen heißt. Die Stadt selbst besteht aus seltsamen Maschinen, gottähnlich, die keine klare Funktionen besitzen und eher wie Tier-Zwitter-Wesen erscheinen. Überhaupt gibt es sehr wenig Rationalität. Es wirkt eher wie ein Maschine-Mensch-Erlebnispark voller Labyrinthe, seltsamer Häuser, Zahnräder und Bordellen, in denen ein kollektivitätsverstärkendes Rauschgift namens Maohee verabreicht wird. In diesem Geschwurbel nun geraten Vater und Sohn einander, die beide die bei der Geburt des Sohnes gestorbene Mutter vermissen. Der Sohn verknallt sich (Hals über Kopf und ohne jedweden Grund) in eine eiserne Jungfrau namens Maria, die Kinder rettet und sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt:

Er sehnte sich danach, die Steine, auf denen er kniete, mit seinen Händen zu streicheln. Er sehnte sich danach, die Steine, an die er die Stirn lehnte, in grenzenloser Zärtlichkeit zu küssen. Gott – Gott! schlug ihm das Herz in der Brust, und jeder Herzschlag war anbetende Dankbarkeit. Er sah das Mädchen an und sah es nicht. Er sah nur einen Schimmer; davor lag er auf den Knien. Holdselige, formte sein Mund. Meine! Geliebte! Wie konnte die Welt bestehen, als du noch nicht warst? Wie muß das Lächeln Gottes gewesen sein, als er dich schuf? Du sprichst? Was sprichst du? Das Herz schreit in mir – ich kann deine Worte nicht fassen … Habe Geduld mit mir, Holdselige, Geliebte!

Nun das Problem, von der Nackenhaare aufsträubenden kitsch-pathetischen Diktion und der verschwurbelten, zum Haare ausreißen zerstörte Syntax abgesehen, das meiste in den Roman spielt keine Rolle: der Dom, die Gotiker, etc … Harbou fährt viel futuristisches Bängbäng auf, aber das spielt für den mageren Plot überhaupt keine Rolle. Das Durcheinander besitzt kaum Poesie, die Charaktere kaum Dynamik, die Handlung kaum Tiefe, die Stadt kaum Komplexität, während ein deus ex machina den nächsten jagt. Schade, denn das Thema künstlicher Mensch, Roboter, Übergänge zwischen Maschine und Mensch, Proteste gegen die Maschine besitzt literarische Ausbaufähigkeit, die Metropolis jedenfalls nicht für sich zu nutzen verstand.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
-Szenerie. Eine 50 Millionen-Industriestadt, Metropolis, wird von Joh Fredersen, die Hirnschale der Stadt, das technologische Oberhaupt, im ehernen Rhythmus gehalten; setzt das Signal für die Schichtwechsel der Arbeiterschaften, die sich abmühen. Sein Gegenspieler, Desertus, im Dom hält noch Widerstand. Es gibt die Unterwelt der Arbeiter, die Glamourwelt Metropolis mit dem Yoshiwara und dem Neuen Turm von Babel.
-Freder Fredersen (F), Sohn von Joh Fredersen, verliebt sich und rebelliert gegen die Zustände, überlebt und küsst seine Geliebte am Ende im Dom.
-Joh Fredersen (J), Hirn von Metropolis, hat dem Magier Rotwang damals Hel, die Mutter von Freder, ausgespannt, die aber früh verstarb (bei der Geburt von Freder). Herzlos regierte er fortan Metropolis, findet am Ende zu sich, weißhaarig, besucht seine Mutter, die ihm endlich den Abschiedsbrief von Hel übergibt, die ihm ewige Liebe schwört.
-Rotwang, der Magier, hasst Joh, erschafft eine künstliche Frau, die Parodie, gibt dieser das Gesicht von Maria, die er gefangenhält, wird von Joh bewusstlos geschlagen, wacht auf, benebelt, denkt im Dom Hel zu sehen, verwechselt sie aber mit Maria, die vor ihm flüchtet. Rotwang und Freder streiten sich um Maria, Rotwang fällt vom Dach des Domes.
-Maria, eine gläubige, friedliche Frau, über die Verhältnisse entsetzt, ruft zum friedlichen Protest auf, verliebt sich in Freder (ziemlich unvermittelt), gerät in Gefangenschaft, entkommt, rettet Kinder vor dem Ertrinken, rettet sich im Dom und wird von Freder am Ende gegen Rotwang verteidigt.
Nebenfiguren: der Schmale, Kopfjäger von Joh; Josaphat, gefeuerter Erster Sekretär von Joh; Georgi, Arbeiter im Pater-Nostra; September, Besitzer des Yoshiwara.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:

1.) Freder (F), Sohn von Joh Fredersen, das Gehirn von Metropolis, spielt in seinem Zimmer Orgel. Er denkt an einem Vorfall im „Klub der Söhne“, wo eine junge Frau mit ärmlichen Kindern an der Hand hereinplatzt und, auf die faulenzenden jungen Männer zeigend, umgeben von Dienerinnen, sagt: „Seht, das sind eure Brüder.“ Sie verschwindet. F von Scham erfüllt, beschließt sie zu suchen, beschließt den Vater aufzusuchen.
2.) Sein Vater feuert den Ersten Sekretär, Josaphat. F klagt bei seinem Vater über die Arbeitsverhältnisse. J hat aber kein Mitleid. Beschließt F überwachen zu lassen, von dem Schmalen.
3.) F trifft den Josaphat, verbrüdert sich mit ihm. Dieser nennt seine Adresse. Sie verabreden sich. F geht hinab in das Getriebe des Pater-Nostra (Gott Ganescha), trifft dort Georgi (11811). Sie tauschen die Kleidung. G soll zu Josaphat gehen. G lässt sich aber bezirzen und fährt ins Vergnügungsviertel: Yoshiwara.
4.) J geht zu Rotwang (R). R und J hassen sich wegen Hel, einst Partnerin von R, dann von J, Mutter von F, die aber bei der Geburt von F gestorben ist. R hat eine künstliche Frau geschaffen, Parodie (P), die sich ein Gesicht wünscht, und hilft J einen Plan zu begreifen, der bei vielen Arbeiten gefunden worden ist, von der Unterstadt.
5.) F erschöpft, folgt nach Arbeitsende Arbeiter zur Versammlung. Die gesuchte Frau, Maria, spricht zu ihnen, verspricht einen Mittler. F, als Arbeiter verkleidet, kniet vor ihr. Sie erkennt ihn, und sie küssen sich. J und R belauschen die beiden. M schickt F weg, fühlt sich danach verfolgt, flüchtet aus Versehen in das Haus von R.
6.) G wird im Yoshiwara vom Schmalen festgenommen, nachdem er dort Unruhe gestiftet hat. Irgendetwas mit Maohee und Rauschgift.
7.) F bei Josaphat. Keine Spur von G. Sie schwören sich ewige Treue. Nachdem F geht, besticht der Schmale Josaphat, der daraufhin seine Wohnung verkauft und die Stadt verlässt. F will etwas seiner Großmutter bringen.
8.) F sucht im Dom M, sieht sie im Haus von R eingesperrt. Bricht in das Haus, findet sie nicht, verirrt sich, überanstrengt sich, bricht zusammen. Szene zwischen R und M, die kaum reagiert. Danach verschafft R P das Gesicht von M. F wacht auf, eingesperrt, sieht vor dem Fenster Maria laufen (eigentlich P), bricht aus, aber sie ist verschwunden. Rennt zu Ms Wohnung, dort wird sie verleugnet, geht zum Vater, halluziniert M an seiner Seite, greift ihn an, ergibt sich.
9.) Josaphat im Flugzeug, entschließt sich doch zur Rückkehr, bringt Piloten um, springt mit dem Fallschirm ab, landet im Schoß einer Bäuerin.
10.) Josaphat zurück in Stadt. F berichtet von einem Traum im Dom, mit dem Tod und heraufziehenden Schrecken.
11.) F erzählt von einem Ausflug in den Dom. Desertus schickte ihn heraus mit „Tuet Buße“. Trifft alten Freund Jan. Desertus predigt. Jan spricht von einer Frau, die auf einer Versammlung Verzweiflung und Angstzustände und Hassgefühle gesät hat. Jan klärt F auf, dass M eine Doppelgängerin hat. Fs Erzählung wird von Dröhnen unterbrochen, Schichtwechsel. Eine neue Versammlung von Maria.
12.) J besucht seine Mutter, bittet um Rat. Er will F von M fernhalten, aber die Mutter erinnert ihn daran, dass er sich auch nicht von Hel fernhalten hat wollen. Die Mutter weint um beide, sagt zu ihm: „Denn was der Mensch säet, das wird er ernten.“
13.) In Rs Haus, Maria schweigt, R gibt ihr kund, dass ihre Doppelgängerin nun Aufstand predigt, gewaltsamen Widerstand. R fleht um die Zuneigung Marias, verspricht die Doppelgängerin dann zu entlarven, aber J bringt ihn (scheinbar) um [weil er den Sohn vor Angst irre gemacht hat? Aus altem Hass? Konkurrenz?].
14.) Hasspredigt von P (die wie M aussieht) an die Arbeiter. F protestiert, keiner hört auf ihn. Arbeiter greifen ihn an, G springt dazwischen, tödlich verletzt. G zeigt ihm einen Ausweg, findet die Hirnschale (den Neuen Turm von Babel) leer vor, der Vater ist außerhäusig. Der Aufstand beginnt. F lässt Warnsignal erklingen.
15.) M ängstlich, sieht Rs Leiche [er ist nur bewusstlos, erkennbar an der metallischen Hand]. Sie entkommt in die Unterstadt. Donner, Sabotage von oben, Decken brechen zusammen. Sie bricht bewusstlos zusammen. Die Massen protestieren mit Hassgesängen, erreichen das Herz der Stadt. Grot, der Wächter, verweigert den Einlass, dann gibt J den Befehl. Das Maschinenherz wird erobert, P stellt das Herz auf 12, überlastet es.
16.) F im Turm, sucht den Vater, findet ihn. J will die Stadt untergehen lassen, auf dass F sie neu erbaut. Alles bricht zusammen.
17.) M wacht auf. Wasser steigt. Sie flieht, rettet Kinder, aber durch die ineinander geschobenen Züge, die den Ausweg versperren, kann sie nicht entkommen. Sie erzählt ein Märchen.
18.) F findet sie, sucht Hilfe bei Grot, explodiert das Hindernis weg, befreit sie. Grot verwechselt M mit P, wird aber von den Kindern abgehalten, sich für die Sabotage zu rächen.
19.) M rettet die Kinder ins Haus der Söhne, wo sich die Dienerinnen um sie kümmern. Sie schickt F zum Vater, will ihm nachfolgen, gerät aber zwischen die brandschatzenden Arbeiter, die das Yoshiwara in Brand gesetzt haben, die von den Gotikern und wütenden Frauen angegriffen werden, in einer Art Bürgerkrieg. P wird ergriffen, soll als Hexe verbrannt werden, M zieht sich in den Dom zurück.
20.) Josaphat denkt Maria wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt, holt F, sie rasen mit dem Auto zur Rettung. Die Meute greift F an, der vor dem Scheiterhaufen kniet und zusehen muss wie Maria verbrennt [ob er P erkannt hat, ist nicht klar].
21.) R erwacht, benebelt, geht zum Domplatz, sieht M im Domeingang, verwechselt sie mit Hel und stellt ihr nach, den Glockenturm hinauf. M schreit um Hilfe. F, am Boden zerstört, hört sie und rennt den Glockenturm hoch.
22.) J will wissen, wo F ist. Der Schmale hat keine Antwort. Josaphat gibt ihm, nachdem sich F für die Demütigung entschuldigt, die gewollte Information. Sie eilen zum Domplatz, höhnische Meute. J muss sehen, wie R und F auf dem Dach des Doms kämpfen. R stürzt ab. Vor Schreck sind Js Haare schlohweiß geworden.
23.) F bringt M in den Dom zurück, zum Altar. Dort sprechen J und F, versöhnen sich. J beschließt seine Mutter aufzusuchen.
24.) M erwacht. F soll der Mittler zwischen J und der Menge sein. J soll die Stadt wieder aufbauen. Jesus schaut auf sie vom Kreuz herab.
25.) Im Haus der Mutter. Sie übergibt J den Brief von Hel, den er erst bekommen sollte, nachdem er zu sich zurückgefunden. Sie verspricht ihn dort ewige Liebe.
●Charaktere: (rund/flach) schablonenmäßig, alle.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Desertus, der Dom, die ganze Josaphat-Handlung, die Gotiker.
●Besondere Ereignisse/Szenen: der Maschinensturm, der Aufstand, sehr visuell.
●Diskurs: Industrialisierung, Entfremdung, Ungerechtigkeit.
… erinnert Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“, Maria als Esmaralda. Auch an „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, apokalyptisch, nur weniger traumartig.
… insgesamt sehr unausgeglichene Handlung, hat spannende Stellen, besonders in der zweiten Hälfte (beim Aufstand), dennoch wirkt das ganze unausgestaltet, überdimensioniert, überfrachtet und leicht überladen, daher:
–> 3 Sterne

Form:
●Eindruck: gräuliche Syntax, schlimme unrhythmische Prosodie, völlig zerfahren, Bezüge oft unklar, hakelige Satzanschlüsse, kein Fluss, radebrechend, in keiner Weise stilistisch überzeugend oder sicher, eher unausgegorene Metaphern, biblisch gehalten, sehr nach einer Heiligengeschichte, mit Nachstellungen und vielen, vielen Wiederholungen.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätgrad durchs Szenerie
●Wortschatz/Wortzahl: langweilig, dröge, aber noch am besten, einfallsreiche, futuristische Lautmalereien
●Auffälligkeiten: viele biblische Nachstellungen und Wiederholungen
●Innovation: expressionistisch wildgeworden, daher noch
–> 2 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: episodenhaftes Erzählen ohne jede Verdichtung, Glaubwürdigkeit durch völliges Fehlen, im Weltganzen plausibel, aber vieles wirkt konstruiert dadurch, bspw. die Liebe zwischen Maria und Freder, die überhaupt nicht motiviert wird, auch nicht die Freundschaft zwischen Josaphat und Freder. Zu viele Setzungen, zu wenig Substanz, zu wenig Mühe.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts von allem.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: neutral
●Einschätzung: zersprengtes Abenteuerroman-Erzählen, hätte funktionieren können. Nur so, wie die Erzählstimme angelegt ist, kann diese die Mängel in der Komposition nicht kompensieren. Episodenerzählen uninteressant. Gibt eigentlich keine Erzählstimme.
–> 2 Sterne

Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): schlimm, überhaupt nicht ausgewogen, austariert, gar nicht motiviert die Liebe zwischen Freder und Maria, das schlechte Gewissen, alles das. Passt nicht zusammen, wirkt zusammengeschustert und lieblos zusammengeklebt, mit Klischees überfrachtet: die Frau als Objekt der Begierde muss dann halt reichen. Überflüssig die Freundschaft mit Josaphat, überflüssig der Dom, die Gotiker, Desertus, die Bibelanleihen, die Mutterszenen, passt alles nicht, wirkt nur wie Weltanschauung, die hineingeschmuggelt wird.
●Signal/Noise-Ratio: wenig Noise, aber viele lautmalerische Effekte
●Operative Geschlossenheit: die Frau, das Rettende, die Versuchung, das Herz, das die Männer auf den rechten Pfad bringt, die Frau der Kirche, die Jungfrau …
●Rahmenstabilisierende Details: ja, Metropolis, ihr Dröhnen, das Donnern, die Maschinen
●Extradiegetische Abschnitte: nein, vielleicht die Traumsequenzen, die Magierhausgeschichte
●Lose Versatzstücke: Rotwang, Josaphat, die Bordellszene, Desertus unnötig
●Reliefbildung: ja, durch Bürgerkrieg
●Einschätzung: schlimm, passt nicht zusammen, eigentliche Story: Sohn eines mächtigen Vaters verliebt sich in soziale Rebellin, Vater wird von Trauer geläutert, Sohn bringt Vater auf den rechten Weg zurück.
–> 0 Stern

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: liest sich fürchterlich dröge, pathetisch, kitschig, gewollt, mit ein paar guten Stellen
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) nicht wirklich (Rumpfstory schon)
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) stellenweise ja (Futurismus), zu selten
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein, überhaupt nicht
●ein zweites Mal lesen? höchstens um Metaphern herauszuarbeiten, Maschine-Mensch, Mensch-Maschine-Thematik.
–> 2 Sterne

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Hannah Häffner: „Die Riesinnen“

Die Riesinnen by Hannah Häffner

Überleben und Weiterleben im Dorf gegen und mit der Dorfgemeinschaft: ein Idyll.

Inhalt: 4/5 Sterne (Frauen, die anpacken)
Form: 0/5 Sterne (unterkomplex)
Erzählstimme: 0/5 Sterne (nicht vorhanden)
Komposition: 3/5 Sterne (dreiphasig-schließend)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (zum Ende hin mitreißend)
–> 10/5 = 2,0 = 2 Sterne

Häffners Die Riesinnen lässt sich als eine sprachlich-reduzierte Prosavariante von den Vergilschen Bucolica verstehen, eine ländliche, waldgeprägte Idylle, in der nach anfänglichen Problemen alles seine ruhige, souveräne Fahrt aufnimmt. Licht und Mutterschaft spielen eine herausragende Rolle wie auch der Wald, weshalb Die Riesinnen an Jessica Linds Mama, aber auch durch seine frauendynastische Erzählweise an Annett Gröschners Schwebende Lasten erinnert. Nur spielt sich bei Häffner alles auf einem Dorf im Schwarzwald namens Wittenmoos ab:

Wittenmoos liegt in einer schmalen, länglichen Senke, eine Pfütze von einem Dorf. Die Häuser drängen sich entlang der Hauptstraße, die sich ungefähr in der Mitte zu einem nierenförmigen Platz auswölbt. Einige Höfe brechen aus der Ordnung, liegen vor den Linien, riesig und schwarz, den abgeflachten First in die Stirn gedrückt, das Holz im richtigen Mond gehauen. Sie sind ihr eigenes Dorf, ihre eigene Welt, und man kommt sich winzig und vergänglich vor, wenn man vor ihnen steht oder in ihnen lebt, denn das ist der Sinn der Sache. Sie sind ewig, sie sind gemacht, um dem Wald die Stirn zu bieten oder sich auf seine Seite zu schlagen, so genau weiß man das nicht.

Dieses aus der ersten Seite des Romans entnommene Zitat führt in die ganze Poetologie ein – nämlich das Zeitlose, Ewige von Geburt und Tod, von Liebe und Angst, von Ekel, Fernweh, Schmerz und Lust an einem Zuhause. Die Riesinnen setzt den Heimatroman mit reduzierten und politisch-entfetischisierten Mitteln fort, d.h. Politik gibt es in dem Roman so gut wie gar nicht. Es geht um die drei Frauen (Liese, Caro und Eva), die sich ein Leben aufbauen, und zwar unabhängig von den scheiternden, entweder gewalttätigen oder unfähigen (faulen) Männern in einer Umwelt, die so fern vom post-industriellen Zeitalter wie möglich steht. Der Roman könnte ohne Probleme im Mittelalter spielen:

Es sind diese Tage, an denen der Wald oben auf den Hängen vor dem Horizont steht, als hätte er nichts und niemanden zu fürchten. Als müsste es ihn immer geben, hätte ihn schon immer gegeben, was beides nicht stimmt, aber beides ist leicht zu glauben, wenn man die grüne Schwärze sieht, die Himmel und Wiesen eisern zusammenhält, als fielen sie sonst unwiederbringlich auseinander und über den Rand der Erde.

Der Wald hält „eisern“ zusammen, und die Wurzeln binden an die Heimat, und der Wunsch, eine feste Gemeinschaft um sich herumzuhaben, treibt die drei Frauen an. Die Hexen-Allegorie (rote Haare, Naturnähe, Ungebundenheit) wird hier in eine Erfolgsgeschichte gewendet, ein Heimatroman, der Selbstbestimmung und Zusammengehörigkeit versöhnt.

Natürlich küsst sie ihn, wäre sie sonst ein Mensch, sie küsst ihn, und er küsst sie zurück, kein Festhalten an dem, was war, aber ein letztes Berühren, noch mal fühlen, so war es, was wir hatten, komm, wir vergessen es nicht.

Leider verbleibt das Buch ob seiner formalästhetischen Mittel so weit unter jedweder literarisch-fiktionalisierter Ästhetik, dass die Figuren notwendig blass, irreal und schematisch verbleiben. Zu viele Wiederholungen von Namen, zu viele Hilfsverben, kaum Sätze über drei, vier Worte hinaus, kaum einfallsreiche Wendungen, Metaphern, Symboliken oder Bilder und inkonsistentes Präsens-Erzählen mit Vorausblicken (?). Die Riesinnen erscheint insofern als sehr nackter, plot-getriebener Text, der an versöhnlicher Trivialliteratur erinnert, mit ihren guten wie schlechten Seiten: die Utopie, der Mut und das unvermittelte Heldentum; aber auch Klischees, Reflexionslosigkeit und rastlos vorwärtsgetriebene Eindimensionalität – also eine sehr explosive Mischung, insbesondere da für die Trivialliteratur die aufsehenerregenden Elemente fehlen.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Liese (L), 1939 geboren, Caro (C), Eva (E), drei Generation der Riessbergers in einer „Pfütze von einem“ Dorf namens Wittenmoos im Schwarzwald.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Mit vierundzwanzig (1963) bekommt L eine Tochter, C, mit dem Metzgermeister Bernhard, Sohn von Magret und Wilhelm. L spart Geld an, um irgendwann auszureißen, unglücklich in der Ehe. Bernhard eine Schwester, die nicht spricht, Babette. L lernt auf ihren Waldspaziergängen Franz Eschbach kennen. Sie verstehen sich. Alle finden L zu großgewachsen und zu rothaarig und zu dünn.
2.) Bernhard enttäuscht, dass es eine Tochter geworden ist, mag seine Tochter nicht. Zwingt L zum Sex, um einen Sohn zu zeugen, Vergewaltigung in der Ehe. L findet Kraft in der Mutter-Tochter-Dyade, hat Angst um C, die isoliert bleibt, fremdelt. Bernhard schlägt C zum ersten Mal, als diese sechs Jahre alt ist (1969). Gewalttätig, frustriert. L und Franz kommen sich näher. Sie küssen sich kurz. Sie schämt sich, läuft davon. Vor ihm Haus wird sie abgefangen und zum Pfarrer gebracht, Bernhard ist bei einem Autounfall verunglückt. L nicht unglücklich, auch nicht glücklich. L geht zu den Eltern von B und erwirkt, dass diese ihr die Metzgerei überschreiben [wie sich herausstellt, indem sie sie erpresst – Babette gar nicht adoptiert, Margret hat eine uneheliche Tochter bekommen].
3.) L distanziert sich von Franz [wegen des Geredes, Franz auch ein Ausgestossener, und weil sie keine Ehebrecherin sein will, aber auch, weil sie eine Erpresserin ist, Wilhelms gute Tat, nämlich Margret trotz ihrer unehelichen Tochter zu heiraten, benutzt hat, um die Metzger zu übernehmen]. Cora gerne im Wald, allein. Hat Probleme in der Schule. L erlernt den Metzgerberuf, eine Metzgerei zu führen. Bruno, einer der netteren Angestellten, hilft ihr mit den Büchern.
4.) Mutter von L stirbt, hat ihren Brustkrebs verheimlicht. L muss Preise mit dem Bauer Böll verhandeln. L lernt Chefin zu sein. C hört irgendwann auf, in die Metzgerei zu kommen [später erfährt L, dass sie Bruno beim Betrügen erwischt hat]. C findet keine Freundinnen im Dorf. Franz verzehrt sich nach L.
5.) L stellt Bänke und Sonnenschirm vor die Metzgerei. Verkauft nun auch Essen. L lernt Kasche, einen Polen kennen, der sich in der gegen das Atomkraftwerk in Wyhl engagiert [1975]. C kommt aufs Gymnasium. Sie nimmt an Protestaktionen teil, lernt den Chemiestudentin Richard kennen, der ihr vorschlägt, abzuhauen. Sie lehnt ab. [sie bleiben zeitlebens in Kontakt über Briefe]. C hat erste Periode, beginnt früh sexuelle Aktivitäten als Rebellion. Gerede um C.
—– Ende der Erzählperspektive aus Lieses Sicht, nun zu Cora.
6.) Sex mit Erik, den sie aber nicht mag. Grüßt den Großvater, Wilhelm, der aber nicht zurückgrüßt. Auf einem Fest lernt sie Robert kennen. Hören Musik auf Kassetten. Joy Division, True Love will tears us apart. Beschließen nach Köln auszubüchsen, um dort ein Konzert von ihnen zu hören. L entsetzt, will, dass sie Robert nicht mehr sieht. Lehrer von C überzeugt, sie solle Physik studieren, aber L will mit Interrail-Ticket Europa kennenlernen, hat Fernweh. L erlaubt es, bringt sie zum Bahnhof.
7.) Sie fährt nach Paris, lernt Jesper und seine Kumpanen kennen, lebt dort ungebunden, fährt nach Amsterdam, lernt dort Mette kennen. Sie werden enge Freunde. Als es Winter wird, fahren sie nach Italien, nach Pesaro, jobben dort. Mettes Großvater liegt im Sterben. Sie fährt, lässt C zurück mit ihrem Freund Giosuè. Dort lebt C mit ihm zusammen, mit wenig Geld nach der Saison. Als Mette zurückkehrt, ist C schwanger. Der Plan nach London zu reisen, fällt ins Wasser. Mette bringt C zurück nach Deutschland. Sie verabschieden sich [bleiben brieflich noch in Kontakt].
8.) C beichtet ihrer Mutter die Schwangerschaft, kennt den Vater nicht, könnte Giosuè sein oder nicht. L solidarisch. C streitet mit Margret. Eva wird geboren, als C 19 Jahre alt ist [1982]. C hilft in der Metzgerei. C hat Schmerzen beim Stillen, findet nicht zu Eva, keine Bindung.
9.) L bringt C das Autofahren bei. Fünf Jahre später erscheint Giosuè [1987]. C erkennt, dass er Probleme ab, will keine Versöhnung, schickt ihn fort. C entschließt sich danach zu bleiben, und ein Restaurant zu eröffnen. Sie bauen das Metzgerhaus aus. C fährt in die Stadt, um ein Restaurant kennenzulernen, lernt das Fürchten ob ihres eigenen Unternehmens.
10.) Im Restaurant der Koch Fischel, die Kellnerin Esther, das Restaurant setzt sich durch. Esther wird zur Teilhaberin gemacht. Eva feiert Kindergeburtstage, ist beliebt. C lernt den Koch Ludwig aus dem Restaurant Lederbrunnen kennen, beginnt eine lockere Affäre. Sie lehnt aber ab, ihm einen Job anzubieten. Später dann Ludwig noch eifersüchtig. Sie trennen sich, Eva nun 15 Jahre [1997]. Sie beschließen ein größeres Restaurant zu bauen. Eva soll aber nicht das Familiengeschäft übernehmen müssen. Kurz vor der Eröffnung muss C Ludwig retten und ins Krankenhaus bringen. Sie will sich nicht in das Leben dieser Männer ziehen lassen.
—– Ende der Erzählperspektive aus Coras Sicht, nun Eva.
11.) E in Stuttgart, studiert BWL, ihr bester Freund David aus Tschechien, depressiv. Als David an einem Treffen von Hobby-Astronomen teilnimmt, wirkt er daraufhin verändert, wird immer kränker und schwächer und am Ende von seiner Mutter abgeholt. E hat Beziehung mit Johannes, Anwaltssohn aus Stuttgart. E fühlt sich aber fremd in der High Society. Sie ziehen trotzdem zusammen in eine Eigentumswohnung. E hat Heimweh.
12.) L gibt die Metzgerei auf. Das neugebaute Restaurant brennt daraufhin ab. Bleibt nichts übrig. L pflegt Margret. Johannes besucht E. Sie will nicht mehr zurück in das Leben in Stuttgart, sie trennen sich im guten. Sie beschließt das Studium zu schmeißen, erstmal bei der Familie zu bleiben.
13.) C zögert ihren Entschluss heraus, ein neues Restaurant zu bauen. C lernt Franz kennen, verbringt viel Zeit mit ihm. Hintergrundgeschichte, seiner Mutter wird vorgeworfen, mit einem Franzosen ein Kind gehabt zu haben, deshalb waren sie Außenseiter. Als sich Franz verletzt, fragt er im Haus von E um Hilfe. L verhält sich noch immer zurückhaltend.
14.) Franz stirbt nicht. E beschließt Forstwirtschaft in Rottenburg zu studieren, C hat sich entschlossen ein neues Restaurant zu bauen. E fröhlich. Besteht ihr Studium, übernimmt Försterin-Stelle in der Nähe, nimmt sich einen Hund namens Percy. Margret stirbt. Als es L schlecht geht, fährt E nach Hause. L überlebt aber. Franz beginnt sich um L zu kümmern. Sie finden wieder zusammen.
15.) E hat nun Försterin-Posten in Wittenmoos erhalten, führt Schulklassen durch den Wald, bandelt mit dem Zimmermann Dan ein, der seine Frau jung verloren hat, der das neue Restaurant der Familie gebaut hat. Sie wird schwanger. Sie beschließen, das Kind zu behalten. E erfährt von L, wie sie die Metzgerei damals erpresst hat, beschließt auch, das für sich behalten. E ca 31 Jahre alt [2013?].
●Kurzfassung: Liese, unglücklich mit Bernhard, einem Metzger verheiratet, bekommt statt eines Sohnes eine Tochter, Caro; die Ehe kriselt. Bernhard stirbt bei einem Autounfall, Liese erpresst sich die Metzgerei, baut sich eine Existenz auf, auch für Caro, verzichtet auf ihr privates Glück mit Franz. Caro fremdelt, will in die große weite Welt, zieht mit 19 Jahren los, über Paris nach Italien, wird schwanger und kehrt zurück ins Dorf. Liese kümmert sich. Caro beschließt zu bleiben, steigt in die Metzgerei ein, baut diese um ein Restaurantbetrieb aus. Alles läuft glatt. Die Tochter, Eva, wächst heran, sehr sozial mit vielen Freunden, will eigentlich gar nicht Studieren, studiert dennoch BWL in Stuttgart, glücklich verliebt mit einem Anwaltssohn, merkt aber, dass sie da nicht hingehört. Als das Restaurant abbrennt, bleibt sie bei ihrer Familie. Als ein neues Restaurant gebaut wird, geht sie Forstwirtschaft studieren und übernimmt den Posten der Försterin in dem Wald. Das neue Restaurant läuft wieder gut, und Eva verliebt sich in den Zimmermann, der es gebaut hat, und wird schwanger von ihm.
●Charaktere: (rund/flach) lebendig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, straff organisiert, klar codiert
●Besondere Ereignisse/Szenen: nein, fließt ineinander über.
●Diskurs: Selbständigkeit der Frauen, Durchsetzungsvermögen, mit den roten Haaren und der Waldvernarrtheit erinnern die drei Frauen stark an eine positiv-besetzte Hexendynastie
… klares Strukturprogramm: Frauen, die sich von Männern das Leben nicht aufzwängen und auch nicht bestimmen lassen. Liese nicht von Bernhard (Dorftradition) und von Franz (Außenseiter im Dorf), Cora nicht Giosuè (Streunerdasein) und von Ludwig (Partyleben-Suff), Eva nicht von Johannes (Luxus-Leben). Klare Abgrenzungsgesten. Männer spielen eher als Störenfriede eine Rolle, als Versuchung, sich selbst für sie aufzugeben.
… zudem: keinerlei moderne Technologien spielen eine große Rolle, der Roman, bis auf winzige Details, könnte im Mittelalter spielen, und faktisch spielt er auch im Mittelalter, im Wald, im Aberglauben gegen Rothaarige, in der Isoliertheit des Dorfes.
… das Buch ist geprägt und designt nach einem romantischen Menschenbild, am Ende des Tages verhalten sich alle zielführend, rational und in Ordnung, auch, weil die Frauen sehr distanziert und überlegt handeln, kommen sie in keinerlei Gefahren, aber es gibt keine Straftaten, keine üblen Lügereien, nur Streiche, ein sehr friedliches Buch, ein Buch, in dem ein Staat gar nicht nötig wäre. Keinerlei moderne Weltbezug.
… eine Art Wohlfühl-Buch-Heimatroman mit klarer Struktur, sodass nach den anfänglichen anstrengenden Kapiteln, als Liese noch sehr ausgeliefert gewesen ist, eine angenehme Ruhe ins Buch kommt. Ab 30% habe ich mich nicht mehr gelangweilt, trotz weniger aufsehenerregender Ereignisse.
… verwandt mit Stefanie vor Schultes „Der Junge mit schwarzem Hahn“ (wegen Mittelalter-Märchen), Jessica Lind „Mama“ (wegen Wald- und Mutterschaftsmotivs), Tommie Goerz „Im Schnee“ (wegen Alter, Franz Spaziergang im Wald, Bank-Motivs), Annette Gröschners „Schwebende Lasten“ (wegen des Geschäftsmotivs).
–> 4 Sterne

Form:
●Eindruck: sehr einfache, sehr mundartliche Sprache, im Grunde eine Art Hörspiel, mit sehr wenig fiktionalisierenden Elementen, kaum komplizierte Sätze, sehr viele Hilfsverben, sehr einfache Konstruktion, so gut wie kein Rhythmus, kein Fluss, eine Art Informations-Staccato. Teilweise unlesbar für mich. Erinnert an sehr einfach gehaltene Fabeln und Kinderbücher. Unterkomplex. Sehr eintöniger Wortschatz.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) gegeben durch die Narration, aber nicht durch die Sprache, gegeben durch das sehr irreale Setting, wie im Mittelalter.
●Auffälligkeiten: der bestimmte Artikel bei Namen „der Fischel“, „die Eva“, das „Evakind“ … sehr geprägt durch Namen, Licht spielt eine große Rolle, die Haarfarbe, die Körperlänge auch, aber vor allem Licht („Licht“ 90x) und Waldaspekte („Wald“ 96x).
●Innovation: keine
… diese entfiktionalisierte Sprache hat mich jedes Mal aus dem Buch rausgeworfen, mein Sprachverständnis erlitt ständig Schiffbruch, so kurze Sätze, das mir auf Dauer und bei der Länge schwindlig wurde
–> 0 Stern

Erzählstimme:
●Eindruck: mehr oder minder aus drei Perspektiven erzählt, aber mit kommentierender, sympathisierender, verstärkender Erzählinstanzfunktion, erschwerend kommt noch hinzu, dass alles in Präsens geschrieben wird, und dann aber trotzdem ein Vorausblick gewährt wird (?). Das wirkt nicht stimmig, auch nicht die Erzählbeschleunigung gegen Ende hin (extrem).
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts von allen drei.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher verallgemeinernd, solidarisierend, belehrend
●Einschätzung: die Erzählinstanz lässt sich kaum als Rudiment rekonstruieren, irgendein Mischmasch aus auktorial und personal, aber im Präsens, ohne Rahmung und Horizont, eher wie eine Art undramatisiertes Hörspiel.
–> 0 Stern

Komposition:
●Eindruck: Von der völlig misslungenen Erzählinstanz abgesehen, besitzt die Erzählweise eine nachvollziehbare Linie durch die Generationenabfolge, die kleinen Zeitstempel, und das angenehme sehr auf Harmonie bedachte Handlungsgefüge des Märchen. Die Komposition in ihrer Dreistimmigkeit geht auf. Alle drei besitzen einen sehr eigenen Fokus (Liese – das Überleben; Caro – Fernweh; Eva – der Wald), wobei Eva dann als Urmutter sowohl das Überleben und das Fernweh im Wald vereinigt, als Hüterin.
●Signal/Noise-Ratio: wenig Noise, fast nur Erzählung, fast nur Dialog.
●Operative Geschlossenheit: ja, durch das Abwehren von Versuchungen, sich in den Schlund von verunglückten Männerschicksalen ziehen zu lassen; sehr überzeugend als Strukturelement, die Frau, die sich unabhängig setzt (in der Annahme, dass die Umgebung dies erlaubt, da es keine verheerenden Übergriffe auf die Frauen gibt).
●Rahmenstabilisierende Details: das Dorf selbst, die Wiederkehr der Figuren
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: durch Ortsveränderungen Wittenmoos – Italien – Stuttgart – Wittenmoos
●Einschätzung: ab 30%, unter Hinwegsehung der formalen Struktur, kompositorisch klar und angenehm zu lesen, auch überzeugend als Utopie einer Welt, in der der Rückzug ins einfache, fleißige, einander solidarische Leben als Möglichkeit erachtet werden kann. Formal jedoch keine Einheit, die Sterne kommen durch den Plot und die Verfugung des Plots mit sich selbst zustande.
–> 3 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: ein sehr utopischer Roman, geradezu aus der Zeit gefallen – es gibt keine Infrastruktur – keinen Staat, keine Polizei, kurz eine Feuerwehr, ein Krankenhaus am Rande, aber im Grunde völlige Subsistenz eines Dorfes, und in diesem Dorf einer Familie bestehend aus Großmutter, Mutter und Tochter, die es schaffen, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Es gibt Startschwierigkeiten, aber nach , aber nach diesem, Ende der 1950er, also nach Lieses Erpressung der Eltern, also nach der ursprünglichen Akkumulation im Sinne von Marx, geht es alles seinen Gang.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja (Geburt, Tod, Erbe, Geburt, Tod, Erbe …)
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) Figuren sind teilweise arg romantisiert
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, hässlich
●stimmig?(Komposition: ja/nein) als eine Art Märchen vielleicht im absolut reduzierten Code.
●ein zweites Mal lesen? nein
–> 3 Sterne


Ian Fleming: „James Bond jagt Dr. No“

James Bond jagt Dr. No by Ian Fleming

Selbstbehauptungskämpfe gegen Kontrollverlust – Honeychile als ein fast überzeugendes Bond-Girl.

Inhalt: 5/5 Sterne (spannend bis zum Schluss)
Form: 3/5 Sterne (stringend, unästhetisch)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (funktional-anonym)
Komposition: 2/5 Sterne (zu kurz, unterentwickelt)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (operativ-überzeugend, atmosphärisch)
–> 16/5 = 3,2 = 3 Sterne

Von Casino Royale 1953, publiziert Ian Fleming jedes Jahr im April ein neues Bond-Abenteuer, stets um die 250 Seiten lang. Dr. No erscheint in dieser Serienproduktion als sechster Teil, schließt an die Geschehnisse in From Russia, with Love an und sendet den MI6-Agenten nach Jamaika, wo er das Verbleiben zweier verschwundener MI6-Mitglieder untersuchen soll. Bond, geschunden und erschöpft, soll sich dort mehr erholen, als sich bei einer Suche aufreiben, die sowieso nicht im Zentrum des Weltgeschehen steht.

Bond blickte M in die Augen. Zum ersten Mal in seinem Leben hasste er den Mann. Er wusste nur allzu gut, dass M ein gemeiner, zäher Hund war. Es handelte sich einfach um eine verspätete Bestrafung dafür, dass er sich bei seinem letzten Auftrag fast hatte umbringen lassen. Außerdem war es eine Gelegenheit, um diesem furchtbaren Wetter zu entkommen und etwas Sonne zu tanken. M konnte es nicht ertragen, wenn es seinen Agenten zu gut ging. Irgendwie hatte Bond das Gefühl, dass M ihm diesen angenehmen Auftrag gab, um ihn zu demütigen. Der alte Mistkerl. Während Wut in ihm hochstieg, sagte Bond: »Ich werde mich darum kümmern, Sir.« Dann drehte er sich um und verließ den Raum.

Bond trifft in der Karibik auf den besagten Dr. No, der sich auf seiner Insel einem Selbstbehauptungsrausch hingibt. Zwischen dem getriebenen Bond und dem um Unabhängigkeit bestrebten Dr. No vermittelt Honeychile Rider als fast-Amazone, die frei und ungebunden ihr Leben als Muschelsammlerin verbringt und Bond mit ihrer Erfindungsgabe aus mancherlei Verlegenheiten befreit (ganz im Gegensatz zur Honey-Figur im Film). Fleming gestaltet Honeychile überraschend handlungsstark und eigensinnig, insbesondere eben als die Figur der Freiheit, die plötzlich in das Räderwerk der Weltmächte gerät:

Dieses Mädchen hatte sich schon immer verteidigen müssen, aber nur gegen die Natur, dachte Bond. Sie kennt die Welt der Tiere, Insekten und Fische und weiß, wie man damit umgeht. Aber es ist eine kleine Welt, die von der Sonne, dem Mond und den Jahreszeiten bestimmt wird. Sie kennt die große Welt nicht, in der es verrauchte Räume, Säle voller Börsenmakler, Flure und Wartezimmer vor Regierungsbüros und vorsichtige Treffen auf Parkbänken gibt. Sie hat keine Vorstellung vom Kampf um Macht und Geld, den die großen Männer führen. Sie weiß nicht, dass sie aus ihrem kleinen Tümpel in das schmutzige Meer hinausgespült wurde.

Literarisch kaum innovativ, wird Dr. No personal-immersiv, dennoch sehr atmosphärisch erzählt (ohne Reflexion/Perspektive/Situiertheit) und besitzt in vielen Passagen, in denen Bond in Bedrängnis gerät, hohe Intensität. Die Objektivierung der Figuren stört kaum. Vielerlei Klischees wirken jedoch matt und ideenlos. Es wirkt zu kurz für den umfassenden Rahmen und die Probleme, die dort verhandelt werden. So erscheint vieles nur als Skizze und einige Szenen illustrieren nur eine Art Lifestyle-Wunsch. Fleming hätte noch reduzierter oder noch ausladender erzählen müssen, um seinem Werk eine ästhetische Form zu verleihen. Deutlich hat Dr. No aber auf Schattennummer von Thomas Pynchon und selbstredend auf Percival Everetts Verballhornung Dr. No weiter gewirkt. Beide erreichen aber die Stimmigkeit und Atmosphäre, das Ringen um Selbstbehauptung nicht, das in Flemings Dr. No zentral bleibt (wiederum nicht in der Verfilmung).

Ps. Die Verfilmung hat fast gar nichts mit dem Buch zu tun. Der Film inszeniert einen ganz anderen Bond, Dr. No und eine völlig andere Honeychile. Der Film erscheint mehr als die Persiflage, die Everett und Pynchon in Fleming gesehen und ihm angedacht haben. Ihre Bücher sind Antworten auf einen Film, der keine Ähnlichkeit mit seiner Buchvorlage hat.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
– James Bond muss sich von seinem letzten Auftrag erholen, in Russland (From Russia with Love), und wird von M nach Jamaika geschickt, mehr als Urlaub, um das Verschwinden zweier Agenten zu untersuchen, John Strangway und Mary Trueblood, kennt Strangway von einer „Schatzsache“, fünf Jahre vor Strangways Verschwinden, Bond besitzt seitdem einen zweifelhaften Ruhm auf Jamaika.
– Dr. Julius No, geboren in Peking, Sohn eines Methodistenmissionars und einer Chinesin, als Bastard (unehelich), aufgezogen aber von einer Tante, kommt in Shanghai in Kontakt mit illegalen Geschäften, den Tongs, zerstörungswütig und rachsüchtig, wird von den Tongs wegen örtlicher Schwierigkeiten nach New York geschmuggelt, beginnt bei der Mafia Hip Sings als Prokuristen, in den Wirren der Bandenkriegen reißt er das Geld der Hips Sings an sich und taucht in Harlem unter; wird von den Tongs gefunden, beide Hände abgehackt und dann Schuss ins Herz, da er aber das Herz rechts trägt, kommt er davon, lässt sich umoperieren, erhält mechanische Hände, zieht nach Milwaukee, studiert, um sich auf die Weltherrschaft vorzubereiten; zieht nach Crab Key, um dort mittels Guano-Abbau Geld zu scheffeln, örtlich zurückgezogen, Basis seiner Rachepläne, insbesondere militärische Raketen abzulenken und zu erbeuten, wird von Vogelschützern wegen der Rosalöffler in seiner Privatsphäre gestört, bringt die Wächter der Audebon-Gesellschaft um und vertreibt mittels eines Flammenwerferfahrzeugs die Vögel von der Insel, das hat den Geheimdienst auf den Plan gerufen, und so hat er Strangway und Trueblood umbringen lassen.

●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Strangway wird vor dem Queen’s Club umgebracht, noch bevor er gemeinsam mit seiner Assistentin Trueblood den täglichen Bericht ins Geheimquartier des MI6 senden kann. Beide verschwinden. Trueblood wird gefangen, erschossen und das Haus abgebrannt.
2.) M gibt Bond (B) eine neue Waffe, .38 Smith&Wesson, Walther PKK 7.65, nachdem die alte, 0.25 Beretta mit Schalldämpfer, bei seiner Russlandmission versagt hat, Bond unzufrieden, fügt sich.
3.) M beschließt die Sache mit Strangway zu ergründen, M denkt nichts Großes bei der Sache, sieht auch eine Gelegenheit für Bond zur Erholung, Bond will nicht geschont werden, aber geht neu bewaffnet nach Jamaika, glaubt nicht, dass Strangway und Trueblood eine Affäre haben und untergetaucht sind. Strangways letzter Fall, das Verschwinden von Vogelschützern, Wächter der Audubon-Gesellschaft, die den Rosalöffler beobachten, auf Crab Key, zwischen Jamaika und Kuba. Ein gewissen Dr. Julius No will seine Privatsphäre schützen, ein Wächter entkommt einem Brandanschlag, faselt von einem Drachen auf Crab Key, stirbt an den Verletzungen; zwei hohe Tiere der Audubon-Gesellschaft besuchen Dr. No, und kommen dabei ums Leben. Bond soll die Situation auf Crab Key untersuchen.
4.) Quarrel (Q), ein einheimischer Partner von der Schatzsache, holt ihn vom Flughafen ab, eine Reporterin der Zeitung Gleany bedrängt ihn, hat aber ein zu auffälliges Fahrzeug, schütteln einen Verfolger ab, fahren zum Blue Hills, holen Erkundigungen über Dr. No ein, eine Chinesin photographiert ihn, Annabel Chung, auch vom Gleany, lässt sich aber nicht verhören, trotz Handgreiflichkeiten, er presst den Thenar (lt. Handlesekunst der „Venushügel“ auf der Hand – nicht mons pubis).
5.) B beauftragt Q einen anderen Wagen zu besorgen, und den alten von zwei ähnlich aussehenden Typen nach Montego bringen zu lassen, sie ziehen aus dem Hotel aus nach Morgan’s Harbour, B selbst geht zum Gouverneur, der den Fall aber als Affäre abhakt, Gespräch mit Vizegouverneur Pleydell-Smith läuft besser, lässt die Akten über Dr. No holen, die aber nicht auffindbar sind, Assistentin ist eine Chinesin, Details über Guano-Abbau, günstiger Dünger.
6.) Einladung in den Queen’s Club, B erhält einen Obstkorb aufs Zimmer, sendet den Obstkorb dem Vizegouverneur, um ihn analysieren zu lassen, in der Nacht wird ein giftiger Hundertfüßer auf ihn angesetzt, B hält still, das Tier kriecht über ihn hinweg, ohne ihn zu beißen, B springt auf, zermalmt ihn.
7.) B und Q trainieren, erhalten Nachricht, dass der Obstkorb vergiftet gewesen ist und auch, dass ihr Auto mit den zwei Insassen in Richtung Montega von der Straße abgedrängt wurde. Sie stehen also unter Lebensgefahr und setzen, als Bond wieder fit ist, über nach Crab Key, segeln unter dem Radar, kommen an, verstecken das Boot, schlafen am Strand.
8.) B lernt Honey (H) kenne, die Muscheln sammelt, ihr Kanu liegt am Strand, sie kennt die Insel, hat auch schon den Drachen gesehen. B befürchtet, Hs Boot wurde vom Radar erfasst, und da kommen schon Dr. Nos Häscher.
9.) Ein Motorboot kommt und beschießt sie, zerschießt auch Hs Boot. Die Wächter von Dr. No kündigen eine Rückkehr mit Hunden an. Sie verziehen sich ins Landesinnere, Hitze, Insekten. Dann Hundegebell. H schlägt vor, im Fluss abzutauchen und durch ein Bambusrohr zu atmen.
10.) Hunde versuchen sie aufzuspüren, aber finden nichts, ein Wächter als Nachzügler kommt ihnen zu nahe, B bringt ihn um, H entsetzt, will wissen, worum es eigentlich geht, sie ziehen weiter ins Landesinnere, sehen Drachenspuren, die wie Reifenspuren aussehen, finden ein Quartier, um zu essen und zu übernachten.
11.) B erzählt H, dass er eine Art Polizist ist, sie erzählt ihre Hintergrundgeschichte und von ihrem Plan, Call-Girl zu werden, B rät ab, verspricht ihr zu helfen, lehnt aber ihren Vorschlag ab, mit ihr eine Nacht zu verbringen.
12.) Der Drache kommt ein, ein maskierter Traktor mit Flammenwerfer. Sie beschießen ihn, werden entdeckt, Quarrel wird vom Flammenwerfer erfasst und stirbt, B und H werden gefasst. Sie werden in Dr. Nos Hauptquartier gebracht.
13.) Innenräume wie eine Klinik, B und H werden fürstlich empfangen, sie werden auf ihr Zimmer geleitet, mit Essen versorgt, sie frühstücken, säubern sich, und merken dann, dass sie betäubt worden sind, schlafen beide ein. Ein Mann mit mechanischen Händen beobachtet sie im Schlaf.
14.) Sie werden zu Dr. No gebracht, zum Dinner, finden sich in einem Unterwasseraquarium wieder. Dr. No erwartet nun die Wahrheit, droht ihnen mit seinen Klauen.
15.) Dr. No macht klar, dass sie nicht mehr von der Insel entkommen werden, spricht über Macht, über seine Geschichte, erzählt von seiner Besessenheit, und davon, wie ihn die Audubon-Gesellschaft genervt hat, seine Privatsphäre gestört hat, wegen Rosalöffler, die er mit dem Flammenwerfer vertreibt. B versucht Dr. No Angst einzujagen, mit einem Bluff.
16.) No fehlt nicht darauf herein. B erschmuggelt sich Feuerzeug und Buttermesser, No spricht von seinen Plänen, Lenkraketen zu kontrollieren und zu erbeuten, um sie der jeweiligen Gegenseite zu übergeben, auch um Fehlfunktionen zu induzieren, No spielt Moskau, die USA und China gegeneinander aus, B geht die Geduld aus. No will H von Krabben auffressen lassen, von sogenannten schwarzen Krabben, und Bond soll einen Testparcours bestehen. H wird ohnmächtig.
17.) B kommt in eine Zelle, orientiert sich, zieht sich um, dann bricht er durch ein unter Strom gesetztes Gitter aus, das er zuvor in eine Lanze geformt hat, klettert durch ein Rohrsystem nach oben, Stück für Stück, erschöpft kommt er oben an, dort werden die Rohre beheizt, er fügt sich beim Krabbeln Verbrennungen zu, dann kommt er an ein Gitter mit Taranteln, mit Feuerzeug und Lanze tötet er sie, krabbelt weiter, plötzlich geht es abwärts.
18.) Er wird in ein Meeresbassin gespült, wo er ein riesiger Kraken auf ihn wartet, den B blendet. B entkommt, zerschunden, von Brandwunden übersät.
19.) B geht zum Schiffsanlegeplatz, wo Guano verladen wird, No überwacht dies. B klettert auf einen Kran, schwenkt das Ladeförderband um, sodass No unter Guano begraben und erstickt. Kriecht durch einen Tunnel weiter, um H zu befreien, die überrascht ihn aber. Sie fliehen nun gemeinsam. Sie klettern in die Garage zum Traktor, bewaffnen sich, und fahren mit diesem davon, von Hunden gejagt. B stoppt, erschießt die Hunde. H erzählt ihm, wie sie sich befreit hat, sie blieb bei den Krabben ganz ruhig. Es passierte ihr nichts.
20.) H bringt den verletzten B zurück, dort verbringt er eine Nacht im Krankenhaus, am nächsten Tag treffen mit dem Gouverneur, dem Vize und einem Marine-Brigadier. Sie planen eine Eroberung der Insel. Der Gouverneur gibt klein bei. B legt für H ein gutes Wort bei Pleydell-Smith ein für eine Stelle im Jamaika-Institut. Er fährt zu H, verbringt dort eine Nacht mit ihr, bevor er wieder ins Krankenhaus geht.
●Kurzfassung: Nach einer Mission in Russland, aus der Bond verletzt herauskommt, wird er als quasi Urlaubsauftrag nach Jamaika geschickt, um Ungereimtheiten über das Verschwinden von MI6 Agenten zu lüften. Auf Jamaika wird Bond Ziel von Attentaten, die Bond auf Dr. No zurückführt. Er fährt zur Insel, gerät in Gefangenschaft und entkommt über ein Testparcours und bringt Dr. No um, verhindert so, dass die Sowjetunion kritische Information über US-Lenkraketensysteme erhält.
●Charaktere: (rund/flach) eher rund, ausgestaltet
●Überflüssige Szenen/Charaktere: für den Plot selbst erscheinen Quarrel und Honey unnötig, sie fügen der Story nichts hinzu, auch der „Drache“, der die Rosalöffler vertreibt, erscheint als Motiv sehr gewollt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Fahrt nach Crab Keys in der Nacht, das Entkommen durch das Rohrsystem, die Szene auf dem Kran, als Bond Dr. No in Guano begräbt, auch die Hundertfüßer-Szene im Hotel.
●Diskurs: Kalter Krieg. Wettrüsten etc …
… spannend inszeniert, mit eindrucksvollen Szenen, Bildern und einer gelungenen Atmosphäre, kein Über-Agent, Bond eher reflektiert, vorsichtig, zweifelnd, sehr rational, nicht überheblich. Nervige Klischees, Weiße gegen Farbige, West gegen Ost etc … überzeugend aber die Motivik leidender Agenten ausgeliefert, kämpft um sein Leben. Vom Plot her interessant und mitreißend.
–> 5 Sterne

Form:
●Eindruck: sehr sauber, flüssig, mit ein paar immersiven Stellen, ein paar Metaphern hinken sehr:
„Wochen später schlich sich der März wie eine Klapperschlange an London heran“
„zahllosen Ferienhotels, die sich wie eine Hautkrankheit verbreiteten“
„Die Nächte waren schwarz wie die Sünde.“
„hingen ihre Haare wie ein goldener Wasserfall herunter“ … ansonsten stimmungsvoll, atmosphärisch, nie nervig.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch, wie ein Abenteuerbuch, erzählend, deskriptiv
●Auffälligkeiten: ein paar zu viele Plattitüden
●Innovation: keine
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: personal, aber mit ein paar allwissenden Einschüben; nur das Innenleben von Bond beleuchtet, sonst von außen gesehen, nicht von Bonds Perspektive abhängig, eher anonymes Erzählen, typischer Krimi, durchs personale Erzählen wirkt es aber nicht so, als würde einem Informationen vorenthalten werden
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): unreflektiert, weitestgehend unperspektiviert und unsituiert
●Erzählverhalten, -stil, -weise: nüchtern, lakonisch
●Einschätzung: besitzt keine erzählerische Eigendimension jenseits des Plots, ganze Roman nur vom Plot gehalten, die Erzählfunktion, die Erzählinstanz spielt untergeordnete Rolle, und dadurch verliert der Roman an literarischen Komplexitätsgrad, naives Erzählen, aber ohne Entgleisungen
–> 2 Sterne

Komposition:
●Eindruck: Sehr auf Rahmenwirkung bedacht (Hundertfüßer über Bonds Körper, Krabben über Honeys Körper; immer wieder das abgebrannte Herrenhaus; Pus-Feller, der Besitzer vom Joy Boat, später Bond, der auch mit einem Oktopus kämpft; der Venushügel von Annabel Chung und Honey); auch klare Staffelung: Bond mehr oder weniger allein bis 33%, dann Auftauchen von Honey, Auftauchen dann von Dr. No bei 66%. Zwar entwickelt sich der Plot sehr konsistent, jedoch erhalten die Figuren zu wenig Notwendigkeit, Quarrel (wozu?) und Honey dient nur zum Amüsement des Publikums (noch schlimmer im Film). Wirkt dadurch etwas aufgebläht und verzettelt, zudem gibt es keine Form-Inhalt-Dialektik, das Wie des Erzählens spiegelt nicht das Was des Erzählten wider, beeinflusst es kaum. Sprache bleibt Vehikel.
… Roter Faden: Honeys Wunsch nach einer Schönheitsoperation, Makel der Nase.
●Signal/Noise-Ratio: viel inhaltsbasierter Noise, aber klares Plot-Signal
●Operative Geschlossenheit: Kampf gegen den Kontrollverlust, Dr. No will Kontrolle, Macht an sich reißen; Kontrollverlust auch von Bond, am Ende des Buches sagt Honey, du, was man dir sagt. Lenkraketenkontrolle. Privatsphäre. Die Insel. Hier der Gegenpol: Honey, als Abenteuerin, freie Figur, jedoch geht diese Spannung nicht auf.
… wäre Honey noch selbständig, ohne Wunsch nach Schönheitsoperation, ohne Ziel, Call-Girl zu werden, etc … also wäre sie freier, unbekümmerter, noch dynamischer, wäre die Komposition zwingend, da sie das selbständige Prinzip darstellt, das Dr. No und Bond ersehnen, die Freiheit, die sie in der Welt der Intrigen und der Weltmächte nicht besitzen, aber Honey ist eher parallel entwickelt, rächt sich an Mandel durch Spinne (das Insekt), tötet also auch zur Vergeltung, und will im Grunde wieder Teil der Welt werden
●Rahmenstabilisierende Details: die Insel, die Ausgeliefertheit Bonds, die Flucht
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): ja, dynamisch durch kontrollierte Kapitelaufteilungen.
●Extradiegetische Abschnitte: nein.
●Lose Versatzstücke: die Figur Honeys und Quarrels, auch der Ort Jamaika wirkt beliebig; der Drache als Motiv sowieso (fast lächerlich)
●Reliefbildung: durch die Torturen, die Bond durchlebt, seine Impulskontrolle Honey gegenüber
●Einschätzung: vieles schließt sich zu einer Einheit zusammen, aber ein paar lose Motive, nicht zwingend, teilweise etwas schleppend, doch sehr lesbar als Abenteuer.
–> 2 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: viel interessanter als der Film, Bond erscheint mehrdimensional, Atmosphäre der Insel überzeugend, Dr. No auch, sein Unterwasseraquarium, ein bisschen Dr. Nemo-Ansinnen. Honey im Buch sehr gut angelegt, hat aber Ausbaupotential als freie Amazone, Dr. No auch interessant, aber etwas gehetzt beendet, etwas kurz, hätte noch tiefer in die psychologische Konturierung investieren können.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, sehr
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, besitzt kaum ästhetische Dimension
●stimmig?(Komposition) kaum
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht


Percival Everett: „Dr. No“

Dr. No by Percival Everett

Entzauberter Sinn der Sinnlosigkeit. Eine Akademiker-Farce.

Inhalt: 3/5 Sterne (Roadtrip ins Nichts)
Form: 3/5 Sterne (professionell)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (beliebig-schelmisch)
Komposition: 1/5 Sterne (Kessel Buntes)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (etwas witzlos)
–> 12/5 = 2,4 = Sterne

Everett nimmt offensichtlich Bezug auf Ian Flemings gleichnamigem Roman Dr. No und lässt als Super-Bösewicht einen aus dem Rotlichtmilieu stammenden Racheengel namens Sills auftreten, der die Gegenwarts-USA ins Nichts befördern will, also weder ins Jenseits noch ins Diesseits, sondern auslöschend inexistent. Der Plan lautet, wie auf den ersten Seiten gesagt wird, das höchstwahrscheinlich vor gähnender Leere strotzende Fort Knox auszurauben.

John Sill blickte sich um, musterte jeden im Raum. »Wissen Sie, was in Wirklichkeit im Tresorraum von Fort Knox ist?«
»Nein.«
Er beugte sich vor, stützte wirklich und wahrhaftig das Kinn auf den Handteller wie ein Liebhaber oder zumindest wie jemand, der mich schon länger als eine Viertelstunde kannte, und sagte: »Nichts.«
»Sie meinen, da ist kein Gold.«
»Ich meine, da ist nichts.«

Sill heuert als Nichts-Experten einen Wala Kitu an, aus dessen Perspektive erzählt wird. Als Objekt des Begehrens dient aber nicht das Gold von Fort Knox, sondern Walas Kollegin, die Differentialtopologin Eigen Vector, die sich sofort Hals über Kopf in Sills vernarrt. Satirisch angehaucht beginnt nun eine Reise durch Sills Universum, von Rhode Island nach Miami, von dort nach Korsika und zurück, um dann über Washington nach Kentucky zu gelangen. Hier spielt der Wortwitz, die Sprachlust, das kunterbunte Herumfabulieren die Hauptrolle:

Wenn der Raum, ganz gleich wie leicht, gekrümmt ist, krümmt er sich dann in eine oder — in Anbetracht von Gravitationskräften aus dieser und jener und dann wieder dieser Quelle — in viele Richtungen, und kann er sich durch so viel Raum krümmen, dass er sich schließlich auf sich selbst zurückkrümmt? Bla, bla, bla. Licht krümmt sich und wird in ein schwarzes Loch gesogen. Hört es dann auf, Licht zu sein? Lässt es einen Ozean von Licht volllaufen? Bla, bla, quassel. Trotz aller Sterne, die wir nicht zählen können, und trotz allen Lebens, das — vielleicht parallel zu uns, vielleicht aber auch nicht — existieren muss (denn wie können wir allein sein?), gibt es da draußen nichts, und das ist die Wahrheit, die uns nachts schlafen lässt.

Wala mutet oft wie ein zu spät gekommener Existenzialist an, der halb gegen das Camus’sche Absurde rebelliert, sich halb ihm hingibt, und mit der verbleibenden Nullmenge, als topologische Naht Lebesgues-integrierbar, das Nichts angafft. Oft mit Fröhlichkeit, hier und da mit Verve, aber zuvörderst als Unsinn, im Sinne der Sokal-Affäre mit gefaktem Wissenschaftsvokabular um sich schmeißend, bis sich einem der Kopf vor Widersinn dreht und einem der Sinn aufgeht, endlich Fünfe auch mal gerade sein zu lassen.

Dr. No liest sich vor allem als Wissenschaftssatire: gelangweilter Professor und gelangweilte Professorin lassen sich auf Rachefeldzug ein, und schmeißen ihr ernsthaftes Fachvokabular über Bord, und ja, Everett ist Professor und hat wie Eco in Die Insel des vorigen Tages ein Buch gegen die Langeweile geschrieben. Bei mir hat’s auch über weite Strecken gezogen, nur am Ende nicht viel hinterlassen. Ecos Schelmen-Schmauserei im Mittelalter hat mir besser gemundet.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Wala Kitu, Eltern Mathematiker, oder Ralph Townsend, Mutter Künstlerin, Vater Taxifahrer, einst Anglist und Professor. W Professor an der Brown Universität. Forschungsgebiet: nichts. Hat einen einbeinigen Hund namens Trigo, für die drei fehlenden Beine.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Providence, Rhode Island:
– W wird kontaktiert von John Milton Bradley Sill (S), der von seiner Mutter Millionen geerbt hat, die wiederum im Rotlichtmilieu zu Reichtum gekommen ist, nachdem ihr Mann von der Regierung erschossen wurde. S beschließt Bond-Schurke zu werden. Bezieht sich auf den Bond-Film Goldfinger und beschließt, das Gold aus Fort Knox zu stehlen, in der vollen Überzeugung, dass sich dort nichts befindet. Er heuert W an, als Experte von nichts, ihm zu helfen, dieses nichts zu stehlen. Er gibt ihm 3 Millionen Dollar in Vorkasse, als Scheck, den in der Bank einzulösen, er ein wenig Probleme hat.
– Sein Hund flüstert ihm ein, dass er ein Auto für den Job benötigt. Nun hat W das Problem weder ein Auto noch ein Führerschein zu haben. Logisch schließt er, dass er ein Auto benötigt, bevor er einen Führerschein machen kann. Er findet in den Kleinanzeigen einen Alfa Romeo GTV [Bond-Auto in Octopussy]. Er beschließt den Wagen für 30000 zu kaufen, am nächsten Tag trifft er die Ehefrau des Verkäufers an, die ihm dann für 25000 ihren BMW verkauft und ihm Fahrstunden noch dazu erteilt.
– Hintergrundgeschichte von Sill: Loretta Sills Sohn, aus Memphis, Tennessee. Sein Vater stirbt unter mysteriösen Umständen bei einem Müllabfuhrstreik. Seine Leiche wird Wochen später am selben Tag gefunden, als Martin Luther King erschossen wird (4. April 1968). Als S 17 Jahre alt ist, wird seine Mutter von Sindbad Willis erschossen, dem Polizeichef von Memphis. S kommt zur Überzeugung, dass sein Vater von Sindbad Willis im Zusammenhang mit dem Attentat von Martin Luther King erschossen wurde. Er besucht den Attentäter James Earl Ray im Gefängnis, und zwar am 4. April 1990. James Earl Ray gibt zu, Ss Vater erschossen zu haben. Im übrigen aber hat Sindbad Willis Martin Luther King erschossen.
– Universitätsumfeld von W, ein Student namens Sam, der sich als non-binär identifiziert. S sucht ihn auf. Die Kollegin Eigen Vector (E) stößt hinzu, die fasziniert von S ist. Sie ist Differentialtopologin. Sam begleitet W nach Hause, hat Zweifel, ob er Mathematiker werden soll. Sein Haus wird gestürmt, und W wird von der Polizei aufgegriffen.
– Die Agenten Bill Clinton und Mitchell interviewen ihn wegen S. Sie müssen ihn gehen lassen.
– Sam hat sich um den Hund gekümmert, darf Ws Auto nehmen, um nach Hause zu fahren. W schreibt S über seine Verhaftung. Sie treffen sich. E begleitet S, sie will Böses tun, fasziniert und inspiriert von S. Sie begleiten S nach Miami.
2.) Miami:
– S gibt Motiv preis. Er will die USA abwracken, sich dafür rächen, dass dort seine Eltern umgebracht wurden. Sie lernen DeMarcus, dem Butler kennen.
– Erstausgaben in der Bibliothek. Eigen kleidet sich zunehmend aufreizender. Sie gibt sich S hin.
– Sie essen Kugelfisch, Fugu. Sie trinken Angostura Legacy, auf 0,55 Grad Celsius gekühlt.
– Sie schauen sich S U-Boot an [Der Spion, der mich liebte]. S gibt zu, E unter Drogen zu setzen. W lernt Gloria (G) kennen.
– Verstörte E übernachtet bei W, tröstet sich mit Trigo. W beschließt auf der Veranda zu schlafen.
– Traum, in dem Trigo kommentiert. Es Kommentare über Schuhe, die zusammenpassen. E wacht auf, glaubt, sie wird nicht mehr gehen gelassen, weil sie etwas überhört hat, was S zu jemandem gesagt hat.
3.) Korsika:
– Fliegen nach Korsika.
– Spartanisch, bauhausmäßig eingerichteter Komplex. G, die Pilotin, bewacht W. Er wird Zeuge, wie S Agostinho Aguedo hinrichtet, in ein Haifischbecken stürzen lässt. W nun überzeugt, dass S böse ist, will fliehen.
– G erzählt ihre Geschichte. Sie hat in CalTech studiert, Geowissenschaften, und soll für S ein Erdbeben erzeugen. Aufregend. Sie bietet W Sex an.
– Er versucht E zu finden, macht sich Sorgen um sie. Findet sie. Sie ist unter Drogen.
– Sie schauen sich Ein andalusischer Hund von Dali an. Sie fliegen zurück nach Miami.
Eine bijektive Funktion:
– DeMarcus hat sich um Trigo gekümmert, ihn verwöhnt. W will fliehen, zurück nach Providence. E will ihn nicht begleiten.
– G fährt ihn zurück zum Flughafen. Er fliegt, wird vom Linienbus nach Hause gebracht.
– Sam hat das Auto zurückgebracht. Mitchell und Bill Clinton beschatten ihn. W gibt zu, dass er sich Sorgen um E macht.
– Anruf von E. W fährt los nach Washington.
4.) Für alle y, sodass
– Er wird auf der Fahrt kontrolliert, wegen seiner Hautfarbe, wird dann aber freigelassen, auf Befehl eines Vorgesetzten hin.
– Sie besuchen das Naval Observatory, von wo es einen Zugriff auf den Komplexe-Projektive-Ebene-Orpiter (KOPEO) gibt.
– Sie lernen Jean Luc Monfils kennen. Polizei jagen sie. Sie entkommen verkleidet als Sikh.
– S bringt ihn ins Four Seasons, wo auch E sorglos beim Yogakurs weilt. G versucht ihn zu verführen. E noch unter Einfluss. W versteht, dass er Gefühle für E hat.
– W will aussteigen. S lässt das nicht zu. G bewacht ihn nun.
– W flieht, indem er vom Balkon aus, hinab in den nächst unteren Stock sich hangelt. Versteckt sich in Es Zimmer. E und W gelingt die Flucht.
Eine Unterscheidung zwischen Namen und anderen Wörtern
– Sie heben Geld ab und gehen etwas essen. Verstehen, dass sie vertrauensselig, dumm gewesen sind.
– Hintergrundgeschichte von E, Mutter Botanikerin. Ehe der Eltern zerstritten. Mit 19 Jahren Professorin. Sie essen eine Suppe ohne Namen.
– Sie kleiden sich um. E trägt Jogginghose mit Juicy drauf. Treffen einen fremdwörtelnden Prediger. Sie quartieren sich ein in einem Holiday-Inn.
– Sie beschließen S Plan vereiteln zu wollen. Er soll keinen Zugriff auf den KOPEO bekommen.
– W kontaktiert einen irren katholischen Priester. Damien Karras. Ein Astrophysiker, der vielleicht helfen kann, ins Naval Observatory zu gelangen. Sie finden ihn. Er begleitet sie.
5.) Zwei Hasen jagen
– Sie gehen zum Kenyon Grill, etwas essen, treffen dort auf eine schimpfende Kellnerin.
– Sie kaufen sich Eintrittskarten ins Observatory, verstecken sich in einem Zwischengeschoss, und warten.
– Karras hat sie ausgeliefert an S. Sie treffen auf den Vizepräsidenten Shilling [Pence], der mit S unter einer Decke steckt [Präsident hat orangefarbene Haare, Trump]. S erschießt Karras. Sie lassen mittels des KOPEOs Quincy, Massachusetts, verschwinden, ein Ort mit vielen weißen Rassisten. Es ist so, als hätte es den Ort nie gegeben.
6.) Humpty Dumptys extreme Praxis
– W findet sich im Haus des Vizepräsidenten wieder. Belauschen S mit Shilling. Shilling hat es satt, in des Präsidenten orangenen Arsch zu kriechen.
– Sie treffen auf Leon Coltrane, dem sie Trigo übergeben und der ihnen bei der Flucht verhilft.
– W und E suchen Zuflucht im Hotel, Georgetown Inn. Er bezahlt mit Kreditkarte, um die Geheimagenten auf seine Spur zu setzen (Bill Clinton und Mitchell).
– W träumt, dann stürmen Ermittler das Hotelzimmer.
– Mitchell und Bill Clinton wissen nichts von Quincy. Sie riechen Fliederduft.
7.) Begriff und Gegenstand
– W wacht im Flugzeug, bei G auf. Sie wurden vom Narkosegas betäubt. E und W tauschen sich aus, über G, über S, verwirrt. Sie reden über Sex.
– W und E halten Händchen. W sagt DeMarcus, dass S Trigo umbringen lassen hat, eine Lüge.
– S und W unterhalten sich, E wieder unter Drogen.
– W versucht G zu bestechen, um E von S loszueisen. G nicht interessiert. Er hat ein Traumgespräch mit Leon Coltrane.
– S hat einen General Takitall auf seiner Seite, der sich eine Villa in der Toskana wünscht. W und Takitall quatschen.
8.) Biblische Ausmaße und das Fünfte Postulat
– W bittet G, ihm zu helfen. G bietet ihm wieder an, Sex zu haben. W erzählt ein Witz-Rätsel, und G entpuppt sich als Roboter. Er hat sie zum Absturz gebracht. Die zwei Agenten zeigen sich, wollen W helfen. DeMarcus glaubt das nicht, weiß aber, dass S den General ermordet hat.
– W trifft S in Es Zimmer. Er muss sich eine Gasmaske anziehen.
– S hat alle mit Fliederduft betäubt. S bringt jemandem einfach um, E schreit. Mit General Takitalls Code, öffnen sie den Tresor von Fort Knox.
– Sie finden viel Gold und eine Schachtel mit P.F. Flyers. S enttäuscht, dass Fort Knox nicht leer gewesen ist, nimmt die Schachtel, lässt das Gold abtransportieren. Er meint, zumindest in der Schachtel, sei nichts. S tötet den Vizepräsidenten.
9.) Il n’y a pas de hors-texte
– Schachtel noch ungeöffnet. Sie essen Gros Michel Bananen. Bananen nur ein Stück vom Baum, keine Samen. Clinton und Mitchell tauchen auf, werden aber sofort erschossen. G wieder aktiv.
– Die P.F.-Flyer Schuhschachtel [typische US-amerikanische Sneaker, Posture Foundation, das heißt Haltungsfundierung, ein Fundament für gute Haltung], Sam, eigentlich Chris, vom MI6, und DeMarcus von MSS China, namens Xue Wenqing, Leon Coltrane, Bundesnachrichtendienst Bundesrepublik Deutschland. Sie öffnen die Schachtel. Nichts geschieht.
●Kurzfassung: Drama in neun Akten. Nerd trifft Milliardär, wird angeheuert (1). Milliardär spannt Nerd die Freundin aus (2). Nerd bekommt mit, wie böse der Milliardär ist (3). Nerd entkommt, will aber Freundin retten (4). Rettet Freundin, versucht Plan zu vereiteln (5). Wird gefangen genommen, entkommt erneut (6). Wird wieder gefangen genommen, verschleppt (7). Milliardär raubt Fort Knox aus, erbeutet eine Schuhschachtel (8). Die Schuhschachtel wird geöffnet und nichts passiert (9).
●Charaktere: (rund/flach) flach inszeniert, nicht ausgeformt, Bond-Persiflage.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Für den eigentlichen Plot, Milliardär will sich an den USA rächen, die Goldreserven stehlen, werden nur die US-Geheimagenten als Gegenspieler benötigt. Der Rest flottiert fröhlich sinnlos herum.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Autokauf von dem zerstrittenen Ehepaar, die Träume von Trigo, dem Hund, kommentiert
●Diskurs: USA von Trump, da der Vizepräsident offenkundig Pence heißt (Shilling) und den orangenen Arsch des Präsidenten nicht mehr abkann.
… als Story sehr dünn, hat supranatürliche Ereignisse, als der KOPEO einen Landstrich zum Verschwinden bringt. Hier also wird eine Dimension geöffnet, die gar nicht weiter verwendet, genutzt wird. Selbstredend lässt sich das nicht erklären, dass ein Landstrich aus dem Gedächtnis und aus dem Kontinent verschwindet (die Nichts-Kanone). Es bleibt aber bei bloßer Nennung. Die ganze Physik-Mathematik-Schlagseite bringt nichts ein. Der Plot verläuft sich ins Leere. Das Nichts spielte keine Rolle. Viel Lärm um nichts. … was aber funktioniert hat, die Redegewandtheit, die Sprüche des Protagonisten, auch Sill hat seine Momente. Eigen Vector nicht so, die die ganze Zeit über eigentlich stoned ist. Gloria lässt sich gar nicht verstehen. General Takeitall wird nur als Opfer eingeführt, wie auch der Vizepräsident, und was der Prediger Karras soll, keine Ahnung. Es kommen sämtliche Probleme der Neuzeit vor: Überwachung, katholische Kirche und Kindesmissbrauch, Finanzkrise, Goldwertentkopplung, MAGA und die Großmannssucht etc … Black lives matter. Ein Diskursroman nur persifliert komisch (und dadurch nicht schwerfällig und pädagogisch).
… erinnert in vielerlei Hinsicht auf die Akademiker-Satiren eines Ecos, der sich ausschüttende Gelehrsamkeit, die sich erholt, farbenfroh und bunt.
… kann nicht sagen, dass das Buch langweilig gewesen wäre, ein paar Umdrehungen zu viel, Sill blieb zu unklar, aber die Szenen wirkten und fetzten, aber hinterließen nicht sehr viel, um darüber nachzudenken.
–> 3 Sterne

Form:
●Eindruck: professionell geschrieben, sehr dialoglastig, fast drehbuchartig für eine Serie, die ich sogar gerne sehen würde, keine ärgerlichen Häufungen und Wiederholungen, robust in der Wortwahl, hier und da ein wenig überzogene Metaphern.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad.
●Auffälligkeiten: keine
●Innovation: keine
… liest sich wie ein Unterhaltungsroman, wie Douglas Adams Anhalter, oder ein Stephen King (sprachlich, inhaltlich gesehen reißt King mehr mit). Hier und da gekonntes Jonglieren mit „nichts“ als Wort.
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: eher unzuverlässig erzählender Ich-Erzähler, der aus einem unbekannten Jetzt über die Vergangenheit schreibt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): klar perspektiviert, unreflektiert und unsituiert. Es ist nicht klar, wo Wala Kitu sich befindet. Auch erzählt Wala sehr immersiv.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: abgeklärt, satirisch, desillusioniert
●Einschätzung: Figur bekommt wenig Schwung im Erzählen, viel Schwung in der Jongliererei mit wissenschaftlichen Fachvokabeln, das er zweckentfremdet, nach Gusto, hier draufgängerisch und abenteuerlustig. Durch das unzuverlässige Schelmenhafte aber zu beliebig, zu leichtfüßig und hasenfüßig insgesamt
–> 2 Sterne

Komposition:
●Eindruck: sehr schwache Gesamtkonzeption. Es passt nicht viel zusammen – wieso heuert Sill Wala an, wegen nichts? Plausibel Eigen Vector, die Aufregung will, und diese von Sill bekommt, aber der ganze Plan wird ohne Wala durchgeführt und ausgeführt. Seine Expertise spielt gar keine Rolle, und der Inhalt von Fort Knox auch nicht. Alles ein großer Witz. Genauso konsistent wie ein Witz, nämlich gar nicht.
●Signal/Noise-Ratio: viel Rauschen, fast kein Signal, da es um den Wortwitz geht, die Unterminierung der Begriffe hin zu einem fröhlichen Singsang.
●Operative Geschlossenheit: ja, im Sinne der gleitenden Signifikanten, irgendwohin, das Ausufern als Narration
●Rahmenstabilisierende Details: keine, höchstens Eigen Vector als Objekt der Begierde von Sills und Wala, und auch Trigo
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): relativ zackig, belebt.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: sehr viele, bspw. der Autokauf, bspw. der Trip nach Korsika, bspw. Karras der Prediger etc …
●Reliefbildung: eher plätschernd
●Einschätzung: als Roman fand ich den Plot zu fad, als Satire zu wenig bissig, als großangelegter Witz etwas pointenlos, sehr postmodern, sehr Derrida-mäßig, auf seine Weise entzauberter Sinn der Sinnlosigkeit
–> 1 Stern

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: nett zu lesen, mehr nicht, ein wenig klischierte Frauenfiguren, als Persiflage auf Bond, klar … aber auch klischierte Figuren der Ich-Erzähler selbst, der nicht zu Potte kommt.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein
●ein zweites Mal lesen? nein
–> 2 Sterne

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Elias Hirschl: „Schleifen“

Schleifen by Elias Hirschl

Vergnügliches Sprachzermalmungswerk – popliterarisch auf den Punkt gebracht.

Inhalt: 4/5 Sterne (gelungene Sprachverwirrungsmetaphern)
Form: 5+1/5 Sterne (fließend-poetisch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (popliterarische Montage)
Komposition: 5/5 Sterne (stimmige Rahmung)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (vergnüglich-ästhetisch)
–> 23/5 = 4,6 = 5 Sterne

Elias Hirschl verknüpft in Schleifen die sprachexperimentelle Fröhlichkeit einer Barbi Marković aus Minihorror mit der Faszination für modallogische Probleme der Linguistik und Mathematik aus Dietmar Daths Gentzen oder: Betrunken aufräumen durch einen aus der Gemengelage der Gegenwartsliteratur herausstechenden Stil einer Raphaela Edelbauer aus Die Inkommensurablen. Im Zentrum des Geschehens stehen Franziska Denk und Otto Mandel, die ein Institut für angewandte Sprachforschung in Berlin Charlottenburg gründen:

Wusste man, wie ein Zeichen aussah, kannte man also auch sofort seine Bedeutung innerhalb der Taxonomie allen Seins. Jedes einzelne Objekt im Universum hatte sein eigenes unverwechselbares Zeichen, seinen eigenen individuellen Namen. […] Jedes einzelne der Zeichen korrelierte dabei mit einem Phonem. Für jedes zusätzlich hinzugefügte Symbol, das einen Begriff genauer verortete, kam ein zusätzlicher phonetischer Laut hinzu, sodass die Sprache zumindest theoretisch auch gesprochen werden konnte.

Diese Objektsprache scheitert jedoch aus einsehbar praktikablen Gründen, denn die Zurückführung eines jeden einzelnen Gegenstandes auf einen Namen zerstört alle Begriffe und darum jedwede Möglichkeit, Informationen ohne Präsenzsystem zu erzeugen können. Diese Zersplitterung der Sprache soll die formallogischen Probleme lösen, die sich bspw. in der Mathematik und auch allgemeinen Kommunikationstheorien ergeben und mit Gödels Unvollständigkeitssätzen 1931 ihre Formalisierung gefunden haben. Schleifen erzählt nun aber auch die Liebesgeschichte zwischen Mandel und Denk, und dies auf einfallsreiche, sensible Weise:

Doch jedes Mal, wenn sich Otto danach erkundigte, wie es ihr ging, erlitt sie einen neuen Anfall, da sie durch seine Briefe immer wieder an ihre Krankheit erinnert wurde. Irgendwann war sie schon nahe daran, den Briefkontakt vollständig abzubrechen, doch dann traf eines Tages ein neuer Brief von Otto ein. Ein komplett leerer Brief. Mit diesem Brief wurde eine Zeit eingeläutet, die die Germanistin Franka Sendzik später als Denks und Mandls »leere Ära« bezeichnen würde. Über mehrere Jahre hinweg schickten sich die beiden Jugendlichen Briefe ohne Inhalt. Diese jahrelange stille Freundschaft half Franziska, aus dem Loch herauszukommen, in das sie gefallen war.

In ungewöhnlich geschliffener, stilistisch sicherer, flüssiger Art zeichnet Hirschl die logischen und emotionalen Problemen seiner Figuren nach, mischt viele Allegorien, Fabulationen und witzige wie erschreckende Eskapaden in den Fließtext und gestaltet so eine Art intellektuellen Schelmenroman als Antwort auf die Sprachverwirrungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Seltsam unterhaltsam, spritzig, überzeugend werden die Motive bekannter Geistesgrößen mit den radikalen Experimenten seiner Figuren vermischt, bis am Ende so etwas wie ein kassandrisches Kafka-Orakel gefunden wird, das die logischen Probleme löst, indem die Semantologie freiverfügbar, also ins lockere Gefüge gesetzt wird. Mit anderen Worten, alles lässt sich vorhersagen, wenn alles mit allem bezeichnet wird, bspw. das Wetter, wenn Regen, Sonnenschein etc … nur mit einem Wort benannt werden. Das Lustige und Tragische an dieser Lösung zeigt sich am langsamen Wahnsinnig-Werden der Figuren, das quasi die zerfallenen Pilze eines Hofmannsthal in die neumodische Brandrede eines KI-Algorithmus übersetzt. Auf bedenkliche und sehr bedenkenswerte Art und Weise.

Elias Hirschl zeigt, wie Literatur, statt wie Benjamin Labatut in Maniac die Wissenschaft nur als Schaulaufen auszubeuten und sowohl Ernst wie Spiel beider Sprachschöpfungen zu schaden, sie beiden gerecht werden kann, ohne an Abstraktionshöhe zu verlieren oder an Unterhaltsamkeit und Ästhetik einzubüßen.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
– Franziska Denk (F), erleidet die Krankheit, von der sie hört (direkte Verkörperung der versprachlichten Symptome  Sprache als Gefahr), hat Kontakt zu Kurt Gödel, Wiener Kreis; Vater von F heißt Carl Stonebrook, christlicher Missionar; Fs Mutter wie Fs Vater von der Philosophie Francesco Savogini überzeugt, dass es den Turmbau zu Babel gegeben hat; nach Tod von Moritz Schlick, Flucht der Familie in die USA; Carl stirbt, als F 10 Jahre alt ist, 10.01.1942; Mutter wird verrückt, beginnt eine Mathematik auszuarbeiten, erschlägt mit einer Ausgabe von Kritik der reinen Vernunft Fs Katze Fuzzy; Mutter verschwindet am 31.12.1942; hat mathematische Theorien in Schleifenform verschickt.
– Otto Mandl, Sohn von Alfred Mandl, Entdecker des Küstenparadoxons (Länge der Küste hängt von Genauigkeit des Maßstabes ab – Fraktale, Benoit Mandelbrot); wird von Eltern getrennt, und zur Kriegszeit nach England gebracht. Folgt seinem Vater als Mathematiker, will die Philosophie der Mathematik revolutionieren.
-Franka Sendzik, Germanistin, die über F und O forscht, gründet 1992 die Denk-Mandl-Gesellschaft,
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
F und O lernen sich im Herbst 1948 kennen; O hat auf einen Aufsatz von Fs Mutter geantwortet, die zufällig im selben Sanatorium lebte, wie dann F. Wegen Fs Probleme mit versprachlichten Krankheiten, schicken sie sich irgendwann nur noch leere Blätter.
1952 zieht F zu O nach Westberlin, wo O Mathematik an der FU studiert. Fs Symptome werden besser, sie liest viel und verfasst viele Essays. Sie beginnen mit Aktionskunstwerken, bspw. 1961 auf der Kunstausstellung „Goethe zerbomben“. Und F wird durch literarische Arbeiten bekannt. 1968 trägt auf der letzten Tagung der Gruppe 47 einen Text namens „Die Truppen des Warschauer Paktes werden diese Lesung unterbrechen“ vor, was tatsächlich dann passierte.
1970 gründen sie in Berlin Charlottenburg das Institut für angewandte Sprachforschung, aber Os Einfluss nimmt ab, während F immer mehr zur Führungspersönlichkeit aufsteigt. F entwickelt sich weg von der Wissenschaft, hin zu einer Spiritualität, hin zu einer postverbalen Utopie. F versucht eine neue Sprache zu erfinden, die alle anderen Sprachen ersetzt. Die Sprache wird aber überkomplex.
1980. Eine ihrer Anhängerin aber, die Deutsch als Unterrichtssprache absetzen will und schon einige Schritte erfolgreich unternommen hat, Petra Janosch, wird am 11. März 1980 von einem rechtsradikalen erschossen. Das führt zu einer Radikalisierung seitens Fs. Sie veröffentlicht ein Nonverbales Manifest. Nachdem 1.4.1980 widmet sie ihr Leben dem Kampf gegen die Wörterbücher. Etabliert die Coelho-Methode: aus dem Buch „Der Alchimist“ wird mittels semiotischer Verschiebung ein jedes andere Buch.
1992. Gilt zunehmend als mystische Seherin, verfasst das Buch „Die drittstärkste mongolische Partei“, was 1992 zu Neuwahlen in der Mongolei führt. Verdient Geld dadurch. Radikalisierung durch Scheitern der Objektsprache. F strebt Auslöschung jeder unvollkommenen Sprache an, Brandanschläge auf Pons, Langenscheidt.
1996, Ende März, bereitet F einen Anschlag vor, radikalisiert ihre Anhänger. O kann gerade noch verhindern, dass F ein Mitglied, das sich dagegen ausspricht, erschießt. Er verlässt die zur Sekte gewordene Vereinigung. F zieht nach Lido di Ostia, O verlässt Europa, fliegt zu einer Konferenz nach Tokyo, zu der ihn Darya Petrova eingeladen hat, um die interdimensionale Teichmüllertheorie zu diskutieren, die die Probleme der Grundlagen der Mathematik beheben soll, von Minamoto. Zur Vorbereitung sucht er Literatur und findet zufällig ein Manuskript seines Vaters. Auf der Konferenz kommt es zum Streit, weil Minamoto Ergebnisse von Mandels Vater für seine eigenen ausgibt, zudem tautologisch argumentiert. Im Hotelzimmer gelingt O ein Durchbruch (Mathematik nur Sprache, und so müssten alle Symbole einzigartig werden, um die Abzählbarkeit, Grundlage des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes, zu verhindern, der auf Nummerierung beruht), wird aber herausgeworfen, und verschwindet auf einer geheimnisvollen Verkehrsinsel.
1997, ein hundertseitiges Rohmanuskript von O, das in seinem Koffer gefunden wurde, wird vom S. Fischer Verlag publiziert, namens Transit, in welchem jedes Wort nur einmal vorkommt.
2000er. F baut Sekte auf, als Anführerin der Nonverbalisten, kauft ein ganzes Gebiet, Wodot, gründet eigenen Staat. Sie entwickelt eine Tablette mit Beipackzettel, die zum partiellen Realitätsverlust führt, heilt so auch Traumata, aber andere Nebenwirkungen können auftreten, wie völliger Identitätsverlust [endet später in Massen von gleichbenamsten, synchronisierten Menschen wie Jim Blum], sogenannte Semantostatika. Worte werden vergessen, und so auch das Symptom.
2023 letzter Auftritt von F, lädt zum Symposium nach Wodot ein, F ruft ihre Anhängerschaft zur Selbstverbrennung auf. F flieht aus dem Chaos. Fliegt nach Japan, trifft dort auf der Verkehrsinsel O, wo sie Sex haben.
2024. F schreibt (Jahrzehnte später als 1942) einen autofiktionalen Roman namens „Schleifen“
… all dies mehr oder weniger als Beobachter durch Franka Sendzik (Fan von F) und Darya Petrova, Kollegin von O. Beide verwandeln sich am Ende in Jim Blum.
Vereinzelte Ideen:
-Episode in Wannata, Verarbeitung des Cargo Kults auf Tanna und Vanuata, ein Orakel verkündet den Heilland Jim Blum und seiner magischen Insel Wodot. Warten auf Jim Blum, Garten von Wodot.
-Deutsche Mathematik, Drittes Reich, Teichmüller, Alfred Mandl, Selbstmord von Ottos Eltern.
-John Cage, und Ang Gurong, die Nichtmusik, das Nichtkomponieren, die Leere und Stille als Musik wie die leeren Briefe und die gesammelten leeren Blätter von Franziska und Otto. Ang Gurongs Aufstieg und Fall. Nachahmerin: Annikka Fredsz’ Leben als Neurologin in Tallinn.
-eine stockende Kommunikation zwischen Aliens und der Menschheit, die Aliens reden irgendwann mit den Walen.
-Einführung der Objektsprache, ihr Scheitern, Einführung des Nonverbalen Programms.
-Alfred Mandels Novellierung der Mathematik ausgehend von „1=1“ müsste falsch sein; Herstellung von unendlich vielen Zahlsymbolen, das Apeironalsystem, um dadurch selbstreferenzielle Aussagen zu vermeiden (Aufhebung des Unvollständigkeitssatzes, aber auch der Mathematik).
-Francesco Savoginis Verbrennung, während er eine (Brand-)Rede an den Papst hält, 18.10.1582. Beweis der Creatio ex nihilo. Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos, für jede Ordnungsgebung muss etwas brennen. Sein Werk Kritik der Ordnung.
-Seltsame Beschleunigung der Zeit, 10 Tage Adventisten, Zerstörung vom Urkilogramm, Urmeter
-Franz Kafkas Romane, die wegen Selbstplagiat zurückgerufen werden, nach Anklage durch den Vater, Hermann. Fälschungen durch F. Kafka im Landgericht, kommt rein. Kafkas Text als seltsamer Attraktor, seine Texte gewinnen bei jedem Durchlauf an Komplexität.
-Päpstliche Konklave.
●Kurzfassung: Germanistin Franziska wird durch die Allgemeinheit der Sprache verletzt (sie erleidet in ihrer Gegenwart angesprochene Krankheiten) und will eine Universalsprache herstellen, eine Objektsprache für jedes einzelne Ding. Zusammen mit dem Mathematiker Otto, der die logischen Grundlagenprobleme der Mathematik lösen, gründen sie ein Institut, das aber scheitert. Franziska radikalisiert sich zur Sektenanführerin und will die Sprache vernichten, erfindet eine Tablette, die durch den Beipackzettel die Begriffe verunsichtbart. Otto streitet sich in Tokyo mit einem Mathematiker über die interdimensionale Teichmüllertheorie. Am Ende treffen sich Franziska und Otto auf einer Verkehrsinsel wieder und haben Sex.
●Charaktere: (rund/flach) eher intellektueller, improvisierter Roman
●Überflüssige Szenen/Charaktere: bei dieser Montage nicht möglich
●Besondere Ereignisse/Szenen: Sprachspiele, fürchterliche Szene, wie Fuzzy, die Katze erschlagen wird; Brandrede auf dem Scheiterhaufen von Savogini.
●Diskurs:
… Anagramme: Franzsika Denk, Franka Sendzik, Dennisz R. Kafka, Annikka Fredsz, Nesrin F. Zakkad, Dr. Anke Fiszank für mglw. „Franz Kandenski“
…. durch die Fußnoten ein physisch-haptisch überraschendes Ende
… spannend, verwirrend, verspielt, daher sehr unterhaltsam und vergnüglich mit vielen kleinen Einfällen, wirkt auch als Plot durch die langsame Radikalisierung Franziskas und die Sprachbekämpfung, trotzdem ein wenig lose, manches.
–>

Form:
●Eindruck: sehr angenehm, flüssig, abwechslungsreich, harmonisch zu lesen, geradezu schön
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad trotz vieler Namen aus der Literatur- und Wissenschaftsgeschichte
●Wortschatz/Wortzahl: (über 90000) abwechslungsreich
●Auffälligkeiten: wohlgeformte Sätze, wenig Hilfsverben, hohe Stilisierung, Fußnoten, Anagramme, Wortspielereien
●Innovation: expressionistisch
… gehört zum stilistisch überzeugendsten Texten in der Gegenwartsliteratur
–> 5+1 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: es gibt einen Ich-Erzähler, es gibt auch eine Erzählerin, Franziska in ihrem autofiktionalen Text „Schleifen“, hierdurch permutiert, verspielt, geht in der Rahmung auf als Montage und Reflexion auf die eigene Form
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): an manchen Stellen schimmert so etwas wie ein Germanistik-Erzählinstanz durch, reflektiert, aber eher als lockere Form und Verknüpfung
●Erzählverhalten, -stil, -weise: lustig, satirisch, ernsthaft trotz Verspieltheit, Ironie
●Einschätzung: ufert ein wenig aus, wird aber durch die einheitliche und formgebende Sprache in Zaum gehalten, trotzdem postmoderne Beliebigkeit, selbstreferenzielle Popart mit so vielen Verweisen.
–> 3 Sterne

Komposition:
●Eindruck: Schwachpunkt sicherlich die Erzählstimme, da die Erzählinstanz nicht rekursiv sich selbst verarbeitet, eher lose verknüpft Vieles, wird aber durch die Form zusammengehalten und durch den Inhalt pointiert, d.h. als Gesamteindruck stimmig, obgleich eben eine gewisse, nicht befriedigende Beliebigkeit im Einzelnen vorherrscht
●Signal/Noise-Ratio: hohes Noise, gehört dazu, im Rauschen das Spiel
●Operative Geschlossenheit: ja, im Sinne des Begriffsrealismus und des Nominalismusstreites, als ontologische Sprachreflexion ins Literarische gehoben, wann bedeutet ein Wort irgendetwas.
●Rahmenstabilisierende Details: die zwei Wissenschaftlerinnen rahmen die Ereignisse als Beobachterinnen – Franka Sendzik und Darya Petrova.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr dynamische Abfolgen
●Extradiegetische Abschnitte: mglw. die Alienpassagen
●Lose Versatzstücke: in dieser Form kaum möglich
●Reliefbildung: starkes Relief, hohe Dynamik
●Einschätzung: hat Phantasie, intellektuelle Transzendenz, Gewagtheiten und Spekulation als wortreiches Fabulieren, in Perspektive-Stellen von Sprach- und Wortdiskussionen
–> 5 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: durch die Sprache ein ästhetisches Erlebnis, stimulierend, bewegend, lustig, intellektualisierend fröhlich, und dazu sinnvoll in seiner Allegorisierung
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, als intellektueller Schelmenroman
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, durch den Schreibstil
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, Inhalt und Form durchdringen sich, bedingen sich
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, durch die schiere Menge an Motiven möglich
–> 5 Sterne

<– warum nicht in den Kanon: weil es ein paar Ausrutscher gibt, die eher störend wirken, zu viele gewollte Anspielungen dümmlicher Art (Garten auf Wodot), überflüssiges „Haben F und O miteinander gefickt?“ — diesbezüglich auch etwas dummes Ende, also trotz sehr inspirativer Grundstruktur, etwas überzogen hier und da.

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Umberto Eco: „Apokalyptiker und Integrierte“

Apokalyptiker und Integrierte by Umberto Eco

Der gescheiterte Versuch, Inhaltsästhetik zu betreiben – viel Schaum über einer leeren Wanne.

Ecos 1978 erschienenes Aufsatzbuch Apokalyptiker und Integrierte oder – Zur kritischen Kritik der Massenkultur – nimmt offensichtlichen Bezug zu Karl Marx und Friedrich Engels Buch Die heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik. In diesem Buch prangert Marx das kritische Gehabe von Bruno Bauer und Konsorten an, die sich in der opportunistischen, allumseitigen Kritik gefallen, es aber an Erkenntnisinteresse und substantiellen Details missen lassen, weshalb sie allenfalls zu oberflächlichen Verwerfungen und Beobachtungen kommen. Eco sieht ein ähnliches Gehabe in den Apokalyptikern wie Theodor W. Adorno und Dwight Macdonald, die an der Massenkultur nichts Interessantes oder künstlerisch Wertvolles sehen können. Diesbezüglich stammt von Adorno der Begriff „Kulturindustrie“ von MacDonald der des „Midcults“. Eco meint, dass diese Wertungen auf ein historisch-anthropologisches Missverständnis zurückzuführen sind:

Meist werden die Massenmedien, ihre Mechanismen und ihre Wirkungen, an einem kulturellen Verständigungsmuster gemessen, das für den »Renaissance-Menschen« verbindlich war (den es offenkundig nicht mehr gibt; zum Verschwinden gebracht haben ihn allerdings nicht vor allem die Massenmedien, sondern Zivilisa-tionsprozesse, von denen die Massenmedien ein Ausdruck sind).

Was sich Eco daraufhin vornimmt, ist es, statt einer Generalabkehr das Wort zu reden, sich auf die Massenkultur einzulassen. Als attestierter Sympathisant mit der höheren Kultur beginnt er seinen Ausflug mit

Lektüre von »Steve Canyon«, in der im Grunde genommen nur eine Comic-Seite in Worte fasst und den Comic auf offensichtliche Parallelen zum Kinofilm untersucht, aber eher als durch faktische Diskontinuität hergestellte ideelle Kontinuität begreift – ergebnislos im Klischee.

Dann versucht sich Eco an literarische Gedächtniseffekte, indem er das Typische vom Exemplarischen in Die praktische Anwendung der literarischen Person zu scheiden versucht, was auf eine Kritik an Georg Lukács hinausläuft, der die intellektuelle Physiognomie nur fürs Heroische anwendet, wohingegen Eco auch das Negative für Mitteilenswert erachtet – wieder jedoch fehlt es an Abgrenzung zwischen Schema, Typ, Topos und Disponibilität.

In Der Mythos von Superman beschäftigt sich Eco mit der Statik von Statussymbolen und dem Wandel ins Offen-Repetitive des Superhelden, der eher zeitlos, auf der Stelle tretend dem Charakter keine Entfaltungsmöglichkeiten gibt, was einen vom Außen gesteuerten Charakter als Vorbild nahelegt – leider völlig an den Haaren herbeigezogene Beispiele aus der Physik und der Philosophie, die eher als „name dropping“ fungieren, persiflieren Ecos eigenes Argument, indem sie Autoritätshörigkeit einüben (oder Montage betreiben), statt argumentatives Beschreiben erlauben.

Die Welt von Charlie Brown mag er aber, insbesondere die leise Poetik des Leidens in der Freiheit der Fabulation, betreibt hier aber keine Analyse. Die Peanuts werden schlicht als tröstlich gefeiert.

Eugène Sue: Sozialismus als Trost hingegen gilt als Paradebeispiel für Möchtegern-Kritik. Eco sieht in Sue einen Dandy, der vom hohen Ross die Arbeiter mit Träumen abspeist, die darauf hoffen sollen, dass ein adliger Herr sich irgendwann um sie kümmert. Hier läuft Trost auf Opium fürs Volk hinaus, und noch schlimmer bei Die erzählerischen Strukturen im Werk Ian Fleming, wo Eco Tirade um Tirade gegen Flemings Rassismus, Kolonialismus, Sexismus und Faschismus anstößt:

Wenn Fleming »Faschist« ist, dann deshalb, weil typisch für den Faschismus seine Unfähigkeit ist, von der Mythologie zur Vernunft fortzuschreiten, seine Tendenz, mit Hilfe von Mythen und Fetischen zu herrschen und zu beherrschen.

Nun, was ist also mit der kritischen Kritik passiert? Sie wurde im Laufe des Buches zunehmend zu einer sich selbst verballhornenden Polemik gegen Massenkulturprodukte, die Eco nicht schmecken. Kursorisch, ohne ins Detail zu gehen, stets mit Hinblick auf den Autor und seinen Intentionen argumentierend, stets als Heuristik eine Verdachtshermeneutik betreibend, lässt sich über die besprochenen Werke im Grunde nichts erfahren. Eco betreibt eher Schaumschlägerei mit dem Happy End, dass am Ende die Apokalyptiker ja recht hatten, indem sie alles in der Massenkultur nur auf den Diskurs reduzierten, nur eben den Kontakt mit dem Material scheuten, den Eco nun fröhlich einging, obzwar mit selben Resultat.

Dass Eco dennoch an hoher Kultur und niederer Kultur festhält, dass er das Schema stehen lässt, gut wie schlecht unreflektiert anwendet, zeigt, wie sehr er Opfer dessen geworden ist, was er anprangert. Der Abgrund, in den er hineinsah, war bereits in ihm selbst. Er hat also in sich statt nach außen geschaut. Einen produktiven Umgang mit Massenkulturprodukten übt Eco jedenfalls nicht ein. Ganz im Gegenteil. Begriffe bleiben unreflektiert, kontextlos und werden entsubstantiiert. Am Ende wirkt die Kritik wie ein flottes Konfetti nach dem Motto: Alles ist bunt, manches ist bunter. Mein letztes theoretisches Buch von Eco.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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– Mit der Erfindung der Buchpresse beginnt eine andere Kultur, die Gutenberggalaxis, McLuhan, die biblia pauperum.
– Massenkulturkritik geraten schnell ins antidemokratische Fahrwasser; es fehlt oft an inhaltlicher Auseinandersetzung, das will nun Eco durchführen.
– Vorwegnahme der Kulturdiskussion im 12. Jhdt. zwischen Clairvaux und Suger von St. Denis, der in der Kathedrale ein Bilderbuch der Massen sehen wollte.
– Dwight MacDonald beschreibt eine Angst, dass die Kulturprodukte die Menschen lenken, Autorität, wie Hemingway und Thornton Wilder, Begriff des Midcults, eine Sphäre zwischen Hochkultur und Volkskultur.
– Eco versucht zwischen zwei Polen zu vermitteln: die Integrierten sagen, der Markt regelt alles und spiegelt die Realität und die Bedürfnisse adäquat wider; die Apokalyptiker sagen, dass die sozioökonomischen Verhältnisse zu verdummenden Kulturprodukten führen müssen, also die Tatsache, dass es einen Markt gibt, ausreicht, dass die Kulturprodukte manipulativ, autoritär und ideologisch sind. Eco meint, es lässt sich im Markt für bessere Kulturerzeugnisse eine Lanze brechen. Weder sollte man dem Markt gehorchen, noch sich ihm kampflos geschlagen geben.
– Unreflektierte Voraussetzung: der politische Einfluss der Kunst. Bspw. Verdummung durch James Bond, die mglw. ja bezweifelt werden könnte.
– Eco meint, dass hohe und mittlere und niedere Kultur sich ergänzen; wiederum Voraussetzung: Komplementarität, die bezweifelt werden kann; wieso sollte nicht alle Kunstformen dasselbe Spielfeld besitzen. Eco sagt nicht, was für ihn höhere Kunst ist – er behauptet einfach, es gäbe sie. Elitäres Selbstverständnis.
– Wieso benötigt man, nach Eco, mehr Bildung und Zeit, um Bach genießen zu können; hier spricht doch wohl jemand, der Bach eigentlich nicht mag.
– Kitsch verstärkt den Gefühlreiz (also rein subjektive Kategorie?)
– Eco reduziert Kunst auf intendierte Botschaften.
– Kunstwerke erleiden Abnutzungserscheinungen durch Überkonsumierung.
– Kitsch als pathetische Zusammenhangslosigkeit (verwendbare Beobachung)
– Comics erweisen sich erstaunlich gut, den Eingriff des Autoren zu illustrieren (Zwiesprache zwischen Zeichnenden und der Figur).
– D’Artagnan nur Vehikel der Handlung, disponibel als Figur. Alexandrinisch, d.h. Erfahrung aus zweiter Hand
– Midcult=Verweis auf Proust, statt Proust ähnliche Sequenzen selbst zu gestalten (er liebt wie Swann … )
– Wandel der künstlerischen Kommunikation: nach vorne, statt wie früher nach rückwärts (mythologisch).
– Erzählweise von Superman a-chronisch; Eco verfehlt aber hier das ahistorische Element Supermans wie das der antiken Götter, die serielle Zeitenthobenheit.
– Eco kennt die wahren Beweggründe des Kunstproduzenten.
– Eco kennt keinen fiktionalisierten Rahmen, denkt, dass Superman bei realen sozialen Problemen helfen sollte, wie die Chinesen von Mao zu befreien. Kein Worldbuilding-Verstehen, keine Rahmung, keine Diskursenthobenheit


Fleur Jaeggy: „Die letzten Tage von Ingeborg“

Die letzten Tage von Ingeborg by Fleur Jaeggy

Das nachklingende Ende – ein Memento Mori der stillen Art.

Fleur Jaeggys Gesamtausgabe wird momentan von Suhrkamp voran getrieben. Wie schon bei Annie Ernaux kommen nun viele kürzere Texte als eigenständige Ausgaben auf den Markt, Texte, die kaum hundert oft weit weniger Seiten umfassen. In Die letzten Tage von Ingeborg, ein autofiktionaler Text über den Tod von Ingeborg Bachmann in Rom, schließt sich zudem noch an die nun zur Veröffentlichung freigegebenen Dokumente, bspw. den Briefwechsel zwischen Max Frisch und Bachmann, die den literarischen Rosenkrieg nun vor aller Augen austragen dürfen. Im Gegensatz zu diesem problematischen Eingriff in die Privatsphäre, spielt Jaeggy ausschließlich mit ihren eigenen Assoziationen und rückt niemandem als sich selbst auf den Pelz:

Eines Morgens, Montag, 1. Oktober, ein Anruf aus Zürich. »Die Ingeborg hat sich verbrannt.« Ich sage nichts. Die Stimme wiederholt es: Die Ingeborg hat sich verbrannt. Wie ist es passiert. Anscheinend mit einer Zigarette, sagt die Frauenstimme am Telefon. Ich probiere andere Fragen, wie ein Roboter. Und wie geht es ihr jetzt? Wo ist sie? Sie ist im Brandverletztenzentrum des Krankenhauses Sant’Eugenio in Rom. Man kann mit niemandem reden. Mir wird bewusst, dass die Worte der Frau etwas Irreparables bekanntgeben. Etwas Endgültiges. Ich will es nicht glauben, aber ich weiß, dass es das Ende ist.

Der Text legt eine Trauerarbeit frei, Bachmann als Projektionsfläche zeigt sich vielschichtig als etwas Schützenwertes, aber auch Fremdartiges. Die Ich-Erzählerin traut sich nicht an den Gegenstand, sowohl aus Respekt wie auch ein wenig aus Furcht, etwas eigenartig Mystisches schwebt durch die Zeilen, die mit dem Tod das Endgültige verarbeiten, eine Form der ratifizierten und nun für immer in ihren Erinnerungen präsente Frage, wer dieser Mensch gewesen, was ein Mensch überhaupt sei. Selbst ohne den Bezug auf die Figur Bachmann gelingt Fleur Jaeggy wie schon in Proleterka und Die seligen Tage der Züchtigung, die Existenz als fragil, verletzbar, als diaphane Erhabenheit darzustellen, die jedem, nicht nur einer Bachmann, zukommt. In Bachmann schlägt sich dies nur um die Physis erweitert in ihrer Lyrik bahn:

Der Monat ging zu Ende. Ein goldener Schein leuchtet aus Ingeborgs Gesicht. Das Tor wurde geschlossen. Ich möchte mit einem Satz aus einem Buch von Ingeborg enden: »Schattenschlaf, geflügelte Heiterkeit über Abgründen.«

Das Zitat stammt aus Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr, in welchem ein Ich und auch ein Er entdecken, dass sie nichts Besonderes geworden sind, dass sie sich hauptsächlich haben treiben lassen. Fleur Jaeggy wird sich dessen genauso bewusst wie die Figur aus dieser Erzählung. In ihrem schmalen Büchlein fragt sie, worin die Schönheit, die es gegeben hat, bestanden hat. Sie fragt in der Form eines Gedichts, das mehr zeigt, als es erzählt, dass Spuren Lücken sein können, wahrscheinlich eingedenk der Tatsache, dass am 25. Juni 2026 Bachmann hundert Jahre alt geworden wäre.


Umberto Eco: „Das offene Kunstwerk“

Populistisches Kulturprogramm, das, etwas unlauter, mit wissenschaftlichen Begriffen improvisiert und amüsiert.

Das offene Kunstwerk (Opera aperta) erschien 1962 und ebnete Ecos Ruhm als Kulturtheoretiker und Kunstwissenschaftler. Ausgebildet in mittelalterlicher Ästhetik rundum Thomas von Aquin, bettet er die moderne Kunst, insbesondere die avantgardistischen Programme in Malerei, Musik und Literatur in den Gesamtkontext einer sich multimedial öffnenden demokratischen Geistesbewegung ein, die tatsächlich mit Immanuel Kants Die Kritik der Urteilskraft begann, von Eco aber nicht unter diesem Aspekt gelesen wurde. Vielmehr, wiewohl missverständlich, arbeitet er sich an Hegels und Marx‘ Begriffen ab, die mit seiner Konzeption von Ästhetik aber kaum erschlossen werden können. Pate steht allein Kants formalistisches Kunstverstehen:

Ein offenes Kunstwerk stellt sich der Aufgabe, uns ein Bild von der Diskontinuität zu geben: es erzählt sie nicht, sondern ist sie. Es vermittelt zwischen der abstrakten Kategorie der Wissenschaft und der lebendigen Materie unserer Sinnlichkeit und erscheint so als eine Art von transzendentalem Schema, das es uns ermöglicht, neue Aspekte der Welt zu erfassen.

Das ist fast wortwörtlich die Ästhetik-Konzeption von Kant unter dem Aspekt des freien Spiels der Einbildungskraft mit den begrifflichen Schemata des Verstandes gefasst. Das offene Kunstwerk lässt sich aus Ecos Perspektive rein formal bestimmen, nämlich als Versuch, multiversierte Bedeutungsräume so miteinander künstlerisch zu vereinen, dass Eineindeutigkeit vermieden, aber (vorübergehende) Bedeutungsfindung nicht verhindert wird. Anhand von James Joyce, Jackson Pollock und John Cage diskutiert er, inwiefern diese Form von Kunst provokant, aber nicht unverständlich bleiben müssen.

Das offene Kunstwerk besteht aus eher unabhängig voneinander und für sich stehender Kapitel:

1. „Die Poetik des offenen Kunstwerks“: Mallarmés Buchprojekt über das universelle Buch; Kunstwerke als epistemologische Metaphern, Verarbeitung der quantenmechanischen Prinzipien im Weltverständnis (Unschärfe); aber auch Abgrenzung des Kunstwerks von der bloßen Anhäufung von Motiven und Wörtern;

2. „Analyse der dichterischen Sprache“: Deweys Sprachpragmatismus und Unterscheidung zwischen konnotativer und denotativer Sprache; Gleichsetzung von Signifikant und Signifikat im ikonischen Sprachgebrauch (ein Zweck, der seine eigene Ursache und Wirkung meint); Unterscheidung zwischen Dante und Joyce, zwischen ästhetisch-eindeutig und ästhetisch-mehrdeutig.

3. „Offenheit, Information, Kommunikation“: Differenz zwischen Information und Botschaft; zwischen Signal und Rauschen und die Abhängigkeit Information zu einer Botschaft zu entschlüsseln via eines Codes; Botschaft aus Filterung; ästhetische Redeweise widersetzt üblichen Sprachgebrauch; Unterscheidung von üblicher Ordnung, Überraschung; offene Informationsmengen lassen sich variabel dechiffrieren über verschieden angelegte Codes; zwischen zwei Menschen gibt es kaum Rauschen, aber Humor; moderne Kunst strebt nach Heuristik; das humanistische Interesse zwischen Abenteuer und Ordnung; die gute Form: Zustand größter Wahrscheinlichkeit eines fluktuierenden Ganzen, hieraus Didaktik höchstens zweiten (indirekten) Grades.

4. „Das offene Kunstwerk in den visuellen Künsten“: stellen das Prinzip des ausgeschlossenen Dritten in Frage, Übergang zum vollendeten Rauschen, entontologisierende Gebärde eines Pollock, Dynamisierung der Assoziation.

5. „Zufall und Handlung“: Fernsehkritik, Livesendung, problematische Steuerung von Reizen und Affekten, das herrschende Montageprinzip (Schnitttechnik); Fernsehen aber Kunst, keine reine Unterhaltung, aristotelische Erwartbarkeit bindet Publikumsinteresse, Abbildung müssen plausibel bleiben; künstlerischer Wert keine Funktion der Innovation; Ornamente als Belebung der Sinnlichkeit.

6. „Zen und der Westen“: neue Unübersichtlichkeit, deshalb Rückzug ins Mystische, Ablehnung der einfachen Ordnungsfaktoren, Beatnicks, Kerouac, John Cage, Zen-Typologien mittels Koans – Aufnahme von Husserls zu den Sachen, Meditation.

7. „Form und Engagement“: Dialektik der schönen Seele, Begriff der Entfremdung bei Marx und Hegel, Thema: Werkzeug und Gebrauchsgegenstand als Zwangseinrichtung und Deformation der menschlichen Bewegungsabläufe (das Auto); Entritualisierung der Musik durch Atonalität; Spannung zwischen Avantgarde und dialektische Mystifikation; Antonionis Filme, Sinne entriegeln, Horizonte für neues Handeln.

Leider verbleibt Eco über weite Strecken gegen Ende seiner Aufsätze auf einer eher gegenwartsanalytischen Öffentlichkeitsbeschreibung, die etwas zahnlos durch fehlende sozioökonomische Kategorien daherkommt, weshalb er den Entfremdungsbegriff von Marx in seiner Pointe verfehlt (die von der Arbeiterschaft gebauten Maschinen ersetzen sie selbst) und ohnehin sogar die informationstheoretischen Begriffe nach Shannon nur äußerst fehlleitend wiedergibt (kein Begriff der Redundanz und Fehlerkorrektur und kein Turing-Theorem, falsche Verwendung des Markoff-Begriffs und der Markoff-Kette(!)), teilweise zudem falsche Verweise auf die Relativitätstheorie gibt (als ginge es nicht um Messdatentransfers) und von der Quantenmechanik den Begriff der Komplementarität innerhalb einer Ein-Teilchen-Gesamtheit missversteht (nämlich weder stochastisch noch mengentheoretisch, sondern klassisch-singulär, was falsch ist). Hier überhebt sich Eco und bleibt im Rest eigentlich, leider, Kant alles schuldig, den er entweder nicht rezipiert hat oder in den Skat drückt, eigenartigerweise. Am Ende ein etwas polemisches Buch, dessen Erfolg aus einem jubelnden Missverständnis hervorgegangen ist, und mit den späteren Essays und Schriften von ihm wenig zu tun hat.


Tomer Gardi: „Liefern“

Gegen den Alltag ankämpfende, weltweit vernetzte Essenslieferanten, die den Mut nicht verlieren.

Inhalt: 5/5 Sterne (kämpfend-desillusioniert)
Form: 4/5 Sterne (flüssig-rhythmisch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (inkohärent-passend)
Komposition: 5+1/5 Sterne (globale Vernetzung)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (peppig-horizonterweiternd)
–> 23/5 = 4,6 = 5 Sterne

Für Eine runde Sache hat Tomer Gardi 2022 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Mit Liefern zeigt er sich sprachlich-expressiv gesehen zahmer, aber dennoch episodenhaft-kompositorisch auf der Höhe einer von Smartphones und Lieferdiensten geprägten Welt in Tel Aviv, Neu-Delhi, in Istanbul, Berlin, Buenos Aires und Naivasha. Gardi erzählt von Lebensgeschichten, die teilweise miteinander verstrickt und verknüpft werden, aber vor allem gibt er seinen diversen Figuren, mit nur wenigen Ausnahmen, einen lebendigen und vielschichtigen Hintergrund.

Und während ich in seiner orangen Şipşak-Jacke hinter ihm auf dem Motorrad saß und mich an seinen Schultern festhielt, dachte ich weiter nach, versuchte zu verstehen, warum er mir das alles erzählte. Was war meine Rolle in dem Ganzen? Auf Resuls Motorrad nachzudenken, war nicht leicht, bei diesen dauernden Hüpfern, dem Abbremsen, dem Slalom zwischen den Autos und dem Überholen auf dem rechten Streifen. Er fuhr, als habe er sich längst daran gewöhnt, im Wettkampf mit der Zeit zu siegen, und diese Art des Fahrens war zu seiner zweiten Natur geworden, auch wenn er es gar nicht eilig hatte, so wie jetzt.

Nur eine Episode, die über Auerbachs Wohnort, während er Mimesis schrieb, Istanbul, ist in der Ich-Perspektive geschrieben, der Rest verbleibt in einer empathischen personalen Erzählweise. Die Lieferanten denken, fühlen, suchen einen Weg aus ihrer prekären Situation und sind mit Problemen beschäftigt, die teilweise selbsterzeugt, teilweise von der Ignoranz anderer, oder aus Rachegelüsten entstammen. Die Figuren erweisen sich aber nie als Opfer. Tapfer radeln sie gegen Wind und Wetter an und lassen sich nicht unterkriegen:

Jeden Tag, jede Nacht lacht das Schicksal, und in dieser Nacht lachte es knirschend. Knarzend lachte es mit dem eisigen Schnee unter Pavans Schuhen, während der sein E-Bike durch die Winternacht schob. Wer reitet so spät? Knisternd, knirschend, knarzend. Hundert Wörter für Schnee unter Stiefeln. Es ist Pavan. Der Maschinenbaustudent aus Haryana mit seinem kaputten E-Bike. Und das Schicksal lacht.

Was Gardi an sprachlichen Witz in Liefern vermissen lässt, macht er durch die Komposition wett, die in Eine runde Sache durch die klare Spaltung zweier unabhängiger Teile völlig unnachvollziehbar gewesen ist. Hier aber verbleiben die Figuren durchweg in einem losen Kontakt und erzeugen eine mitreißende Wechselwirkung über Kontinente hinweg und gestalten diese lockere Kopplung von individuellen Lebensläufen eindrücklich.

Gardi spricht vieles, auch Unangenehmes, an, lässt viele Probleme und Zeitdebatten zu Wort kommen, aber nimmt sie nur als Spreu, das vom Weizen ablenkt. Der Diskurs unterwandert sich hier selbst und liest sich durch die Lebensgeschichten der Lieferanten und Lieferantinnen gegen den Strich. Auf diese Weise erschafft er Mischwesen zwischen Don Quijote, Sancho Pansa und Robin Hood als Ritter einer Tafelrunde wider Willen, sodass Tomer Gardi hier an die besten Szenen und Episoden eines Umberto Eco heranreicht, sowohl in Die Insel des vorigen Tages wie auch aus Baudolino.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Filmon, Ex-Soldat aus Eritrea; Pavan, Maschinenbaustudent aus Indien; Sachin, Lieferantin in Neu-Delhi, geschieden; Marta, Mutter, und Ciervo, Essenslieferant in Buenos Aires; Akiny, Rosenpflückerin in Kenia; Ich-Erzähler, Dichter, aus Israel, lebt in Berlin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Indie-Go – Tel Aviv: In Tel Aviv, ein Ehepaar mit Kind aus Eritrea, Israel und Daniat in Berlin, in Jerusalem Filmon, verliert seinen Job bei Romy, deren Restaurant Pleite geht, heuert bei Indie-Go an, als Essenslieferant, hat seine Familie seit zehn Jahre nicht gesehen, nur Smartphone-Kontakt, schickt Geld nach Berlin. Erzählinstanz sagt aber, dass er es nach Berlin schaffen wird. Er fährt um den Tower der Deutschen Botschaft herum, bis er eines Tages eine Tour dort hinein bekommt, und den ersten Kontakt erhält. Auch die Geschichte vom Eritreischen Botschafter gut, mit dem er ein Selfie posten muss, um einen Reisepass zu erhalten, und dem er in eine erbärmliche Wohnung Fastfood liefert. Daniat hat einen Deutschkurs bei Nina Kegel [die im zweiten Kapitel nach Indien fährt]. [Twist hier: Tochter heißt Israel, lebt in Berlin, ist schwarz und wird gehänselt, will lieber Izzy heißen, erfährt also Rassismus. Verquickung von politischen Debatten.]
2. A New Passage to India – Neu-Delhi: Nina Kegel fährt mit ihrer Freundin Leonie nach Indien, nach Neu-Delhi, hat Angst vor dem scharfen Essen. In Neu-Delhi lernt sie Ramon aus Argentinien kennen. Dann gibt es die Geschichte von Sachin, die einer Ehe zu Kayin zustimmt, arrangiert, der aber mehr nach seinem Motorrad, der Mitgift, schielt, Hero Roadstar 500. Sie bekommen einen Sohn, Vivaan. Als der Vater verschwindet, beginnt sie eine Arbeit als Essenskurier. Manchmal hilft der Sohn ihr, indem er mit seinem Skateboard den letzten Rest der Essensauslieferung absolviert, falls Unzugänglichkeit. Die dritte Figurenkonstellation ist eine Journalistin, Megha, die mit ihren Kindern Diwali feiert, während ihr Ehemann Anju sich auf Dienstreisen befindet [taucht im Kapitel Mimesis auf], ein Lichterfest mit Knallern und sich Burger bestellt und hungrig auf den Burger wartet. Wegen der Knaller hat sich Ramon erschreckt und eine verletzliche Seite gezeigt, leider so, dass er vor Sachin vors Motorrad gesprungen ist, die gerade Megha das Essen ausliefert. Es kommt zum Unfall, und Meghas Familie ist enttäuscht, dass sich der blaue Punkt der Fahrerin nicht weiter fortbewegt.
3. Mimesis – Istanbul: Ich-Erzähler, aus Israel, der in einer Literatur-Jury trifft, gesteht seinem Kumpel Ronen, der Gedichte schreibt, dass er über den Preis mitentscheiden darf, für den sich Ronen beworben hat. Sie baldowern das perfekte Verbrechen aus: Er schustert Ronen den Preis zu und sie fahren für das Geld nach Istanbul und lassen sich Haare transplantieren. Es klappt. Sie fliegen nach Istanbul, lassen sich zur Klinik fahren, spazieren durch die Stadt. Sie sehen, wie ein Schuhputzer seine Bürste (scheinbar aus Versehen) fallenlässt, mit Absicht, um sich einen Kunden zu angeln. Sie lernen im Hotel Anju kennen [Meghas Ehemann, der sie mit einer Haartransplantation überraschen will]. Ronen überkommen Zweifel. Am Tag der Operation bleiben sie in einem Stau stecken. Sie entscheiden sich einen Tag zu warten. Der Ich-Erzähler lernt auf dem Spaziergang Resul kennen, der am Ufer angelt und den Ich-Erzähler beim Angelhakenauswurf verletzt. Er bleibt bei Resul, der ihm seine Lebensgeschichte erzählt, insbesondere wie er Essenslieferant geworden ist. Er hat türkische Literatur studiert, auf Lehramt, wurde dann aber nicht als Lehrer zugelassen. Im letzten Jahr des Studiums hat er Aischa kennengelernt, die ebenfalls studiert, Wissenschaftsvermittlung. Sie hatten Sex, und der Kondom riss, finden aber keine Möglichkeit, die Pille für danach zu bekommen. Ein paar Wochen später will Aischa von ihm Geld für eine Abtreibung, aber sie streiten sich und er beleidigt sie. Er fällt durch die Prüfung. Er beschließt nach Istanbul zu ziehen, als Essenslieferant sich durchzuschlagen, eine weitere Prüfung zu versuchen. Mesut und Umut haben ihn beim Lieferdienst geholfen, bei Şipşak. Auf einer Tour wird er von der Polizei angehalten, es ist Aicha, die sich an ihn rächt und ihn provoziert, bis er sie beleidigt und sie ihn festnehmen kann, für eine Nacht, aber nun, vorbestraft, kann er nicht mehr Lehrer werden. Resul lernt seine Frau Hazal kennen, die Touren für literarisch-interessierte Touristen leitet (zeigt das Haus, wo Auerbach Mimesis geschrieben hat). Wegen Aischa muss er seinen Job beim Depot wechseln. Resul organisiert einen Streik und hilft, eine Liste von Forderungen durchzusetzen. Er fungiert seitdem als Agent der Geschäftsleitung. Er muss nicht mehr ausliefern, sondern hilft den Fahrern und sorgt dafür, dass diese zufrieden bleiben. Zudem gibt Resul vor, daran zu arbeiten, Şipşak zu stürzen. Der Ich-Erzähler und Ronen sehen später den operierten Anju, unterziehen sich ebenfalls der Prozedur und fliegen zurück nach Berlin, wo der Ich-Erzähler in einer Bar trinkt und sich eine Rose aus Kenia kauft, aus der Naivasha Bloom Farm.
4. Der Tausch – Berlin: Pavan, Maschinenbaustudent, arbeitet bei RatzFatz, hat eine Panne und ein Sechser-Pack-Wasser zu viel. Lässt es vor der Tür stehen, schiebt sein Rad. Es ist glatt. Freundin lebt in London. Filmon, nun in Berlin, hilft ihm, schleppt ihn ab. Nina, auch wieder in Berlin, drückt Anrufe von Ramons Handy weg, erinnert sich daran, wie sie von der indischen Polizei erpresst wurde. Filmon und Pavan gehen zum Deutschkurs, zu unterschiedlichen Lehrerinnen. Filmon hatte ein Sechser-Pack-Waser zu wenig, zahlte es aus eigener Tasche. Daniat und Izzy holen ihn ab, sehen Nina. Filmon will Geld verdienen, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können. Pavan und Filmon tauschten ihre App-Lieferanten-Dienstleister, aber Pavan vermasselt es, hat einen Unfall, und schuldet nun Filmon die Kaution über 800 Euro. Pavan mitverantwortlich für die Kündigung, da er sich mit einem Dönerverkäufer geschlagen hat, der ihn warten ließ, der Dönerverkäufer ist Resul. Pavan hat einen Anfall, seitdem sitzt sein Lächeln schief, Schlägerei.
5. Das blaue Handy – Argentinien – Buenos Aires: Romans Mutter, Marta, verarbeitet den Tod ihres Sohns in Indien, durchstöbert sein Handy, sieht Nina, sieht das Sexvideo, ruft dort mehrmals an, leistet Trauerarbeit. Nina geht nicht ans Telefon. Lieferant Ciervo, der sein Geld mit Online-Spielen verdient, zockt, aber sein Handy geht langsam kaputt, findet das Handy von Ramon, das Marta verloren hat. Er ist überglücklich. Feiert im Fußballstadion mit seinen Freunden, während Marta ihn mit Google-Search auffindet, ihm auflauert, ihn aber nicht zu fassen bekommt trotz Verfolgungsjagd in der Stadt. Ciervo sucht sich einen One-Night-Stand, hat Sex und verlässt frühmorgens das Haus. Nina lauert auf, verursacht einen Motorradunfall, aber Ciervo rappelt sich und pest davon. Dann schaltet er das Telefon aus.
6. Rosen – Kenia, Rosenplantagen-Arbeiterin: Akiny sucht Arbeit in Kenia, will Schneiderin werden, Frisören, dafür braucht sie Startkapitel, heuert bei Naivasha Bloom an, und bekommt den Job, aber nach der Ernte für den Valentine’s Day wird sie nicht übernommen, und beschließt sich zu protestieren im Camp der Westler.
●Kurzfassung: Filmon, Ex-Soldat, jobt in Tel Aviv, um nach Berlin zu kommen, wo seine Frau Daniat, Schneiderin, bei Nina Kegel, Studentin, Deutschunterricht hat. Nina Kegel reist im Austauschprogramm nach Neu-Delhi, lernt dort einen Argentinier, Ramon, Student, kennen, der dort bei einem Unfall mit einer Essens-Lieferantin stirbt, die für Megha, eine Journalistin, Essen liefert, zum Diwali-Fest, während ihr Mann Anju auf Geschäftsreisen ist. Zwei Literaten fahren nach Istanbul, treffen dort besagten Anju und unterziehen sich einer Haartransplantationsprozedur. Sie lernen dort Resul kennen, der eine Türkin, Aischa, geschwängert und damit sein und ihren Lebenstraum zerstört hat. In Berlin trifft Filmon Pavan, Maschinenbaustudent, der Fleisch nicht riechen kann und sich deshalb und aus Ungeduld mit Resul, der in einer Dönerbude arbeitet, schlägt und so Filmons Job zerstört und an einer halbseitigen Gesichtslähmung leidet. Er lernt Deutsch bei Nina, die Anrufe von Ramons Handynummer erhält und diese wegdrückt. In Buenos Aires durchsucht Ramons Mutter sein Handy und ruft Nina an, verliert das Handy aber, das Ciervo findet, der sein Geld mit Online-Spielen und Essenslieferungen verdient. Eine Verfolgungsjagd durch die Stadt bleibt unerfolgreich. Ciervo verschwindet mit dem Handy. In Kenia versucht sich Akiny durchzuschlagen als Rosenpflückerin, als das misslingt, prostituiert sie sich an die Expats.
●Charaktere: (rund/flach) komplex vielschichtig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: vielleicht die ganze Situation von Megha, das passt nicht wirklich
●Besondere Ereignisse/Szenen: der ganze Abschnitt in Istanbul mit Resul, aus Ich-Perspektive erzählt, Sonnuntergänge am Bosporus. Resul als Antipath.
●Diskurs: Globalisierung, prekäre Jobs, Lieferantendienste
… die einzelne Episoden besitzen stets eine Pointe (die Tochter Israel, die wegen ihrer Hautfarbe verfolgt wird; die Enttäuschung, dass ein Essen zu spät geliefert wird, dabei ist jemand bei einem Unfall ums Leben gekommen; der Wechsel von Lieferant zum Gewerkschaftsführer mit Privilegien, der sich als Arbeitsrechtler tarnt; die Ungeduld, die sich in Aggression entlädt und alles zerstört; das Handy, das aufhört zu leben, wie sein Besitzer; die Rosen, die aus Kenia kommen, Träume, die platzen). Die Figuren, der Überlebenskampf wirkt echt und bedrückend, ohne dass sie wie Opfer wirken. Alle Figuren wirken stark und widerständig, selbstbewusst und zielstrebig. Hieraus entwickelt sich eine gute Dynamik und eine den Globus umspannende Alltagssituation: Buenos Aires – Berlin – Istanbul – Tel Aviv – Neu Delhi.
… Sachins Geschichte wird nicht zu Ende erzählt.
–> 5 Sterne

Form:
●Eindruck: locker, direkt, schnörkellos, rhythmisch, unauffällig, aber geschmeidig, peppig.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad durch schnelle literarische Episoden, Schnitte, Wortwitze und Sprachgestus, besitzt nichts Journalistisches.
●Wortschatz/Wortzahl: unauffällig.
●Auffälligkeiten: keine, außer hier und da Sprachwitz, Sprachverunglimpfungen auf liebevolle, spielerische Art
●Innovation: die deutsche Sprache wird manchmal gegen den Strich gebürstet, aber nicht so konsequent wie im ersten Teil von „Eine runde Sache“.
–> 4 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: Episodenhaftes Erzählen pendelt von personalen, auktorialen, zur Ich-Erzählung, kunterbunt. Kein wirklicher Fokus, eher Montage, eher Weitwinkel, Offenheit, eher inhaltlich als formal strukturiert.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch, es gibt keine einheitliche Erzählinstanz
●Erzählverhalten, -stil, -weise: witzig, schnell, unterhaltsam
●Einschätzung: als Abbild von vielen Lebenssituation adäquat, obgleich eben sehr kompiliert
–> 3 Sterne

Komposition:
●Eindruck: sehr gut verwoben, unauffällige Wiederaufnahmen des Codes Vermisst-Verloren-Gesucht-Wiedergefunden, das Verlorengehen im weltweiten Dschungel der billigen Arbeitskräfte, die Namenlosen, die ums Überleben kämpfen, finden sich in einem Netz, u.a. auch durch das Handy, das alle miteinander verknüpft.
●Signal/Noise-Ratio: wenig Noise, vielleicht ein wenig zu wenig.
●Operative Geschlossenheit: sehr geschlossen, klar auf die Arbeit, auf die Lebenssituation, auf das Bestehen und Wiederaufstehen gemünzt, keiner gibt auf. Sie machen weiter, trotz harter Bedingungen.
●Rahmenstabilisierende Details: Berlin als Fixpunkt taucht in den ersten 5 Episoden auf.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr schnell, nie in die Länge gezogen, guter Rhythmus, geradezu zackig, fast wie ein Song, wie kurze Reels, szenisch-plastisch.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nur Megha, ein wenig, zu ausufernd die Diskussion über die Reisernte, die Landwirtschaft in Indien, das Familienleben spielte keine Rolle.
●Reliefbildung: durch den Ortswechsel, die Brauchtümer, die verschiedenen Alltagssituation
●Einschätzung: sehr gelungen als Episodenroman
–> 5+1 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: interessante, horizonterweiterende Narratologie, sehr lebendig, sehr klar auf die Arbeitssituationen fokussiert, dadurch auch bebildernd, hebt die Essenslieferanten hervor, gibt ihnen eine Geschichte, dadurch eine andere Wahrnehmung möglich
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, setzt eigene Figuren, eigene Welten
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, gemischt-gute Charaktere
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nicht wirklich, aber mitreißend
●stimmig?(Komposition: ja/nein) sehr stimmig, sehr gute Überlagerung
●ein zweites Mal lesen? Möglich, obgleich von der Thematik nicht komplex genug, also unwahrscheinlich
–> 5 Sterne

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Yevgeny Zamyatin: „Wir“

Bombastisch-expressives Revoltedrama mit Triebabfuhr-Pailetten.

Inhalt: 2/5 Sterne (Triebkontrolle)
Form: 2/5 Sterne (technisch-expressiv)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (Tagebuch-Ich)
Komposition: 1/5 Sterne (wirr-diffus)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (schleppend-zäh)
–> 10/5 = 2,0 = 2 Sterne

Samjatins WIR gilt als Vorläufer von 1984 und Schöne neue Welt und teilt viele inhaltlichen Parallelen, so dass von partiellen Epigonentum seitens Huxleys oder Orwell gesprochen werden könnte (und wird). Für sich stehend verbleibt aber WIR in einem eher skizzenhaften Zustand als Tagebuch eines Raumschiff-Ingenieurs, D-503, der von seinem Alltag angeödet und gelangweilt auf die Femme Fatale I-330 hereinfällt und Teil ihrer Intrige wird, die Welt des großen Wohltäters zu sprengen:

Ich wandte mich um. Sie trug ein leichtes, safrangelbes altmodisches Kleid. Das war tausendmal schlimmer, als wenn sie nichts angehabt hätte. Zwei spitze rosige Punkte schimmerten in dem dünnen Gewebe wie zwei Kohlen in der Asche. Zwei zärtlich gerundete Knie… Sie setzte sich in den niedrigen Sessel. Auf dem quadratischen Tischchen vor ihr standen eine Flasche mit einer giftgrünen Flüssigkeit und zwei Gläser mit dünnem Stiel. Im Mund hatte sie eine dünne Papierpfeife, wie man sie in alten Zeiten rauchte (den Namen dafür habe ich vergessen).

Tatsächlich teilt Samjatins WIR viele Momente von hardboiled-Thrillern wie Der Malteser Falke oder Der große Schlaf, als dass er sich bruchlos im Dystopie-Genre einbetten ließe. Die Welt, von der D-503 erzählt bleibt viel zu sehr im Hintergrund. Viel zu wenig Alltag wird besprochen. Ja, der Sex wird über rosafarbene Gutscheine abgesprochen, und ein Nahrungsmittel aus Erdöl wird gegessen, und ein paar Gänge über den Prospekt müssen absolviert werden. All dies verbleibt sehr abstrakt. Es geht eher um die Triebunterdrückung, die repressive Entsublimierung, die Entlastung der Impulskontrolle:

Und unausweichlich, wie Eisen vom Magneten angezogen wird, floss ich in sie, mich dem unabänderlichen, ewigen Zwang des Gesetzes beugend. Es gab kein rosa Billett, keinerlei Berechnung, keinen Einzigen Staat mehr; auch ich hatte aufgehört zu existieren. Da waren nur noch spitze, zärtliche, zusammengepresste Zähne, weitgeöffnete Augen, durch die ich langsam in die Tiefe hinabstieg. Totenstille — nur in der Zimmerecke, tausend Meilen entfernt, tröpfelte das Wasser im Waschbecken, und ich war das Weltall, zwischen dem Fall jedes einzelnen Tropfens lagen ganze Epochen…

Hätte sich Samjatin auf den Plot mit I-330 konzentriert, das Leben jenseits der grünen Mauer mehr beschrieben (als dynamischen Gegenpol zur Welt des großen Wohltäters), hätte er die Figuren besser beschrieben, ihr Aussehen, ihre Art, so dass sie mehr als nur Schemen vor dem Hintergrund der Massen darstellen, hätte er sich die Figur der O verkniffen und hätte zudem die Brutalität des Staates hervorgestrichen, statt nur alles und jedes zu persiflieren, was dem ernsthaften pathetischen Ton zuwiderläuft, wäre es vielleicht an seine Epigonen 1984 und Schöne neue Welt herangekommen, wobei Samjatins verquaster Schreibstil daran Zweifel aufkommen lässt. So erscheint es als ein eher ausuferndes Flickwerk, und von einer Dystopie lässt sich aus Mangel an Welt auch kaum sprechen. Liest sich eher wie ein wildgewordener Majakowski ohne dessen politisches Programm.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): D-503 (D), 32 Jahre alt, Ingenieur, Erster Erbauer des Integrals, eines Raumschiffs, abonniert auf O-90, einer rundlichen Frau, verliebt in I-330 (I), und verfolgt von einem S-4711, Zeitspanne etwa 9 Monate.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1) Vorstellung der Welt, D schreibt ein Tagebuch, das dem Integral beigelegt wird, um andere Planeten die Welt vorzustellen.
2) D lernt I kennen, auf dem Spaziergang auf dem Prospekt, der streng geordnet von allen durchgeführt wird. Sie stimmt in Ds Lachen ein.
3) Nach 200jährigen Krieg Einfriedung hinter einer Grünen Mauer, sesshaft, Ernährung durch ein Erdölprodukt. Persönliche Zeiten zwischen 16-17 und 21-22 Uhr. Ansonsten strenge Regulierung durch die Geburtstafel, Regulierung der Geburten. S Mitarbeiter im Büro des Schützers.
4) Einladung ins Auditorium 112 an D von I, dort spielt sie Klavier. Parodiert die alte, spielt die neue Musik. Danach Sexualtreffen zwischen O und D.
5) Nach dem Krieg zwischen Stadt und Land, nur 0,2% der Bevölkerung überlebte. Hunger und Liebe wurden durch staatliche Maßnahmen besiegt. D mag seine beharrten Handrücken nicht, nennt sie Affenhände.
6) I holt D ab und bringt ihn zum Antiken Haus, verlockt ihn, die Gebote zu übertreten, aber D lehnt ab, gehorcht dem Zeitplan. Er überlegt sie anzuzeigen.
7) D träumt von einem Auge mit Härchen, stellt sich vor, im Traum, wie er I denunziert. In den Nachrichten wird von einer Verschwörung geredet, D nimmt sich vor, I zu melden. Als O ihn sieht, bemerkt sie, dass er krank wird. Er geht also statt zum Amt des Beschützers (ADB) zum Amt der Medizin (ADM). Verbringt Abend mit O.
8) I wird auch Wurzel aus -1 genannt, will I melden, trifft R-13 (R) und O, die ein Sexualtreffen vereinbart haben. Er begleitet sie, dann ziehen sie den Vorhang zu, und er geht. R, O und D fühlen sich wie eine Familie.
9) Hinrichtung auf dem Platz des Würfels. Der Wohltäter wirft die Maschine an, gleicht einem elektrischen Stuhl mit 100000 Volt.
10) I lädt D zum Sexualtreffen ein (rosa Gutschein) im Antiken Haus, spielt die Femme fatale, trinkt Alkohol und raucht. D bricht zusammen, betet sie an. Doch die Zeit wird knapp. Er muss sich beeilen. Jemand verfolgt ihn (S).
11) D trifft sich mit R, der auch etwas mit I zu tun hat. Eifersucht bei D. Das Familiengefüge zerbrochen.
12) Trivialisierung der Kunst, Tragödie übers Zu-Spät-zur-Arbeit-Kommen. Warnung an den Leser, dass der Einheitsstaat auch sein Leben entgöttlichen wird.
13) D lässt sich von I verführen, die Arbeit zu schwänzen, lässt sich krankschreiben. Sie fahren zum Antiken Haus und haben dort Sex. Er liebe sie, weil er sie nicht gefügig machen könne, so I.
14) Schäferstündchen mit O geht schief. D außer sich, O verliebt, fährt schweigend davon.
15) Auf der Arbeit, auf der Helling, wurde unter den Arbeiten ein Oppositioneller erwischt. D denkt nur noch an I.
16) D rastlos, vermisst I, schleicht um ihr Haus herum, kommt wieder zu spät. S bringt ihn zum ADM, wo er sich eine Krankschreibung holt. Zwei Ärzte diagnostizieren bei ihm das Entstehen einer Seele.
17) Menschlichkeit nur durch Grenzziehung, Mauern gegen das Chaos. D geht zum Antiken Haus, sucht I, wird von S verfolgt. D versteckt sich im Schrank und fällt plötzlich hinab, wird ohnmächtig, verletzt sich an den Fingern, wacht in einem geheimen Gang unterhalb des Hauses auf, wo sich Oppositionelle treffen, auch I und die Doktoren. I bringt ihn an die Oberfläche. Auf der Arbeit meint sein Kollege, dass D seine Hand dort verletzt hat.
18) D bewegt sich auf Arztgeheiß. Zuhause erhält er von seiner Concierge Ju (J) einen Brief von O ausgehändigt, einen Liebes- und Abschiedsbrief zugleich.
19) Bei einem Arbeitsunfall kommen zehn Leute ums Leben. D hat kein Mitleid. Treffen mit I fällt aus. Er soll nur so tun, als hätten sie Sex und soll die Vorhänge zuziehen. O besucht ihn nach einer Lesung, will ein Kind von ihm.
20) Philosophischer Abschnitt über Rechten und Pflichten und das Recht des Stärkeren.
21) I verwendet D als Alibi. D hat Traumepisoden, fiebert dem Tag der Einstimmigkeit entgegen.
22) Auf dem Prospekt beim täglichen Marsch bricht eine Frau aus. Er denkt, es sei I, eilt zur Hilfe, macht sich verdächtig, wird aber durch einen Doktor freigesprochen.
23) I und D treffen sich, will Details über das Raumschiff Integral wissen.
24) D lädt I ein, mit ihm den Tag der Einstimmigkeit zu feiern. Sie lehnt ab. Zu seiner eigenen Sicherheit.
25) Beim Anblick der maschinellen Perfektion stellt sich D vor, wie er I denunziert. Am Tag der Einstimmigkeit sieht D auf der Versammlung I, R und S. Sie stimmen mit Tausenden anderen gegen den Wohltäter. Chaos bricht aus. Sie haben die Einstimmigkeit zerstört. Im Tumult trägt R I auf seinen Armen hinaus, D schlägt ihn nieder, rettet I selbst. I euphorisch, da nun der Morgen, alles Weitere durch die zerstörte Wahl im Ungewissen liegt.
26) Am nächsten Tag werden die Gegenstimmen ignoriert. Überall in der Stadt hängen Blätter mit dem Wort MEPHI.
27) I nimmt D mit zu einer geheimen Versammlung jenseits der grünen Mauer. Sie planen, die Stadt zu überrennen und wollen das Raumschiff erobern. Die Menschen außerhalb der Stadt sind haarig, tragen Pelz.
28) J versucht D vor I zu schützen, vertreibt I. Ds Affenhand ein Zeichen Vorfahren von den äußeren Menschen zu haben. I räsoniert über Energie und Entropie. I geht, J schützt D bei der Hausdurchsuchung, rettet das Tagebuch.
29) O verfolgt D auf dem Weg ins Antike Haus. Sie ist schwanger, was illegal ist. D will sie jenseits der grünen Mauer bringen. O weigert sich, eilt davon.
30) I will die Revolution vorantreiben. Differenz notwendig. D versucht sie abzuhalten. I besteht darauf, dass D hilft, den Oppositionellen das Raumschiff zuzuschanzen.
31) Der Staat bewirbt eine Aktion, die Phantasie aus den Bürgern zu löschen, mittels Röntgenbestrahlung der Varolius-Brücke. D befürchtet nach Operation, I nicht mehr zu lieben.
32) Auf dem Prospekt, Chaos, Operierte jagen den Bürgern Schrecken ein. O hat Angst um ihr illegales Kind. D hilft ihr, S verfolgt sie. D gibt O eine Adresse.
33) D verabschiedet sich von seinem Publikum, von seinem Zimmer. Der Tag des Stapellaufs des Raumschiffs ist gekommen.
34) Probeflug mit dem Raumschiff, die Welt von oben. Der Übernahmeversuch wird vom Staat vereitelt. D versucht einen Absturz herbeizuführen, auch dies wird vereitelt.
35) D denkt, J hat ihn verraten, greift sie an, bedroht sie mit der Rohrstange. Sie denkt, er will sie vergewaltigen, zieht sich aus. D lacht, erhält dann einen Anruf vom Wohltäter.
36) Wohltäter enttäuscht von D, seinem Ersten Erbauer. Der Mensch will an der Kette zum Glück geführt werden. Der Wohltäter eröffnet ihn, dass I und die Oppositionellen ihn nur benutzt haben. D rennt weg.
37) Chaos, die grüne Mauer wurde weggesprengt. Menschen kopulieren öffentlich. D sucht I, findet in ihrem Zimmer rosafarbene Gutscheine mit seiner Nummer, aber auch die mit einem F. Er ist wütend, verschwindet.
38) I besucht ihn. Sie schlafen miteinander, reden über den Wohltäter. D wirft ihr vor, ihn auszuspionieren. Sie geht, ohne zu antworten.
39) D denunziert I beim ADB, trifft S, der aber zu den Oppositionellen gehört. In der Untergrundbahn trifft D einen Wissenschaftler, der über die Ausdehnung des Weltalls räsoniert, es sei endlich, er habe es bewiesen. Worin befinde sich dann das Universum, fragte D, aber dann ertönt Getrampel.
40) D wurde aufgegriffen und zur Operation gezwungen, nun wieder konform. Sieht wie I unter die Gasglocke gepackt und zur Hinrichtung gebracht wird. Der Staat erobert die Gebiete langsam wieder zurück. Neue erste Grenzziehung.
●Kurzfassung: In einem Einheitsstaat verliebt sich der Ingenieur eines Raumschiffs in eine Frau, die Teil einer Untergrundbewegung ist, die Bewegung in den gefährlichen Konformismus zu bringen versucht. Sie wollen das Raumschiff für ihre Zwecke missbrauchen, was misslingt. Am Ende wird der Ingenieur hirnoperiert (Entfernung der Phantasie) und die Rebellen werden hingerichtet.
●Charaktere: (rund/flach) flach, schematisch, wenig ausgefeilt, von Trieben besessen, gelenkt.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: die Geschichte mit O reinmontiert und auch ohne Abschluss, wieso? Dreiecksgeschichte für den Plot des Aufstandes nicht nötig, auch nicht die Verfolgung durch S. Macht keinen Sinn. Und die Concierge Ju auch nicht.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Probeflug mit dem Raumschiff Integral, der Affentanz außerhalb der Stadtmauern.
●Diskurs: kein wirklicher, eher Triebunterdrückung, wenn überhaupt
… das Schema: Dreiecksgeschichte, Eifersucht, Libido, ziemlich schwach ausgearbeitet. Die Verführung von D durch I, plausibel, D als Ingenieur hat etwas, was I will, sie nutzt ihre Attraktivität aus. Er fällt darauf herein, da der Wohltäter selbst ein Interesse an Frauen hat, wird ihm verziehen. Die Frau muss sterben. Die Oppositionellen auch. Diese wirken auch eher wie Anarchisten, mit wenig Konzept, einfach nur als Ruhestörung, als Differenz zum System, als Geist, der stets verneint (MEPHIstopheles). Die Welt selbst wird kaum ausgearbeitet. Der Alltag, das Essen, die Reproduktionen gibt es kaum. Ein Gefühl entsteht nicht, nicht für die Stadt, nicht für die Menschen, das Leben, gar nichts, auch der Unterdrückungsapparat kommt nicht rüber. Es wirkt alles eher wie eine Drogenillusion von D, auf dem Trip, schräge Träume. Die Geschichte mit O ist einfach nur blöd. Sie hängt sich an ihn, infantil, er auch infantil, hängt an D. Das Leben der Menschen, das als Differenz diente, wird ebenfalls nicht beschrieben. Hängt alles in der Luft.
–> 2 Sterne

Form:
●Eindruck: fürchterliche Sprache, fürchterliche viele Wiederholungen, unangenehme Wertungen, Metaphern, sehr ideenlos, insbesondere die vielen, fast ausschließlich verwendeten, Ein-Wort-Sätze, ein Bruchwerk an Sprache, oft nur eine Aneinanderreihung von Wörtern, wenig interessante Verben, fast gar kein Satzbau, keine Übergänge, reine Tagebuch-Improvisation.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität durch gestörte Sprache
●Auffälligkeiten: ziemlich viele Wiederholungen:
„in ihren Augen oder in ihren Brauen war ein merkwürdig aufreizendes X“
„Ihre hochgezogenen Brauen bildeten einen spitzen Winkel zur Nase, es sah aus wie ein exakt gezeichnetes X“
„Die hochgezogenen Brauen bildeten ein spitzwinkeliges Dreieck, zwei tiefe, spöttische Falten liefen von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln. Diese beiden Dreiecke standen im Widerspruch zueinander und zeichneten das ganze Gesicht mit jenem unangenehmen, aufreizenden X, das einem Kreuz glich. Ein kreuzweise durchgestrichenes Gesicht.“
„Die dunklen Brauen schnellten empor, bildeten ein spöttisches Dreieck.“
Stichwörter: Dreieck, Brauen, spitze Zähne, Lippen, Kiemen etc … sehr langweilig und repetitiv.
●Innovation: höchstens das expressionistische Improvisieren, das aber kaum Intensität mit sich führt
–> 2 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: konsequente Ich-Erzähler in Echtzeit eines Tagebuches, in Präsens, sehr immersiv
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): reflektiert, situiert, perspektiviert, überzeugend in seinem Versuch, sich selbst zu verstehen, sich zu entblößen, nichts zu verheimlichen, aber auch eine gewisse Unfähigkeit
●Erzählverhalten, -stil, -weise: beschämt, verwirrt.
●Einschätzung: authentisch, aber durch die fehlende Charakterisierung des Ich-Erzählers etwas freischwebend
–> 4 Sterne

Komposition:
●Eindruck: schlecht, da nicht konzeptionell – wieso die Hinrichtung, auf der R ein Gedicht vorträgt (Vorankündigung, die nichts bringt), wieso die Geschichte mit O, wieso keine Erwähnung der Arbeit auf der Helling, uneingebundenes Drama mit dem illegalen Kind, die Doktoren, völlig überflüssig, die Concierge Ju, auch nicht wichtig, seltsame Einsprengsel und Räsonieren über Mathematik. Insgesamt sehr zerfahren, wirr.
●Signal/Noise-Ratio: viel Rauschen, wenig Plot
●Operative Geschlossenheit: keine Geschlossenheit, da der Gegenpol, das Außen fehlt – das sind nicht die Triebe alleine, sondern das komplexe Leben der Menschen jenseits der Mauer
●Rahmenstabilisierende Details: keine
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): schleppend
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: viele, siehe oben, Text lässt sich wenig und zu viel Zeit gleichermaßen
●Reliefbildung: kaum, eher dissoziativ
●Einschätzung: ergibt kein Ganzes, lässt sich kaum anders als Kommentar zu einem wirren totalitären Staat lesen, aber kaum als Kunstwerk
–> 1 Stern

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Einerseits expressionistisch interessant, wirr, andererseits aber unausgeglichen, ungeformt und nervig durch die Auslassung, die unvollständigen Sätze, die permanenten Andeutungen, ohne dass sie inhaltlich zu irgendetwas dienen. Es liest sich deshalb beschwerlich, teilweise völlig inkohärent, besitzt aber einen befriedigenden Abschluss im Sinne des Plots. Die Welt bleibt dennoch fad, mit Ausnahmen der Weltraumfahrt, mit Ausnahmen der Beschreibung der Welt jenseits der grünen Mauer. Es besitzt weniger Biss, weniger Schärfe, als das Thema vermuten lässt, eher surrealistisch, traumhaft, Drogen erzeugt, so dass der formale Aspekt untergeht, und viele sehr nervige Wendungen immer wieder auftauchen „Dreiecke“, „Brauen“, „bohrende Blicken“, „Kiemen“ … etc … d.h. eintönige Sprache, etwas schleppender Plot, kompositorische Unaustariertheit, insgesamt ein sehr gemischtes, unklares Leseerlebnis.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, durch das Tagebuch
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) schon, aber eher wirr
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise technisch-expressiv, aber repetitiv.
●stimmig?(Komposition: ja/nein) stimmig in der Sprache, nicht als Erzählung
●ein zweites Mal lesen? nein
–> 1 Stern

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Karin Boye: „Kallocain“

Unausgearbeitete Dystopie als Ehepsychodrama – eher verstörendes Zeitdokument.

Inhalt: 1/5 Sterne (pointenloses Eifersuchtsdrama)
Form: 1/5 Sterne (verstörend-dissoziativ)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (konsequent Ich-erzählt)
Komposition: 1/5 Sterne (nicht vorhanden)
Leseerlebnis: 1-1=0/5 Sterne (unbefriedigend)
–> 7/5 = 1,4 = 1 Stern

Karin Boye, Lyrikerin, lebte von 1900 bis 1941, ist hauptsächlich durch den dystopischen Roman Kallocain (1940) bekannt. In diesem verarbeitet ein sechzigjähriger Chemiker namens Leo Kall sein Leben zwanzig Jahre zuvor, als er ein nach ihm benanntes Wahrheitsserum erfunden und an Menschen in einem totalitären Staat ausprobiert hat. Unter Einfluss der Droge können die Menschen nicht mehr die Maske aufrechterhalten und geben zu, worum es ihnen wirklich in ihrem Leben geht. Als Rahmenhandlung dient nun Leo Kalls eher problematisch, distanzierte, kühle Ehe mit Linda, mit der er drei Kinder hat, und die unter Applizierung der Droge keine so frohen Botschaften für Kall bereithält:

Ich will etwas sagen oder tun, und ich weiß nicht, was es ist. Vielleicht waren es eine Menge Kleinigkeiten, vielleicht Freundlichkeit, Wohlbefinden und Zärtlichkeit, und wenn sie unmöglich waren, dann war das Große und Wichtige auch unmöglich. Nur etwas weiß ich, und das weiß ich sicher: ich möchte dich töten. Wenn ich nur wüßte, daß es nie entdeckt würde, täte ich es. Was macht es übrigens aus, ob es entdeckt wird? Ich tue es trotzdem. Das ist immer noch besser als unser jetziges Leben. Ich hasse dich, weil du mich aus all diesem nicht retten kannst.

Kallocain mischt die Welt, die eines totalitären, alle überwachenden Staates, mit den Fortschritten der Menschheitskontrolle qua Pyschopharmaka und der bedrückenden Bedrohung von außen durch feindliche Mächte. Da der Staat aber gar nicht wirklich in Erscheinung tritt, wie alles in diesem Buch ein Schattendasein fristet, und nur die Eifersuchts-Paranoia Leo Kalls gegenüber seines Chefs inszeniert wird, zerfällt das Projekt in unzusammenhängende Bereiche, die zudem die Droge noch völlig überflüssig werden lassen.

Die Sterne funkelten noch ebenso klar, und ich erinnerte mich dar¬an¬, daß ihr pulsierender Lichtschein eine optische Täuschung war. Aber das bedeutete nichts. Was ich sah und hörte, konnten Täuschungen sein. Ihr Bild war doch nur aus meiner eigenen Vorstellungswelt geformt worden, einer inneren Welt, in der ich gewohnt war, mich selbst als eine trockene, verschrumpfte Schale zu sehen.

Die Wahrheit bedeutet in einer Welt der Lügen gar nichts, und das Wahrheitsserum bewirkt so auch nicht das, was es bewirken soll. Es bringt sogar nur selbstverständliche Dinge zum Vorschein. Kallocain liest sich eher wie ein Veto gegen die verwaltete Welt, gegen Bürokratie und Polizeistaatlichkeit und besitzt große Ähnlichkeiten zu Franz Kafkas Das Schloß und führt ähnlich wirr die Figuren durch die Labyrinthe eines Gemeinwesens, das dem Ich-Erzähler ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Unwissenheit und Unfähigkeit überzeugen jedoch höchstens in überbordenden, intensiven Rahmenbedingungen, die es hier nicht gibt. Der beschriebene Staat ist zahnlos wie die Drogen witzlos, leider, und der hakelige Stil wirkt wenig ausgearbeitet und mag mit den bedrückenden Zuständen des Entstehens des Roman zu tun gehabt haben. Als Zeugnis real-existierender Angst durchaus überzeugend, aber nicht als Erzählung.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Leo Kall, schreibt als 60jähriger seine Lebenserinnerung ab dem Alter von 40, hat eine Ehefrau, Linda, und drei Kinder, einen ältesten Sohn Ossu, Laila und Maryl. Er arbeitet als Chemiker in der Chemiestadt Nr. 4.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1) Der Ich-Erzähler, Leo Kall (LK), strebt nach sozialen Aufstieg, nach Karriere, danach, sich in den Hierarchien durchzusetzen. Er hat eine neue Droge entwickelt und erhält einen Kontrollchef, der ihm Versuche am Menschen durchzuführen erlaubt. LK ist aufgeregt, berichtet seiner Frau davon, hat aber Angst, dass es sich bei dem Kontrollchef um den ehemaligen Geliebten seiner Frau, Edo Rissen (ER), handelt. Zudem erhält er einen Brief vom 7. Büro des Propagandaministeriums [Grund wird im zweiten Kapitel gegeben].
2) Zwei Monate vor dem Einsetzen des Plots hat LK als Polizeisekretär das Abschiedsfest abkommandierter Mädchen bewacht, auf der er eine missverständliche Rede abgehalten, in der er behauptet, Trauer würde auf ein größeres Opfer hinweisen als Freude, und eine trauernde Mutter sei stolzer auf den Staat als eine glückliche, wenn die Tochter in einen anderen Bezirk abkommandiert wird. Das Propagandaministerium lehnt die Rede ab und befiehlt eine Klarstellung.
3) Linda redet LK zu, will ihn aber vor einer allzu großen Unterwerfungsgeste behüten. Eine Art Begehren flammt zwischen ihn auf, aber die Spionagekameras in der Wohnung lassen dieses rasch verebben.
4) Der Kontrollchef erweist sich tatsächlich als ER. Die Versuchsreihe beginnt mit Nr. 135, der sich unter Drogeneinfluss über den freiwilligen Opferdienst beklagt. ER nicht sicher, ob Lügen nicht auch dem Staat zugutekommen. ER unterstellt LK ein ungewöhnliches gutes Gewissen zu besitzen, obwohl seiner Erfahrung nach keiner über 40 ein reines Gewissen hat. Der Satz hängt LK nach. Die nächste Versuchsreihe mit Ehepaaren, die sich unter Drogeneinfluss verraten sollen, geht schief, da die Ehepaare sich auch ohne Drogen verraten. LK schreibt am Abend die Entschuldigungsrede, die er im Radio zu sprechen vor hat.
5) LK beklagt den Zustand der Versuchspersonen, zu leicht einzuschüchtern, sodass fast keine Droge notwendig erscheint. Eine Ehefrau fühlt sich durch die Preisgabe des (vorgetäuschten) Geheimnisses ihrem Mann wieder stärker verbunden. Der Polizeichef Karrek (K) tritt hinzu. Er kann gerade davon abgebracht werden, die Ehefrau gefangen zu nehmen.
6) Eine Kadidja Kappori will LK besuchen. LK setzt sich dafür ein, dass sich Kadidjas Ehemann Togo Bahara nicht von ihr scheiden lässt, indem er ihn bedroht, ihn als asoziales Element zu entlarven.
7) Ein weiterer Proband erzählt unter Drogen von „ihre Sache“, einer Sekte der Toren. K wittert eine Verschwörung. Die Sekte trifft sich, redet, schweigt miteinander. Ein Ritual besteht darin, ein Messer mitzubringen, das Messer einem fremden zu geben, und neben dem Fremden, der das Messer gezückt hält, einzuschlafen (als Vertrauensbeweis). Es gibt einen Märtyrer namens Reor, der sich aus Gutgläubigkeit umbringen lassen hat.
8) LK und ER werden zum Laboratoriumschef Muili beordert. Sie sollen in die Hauptstadt, um dort die Droge vorzustellen. Sie fliegen in einem fensterlosen Gefährt ab.
9) Audienz beim Polizeipräsidenten Tuareg, der die Forschung im eigenen Hause unterstützt. ER gutmütiger, LK strenger, will den einzelnen als Werkzeug des Staates sehen, redet der totalen Unterdrücken das Wort. K beauftragt LK zum Propagandaministerium zu gehen, um dort die Verabschiedung eines Gesetzes über die Bestrafung von verbrecherischen Gedanken auf den Weg zu bringen, bei einer Lavris, und zwar nebenbei, nicht als direkte Petition.
10) Tuareg überzeugt von der Droge, setzt ihre Herstellung durch. LK geht zu Kalipso Lavris. Sie untersucht seinen Fall, schickt ihn weg. LK übergibt eine Liste mit Befürwortern einem Mann, der ihn auf eine Versammlung schmuggelt, im Filmstudiopalast, meint aber, er sei ein wenig zu spät auf den Zug aufgesprungen.
11) Trotz Zweifels findet er sich im Filmstudiopalast ein. Rede von Djin Kakumita über Filme und deren geistigen Effekt, wie gute Filme motivieren, wie Menschen für den Staat besser eingespannt werden. LK überkommen langsam Zweifel an der vollständigen Funktionalisierung, denkt an den heroischen Moment von Nr. 135, während Kakumita gegen Heroismus spricht. LK will eine Lanze für den einzelnen brechen, hält sich aber zurück, auf dem Weg aus dem Filmstudiopalast begegnet er einem Offizier von hohem Rang, der die Versammlung auflöst, da es keine Zeit mehr für Filme gibt im Krieg.
12) Aus der Hauptstadt zurück, LKs Differenzen mit ER steigern sich, insbesondere über die Sekte der Toren. ER provoziert LK mit der Wüstenstadt der Sekte. LK soll neidisch auf sie sein, auch mit der Ehe mit L geht’s bergab.
13) K gibt LK bekannt, dass das Gesetz über verbrecherische Gedanken durchgesetzt worden ist. K gibt LK die Möglichkeit, ein Todesurteil zu bewirken. LK hat einen Gefallen bei ihm gut.
14) Paranoia von LK steigt, fragt L, ob sie ein Verhältnis mit ER hat, träumt von der Wüstenstadt, dem freien Leben, überlegt, L die Wahrheitsdroge zu verabreichen, um endlich die Wahrheit über ER von ihr zu erfahren.
15) LK überwältigt L im Schlaf und spritzt ihr die Droge. L gibt zu, dass sie enttäuscht ist vom Leben mit LK, so enttäuscht, dass sie ihn töten will, weil das Glück ausbleibt, dass die Liebe eben nicht die Rettung geboten hat. Von einem Verhältnis mit ER ist nicht die Rede. LK denunziert ihn dennoch wegen des auffälligen Verständnisses gegen über der Sekte der Toren, markiert die Denunziation mit seinem Zeichen, auf dass Karrek das Urteil vollstrecken kann.
16) L spricht mit LK über ihr Leben, über ihre Kinder, wie sie von Kind zu Kind mehr die Singularität des Lebens kennengelernt, sich vom Staat entfernt hat, ein Leben für das Leben.
17) LK überkommt Reue, will ER retten, ruft K an
18) Es gab aber noch andere Denunziationen, und seine war auch zu ausgefeilt. ER bereits verklagt. LK besucht Karrek, dieser überträgt LK die Beauftragung vor Gericht die Befragung von ER vorzunehmen. ER vor Gericht redet über den Panzerwagen der Leere, wird zu Tode verurteilt. L verschwindet.
19) Bei einer Pflichtveranstaltung wird LK übel. Er geht auf die Terrasse. Eigenartigerweise ist der Flugzeuglärm verschwunden. Er verlässt das Gebäude, beschließt zu ERs Ehefrau zu gehen, plötzlich landen Fallschirmtruppen vor ihn. Die Stadt wird besetzt, von feindlichen Armeen. Er schließt sich als Chemiker an und arbeitet die nächsten 20 Jahre als Zwangsarbeiter.
●Kurzfassung: Ein Chemiker erfindet eine Wahrheitsdroge in einem totalitären Staat und kämpft gegen eine zugrunde gehende Ehe an. Er verdächtigt seinen Vorgesetzten, ein Verhältnis mit seiner Frau zu haben, spritzt deshalb seiner Frau die Droge, die sich aber nur über das gemeinsame Leben beklagt. Sie verschwindet daraufhin, der Vorgesetzte wird zu Tode verurteilt und der Staat von einer feindlichen Armeen besiegt und besetzt.
●Charaktere: (rund/flach) flach, unausgearbeitet, eher skizzenhaft.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: relativ kurz, aber das Ende erscheint völlig überflüssig, der Krieg, die Fallschirmtruppen, das Verschwinden der Ehefrau.
●Besondere Ereignisse/Szenen: keine
●Diskurs:
… der interessanteste Twist erhält der Roman dadurch, dass das Wahrheitsserum nicht wirklich geprüft werden kann. Die Probe, die sich die Wissenschaftler ausdenken, von einem Ehepaar den einen dazu anzustiften, eine Spionagetätigkeit vorzutäuschen, und den anderen dann mittels der Wahrheitsdroge Kallocain zu zwingen, die Wahrheit über den Partner auszusagen, geht schief. Dieser Test führt sogar dazu, dass sich manche Partner wieder näherkommen, weil ein Vertrauen (beim falschen Geständnis) vorgespielt wurde. Das also, was das Wahrheitsserum herausfindet, stellt sich als banal heraus – sowohl als der IE seiner Frau das Serum spritzt, wie als die Versuchspersonen Geständnisse ablegen, oder von dieser harmlosen Sekte der Toren berichten, die sich treffen und stumme Schauspiele veranstalten (mit einem Messer). Der Twist also besteht darin, dass es gar keine Notwendigkeit für diese Droge gegeben hat. Sie erlaubt eine Gesetzgebung, selbst für unangenehme Gedanken verhaftet zu werden, zu einem Zeitpunkt, als der Staat kurz vor der Eroberung steht.
… alle unter Drogen gesetzte Personen zeigen, dass sie zutiefst, als Wahrheitsmoment, in sich, eine staatsferne Romantik tragen, also den Staat, so wie er sich zeigt, nicht im Detail, so gänzlich ablehnen, kritisieren, zurück zur Natur wollen. Ein Rousseauischer Gedanke. Der Plot besitzt keine Dynamik. Die Droge bringt nichts zu Tage, was nicht alle wissen, dass die Menschen in dem Staat unglücklich sind, unglückliche Ehen führen, entfremdet von der Natur, entfremdet von ihren Kindern. Die Selbsterhaltung als Prinzip führt zur Selbstabschaffung. Die Kontrolle führt zur Erstickung. Der Staat wird von innen geschwächt, bis er einfach von einer fremden Armee überrannt werden kann.
… was geben die Leute unter der Droge zu:
-Nr. 135: „Ich dachte, es wäre schön zu sterben. Man könnte mit den Armen schlagen, man könnte röcheln. Ich habe einmal jemanden im Heim sterben sehen – er schlug mit den Armen um sich und röchelte. Es war schrecklich. Aber es war nicht nur schrecklich. Man kann es nicht nachmachen. Aber seither habe ich immer gedacht, daß es wohl schön wäre, sich ein einziges Mal so benehmen zu können.“
-Ehefrau: „Wir werden einander verstehen und zusammen handeln, wenn wir etwas unternehmen. Ich werde ihm zur Seite stehen. Bei ihm brauche ich mich vor nichts mehr zu fürchten. Er hat ja vor mir auch keine Angst gehabt.“
-einer von der Sekte: „»Wir wollen sein – wir wollen werden – etwas anderes …« »So? Und was wollt ihr werden?« Schweigen. Ein tiefer Seufzer. »Wollt ihr einige bestimmte Posten besetzen?« »Nein, nein. Nicht so.«
-Linda: „Nur etwas weiß ich, und das weiß ich sicher: ich möchte dich töten. Wenn ich nur wüßte, daß es nie entdeckt würde, täte ich es. Was macht es übrigens aus, ob es entdeckt wird? Ich tue es trotzdem. Das ist immer noch besser als unser jetziges Leben. Ich hasse dich, weil du mich aus all diesem nicht retten kannst.“
-Edo Rissen: „Ich bin ein Wesen, dem sie das Leben genommen haben … Und trotzdem, gerade jetzt weiß ich, daß dies nicht wahr ist. Das ist natürlich das Kallocain. Es macht mich so unvernünftig hoffnungsvoll, alles wird leicht und klar und ruhig.“
… also macht die Droge sie hoffnungsvoll, sie freuen sich, sie atmen aus, sie wollen sich befreien. Die Droge wirkt nicht wie eine Waffe. So wird sie nicht beschrieben. Es kommt zu Verurteilungen, aber im Hintergrund, und wahrscheinlich ohnehin aus konstruierten Gründen. Der ganze Plot fällt in sich zusammen. Die Eifersucht von Leo Kall fungiert als Symbol für die Paranoia des Staates gegenüber seinen Bürgern – beide haben es mit unglücklichen Gegenübern zu tun, die aber keine Gefahr ausstrahlen, und so wird ihr Leben zur Beute eines anderen. Schlecht gestrickt, unausgegoren.
–> 1 Stern

Form:
●Eindruck: fürchterlicher Schreibstil, unerträglich holprig, hakelig, gestockelt, erinnert mich an Kafka, seltsame Präposition, ins Leere laufende Adversative, völlig unzusammenhängende Sätze und Aussagen, ins Nichts laufende Metaphern, sehr karg, sehr rudimentär
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum, die Sprache bricht unter ihrem eigenen Bedeutungsanspruch in sich zusammen
●Auffälligkeiten: hastig geschrieben
●Innovation: keine
–> 1 Stern

Erzählstimme:
●Eindruck: von Leo Kall, als Ich-Erzähler, in Retrospektive, insgesamt konsquent.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, alles drei
●Erzählverhalten, -stil, -weise: nüchtern, rationalistisch, gar nicht poetisch
●Einschätzung: langweilig, aber zweckgemäß, dennoch zeigt sich die Anlage als narrativ überzeugend, an der Erzählstimme hat es nicht gelesen
–> 4 Sterne

Komposition:
●Eindruck: schlimm, die Setzung der Eifersucht am Anfang darf sein, auch grundlos, dass aber Linda einfach verschwindet, der Staat plötzlich überfallen wird, und Leo als Strafgefangener endet, überzeugt gar nicht. Weshalb schreibt er das überhaupt auf? Nichts wird beendet. Nichts plausibilisiert. Völlig unausgewogen, viel zu kurz, viel zu uferlos allegorisch.
●Signal/Noise-Ratio: so gut wie kein Noise, Erzählskelett
●Operative Geschlossenheit: nein, es gibt keine Logik, außer der, dass der Mensch im Kern gut ist und das Gute will, und keine Maschine darstellt.
●Rahmenstabilisierende Details: nein, der Flugzeuglärm höchstens
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): nein
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: kaum, ein wenig durch die Ortsveränderung
●Einschätzung: Inhalt und Erzählstimme und Form finden nicht zusammen. Das Buch wirkt beliebig und unabgeschlossen. Insbesondere das krasse Ende mit Krieg, die zwanzig darauffolgende Jahre mit der „Droge“ als große Erfindung. Nichts passiert. Gar nichts.
–> 1 Stern

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: enttäuschend, mager, keine Atmosphäre, nicht durchkonstruiert. Konnte mich nirgendwo auch nur ansatzweise überzeugen.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) na ja … ziemlich trocken
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) atmosphärisch vielleicht ansatzweise, aber nicht von den Charakteren
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, auf keinen Fall
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nicht im Ansatz, keine geschlossene Form
●ein zweites Mal lesen? Bestimmt nicht
–> 1 Stern

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Jacqueline Harpman: „Ich, die ich Männer nicht kannte“

Das Ich als Gefängnis, das mutig und trotzig, aber möglicherweise vergebens, gegen sich selbst anrennt.

Inhalt: 5/5 Sterne (das Umgehen mit Einsamkeit)
Form: 3/5 Sterne (stimmige Lakonismus)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (paradigmatische Ich-Erzählung)
Komposition: 5/5 Sterne (das Ich als Gefängnis)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (mitreißendes Worldbuilding)
–> 23/5 = 4,6 = 5 Sterne

Bereits 1995 geschrieben, erfährt das Buch Ich, die ich die Männer nicht kannte von Jacqueline Harpmann, einer 2012 verstorbenen Belgierin, durch diverse, in viele Sprache übersetzte Neuausgaben stets wieder aufflammende Aufmerksamkeit. In ihrer Thematik einer Robinsonade stellt es sich in die Tradition von Daniel Defoes Robinson Crusoe, schließt aber thematisch-motivisch eher an neuere Romane wie Marlene Haushofers Die Wand oder Dino Buzzatis Die Tatarenwüste an. In arger Auslieferung begriffen kämpft eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin einerseits ums Überleben, andererseits um den inneren Durchbruch zu einer das Begehren setzende und entfesselnde Phantasie:

Manchmal blickte ich bei klarem Himmel hinauf zu den Sternen und sagte mit meiner krächzenden Stimme: »Herr, wenn du irgendwo da oben bist und nicht zu viel zu tun hast, dann sprich doch bitte mit mir. Du würdest mir eine große Freude machen, ich bin nämlich sehr einsam.« Aber es ist nie etwas geschehen. Diese Menschheit, von der ich nicht weiß, ob ich wirklich dazugehöre, muss eine blühende Fantasie gehabt haben!

Wie der Anfang direkt klar verdeutlicht, wächst die Ich-Erzählerin in radikaler Gefangenschaft mit 39 Mitinsassinnen auf, die viel älter als sie sind und mit ihr anfangs wenig anfangen können. Die erwachsenen Frauen reagieren mehr oder weniger apathisch, reaktiv, stoisch auf die Gefangenschaft, indes die Ich-Erzählerin mittels ihres sich schärfenden Verstandes mehr und mehr aufbegehrt, und zwar durch Quantifizierung, Logifizierung ihrer Umwelt. Sie macht sich selbst durch ihren Herzschlag zur Uhr, um Ordnung in der unkontrollierten Form ihrer Gefangenschaft zu finden. Den Mangel an Erzählung versucht sie durchs Zählen und Abzählen wettzumachen:

Ich zählte indessen weiter. Irgendwann war ich so geübt darin, dass ich mich nicht einmal mehr aufs Zählen konzentrieren musste: Ich konnte beim Plaudern, beim Essen oder sogar im Schlaf zählen – ich wachte einfach mit einer Zahl im Kopf auf. Anfangs dachte ich, das könne nicht stimmen, ich hielt es schlichtweg für unmöglich, aber mit der Zeit überzeugte ich mich vom Gegenteil. Thea meinte, ich hätte eine Fähigkeit entwickelt, die vielleicht gar nicht so außergewöhnlich war, nur habe sie vor mir wohl noch niemand gebraucht.

Auf dramatische Weise erzählt Harpmann die Dialektik der Aufklärung nach, dass der quantifizierende Verstand die Phantasie weder erzwingen noch durch Analyse zu entdecken vermag. Das Zählen bleibt abstrakt, und so bleibt auch die Ich-Erzählerin Gefangene ihrer Wächter, aber auch Gefangene ihrer eigenen Logik und Ratio, nur auf Muster, auf Wiederholung, auf Zählweisen abzuzielen. Sie kämpft um Entfaltung, um Bewegung und Begehren, und Harpmann zeichnet diesen mutigen, widerständigen, radikalen Aufbegehrungswunsch, im Sinne von Begehrenssetzungswunsch, in ihrem Roman nach, der durch eine stimmige Welt, durch eine nachvollziehbare Ich-Erzählerin und eine atemberaubend sich steigernde Intensität zu überzeugen versteht.

In diesem Sinne zeigt sie Marlene Haushofers Die Wand wie kein „externer“ Gegner nötig ist, um Intensität in der Selbstherausforderung literarisch zu evozieren. In Ich, die ich die Männer nicht kannte kämpft eine Heldin gegen sich und gegen die ihr aufgezwungene, von ihr jedoch nicht so einfach zu durchbrechende Gefangennahme ihres Geistes an, statt sich wie die Hauptfigur in Die Wand darin einzurichten. In diesem Sinne fragt Harpmann die schillernde, mystische Frage, wie der einzelne Mensch sich in der Welt eine Welt schafft, die Sinn macht, ohne sich über Zerstreuung in das Begehren des anderen zu flüchten, der ebenfalls nur im Begehren des anderen sein selbst zu stabilisieren sucht, und dies auf außergewöhnliche, literarisch beeindruckende, mitreißende Art und Weise.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Eine Ich-Erzählerin, Mitte sechzig, die aus ihrem Leben in einer Einöde berichtet.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Ein junges Mädchen lebt die ersten 15 Jahren eingesperrt mit 39 Frauen in einem Käfig. Die anderen Frauen sind viel älter und wissen mit dem jungen Mädchen, das zurückgezogen ist, nicht viel anzufangen. Als sie ungefähr 15 Jahre alt ist, geht ein Alarm los, ein Wärter beginnt die Tür des Käfigs aufzuschließen, und flieht dann. Die 40 Frauen gehen die Welt erkunden, doch sie bleiben allein. Sie finden nur andere Gefängnisse, in denen die Eingeschlossenen, entweder Männer und Frauen, ebenfalls 40 an der Zahl, elendig eingeschlossen ohne die Wärter verhungert sind. Die Frauen leben von den Vorräten und verzweifeln nach und nach. 23 Jahre später stirbt die letzte Frau, nur noch die jüngste, die Ich-Erzählerin bleibt am Leben. 22 Jahre erkundigt sie die Welt, entdeckt irgendwann einen Bus mit den Wärtern, voller Leichen. Sie erkundet weiter die Welt und entdeckt irgendwann eine Form von Bunker, sehr gemütlich eingerichtet. Dort sieht sie zum ersten Mal ihr Spiegelbild, und dort befindet sie sich, mit sechzig, also sie zu krank und verletzt, an Gebärmutterkrebs leidend, sich nicht mehr bewegen kann. Sie schreibt ihre Lebensgeschichte auf und ersticht sich dann selbst.
Die Geschichte ist aufgeteilt in drei Abschnitte:
1.) Gefangen, die Konkurrenz mit den Insassen, die eigenen, (fast) erotischen Phantasien bezüglich eines jungen Wachmanns, durch die sie Lustgefühle bekommt. Irgendwann überkommt die Ich-Erzählerin die Neugier, nicht nur in Bezug auf die Männer, sondern auch auf den Rhythmus. Sie fängt an, als lebendige Uhr mit ihrem Puls, die Tageslängen zu bestimmen, die Wachwechsel. Den Gefangenen ist jeglicher Körperkontakt untersagt, unter Strafe von Peitschenhiebe. Keiner redet mit ihnen. Sie leben mehr oder weniger apathisch vor sich hin, müssen voreinander auch auf Toilette gehen. Selbstbehauptung durch Geheimnisse, durchs Nicht-Preisgeben. Das Subjekt als dunkler Kristall. Die Menstruation fehlt der Ich-Erzählerin. Sie hat keine. Nur ihr Herzschlag bleibt. Die anderen Frauen merken sich die Tage mehr, als Orientierung. Im Zählen finden sie eine gemeinsame Tätigkeit. Die Ich-Erzählerin wird integriert, findet eine Freundin und Lehrerin in Thea. Dann geschieht das Ereignis. (29%)
2.) Die Sirenen gehen los, und die Wärter fliehen. Ein Wärter hinterlässt den Schlüssel in der Gefängniszellentür stecken. Die Frauen trauen sich zuerst nicht, aber die Ich-Erzähler ergreift sich ein Herz und steigt hinauf ins Freie, wo sich gar nichts befindet, keine Tiere, kaum Pflanzen, kaum Bäume, riesige, endlose Leere, auch keine Insekten. Die Frauen sind geschockt, erkunden die Gegend, finden Vorräte. Bald erkennen sie, sie haben nur das Gefängnis gewechselt (aus der Hoffnung auf Befreiung entsteht die Befreiung von der Hoffnung – alles leer, kein Entkommen). Sie beginnen die Welt zu erforschen, aber langsam. Die meisten Frauen erschöpfen schnell. Sie finden einen weiteren Wachturm, dort erwartet sie ein grauenerregender Anblick (Floß der Medusa, Géricault) – die Situation, in der der Käfig abgeschlossen geblieben ist, voller Frauen, die um ihr Überleben gekämpft haben. Sie beerdigen die Frauen. Die Frauen ziehen zwei Jahre weiter. Dorothees Kräfte schwinden, die älteste. Sie stirbt, dann eine Marie-Jeanne, die sich heimlich erhängt, weil sie Gebärmutterkrebs hat. Etwa 7 Jahren seit dem Ereignis sind vergangen. Die Ich-Erzählerin nun über zwanzig, und die Frauen sind mehr oder weniger sesshaft in der Nähe eines Flusses geworden. Dann stirbt Bernadette, dann Marguerite. Zu viert beschließen sie eine Expedition Richtung Wesen: Denise, Francine, Germaine und die Ich-Erzählerin. Thea bleibt zurück. 13 Jahre nach dem Ereignis sind noch 32 Frauen übrig, und es wird beschlossen, weiterzuziehen, um einen Ort mit neuen Vorräte zu finden (ein weiteres Wachhaus). Die Ich-Erzählerin leistet oft Sterbehilfe. Thea stirbt. Am Ende bleiben nur die Ich-Erzählerin und Laurette übrig, die sich mehr und mehr von ihrem Körper entfernt, abdriftet. Die Ich-Erzählerin findet Trost in einem mumifizierter Mann, der stolz im Gefängnis aufgerichtet sitzt und ins Leere starrt, vertrocknet. Laurette stirbt, und die Ich-Erzählerin kann endlich ihr gewünschtes Nomadenleben führen. (71%)
3.) Die Ich-Erzählerin wandert herum, findet mehr Wachhäuschen, und schließlich einen verunglückten Bus, mit vielen Insassen, die Alkohol in Flaschen mit sich führen, und auch ein Buch über die Gartenkunst (»Kleines Handbuch des Gartenbaus« – Anspielung auf Voltaires Candide), in mehreren Exemplaren. Sie beerdigt die Wächter, legt die Waffen zusammen, wandert die Straße weiter Richtung Südwesten entlang. Diese endet aber im Nichts. Sie geht konzentrische Kreise ab und findet einen Bunker, gemütlich eingerichtet, mit vielen Büchern. Dort ist auch ein Spiegel. Die Ich-Erzählerin ist etwa 40 Jahre alt, lebt nun weitere 22 Jahre länger, forscht und erkundet die Welt, liest die Bücher, am Ende, als ihr die Kräfte ausgehen und ihr Bauch zu schmerzen beginnt, schreibt sie ihre Lebensgeschichte auf und beschließt Freitod zu begehen.
●Charaktere: (rund/flach) .. schematische Ich-Erzählerin, aber mutig, wissbegierig, sehr in dem Ich der Erzählung befangen
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: der Schock, den Käfig voller verhungerter, verdursteter Frauen zu sehen.
●Diskurs: kein wirklicher Diskurs, sehr entfremdet, weit entfernt, auf einem anderen Planeten, Science-Fiction
… erinnert durch die verlassene Atmosphäre sehr Dino Buzzatis „Die Tatarenwüste“, und auch Guido Morsellis „Dissipatio humani generis“, insbesondere im letzten Teil, und eben Marlene Haushofers „Die Wand“, im zweiten Teil, das Leben ohne Männer.
… durch die Ebene, durch das Setting wirkt das Leben interessant, aufregend, die Leere, die kleinen Episoden, die Vorstellung, nur auf sich selbst konfrontiert zu sein, ergibt eine ungeheure Spannung. Die Frauen schaffen es nicht, eine Kultur hervorzubringen. Sie sind zu fertig, zu müde – nur eine der Frauen singt. Sie resignieren. Die junge Frau, tatendränglerisch, besitzt zu wenig sprachlich-imaginative Erfindungslust, erforscht die Welt, statt sich selbst zu erforschen, und findet in ihr nichts. Das Nach-Außen-Gerichtet-Sein ist ihr Verderben, wie sie selbst sagt. Die Spannung ergibt sich durch die krasse Reduktion auf den Verstand, das Quantitative, das Rationale, das jedwede Phantasie unterbindet. Sie schafft es nicht die Einbildungskräfte in Gang zu setzen, deshalb schreibt sie am Ende nur ihre Geschichte auf, als Information, nicht eine sie versöhnende Phantasie, die sie aufregen könnte. Die Endzeitstimmung ohne Gewalt, sehr stimmig und mitreißend.
–> 5 Sterne

Form:
●Eindruck: die Sprache erscheint äußerst adäquat, an ein paar Stellen ungelenk, durch die Ich-Erzählerin auch stimmig nicht poetisch, eher wissenschaftlich, analytisch, rational, deshalb passt das zur Unterkühlung der Atmosphäre, eine kalte, harte Welt, dennoch erscheinen manche Satzfolgen bemüht.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) sehr fiktional durch das Setting, das erzählerische Moment der Selbstreflexion.
●Auffälligkeiten: wie die Existenzialisten geschrieben, wie ein Camus, ein Sartre, nur adäquat in dieser, erfundenen, gesetzten Welt ohne alles.
●Innovation: das Prosaische schlechthin, unterkühlt, leider hier und da etwas eintönig in der Satzkonstruktion, und etwas zu abgekürzt in der Behauptung und Logifizierung
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: glasklare Ich-Erzählung, ohne jeden Ausrutscher, die authentisch, nachvollziehbar durch den Text schwingt, eine sehr herrische, mutige, dynamische Person, die sich nicht kleinhalten lässt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): äußerst reflektiert (in Bezug auf das eigene Schreiben und Tun), situiert (im Bunker sitzend und schreibend), und perspektiviert (niemals behauptet sie mehr zu wissen, als sie im Moment selbst weiß).
●Erzählverhalten, -stil, -weise: sehr lakonisch, sehr melancholisch, aber auf eine rationale, interessante, mitteilsame Art
●Einschätzung: eine der wenigen gelungenen Kafkaesken, existenzialistischen Erzählstile, etwas hakelig, aber dennoch durch das Weltgebilde stimmungsvoll und atmosphärisch, als Ich-Panzer und Ich-Kerker, in der Ich-Perspektive.
–> 5 Sterne

Komposition:
●Eindruck: hinter Erzählung steckt eine immense Konstruktion und Klarheit in der fokalen Weltdarlegung, die sehr kantisch ist – das Ding-an-sich, das Unbekannte, die Welt, und das Ich, das all seine Gedanken begleitet, aber keinen Zugang zu seinem sozialen Ich, dem Über-Ich erhält. Im ersten Teil entwickelt die Ich-Erzählerin den analytischen Verstand, im zweiten Teil nutzt sie ihn, um Orientierung und Überlebensstrategien zu entwickeln, entwickelt Techniken, baut Häuser, wird Handwerkerin. Im dritten Teil nun versucht sie, als das soziale ihre analytischen Fähigkeiten nicht mehr bindet, aus der Analytizität herauszukommen, aber findet das Andere nicht, findet keinen Zugang über Bücher, über das Labor, über die Welt zu einem anderen, phantasievollen Sein. Sie ist nicht kreativ – in diesem Sinne fruchtbar. Ihre Imagination reicht nicht aus. Sie stirbt an Gebärmutterkrebs, an ihrer Unfähigkeit, eine eigene phantasievolle Welt zu entwickeln, zu dichten, zu singen, zu malen, Sport und Tanz zu betreiben. Sie existiert nur in Bezug auf andere, nicht in Bezug auf sich. Die Welt selbst erscheint ihr nicht als Herausforderung, und daran geht sie zugrunde: „Mein ganzes Leben habe ich mit etwas vergeudet, was mich nicht glücklich gemacht hat. Das Schicksal hat bereits über mich entschieden.“
●Signal/Noise-Ratio: sehr gering, hoch fokussiert, hoch intensiv.
●Operative Geschlossenheit: sehr geschlossen, nämlich durch das Ich, das das Fremde sucht, durch die Analytik des Verstandes, der sich keine Ziele zu setzen versteht. Sie sucht das Begehren, findet es aber nicht im Logos. Der Logos selbst lässt sie im Kreis gehen, und so bleibt sie mehr oder weniger bei sich, im leeren Getriebe ihres eigenen Denkens. Formal geschlossen durch das Fremde/das Bekannte.
●Rahmenstabilisierende Details: die Welt trägt die Geschichte durch die Leerheit, die Leerheit der Ich-Erzählerin spiegelt sich wider, hierdurch wirkt das Geschehen konsequent, das Ich, als Verstand, spiegelt nur das Überleben wider, nur das Ist, nicht das Mögliche.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr gelassen, sehr ruhig, plätschern, darin gerade gut, abgeklärt, unaufgeregt, entfernt, distanziert zu sich.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, keine
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: durch das langsame Sterben der anderen
●Einschätzung: außergewöhnlich konzipiertes Buch, durch das Ich, das sein Anderes sucht, es nicht findet, sich erschöpft, sich aber selbst nicht transzendieren kann. Ihm fehlt die Phantasie. Sie stirbt in der Jugend, als sich die Beziehung zum jungen Mann in Nichts auflöst.
–> 5 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Vergleichbar mit „Die Wand“ von Marlene Haushofer, zusammen mit Dino Buzzettis „Die Tatarenwüste“ … kein feministischer Roman, die karge Sprache spiegelt die karge Welt wider, hier sehr enggeführt, stimmig, atmosphärisch, ein großer Halleffekt, ein Nachhallen in der Leere, die Stimme, die nur sich selbst kennt, eine große planetare Einsamkeit, aus Gefangenschaft und Freiheit. Ein Bild vielleicht desjenigen, der um seiner Freiheit willen die Hoffnung aufgibt, außerhalb der menschlichen Gemeinschaft der Hoffenden ausbricht, nur um außerhalb nichts als Wüstenei, karge stumme Landschaften zu erblicken. Die, die ausbricht, erfährt am Ende nichts – in ihr entfaltete sich der Willen der Kunst nicht, ein Instrument zu bauen, zu singen, sich körperlich zu erregen, Nähe zur Welt zu suchen, zu dichten, sie ist amusisch, und als amusischer Menschen kann der Kosmos kein Gegenüber sein, ein amusischer Mensch lebt im Widerstand und in Eintracht mit der Gemeinschaft, ihn zu befreien, bspw. durch eine Psychoanalyse, stößt ihn in ein kaltes, unbarmherziges Universum.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, sehr, und stimmig, für sich stehend, singulär
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, insbesondere in seinem leerlaufenden Heldentum
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, aber stimmig, und hierdurch sogar auch teils schön
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, in seiner Deutungsemphase, des leerlaufenden Verstandes
●ein zweites Mal lesen? vielleicht
–> 5 Sterne

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Ray Bradbury: „Fahrenheit 451“

Etwas arg schematisch umgesetzte Dystopie über geistige Stumpfheit und Trägheit.

Inhalt: 3/5 Sterne (Vision der Stumpfheit)
Form: 2/5 Sterne (hakelig-wurstig)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (zweckdienlich-personal)
Komposition: 2/5 Sterne (zu viel Mut zur Lücke)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (gute Dialoge)
–> 13/5 = 2,6 = 3 Sterne

Fahrenheit 451 gehört zu den prominentesten Beispiel dystopischer Romane, neben bspw. 1984Schöne neue Welt oder Wir. Bradbury entwickelt in diesem kurzen Roman eine Welt, in der die Menschen von alleine die Lust am Lesen und am Gespräch verloren haben, in der sie lieber vor Fernsehwänden sitzen und sich personalisiert mit Werbung und künstlich erzeugten Familiengesprächen beschallen lassen. In dieser Welt übernimmt die Feuerwehr, nachdem die Häuser feuerfest gemacht worden sind, als „Fire fighter“ die Aufgabe, Störenfriede der öffentlichen Ordnung festzunehmen und deren Spuren, vor allem Bücher, durch Flammenwerfer zu beseitigen. Einer von ihnen heißt Guy Montag:

Er spürte, wie sein Lächeln wegschmolz, einer Talghaut gleich sich zusammenbeutelte, wie das Wachs einer Phantasiekerze, die zu lange gebrannt hat und nun in sich zusammensinkt und ausgeht. Finsternis. Er war nicht glücklich. Noch während er die Worte vor sich hin sagte, erkannte er, daß sie seinen wahren Zustand wiedergaben. Er trug sein Glück wie eine Maske, und das Mädchen war damit davongelaufen; es bestand keine Möglichkeit, bei ihr anzuklopfen und die Maske zurückzufordern.

Wie sofort auf den ersten Seiten anzunehmen, erwacht Guy aus seiner Trägheit und beginnt die Welt um sich herum in Frage zu stellen. Hierbei sind ihm verschiedene Figuren behilflich, ein sechzehnjähriges, von Naturromantik beseeltes Mädchen, ein ältlicher Ordinarius für englische Literatur, der sich in seiner Wohnung verrammelt hat, und gewisser Landstreicher namens Granger, der ein Buch mit dem Titel „Die Finger im Handschuh; das richtige Verhältnis zwischen Einzelmensch und Gesellschaft“ geschrieben hat. Für Zwischentöne, Balance und symmetrisiertes, dynamisches Erzählen besitzt Bradbury wenig Fingerspitzengefühl.

Man konnte es in jener Nacht am Himmel ablesen, wie der Krieg sich zusammenbraute. Die Art, wie die Wolken sich verschoben und wie das Sternenheer zwischen ihnen schwebte, wie feindliche Geschosse, und die Ahnung, der Himmel könnte auf die Stadt herabstürzen und sie in Staub verwandeln, und der Mond könnte in rotes Feuer zerspringen, so war einem in jener Nacht zumute.

Die Abstraktionsebenen führen nicht ineinander, und die meisten Metaphern wie Figuren entbehren jeder Plausibilität, wirken erfunden, geschnitzt und aus dem Ärmel geschüttelt. Was aber stimmt: die Atmosphäre, das Bedrückende der Welt, die Angst, das Treiben, Driften in der Menge in den Untergrundbahnen, die einem den Atem teilweise nehmen. So betrüblich erscheint die nackte, kahle massenmedial überflutete Welt, dass das Leseerlebnisse nur durch die hastig gearbeitete Schreibweise und den etwas willkürlich abgehandelten Plot gemindert wird. Fahrenheit 451 erreicht nur in wenigen Momenten die Intensität eines 1984 oder Schöne neue Welt. Es besitzt Züge einer Pflichtaufgabe und Lohnarbeit, und tatsächlich hat Bradbury die erste Fassung auch, wie er in der Anniversary-Edition selbst darlegt, unter Zeitdruck geschrieben, nämlich auf einer Schreibmaschine, die er mit 10 Cent-Stücken füttern musste, in nur 9 Tagen für 9,80 Dollar.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Guy Montag, 30 Jahre alt, Feuerwehrmann; der Hauptmann Beatty und der pensionierte Ordinarius Faber für englische Literatur.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: drei Teile.
1) G trifft die Nachbarin Clarisse, 16 Jahre alt, Einzelgängerin. Sie fragt GM, ob er glücklich sei. Von der Arbeit nach Hause gekommen, sieht er seine betäubt auf dem Bett liegende Frau Mildred (M), die sich mit einer Überdosis Schlaftabletten in Lebensgefahr gebracht hat, und stellt fest, dass er nicht glücklich ist. Er ruft das Rettungskommando, das M den Magen auspumpt und das Blut austauscht. Selbstmorde sind die Regel geworden. G trifft Clarisse mehrere Tage hintereinander. Die lebendige Konversation führt zu einem neuen Lebensgefühl von G. Auf der Feuerwache jagt ihm der mechanische Hund Angst ein, der bösartig an ihm schnüffelt. G besitzt ein schlechtes Gewissen [wie sie herausstellt, wegen der Bücher, die er hinter der Klappe der Klimaanlage versteckt – und später wird der Hund ihn auch deshalb jagen]. An den folgenden Tagen vermisst G Clarisse, die spurlos samt der Familie verschwunden ist [sie wurde überfahren, die Familie floh oder ist in gefangengenommen worden, galten als unbelehrbar und Außenseiter]. Bei einem Einsatz muss G mitansehen, wie eine Frau sich selbst in Flammen setzt, um sich der Verhaftung zu entziehen und das Verbrennen ihrer Bücher nicht mitanzusehen zu müssen [G fällt ein Buch in die Hände, das er mitgehen lässt]. Die Szene hängt G sehr nach. Zuhause stellt er fest, dass er sich nicht mehr daran erinnert, wie er mit M zusammengekommen ist [später, in Freiheit, erinnert er sich, dass sie sich in Chicago getroffen haben]. Das häusliche Leben prägen die sozialen Medien, die personalisiert von drei Wänden auf das Ehepaar herabschallen. M wünscht sich eine vierte Wand. M lebt nur in dieser Scheinwelt, hört beständig Musik. G versteckt das Buch der verbrannten Frau, vom schlechten Gewissen, Angst gepackt, weigert er sich zur Arbeit zu fahren. Sein Hauptmann Beatty (B) stattet ihm einen Besuch ab, gewährt ihm eine kurze Pause und stellt nochmals die Wichtigkeit ihrer Arbeit heraus, die im Sinne des Allgemeinwohls vor sich gehe und im Sinne dessen auch ausgeführt wird [hier Betonung: die Menschen wollen von den Büchern in Ruhe gelassen werden, keine unliebsamen Meinungen hören, sich gegenseitig nivellieren]. B gestattet G auch die Neugier auf die Bücher. Er darf hineinschauen, muss das gestohlene Buch aber, sobald er zur Arbeit zurückkehrt, abgeben. Nachdem B gegangen ist, zeigt G M seine versteckten Bücher und beschließt, den Rat von B zu befolgen, sich mit den Büchern auseinanderzusetzen. Er bittet sich bei M 48 Stunden Bildung mit Büchern aus und beginnt vorzulesen.
2) G besucht, nachdem M sich den Büchern verweigert [und Starkstromhunde vor der Tür bereits herumgeschnüffelt haben], den Ordinarius Faber (F), der sich ihm einmal im Park anvertraut hat, ein Ordinarius für englische Literatur. Auf dem Weg befällt G Rastlosigkeit in dem Sogzug, liest in der Bibel, aber die Werbung (Zanders Zahnpulver) hält ihm vom Verständnis des Gelesenen ab [später wird er feststellen, dass er sich dennoch an die Wörter erinnern kann, Prediger Salomos – am Ende des Buches zitiert er Offenbarung 22:2, nach Luther: „mitten auf ihrer Straße und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.“ Fortgesetzt durch: „Und es wird nichts Verfluchtes mehr sein. Und der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt sein, und seine Knechte werden ihm dienen“]. Mit der Bibel in der Hand überzeugt er F von seiner Harmlosigkeit. F stellt ihm die drei Bedingungen vor, mit Verständnis zu lesen: Bücher müssen von Rang sein, er benötigt Muße und muss nach dem Gelesenen auch handeln können müssen. F schlägt vor, Bücher bei Feuerwehrleuten zu deponieren, um sie mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. G geht darauf ein. F gibt ihm eine Funkmuschel, auf dass sie in Kontakt bleiben, auch um Gs labilen mentalen Zustand zu stärken. Zuhause trifft G M mit ihren Freundinnen Frau Phelps und Frau Bowles, die über Politik, Krieg und Sonstiges oberflächlich sprechen. G zwingt ihnen auf, ein Gedicht zu hören, woraufhin Frau Phelps, deren Mann gerade in den Krieg beordert worden ist, in Tränen ausbricht [Sprache legt Zugang zu Gefühlen]. Die Freundinnen verlassen erbost das Haus. G kehrt zurück zur Arbeit, händigt das gestohlene Buch B aus. Sie pokern. B provoziert ihn mit gebildeten Sprüchen über die Unbildung. Ein Alarm erklingt. Sie fahren los. G muss erkennen, dass sein eigenes Haus angezeigt worden ist [von den Freundinnen seiner Frau und seiner Frau selbst].
3) M flieht mit einem Koffer in der Hand, will von G nichts mehr wissen. G muss sein eigenes Haus in Brand setzen und wird dann von B verhaftet, der zudem Fs Funkmuschel entdeckt und F bedroht. Um zu entkommen und F zu schützen, brennt G B mit dem Flammenwerfer nieder, schlägt Feuerwehrmänner zusammen und kämpft mit dem mechanischen Hund, der sein Bein betäubt. Siegreich humpelt er davon, kehrt wegen Bücher zurück, bricht wegen Gewissensbisse zusammen, redet sich aber ein, B wollte sowieso sterben. Bei F angelangt, nachdem er eine Straße passieren musste, auf der er von jugendlichen Rasern fast totgefahren worden wäre, planen sie die Flucht. Im Fernseher wird über G berichtet. G soll aus der Stadt, an den Gleisen entlang, mit Hilfe von akademischen Landstreichern nach St. Louis gelangen, wohin F mit dem Bus fahren wird, um dort das Buchdrucken voranzutreiben. G stolpert davon, beäugt, in den Schatten, schafft er es, bevor er gefunden wird, in den Fluss und lässt sich aufs offene Land hinaustreiben. Dort überkommen ihn Gerüche. Er findet die Landstreicher, alles Akademiker, die sich am Feuer wärmen, die ihm zeigen, dass Feuer nicht nur negative Seiten hat. Granger und die anderen berichten, dass sie als Schutzumschläge für Bücher dienen und er Bücher nicht nach ihrem Schutzumschlag beurteilen soll. Die unerfolgreiche Jagd auf G, wie Granger ihm auf einem tragbaren Fernseher zeigt, wird ins Erfolgreiche gewendet, indem ein Unbekannter als G ausgewiesen und ermordet. Die Öffentlichkeit denkt nun, G sei tot [hier ein wenig eine Jesus-Geschichte]. Am nächsten Morgen werfen Düsenjäger einen Bombenteppich über die Stadt, die in Schutt und Asche gelegt wird. Die Gruppe beschließt zurückzukehren und mit ihrem Wissen zu helfen, ohne alle Eitelkeit. In dem Moment der Zerstörung erinnert sich G an das Kennenlernen seiner Frau, die nun wahrscheinlich Opfer der Bomben geworden ist, und auch an die Worte, die er im Sogzug gelesen hat, die Offenbarung 22:2.
●Kurzfassung: Die Hauptfigur, GM, erkennt, dass sie unglücklich in einem seichten Leben und in einer seichten Ehe dem Tod entgegenstrebt, rebelliert, indem sie einen Innenleben, ein Gedächtnis aufbauen will, nutzt hierfür Bücher, gerät in Konflikt mit seiner Profession (Bücher zu zerstören) und mit den Wünschen der Allgemeinheit (keine Bücher zu lesen) und wird deshalb mit der Zerstörung seiner Wohnung und mit der Verhaftung bestraft. Um dieser zu entgehen, tötet er seinen Hauptmann, flieht aus der Stadt und trifft auf akademische Vagabunden, die die Bücher memoriert haben. Kurz darauf wird durch ein Düsenjetgeschwader, die Stadt, der er entflohen ist, in Schutt und Asche gelegt.
●Charaktere: (rund/flach) eher schematisch, nicht sehr ausgestaltet, insbesondere die Frauenfiguren nicht, insgesamt etwas klischiert.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Clarisse wirkt hineinmontiert, gewollt und nicht nötig, da er bereits Bücher versteckt hat. Sie verschwindet auch spurlos wieder. Auch die Freundinnen von Mildred, das Lächerlich-Machen ist überflüssig, da er doch sowieso zur Arbeit zurückkehrt. Unnötig diffamierend. Auch der Krieg im Hintergrund wirkt gewollt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Flucht aus der Stadt wirkt atmosphärisch, und das erste Nach-Hause-Kommen, während dessen Guy feststellt, dass er nicht glücklich ist und seine Frau Drogen betäubt im Bett liegt.
●Diskurs: Nivellierung, selbsterzeugte Zensur, Massenmedien, Gefahr von Ablenkung und Immersion
… insgesamt wirkt das Buch auf mich sehr ähnlich zu Robbe-Grillets „New York“-Buch, eher schematisch, gewollt; offensichtlich hat Robbe-Grillet Ray Bradbury geremixt. Nicht sehr gelungen. Das Buch besitzt etwas Schiefes, Ungeschlachtes. Es scheitert an der Bosheit von Beatty, an der Bedrohung durch den mechanischen Hund, an den überflüssigen Krieg. Gewollte Rahmenwirkung ohne Pointe, wirklich. Ein Weg hin nach St. Louis hätte genügt. Oder einfach die Bedrohung des Krieges, und die vorgestellte Apokalypse, ein Konditionalende, aber so wirkte es platt.
–> 3 Sterne

Form:
●Eindruck: wenige gute Stellen, meistens sehr gewollte Metaphern, etwas überzogen, sehr viel „Mond“, „Sonne“, sehr viel „Regen“, „Finsternis“, „Schnee“ und „Staub“ etc … nicht sehr bildlich, wenig ruhig, sehr hastig, zappelig und motivisch etwas klischiert (die junge Frau mit dem Mond erleuchteten Gesicht, die rubinroten Lippen etc …, über „rot“ die Frau, „schwarz“ der Mann … )
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) ja durch den Plot getrieben, durchs World-Building
●Auffälligkeiten: nervig Metaphern, sehr gleichförmig, Abstraktionsebenen überschreitend, Dopplung von Motiven (Gleis/Schlafpillendöschen, Dopplung: Männergespräche/Frauengespräche … usw). Teilweise auffällig stümperhaft, unklar und unpräzise, hastig, unsauber gearbeitet
●Innovation: Null, sprachlich gesehen
–> 2 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: ziemlich konsequent personal, bis zum Ende, etwas kollektiver, aus Guy Montags Sicht
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): zurückhaltend, erzählgetrieben, unsituiert, unreflektiert, aber perspektiviert (Guys Augen)
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher sprunghaft, hastig, eher wegwischend
●Einschätzung: sehr dienlich, nicht selbst literarisch, aber durch das World-Building klar herauszuverstehen, dass die Stimme, die die Welt erschafft, die Welt ist, nicht die Erzählung. Dennoch könnten ein paar Stellen vermieden werden, in denen ein Kollektiv plötzlich sichtbar wird (die Gruppe der Akademiker).
–> 3 Sterne

Komposition:
●Eindruck: leider unausgewogen, durch überzogene, satirische Elemente
●Signal/Noise-Ratio: bei der Kürze wenig Rauschen, aber die über die Straßen rasenden, jagenden Jugendlichen völlig überflüssig, ein paar Abschnitte etwas verfahren, aber insgesamt klar am Plot entlang gearbeitet
●Operative Geschlossenheit: leider nicht, Charaktere wirken voluntaristisch, spontan böse, und nicht sehr stabil kreiert, auch Guy Montag selbst, als unklare Figur, ohne Vergangenheit, wirkt etwas aus der Luft gegriffen
●Rahmenstabilisierende Details: Krieg im Hintergrund? Aber erfüllt seine Aufgabe nicht.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): nein, klarer Abenteuerroman
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: einige, leider
●Reliefbildung: nein
●Einschätzung: als Idee überzeugend, stimmungsvoll im ersten Part, mit Clarisse geheimnisvoller Figur, die dann aber verschwindet, Mildred erweist sich ganz und gar unstimmig, fremd, und auch die anderen Figuren erzeugen kaum Dynamik, auch Beatty nicht, der Hauptmann, der mit Guy befreundet sein soll. Hinzukommt, dass ein mechanischer Hund der Gegenspieler ist.
–> 2 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: eher ein typisches Genre-Buch, das ziemlich holterdiepolter mit seinen Thesen und Ideen daherkommt, relativ zackig, hakelig und wenig geschmeidig. Die volle Apokalypse am Ende kommt überraschend, der Clou bleibt aus, die Ausgeliefertheit erhält nichts Bedrückendes, nur Leere, ja ziemliche Planlosigkeit.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) auf keinen Fall
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein, irgendwie unausgeglichen
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, aber eher als Negativbeispiel, dennoch interessant beim ersten Lesen, die Diskussionen, Gedanken, die aber unausgeführt geblieben sind. Sehr viel Mut zur Lücke in diesem Roman, für mich zu viel Mut, zu viel Lücke.
–> 3 Sterne

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Aldous Huxley: „Schöne neue Welt“

Dystopisches Sackgassen-Empfinden auf den Punkt gebracht.

Inhalt: 5/5 Sterne (biochemische Menschheitskontrolle)
Form: 4/5 Sterne (narrativ-flüssig, unpoetisch)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (allwissend, tlw. kommentierend)
Komposition: 5+1/5 Sterne (klar codiert)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (immersiv-verdichtet)
–> 24/5 = 4,8 = 5 Sterne

Wenige moderne Romane erreichen einen eigenen Parabel- oder Allegoriestatus. Hierzu gehören Franz Kafkas Das Schloß, Joseph Conrads Herz der Finsternis, aber auch George Orwells 1984 oder eben Schöne neue Welt von Aldous Huxley 1932 unter dem Eindruck der heraufziehenden verwalteten Welt geschrieben. Mit Ausnahme von Conrad zeichnen sich diese Texte meist nicht durch dynamische Sprache und Formvielfalt aus. Auch Huxleys dystopische Parabel kommt eher nüchtern daher:

Auf einem niedrigen Bett, die Decke zurückgeworfen, lag Lenina in einem rosa Zippoverall. Sie schlief fest und war so schön in ihrer Lockenfülle, so rührend kindlich mit ihren rosigen Zehen und ihrem schlafernsten Gesicht, so vertrauensvoll in der Hilflosigkeit ihrer schlaffen Hände und ihrer hingegossenen Glieder, daß ihm die Tränen in die Augen traten.

Lenina Braun (oder Crowne) bringt jeweils Unruhe in die Situationen durch ihre angepasste Unkontrolliertheit. Der Roman beginnt mit einer Dreiecksgeschichte und entfaltet sich bald zu einer gestörten Mutter-Sohn-Dramatik. In beiden spielt Lenina die Rolle des idealisierten Objekts der Begierde. Die einen objektivieren sie, die anderen nehmen sie ihn Schutz, derweil manche sie romantisieren und völlig ihrer fleischlichen Gelüste entkleiden. Der Code angepasst/nicht angepasst und kontrolliert/nicht kontrolliert strukturiert die Geschichte bis ins letzte Detail und zeigt, wie eine Text lebendig trotz äußersten Schematismus zu bleiben vermag, nämlich durch dialektische Durchdringung der Gegensatzpaare hin zu einem nicht Erreichbaren:

Nach einer Pause setzte [der Weltaufsichtsrat] hinzu: »Manchmal ist es mir um die Wissenschaft leid. Glück ist eine strenge Herrin, namentlich das Glück der anderen. Und besonders, wenn man nicht darauf genormt ist, es kritiklos hinzunehmen, eine viel strengere Herrin als selbst die Wahrheit.«

Die Dialektik besitzt als Zankapfel Glück/Beständigkeit vs. Intensität/Abenteuer, um das Maß des narrativen Aufblühens, das in Schöne neue Welt stattfindet, vollzumachen. Hier bleibt nichts uneingefügt, dynamisiert und reflektiert. Am Ende steht eine Form von gruseliger erhabener Idee von Erfahrungseinsicht vor einem, eine Art Delphisches Orakel ohne Antwort, da die Frage selbst bereits ein Rätsel gewesen ist. Wenige Texte erreichen diesen Grad an plausibler, geballter Unentschiedenheit, die im Grunde literarisch eine Verzweiflung ob der gestellten Frage verarbeitet und sich gegen das Subjekt der Frage selbst richtet, gegen den Menschen in seiner historischen Form.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
-Bernard Marx (Sigmund Marx – M) – ein Alpha-Plus, der an einem biochemischen Ungleichgewicht leidet, körperlich den anderen unterlegen ist, eher eigenbrötlerisch, lehnt den Konsum von Soma ab, liebt Lenina Crowne (Lenina Braun – L), lehnt Sport, gemeinsame Aktivitäten (Andachtsgesänge) und promiskuitiven Sex ab (wie sich herausstellt nur deshalb, weil er nicht genügend Anerkennung erhält, unsicher ist, denn als er kurzzeitig eine gewisse Berühmtheit erlangt, gibt er Empfänge und genießt viele verschiedene sexuelle Kontakte).
-Lenina Crowne (L) – eine Beta, die mit Henry Foster (Henry Päppler – P) ausgeht und eher zu monogamen Beziehung tendiert, aber angepasst sich auf M einlässt, um nicht unangenehm aufzufallen, die auch Sinn für innere Werte besitzt, tendenziell zu lieben bereit ist.
-John (Michel – der Wilde – W), Sohn des BUNDs (Brut- und Normdirektor – D) und Linda (Feline), der in einem Reservat aufwächst, nachdem der BUND (Thomas – Tomakin) Linda bei einem Urlaub zurückgelassen hat. Lebendgeboren, also nicht aus dem Reagenzglas, wuchs er als Außenseiter in Malpais auf, durfte nicht an den Riten teilnehmen, ist eifersüchtig auf die Liebhaber seiner Mutter, insbesondere auf Popé, auf den er einsticht. Er bildet sich mit einer alten Ausgabe von Shakespeare und entwickelt einen strikten moralischen Code daraus, indem er stets Shakespeare so schlafwandlerisch zitiert wie die Bürger der Zivilisation die Grundsätze der Schlaftherapie.
-Mustapha Mond (Mustafa Mannesmann – MM) – Weltaufsichtsrat von Westeuropa, einer von zehn Weltaufsichtsräten, besitzt einen Giftschrank mit alten Büchern, Literatur und religiösen Schriften, hat einst auch Forschung und freie Wissenschaft betrieben, die reine Wissenschaft. Vor die Wahl gestellt, auf eine Insel verbannt zu werden, oder eine Karriere im Weltaufsichtsamt hinzulegen, entscheidet er sich die Karriere, im Sinne von Glück und Beständigkeit.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1) Im Jahr 632 nach Ford, 2540 in unserer Zeitrechnung. Das Setting wird erklärt. Die Welt befindet sich im Frieden. Die meisten Menschen werden geklont und werden durch Zucht in eine Kaste hineingeboren (Alpha, Beta, Gamma, Delta, Epsilon). Diese verrichten verschiedene, ihren geistigen Fähigkeiten angepasste Arbeiten. Neben der Arbeit können die Menschen ihre kleinen Probleme mit der Droge Soma überkommen, erhalten in Abständen TLE-Behandlung (Tolle-Leidenschaft-Ersatz), und Frauen zusätzlich Schwangerschaftsersatz. Es herrscht Promiskuität, enttabuisierte Sexualität, ein ziemlich großer Wohlstand, und Erziehungsmaßnahmen zur Todesnormierung und Entindividualisierung. Es gibt kollektives Andachtssingen, und Festivitäten, die die Kollektivität steigern.
Die Welt wird im 1. Kapitel vorgestellt, und wichtige Figuren auch, indem eine Gruppe von Studenten durch die Brut- und Normzentrale geführt werden. Vorzeigebürger-Alpha Henry Foster (Henry Päppler – P) schäkert mit Beta-Lenina, MM, der Weltaufsichtsrat stößt hinzu.
2) in der Kleinkinderbewahrungsanstalt, fürchterliche Szene, wie Babys konditioniert werden, Blumen und Buchstaben abzulehnen (untere Kasten). Menschen werden wie T-Modelle von Ford massenproduziert.
3) Zusammenschnitt von verschiedenen Unterhaltungen: Stinni und L im Umkleidezimmer über ihre Männerbekanntschaft, MM vor den Studenten, H mit einem Kollegen, der über L redet, was Marx hört und eifersüchtig und besitzergreifend reagiert. Stinni ermahnt L, nicht nur mit P auszugehen. Sie beschließt M zu fragen, was Stinni entsetzt, da M unattraktiv und eigenbrötlerisch ist, und gegen die Objektivierung der Frauen als pneumatisches Fleisch.
4) L spricht M an, um sich mit ihm zu verabreden, danach fahren P und L zum Hindernisgolf, und M zu seinem Kumpel Helmholtz Watson (Helmholtz Holmes-Watson, H) in den Propagandapalast. H poetisch auf der Suche nach einem Stoff zum Schreiben, unzufrieden. M und H teilen eine gewisse Asozialität.
5) L geht aus mit H, M bei in seinem verpflichtenden Andacht im Eintrachtskreis, fällt aus der Rolle, spielt aber etwas vor. Sie tanzen und rufen infantil Rutschiputschi.
6) M und L fahren gemeinsam nach London. M entzieht sich aber L, als sie mit ihm schlafen will. Sie fahren dennoch gemeinsam nach Neumexiko, in ein Reservat eines Naturvolkes, das sich nicht der Zivilisation angeschlossen hat, noch an Gott glaubt, Riten vollzieht, Monogamie verehrt und Heirat wie Lebendgeburt praktiziert. M beim BUND für die Erlaubnis der Reise. Der BUND erinnert sich an einen eigenen Ausflug in das Reservat, wo er von seiner Begleitung, einer Beta-Minus, getrennt wurde. Sie verschwand und ein Unwetter brach los. Er kehrte ohne sie zurück. Der BUND ermahnt M, infantiler zu sein. M und L fahren nach Neumexiko, wo er hört, dass er vom BUND nach Island strafversetzt werden wird.
7) Beschreibung der Zustände im Indio-Dorf, dreckig, Unrat, Gestank, Verwesung und Alter und Gebrechlichkeit. Ein Regen-Ritual wird durchgeführt, bei der ein junger Mann ausgepeitscht wird. Danach treffen sie auf einen Jungen, der ein zivilisiertes Auftreten besitzt, der Sohn des BUNDs, denn dessen Begleitung war damals schwanger gewesen, Filine. Sie treffen Filine, die völlig in Mitleidenschaft gezogen ist, alt, dick und sehr viel Meskalin und Peyote genommen hat.
8) Der Sohn berichtet von seinem Aufwachsen im Dorf, wie er einmal Popé mit dem Messer verletzt hat, als dieser mit seiner Mutter schlief. Ein Buch mit Shakespeare-Dramen fiel ihm in die Hände, womit er sich bildete (sein heiliges Buch). Der Sohn hat keine Liebe im Dorf gefunden. Unglücklich. M beschließt den Sohn und die Mutter mitzunehmen.
9) Während L von Soma betäubt im Dorf zurückbleibt, fährt M nach Santa Fe und organisiert die Rückkehr von Mutter und Sohn. Der Sohn betrachtet die schlafende L.
10) Zurück in Westeuropa soll M unehrenhaft entlassen werden, um seiner Demütigung zuvorzukommen, präsentiert er Mutter und Sohn und demütigt den BUND, der daraufhin abgesetzt wird und sich mit Soma betäubt.
11) Die Mutter, unansehnlich für die Welt, zieht sich zurück und betäubt sich mit Soma, richtet sich zugrunde. M hat durch den Sohn Erfolg, der als Sensation gilt, blüht auf, plötzlich populär. Sein Freund H schwer enttäuscht von dessen Opportunismus. M überzieht seine Popularität, MM beschließt an ihm ein Exempel zu statuieren. Der Sohn wird vorgeführt. L und der Sohn verbringen Zeit miteinander, mag aber die ordinäre Unterhaltung nicht, verwehrt sich dem normalisierten Sex, den L ihn anbietet.
12) M organisiert einen großen Salonempfang mit dem Erzchormeister, aber der Sohn entzieht sich, woraufhin der Empfang platzt und sich wieder alle über M lustig machen. M kehrt reumütig zu H zurück, der durch ein selbstgeschriebenes Gedicht in Verruf geraten ist. M bringt den Sohn mit. H und der Sohn verstehen sich prächtig, beide mögen Dichtung. M eifersüchtig. H lacht aber über den Pathos von Romeo und Julia, benötigt einen neuen, zeitgemäßen Stoff für Pathos.
13) L sucht den Sohn auf, fühlt sich zu ihm gezogen, bietet sich an. Der rastet daraufhin aus, schlägt und beschimpft sie als ordinär. Er erhält einen Anruf, das seine Mutter im Sterben liegt, und geht. L kann der Wohnung entwischen.
14) In der Moribundenklinik liegt die Mutter im Sterben, phantasiert über Popé. Simultanbrüder kommen zur Sterbenormung. Der Sohn rastet aus. Die Mutter stirbt.
15) Der Sohn wütend versucht eine Soma-Verteilung zu unterbinden. Jemand warnt H und M, die zur Hilfe kommen, aber das Chaos bricht aus, und die Polizei führt die drei ab.
16) Treffen der drei mit MM, der sie aufklärt, die Strategie der Welt darlegt. Die Menschheit hat aus der Erfahrung gelernt: Zypern- und Irlandexperiment. Die Menschheit benötigt Kasten, Arbeitsteilung und ein gewisses Quantum an Arbeit, um nicht verrückt zu werden. M winselt um Gnade, H wünscht sich auf die Falkland-Inseln versetzt zu werden. MM erlaubt es.
17) Aussprache zwischen dem Sohn und MM, eine philosophische Debatte über Glück und Beständigkeit, Gott und Abenteuer. Der Sohn will das Recht zum Unglück.
18) Die drei verabschieden sich. Der Sohn beschließt zu fliehen, in eine Eremitage, ein Leuchtturm, wo er meditieren, über den Tod der Mutter trauern kann. Er geißelt sich dort, wenn er sich zu glücklich fühlt. Reporter beobachten ihn. Er vertreibt sie. Jemand filmt ihn. Er wird berühmt durch sein Geißeln. Viele besuchen ihn, auch L, die er aber mit der Geißel vertreibt, eine Schlägerei und Orgie bricht aus. Am folgenden Morgen wird der Sohn erhängt im Leuchtturm gefunden.
●Kurzfassung: Es gibt eine zivilisierte und eine unzivilisierte Welt. In der zivilisierten Welt gibt es angepasste und nicht so angepasste. Ein nicht so Angepasster reist in die unzivilisierte Welt und bringt dort eine einstmals verschollene Mutter und ihren Sohn in die Zivilisation zurück. Beide finden sich in der Zivilisation nicht zurecht und gehen zugrunde. Der nicht Angepasste wird auf eine Insel verbannt.
●Charaktere: (rund/flach) eher schematisch, aufs Wesentliche verkürzt, aber komplex genug, insbesondere der Sohn
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein
●Besondere Ereignisse/Szenen: Gespräch zwischen MM und dem Sohn, der Tumult am Ende, als der Sohn L und sich geißelt.
●Diskurs: biochemische Kontrolle über den Menschen
… inhaltlich spannend, der Plot geht von der Dreiecksbeziehung M, L und Henry aus, entwickelt sich dann aber in eine Liebesbeziehung zwischen dem Sohn und L, die an den Ansprüchen John/Michels scheitert. Das dystopische Moment wirkt durch die Sprache, das Aseptische, Aromantische als Gegenpol, das Bestreben des Individuums, ein Individuum zu bleiben, notfalls mit Gewalt und Entbehrungen verbunden.
–> 5 Sterne

Form:
●Eindruck: sehr narrativ, zweckdienlich, teils technologisch-ästhetisch, poetisch-futuristisch angehaucht, gut lesbar.
●Auffälligkeiten: viel Technisches, viel Maschinelles, Raketen, Chemikalien, viele Gerüche
●Innovation: sehe ich nicht
–> 4 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: ein allwissende Erzählinstanz, die in die Figuren blickt und teilweise auch kommentiert, einen Vorausblick gibt, klar die Fäden der Erzählung in den Händen hält, aber unscheinbar bleibt, weitestgehend
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nicht perspektiviert, situiert oder reflektiert (weshalb es auch einen Bericht, späterhin, über diesen Text von Huxley gibt).
●Erzählverhalten, -stil, -weise: immersiv, eher spannend geschrieben, wie ein Thriller
●Einschätzung: die Erzählstimme passt durch das eigene Weltbild, eine Welt wird erschafft, diese Welt stammt aus den Gedanken eines Erzählers, als Demiurg, also darf er allwissend sein, nicht störend durch die Distanz zum Geschehen, durch die Eigenständigkeit der Welt im Erzählen selbst. Ein paar Ausrutscher, durch Kommentare gibt es, die gar nicht nötig gewesen wären, bspw: „Unter endlosen, ganz überflüssigen Vorsichtsmaßnahmen – denn höchstens ein Revolverschuß hätte Lenina vor der Zeit aus ihrem Somatraum reißen können – trat er ins Zimmer und kniete neben dem Bett nieder“
–> 4 Sterne

Komposition:
●Eindruck: austariert, vielstimmig, als Komposition außerordentlich überzeugend, beide Welten, die der Indios und die der Zivilisierten wirkt unfrei, die eine zu dreckig, die andere zu sauber, die eine zu gewalttätig, die andere zu schlafwandlerisch. Als Kompositionsprinzip dient Lenina, die einmal zwischen Henry und Marx steht (dem allzusehr und dem allzuwenig angepassten Zivilisierten) und dann, im zweiten Teil, zwischen John/Michel und seiner Mutter steht, von John/Michel heißbegehrt, aber nicht ertragen wird. Sie bringt jeweils eine Unruhe in die Konstellation. Wichtig hier: keine Welt erscheint für das Individuum perfekt, das Individuum wird von Mustafa Mannesmann repräsentiert, der impulskontrolliert seine Wünsche dem Begehren nach Gewaltlosigkeit und Beständigkeit zu opfern versteht, d.h. der Entsagende, der Weltaufsichtsrat. John/Michel entsagt aggressiv, unfähig, indem er sich zurückzieht, aber wenn die Welt sich ihm aufdrängt, prügelt er los. Bernard/Sigmund Marx entsagt unfreiwillig, da er den Normen nicht genügt. Lenina und Henry entsagen gar nicht. Es gibt stets eine Doppelstruktur im Buch: Mustafa Mannesmann/Helmholtz Holmes-Waston (kontrolliert angepasst-nicht angepasst). Bernard/Sigmund Marx und John/Michel (unkontrolliert angepasst-nicht angepasst), Mutter und Lenina (angepasst unkontrolliert); und Stinna und Henry (angepasst kontrolliert).
●Signal/Noise-Ratio: gering, geschlossene Form, gestalterisch
●Operative Geschlossenheit: über angepasst-nicht angepasst und kontrolliert-unkontrolliert
●Rahmenstabilisierende Details: naturwissenschaftliche Erklärungen
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): seltsam lange Lebensbeschreibung von Michel, etwas retardierend
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: durch Ortswechsel, ja, und Todesthematik
●Einschätzung: narrativ vollüberzeugend, ausgewogen, uneindeutig, vielschichtig und dynamisch, vgl. mit „Herz der Finsternis“
–> 5+1 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: mitgerissen von Anfang, immersiv, eindrücklich
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise durch futuristische Sprachwahl
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, sehr
●ein zweites Mal lesen? bestimmt
–> 5 Sterne

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Immanuel Kant: „Kritik der Urteilskraft“

Einblicke eines mit sich selbst und den eigenen Begriffen ringenden Geistes, der sich an der schlichten Naturschönheit besänftigt.

Zwei Jahre nach Kritik der praktischen Vernunft erscheint Kants Kritik der Urteilskraft (1790), die die praktische Vernunft mit der theoretischen aus der Kritik der reinen Vernunft vermitteln soll. Die dritte Kritik gilt als Alterswerk, etwas verschroben, hoch spekulativ, aber auch summierend und auf Stärken und Schwächen seines philosophischen Systems reflektierend. Im Zentrum der Urteilskraft steht die Zweckmäßigkeit, die als synthetisches Urteil a priori der Lust und Unlust im Menschen die Gesetze gibt. Aus ihr entsteht Kants berühmtes Diktum über das Schöne:

Schön ist, was ohne Begriff als Gegenstand eines notwendigen Wohlgefallens erkannt wird.

Diese Definition reicht weit und vermittelt viele Begriffe von Kant, bspw. steckt in ihr die Forderung, dass das Schöne keinerlei Interesse verknüpft (denn dieses steht mit einem Begriff in Verbindung). D.h. das Schöne entsteht nur als freies Spiel der Erkenntniskräfte, d.h. der des Verstandes samt seiner Begriffe und der diese läuternde, zum Schweben bringende Einbildungskraft. Zweckmäßigkeit impliziert keinen Zweck und eine Form von Ordnung, die nicht zufällig erscheint, eine Reziprozität, die über sich hinaus weist, eine allumfassende Korrespondenz mit der Welt und der Gemeinschaft, die das Schöne verbindet, weshalb es notwendig und von allem auch gesehen wird, sofern sie über ihre Privatexistenz hinausreichen und sich von ihrer eigenen Person befreien. Die Urteilskraft ergänzt also das Kantische System, das sich wie folgt subsumiert:

Erkenntnisvermögen – Verstand – Gesetzmäßigkeit – Natur
Lust und Unlust – Urteilskraft – Zweckmäßigkeit – Kunst
Begehrungsvermögen – Vernunft – Endzweck – Freiheit

Kant legt in seiner Kritik der Urteilskraft keine Inhaltsästhetik vor. Sie bestimmt das Schöne rein formal und stellt höchstens eine Rezeptionsästhetik vor, nämlich quasi als Rezept, wie jemand Unbescholtenes Schönheit empfinden könnte, würde er sich nur endlich mal von dem Angenehmen, dem Gewollten, Gesollten, Gewünschten und Unterhaltendem lösen. Da dies aber allenfalls zur Verdachtshermeneutik gereicht, kommt für Kant nicht in Frage, da alle Menschen ehrlich sind, auf dieselbe Art und Weise denken, sowieso nie lügen (wollen) und im Grunde ihres Herzens nach dem Guten streben. Nun denn, wenigstens gibt er ein Beispiel für einen schönen Satz:

So sagt z.B. ein gewisser Dichter in der Beschreibung eines schönen Morgens: »Die Sonne quoll hervor, wie Ruh aus Tugend quillt«.

Der Dichter heißt Withof und die Zeile stammt aus Sinnliche Ergötzungen. Von solchen kleinen Eskapaden abgesehen, lohnt sich die Kritik der Urteilskraft aus folgenden Gründen zu lesen:

● Systemarchitektonisch: Kants praktische und theoretische (reine) Vernunft benötigen eine Wahrnehmungsweise, die dem Willen Gestaltungsspielraum lässt – die Urteilskraft ermöglicht eine solche unter dem synthetischen a priori Urteil der Zweckmäßigkeit.

● Gottesbeweis-technisch: Kant diskutiert in aller Ausführlichkeit, wie ein indirekter, nicht logischer, aber teleologisch-reflexiv-ästhetischer Begriff eines Gottes legitimiert werden kann.

● Geschmacks-disputativ: Kant räsoniert über das von ihm verallgemeinerte Phänomen, dass alle das sich in dem, was sie schön finden, bestärkt sehen wollen – Schönheit, so Kant, ist immer gemeinschaftlich gedacht (sonst ist es angenehm oder unterhaltsam).

● Wissenschaftstheoretisch: im Sinne einer heuristischen Betrachtungsweise der Natur unter der Maßgabe einer qualitativen sich ergänzenden Teil-Ganze-Totalitäts-Dialektik, oder das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, und nach Luhmann auch weniger.

Über Kunst lässt sich von Kant wenig lernen, vielleicht auch nicht viel übers gute Leben, aber seine knausriges Bestehen auf Konsistenz zieht er gnadenlos bis über die Schmerzgrenze durch. Was aber entsteht, ist ein auf Perfektion, Harmonie und auf eine gemäßigte Form beruhender Schönheitsbegriff, der ganz ohne Pathos, ohne Sendungsbewusstsein, frei aus sich heraus ohne Zweck, Verdienst und Hintergedanken gefallen will. Kein Wunder, dass er Schelmenromane bei weitem am liebsten mochte, und die Witze, die Kant in Kritik der Urteilskraft erzählt, sind köstlich. Ein sympathisches Buch, hochpersönlich und voller menschenfreundlicher Gesinnungsfreude und -kraft.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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– Habe große Probleme, Kants formalistische Ästhetik produktiv zu lesen, da ein Großteil dieses Buch auf Rechtfertigung und Begründung des synthetischen a priori beruht, in diesem Falle: die Zweckmäßigkeit. D.h. etwas erlaubt das Schönheitsempfinden, dieses Etwas aber existiert nur als regulative Idee, wie diejenige des Ding-an-sich, das die Konsistenz hinter den Erscheinungen begrifflich zusammenhält, oder das Sittengesetz als regulative Idee.
– Es geht hauptsächlich um eine gewisse Distanznahme zum Privaten, Historischen, Tradierten und Öffentlichen: das singuläre einzelne Ich abstrahiert von sich hin zu einem Rest-Algorithmus, einer abstrakten, mechanischen Sache namens Apperzeptionssubjekt, aufgrund dessen die Einheit der Erfahrung, die Schönheitserfahrung und die Freiheit in der Verantwortung denkbar wird.
– All das basiert auf der Annahme: dass es dieses allgemeine Subjekt in jedem vernunftbegabten Menschen gibt, und dass es gilt, alles Individuelle, Physische, Lokale zu transzendieren, davon zu abstrahieren, sodass man eine Art untot Denkender wird.
– Anschlusspunkte jedoch: die formale Diskussion dessen, was der Zweck ist, etwas, das Ursache und Wirkung in sich trägt, ein Organismus, etwas, das aus sich selbst lebt, hier bereits erste systemtheoretische Ansätze – ein System reproduziert sich dadurch, dass es Elemente aus der Umwelt assimiliert, also sich gleichmacht. Der ganze Abschnitt der teleologischen Urteilskraft basiert auf der Diskussion, inwiefern Gott als regulative Idee aus der Zweckmäßigkeit der organischen Welt abgeleitet werden kann. Kant kommt zu dem Schluss: Es liegt nahe. Hier diskutiert er viele Versuche, wie die von Spinoza, ohne einen Schöpfergott auszukommen.
– Die drei Bereiche werden oft aufgeteilt: die Natur als Mechanismus (Ereignisse/Erscheinungen durch Gesetze/Ursache-Wirkungen) für die theoretische Vernunft, oder den Verstand, das Zweckmäßige für die Urteilskraft, und die Moral für die praktische Vernunft (Ereignisse durch Einwirkung eines Willens – die Freiheit). In allen wird vom Gegenstand abstrahiert, sodass er ein Produkt des Subjektes wird (ganz dem Anspruch Lockes nach, dass der Mensch nur versteht, was er selbst erschafft). Die Vermittlung der Freiheit mit dem Mechanismus soll durch die Urteilskraft entstehen, wo Erscheinungen in einer Art Schwebezustand liegen, die daraufhin auch veränderbar wirken können – der Eingriff in die Natur, nach Läuterung und Ästhetisierung, nämlich hinsichtlich einer antizipierten Zweckmäßigkeit, geschieht als durch die Urteilskraft, die allein erst einmal eine lockere Kopplung des Wahrgenommen erlaubt, sodass sich der Wille seinen Ansatzpunkt und Verwirklichungsraum sucht.
– Im Zentrum aller drei steht der Begriff der Einbildungskraft – sie ist es, die durch eine spontane Einwirkung das Wahrgenommene zu einer Erscheinung formt. Die Frage der Kritik der Urteilskraft lautet, gibt die Urteilskraft der Lust und Unlust Gesetze a priori vor?
– Frage auch: welche regulative Idee haben die katalogisierenden Wissenschaften, solche, wie die Biologie, die nicht auf Mechanismus, also auf Kausalität beruhen können? In diesem Sinne von wissenschaftstheoretischem Interesse.
– Das Lustgefühl, das Kant bei Schönheit und Zweckmäßigkeit beschreibt, resultiert aus der Ordnung, aus der Möglichkeit, sich etwas zu merken und zwar unter einem Begriffe, einer Konsistenz. Entlastung des Gedächtnisses. D.h. die Urteilskraft erzeugt beschreibende Urteile. Leider verbleibt er in der Begründung ontologisch, statt deskriptive Begriffe nach ihrer Anschlussfähigkeit und Kondensationspotential zu überprüfen (inwiefern speichern Begriffe Teilaspekte des Wahrgenommenen).
– Perspektivisch Regularien: die archimedischen übersinnlichen Punkte von Kants Philosophie (Fluchtpunkte: Ding-an-sich, Zweckmäßigkeit, kategorischer Imperativ).
– In der Aufforderung vom eigenen Begehren, Unterhaltungswunsch abzusehen, öffnet Kant Tür und Tor dem Selbstbetrug, der Maske, und außerdem unfairerweise soll der Mensch seine eigene Messapparatur introjizieren.
– Das Schönheitsurteil basiert auf ein naives Urvertrauen auf die Fähigkeit des einzelnen, Schönheit zu empfinden unter befreitem Erkenntniskräftespiel.
– Schönheit ist nicht unmittelbar empfunden. Sie entsteht aus Reflexivität und Reziprozität. Die Würde des Menschen liegt nicht im Hedonismus, im Reiz, im Angenehmen und Unterhaltendem.
– Das Ideal bildet sich als gemittelte Wahrnehmung, als Durchschnittlichkeit (das Ideal, Bilder aller Männer übereinander legen und mitteln).
– Erhabenheit = unbestimmter Vernunftbegriff, Schönheit = unbestimmter Verstandesbegriff. Erhabenheit führt zu keinem tieferen Verständnis der Natur. Erhabenheit erweitert die Einbildungskraft, das schlechthin Große (der Kosmos).
– Angesichts der Erhabenheit schmeicheln wir uns selbst durch die Würde unserer sittlichen Freiheit, unseres Stoizismus.
– Dauerhafter Frieden verweichlicht, so Kant, die Menschen zur Kleinkrämerei.
– Das Bilderverbot unterstützt die sittliche Idee.
– Vernunft schöpft aus einer gemeinschaftlichen Quelle a priori.
– Mitteilteilbarkeit der Erkenntnis die Kantische conditio sine qua non.
– Das Schöne interessiert nur in Gesellschaft, nicht auf der einsamen Insel.
– Im Genie bricht sich die Natur bahn, daher sind genialische Kunstwerke im Grunde eine Naturschönheit.
– Das Schöne als Symbol des Sittlichen, nicht als Schema, sondern als eine für die Vernunft erzeugte zweckmäßige Analogie.
– Leben lässt sich nicht bewirken. Nur Leben erzeugt Leben, im Leben selbst verkörpert sich ein Zweck für sich, ein Naturzweck. Weltmodelle erklären keine Organismen, auch nicht das von Spinoza.
– Ein Newton des Lebens ist unmöglich. Mechanik/Kausalität durchschaut und synthetisiert das Leben nicht.
– Die Erde als Gebärende. Kultur nie Natur bereitet dem Menschen Glückseligkeit. Ohne den Menschen wäre der Kosmos eine Wüste, nur seine Moralität krönt die Schöpfung zum Endzweck.
– „da es das moralische Gesetz gibt, so sei auch Gott“
– Das Gute darf nicht einerlei sei, dem Bösen gleichgeordnet, allein dadurch muss es als regulative Idee Gott schon geben.


Lukas Rietzschel: „Sanditz“

Substanzlose Verlegenheitslösung als Wendezeit-Schrumpfform. Ein proletarischer Tellkamp.

Inhalt: 2/5 Sterne (homosexuelles Schattendasein in der DDR)
Form: 4/5 Sterne (wohlfeiles Schriftdeutsch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unscheinbar)
Komposition: 1/5 Sterne (episodenhaft aus Verlegenheit)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (stumpf zumeist, dynamisch hier und da)
–> 11/5 = 2,2 = 2 Sterne

Mit Sanditz liegt ein weiterer DDR-Roman mit Fokus auf die 1980er Jahre vor, zusammenmontiert noch mit der Corona-Zeit um 2021-2022, der wie Clemens Meyer in Die Projektoren und Lutz Seiler in Kruso die in Mitleidenschaft gezogene Männlichkeit und die Angst vor homosexuellen Gefühlen der Um- und Mitwelt thematisiert. Insgesamt wirkt die kritische, offene, parteiliche Lesart als eine Art Anti-Tellkamp-Roman, der viele Momente und Details von Der Turm aufnimmt, diese aber in den Alltagsbereich der DDR der arbeitenden Bevölkerung verlegt. Sanditz lässt sich als proletarische Antwort auf Der Turm verstehen, aber mit selber Pointe:

Prora wird kleiner und verschwindet langsam. Nein, das stimmt nicht: Prora verschwindet nicht. Es ist immer da, dazu verdammt, ewig zu sein. Unendlich groß und unendlich hässlich. Er wird irgendwann ein Ende haben, Prora nicht. Im Angesicht dieser hässlichen Unendlichkeit ist er glücklich darüber, eines Tages sterben zu dürfen. Er legt seinen Kopf auf Theresas Schulter, schließt die Augen und denkt an Mutter auf der Bank im Garten.
Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich frei.

Der Kasernenbau Prora steht für die DDR als Symbol schlechthin, das Monstrum, das den fahrigen Roland nicht seine Homosexualität mit Achim ausleben ließ, das Literatur aus dem Westen verbot, das den Kirchen ihre Gottesdienste verlitt, das aber auch seine Männer zu Zwangs- und Militärdiensten verdonnerte, bspw. eben in das besagte Prora zum Bau des Fährhafens Mukran. Die DDR erscheint in Sanditz als einziger trister, grauer, bedrückender und in jeder Hinsicht unfreier, von Stasi-Mitarbeiter durchtränkter und vollkommen als Gefängnis und Schikanierungsanstalt aufgezogener Staat. Diese Stimmung hält Lukas Rietzschel bei, indem er das traurige Schicksal von drei Männern aufarbeitet, von denen am Ende nur einer dem Kraken zu entkommen versteht, und zwar der leiseste, entsagungsvollste, aber eben einer, der sich auch anpasst und in eine Frau verliebt. Die anderen müssen sich mit einer mehr oder weniger gelungenen Männerfreundschaft begnügen:

Sie seien so stumpf geworden füreinander, sagt Jacek. Lebten nebeneinander her, sähen, dass die anderen Ähnliches durchmachten, aber niemand sage was, warum eigentlich nicht? Dann wiederholt er: »Come here, Polei«, wie es Väter tun oder Brüder, die sonst nur Hände schütteln, breitet die Arme aus und nimmt ihn in den Arm. Match wiederum umarmt die beiden, Tom mittendrin. Erst fühlt er sich beengt, riecht Schweiß und Atem, den er nicht riechen will, aber schließt dann doch die Augen.

In vielerlei Hinsicht remixt Rietzschel die Motive von Meyer aus Die Projektoren mit denen Tellkamps aus Der Turm, gesampelt zudem mit Seilers Kruso und abgeschmeckt mit Christoph Heins stets wieder aufgebrühte und bemühte Triste aus Der Tangospieler. Leider nimmt Rietzschel sein Remix wörtlich, erzählt sprunghaft, unvollständig und mit wechselndem Interesse für den Hauptteil seiner Figuren, von denen er viele zum Ende hin einfach links liegen lässt. Hierbei transportiert sich dann leider nur Trauer, Versagen, Melancholie und aufgestaute, zum Magengeschwür hin verdrängte Wut, die das Buch als Hohlform und Selbstanprangerungsversuch ausweisen, ohne zur Pointe zu gelangen. Sie dümpeln weiter, und wenn sie nicht gestorben sind, dann dümpeln sie noch immer. Ein eigenartig gut geschriebenes unambitioniertes Gegenwartsliteraturbuch – wie eine Pflichtübung in DDR-Moll.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
Roland Moschnik, eher ein Lebenskünstler, arbeitet auf dem Bau und schlachtet aufgrund des um sich greifenden Tagebaus leergeräumte Häuser aus, bspw. Fliesen, lernt hierbei Achim kennen, verliebt sich in ihn. Als er aus Gefallen seine Kirchenfreundin Marion, die ein Kind vom Pastor erwartet, deckt und sie heiratet, trennt sich Achim von ihm und verschwindet. Roland schafft es nie, sich in die Familie zu integrieren. Pendelt durch seinen Baustellenjob in Frankfurt viel, wo er Lovro kennenlernt. Sie finden zusammen, werden aber angegriffen. Lovro bringt jemandem um und verschwindet. Später kehrt Achim zurück, krebserkrankt. Roland pflegt ihn bis zu seinem Tod und findet eine Fliese, einer von denen, die sie damals in den leergeräumten Häusern erbeutet haben.
Dirk Wenzel, Sohn von Erika und Norbert Wenzel, Bruder von Marion Wenzel, wurde als Kirchensohn zum Bausoldaten nach Prora verdonnert, muss dort den Tod eines Kollegen erleben, traumatisiert, findet er nicht mehr ins Leben zurück, trinkt, wohnt bei seiner Mutter und erst nach deren Tod wagt er sich in Richtung Rügen, lernt Theresa kennen und beginnt ein neues Leben in deren Pension als Steffen.
Tom, Bruder von Maria, Sohn von Marion, lebt ein in sich gekehrtes Leben, als Impfgegner, Aktivist, kommt über die Trennung von Caro nicht hinweg, die in einer Hütte im Wald lebt, seine WG hat sich aufgelöst. Durch eine Fahrt nach Polen beginnt er sich gegen Putin aufzuwiegeln und beschließt als freiwilliger Soldat in die Ukraine zu ziehen, wo er Dirks Drohne verwendet, um die Ukraine gegen die russische Armee zu verteidigen. Bei dem Versuch wird er von einer als Rabe verkleideten Drohne in Fetzen gesprengt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Zwei Zeitebenen: 2021, die Corona-Zeit, Lockdown bis 2022 und 1978 bis 1998, also Vor-Wende-Zeit bis mehr oder weniger Nach-Wende-Zeit Anfang der 1990er.
1978-1998: Kirchenaktivismus der Geschwister Haufe, die Literatur abtippen und verteilen; die Marmeladen-Pastorin, die Bilder von ihren Reisen zeigt. Geheimgruppen, Kirchengesänge. Norbert Wenzel, der auch ins Ausland reist, und jemandem verpfeifen muss, um weiter das Privileg genießen zu können, der Orgelbauer, der seinen Enkel (Tom und Maria) Musikunterricht angedeihen lässt und West-Bücher in die DDR schmuggelt. In der Gemeinde ist Marion und Roland aktiv. Marion hat eine Affäre mit dem Superintendenten, wird schwanger und muss Roland und Achim um eine Scheinheirat bitten. Achim lehnt ab, Roland sagt zu, Achim verschwindet. Es sind Zwillinge, Tom und Maria, die mehr oder weniger vaterlos aufwachsen. Als es zur Wende kommt, zeichnet sich Roland als Aktivist aus. Sie besetzen die örtliche Stasi-Zentrale, die Kreisdienststelle, verhindern das Verbrennen von Dokumenten. Roland arbeitet danach in Frankfurt, zusammen mit anderen Kollegen aus der DDR-Zeit, lernt einen Kroaten namens Lovro kennen, aber nach einem schwulenfeindlichen Angriff muss dieser verschwinden oder wird ausgewiesen. Der Angriff nimmt Roland so mit, dass er kaum noch arbeitsfähig ist. Marion schlägt sich durch, hat einen Job an der örtlichen Sparkasse, zusammen mit ihrer Mutter. Die Sparkasse, vom Westler Peter Schulte geführt, der aus dem Sauerland seine Frau zurücklässt, um etwas Neues aufzubauen.
2021-2022: Maßgebliche Ereignisse: Caro trennt sich von Tom, Erika, Mutter von Marion und Dirk, stirbt, Achim kehrt zurück, todkrank. Maria arbeitet als Journalistin, berichtet über eine zerteilte Bismarck-Statue, hat einen One-Night-Stand mit einem Nico, der aber eine Freundin hat. Tom leidet unter den Corona-Maßnahmen, wurde als Polizist gefeuert, als er sich mit dem Protestierenden verbündet hat, Maria bricht ihr Studium in Kassel ab, weil sie sich dort fremd fühlt. Tom und Caro finden nicht zusammen, ein Adrian schenkt Tom eine Fahrt nach Breslau. Er kommt in die Nähe des Ukraine-Konflikts, lernt eine Lotte kennen, mit der eine Nacht in einer polnischen, schäbigen Bar verbringt. Dort sagt ihm eine Stripperin, dass sie für Polen in den Krieg ziehen würde. Daraufhin organisiert Tom eine Schein-Hilfe-Aktion, bekommt den Lieferwagen der Gemeinde, sammelt Kleidung und Wertgegenstände für die Ukrainer, Adrian will sich anschließen, aber Tom schließt ihn bei sich in der Wohnung ein, stiehlt seinen Rucksack, sein Geld, sein Handy, fährt mit dem Wagen über die Grenze, verschenkt ihn, schmeißt seinen Pass weg und wird Soldat in der Ukraine, bricht sich fast das Rückgrat, kämpft weiter und wird von einer Drohne in Rabenform in die Luft gesprengt. Derweil Dirk das Haus seiner Mutter auflöst und Richtung Rügen reist, um sich den Gespenstern seiner Vergangenheit zu stellen, dort Theresa kennenlernt, mit ihr bei einer Silent Disco tanzt, mit ihr zusammenkommt und mit ihr zusammen zum Straflager reist, in Prora. Am Ende des Buches stirbt Achim.
●Kurzfassung: Drei Männer, drei Schicksale. Roland, der statt mit Achim frei und glücklich zu leben, eine Scheinehe für Marion eingeht; Tom, der einen Sinn im Leben sucht und sich in der Ukraine töten lässt; Dirk, der nach dem Tod seiner Mutter aus der Depression erwacht und ein neues Leben auf Rügen beginnt. Dazwischen unbeendete Lebenswege von Frauengestalten: Maria, die sich als Journalistin versucht, aber von allem mehr oder weniger verlassen wird; Marion, die als Schattengestalt wirkt und kaum in Erscheinung tritt; Erika, die als Ehefrau vom Norbert nur noch für ihren Sohn und die Gemeinde lebt; Caro, die mit ihrem AFD-Vater nicht klarkommt und in einer Hütte lebt.
●Charaktere: (rund/flach) lebendig gestaltete Figuren, trist, aber überzeugend, ziemlich überfordert und belastet.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: einige – die Sparkassen-Affäre erscheint nicht aufgearbeitet noch aufgelöst noch das Leben von Peter Schulte zu Ende geführt; von Marion erfährt man als letztes, dass sie sich 20 Erdnussflips in den Mund steckt, aber von ihrem Leben kaum etwas. Caro, als Freundin von Tom, völlig nebensächlich und die Problematik mit dem AFD-Beitritt ihres Vaters unausgeführt, nur zitiert, nicht mal skizziert. Die Geschwister Haufe verschwinden in der Nach-Wende-Zeit einfach, wirken nur als fleißige Gehilfen, Bücher abzutippen. Die Marmelade-Pastorin verschwindet auch einfach. Die Affäre zwischen Nico und Maria verpufft ebenfalls. Das Paar mit dem Bauwagen, das auf dem Gelände von Dirks Mutter etwas plant, trennt sich plötzlich. Völlig verpufft: die Sache mit der Bismarckstatue.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Am Anfang das Zerlegen der Bismarckstatue, das sehr sanfte Zusammenkommen zwischen Dirk und Theresa.
●Diskurs: eher eine Familienchronik, nicht allzu diskursiv, eher Zitate, Ukraine-Russland-Krieg, bspw., oder die Stasi-Problematik, aber eher hintergründig.
… Clemens Meyer „Die Projektoren“, Lutz Seiler: „Kruso“, Christoph Hein: „Der Tangospieler“, und insbesondere Uwe Tellkamp: „Der Turm“
… Problem von solchen Romanen – sie sind trist, besitzen kaum Drive, wenig Intensität, beschreiben Marionetten des Lebens, die keinen eigenen Willen besitzen. Deshalb kommt so gut wie keine Spannung auf, und deshalb bietet nur der Tod so etwas wie einen Abschluss. Sehr mager. Spannend geschrieben wurden die Szenen im Krieg und auch das Leben von Roland, in Frankfurt, das Zusammenkommen mit Lovro. Roland als einzige Figur besitzt einen Plot in der Vergangenheit und Gegenwart. Ärgerlich das Fallenlassen von Maria als Hauptfigur, das Fallenlassen des magisch-realistischen Elements, nichts Märchenhaftes, nichts Visionäres, nichts, was über den Rahmen des Alltäglichen hinausreichen könnte. Sehr verstaubt. Wegen Rolands Geschichte und der Schilderung des Ukraine-Krieges noch
–> 2 Sterne

Form:
●Eindruck: flüssig, angenehm, interessant zu lesen, variable Satzanfänge, interessante Verbwahl, keine ärgerlichen Wiederholungen, keine Übervereinfachungen, stimmige Sprachmelodie, keine Pausen, keine Uneinheitlichkeit.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitäsgrad
●Auffälligkeiten: geschliffenes, wohlfeiles Deutsch, Schriftsprache
●Innovation: keine
–> 4 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: ein nüchterner, komponierender Erzähler, der auktorial kaum in Erscheinung, eher bieder, zurückhaltend, fast schüchtern
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nein, die Erzählinstanz hält sich versteckt, erscheint nur in „Wie alle mittelgroßen Städte hatte auch Sanditz ein Stadtfest, das für die Weltgeschichte weitaus weniger bedeutend war, als seine Bevölkerung es zugeben wollte.“ Bspw.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: zurückhaltend, unaufdringlich, entspannt, abgespannt, fast zu relaxed, zu souverän.
●Einschätzung: eher journalistische Erzählweise, völlig uninnovativ, generisch und langweilig
–> 1 Stern

Komposition:
●Eindruck: ausgezogen, eine Zeitebene in Präsens, episodisch erzählt; die andere in Präteritum, aus der Vergangenheit, aber ebenfalls montiert. Die Not zur Montage ergibt sich nicht – weshalb? Wieso nicht chronologisch, weil zu langweilig? Da der springende Punkt. Der Stoff eignet sich durch seine Langweiligkeit nicht zum linearen Erzählen, also Lüften, Betonen, Lockern, aber das legt der Stoff gar nicht nahe. Zu viel bleibt offen, wieso dann überhaupt erzählen … Form und Inhalt passen hier gar nicht
●Signal/Noise-Ratio: ausgewogen, viel Rauschen, viel Nebensächliches, viele Details, die nichts erbringen, nichts hinzufügen.
●Operative Geschlossenheit: DDR-Alltag, Stasi-Rügen-Tapete, Blümchen, Schnittchen, aber kein Grundkonflikt vorhanden, nur das desaströse, saugende DDR-Monster.
●Rahmenstabilisierende Details: keine
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr eintönig
●Extradiegetische Abschnitte: die Raben, die die Bismarckstatue zerlegen
●Lose Versatzstücke: sehr viele offene Fäden, eher eine Art Serien-Roman
●Reliefbildung: zu wenig, zu wenig Drama, zu wenig Intensität, zu wenig Problematik, eher ein Driften in den Abgrund
●Einschätzung: wirkt wie eine Pflichtübung, episodenhaftes Erzählen stets eine schlechte Idee, die aus der Not, den dumpfen Stoff zu lockern, resultiert, daher Verlegenheitslösung
–> 1 Stern

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: angenehm zu lesen, über einige Strecken, insbesondere zum Ende hin, im letzten Drittel, interessant durch die Figur Roland und Tom, ärgerlich das Fallenlassen der weiblichen Figuren, die Überbetonung des verzagt Männlichen, das immer ziellose Herumdümpfeln im Nichts, dennoch besitzt es gute Passagen, stets eine sprachliche Dringlichkeit, die sich nur inhaltlich nicht einlöst
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) spielt mit vielen Klischees, wirkt eher unvollständig, zehrt vom historischen Drama, das es aber nicht auffängt
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, da nichts Auffälliges, nur Alltägliches zur Sprache kommt
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise schöne Sprache, aber nie poetisch, nie tragend, nur als Vehikel, brav
●stimmig?(Komposition: ja/nein) in seinem Grau in Grau stimmig, aber schnöde
●ein zweites Mal lesen? Nein, auf gar keinen Fall
–> 3 Sterne

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Annemarie Gethmann-Siefert: „Einführung in die Ästhetik“

Einführung in die Ästhetik by Annemarie Gethmann-Siefert

Nachschlagewerk und Orientierungskompendium mit bedingter Verwendbarkeit – eher verwischend als präzisierend.

Gethmann-Siefert ist vor allem durch ihre kritischen Beiträge über die Hotho-Ausgabe von Georg Friedrich Wilhelm Hegels Vorlesungen über die Ästhetik bekannt. In mehreren Sammelbänden und Alternativausgaben zeigt sie, wie die Hegelsche Ästhetik unzureichend von Hotho dargestellt worden ist, nämlich statt als dynamisches, sich der Gegenwart anpassendes und öffnendes Kunstverständnis und Kunstwerke-Erschließens als ein statisches und abgeschlossenes, also totes System. In ihrer Einführung in die Ästhetik zeichnet sie die philosophischen Bemühungen nach, dem Reden über die Kunst eine begriffliche Verbindlichkeit zu verleihen. Darin erkennt sie die ordnende, strukturierende, begriffliche Aufgabe der Ästhetik:

Die philosophische Ästhetik erhebt den Anspruch, das alltägliche Reden über Kunst und auch die differenziertere wissenschaftliche Bestimmung der Künste zu begründen; zugleich will sie eine umfassende Begründung des Kunstverstehens entwickeln.

Sie geht hierbei von der formalen, rationalistischen Ästhetik der Erkenntnis eines Alexander Gottlieb Baumgartens, Immanuel Kants und Ludwig Wittgensteins zu einer inhaltsgeprägten, kulturschaffenden Ästhetik des Handelns eines Friedrich Schillers, Hegels und Herbert Marcuses. Auf knapp 300 Seiten resümiert sie die wesentlichen Begriffe, die da lauten:

● Kunst als Nachahmung der Natur oder als Bildung
● Genie als Talent/Natur oder als geschichtliche Vernunft
● das Ideal der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit
● Autonomie der Kunst

Gethmann-Siefert legt bei all den Diskussionen Fokus darauf, wie die räsonierende Gemeinschaft sich etabliert, orientiert und spricht und vermeidet jedwede Sachbezüge, bspw. verneint sie explizit die Relevanz, zu bestimmen, was unter Kunst eigentlich zu verstehen sei. Vielmehr gehe es um die reflexive, begriffliche Arbeit das jeweils gefällte Urteil in Bezug auf seine weltanschauliche Gesamtbestimmung zu hinterfragen (hier sehr nahe an Jürgen Habermas). Hierbei fällt dann jedwede Bemühung weg, den Gegenstand selbst in den Vordergrund zu bringen, da das Reden über den Gegenstand, hier nur Anlass des kollektiven Bemühens um Selbsterkenntnis, im Grunde ja irrelevant für diese Theoriekonzeption wird. Kunstwerke eignen sich nur hervorragend für dialoglastige Selbstbestimmung des Humanen, da in ihnen Erscheinung und Intention als Struktur und Geistigkeit vorliegen. Ästhetik selbst will nur das allzu platte Absinken in das ästhetische Gefühl und Vorurteil vermeiden:

Das individuelle Urteil steht immer in der Gefahr, ins subjektive Belieben abzusinken. Ohne eine philosophische Begründung unseres Redens über Kunst fiele man auf das Ausgangsdilemma der Ästhetik zurück, daß sich über Geschmack nicht streiten lasse, obwohl zugleich begründet werden muß, daß die Aufforderung, bestimmte Kunstereignisse für wichtig, für belangvoll zu halten, an alle gleichermaßen gerichtet ist.

In sehr wissenschaftlich gesättigter, äußerst komprimierter Sprache werden vor diesem Hintergrund die Hauptwerke der philosophischen Ästhetik ab der Renaissance vorgestellt:

● Kunst als Erkenntnis:

Jean Baptiste Du Bos: Reflexions critiques sur la poesie et sur la peinture (1732)
Ludovico Muratori: Delle reflessioni sopra il buon gusto (1708)
Johann Christoph Gottsched: Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen (1730).
Alexander Gottlieb Baumgarten: Theoretische Ästhetik (1735)
David Hume: Über die Regel des Geschmacks (1757)
Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft (1790)
Roman Ingarden: Untersuchungen zur Ontologie der Kunst: Musikwerk, Bild, Architektur, Film. (1962)
Ludwig Wittgenstein: Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion. (1968)
Nelson Goodman: Sprachen der Kunst (1968)

● Kunst als Handeln:

Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen (1793/1794)
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: System des transzendentalen Idealismus (1800)
Karl Wilhelm Ferdinand Solger: Erwin (1815)
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik (1832)
Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie (1970)
Herbert Marcuse: Die Permanenz der Kunst (1977)

Leider fehlen kybernetische und systemtheoretische Zugänge vollständig wie die von Max Bense oder Niklas Luhmann, auch postmoderne Ästhetiken werden nur durch Goodman angerissen, aber Umberto Ecos Das offene Kunstwerk wird gar nicht in Betracht gezogen. Insgesamt kann ich das Lehrbuch nur bedingt empfehlen. Für Nichtkenner viel zu dicht und semantisch undurchsichtig. Für Kenner teilweise ausufernd repetitiv und in der Stellungnahme eher feige und wenig pointiert. Im Grunde stellt Gethmann-Siefert die Zweiteilung der Kunstauffassung als Erkenntnis und als Handeln vor, bestimmt die des Handelns als zeitgemäßer, aber lässt Beliebigkeit der ästhetischen Urteilsbildung Tür und Tor offen, wodurch das Unternehmen selbst etwas arg Versöhnliches und dadurch Nichtiges bekommt. Als Nachschlagewerk aber bedingt verwendbar.


Max Frisch: „Homo Faber“

Zerschmetterung einer selbstherrlichen Kontrollillusion. Unästhetisch kodiert.

Inhalt: 3/5 Sterne (Brechen eines Egos)
Form: 1/5 Sterne (schlimm-gewollt-hiatisch)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (konsequent Ich-zentriert)
Komposition: 6/5 Sterne (in sich kodiert, rundend)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (zu hakelig)
–> 18/5 = 3,6 = 4 Sterne

In Homo Faber, dem zweiten Teil seiner Zürcher Trilogie, neben Stiller und als Abschluss Mein Name sei Gantenbein, vermischt Max Frisch Sophokles‘ Ödipus und Joseph Conrads zivilisationskritisches Herz der Finsternis mit dem Thema „alter Mann liebt junge Frau“ aus Heinrich Manns Professor Unrat, das mit dem Zerschellen des Egos und der sozialen Deklassierung des Mannes endet. Max Frisch bearbeitet insofern sehr konsequent das Thema Treue/Untreue zu sich selbst innerhalb von Freundschaften und Liebesbeziehungen. In Homo Faber dient ihm Walter Faber als Projektionsfläche, ein seltsam sprachunbegabter, zu Anfang sehr selbstherrlich über die Welt herziehender 49jähriger schweizer Ingenieur, der in Caracas die Montage von Turbinen überwachen soll. Eine Notlandung mit dem Flugzeug zwingt ihn aber in eine andere Realität:

Warum soll ich erleben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht entschließen, etwas wie die Ewigkeit zu hören; ich höre gar nichts, ausgenommen das Rieseln von Sand nach jedem Schritt. Ich schlottere, aber ich weiß: in sieben bis acht Stunden kommt wieder die Sonne. Ende der Welt, wieso? Ich kann mir keinen Unsinn einbilden, bloß um etwas zu erleben. Ich sehe den Sand-Horizont, weißlich in der grünen Nacht, schätzungsweise zwanzig Meilen von hier, und ich sehe nicht ein, wieso dort, Richtung Tampico, das Jenseits beginnen soll. Ich kenne Tampico. Ich weigere mich, Angst zu haben aus bloßer Fantasie, beziehungsweise fantastisch zu werden aus bloßer Angst, geradezu mystisch.

Max Frisch vollzieht die Zähmung des Widerspenstigen in Homo Faber, indem der Technikgläubige das Versagen der Technik miterleben muss und fortan statt von der Notwendigkeit getrieben zum Spielball des Zufalls wird, indem eine verdrängte Figur aus seiner Vergangenheit nach der anderen in sein Leben tritt. Er beginnt das Fürchten zu lernen, und er beginnt sich zu fragen, was er eigentlich noch unter Kontrolle hat. Nicht viel, wie er merken muss, vor allem durch seine große Jugendliebe Hanna:

Hanna lachte nur: Männer! Er unterwirft sich jeder Devise, um seine Filme machen zu können. Juni 1953 hat Hanna ihn verlassen. Er merke es gar nicht, wenn er heute verkündet, was er gestern widerrufen hat, oder umgekehrt; was er verloren habe: ein spontanes Verhältnis zur Realität. Hanna berichtet ungern von ihm, dabei um so ausführlicher, je weniger es mich interessiert. Hanna findet es schade, beziehungsweise typisch für gewisse Männer, wie dieser Piper im Leben steht: stockblind, laut Hanna, ohne Kontakt. Früher habe er Humor besessen; jetzt lache er nur noch über den Westen. Hanna macht keine Vorwürfe, eigentlich lacht sie bloß über sich selbst, beziehungsweise über ihre Liebe zu Männern.

Hanna entzieht sich ihm, und doch zieht es ihn zu Hanna. Er sucht ihre Nähe, aber sie sucht ihre Freiheit. Sie sucht Kontakt zur Welt, zum Kosmos, nicht zu Ideen und abstrakten Konformitäten. Sie sucht die Unabhängigkeit, wohlwissend, dass die Männer in ihrem Leben drohen, alles kaputtzumachen, und so kommt es auch, bitterböse. Walter Faber bricht in ihr Leben ein und zerstört es wie ein Elefant im Porzellanladen, blind wie Ödipus, nachdem er sich geblendet hat, zwar sehend in seiner Schuld, aber da schon in Schmerzen am Ende seiner Kräfte. Homo Faber dekonstruiert Walter Fabers Selbstherrlichkeit in aller Exemplarität, schmerzhaft zu lesen, gewinnbringend zu durchdenken, nicht schön, aber brutal in literarisch dargebotener Ausweglosigkeit.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Walter Faber, geb. 29.04.1907, Ingenieur, arbeitet fürs Technische Hilfswerk, soll Montage von Turbinen in Caracas leiten.
Elisabeth Piper, Tochter von Walter und Hanna, 20 Jahre alt, lebt mit ihrer Mutter in Athen und reist durch die Welt, fährt von New York nach Southampton mit dem Schiff.
Hanna Piper, Halbjüdin, lehnte Heirat von Walter aus politisch-solidarischen Gründen 1936 ab, wollte das Kind abtreiben, behielt es aber nach Trennung von Walter und heiratete seinen besten Freund Joachim, der später eine Tabakplantage in Guatemala für die Hencke-Bosch GmbH leitet.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
WF fliegt aus New York nach Houston. Ivy, eine verheiratete Frau, ein Mannequin, will ihn heiraten. Im Flugzeug sitzt ein Deutscher neben ihm, erinnert ihn an Joachim (später stellt sich heraus, es ist Joachims Bruder Herbert). WF spürt Magendrücken, Übelkeit. Bricht in Houston zusammen, drückt sich vor Weiterflug, will Herbert nicht sehen, Entschlusslosigkeit. Er wird dennoch gefunden. Fliegt weiter. Das Flugzeug notlandet in der Wüste. Sie werden erst nach 85 Stunden gerettet. Lernt, dass Herbert sich auf dem Weg zu Joachim befindet. Vertreiben sich die Zeit mit Schach. WF erfährt, dass J seine Jugendliebe Hanna geheiratet hat. Sie haben eine Tochter. WF weiß nichts über Hanna, damalige Hochzeit geplatzt aus finanziellen und psychologischen Gründen. WF entschließt sich H zu begleiten. Bleiben in einem kleinen Dorf stecken, kein Jeep, erst ein Künstler besorgt nach Tagen einen Jeep. Sie fahren zur Tabakplantage. Joachim hat sich dort erhängt. Erinnerungen an Hanna, 1936, Halbjüdin, sollte ausgewiesen werden, lehnte Heirat aus vorgeschobenem Anti-Antisemitismus ab. Wiedersehen mit Joachim fand nicht statt.
WF fährt mit Marcel, dem Künstler, zurück, lässt H zurück. In Caracas eingetroffen, aber die Turbinen nicht. Rückkehr nach New York. Streit mit Ivy, von der er sich per Brief getrennt hat. Bucht aus vorgeschobener Flugangst eine Schiffreise, um Ivy schneller entfliehen zu können. Seltsame Nacht mit Pariser Bohème. Ivy, 26 Jahre alt. Auf dem Schiff lernt WF eine junge Frau mit Rossschwanz kennen, erinnert ihn an Hanna (später stellt sich heraus, dass es Hannas und seine Tochter ist, Elisabeth). E spielt Tischtennis mit Reisebegleitung. WF 49, E 21 Jahre alt. WF zeigt ihr den Maschinenraum. Sie freunden sich an. WF hat zu seinem 50. Geburtstag Magenschmerzen. Macht E einen Pseudo-Heiratsantrag. Ankunft in Southampton, Fahrt nach Paris. Williams, sein Chef, schlägt ihm Urlaub vor. WF lauert E im Louvre auf. Er begleitet sie auf ihrer Autoreise nach Athen. An der Via Appia fragt WF nach dem Namen der Mutter. Er versteht, dass er Hannas Tochter kennengelernt, und mit ihr in Avignon Sex gehabt hat. Gespräch über Es Sexpartner, sie fühlt sich schlecht, er auch. Dann, Wiedersehen mit Hanna, E von Schlange gebissen, dann gestürzt. Voller Panik bringt WF sie nach Athen, bringt sie ins Krankenhaus, als er aufwacht steht H vor ihm. E im Koma, aber auf dem Weg zur Besserung. H gewährt ihm eine Nacht bei sich. Er schläft unruhig. Am nächsten Morgen, E verstorben. H außer sich. E an einem Hämatom gestorben, durch den Sturz. WF erfährt, dass E seine Tochter. Kein Wiedersehen mit seiner Tochter.
Zurück in NYC, keine Wohnung, kaum Freunde. Fliegt Herbert besuchen. Herbert nun wie die Einwohner, braungebrannt. WF repariert den Jeep, findet die Einzelteile wieder, trotz Matsch und Schlamm. Betrachtet sich selbst, heruntergewirtschaftet, gealtert. Fliegt, um New York zu vermeiden, über Havanna, verbringt dort vier faule Tage, lässt sich gehen. Verdrängung, Abwesenheit, reine Beobachtung. WF gegen den US-Amerikanismus. Schamgefühl der eigenen Sexualität gegenüber. Spricht achtzehnjährige Prostituierte an. Schaukelt am Strand, abwesend. Alte Männer wie Zopilote. Flug zurück nach Düsseldorf, Bericht bei Herberts Unternehmen über Tabakplantage, Selbstmord von Joachim. Aus Versehen Bilder von E. Erinnerung kehrt zurück, Fahrt nach Zürich, trifft Professor O, merklich gealtert, nach Athen, trifft H wieder, die gegen die Männerwelt wettert. WF bereitet sich auf Operation vor, Angst vor Magenkrebs.
●Kurzfassung: Ein Ingenieur, Walter Faber, hat Magenschmerzen und lernt auf dem Flug nach Houston einen Deutschen kennen, der ihn an Joachim, seinen besten Freund aus Studienzeiten, erinnert (vor 1936). Es ist dessen Bruder, der Joachim auf einer Tabakplantage in Guatemala sucht, nachdem dieser nichts mehr von sich hat hören lassen. WF begleitet ihn spontan. Sie finden ihn tot in seiner Hütte. Joachim hat sich umgebracht. WF reist zurück nach Europa, lernt eine junge Frau kennen, die ihn an Hanna, seine Jugendliebe, erinnert. Er begleitet sie auf dem Weg zurück zu ihrer Mutter nach Athen, die sich als Hanna erweist und die junge Frau als ihre Tochter. Die junge Frau verunglückt, Hanna gesteht ihm, dass es sich um seine Tochter gehandelt hat. Verwirrt reist Walter ab. Magenschmerzen werden schlimmer. Er kehrt nach Athen zurück und lässt sich operieren.
●Charaktere: (rund/flach) eher flach, bis auf Hanna, die aber zu sehr im Hintergrund verbleibt.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Havanna, New York, der Trinkabend, Ivy, Juana, völlig überflüssig, geben nichts zum Plot, zur Atmosphäre.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Notlandung in der Wüste, Leiche auf der Tabakplantage, Versuch der Rettung von Elisabeth, Hannas Monolog über die Wunsch nach einem eigenen Leben.
●Diskurs: –> Mann und Frau, Geschlechterrollen.
… Kontrolle/Nichtkontrolle. WF lernt im Zuge des Romans, dass er keine Kontrolle über das Außen besitzt. Zu Beginn der Reise erfasst ihn eine Entschlusslosigkeit: die innere Krankheit, der Magenkrebs kündigt sich an. Er versteckt sich, schafft es nicht, Contenance zu wahren und bricht auf der Toilette im Flughafen zusammen. Dann der Flugzeugabsturz (Versagen der Technik), nicht nur die Physis, auch die künstliche Physis, die Technik versagen. Er lässt sich treiben, fährt in den Dschungel, um seinen Jugendfreund zu finden, wieder Antriebslosigkeit, ein Künstler besorgt den nötigen Jeep, sie erreichen den Freund, Joachim, der sich erhängt, selbst die Triebe versagen, der Überlebenstrieb. Er reist ab, hört, dass die geplanten Turbinen nicht montagebereit sind, kehrt nach New York City, wo ihn Ivy trotz seines Abschiedsbriefes begrüßt – also auch die Sprache lässt sich nicht kontrollieren, die Kommunikation. Keine Kontrolle, nicht im Außen (Technik), im Innen (Physis) noch das Zwischen (Sprache). Konfrontiert mit diesem Desaster beginnt der Fall. Er flieht vor Ivy, verliebt sich in die junge Elisabeth, die singt, sich für Kunst begeistert. Angekommen in Paris sucht er sie, lässt sich beurlauben, fährt von der Moderne zurück in die Antike (von New York, Paris, über Rom nach Athen) als invertierte Bildungsreise, um dann den Unfall von Elisabeth zu erleben, der sie das Leben kostet. Er bringt sie ins Krankenhaus, aber sie können sie nicht retten. Voller Kontrollverlust. Der zweite Teil bringt die Abwicklung seiner Existenz: Von seinem Leben in den USA keine Spur, Besuch von Herbert auf der Tabakplantage, von seinem Jugendfreund und vom Fortschrittsoptimismus nichts übriggeblieben, er gleicht einem Eingeborenen. Weiterflug nach Caracas, Zusammenbruch. Rückflug über Havanna, Regression. Fährt über Düsseldorf, Zürich, die Stationen seines Lebens, nach Athen, wo er sich einer lebensbedrohlichen Operation unterzieht. Die Hoffnungen sind gering. Von ihm, seinem Selbstbild, nicht mehr viel übrig, gar nichts. Voller Zusammenbruch eines männlichen Egos.
… Gegenpol Hanna. Ihr Code: Wachstum/Zerfall.
… sehr hakelig holprig zum Anfang, gegen Ende besser und mitreißender, sehr verhackstückte Sequenzen, eigentlich nur Novellenmaterial. Etwas aufgeblasen, deshalb auf etwas beschwerlich und unspannend zu lesen.
3 Sterne

Form:
●Eindruck: fürchterliche Ein-Wort-Sätze, gewollt, hiatisch, schlimm rudimentär, gekünstelt sprachlos und unharmonisch, als Sprachmaterial zu reportagenhaft auf Authentizität gemimt, wie ein Ingenieur schreiben würde – aber: ein Mensch, der so schreibt, würde nicht schreiben wollen, wieso, auch wenn es als Bericht gilt. Nein, gewollt artistisch, wirkt programmatisch, abstrakt, unästhetisch
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) ja, durch den Plot, das Setting wirkt es wie eine Art transformierte Tragödie
●Auffälligkeiten: viele Motive „Rossschwanz“, „epileptisch“, viele Wiederholungen, nervige Beschreibungen von Schwarzen, Zopilote.
●Innovation: der Staccato-Protokoll-Stil, völlige Entästhetisierung von Sprache
… liest sich schlimm, erst gegen Ende besser, wenn die Verdrängung expliziert wird. Der Stil wirkt nicht glaubwürdig, er wirkt aufgesetzt, schematisch, extra hässlich, extra unvollständig.
–> 1 Stern

Erzählstimme:
●Eindruck: konsequente Ich-Erzählung, erinnerndes Ich, schwankend zwischen Präsens und Präteritum, vom Krankenbett aus erzählt, Rückblick, Rechtfertigung, Aufzählung. Zwei Sitzungen des Schreibens, in Caracas vom 21. Juni bis 8. Juli, dann in Athen im Krankenhaus
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, alles drei, da klar und deutlich exemplizifiziert und ausgeführt. Völlig in sich, aber ohne Kontakt zu sich selbst.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: sehr ruppig, abrupt, ohne Fluss, hakelig, ungelenk, voller Schuld und Scham und Urteil für und gegen sich.
●Einschätzung: sehr überzeugend durchgeformte reflexive Ich-Erzählperspektive. Zeugenbericht eines Betroffenen. Vom Inhalt her sehr überzeugend.
–> 5 Sterne

Komposition:
●Eindruck: das Buch geht erst als Ganzes, durch den zweiten Teil wirklich auf, das letzte Viertel gibt dem Roman einen letzten Schliff, aus dem heraus klar wird, dass es sich um die Dekonstruktion der Kontrollwut handelt, die das Weibliche und das Leben unterwandern, Hanna bleibt ihm überlegen.
●Signal/Noise-Ratio: hoher Grad an Rauschen, an Lärm, an Abdriften, Ablenken, teilweise sehr geringes Signal, das übertönt werden soll durch Details, um die Schuld zu verringern
●Operative Geschlossenheit: Kontrolle/Nichtkontrolle als Kompositionsprinzip. Stolz auf die Technik, dann die Notlandung, Technik bricht zusammen, sein Körper bricht zusammen. Er beginnt zu driften, lässt sich auf eine Tour in den Dschungel ein. Das Leben bringt ihn zurück in seine Vergangenheit, zu Joachim, dann zu seiner Tochter. Beide lernt er kaum kennen, dann stirbt er wahrscheinlich in Athen.
●Rahmenstabilisierende Details: Viele Rahmenwirkungen durch Wiederholungen, zweimal New York, zweimal Guatemala, zweimal Caracas, zweimal Athen. Nur einmal Rom, Havanna, Paris.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr eindrucksvolles Gegenspiegeln von Motiven der Widergänger – Herbert als Joachim, Elisabeth als Hanna, nur er erkennt sich nicht, schaut sich im Spiegel in Havanna an, alt.
●Extradiegetische Abschnitte: Nein, keine
●Lose Versatzstücke: Anti-Amerikanismus passt nicht, nur als Versprechen der Technik, die nicht eingelöst wird, aber wirkt künstlich, auch die Übergeburten-Frage, plötzlich, aus dem Nichts. Sehr viele Meinungen von Walter Faber. Auch der Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit wirken nicht lose, nicht mit dem Plot verbunden.
●Reliefbildung: durch den Wechsel der Orte, New York, Wüste, Dschungel, Europa, Louvre, Via Appia, Athen, der Schlangenbiss in Korinth.
●Einschätzung: stärkstes Merkmal des Romans, wie er kompositorisch gearbeitet worden ist, so gewollt die Sprache, so überzeugend die Komposition, aber nur als Ganzes, nicht auszugsweise. Dekonstruktion der Selbstherrlichkeit von Walter Faber.
–> 5+1 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: während des Lesens bis zum letzten Drittel mühsam, gewollt, und auch nervig, sehr langsam, viel zu viele Details, Nebensächlichkeiten, im letzten Drittel an Fahrt aufgenommen, klarer Fokus auf Hanna, das geheime Zentrum des Romans, wo alle Fäden zusammenlaufen. Hanna überzeugt als Leerstelle.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, als Verarbeitung des männlich-aufgefasst weiblich Mystischem.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, in seiner Berichtsform, nicht im Schreibstil
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, hässlich, spröde, schlimm
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, als Dokument, Verarbeitung, Intervention, Psychodramatik
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht nicht, aber schon dreimal gelesen
–> 3 Sterne

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Fleur Jaeggy: „Proleterka“

Entrückter Erinnerungsraum, der zurückgehalten, etwas morbide, erforscht wird.

Inhalt: 3/5 Sterne (eher chaotisch)
Form: 5/5 Sterne (lyrisch-atmosphärisch)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (selbstdistanziertes Ich-Sie)
Komposition: 2/5 Sterne (improvisiert)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (geheimnisvoll)
–> 20/5 = 4,0 = 4 Sterne

Proleterka erschien 2001 auf italienisch und im folgenden Jahr auf deutsch. Seit zwei Jahren erhält Fleur Jaeggy, geboren 1940, zunehmend Aufmerksamkeit durch die initiierten Neuauflage ihres Werkes, das überwiegend aus Erzählungen und kurzen Romanen wie Die seligen Jahre der Züchtigung besteht. Es zeichnet sich durch einen atmosphärischen, etwas entrückten, traumartigen Stil aus. In Proleterka, der Name eines Schiffs, auf dem die fünfzehnjährige Ich-Erzählerin mit ihrem Vater von Venedig über Istanbul zurück nach Venedig reist, nimmt diese lückenhafte Erzählweise gespenstische Züge an:

Die Proleterka scheint verlassen. Sie hat beinahe ihren Charakter verändert. Sie ist metallischer, schwärzer. Ohne sich von der Stelle zu rühren, trieb sie steuerlos dahin. Ein Matrose geht umher wie ein Gespenst, das es eilig hat und Befehle verabscheut. Der Kapitän hat sich aus dem Staub gemacht. Die Proleterka nimmt wieder Besitz von sich. Und sie macht kein Hehl daraus. Jetzt ist es schwierig, an Bord zu gelangen. Sie riegelt sich hermetisch ab. Sie kann nur noch im Sturm geentert werden. Sie wirkt wie eine Art Mausoleum. Eine Kriegstrophäe. Sie gehört zum ewigen Altertum der Meere. Der Abgründe. Der Märchen.

Wie so oft, bspw. in Tezer Özlüs Suche nach den Spuren eines Selbstmordes oder in Terézia Moras Das Ungeheuer, dient die äußere Reise für eine Erinnerungsfahrt ins Innere, auf der, angestoßen durch die Ortsveränderungen, den Spuren der Vergangenheit nachgeforscht wird. Hierbei tritt eine brüchige, verstörte, aus den Fugen geratene Familienwelt zutage, der sich die Ich-Erzählerin nur durch wohl getaktetes Schweigen, Flucht und ekstatisches Körpererleben zu entziehen vermag. Zentral hier: die Schwierigkeit ihre Eltern, insbesondere ihren siebzigjährigen Vater zu verstehen, mit dem sie sich auf dem Schiff befindet:

Trotzdem sind mein Vater und ich aneinander gefesselt wie von einem übergeordneten Willen, der nicht von dieser Erde ist. Als kleines Mädchen sagte ich zu ihm: Sind Sie mein Vater?« – »Herr Johannes, ich bin Ihre Tochter.« Rechtlich gesehen gehörte ich zu ihm. Ich war seine Gefährtin dieser vierzehn Tage. Seine Gefährtin mancher Wintertage, mancher Sommertage. Und jetzt, ausnahmsweise, entgegen der Regel, auch im Frühjahr. Das Frühjahr schadet ihm. Die Natur ebenfalls.

Soziale Deklassierung, Affären, Erbschleichereien und zerstörte Familienunternehmen gehen Hand in Hand mit Scham, mit Schweigen, mit einer lastenden Selbstbeobachtungen, die die Familienmitglieder zunehmend voneinander entfremdet, bis dass sie sich siezen oder, wie die Ich-Erzählerin, von sich in dritter Person berichten. Für die Ich-Erzählerin bleiben die Worte, die Bildung, die Erinnerung zu entfernt, aber das Mittel, die Lücke zu überbrücken, durch Leidenschaft und physischen Kontakt, lässt sich beim Vater nicht anwenden. Er bleibt fremd, fristet ein Schattendasein in ihrem Leben.

Mit außergewöhnlicher Sanftheit liest Jaeggy in Proleterka die Scherben eines zu Bruch gegangenen Lebensentwurfes auf. Am Ende droht der Vater mit gar nichts mehr dazustehen. In dieser sanften Todesstimmung, die barockhaft und doch schnörkellos wie ein Schiff auf einem ruhigen Meer vor sich hin gleitet, ähnelt Fleur Jaeggys Roman abermals Ingeborg Bachmann und Clarice Lispector, hier aber noch mehr Robert Walser in seinen irrigen und irrlaufenden Miniaturen. Leider sehr kurz, und leider etwas chaotisch, dennoch stimmungsvoll und intensiv in seiner sanft humanen Durchlässigkeit und stoischen Melancholie.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ich-Erzählerin, unbestimmtes Alter, Anfang 20, Eltern gestorben, aus eher klassisch gebildeten Elternhaus, einstiger Wohlstand.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Abschnitt: Über den Vater Johannes, Teil einer nicht näher bestimmten Zunft aus dem Jahre 1336 (Zürcher Zunftverfassung datiert auf dieses Jahr). Sie nehmen in Venedig an einem Maskenball teil. Die Reise findet außerhalb der Reihe der Besuche ihres Vaters statt, üblicherweise sieht er seine Tochter nur im Winter. Sie besteigen das Schiff Proleterka, fahren nach Griechenland, Unwetter, Sturm. Hintergrundgeschichte des Vaters, aus verarmtem Großbürgertum, einstige Fabrikbesitzer, ein Bruder, der als Invalide im Rollstuhl saß. Eltern verlegen ihren Wohnsitz aus Ungarn (?) für ihn in den Süden.
2. Erinnerung an die eigene Kindheit bei der Mutter ihrer Mutter, Orsola, einer unnahbaren Frau, die sich um Blumen kümmert, die die Besuche des Vaters bei der Tochter regelt. IE rächt sich für Hänseleien über den sozialen Abstieg ihrer Familie bei einem Klassenkameraden, dessen Vater stirbt. Sie spürt das Böse in sich. Betrachtung der väterlichen Familie anhand von Gemälden, die übrig geblieben sind. Orsola hat in Buenos Aires gelebt. Nach einer Krankheit schickt Orsola die IE weg, ins Internat (?), jedenfalls zu anderen. Ausschlaggebend auch der Vater, der mit seiner Tochter einen Muttermörder besucht.
3. Auf dem Schiff, die Mutter hat die Reise nach Griechenland erlaubt, die Mutter, die Italienerin, die gerne Klavier spielt, Pianistin. IE verspürt Trauer über das Zerbrechen der Ehe ihrer Eltern. Mutter aus einer Tradition bösartiger Frauen, die den Hass auf Männer mit floristischen Tätigkeiten überdecken. Dialog mit dem Steinway der Mutter, mit dem die IE zusammenlebt (bei der Mutter? Bleibt unklar).
4. Orsolas Beerdigung, Erbneid zwischen den Geschwister, zwischen der Mutter und der jüngsten Schwester. Der Ehemann der Tante, der durch die Erschöpfung beim Tennisspiel stirbt.
5. Auf dem Schiff. Nach elf Tagen, Beschreibung eines Pfarrers mit seiner Frau. IE schnappt frische Luft, lernt Nikola P kennen, den zweiten Offizier, empfindet eine gewisse Anziehung. Name von Johannes‘ Eltern Ida und Jakob. Besuch von Knossos. Reise findet vom 18. April bis 2. Mai statt. Geisterfahrt ähnlich. IE erblickt eine Frau, die Dreißigjährige, verspürt eine gewisse Konkurrenz.
6. Selbstmörderabschnitt, von jemandem, der sich mit dem Glockenschlag um Punkt zwölf in den Kopf schoss. Vorher übte er auf kleine Vögel zu schießen.
7. IE schläft mit dem groben Matrosen. Nächster Stopp Santorin. Sie lernt einen Medizinersohn kennen, der kein Interesse für seine Profession verspürt. Der Matrose verhält sich grob gegenüber der IE. Sie denkt an die Schulkameradin Sebastian, wie sie sich nannte, die in der körperlichen Ekstase die Wahrheit gesucht hat.
8. Fahrt über Rhodos, Delos und Mykonos. Auch der dritte Offizier fordert sie zum Sex auf. Sie nimmt das Schiff als begrenzten Ort der Erfahrung, der danach aufhört zu existieren. Bosporus. Der Vater bleibt ihr fremd. Athen, Akropolis, dann die Rückkehr nach Venedig. Sie verlassen das Schiff.
9. Beerdigung des Vaters, Fräulein Gerda in Hochform. IE steckt der Leiche vor dem Verbrennen einen Nagel in die Tasche.
10. IE erhält einen Brief von einem Mann, der behauptet, ihr wahrer Vater zu sein. Um die 90 Jahre alt, aus Deutschland, ehemaliger Professor. Aus Wahrheitsliebe haben sich seine Frau und er zu diesem Schritt entschieden. Es gab einen Halbbruder, der als Kind früh gestorben ist.
… historischer Hintergrund, Johannes trat der Zunft kurz nach Beginn des 1. Weltkrieges aus, da er siebzig ist und es noch Jugoslawien gibt, spielt der Proleterka-Trip um die Mitte der 1980er.
●Kurzfassung: Eine Ich-Erzählerin (IE) reist mit ihrem Vater auf einem jugoslawischen Schiff namens Proleterka in ungefähr zwei Wochen von Venedig nach Istanbul und zurück nach Venedig. Auf der Fahrt verpasst sie die Chance, ihren 70jährigen Vater näher kennenzulernen, vergnügt sich statt dessen sexuell mit den Matrosen. Später, nach der Beerdigung, erfährt sie, dass ihr Vater möglicherweise gar nicht ihr Vater ist, sondern ein noch lebender Professor, der kurz vor der Demenz aus Wahrheitsliebe ihr seine Vaterschaft aufdrängt.
●Charaktere: (rund/flach) sehr geheimnisvolle, undurchschaubare Charaktere
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: der Selbstmörder, der sich um Punkt zwölf erschießt. Der Trip nach New York, der Dialog mit dem Steinway. Die Männer hassenden Frauen.
●Diskurs: keiner, spielt keine Rolle, höchstens der Geschlechterdiskurs
… vgl. Ingeborg Bachmanns „Malina“, und Max Frischs „Homo Faber“. Robert Walser, ein wenig Hesses „Die Morgenlandfahrer“ und Clarice Lispector „Die Sternstunde“.
… die Inkommunikabilität zwischen Vater und Tochter entlädt sich darin, dass die Tochter physischen Kontakt zu den Offizieren sucht und dort erste sexuelle Erfahrungen macht, im sicheren Rahmen des Schiffes, das auch spurlos in ihrem Leben verschwinden wird. Worte gegen Physis. Seltsam brüchige Familiengeschichte, unklar, weshalb die Mutter den Vater verlassen hat; unklar, weshalb der Vater die Tochter so selten sehen darf; auch unklar, was mit der Mutter geschehen ist; unklar, über welche Zunft geredet wird; … klare Dekadenzliteratur, als förmliche Avantgarde. Kleine Brennpunkte: der Selbstmord, die sexuellen Akten (kaum beschrieben), der Besuch in Deutschland beim „wahren“ Vater. Der Text strahlt eine poetische Haltlosigkeit aus. Die Ich-Erzählerin bleibt aber interessant.
… Motiv: der Nagel, das, was bleibt? Nach der Verbrennung der Leiche, der Nagel, den sie ihm zugesteckt hat, das, was bleibt? Das Geschenk an die Toten, Eisen?
… das geheimnisvolle, barocke, erschütternde Erzählen erzeugt einen Sog, aber das Buch ist auch kurz, es hätte aber durch Länge an Intensität noch gewonnen. Es lebt etwas von den irisierenden Tabu-Stellen des Eros (Sex mit Matrosen) und Thanatos (Selbstmord), und das brenzlige Aufwachsen einer Tochter in brüchigen, ehemals reichen, von Selbstanspruch strotzenden Verhältnissen. Plot könnte etwas übersichtlicher sein, deshalb zieht er auch kaum Interesse auf sich.
–> 3 Sterne

Form:
●Eindruck: Lebt von der poetischen Schreibweise, den Nachstellungen, kurze Sätze, viele Punkte, die das Entrückte markieren, die Nachstellungen, das Erinnern, das Präzisieren, das Bemühen um eine höfliche Narration. Sehr zart, sehr andeutungsvoll, die Erzählerin rückt den Dingen nicht auf den Pelz
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) sehr fiktionalisiert, ganz klar narrativ durchwirkt, Distanz zur Alltagssprache, keinerlei Verwechslung möglich, eher eine Gedichtform
●Auffälligkeiten: die Nachstellungen.
●Innovation: die kurzen, unvollständigen Sätze, das Spiel mit der Lücke, die Andeutungen, das sanfte Auslassen
–> 5 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: eine seltsame Ich-Sie-Perspektive, die Ich-Erzählerin spricht von sich in dritter Person, als die Tochter, hieraus entsteht die Spannung, die den Text trägt, als Poetikum. Präsens und Präteritum etwas willkürlich gesetzt, immersiv.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): sehr reflektiert, nicht wirklich situiert, räumlich, aber zeitlich (nach Tod des Vaters), klar auf die Ich-Erzählerin hin beschränkt.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: höflich, auslassend, distanziert im Sinne von Platz für Imagination lassend
●Einschätzung: eigenartig entrückt, dadurch besonders, das spezifische Merkmal dieses Textes, im Grunde.
–> 5 Sterne

Komposition:
●Eindruck: leider sehr unübersichtlich, sehr schwierig zu lesen, als Komposition undurchschaubar, eher atmosphärisch, lyrisch, weniger narrativ, weniger plotgetrieben, deshalb schwierig einzuschätzen. Chronologischer Zeitabriss, letzte Reise mit Vater, Beerdigung des Vaters, Kennenlernen des neuen Vaters? Eher schematisch.
●Signal/Noise-Ratio: viele Nebenfiguren, viel Rauschen, viele Nebensächlichkeiten trotz der Kürze des Textes
●Operative Geschlossenheit: durch die Erzählstimme ja, auch durch die Vaterfigur, die stirbt und aufersteht.
●Rahmenstabilisierende Details: das Schiff, die Proleterka, aber es bleibt schemenhaft, diffus, eigentlich kaum Rahmung, vielleicht der Nagel (bei 5% und 80% des Textes erwähnt), die Asche des Vaters, die Überbleibsel.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): zwischen Präteritum und Präsens, unklare Verortung, Erinnerungsraum, eher träumend als erzählend.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: geringe, die Reiseorte werden kaum beschrieben, alles bleibend schwebend angedeutet
●Einschätzung: Komposition schwach, wie der Inhalt, eher nüchtern, etwas eher Beliebiges a-linear geordnet, also a-lineare Erinnerung an lineare Zeitkette der Schiffsreise, die aber keine Rolle spielt. Die Organisation der Szenen regt nicht zum Nachdenken an. Ähnlichkeiten wirken beliebig.
–> 2 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: ein sehr dichtes, kompositorisches etwas enges Buch, das viele Momente anspricht, entwickelt, aber in gewissen Untiefen belässt. Es besitzt etwas Entrücktes, Traumartiges, etwas Gleichförmiges, und dadurch poetisch Unterwandertes. Sehr eigenartige Erzählform, eine verschwindende, sich versteckende, auftauchende Ich-Erzählerin, sehr sanft im Hintergrund
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, sehr
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, als Erzählhaltung, als Rückzug, als Anbahnung
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? Möglich.
–> 5 Sterne

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Robert Menasse: „Die Lebensentscheidung“

Unklare Maßverhältnisse eines liebend-lügenden idealistischen Kleinbürgers.

Inhalt: 5/5 Sterne (EU-Sterbemetapher)
Form: 3/5 Sterne (spröde)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (personal-inkonsequent)
Komposition: 4/5 Sterne (Unschärferelationen)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (ästhetisch-polyvalent)
–> 19/5 = 3,8 = 4 Sterne

Robert Menasse steht für einen selbsterteilten intellektuellen Anspruch, veröffentlicht er doch Bücher wie Das Land ohne Eigenschaften und Phänomenologie der Entgeisterung, und so nimmt es kaum Wunder, dass er sich immer wieder in politische Themen, insbesondere rundum die Europäische Union, verfängt und diese auch in seinen Romanen verarbeitet wie in Die Hauptstadt und Die Erweiterung. Seine Novelle Die Lebensentscheidung startet insofern ganz gemäß in Brüssel, bei einem Mitglied der Europäischen Union, das aber seine Tätigkeit satt hat:

Franz Fiala war nur ein kleines Rädchen, aber eben doch ein Rädchen in der Maschinerie, die eine bessere Welt produzieren wollte. Und er fühlte sich betrogen. Er hatte genug. Es war sinnlos. Man konnte nicht für das Bessere arbeiten, wenn es für mächtige Interessensverbände besser war, mit Gift und Tod Profit zu machen.

Der Politiker packt die Koffer, geht mit 58 Jahren in den Vorruhestand und zieht zurück nach Wien, wo er sich um seine 89 Jahre alte Mutter kümmern will. Er steht zwischen drei Frauen: seiner Mutter, die namenlos bleibt, Felicitas, einer Freundin aus der Universitätszeit, und Nathalie, seiner Beziehung in Brüssel, die aus einer Art EU-Adel stammt. Franz Fiala, so der Name des Bübchens, spielt das Schweinchen in der Mitte und hetzt wie ein verlorener Köter von einem Stöckchen zum nächsten, das sich die drei Frauen grinsend gegenseitig zuwerfen.

Sie saßen im Wohnzimmer, ich muss nach Hause, dachte Franz, ich bin zu Hause, dachte er, wo ich mich nie zu Hause gefühlt habe, aber jetzt will ich nach Hause, wo ich mich nicht zu Hause fühle, nach Hause! Murmelte er. Mit aller Kraft versuchte er, seinen Zustand zu überspielen, es gelang ihm, dachte er, es gelang ihm minutenlang, da wurde ihm rot und schwarz vor Augen, und er brach zusammen, rutschte vom Sofa und lag vor dem Thron seiner Mutter.

Erstaunlicherweise gelingt es Menasse in Die Lebensentscheidung, eindeutige Sinnansprüche und Deutungshorizonte zu vermeiden. Seine Figur erscheint schwach, aber nicht unsympathisch, die Frauen willensstark, aber nicht empathielos. Sie treiben alle einem Abgrund entgegen, gepflastert von den sprichwörtlich wohlgemeinten Worten und Taten, ohne dass sie der Katastrophe Einhalt zu gebieten vermögen. Franz Fiala, sein körperlicher Zerfall, seine Unfähigkeit, ehrlich zu sein, und das Misstrauen, das zwischen ihm und den Frauen in seinem Leben besteht, abzubauen, steht symbolisch für die EU wie für den überforderten Menschen schlechthin, der sich Kräften ausgesetzt sieht, denen er keine Lebenswiderstand entgegenzustemmen hat. Er knickt ein, bricht zusammen.

Er trank zwei Flaschen Bier, aß dazu ein paar kalte Fritten, dann trank er noch ein Glas vom Pinot Grigio. Der Wein war grauenhaft. Keine Gefahr, dass er zu viel trank. Er saß da, rauchte, nippte und dachte, dass er nachdenken müsste. Das war alles, was er dachte.

Kurz gehalten, präzise erzählt, intensiv umgesetzt und ohne Schnörkel dargeboten, gewinnt Menasses Die Lebensentscheidung von Seite zu Seite mehr Zug und Überzeugungskraft und hinterlässt mehr Rätsel und Geheimnisse, also mehr Offenheit, als zu Beginn durch diverse Essays und andere Werke von Menasse zu befürchten gewesen ist. Das Buch erinnert an eine gelungene Version von Paul Austers Baumgartner und Eugène Ionescos Der Einzelgänger, in Ton und Stimmung sehr nahe an den paradigmatischen Roman für den verlorenen Mann aus Christoph Heins Der Tangospieler, ein individueller Abgesang, ein Offenbarungseid, aber ein stimmungsvoller.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Franz Fiala, 58 Jahre alt, Mitglied der Europäischen Kommission, Generaldiktion Umwelt, Naturkapital und Ökosystemgesellschaft, ledig, hat eine Liebesaffäre mit Nathalie, 52 Jahre, eine beste Freundin namens Felicitas, 56 Jahre alt, und eine verwitwete Mutter, die 89 Jahre alt ist und wie Felicitas in Wien lebt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: FF verliert die Freude an seinem Job in Brüssel und beschließt in den Vorruhestand zu gehen. Er fühlt sich in seinen Idealen verraten – Pragmatismus herrscht, den Nationalstaaten wird mehr Freiraum gewährt, um dem Rechtsradikalismus Einhalt zu gebieten. Zudem verschlechtert sich der Zustand seiner Mutter zunehmend. Um die Beziehung mit Nathalie nicht zu gefährden, schlägt er ihr vor zu heiraten. Neben den Lebensumständen plagen ihn noch Magenschmerzen. Er besucht seine Mutter zu ihrem Geburtstag, wo sie nochmals ihren Wunsch nach einem Enkelkind preisgibt. Das Einzige, das er seiner Mutter nicht problemlos schenken kann, nachdem er ihren Wunsch erfüllt und politische Karriere gemacht hat.
Er pendelt nun zwischen Brüssel und Wien, fühlt, wie seine Gesundheit nach und nach den Bach runtergeht. Dann stirbt sein Onkel Fritz, der Bruder von FFs verstorbenen Vater. FF kümmert sich um alles, da dessen Sohn Felix, FFs Cousin und des Mutters Neffe, lebensunfähig wirkt. Mehrere Treffen mit Nathalie platzen nach dem Heiratsangebot, auch aus Missverständnissen heraus entfremden sie sich voneinander. Die Freundschaft mit Felicitas wird wieder enger. Sie teilen Erinnerungen aus der Universitätszeit [der Anarcho-FF auf der Bühne von Marilyn Manson, und die schreckliche Szene mit dem Kotfresser].
Die Schmerzen im Bauch werden schlimmer. Er geht in Wien zu einem Arzt, der ein Pankreaskarzinom feststellt, mit düsterer Prognose. Um seine Mutter nicht zu schocken, verzichtet FF auf eine Chemotherapie. Er beschließt, seine Krankheit zu verheimlichen und für seine Mutter da zu sein und sie zu überleben, als letztes Geschenk, stellt ihr noch Felicitas vor als Freundin. Felix kümmert sich ebenfalls nach dem Tod seines Vaters um FFs Mutter. Auch nimmt er, vor der Mutter, den Beschluss zurück, mit der Arbeit in Brüssel aufzuhören, wiewohl er längst seine Wohnung in Brüssel aufgelöst hat. Nathalie und er treffen sich. Sie will nicht heiraten. FF erleichtert, verheimlicht daraufhin auch ihr seine Krankheit. Sein Zustand verschlechtert sich. Es wird eine Operation nach Whipple durchgeführt, bei der ein massive Entfernung der inneren Organe durchgeführt wird (Pankreatikoduodenektomie).
Er muss zu einer Notoperation, bleibt mehrere Wochen im Krankenhaus, gaukelt eine Geschäftsreise mit der EU-Präsidentin vor und selbst eine Schwangerschaft seiner Freundin Felicitas, die daraufhin meint, dass die Mutter sowieso bereits Bescheid wisse. Am Ende, als er seiner Mutter Honig bringt, bricht er bei ihr vor Erschöpfung im Todeskrampf zusammen. Seine Mutter wusste Bescheid, hatte alles im Krankenhaus von seiner Operation in Erfahrung gebracht. Sie verwendet mehrere Insulinspritzen, um ihren Sohn von seinen Schmerzen zu erlösen.
●Kurzfassung: Franz Fiala verliert den Glauben an die EU, aber auch seine Gesundheit, vermag es wegen eines Bauchspeicheldrüsenkrebs nicht mehr für seine Mutter da zu sein, versucht ihr Gesundheit vorzugaukeln, bricht aber zusammen und muss erkennen, dass sie es am Ende ist, die ihm hilft und Sterbehilfe leistet.
●Charaktere: (rund/flach) für eine kurz angelegte Erzählung angemessen konturiert
●Überflüssige Szenen/Charaktere: die Kotfresser-Szene wirkt gewollt, auch die Umarmungsszene mit der Amnesty-Aktivistin
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Kotfresser-Szene, das Tanzen beim Marilyn Manson-Konzert
●Diskurs: EU-Müdigkeit, Rechtsradikalismus, Bürokratentristesse
… erinnert an Tolstois „Ivan Iljitsch“, ausgedehntes Sterben, Fokus auf dem körperlichen Zerfall, auch an Paul Austers „Baumgartner“, aber auch an Heins Tristesse in „Der Tangospieler“ und Eugène Ionescus „Der Einzelgänger“. Die Sterbeszene, nur diese, wiederum an John Williams „Stoner“, der ebenfalls ein unfreies Leben innerhalb einer ihn nicht schätzenden Institution fristete.
… das kurze Buch besitzt einen enggeführten Plot, der keine Umwege geht. Als Krise lässt er sich auf mehrere Weisen lesen: als Beschreibung der Verlogenheit und Feigheit des EU-Bürokraten, der zu schwach für die Verwirklichung seiner Ideale scheint, als körperlich gebrechlich; als Symbol für die EU selbst, Franz Fiala, der von innen ausgehöhlt wird, um noch ein paar Monate länger zu leben, und das Unvermeidbare nur etwas länger herausgeschoben wird; aber auch als Muttersöhnchen, der zu einem Aufstieg gezwungen wurden, dem er sich nicht gewachsen zeigt, Instrument der Karriere, die der Mutter verwehrt geblieben ist; aber auch als Metapher des Politikadels, denn die arbeitende Bevölkerung erscheint nur als Störenfried für das Umsetzen der Ideale. Die Krise zieht sich also von allen Seiten zur Katastrophe zusammen: die Institution gewährt keine Spielräume, das Individuum zeigt sich als verlogen und schwach. Im Hintergrund schwebt die Mutter, die Ehemann und Sohn überlebt, sparsam haushaltet und Sterbehilfe leisten muss.
… was will Robert Menasse damit sagen? Textlich fällt der Verlust des Glaubens damit zusammen, dass seine Krankheit ausbricht, d.h. der Verlust des Ideals geht einher mit physischen Verfall, parallelisiert wird der Tod von FF mit dem Tod des EU-Skeptiker-Onkels Fritz, die beiden Extreme löschen sich aus. Es bleibt eine unentschiedene Mitte, Felix, als nächste Generation, der sich aus allem raushält. Interessant wird das Buch dadurch, dass es eine klare Allegorie unterbindet und unterwandert. Es bleibt unklar, ob er aus Charakterschwäche, Krankheit oder Unfähigkeit lügt. Er will niemandem etwas Böses, im Gegenteil. Er will seiner Mutter helfen, vermochte aber keine Partnerin zu finden, die ihr gefiel, sodass sie sogar ihre eigene Schuld an dem Ganzen in Betracht zieht. Seine Mutter bedeutet ihm viel, aber am Ende bricht er zusammen. Er vermochte seine Aufgabe, die sie ihm aufgebürdet hat, nicht vollends zu meistern. Ihr großer Anderer zertrümmerte seinen Charakter. Das Ganze wirkt aber nicht tragisch. Es herrscht einfach keine Notwendigkeit in der Erzählung. Es wirkt aber auch nicht komisch. Leichtigkeit gibt es ebenfalls nicht. Es wirkt wirr und beliebig, und dieses Grau in Grau erzeugt den Eindruck einer Selbstabwicklung des europäischen Ideals: die materiellen Lebensverhältnisse, die Physis wurden zu lange ignoriert, der Raubbau am Fundament (FFs Saufen und Rauchen und Fressen). Die Metapher hierfür: wie Nathalie, der EU-Adel, die Dorade skelettiert. Sie entzieht dem Fisch wie FF das Rückgrat, sie entzieht der Politik die materielle Basis. Menasse, im Gegensatz zu Zeh, kennt oder will keine Antwort auf die Problematik kennen, aber er arbeitet die Krise als Situation klar heraus.
–> 5 Sterne

Form:
●Eindruck: gefällig, unauffällig, an den richtigen Stellen immersiv, intensiv, ansonsten klar gestrickt, eher funktional, bauhausartig, ohne die Sprache als Vehikel allzu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch den Plot, das Erzählerische, klar fiktional
●Auffälligkeiten: keine
●Innovation: keine
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: problematischer Wechsel zwischen personalen und interpersonalen Erzählen, hierdurch keine wirkliche Entscheidung. Dominant die Perspektive von FF. Andere Perspektiven, wie die von Felicitas oder Nathalie oder der Mutter wären nicht nötig gewesen. Der nur an wenigen Stellen auftretende Erzähler erscheint kompositorisch unschlüssig. „Zunächst aber buchte er einen Wochenendflug nach Wien, wegen des neunundachtzigsten Geburtstags seiner Mutter. Er wusste natürlich nicht, dass nach diesem Heimatbesuch der Begriff »Lebensentscheidung« eine ganz andere Bedeutung bekommen würde.“  sehr schlecht
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): auktorialer, hinter der Erzählung sich versteckender, hier und da durch die Beschreibung hindurch Zeitgeist kommentierende Erzähler, etwas feige, etwas manipulativ
●Erzählverhalten, -stil, -weise: kommentierend, aber meist durch eine Figur hindurch
●Einschätzung: nicht die Stärke des Buches, da aber überwiegend doch personal erzählt, unärgerlich, die Unschärfe wäre deutlicher aus dem strikt personalen Erzählen herausgekommen, der Überforderung des Muttersöhnchens
–> 3 Sterne

Komposition:
●Eindruck: da der Inhalt so überwiegt, und die Erzählstimme eher unschlüssig und die Sprache unauffällig sind, der Inhalt aber austariert und überzeugend in der Wirrnis bleibt, liest sich das Buch überzeugend und klar
●Signal/Noise-Ratio: sehr hohe Signalrate, fast keine Abschweifungen
●Operative Geschlossenheit: ja, durch die Problematik, Lügen-Nichtlügen für das Wohl des Gegenübers
●Rahmenstabilisierende Details: ja, durch den Fokus der Figuren Mutter-Felicitas-Franz-Nathalie.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr geradeheraus erzählt
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: nur die Kotfresser-Szene, völlig hineinmontiert
●Reliefbildung: ja, durch die Krise der Krankheit, der physische Zerfall, die Dramatik
–> 4 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: zuerst langweilig, eher trist, die Figur bleibt als unfähig im Hintergrund, erweist sich aber nach und nach als treuer Freund, liebender Sohn und erhält dadurch Kontur, und eine gewisse Melodramatik. Das Ende, die Sterbehilfe leistende Mutter, überzeugt. Der Kurzroman erhält etwas Geschlossenes, und in seiner Geschlossenheit etwas dynamisch Unentschiedenes in Bezug auf Brüssel-Wien, auf die Rolle des Politikers, über das Lügen und Nicht-Lügen. Tatsächlich in seiner Mehrdeutigkeit ästhetisch wirksam.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, sehr fiktional trotz EU-Themen
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, überaus glaubwürdig, Figur von FF sehr lebendig
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nicht wirklich, ästhetisch gelungen, aber nicht schön
●stimmig?(Komposition: ja/nein) durch die sich selbst unterwandernde Symbolik ja.
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, als Text bleibt er aber zu spröde, zu sprachlich langweilig, konservativ, wenig intensiv, trotz des Frustes der Figur, zu wenig Elan.
–> 4 Sterne

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Dana von Suffrin: „Toxibaby“

Liebe in Zeiten von spätkapitalistisch-konstruierter Selbstentfremdung.

Inhalt: 1/5 Sterne (öder Beziehungsstress)
Form: 3/5 Sterne (flüssig-rund)
Erzählstimme: /5 Sterne (keine Bewertung)
Komposition: 0/5 Sterne (keinen Spannungsbogen)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (öde)
–> 5/4 = 1,25 = 1 Stern

Lebte Dana von Suffrins Nochmal von vorne von der Intensität und Nähe der Tochter zu ihren Eltern, zur Sehnsucht, wieder Kontakt mit der Schwester zu bekommen und mit ihr über den Tod des geliebten, tollpatschigen Vaters zu sprechen, bleibt in Toxibaby die Empathie und die Nähe auf der Strecke. Eine Liebesgeschichte ohne Liebe wird erzählt, zweier Menschen, die sich von weitem toll fanden, zusammenkommen und innerhalb von drei Jahren dreizehn mal sich trennen und wieder zusammenfinden, ohne sich je einen Schritt näher zu kommen:

FRÜHER HABEN Toxi und ich oft darüber gelacht, dass die Wege, die wir gehen müssen, die Wege, auf denen wir so oft umfallen und über die wir manchmal einfach gezogen werden, wenn wir stolpern und straucheln; dass diese Wege so wenig mit dem zu tun haben, was wir uns einmal vorgestellt haben. Wenn ich mich recht erinnere, habe allerdings nur ich gelacht und Toxi nicht, und dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen war ich von Natur aus zum Lachen aufgelegt, und zum anderen gelang mir alles, zwar nicht unbedingt gut, aber doch so, dass ich mich manchmal, zum Beispiel als mein erster Roman erschien, so fühlte, als hätte ich endlich Rache genommen, und zwar an der ganzen Welt […]

An diesem Abschnitt lässt sich sehr gut verstehen, weshalb die Liebesgeschichte zwischen Herzchen Goldberg (36) und Toxibaby (42) literarisch nicht in Schwung kommt. Zuerst lachen sie gemeinsam, dann doch nur sie, und dann doch nur, weil sie sich vorstellt, sie hätte erfolgreich Rache genommen. Was das aber mit dem Lachen darüber zu tun, dass die Wege, die sie gehen, unvorsehbar sind, bleibt schlicht ungesagt und so beliebig, dass es weder zur Komik noch zum Interesse drängt. Die Figuren bleiben blass, bis auf wenige gute Stellen, die an das vorige Buch erinnern:

Ich sah zu, wie das Wasser sich durch die Landschaft aus dürrem Gras und kümmerlichen, krummen Gewächsen grub, wie es langsam die Kieselchen aus Muschelkalk und Quarz rundete und fleißig und zufrieden alles benetzte, was dürstete. Eigentlich ist es ganz gleich, flüsterte die Landschaft mir zu, du wirst genauso verschwinden wie eines dieser Gestrüppe über Nacht im sandigen Boden, noch wehrst du dich, noch zappelst du, aber auch das wird dir vergehen.

Leider zerstört von Suffrin diese Atmosphäre durch Referenzieren, Diskurse und weltpolitische Themen, die keine Ausführungen erhalten, bloße Schnipsel des öffentlichen Debattenraumes darstellen und mit Meinungen abgeschmeckt werden, bevor die beiden etwas mutlosen und von Angst besetzten Figuren weitertorkeln und sich mit Alk und Koks bedrönen, ohne sich jedoch gegenseitig zu stützen, zu bestärken oder das Nest zu bieten, das sie sich doch so sehr ersehnen.

Im Grund handelt das Buch davon, wie ein Buch geschrieben werden soll, aber nicht geschrieben wird. Es handelt von zwei Individuen, die sich hinter ihren Worten verstecken, statt sich durch die Worte in Rage zu reden, von Schweigenden, die sich entziehen, statt aus sich herauszuplatzen und die Welt, die sie bedrängt einzureißen. Toxibaby mangelt es sich schlicht an Energie, an Wut, an Destruktivität und Intellektualität. Es beißt nicht genug. Die Figuren nehmen zu viele Drogen, und im Drogenrausch benebelt, lallen sie von Trennung zur Trennung über die Trennung, von einer Lüge zur anderen, und wundern sich, dass sie jedes Mal aufs neue wieder alleine und mit leeren Händen dastehen. Schade, dass von Suffrin, obwohl sie es kann, hier nicht mächtig vom Leder gezogen hat. Toxibaby wäre die ideale Rahmung für einen Postsowjet-Marxismus-Desillusions-Rant gewesen, der aber leider durchweg ausblieb, stattdessen bleibt es beim Traum der unangepassten Angepasstheit:

Manchmal bat ich wie ein Kind den lieben Gott, der sich mir nur leider nie zeigen wollte, darum, an Toxibaby eines seiner legendären Wunder zu vollführen, ihn zum Beispiel über Nacht von seinem Mischkonsum oder seiner Paranoia oder seiner Marxologie zu heilen, ihn zu einem Ehemann und einem Familienvater zu machen.

Unentschieden fällt so der Monolog richtungslos in sich zusammen.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): eine Anfang vierzig Jahre alte Schriftstellerin, die in München lebt. 1985 geboren. Hat vor 6 Jahren Omama’s Madhouse geschrieben. Hat einen Bruder, Ben, der mit 16 Jahren nach England gezogen ist. Hat eine Schwester, Yael, sie heißt Herzchen Goldberg. Ex-Freund Pascal.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
13 Trennungen in drei Jahren, also Zeitrahmen. Toxibaby, 6 Jahre älter, 43, Handy auch drei Jahre kaputt. Lernen sich auf Herzchens Geburtstagsfeier, während sie noch mit Pascal zusammen ist, mit dessen Mutter sie sich nicht versteht. Sie kommen zusammen, trennen sich, kommen wieder zusammen. Sie arbeitet als Schriftstellerin, bekommt ein Stipendium für die Schweiz. Sie fahren gemeinsam dorthin. Sie gibt ihm dort bekannt, dass sie schwanger ist, gibt dann zu, dass sie gelogen hat. Er fährt wieder ab.
Toxibaby, ein Marxist, Sozialpädagoge, der sich von der Welt bedroht fühlt, stammt aus Sibirien, fühlt sich von ihren Freundinnen bedroht.
●Kurzfassung: kein Plot
●Charaktere: (rund/flach) undurchschaubar
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine eigentliche Handlungslinie
●Besondere Ereignisse/Szenen: vielleicht, wie sie die tote Bengalkatze sieht, vor ihrem Geburtstag, als Omen für etwas Besonderes, nämlich das Zusammenkommen mit Toxi.
●Diskurs: Israel, Marxismus, Kapitalismus, Erwachsen-Sein, Nicht-Erwachsen-Sein
… die Thematik, die Welt nicht ertragen zu können, wurde nicht ausgestaltet; die Figuren wirkten holzschnittartig unwillig, nehmen zu viele Drogen, sind zu hedonistisch, wollen sich aller Verantwortung entziehen und nur irgendwie über die Runden kommen. Das langt nicht, zumal nicht einmal ansatzweise eine kommunikative Begründung für diese Haltung konstruiert wird. So leer wie „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ von Julia Schoch, und „Muna“ von Terézia Mora.
… leider besitzt das Buch keine Handlung und so verebbt das Ganze ziemlich schnell. Ich wüsste wirklich nicht anzugeben, wieso sich dieses Buch lohnte zu lesen, vom Inhalt her (auch formal reine Fingerübung ohne Intensität).
–> 1 Stern

Form:
●Eindruck: dann, dann, dann, wenn, wenn, wenn, ich, ich, ich … leider zu parataktisch und hölzern, statt fiktional schwebend, keine Sprachmelodie, glatt runtergeschrieben
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum, vielleicht hier und da durch Sprachwitze und ein paar gewagte Metaphern, aber wenig abgegrenzt vom manischen Monolog eines Alltagsgespräch, etwas wortgewandter, aber nicht durchkomponierter
●Wortschatz/Wortzahl: keine Stilometrie angefertigt
●Auffälligkeiten: lange Sätze, die aber gar keine langen Sätze sein müssten, daher nicht vom Rhythmus und Takt wie „Nochmal von vorne“. Sie bohrt nicht. Sie reiht aneinander. Beliebig.
●Innovation: sehe ich nicht
… wegen flüssiger und guter Lesbarkeit
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: Ich-Erzählerin, nicht situiert, reflektiert, aber nicht in Bezug auf die Erzählung, sondern in Bezug auf ihre eigene Psyche, im Grunde keine Erzählstimme, eher eine Art Gesprächspartnerin. Da es keinen Fiktionalitätscharakter gibt, unauswertbar. Wirkt eher wie eine Art Cabaret. Standy-Comedy. Nicht mal die Glaubwürdigkeit lässt sich beurteilen, weil es schlicht nichts gibt, was nicht zu glauben wäre …
–> keine Wertung

Komposition:
●Eindruck: langweilig, ein wenig episodenhaft, ohne Zentrierung, keine Rahmung, keine Linienführung, nichts.
●Signal/Noise-Ratio: hoher Noise-Anteil, sehr viel Rauschen um den heißen Brei, Eltern tauchen kaum aus, Konfliktstruktur nur angedeutet, kein Höhepunkt, außer die Lüge über die Schwangerschaft und die Ohrfeige, vielleicht noch das Fremdgehen auf der Party im Drogenrausch
●Operative Geschlossenheit: keine
●Rahmenstabilisierende Details: keine
●Einschätzung: keine Erzählung, kein Spannungsbogen, keine narrative Struktur, sehr eintönig, ins Leere laufend
–> 1 Stern

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: am Anfang noch Interesse für den Konflikt, über den seltsamen Typen Toxi, der dann aber gar keine Konturen gewinnt, der seltsam abstrakt bleibt, bis ich mich gefragt habe, was sie an dem eigentlich findet, und was ihr Problem ist, ja sie will nicht alleine sein, okay, aber das war’s. Ihre Eltern sind weg, kaum Kontakt zu den Geschwister, kapiert, aber der Typ? Und die böse Mutter Pascals, aber all das langt nicht hin. Die eigene Tristesse, das eigene Langweilen über sich selbst, über das eigene Schreiben, über ihren eigenen „blöden Roman“ – eher das Scheitern eines Schreibprojekts, das dennoch monetarisiert werden musste? Leerlauf
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, autobiographisch, aber eigentlich intim-privat
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) keine Ahnung
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, langatmig, repetitiv, dröge
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, in seiner Langatmigkeit
●ein zweites Mal lesen? Nein, sehr geringe Wahrscheinlichkeit, zu offensichtliches Selbstgeplänkel
–> 1 Stern

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G.W.F. Hegel: „Vorlesungen über die Ästhetik Band 3“

Bemühte Einzelkritik des Sittlich-Schönen in Malerei, Musik und Poesie.

Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com

Im dritten und abschließenden Band über Hegels Vorlesungen über die Ästhetik beschäftigt er sich mit den romantischen Künsten: der Malerei, der Musik und der Poesie. Der Band endet sich ziemlich abrupt mit dem abermalig behaupteten Ende der Kunst als Kunst, womit er meint, die Kunst als Erscheinungsform und Entwicklungsform des substantiell Absoluten als zu sich selbst gekommene Veranschaulichung des Weltgeistes:

Wir begannen mit der symbolischen Kunst, in welcher die Subjektivität sich als Inhalt und Form zu finden und objektiv zu werden ringt; wir schritten zur klassischen Plastik fort, die das für sich klar gewordene Substantielle in lebendiger Individualität vor sich hinstellt, und endeten in der romantischen Kunst des Gemüts und der Innigkeit mit der frei in sich selbst sich geistig bewegenden absoluten Subjektivität, die, in sich befriedigt, sich nicht mehr mit dem Objektiven und Besonderen einigt und sich das Negative dieser Auflösung in dem Humor der Komik zum Bewußtsein bringt. Doch auf diesem Gipfel führt die Komödie zugleich zur Auflösung der Kunst überhaupt. Der Zweck aller Kunst ist die durch den Geist hervorgebrachte Identität, in welcher das Ewige, Göttliche, an und für sich Wahre in realer Erscheinung und Gestalt für unsere äußere Anschauung, für Gemüt und Vorstellung geoffenbart wird.

Der Gipfelpunkt selbst, die Kunstform, die alle Künste vereinigt, erkennt Hegel in der dramatischen Philosophie, in welcher Sophokles Antigone das Vortrefflichste aller Kunstwerke erschaffen habe, von Romanen will er gar nichts wissen. In der Musik stuft er Johann Sebastian Bach mit seinem wohltemperierten Klavier und der Fuge als Höhepunkt ein, wohingegen in der Malerei Raffaels Darstellung der Madonna mit ihrem Kind unübertroffen bleibe. Bei der klassischen Kunst, also der Skulptur, steht die griechische Plastik voran, hier insbesondere Phidias Zeus-Statue in Olympia, und für die symbolische Kunst, der Architektur, gibt es die ägyptische Sphinx, aber auch hier den Artemis-Tempel in Ephesos im alten Griechenland. In dieser Rangfolge zeichnet sich Hegels deutliche Vorliebe für das klassische Altertum ab, wie er auch ab der Renaissance den Weltgeist eher in der beginnenden Staatsformung und Rechtsstaatlichkeit erkennt, die die Philosophie dann in ihrem Begriff und Gedanken ratifiziert.

Denn in der Kunst haben wir es mit keinem bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk, sondern mit der Befreiung des Geistes vom Gehalt und den Formen der Endlichkeit, mit der Präsenz und Versöhnung des Absoluten im Sinnlichen und Erscheinenden, mit einer Entfaltung der Wahrheit zu tun, die sich nicht als Naturgeschichte erschöpft, sondern in der Weltgeschichte offenbart, von der sie selbst die schönste Seite und den besten Lohn für die harte Arbeit im Wirklichen und die sauren Mühen der Erkenntnis ausmacht.

Die Kunst verbleibt im Gegensatz zum Rechtstaat in den Formen der Endlichkeit, also erschließt die Vernunft in der Suspension des Sinnlichen nicht völlig. Sie verbleibt als sinnliches Erscheinen der Idee des Absoluten dem Schönen verhaftet. Das Schöne hängt von einer Grundidee ab, vermag aber das Zweckmäßig-Hässliche nicht zu synthetisieren, denn das Schöne verbleibt im Kreis des sittlich Guten, weshalb für Hegel Kunst stets eine Aussöhnung, einen Optimismus beinhaltet. Mit diesem Optimismus schließt er seine Betrachtungen, wobei insbesondere der Abschnitt über Musik deutlich zeigt, dass sich Hegel nicht überall in der Kunst zuhause gefühlt hat, und teilweise schon sehr klapperhaft durch die verschiedenen Formen hindurcheilt und mit mehr oder weniger leeren Phrasen umher wirft. Die Grundidee bleibt aber stets erhalten.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Über Malerei:
– Mit der Malerei beginnt der Mensch mit dem Göttlichen zu kommunizieren, es nicht nur darzustellen. Kontextualisierte Menschlichkeit.
– Höhepunkt: die christliche Malerei des 16.-17.Jhdt.: Die Madonna mit ihrem Kind, die reine und geläuterte Liebe.
– Betonung der Stimmung, die durchs Abbild sich drückt. Übergang von dritter zur zweiten Dimension (von Skulptur zur Fläche), dadurch mehr Raum für die Vorstellung, für die Innerlichkeit.
– Licht, das erste Selbst der Natur. Spiel mit Licht und Schatten: die Farbe.
– Zelebration des Details, beseelte Realität.
– Das Inkarnat: die Farbe der Haut, die alle anderen Farben vereint.
– Die durch die Farben, das Leuchten, hervorgebrachte Magie des Moments, das Einfangen der Innerlichkeit in situ.
– Das Charakteristische der Figuren, das den Skulpturen fehlt.
– Giotto, da Vinci, Raffael

Über Musik:
– Negation des Raumes, Verschwinden der Zeitlichkeit im Abklingen des Tones.
– Vergeistigung der seelischen Interjektionen
– Abwehr von Gedanken, baut Strukturen in der Zeit, verwandt der Architektur
– Unterbrechung der Zeitlichkeit durch Erwartbarkeit (Melodie). Setzen einer Muster schaffenden Kraft, das Ich, das zu sich zurückkehrt.
– Zeitliche Auflösung der Dissonanzen.
– Vervollkommnung des seelischen Aufschreis.
– Zügelung der Passionen zur Melodie. Versöhnung. Beibehaltung des Gemüttones.
– Keine kalte Mechanik des Virtuosen, das Fremd-Materielle soll klingen.

Über Poesie:
– Keine Bestimmtheit in der sinnlichen Anschauung.
– Medium der Poesie: die innere Vorstellung und das Anschauen selbst.
– Wie zum Ton die Melodie, wie zum Bild die Magie der Farbe gehört zur Poesie zur Vorstellung die Phantasie
– Kunst vor allem in Abgrenzung zum Prosaischen
– Die Synthese aus Prosa und Poesie heißt spekulatives Denken.
– Schwierig in der Prosa der Verhältnisse noch poetisch zu bleiben.
– Ein Kunstwerk bedarf einer Grundidee.
– Geschichtsschreibung nie freie Kunst, wegen Beschränkung der Phantasie, wegen Faktenlage, zufälligen Begebenheiten.
– Episch: mechanisches Vortragen (die Sache); lyrisch: subjektives Vortragen (Innerlichkeit); dramatisch: Synthese, das Vorspielen, Darstellen.
– Paradigma des Epos: die Homerischen Gesänge (unübertroffen). Krieg ein gemäßer Stoff, Tapferkeit. Aber nur unter Nationen, nicht innerhalb.
– Im entwickelten modernen Staat spielt das Individuum keine große Rolle mehr, deshalb prosaisch und nicht poetischer Stoff. Kein Achill denkbar.
– Im Epos machen die Umstände den Helden, im Drama wirkt der Charakter selbst.
– Epos: Breit und episodenhaft; endliche Auflösungen von Hemmungen.
– Unterschied: Begebenheit und Geschehen.
– Wesentliche Epen: Ramajana, Mahabharata, Puranas, Tausendundeine Nacht, Basta-Name, Nisami, Ilias, Odyssee, Äneis, Ossian, Edda, Cid, Nibelungenlied, Göttliche Komödie, Ariost, Don Quijote, Camoes, Das verlorene Paradies, Messias, Henriade.
– Eigenwilligkeit der Diktion. Tonecho. Akzent. Versifikation. Rhetorik keine Kunst.
– Das poetische Kunstwerk will nichts bezwecken. Es will hervorbringen.
– Poesie suspendierte das Reale – aus dem Glauben an die Welt wird ein Glauben an die Phantasie
– Lyrik: ein auf sich beziehendes Ich. Seelisches Glühen. Deutsche Lyriker: Klopstock, Schiller, Goethe.
– Dramatische Poesie, der ästhetische Höhepunkt, die höchste Form, die alles umgreift und umfasst (Bühne – Architektur, Bühnenbild-Malerei, Statisten – Skulpturen, Musik/Gesang/Dialog – Poesie).
– Kunst bedarf stets des Versöhnlichen – das Didaktische muss sich aufheben.
– Das Drama als geheimer Weltgeist des Textes, der sich in der Aufführung realisiert.
– Tragödie: sittlich-substantielle Kollision skulpturenhafter Figuren (Kreon-Antigone)
– Komödie: Unterschied zwischen Komik und Lächerlichkeit; Komik versöhnt sich mit eigener Fehlbarkeit.
– Rolle des Chors im antiken Drama ersetzt das noch nicht vorhandene Staatsgebilde, die reale substantielle Sittlichkeit.
– Sophokles Antigone unübertroffen von allen Kunstwerken das Volltrefflichste.
– Mit dem Heiteren auf den Bühnen verabschiedet sich die Kunst von der Bühne des Weltgeistgeschehen


Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“

Zeitsymbolisches DDR-Grau, aber ohne ästhetische Idee.
Shortlist Leipziger Buchmesse-Preis 2026.

Inhalt: 1/5 Sterne (langweiliges Pianistindrama)
Form: 0/5 Sterne (stichwortartig)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (loyal, einmischend)
Komposition: 1/5 Sterne (chronologisch)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (trist)
–> 7/5 = 1,4 = 1 Stern

Wer möchte nicht im Leben bleiben besitzt eine rasante erzählerische Idee: die Ich-Erzählinstanz mischt sich ins Geschehen ein, zeigt sich als Direktorin, als guter Geist, als begleitende und schützende Kraft für ihre Figur, indem sie selbst aktiv teilnimmt, zumindest in der sprachlich präsentierte Vorstellung. Unverhohlen ergreift sie Partei für eine junge Pianistin, die in der Endphase der DDR unter die Räder der parteilich-sozialistischen Ausdeutung der Musik zu geraten droht:

Du betrittst Mausers Unterrichtsraum und bekommst keine Luft. Mauser am Fenster, dunkel gegen das hereinfallende Licht. Er wendet sich dir zu, breitet die Arme aus, begrüßt dich, lässt dich nicht aus den Augen, steht plötzlich viel zu nah. Du flüchtest dich an den Flügel, hältst dich fest. Das Instrument ist so kalt, es kommt dir gefroren vor. Dieses Zimmer ist ein Gehege. Du ergibst dich. Alles, was dir T. N. mitgegeben hat, nimmt Mauser dir Stück für Stück. Er zerlegt dich und setzt dich nach seinen Vorstellungen neu zusammen.

„T. N.“ steht für Tatjana Petrowna Nikolajewa, für die Dmitri Schostakowitsch sogar ein Opus komponierte („24 Präludien and Fugen, op. 87“ – 1951). Christina, so heißt die Pianistin, lernt bei ihr im Moskauer Konservatorium und lernt durch T.N. das entsagungsvolle, sich völlig der Musik hingebende einsame Leben kennen. Christina fühlt sich angezogen und abgestoßen zugleich. In diesem Kraftfeld spielt sich Wer möchte nicht im Leben bleiben individualpsychologisch ab, wohingegen physiologisch-dynamisch die Ausreisebeschränkung der DDR eine große Rolle spielen, denn die Hauptfigur sehnt sich nach Reisen, nach Sonne, nach Italien:

Ihr liegt im Bett, und Vittoria erzählt dir von Rom. Du erinnerst dich an eine der Vorlesungen über Kunstgeschichte, die du manchmal freiwillig besucht hast, an das Klacken des Projektors, an die schwarz-weißen Dias vom Vatikan, Petersdom, Pantheon und Kolosseum. Beim Betrachten wurde dir schmerzhaft bewusst, dass du das alles nie mit eigenen Augen sehen wirst. Jetzt, neben Vittoria, rückt Rom in greifbare Nähe, ist nur noch einen Katzensprung entfernt. […] Nach allem streckst du die Hand aus.

Helene Bukowski zeichnet das Drama eines jungen Menschen nach, der weder sich selbst noch die Welt entdecken darf. Das eherne Korsett der DDR lässt sie ersticken. Bereits auf den ersten Seiten gibt die Ich-Erzählinstanz bekannt, dass sich Christina umbringen wird. Eine fatale Erzählidee, da nun alles, was erzählt wird, eine Art aufgeschobener Selbstmord wird. „Nie“ und „Tod“ gehören zu den häufigsten Wörtern:

Deine Mutter ist bis zu ihrem Tod [in der Wohnung] geblieben. Nie hat hier eine andere Familie gewohnt.
Dein Haar ist aschblond, kinnlang, dein Körper groß und schlank, wie auf den Fotos, kurz vor deinem Tod. Nie wirfst du einen Blick über die Schulter.

Die überraschende lebendige Erzählidee verebbt so schnell. Sie wird im biographischen Ballastmaterial erstickt, mit zusammenhangslosen Details solange bombardiert, bis der Akt des Freitodes selbst zum fraglichen Ort eines Handlungsgeschehens wird, über das die dirigierende Ich-Erzählinstanz nur noch mit ein paar hilflosen Alternativvarianten zu brambasieren versteht. Wer möchte nicht im Leben bleiben erinnert sehr an Christoph Heins Der Tangospieler, mit allen Facetten des zurückkehrenden Klavierspielers, und Bettina Wilperts Herumtreiberinnen, die ebenfalls das erstarrte, gehemmte Jugendleben in der DDR narrativ nachzuvollziehen sucht. Helene Bukowskis Journalistik fehlt die ästhetische Idee, die der Stoff ohne weiteres hergegeben hätte, zumal Christa Wolf (Nachdenken über Christa T.) und Brigitte Reimann (Franziska Linkerhand) als Spannungsfeld ästhetischer Sehnsuchtsverarbeitung durchaus Pate stehen hätte können.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ich-Erzählinstanz (IE), Alter unbestimmt, aber aus der Gegenwart, nach DDR-Wendezeit, recherchiert über den Todesfall von Christiane. Christiane, gestorben im Alter von 24 Jahren, nach einem längeren Aufenthalt in Moskau, Anfang der 1980er.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
138 Miniaturkapitel. Die Bekannte der Großmutter der IE, eine Siglinde, hat einen Nachlass sortiert und will, dass dieser erzählt werde. Sie sagt zu, um Neubrandenburg besser kennenzulernen, woher die mütterliche Seite ihrer Familie stammt.
1961-1972: Leipzig/Neustrelitz/Neubrandenburg
Leipzig. Vater kauft Klavier. Geburt von Christiane (C). Mutter 35 Jahr alt. Vater gescheiterter Tenor an der Leipziger Oper. Flügel von Gustav und Annemarie bewirkte sein Umzug nach Leipzig. Mit 4 Jahren beginnt Cs Klavierunterricht durch den Vater. Vater zerbricht Cs Stöcke aus dem Leipziger Auwald, denen sie Namen gegeben hat Erster Besuch in der Oper. Als C 5 Jahre alt, verliert der Vater seinen Job an der Oper, zu streitlustig und aufsässig. Erhält Stelle als stellvertretender Direkter an der Musikschule in Neubrandenburg. Finden aber zuerst nur Wohnung in Neustrelitz.
Neustrelitz. Kinder winken C fröhlich zu, spielt mit ihnen in den Wäldern. Vater autoritär beim Klavierunterricht, droht ihr, kein Essen zu bekommen.
Neubrandenburg. Mit 6 Jahren Umzug in das Scheibenhochhaus. Mit Blick auf den Tollensesee. In Februar 1985, mit 25, wird C sich aus dem Fenster in diesem Hochhaus in den Tod stürzen. Erzählgegenwart 50 Jahre später (2017), IE betritt die Wohnung. Unterricht bei Frau Baumgarten beginnt. C hat Puppen und einen Bären als ständige Begleiter. C schlägt den Bär tot, schmeißt ihn in den Müllschlucker. Einschulung. Hänseln: Christina Hasenzahn. Cs Talent fällt auf. Sie kommt in die R-Klasse für russische Sprache. Vater organisiert erste Hauskonzerte. Der Musikdirektor setzt sich für ein Musikinternat in Berlin ein. Lichtenberg.
1972-1978: Berlin. Zimmergenossinnen Marita, Franziska und Uta, mit der sie den Kontakt bald verliert. Zu wenig Essen. Franziska rebellisch. Schule heißt „Spezi“. Unterricht bei Frau Feldberg. Schule wird als U-Boot bezeichnet. Vor dem Fenster der Blick auf den Todesstreifen. Eines Nachts Schüsse und Hundegebell. Mädchen hoffen, es war nur eine Übung. In den Sommerferien wieder Hauskonzerte. Franziska und C werden zum Bach-Wettbewerb geschickt. Franziska qualifiziert sich nicht für die zweite Runde. C gewinnt, Franziska gratuliert ihr. Eltern verkaufen das alte Klavier, neuen Flügel. Franziska experimentierfreudiger, nicht nur Musik. C wird in die Tschechoslowakei geschickt zum Klavierwettbewerb Ustin ad Labem. Fährt mit Frau Feldberg. C erhält den ersten Preis. Die erste Menstruation. Franziska hilft ihr, trotz Entfremdung. C erhält Stipendium, um in Moskau zu studieren.
1978-1984: Moskau. Dort Studium am Konservatorium. Besucht eine Freundin der Eltern, Julia, die in einer Kommunalka wohnt. Lernt die Familie Iwanow kennen, Anthroposophen. Zimmergenossin Dilja aus Taschkent in Usbekistan. C hat als Lehrerin TN, Tatjana Nikolajewa. Streng, aber offen. Lässt sie emotionaler Klavierspielen. Auftreten des prämenstruelle dysphorische Störung (depressive Verstörung mit zyklischem Verlauf) – Chris als alter ego taucht auf. Im ersten Winter besuchen die Eltern C. Kurzer Besuch von Berlin. Franziska schwanger. Besuch der Mutter, schöne Zeit. Mutter photographiert viel, auf dem Rückweg geht die Kamera auf und die Bilder verschwinden. C verliebt sich in Jura, Jura liebt aber Sascha. Sie bleiben befreundet, aber eng. Dilja kompromittiert sie hinaus in ein anderes Zimmer, dort lebt sie mit Vittoria, einer Italienerin. C besteht das Konservatorium. Vorbereitungen auf den Bach-Wettbewerb in Leipzig. C erkrankt an Angina. Vorbereitungsreise, Konzerte. In Leipzig kommt C in die zweite, aber nicht in die Finalrunde. Sascha gewinnt den Wettbewerb. Verlängerung für ein Zusatzjahr in Moskau abgelehnt. C muss zurück in die DDR.
1984-1985: Berlin/Neubrandenburg. Rückkehr schwierig. DDR weniger offen, weniger international. Kein Wohnung, C soll Klavier unterrichten ohne Unterrichtsraum und Klavier. Muss sich Räume erst suchen. Franziska hat zweites Kind. Entfremdung. Professor Mauser will ihr seinen Stempel aufdrücken. Zwingt sie, mechanischer zu spielen. Statt zum Busoni-Wettbewerb muss sie wieder nach Leipzig. C wieder krank, fiebrig, verloren. Das Vorspiel findet keine große Begeisterung. C krank, geht zu den Eltern, kann nicht schlafen, stürzt sich eines Nachts aus dem Fenster. Stasi-Unterlagen sprechen von Strangulierung. Einige Ungereimtheiten. IE spielt verschiedene Versionen durch.
●Kurzfassung: Eine junge Künstlerin erlebt die internationale Welt in Moskau, verliebt sich, muss aber nach einem gescheiterten Wettbewerb zurück in die graue DDR und bringt sich dort um.
●Charaktere: (rund/flach) lebendig, autofiktional, authentisch.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: gibt einige Szenen, die nichts dem Buch hinzufügen, wie die Freundin Franziska, wie Udo, die Jungs auf der Spezi, wie Alvaro oder auch Julia, viele sinnlose Details, die den Erzählrahmen nicht stützen, statt Figuren wie die Lehrerinnen herauszuarbeiten. Besonders überflüssig die Ich-Erzählphasen und -abschnitte.
●Besondere Ereignisse/Szenen: intensiv, die winkenden Gitter vor dem Zaun in Neustrelitz, die verbrannten Stöcker aus dem Auwald. Spannend die Wettbewerbe.
●Diskurs: hormoneller Kampf zwischen Chris und Christina, vor allem aber Druck im künstlerischen, performativen Bereich, Druck, um aus den beengten Verhältnissen der DDR zu entkommen. Reiselust, Lust auf Welt, auf Experiment. Vor allem aber auch als Diskurs das Virtuosentum.
… inhaltlich gibt es große Disparatheit zwischen dem Thema (der Musik) und der literarischen Bearbeitung. Die Erzählinstanz flieht in Bilder, materielle, wie Steine, wie Waldspaziergänge. Sie illustriert die Musik, sie bildet sie nicht nach, zudem sagt sie so gut wie nichts über die Musik. Musik wird nur als Emotion verstanden, nicht als Kunstwerk. Offenkundig hat sich die Erzählinstanz nicht für den Lebensinhalt ihrer Protagonistin interessiert.
… ärgerlich: dass am Ende der Selbstmord in Frage steht – war es wirklich einer? Oder hat der Vater sie erwürgt? … häh? Und dann das Kolportageartige, gegenüber einer fiktionalisierten Figur, ohne historischen Hintergrund, und warum erfahre ich nichts über Tatjana Nikolajewa, über russische Musik, über die Gedanken und Gespräche der Konservatoriumsmitglieder, über den Unterricht?
… inhaltlich zieht nur die Betroffenheit, die Trauer, das Traurige, einem lang hingezogenen Selbstmord beizuwohnen.
–> 1 Stern

Form:
●Eindruck: wenig formal-ästhetisch interessiert, sehr direkt, sehr unumwunden, fast roh, kaum bearbeitet, sehr stichwortartig, mehr ein Puzzle, eine Rohform, keine durchgearbeitete Ästhetik
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum, eher eine Art Recherche als Work-in-progress, d.h. Stoffsammlung, so erscheint es, mit wenigen literarischen Motiven (wie dem Bär, dem Bild der Eltern, das sie über das Bett hängt).
●Wortschatz/Wortzahl: uninteressante Auswahl an Wörtern, nicht poetisch
●Auffälligkeiten: keine
●Innovation: keine
… eher akademisch, eher langweilig, wenig gewagt, kaum Mut, keine Wucht, keine Intensität, totale innere Sprachbremse, keine Freude am Ausdruck. Teilweise dann mit gewollt brüchigen Metaphern.
–> 0 Stern

Erzählstimme:
●Eindruck: die Erzählinstanz spielt sich in den Vordergrund, arrangiert teilweise das Geschehen, mischt mit, um den Anschein zu geben, dass sie das historische Material verändern kann. Diese Wirkung fasziniert – interessantes Spiel zwischen Trägheit und Phantasie, eine eingreifende Ich-Erzählinstanz, die aber dann nichts verhindert, die wie ein Geist machtlos zusieht, nur kleine Details verändert, hierdurch wieder eingestandene Machtlosigkeit, sprachliche Hilflosigkeit gegenüber der normativen Kraft des Faktischen
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ansatzweise, hier und da, etwas tollkühn, vorwitzig, selbstverliebt
●Erzählverhalten, -stil, -weise: empathisch, solidarisch, teilweise roh und unverhohlen
●Einschätzung: insgesamt wirkt die Erzählinstanz in ihrem Spiel souveräner, geht durch ihr Material, mischt mit, macht sich erkennbar und deutet ein größeres Maß an ästhetisch-narrativen Willen an, der jedoch unausgeglichen um sich schlägt, nicht wirklich harmonisch mit dem Stoff schwingt, eher brachiale Lücken reißt, unwirsch.
–> 4 Sterne

Komposition:
●Eindruck: chronologisch, am Fremdmaterial entlang gehangelt, keine Komposition
●Signal/Noise-Ratio: viel Rauschen nebenher, ein paar Nebelbomben, ein paar Irrwege und Digressionen, dennoch karg
●Operative Geschlossenheit: nein, das Buch rekonstruiert einfach eine Biographie, ohne die Rekonstruktion thematisch werden zu lassen hinsichtlich ihrer Quellen, Glaubwürdigkeit und Erlebnisweite
●Rahmenstabilisierende Details: keine
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): langgezogen, eher quälend langsam
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: ziemlich viele kleine, die Christina nichts hinzufügen.
●Reliefbildung: Moskau als Höhepunkt geheimnisvoll, endlich der DDR-Starre entkommen.
●Einschätzung: schleppend, hart und zäh wie der graue DDR-Alltag, der kritisiert werden soll, aber kein lebendiges Abbild erhält. Durch die lineare Chronik, nur wenig Sprünge, nur wenig gekonnte Überblendungen
–> 1 Stern

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: für mich hat sich kaum etwas aus dieser Lektüre ergeben, zumal mir Christina nicht näher gebracht wurde, schon gar nicht durch den Einstieg, dass es „da“ ein Material zu beschreiben gäbe. Ich benötige schon den Enthusiasmus für eine Person, warum wird über sie erzählt? Sie wird keineswegs einzigartig beschrieben. Das ist keine Qualität des Exemplarischen. Was repräsentiert sie? Woran bricht sie? Es fehlt zu viel. Was an der Welt erkenne ich in Christina? Keine Ahnung.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) als Individualdrama schon, überlastet vom Erwartungsdruck zerbricht ein junges Leben an der väterlich aufoktroyierten Tristesse
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? Nein
… es gibt keinen Mehrwert, dieses Buch mehrmals zu lesen, weder sprachlich noch inhaltlich, es kreist um seine Substanz und weicht ihr gekonnt aus. Ja, ich habe mit Christina gelitten, aber das war’s auch schon.
–> 1 Sterne

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Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“

Sprachungetüme über ein von Nazischergen ausgehobenes Rotlichtmilieu.
Shortlist Leipziger-Buchmesse-Preis 2026.

Inhalt: 3/5 Sterne (ins Trauma abgleitend)
Form: 4/5 Sterne (verstört-schöpferisch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (keine)
Komposition: 1/5 Sterne (Liveticker)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (anstrengend)
–> 10/5 = 2,0 = 2 Sterne

Anja Kampmann schlägt in Die Wut ist ein heller Stern einen widerborstigen, sehr eigentümlichen Ton an. Der Roman spielt im Rotlichtmilieu Hamburg, in St. Pauli, unter Luden, Prostituierten, Dieben und verschiedensten Tanz- und Ton- und Körperkunstschaffenden. Eine von ihnen heißt Hedda Möller. Sie schwingt auf Seilen, stürzt sich aus der Höhe herab über Kaimane und zieht das Publikum mit ihren wagemutigen Akrobatikeinlagen im Varieté Alkazar in Bann:

Von hier oben starre ich hinunter wie in einen dunklen Sumpf, ein Wirbel auf der Trommel, der lauter wird. Langsam lasse ich mich einmal herunter, halte inne, unten die Kaimane, das Publikum, sie sehen meinen Hals, die Arme, dann lasse ich mich fallen, die Drehung, rasch, auf sie zu, ich wirbele herum, rum, bleibe über ihnen waagerecht in der Luft, die Arme gestreckt bis in die Fingerspitzen. Applaus, die Dschungelnacht, das Mädchen läuft das Seil wieder hinauf, dreht sich, ich drehe mich, alles ist ganz leicht.

Hedda aus dem Sportverein Fichte Altona hat eine innige Beziehung zum Milieu und zu dem Varieté-Besitzer Artur, dessen Etablissement von diversen Seiten unter Beschuss gerät. Wie das Alkazar überlebt oder nicht überlebt, darum dreht sich der Hauptteil des Buches, das mit dem Jahr 1933 anfängt und mit 1937 schließt, und auch darum, wie Hedda ihren an Rachitis leidenden jungen Bruder Pauli vor der staatlichen Fürsorgeeinrichtung zu schützen versucht, die im Rahmen einer menschenfeindlichen Hygienegesetzgebung mit Kranken kurzen Protest macht. In der schwierigen Nachtschwärmer- und Alltagswelt schlägt sie sich durch, aber muss erleben wie nach und nach ihre engsten Bezugspersonen verschwinden, sterben oder abtauchen:

Durch die Fenster dringen Stimmen, einmal eine Trillerpfeife. Das ist ihre Macht, man schlägt nicht mehr zurück, Schritte, jemand rennt durch die nassen Straßen davon. Sie haben die Jungs von Rotfront enthauptet, wie man Hühnern den Kopf abschlägt. Mit einem Handbeil. All das ist da draußen, ich kann es hören.

In sehr eigenwilliger Diktion fließen Heddas Assoziationen, Wahrnehmungen, Erinnerungen und Vorstellungen, ja auch Träume in den Text ein und ergeben ein sehr unübersichtliches Echtzeit-Liveticker-Gemisch, das leider, so mikrologisch angelegt, kaum einen Kontext oder Hintergrund erschafft. Tatsächlich wirken die neuen Machthaber wie eine Art Drückerbande und das Problem, das Varieté zu halten, wie ein Mafiamobkonflikt, der wenig mit staatlich verordneten Terror zu tun hat. Der Bezug auf die Olympischen Sommerspiele 1936 bleiben äußerlich, und die Nationalsozialisten kollektiv als „Keiler“ zu bezeichnen, hilft auch nicht, um den Stoff zu dynamisieren, der leider dadurch zäh und löchrig wirkt:

Und ich bin das Loch in der Wand, die Lücke in der Erzählung, das verbindet uns, Arthur.

Heddas Konflikt bleibt der zwischen Anpassung, um Pauli zu schützen, und Flucht und Widerstandskampf. Hier pendelt ihr Ich zwischen der „Rita“, der gefälligen Opportunistin, die sich für die Männer schminkt und sich ihnen unterwirft, und Edda Récord, der furchtlosen Kaimanen-Dompteurin, die dem Publikum das Fürchten vor dem Dschungel lehrt. Leider verbleibt die Diktion zu äußerlich, und leider doppeln sich die Motive auf den vielen Seiten unermüdlich, so dass der Roman am Ende wie eine Improvisation über ein paar Grundakkorde wirkt, ohne je die Freiheit zu erlangen und sich hin zu einer Melodie zu weben.

Am Ende wirkt Die Wut ist ein heller Stern wie ein holpriges Gemisch aus Nora Bossongs Reichskanzlerplatz und Anna Seghers Das siebte Kreuz aber im Stile einer die Erzählbarkeit der Welt bekämpfenden Marlene Streeruwitz aus Partygirl, eine Mischung, die sich konsequent selbst annihiliert.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Hedda Möller, jung, Anfang zwanzig, Akrobatin in einem Varieté namens Alkazar, hat einen an Rachitis leidenden kleinen Bruder Pauli, einen großen Bruder Jaan, der mit einem Walfangschiff ausfährt, und einen gewalttätigen Vater und eine kranke, schwer arbeitende Mutter, Thea.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1933: Hedda (H) und Henri besorgen Fleisch für Eddy und Fred, zwei Kaimane aus Südamerika, mit denen H in Arturs Alkazar-Zirkus auftritt. Sie beauftragen ein paar Kinder, Ratten zu fangen. H macht sich Sorgen um den Boxer Kuddel, Bruder der Mutter, Joist, Schmied, droht Jaan zu kündigen, sollte er weiterhin der Arbeit fernbleiben. Raabe, eine erfahrene Artistin, dient als Mutterfigur für H. H hilft ihrem kleinen Bruder Pauli mit Morgenspaziergängen am Hafen entlang, um seine Muskeln zu stärken. Nicht nur Jaan, auch H muss sich eine Bleibe suchen, Vater zu gewalttätig. Sie zieht bei der Prostituierten Leni ein. Der Trompeter, jüdischer Herkunft, darf nicht mehr auftreten. Kuddel wird beerdigt, Umstände seines Todes unklar (Karl Johann August Hacker). Kuddel Leitfigur für H, Vorsitzender des Barmbeker Kraftsportvereins. Joist stolz, dass sein Neffe (Jaan) bei einem Walfänger anheuert. Joist geprägt vom Ersten Weltkrieg. H will nicht, dass ihr Bruder fährt, will den Zusammenhalt der Familie stärken.
1934: Artur, dem Varieté-Besitzer, der eine Bande namens „Die Finken“ anführt, einem der Galionsfiguren des Rotlichtmilieus, platzt der Kragen während einer Vorstellung, wird verhaftet. H prostituiert sich bei „dem Grauen“ für Essen und Geld, um ihre Familie durchzubringen, findet Drogen dort (Laudanum, Opiumtinktur). Ein Kleinfabrikant setzt H nach. Sie lockt ihn in die Falle. „Die Finken“ bringen ihn um. Artur verliert Besitzungen. H trifft einen ehemaligen Kameraden aus dem Turnverein, Maks, der den Polo-Spielern bei der Olympia-Vorbereitungen in Klein Flottbek hilft. H wird ins Stadthaus gefahren, soll Artur verpfeifen. Sie spielt die systemtreue Opportunistin, stolz auf ihren Walfangschiff-Bruder. Die Maske gelingt. Sie wird auf freien Fuß gesetzt. Muss sich einer Hygieneuntersuchung unterziehen. H betäubt sich mit Laudanum.
1935: Das Alkazar wird in Brand gesetzt. H nimmt Drogen beim Grauen. Artur gibt auf. H sorgt sich um ihren Bruder, der der „Volkskörperreinigung“ zum Opfer fallen könnte wegen seiner körperlichen Gebrechen. Lehrerin, Fräulein Thamm, hilft Pauli. Sie kann aber Pauli nicht mehr länger in der Schule schützen, wegen Leibesübungen, die zur Pflicht werden. Ein Georg Leopold übernimmt das Alkazar, völkische Unterhaltung, aber immer noch mit Kaimane. Artur und Raabe untergetaucht. Wollen sich nach Holland absetzen. H will aber Pauli nicht zurücklassen. Treffen mit Maks, Selbstbefragung, ob sie sich eine neue Imago zulegen sollte. Leni und H bespaßen Pauli. Leni schlägt vor, sich tagsüber um ihn zu kümmern. H lehnt ab, da Leni als Prostituierte Pauli noch mehr gefährdet. Als ein neuer Name fürs Alkazar gesucht wird, schmuggelt sich Artur ins Haus und wütet. Er muss fliehen. H hilft ihm. Artur gibt H zwei Goldmark und flieht aus Deutschland. Fred, einer der Kaimane stirbt. Ausflug mit dem Grauen nach Lopau, lernt einen Tierpräparator kennen.
1936: Das von Maks betreute Polo-Team scheitert bei den Olympischen Sommerspielen. Sohn vom Grauen kommt zurück, vorerst keine Treffen mehr bei ihm zuhause. Suche nach Carsten, verschollen. Auch Eddy stirbt, keine Kaimane mehr. Carsten hat Flugblätter aus dem Untergrund verteilt, noch da mit Kontakt zur Milchstraße. H übernimmt Jaans Zimmer. Jaan fährt mit der Jan Wellem los, Walfett zu erbeuten. Walfangphantastereien. H hilft den Tischlern, bei denen sie wohnt, erhält einen Muff als Weihnachtsgeschenk.
1937: Leni versteckt sich vor den Hygienewächtern. H weiß, dass sie sich in Gefahr bringt, behält sie aber bei sich. Sie werden erwischt und getrennt. H wird sterilisiert, sieht Leni nicht mehr. Als H nach Hause kommt, hat die Nachbarin Grubemöller Pauli an die Fürsorge gegeben. H gelingt es gerade noch so, ihn zu befreien. Fährt nach Blankenese zur Lehrerin Thamm und kommt dort unter. Pauli bekommt neue Schienen. Carsten mittlerweile wahrscheinlich im Bürgerkrieg. H sucht Anstellung im ehemaligen Alkazar, Allotria, und tanzt dort wieder. Rastet kurz wie Artur aus, reißt sich zusammen. Verabschiedung von Maks, trägt auch das Abzeichen auf der Brust. H wähnt Leni auf Farmsen, „Isolieranstalt für Geisteskranke und Geistesschwache“. Rückkehr von Jaan, 10. 5. 1937. Jaan nicht abgehauen, nun bei der Sache, blutgetränkt, kriegswillig. H erschreckt, Jaan will bleiben. H flieht mit Pauli nach Amerika, auf der Hansa.
Epilog:
Artur streift durchs Nachkriegshamburg auf der Suche nach H und anderen, alt und verbraucht.
●Kurzfassung: Hedda Möller, Akrobatin, rettet ihren an Rachitis leidenden kleinen Bruder vor einem missbräuchlichen Vater und der nationalsozialistischen Fürsorge, die ihn zu töten droht. Der Plan, mit dem älteren Bruder zusammen zu fliehen, platzt. Sie wandert nur mit dem kleinen Bruder nach Amerika aus.
●Charaktere: (rund/flach) kaum als Charaktere erkennbar, nur Andeutungen
●Überflüssige Szenen/Charaktere: der ältere Bruder Jaan, die ganze Walfang-Abschnitte, berühren sich mit dem Rest des Buches reichlich wenig. Die Figur der Raabe, wie Marlene Dietrich, erschließt sich auch nicht. Sehr an den Haaren herbeigezogen auch das Polo-Team. Der Trompeter illustriert nur die Anti-Juden-Gesetzgebung, ohne eingebunden zu sein, Swing-Verbot.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Die Krankenhausszene, in der Hedda sterilisiert wird. Die Befragungsszene, in der Hedda freikommt, indem sie überzeugte Nationalsozialistin spielt. Die Szene in Lenis Zimmer, als sie für Pauli Pinguin spielen, Hedda Leni aber beleidigt.
●Diskurs: Vergangenheitsaufarbeitung, Minderheitenverfolgung im Dritten Reich, Rotlichtmilieu, Artistentum.
… eigentlicher Plot wäre das Verschwinden zuerst von Kuddel, dann von Carsten, dann das von Pauli, dem Bruder. Angst vor dem Verschwinden der Mitmenschen. Dieser Plot mischt sich nicht gut mit dem historischen Hintergrund, der fast gar nicht gegeben ist – die Probleme könnten in jedweden Rotlichtmilieu auftauchen und haben mit staatlichem Terror wenig zu tun. Andeutungsweise „das Rassenlineal“, Euthanasie-Androhung etc … dennoch wird der historische Hintergrund stiefmütterlich behandelt. Spannung Fehlanzeige. Im letzten Drittel entschiedener und mitreißender durch die phantasmagorische Ebene Heddas.
–> 3 Sterne

Form:
●Eindruck: eher ein traumatisierte Sprachzerstückelung, Vereinzelung, Zersprengung von Sinngehalten, als mimetische Form, den Angstraum darzustellen, den Druck, der auf Hedda lastet, das Bedrohungsszenario, das keine Zeit zum Nachdenken, Reflektieren, Zusammenfassen lässt, in Echtzeit, Nominativ-Staccato, Pointillismus, gehetzte Diktion, auf der Flucht
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) filmisch, in Schnitten, schnell, dramaturgisch mit Szenenanweisungen, Blitzlichtgewitter, Einsprengsel; fiktional, aber nicht unbedingt mit literarischen Mitteln.
●Auffälligkeiten: „Schsch“, „Kuddel“, „mit aneinandergepressten Beinen“ … aber vor allem eben das „Schsch“, das Sich-Bremsen, das Einhalten, das Verstummen, das viel zu häufig eingesetzt wird und dadurch irgendwann auch nervt. Auch „der Keiler“ nervte mich zunehmend als Symbol für den nationalsozialistischen Schergen.
●Innovation: radikale Sprachzerstückelung und mutige Dissonanzgeste
… die Sprache erscheint oft unausgeglichen, gehetzt, sehr alltäglich, dann mit ein wenig Platt, ein paar Lokalkolorismen, Automarken (Wanderer), und andere auf den zeitlichen Hintergrund anspielende Beschreibung, Stapellauf der Wilhelm Gustloff, Blohm & Voss, etc … leider haben die unvollständigen Sätze, der in Präsens gehaltene Stenographie-Rausch, eine leseerschwerenden Einfluss gehabt, kryptisch, kaum nachzuvollziehen, oft eher wie ein Gedicht, aber kein harmonisches, melodisches, eher disruptiv und traumatisiert. In seinem Anspruch, sprachschöpfend hier und da zu sein, auch gelungene Sequenzen (das Bienenbild), aber als Sprachungestüm herausstechend
–> 4 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: im Stile eines Ich-Echzeitsgeschehen gehaltener Bewusstseinsstrom, mit vielen kleine Abschnitten, die eine Art Cut-Szenen-Sequenz erzeugen, insgesamt assoziativ, als sinnliche Gewissheit strukturiert, inkohärent, Vermischung von Erinnerung, Vorstellung und Wahrnehmung in situ. Die Sprünge, und teilweise sehr langen Pausen, erscheinen hier leider unplausibel. Es gibt also eine Redigierungsinstanz im Hintergrund, die sich aber nicht zeigt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): es gibt keine wirklich Erzählinstanz, da diese ineinsgesetzt mit dem Erzählvorgang selbst, Perspektivierung und Reflexion fallen gänzlich weg, da in Präsens erzählt wird, die Erzählinstanz gar keine Zeit hat, sich die Ereignisse vor Augen zu führen.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: unmittelbar, ungeschönt, ungeformt, ungefiltert, fast reportagenhaft
●Einschätzung: die Erzählform wird häufig für Krimis gewählt, um Verfolgungsszenen zu plausibilisieren und zu inszenieren. Als längerer Roman ungewöhnlich, das Präsens stört, die Abfolge, die Schnelligkeit führt zu sehr großer Unübersichtlichkeit und die Figuren bleiben schwach entwickelt, ohne Innerlichkeit; es wirkt wie das zusammengeschnittene Protokoll einer Zeugenanhörung. Insofern gibt es vom Erzählrahmen überhaupt keine Glaubwürdigkeitsversuche, noch Strukturen, das Erzählte zu plausibilisieren. Die Auswahl fällt weg. Es ist drauf losgeschrieben. Improvisiert entlang von ein paar Hauptmotiven.
… ein wenig wie Claude Simon, nur eben nicht in der Retrospektive. Hinzukommt, dass die Erzählinstanz sich von sich trennt, sich in eine Maske begibt (die „Rita“, die Musterfrau), insofern auch psychogrammatisch disparat.
–> 1 Sterne

Komposition:
●Eindruck: es gibt keine Komposition; linear erzählt von 1933 bis 1937, mit ein paar Problemkomplexen.
●Signal/Noise-Ratio: viel Rauschen, viel Noise, viel Ablenkung
●Operative Geschlossenheit: keine
●Rahmenstabilisierende Details: keine
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr gleichförmig, sehr unübersichtlich
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: viele seltsame, nicht zuordenbare Sequenzen, wer spricht was, persönlichkeitsabspaltend.
●Reliefbildung: nein, gleichförmiges Rauschen, Tickern, Liveticker.
●Einschätzung: keine Verdichtung, sehr unbeweglich, starr, wenig Akzente, ein Teppich an Hauptworten. Besonders ärgerlich – der Abschluss, wer erzählt da in Echtzeit, im Präsens, und wieso, Hedda? Und wieso? Sie stellt sich das vor, aber wann …
–> 1 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung:
… gestört hat mich, dass der historische Hintergrund beliebig gewesen ist, die Nazis erscheinen als Drückerband in einem Rotlichtmilieu, setzen einem Varieté-Besitzer namens Artur zu, der zwei Kaimane und eine Akrobatin namens Hedda hat; Prostitution, Zuhälterei, Gesundheitsprobleme, all das verengt die Handlungsspielräume der Figuren, aber das hat nicht wirklich etwas mit staatlich organisiertem Terror zu tun, wirkt eher wie ein Bandenkrieg aus „Krieg der Knöpfe“ – die roten gegen die braunen.
… was mich noch gestört hat, die zerfetzte Erzählweise in Echtzeitperspektive mit Lücken dazwischen, eine Art literarischer Ego-Shooter der Unübersichtlichkeit, keine melodische Sprache, ruppig, hart, brüchig. Pointillismus-Verknappung. Filmschnitt.
… erleichtert bin ich, dass das Leiden des körperlich-beeinträchtigten Bruders Pauli nicht ausgenutzt wurde, sentimental-klischiert. Er leidet an der englischen Krankheit, Rachitis, Knochenerweichung wegen Sonnenlichtmangel (Vitamin-D).
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, ohne historisches Wissen unverständlich, der Keiler, der Schnauzer, die Roten, die Braunen, das alte Land etc …
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) in seiner Rohform schon, nur nicht überzeugend
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, zu hastig, zu gehetzt, zu abgehackt
●stimmig?(Komposition: ja/nein) als Trauma-Widerspiegelung ja
●ein zweites Mal lesen? nein
–> 1 Stern

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Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“

Im ersten Licht von Norbert Gstrein

Narrative Pflichtaufgabe erfüllt, ohne Mut – sentimental-verschämt schmuddlig. – Shortlist Leipziger-Buchmesse-Preis 2026.

Inhalt: 4/5 Sterne (Sittengemälde des Duckmäusers)
Form: 4/5 Sterne (schöne, glatte Sprache)
Erzählstimme: 0/5 Sterne (feige-verschlossen)
Komposition: 2/5 Sterne (biographisch-disparat)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (findet nicht zusammen)
–> 12/5 = 2,4 = 2 Sterne

Im ersten Licht hat einen stillen, ängstlichen Protagonisten namens Adrian Reiter. Diese Art Literatur lebt von einer gewissen, sich der Langsamkeit hingebenden Stille wie das atmosphärische, empathische Stoner von John Willams oder Olga Tokarczuks Mieczysław in Empusion, gemischt mit einer gewissen Wiener Vor- und Nachkriegsatmosphäre aus Robert Seethalers Das Café ohne Namen oder Raphaela Edelbauers Die Inkommensurablen. Gstrein bereitet ein wahres Potpourri aus diesen Zutaten:

Sie setzten sich am Ufer ins Gras und tranken den Wein, den Karla aus dem Seehof mitgebracht hatte, und [Adrian] konnte sein Glück nicht fassen, wie sie in ihrem Sommerkleid vor ihm saß, einmal die Arme über den Knien verschränkt, einmal mit weit von sich gestreckten Beinen. Nicht im Krieg gewesen, aber er hatte das Mädchen bekommen. Was für ein unsinniger Gedanke, doch er dachte ihn und fühlte sich den Gesichtsverletzten in der Villa, fühlte sich dem jungen Herrn und Stegner gegenüber gleichzeitig schuldig und überlegen, obwohl er noch Zeit brauchte, bis er ahnte, dass es vielleicht kein Manko war, nicht im Krieg gewesen zu sein, sondern ein Vorteil, etwas, das ihn vor den anderen auszeichnete.

Deutlich wird die Lebensgeschichte von Adrian von einer distanzierten, nicht wirklich mitfiebernden, schon gar nicht sympathisierenden Erzählinstanz geschildert, die durchweg im Dunkeln bleibt und sich im Epilog nur als „Nachkriegsautor“ entpuppt, der während einer Lesung nichts zur Waldheim-Affäre sagen möchte. Leider erweist sich die Unentschiedenheit poetologisch als unfruchtbare Strategie, denn selbst über die vielen Seiten ergibt sich von Adrian kein klares Bild. Er wirkt zusammengesetzt, wie ein Ready-Made, eine Art kriegsverdrossenes Globuli, das seinen Bellizismus homöopathisch über die Laufe seines Lebens mit Pazifismus versetzt.

1982 das Jahr, und »Jungs«, weil er kein anderes Wort dafür hatte und »Burschen« auch nicht besser war, Vivian hatte »boys« gesagt, und das traf es. 1982 das Jahr, er einundachtzig, ein Österreicher mit dem Union Jack in der Hand und manchmal schon schwindligem Kopf und einem englischen Mädchen, das verrückt war und auch als alte Frau noch ein Mädchen sein würde und um ihn herumtanzte und -hüpfte, obwohl Adrian nicht verstand, wem eine Seeschlacht, selbst wenn sie gewonnen war, um ein paar Felsen im Südatlantik nützen sollte.

Im ersten Licht fehlt durchweg die Reflexion und Perspektivierung und so mutiert das teilweise mundgerecht und ästhetisch feilgebotene Erzählte eher wie eine Gute-Nacht-Geschichte zum Einschlafen, angenehm, freundlich, harmlos und dann, leider auch, sinnlos, denn weder durchlaufen die Figuren eine Wandlung noch gerät die Erzählstimme in Wallung noch geschieht irgendetwas, was dem dargebotenen Vor-Sich-Hinsiechen Einhalt gebieten könnte. Die durchweg gelungene ästhetische Form läuft ins Leere, als hätte der Autor einer Pflichtaufgabe genüge getan, die ihm selbst stofflich wenig gegeben und zu keinen poetischen Mut getrieben hat. Dem Stoff fehlt die zündende Idee, überhaupt irgendeine Idee, und so wirkt am Ende, trotz vieler gelungener Stellen, das Buch literarisch so feige wie sein Protagonist es samt K. und K. Kavallerie-Verehrung politisch vorgelebt hat.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Hauptfigur Adrian Reiter, 1901 geboren, der als Sohn eines sozialistischen Postbeamten, vom Vater kriegsdienstuntauglich verletzt wird, als Jugendlicher Geld im Hotel Schwanen verdient, dort Kriegsinvaliden kennenlernt, von ihnen begeistert, hierdurch Anschluss an die Familie Ellers erhält, die ihm ein Geschichts- und Englischstudium in Wien ermöglicht und eine Stelle als Gymnasiallehrer besorgt, wo er eine Kollegin kennenlernt, sie 1939 heiratet. Die Ehe hält bis 1945, danach wird sein Schuler Martin Baumgartner beinahe einzige soziale Kontaktperson, bis er nach zwei Reisen nach Südtirol mit diesem von den Ellers eine Summe erbt, sich ein Auto kauft und 1957 nach England, zu den Downs reist, wo er Vivian kennenlernt. Vivian trauert um ihren Bruder Teddy Stephen. Adrian hilft ihr, sie kommen zusammen und bleiben zusammen, bis er Anfang der 1980er zu alt wird, um nach England zu fahren. Bei einer Lesung bietet er nun einem Autoren, Norbert Gstrein, seine Lebensgeschichte zu schreiben an, anlässlich der Waldheim-Affäre.
Der Roman versteht sich als Triptychon, zwei mehr oder weniger Opfer des Krieges (Ernest Eller und Teddy Stephen im ersten und dritten Kapitel) werden als Gelenk von einem Täter gehalten , Martin Baumgartner im zweiten Kapitel, ARs Schüler. Das erste und zweite Kapitel spiegeln sich: der gestorbene Sohn Frau Ellers, die von den Downs schwärmt, und der verstorbene Bruder Vivians, die über die Downs spaziert. Beide werden zunächst anonym begraben. Beide erhalten nachträglich beschriftete Gräber. Beiden fühlt sich AR verpflichtet, der aber von der Schuld heimgesucht wird, eine kriegsbegeisterten Kriegsverbrecher mit Martin Baumgartner herangezogen zu haben mit seinen Kriegsgeschichten aus dem 1. Weltkrieg. In einer Nacht beichtet dieser ihm, dass er an Erschießungen von Zivilisten teilgenommen hat. Diese Nachricht raubt AR beinahe den Verstand. Er zieht sich immer weiter zurück, seine Frau verlässt ihn. Er hat Angst als Mittäter und Mitwisser gebrandmarkt zu werden. Erst seine Urlaube in England befreien ihn. Er stellt sich gegen Österreich, gegen die Achsenmächte, und fühlt sich solidarisch mit den Engländern.
Das Buch erhält seinen Twist zum Ende hin, einerseits, als Vivian und er die vom Falkland heimkehrenden Soldaten feiern, er an die Titanic denkt, nicht Angst vor dem Eis, aber Angst, dass das Schiff über den Rand der Welt in den Abgrund fährt.
Adrian Reiter wirkt als harmloser Mitläufer, der sich vom Krieg begeistern lässt, mehr und mehr aber die Folgen des Krieges erkennt, am Ende die Seiten wechselt und statt den österreichischen Kaiser die Fahne des Union Jacks schwingt. AR in keiner Hinsicht entschlossen, eher ein Duckmäuser, ein Opportunist, der sich vom Pathos mitreißen lässt, ganz gleich in welche Richtung, jemand, der sich als Mitläufer auszeichnet und deshalb als Mitläufer behandelt wird.
●Zusammenfassung (detailliert):

1.Teil: Ernest Eller

  1. Adrian Reiter (AR), geb. 1901, trifft im Alter von 19 nach dem 1. Weltkrieg einen jungen Herrn (Ernest, E) mit zerschnittenem Gesicht. Karla, eine Kellnerin und Tochter des Wirts vom Wirtshaus gegenüber, besucht mit AR die Villa, wo die Kriegsversehrten Fußball spielen. Als eine Sängerin ihr Repertoire aufführt, fängt der junge Herr zu weinen an. Stegner, sein Kumpel (hat eine Stahlplatte im Kopf und Zehen verloren) tröstet ihn, offenkundig traumatisiert vom Krieg.
  2. Karla erkennt in E den Sohn der Familie Eller. Erinnerungen von AR, wie er die vier reichen Jugendlichen und zwei Mädchen beim Tennisspiel gesehen hat. Vater Briefträger, will seinen Sohn vor dem Weltkrieg bewahren (verletzt ihn absichtlich, um ihn kriegsuntauglich zu machen – AR hinkt). Die Familien heißen: Körmendy-Speisers und Wohlgemuths. Beide jüdisch und beide haben einen Sohn verloren. Infame-Intrige der Eller, E wegen der Verletzung zu verleugnen.
  3. E vermisst seine Verlobte, Ildiko. AR lernt die Es Mutter kennen, Frau Eller (FE), die ihn protegiert. E lehnt aber FEs Geld ab. Ein Geistlicher umschwirrt sie, Monsignore. Vorausblicke auf Es Todt, und wie sein Bruder Herbert sein Leben übernimmt (samt Verlobten). ARs Vater gegen den Snobismus der Elite.
  4. Die Anwohner der Ellerschen Villa fühlen sich durch die Kriegsversehrten bedroht. Die Villa wird geräumt, nur E bleibt und setzt sich bald mit ihr in Brand. Kurz vor seinem Tod hat Karla, ARs Freundin, ihn besucht und auf sein Bitten hin ihren Oberkörper entblößt. AR eifersüchtig.
  5. Jahre später besucht Herbert die Villa, auch das Hotel Schwanen, samt Ildiko. Sie haben eine verdächtig alte Tochter namens Ernestine. AR fühlt sich in Versuchung, Ildiko die Wahrheit über E zu sagen. Später taucht Es Kamerad Stegner wieder auf. Erzählt von Es Angst zu erblinden, deshalb Schreie in der Nacht. Mehrere der Kriegsversehrten haben Selbstmord begangen – eine Selbstmordreihe beginnt. Es gibt zwei Erfolgsgeschichten, einer von ihnen zog in die USA, nach Nevada. Herbert will nicht, dass Ildiko die Wahrheit erfährt. Die Tochter viel älter als die Ehe [stellt sich heraus, dass E der Vater ist – fast].
  6. Karla und AR trennen sich, ARs Vater hat wieder geheiratet. FE nimmt sich seiner an. AR zieht nach Wien, studiert Englisch und Geschichte, spielt den Lakaien in der Familie.
  7. AR kurz vor dem Studienabschluss, versteht sich mit Ildiko, lässt sich aber von Herbert demütigen, ohne Widerrede, auch von dem Vater, Ehemann Frau Ellers. Verliert den Respekt. Es kommen Gerüchte auf, dass E noch lebt und an einem Terroranschlag gegen Arbeiter beteiligt gewesen ist. AR, der FE an E erinnert, ist nun eher eine Störung.
  8. Beerdigung von E, nun mit richtigem Grabstein statt anonymen mit „Lemberg“. Ein grassierender Antisemitismus macht sich breit. FE empört über Herberts Opportunismus. Kein Kontakt mehr der Familie zu den Körmendy-Speisers und die Wohlgemuths; Körmendy-Speisers nun in der Schweiz, die Wohlgemuths trauen sich nicht mehr auf die Straße. 1938. AR redet sich ein, alles würde sich bessern, Karla schaut ihn respektlos an, und sie gehen getrennt nach Hause.

2. Teil: Martin Baumgartner (MB)

  1. 1935, exakt halb so alt wie AR, interessiert sich besagter Martin Baumgartner enthusiastisch für den Krieg, den AR anschaulich darstellt, ohne selbst teilgenommen zu haben. Nachdem MB in Erfahrung gebracht hat, dass AR das Wissen aus Büchern bezog, beginnt er selbst zu studieren und überfällt ihn mit Fragen und Antworten. MB wächst zum Lieblingsschüler heran.
  2. MB kehrt mit Schmiss nach ein paar Jahren zurück, mittlerweile unterrichtet auch eine Kollegin am Gymnasium, sie und AR organisieren einen Vortragabend für MB. Dieser breitet sich über die Rolle der Kavallerie aus, erntet Skepsis, spricht von der Elite. AR und die Kollegin lassen MB im Café sitzen, gehen spazieren und kommen zusammen.
  3. Vorausblick auf das Ende der Ehe zwischen Elfriede (der Kollegin) und AR. AR passt sich als Duckmäuser ans Regime an, Elfriede gegen die Nazis und alles, was mit ihnen zu tun hat, auch gegen MB, der sich AR zum Trauzeugen wünscht. Ar wird aber nur Taufpate des Kindes. MB kündigt an, gen Russland zu ziehen, ängstlich, fahrig entschlossen.
  4. Deportationen gen Osten beginnen. 1941. MB kehrt Weihnachten nach Salzburg zurück, verändert, trinkt Schnaps, traut sich nicht zurück zu seiner Familie, redet von den Geschehnissen in der Ukraine, was dort im Sommer geschah.
  5. Das von MB Erzählte (das nicht Teil weiter ausgeführt wird) hinterlässt Spuren in AR, fühlt sich an MBs Mittäterschaft schuldig, sucht MBs Frau auf, seinen Vater, Frau Ellers, Ildiko, aber alle haben ihre eigenen Sorgen. 1944 kommt MB wieder zu Besuch, seine Frau und sein dreijähriges Kind starben bei einem Bombenangriff auf Linz. MB gibt das Goldkettchen zurück, das Taufpatengeschenk. Es hat keinen Glück gebracht. AR fühlt sich noch schuldiger, MB Kriegsbegeisterung eingeflößt zu haben.
  6. Inkommunikativität, Schweigespirale von AR zerstört die Ehe, die von 1939-45 hielt, danach lässt sich Elfriede scheiden, kein Vertrauen, kein Gespräch, nichts. AR nach innen gekehrt vor Scham, einen Kriegsverbrecher erzogen zu haben. Er wird dennoch als unbedenklich eingestuft. Die Nachkriegszeit beginnt, Vorausblick, dass AR nach der Scheidung allein geblieben ist, aber nicht wie Karla entschieden.
  7. MB tritt wieder in ARs Leben, lebt bei ihm zwei Monate. Sie bleiben für sich, zerstört, verschwiegen. MB dreister, der Sohn, dem AR nicht entkommt, der sich ihm verpflichtet fühlt. Machen Urlaub in Südtirol `55, `56, dann zieht AR die Schlussleine, will nicht mehr mit MB wandern, fährt nach England, und MB geht verschollen in Südtirol, in den Abgrund gestürzt. Die Selbstmorde der Kriegsrückkehrer seit der Villa am See finden ein Ende.

3. Teil: In memoriam Teddy Stephen.

  1. Erster England Urlaub von vielen, kleines Erbe von Frau Ellers, die ihm vorschlägt ein Auto zu kaufen, nach England zu fahren, die Downes sich anzusehen. Er folgt ihrem Vorschlag hörig. Dort verbringt er Tage an der Küste, auf einem Kliff, von wo aus die deutsche Invasion zurückgeschlagen wurde, hält selbst dort Wache. Sein eigener kleiner Beitrag.
  2. AR lernt 1960 eine Vivian Stephens kennen, deren Bruder im 1. Weltkrieg wegen Desertion zu Tode verurteilt worden ist und hingerichtet wurde. An der Küste, den Downs erfährt er davon bei einem Vortrag eines Hobby-Historikers, Dr. Ingraham. AR fühlt sich an die Invaliden in der Villa erinnert. Fühlt sich zu Vivian hingezogen. Der Vortrag geht Vivian nahe, nach einem Dialog mit dem Ingraham verlässt sie den Saal.
  3. Vivian hält die Verabredung am nächsten Tag nicht ein, zu erschöpft von dem Vortrag. Ihre Schwester Veronica taucht auf und redet mit AR, fühlt ihm auf den Zahn. Vivian hat sich von Ingraham instrumentalisieren lassen. Veronica, geschieden, betreibt mit ihrer Schwester einen Pub. Vivian etwas leicht verstörbar. Veronica will von der Vergangenheit nichts wissen.
  4. Treffen mit Vivian, erzählt davon, wie ihr Bruder von einer Suffragette zum Krieg motiviert worden ist, mit weißer Blume, und wie ihr Bruder sich freiwillig meldete, dann aber nicht mehr konnte, weinte, und wegen Weinens erschossen worden ist. AR vertraut sich ihr an, erzählt von den Invaliden in der Villa und MB. AR verliebt, beschließt Vivian zu helfen, ein Brief zur Verteidigung des Vortrages von Ingraham zu verfassen.
  5. Sie verfassen nun einen Brief und kommen sich hierüber näher. Veronica bringt sie in ihrem Auto – er freut sich über diesen Anblick, die englischen Damen, die exzentrisch mit ihrem Auto herumkurven. Sie sehen sich jeden Tag, und dann muss AR abreisen, sagt ihr zum Abschied, auf Deutsch, er wolle nicht nach Hause.
  6. Zurück in Salzburg löst er sich von seinen alten Bekannten, antwortet Neubauer und Stegner nicht, der terroristisch für den Anschluss Südtirols an Österreich kämpft; Ildiko ruft an. Er rettet sich mit seinen englischen Brieffreundinnen, unterrichtet nun auch die Grauen des Zweiten Weltkrieges. In England wurde Ingraham verklagt, wegen Erbschleicherei – er ist aufgeflogen, da er Lügengeschichten zwei Witwen erzählt hat. Am Ende bittet AR Vivian um ein Foto von Teddy, im Antwortbrief sagt sie, Teddy lebt und schickt ein Foto.
  7. AR kehrt zurück. Veronica bittet ihn, den Totenkult um Teddy bei Vivian nicht zu befeuern. Vivian und er kommen sich nahe, werden vertrauter und kommen ruhig, angesichts der See, zusammen, an der Küste Englands, Eis essend.
  8. Parallele nun zum Begräbnis von Ernest, Vivian besucht mehrmals Ypern, dann heuert sie einen Steinmetz an, um den Grabstein zu beschriften. In dieser Nacht schlafen AR und sie miteinander und verbringen viele weitere Jahre zusammen. Er erinnert sich an die Titanic-Ausfahrt.

Anfang und Ende: Der Autor

In den 1980er baut er einen zweiten Unfall und muss nun in Salzburg bleiben. Dort sucht ihn Ernestine auf, die alles über ihren möglichen Vater, Ernest, erfahren möchte, da Herbert kurz vor seinen Tod behauptet hat, er sei nicht ihr Vater. AR schafft es nicht, sich für sie zu öffnen. Bei einer Lesung zum Buch „Die anderen“ kommt es zu einer Diskussion um den amtierenden Bundespräsidenten Kurt Waldheim über seine Aussage des Generalsekretärs der ÖVP „Solange nicht erwiesen ist, dass er [Waldheim] eigenhändig sechs Juden erwürgt hat, gibt es kein Problem.“ Die sechs verweise auf die sechs Millionen und entlaste alle Mitläufer. Der Autor (Norbert Gstrein selbst – durch „Einer“ als Erstling gekennzeichnet.) hat dazu nichts zu sagen. Nach der Lesung geht AR auf ihn zu und unterbreitet ihm das Angebot, seine Geschichte zu aufzuschreiben, die von Martin Baumgarten, die sich sehr mit der von Kurt Waldheim überschneidet. Am nächsten Tag wartet er auf den Besuch und schläft neben der Klingel ein. Dadurch, dass Norbert Gstrein das Buch nun geschrieben hat, erweist sich, dass AR nicht vergebens wartete. Der Engel auf dem Gemälde senkte sich auf ihn herab.

●Kurzfassung: Ein eher ängstlicher Österreicher versteckt sich vor jedweder Verantwortung und Handlung, wird unfreiwillig durch seine angelesene Kriegsbegeisterung als Geschichtslehrer zum Mitwisser eines Kriegsverbrechen im 2. Weltkrieg, zieht sich noch weiter zurück, verliert seine Ehefrau und sucht Frieden in England, solidarisiert sich durch mit der Schwester eines hingerichteten Deserteurs.
●Charaktere: (rund/flach) Die Figuren wirken rund und lebendig, vielfältig und interessant, eigenwillig und mehrdimensional.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Es hätte keiner Ehe bedurft, Adrians Ehe erscheint künstlich; und auch Karla, die Jugendfreundin, erfüllt keine wirkliche Rolle. Ildiko auch nicht, die Verlobte Ernest; überhaupt erscheinen die Frauenfiguren randständig, selbst Vivian, mehr eine Erscheinung als ein Wesen aus Fleisch und Blut. Hat aber auch mit der sehr phänomenologischen Lebensart Adrians zu tun. Leibhaftig wirkt Martin Baumgartner.
●Besondere Ereignisse/Szenen: schwierig, da der Roman eher vor sich hin driftet, keine wirkliche eigene Richtung einschlägt.
●Diskurs: Kriegsverbrechen, Holocaust, Judenvernichtung, Nationalismus. Auch absterbende Großmachtsphantasien der Österreichs.
… „Die Inkommensurablen“ – vor allem im Ton und Personal; auch „Empusion“, wegen Zeit, des ruhigen Erzählens, sehr unaufgeregt, aber vor allem John Williams „Stoner“, fast haargenaue Parallele. Englische Literatur, Einsamkeit, Außenseiter, nicht im Krieg, Verhältnis mit jüngerer Lehrerkollegin, tyrannisiert von einem Kriegsrückkehrer (Martin Baumgartner strukturell Finch), die unglückliche Ernestine als Stoners Tochter.
… inhaltlich hält das Buch einiges bereit, einige Spannungsböden wie die historischen Übergänge für Adrian, wie sich seine Ehe mit Elfriede, seine Freundschaft mit Martin, seine Liebesaffäre mit Vivian entwickelt. Leider doch zu entfernt, lückenhaft erzählt, so viele Leerstellen, zu wenig im Schwung der jeweiligen Szenen, zu panoramahaft, mehr Gemälde als Dynamik. Als Gemälde dennoch stimmungsvoll und überzeugend, obgleich das letzte statische Strahlen fehlt.
–> 4 Sterne

Form:
●Eindruck: schön geschrieben, angenehm zu lesen, interessante Wörter, Satzbauten, abwechslungsreich, wenig bis gar nicht manieriert, sehr in einem Guss, als Sprache schön, genussvoll, fiktionalisiert, und stets im tragenden, sehr deutlich perspektivierten Ton.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad, deshalb wirkt der diskursive Anschluss am Ende zur Waldheim-Debatte fehlerhaft und störend
●Auffälligkeiten: sehr züchtig geschrieben.
●Innovation: sehe ich keine
… insgesamt sprachlich ein Höhepunkt der Gegenwartsliteratur, eine deutliche Fokussierung der Stimmung, der Wortwahl, der farblichen Unterstreichung des Geschehen durch narrativen Singsang, obgleich einlullend. Wegen fehlenden sprachlichen Mutes
–> 4 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: kommentierend, sich herausziehend, distanziert, skeptisch, teilweise sogar ironisiert, etwas herablassend trotz empathischen Gestus. Es ist klar, dass Adrian kein Held für die Erzählstimme darstellt. Die Erzählinstanz jedoch taucht nicht auf. Sie bleibt als selegierende Kraft im Hintergrund – entspricht der Feigheit des Protagonisten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: ironisierend, sittsam, klar als souveräne Distanzierung lesbar, Immunisierungs- und Abstandsgeste
●Einschätzung: solche Erzählhaltungen können sich kaum stofflich plausibilisieren. Es bleibt der fade Geschmack zurück, es handelt sich einerseits um eine zarte Satire, oder eine Pflichtaufgabe, oder eine Art Abstandshaltung, ambivalent. Es stellte bei mir das Gefühl ein, das Buch wollte und konnte nicht geschrieben werden, und die Erzählhaltung rettet, was sie kann, nämlich nichts.
–> 1-1=0 Sterne

Komposition:
●Eindruck: die Triptychon-Idee in allen Ehren, aber das ganze Buch erhält keinen guten Rahmen, eigentlich eine Art Biographie, die die Etappen eines Lebens herunterspult, keine zweite Ebene in der Entwicklung, keine sich entfaltenden Sinndimension, eher ein klein, klein, weiter und weiter. Das Ende mit der Titanic und der Waldheim-Affäre, das Ende des Kalten Krieges, das Ende des Schweigens etc … das will dann doch eher bedeutungsschwanger daherkommen und erlaubt keinen dramatischen Abschluss. Auch das nicht benannte Beziehungsende mit Vivian wiegt schwer, auch dass seine Ehefrau nicht mehr vorkommt, auch wie er Ernestine in Stich lässt, alles sehr unfertig, unrund, sehr fragmentiert.
●Signal/Noise-Ratio: hohe Signaldichte, sehr eng an der Person, keine Abschweifungen, die ins Gewicht fielen
●Operative Geschlossenheit: nein, da die Geste Adrians, und des Erzählens, die Enthaltung bleibt, das Nicht-Position-Beziehen, das Abnicken, Weiter, … immer wieder.
●Rahmenstabilisierende Details: nein, das Jahrhundert als Zahl taugt nichts, und auch nicht der Falkland-Krieg mit der Titanic etc …
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): das ist gelungen, interessant und rhythmisch.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein, bis auf die Frauenfiguren, deren Geschichte unerzählt bleibt
●Reliefbildung: so sehr ein Singsang eines Sich-Herausnehmenden.
●Einschätzung: unentschlossen, und hierdurch am Ende disparat und inkohärent, eher zusammengeschustert aus fremden Details, wahrscheinlich eben das zusammengeklebt, mit der ironisierenden Erzählweise, was er vom wirklichen Adrian Reiter gesagt bekommen hat. Der Erzähler hat ein Versprechen eingelöst, aber nicht sehr im Sinne Adrians, oder doch im Sinne, nostalgisch gebrochen, sentimental-verschämt. Etwas schmuddlig.
–> 2 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Interesse erzeugende Stimmung und Sprache, sehr ruhig, sehr verzögert, nach innen gekehrt, eine langsame, konfliktscheue Hauptfigur mit Adrian Reiter, der durch sein Leben driftet, von äußeren Umständen hin und her gepeitscht wird, sich kaum zu wehren weiß, am Ende aber eine Art Happy End findet, in den Armen der exzentrischen Engländerin Vivien … mich hat vor allem der Abschluss mit der Waldheim-Affäre gestört, aber der Autor hat wohl selbst empfunden, dass der Roman als Konzeption nicht klar genug ist und deshalb eine Art politische Motivation ans Ende gestellt. Es fragt sich schon, warum das eigentlich erzählen? Mit der Waldheim-Affäre gibt er den Hinweis auf das Schweigen, Verschweigen, auf das Fehlen der Vergangenheitsbewältigung … die Sehnsucht, die vielen Adrians, das Ungeklärte, die vermittelte Schuld, und die Gefahr, dass sich alles wiederholt, wie sich auch in Adrians Leben sehr viel wiederholt (Teddys Grabstein-Beschriftung, Ernest Grabstein-Beschriftung etc …) … was mich noch stört: Es fehlt der Abschied von Vivien, der Engländerin. Er hat einen Autounfall und kann nun nicht mehr zu Besuch kommen, Anfang der 1980er? Keine Briefe mehr? Kein Wort mehr über die Liebe seiner letzten 20 Jahre? Und auch seine Ehefrau Elfriede verschwindet einfach. Alle anderen kommen wieder, die ganze Jugend, Ildiko, Ernestine, nur die Frauen in seinem Leben nicht? Auch nicht Karla? Das ist eigentümlich … und befremdlich, lässt etwas verstört Narzisstisches zurück.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, als Stimmung und Einstimmung
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) auch dies, als Unentschlossenheit
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) sprachlich schön
●stimmig?(Komposition: ja/nein) sehr stimmig
●ein zweites Mal lesen? Besitzt keine weitere Ebene, nein, insbesondere im Rückblick zu fragmentarisch, ein einziges Wozu bleibt.
–> 2 Sterne


Elli Unruh: „Fische im Trüben“

Vor dem Unheimlichen zurückgeschreckt – diffuse Familienchronik.
Shortlist Leipziger-Buchmesse-Preis 2026.

Inhalt: 3/5 Sterne (atmosphärisch-plotlos)
Form: 3/5 Sterne (Sprachgedächtnis)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (diffusiv)
Komposition: 2/5 Sterne (achronische Chronik)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (orientierungslos-ehrlich)
–> 13/5 = 2,6 = 3 Sterne

Fische im Trüben heißt das (wahrscheinliche) Romandebüt von Elli Unruh, das 2026 auf der Shortlist des Leipziger-Buchmesse-Preises steht. Der Titel verweist bereits auf das poetische Unterfangen. Die Erzählinstanz fischt im Trüben nach Fetzen und Resten der Hinterlassenschaften der Russlanddeutschen zur Zeit des Kalten Krieges. Es erinnert auf seine Weise an Tomer Dotan-Dreyfus Roman Birobidschan, zumal es auch an der russisch-chinesischen Grenze spielt (aber in Kirgisien). Von der Atmosphäre jedoch bleibt es jedoch Ágota Kristófs Das große Heft eng verbunden. Fische im Trüben lebt nämlich auch von seiner besonderen Atmosphäre:

Wo fängt man an, die Sterne am Himmel zu zählen? Den Sand am Meer? Die Äpfel in den Wäldern am Fuße des Tian Shan? Rot und gelb schimmern sie am Tag und des Nachts wie polierte Kugeln aus Holz, vom Mondschein weiß bemalt, und setzen fremde Zeichen zwischen Äste und Laub. Man sagt, überhaupt ist der erste Apfel hier gewachsen. Wer weiß, kann es sein? Lag hier einmal das Paradies? So wie im Frühjahr der Duft von Bergblumen über die dichte grüne Steppe weht, scheint es möglich, und im Mai erst, wenn im Weizen der Mohn lodert, kann man sich fast sicher sein.

Die Weite und Kargheit und Fremdheit Kirgisiens für die verschleppten, verbannten Familien aus der Ukraine durchwebt den Text. Nur assoziativ begleitet der Erzählblick die Figuren. Sie tauchen auf und tauchen ab wie die gebürtige Kirgisin Baba Schura, wie der Murab Onkel Hein, oder wie der Schlangentöter Krocha oder die Vogelnest frisierte Hedi. Hier verspielt Unruhs Roman viel Potential. In Länge und Breite atmet das Leben zwischen den Figuren, unter der endlosen, isolierten kulturellen Verschanzung leidenden Individuen, die nicht aufhören wollen, Deutsch zu sprechen, noch sich vom Russischen deutlich abzugrenzen:

Onkel Hein hat Tinchen auch die zweite Bitte erfüllt, hat dem jüngeren Sohn, dem Peter, ausgeredet, eine Russin zu heiraten. Was er zu ihm sagte, weiß man nicht, doch Peter hat die Freundschaft aufgegeben.
»Wieso darf Peter keine Russin heiraten?«, fragt Artur Schmoll, noch immer streitlustig.
»Die Russen sind doch anders als wir«, sagt jemand.
»Wie anders?«, fragt Artur scharf.
»Na so anders. Was, wenn wir mit einmal nach Deutschland dürfen. Was wird dann mit denen, die sich mit Russen verheiratet haben?«

Unruhs Text, der kein wirklicher Roman werden will noch sein möchte, argumentiert sanft gegen die aufgestellten Kraftpole des Identitären. Zentral steht die Liebesgeschichte zwischen der Mennonitin Hedi und dem Russen Maxim, die allegorisch gegen das Offene strebt, das der Text auch erzählerisch anvisiert, sich dabei aber im Ungefähren verliert. Er bleibt über weite Strecken poetisch – aber durchsetzt von prosaisch Banalen, die dem historisch brenzligen Stoff nicht wirklich gerecht wird.

Viele Ansätze setzen Lichtblicke wie die seltsame Mundart der Figuren, wie die lebendigen Anschauungen der Wüste, der Tiere, wie die beschriebenen Eigenarten des Lebens im rural-geprägten Zentralasien. Leider jedoch bleibt das allzu sehr angedeutet, zu wenig auserzählt, zu wenig ausgeführt und umgesetzt, zumal der Stoff für viele Hunderte Seiten ausgereicht hätte mit all den Verstrickungen, Problemen und Drangsalen, die hier auf Schritt und Tritt, fast nur als Rhapsodie auf knapp 200 Seiten angeschnitten werden. So verbleibt am Ende ein distanziert-sentimentaler Eindruck einer versprengten Familiengeschichte ohne Hand und Fuß, aber mit viel Mut zum Widersprüchlichen und Problematischen, ein Erzählentwurf also, der die Untiefen der Historie dichterisch auslotet, aber dann bei der geringsten Berührung mit dem Unheimlichen zusammenschrickt und sich ins Sicher-Hausgemachte zurückzieht.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Hedi, Anfang 20, und Krocha um die 10 Jahre, Region: Ost Kirgisien, in der Nähe vom See Issyk Kul, im Dorf Michailowka, südlich von Almaty, nördlich von China, Nordwest, Berg Tain Shan, Tengri Tagh, 7439m hoch.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Krocha (K) soll den Esel Anton einfangen, den sein Onkel Hein trainiert hat, Äpfel von den Feldern zu schmuggeln. Erinnerungen ans Schmuggeln. Felder und Flüsse werden von sowjetischer Miliz beschützt, um wildern zu vermeiden. K fängt eine Schlange und näht ihr das Maul zu. K findet den Esel nicht. Kurzer Streit mit seiner Mutter. K erschlägt die Schlange.
2. Hedi (H) und Ira gehen tanzen. Ira humpelt, hat sich in Viktor verguckt. H meint Maxim zu sehen, ist sich nicht sicher. Gruppendynamik in der Schule, Sweta kommt zu ihnen. H verwehrt sich, mit Sascha, einem Lutherischen, zusammenzukommen. Schenja, Frau von Hs Bruder und Ks Mutter. Ira findet K verzogen. Identitäres zum Russlanddeutschtum.
3. Da sie den letzten Bus verpassen, werden sie von der Miliz aufgegabelt, lüsterne Soldaten, und entführt, aber ein Unfall mit dem Esel Anton bewahrt sie vor Schlimmeren. Beide werden von den Soldaten als Faschisten bezeichnet.
4. H und K treffen sich vor dem Haus ihrer Oma Sara. Gehen nach Hause, suchen Onkel Hein, der in einer eigenen Hütte lebt. Gewitter, K zählt die Sekunden zwischen Blitz und Donner.
5. Erinnerung Hs an den Kartoffelkäfer, riesig, der eine faulige Knolle erzeugt oder hinterlassen hat. Training mit Bruder Werner. Ein Hahn kräht.
6. K auf den Weg zur Schule, berichtet Heinrich (Onkel Hein), dass er den Esel nicht angetroffen hat.
7. Heinrichs Geschichte, wie er Murab wurde, indem er dem Direktor eine Zahnbrücke verpasst hat. Heinrich hat zum Zahnarzt umgelernt, nachdem er verstoßen wurde und nicht mehr als Lehrer tätig sein durfte. Überlegungen nach Moldawien zu ziehen, um von dort nach Deutschland zu kommen. Heinrich unter Beobachtung (vom „Kum“). Geschwister Alfred, Sara und Marga. Umsiedlung 1928 von Molotschna (Ukraine), gegründet von mennonitischen Westpreußen, nach Mineralnyje Wody (nördlich von Georgien). 1939, anlässlich des Krieges, in die Arbeitsarmee (Trudarmee). Seine Frau Tinnchen wurde nach Schtschutschinsk, Kasachstan, zwischen Oms und Astan, verbannt. Heinrich hält es nicht im Norden, in diesen Wintern aus, seine Schwager (Saras Mann Daniel Fast) bekommt Anstellung in Mihailowka, Heinrich zieht mit, Werner, Hans und Hedi noch Kinder (Hans heiratet Schenja und bekommt mit ihr Krocha, Hedi Tante von Krocha). Dort taut Heinrich auf, sorgt für die Bewässerung.
8. Heinrichs Dressur von Anton, wie er Äpfel von den Feldern schmuggelt, packt sie Anton auf den Rücken, und wartet nachher auf ihn. Hein leidet an Trichiasis, Wimpern wachsen zusammen. Krocha schneidet sie ihm ab. Krocha lässt sich eine Taschenlampe geben.
9. Wie gebürtige Kirgisen sich beerdigen, Richtung Mekka. Baba Schura, lebt mit Hunden, Katzen und einem Huhn zusammen. H und ihre Mutter kümmern sich um Baba Schura. Spuk derjenige, die falsch beerdigt sind. Mohammed straft sie. K versucht Anni mit toter Schlange zu erschrecken. Sie zeigt sich ungerührt, provoziert eine Mutprobe, er solle eine Schlange des Nachts vom Kirgisenfriedhof erbeuten. Hierfür benötigt K die Taschenlampe. K allein Richtung Friedhof, wird von Mascha und Anni in die Irre geführt, erschreckt sich. K fühlt sich gedemütigt, will sich rächen und Anni auspeitschen. Ira erwischt ihn und schlägt ihm ins Gesicht. Er flieht. Später sieht er, wie Sascha und Ira sich treffen. Sascha war der Wunschkandidat von Schenja für H.
10. Erinnerung Hs an die Heirat von Werner und Luise. Luises Familie schon in Moldawien. H hilft ihrer Oma im Haushalt. Katja und David heiraten. K freut sich auf seinen Cousin Danil, etwas älter. Onkel Alfred reist mit Familie an. Onkel Hein wird im Winter sonderbar, sammelt gefrorene Katzen. H pflegt Baba Schura, reibt sie mit Senf ein. Geplänkel mit eifersüchtigem Huhn.
11. H versucht sich mit Ira zu versöhnen, die Sache mit Sascha steht zwischen ihnen, dass H ihn ablehnt, weil er ein Lutherischer ist. H bezweifelt, dass es Sascha mit Ira ernst ist. Draußen bei der Hochzeit Gespräch über die Trudarmee. Danil und K experimentieren mit Schießpulver, das vor ihnen aber in Sicherheit gebracht wird.
12. Ernst stellt sich vor, hat Interesse an H. Er muss zum Militär, hat etwas mit der Baikal-Amur-Magistrale zu tun. Als H von der Hochzeit geht, schenkt Katja ihr Vogelmilch, eine Dominostein-artige Süßigkeit, die H an Maxim erinnert.
13. Nicht zustande gekommenes Liebesverhältnis. H vernarrt in Maxim, nennt ihn Okurok, Zigarettenstummel; er macht sich lustig über ihr Haar, das wie ein Vogelnest aussieht. Sie will sich für ihre Beleidung entschuldigen, hierbei kommen sie sich näher. H aber eingeschüchtert, verliebt, kalte Hände. Maxim Russe, verspricht Deutsch zu lernen. Maxim geht zur Universität, H ans Technikum, Praktikum in Usbekistan. Viel später, beim Verladen von Lebensmitteln u.a. Vogelmlich, sehen sie sich wieder, endlich bringt sie den Mut auf, sich zu entschuldigen, weil sie ihn Okurok genannt hat. Es stellt sich heraus, dass es ihm gleich gewesen ist, sodass sie seine Entgegnung über ihr Haar als Gehässigkeit empfindet. Es ist aus. Maxim erweist sich als fehlbar.
14. Onkel Hein stirbt. Ira und Sascha heiraten. Tinchen zu Besuch, hat zwei Wünsche, er soll sich zu Gott bekennen und dass Heinrich seinem Sohn Peter ausredet, eine Russin zu heiraten. H und Ernst schreiben sich Briefe. Hat aber keine schmerzenden Hände. K erbt die Dokumente von Hein, mit all den Namen der Russlanddeutschen.
15. H und K ziehen nach Deutschland, vierzehn Jahre sind nach dem Tod Onkel Heins vergangen. Onkel Hein sollte Spion für die Sowjets werden, hat sich aber geweigert. Abreise 1987, sie verkaufen alles. K verabschiedet sich Dima. Ob sie sich wiedersehen? Dima süricht ein wenig Deutsch: „Hände hoch!“.
●Kurzfassung: Schicksal der Russlanddeutschen im Zweiten Weltkrieg, werden weit in den Osten verbannt, getötet, enteignet. Sie bleiben ihrer Kultur verhaftet, versuchen zurück nach Deutschland zu kommen. Ende der 1980er Jahre gelingt es. Eine Gruppe von Russlanddeutschen wird charakterisiert, mehr oder weniger eigensinnig und oberflächlich, aber stimmungsvoll. Eigentlicher Plot: die gescheiterte Liebe zwischen Maxim, einem Russen, und Hedi, einer mennonitischen Russlanddeutschen, vor allem durch das Tabu der Familie, sich mit Russen zu vermischen.
●Charaktere: (rund/flach) keine wirkliche Charakterisierung – Figuren bleiben eher gespenstisch, unnahbar, wie Erscheinungen.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: schwierig bei diesem dissoziativen Text
●Besondere Ereignisse/Szenen: intensive Szene im Milizgefährt, ob die beiden jungen Frauen den Soldaten entkommen; das Pflegen der Baba Schura; die Abreise in die BRD, wie sie alles verhökern.
●Diskurs: Migration, Kulturwurzeln, Zweiter Weltkrieg, Stalinismus
… lebt von einigen sehr stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen, von der disparaten Atmosphäre, leider ein wenig zu skizzenhaft. Vieles wurde nicht auserzählt, vieles nur angedeutet. Empfinde den Plot nicht als tragfähig, die Liebesgeschichte doch allzu banal, zumal Maxim gar nicht existiert, nur als Phänotyp, Hedi unverständlich. Zu viele Figuren, zu viele angerissene Schicksale, zu viele Referenzen, Andeutungen, kulturhistorische Anspielungen … wirkt wie ein Arbeitsbuch; der Plot selbst zieht nicht; für die Landschaftsbeschreibung und Atmosphäre gibt es +2 Sterne.
–> 3 Sterne

Form:
●Eindruck: hauptsächlich ins Auge fallen die eigentümlichen Ausdrucksweisen der Russlanddeutschen, die hier verwendet werden, als Stör- und Fremdartigkeitselemente, interessante Verfremdung und dadurch auch immersive Sprachmelodie, eher altertümlich, fremd und dadurch entfernt, aber unausgeglichen zwischen banal, trivialer Sprache und diesen Wendungen, die dem Ganzen einen etwas unheimlichen Charakter verleihen.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) schon fiktional, durch die Brechungen, Auslassungen und poetischen Landschaftsbeschreibungen, kein Sachbuch, eher eine mündliche Tradierung von Stoffen, die auf Familienfesten gehört wird, dem Fremden von den Mündern abgelauscht
●Auffälligkeiten: „Man muss sie als ob* nur noch aussuchen“ – „aune“ statt „anno“, und so weiter, seltsame Verwendung „Spalier“, gitterartiges Gestell.
●Innovation: museales Plautdietsch
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: seltsam unentschieden, hier und da sogar kommentierend, aber sich nicht zeigend, eine springende, versteckende, fast unheimliche Instanz, die sich nicht zu erkennen gibt; hierdurch aber kein Glaubwürdigkeitsverlust, da alles Ungereimte einfach so stehen bleibt, als Rohmasse, undurchgebildet, kaum erzählt, eher bewusst verunklart, um den Stand der Forschung, der eigenen Reflexion dichterisch abzubilden.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts von alldem.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: distanziert, nüchtern, etwas sentimental, aber auf eine wenig identifikatorische Weise, eher Distanznahme zu einer Familiengeschichte, nicht klar, noch in Schwebe, eine Suche.
●Einschätzung: leider keine poetische Durchbildung, eher eine zumindest klare Abgrenzung zum Klaren, die durch diffusives Erzählen von Zuviel auf zu wenig Raum gelingt. Hinterlässt aber dadurch ungereimten Eindruck.
–> 2 Sterne

Komposition:
●Eindruck: das Buch lebt davon, dass der eigentliche Gegenstand, der Rassismus, der kulturelle Eigendünkel der Russlanddeutschen sprachlich umschifft wird. Im Grunde mutig, den Rassismus der Russlanddeutschen hervorzukehren, die Abgrenzungen, der Schmerz, das Gedächtnis, das Unvollkommene, die Flucht etc … ein Mischmasch, der kaum Hoffnung aufkommen lässt, zu zerfahren, in sich zerstritten sind alle miteinander mit allem.
●Signal/Noise-Ratio: eigentlich alles Noise, kaum Signal.
●Operative Geschlossenheit: nein, da keine Erzählung, kein Plot, keine Dynamik.
●Rahmenstabilisierende Details: nein
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): der gelingt durch Erinnerungseinschübe, unklare Chronologie, unklare Personenbezeichnungen (Heinrich, Onkel Hein etc …)
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: kaum
●Einschätzung: im Grunde linear bis zum Ende des kalten Krieges erzählt, wenig einfallsreich für eine Chronik chronologisch achronisch Stoff zu versammeln.
–> 2 Stern

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Gefühl von einem unfertigen Text, teilweise zu angedeutet, zu viele Figuren, die nicht ausgestaltet werden – der Esel Anton, die Freundschaft zwischen Hedi und Ira, der Konflikt zwischen Anna und Krocha, das Zusammenkommen zwischen Hedi und Ernst. Insgesamt auch eine Sprache, die fast im Rohbau verbleibt, gar nicht fertig wirkt – zwar im Ton sich anverwandelt und so etwas wie Verfremdung erzeugt (gelungenerweise), dennoch die Weite und Breite der Landschaft, die Isoliertheit nur bedingtheit veranschaulicht, schon gar nicht ästhetisch als Gegenstand präsentiert. Wirkt wie Schnipsel, ein Potpourri, eine Art museales Aufheben, fast autofiktional, eher wie ein Sachbuch, besäße es nicht die eigenwillige Diktion der Russlanddeutschen.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) hebt sich durch die Sprache ab, ja, sehr eigenwillige Erzählweise, widerborstig, struppig.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) fast unmöglich zu beantworten, so schwebend, unklar, wie der Text bleibt, auch gibt es kaum so etwas wie eine Erzählinstanz, schon gar nicht reflektiert, perspektiviert.
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise schöne Sätze, intensive Szenen, über weite Strecken aber karg wie die beschriebene Mondlandschaft
●stimmig?(Komposition: ja/nein) da es kaum eine figurative Handlung gibt, schwierig, für sich genommen, ein Zeitdokument, etwas Dokumentarisches, Unklares, Verzetteltes, viel zu sehr im Rohform verblieben
●ein zweites Mal lesen? Nein
… über die Diktion und das Setting interessant, auch die Sprache hat Konzentration, Fokus erfordert, eher schwierig die vielen Figurennamen, die ohne wirkliche Einführung in die Welt plumpsen, sehr oberflächlich auf seine Weise, aber nicht schmerzhaft oder ärgerlich, eher ungewöhnlich, daher
–> 3 Sterne

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Emily Brontë: „Sturmhöhe“

Sturmhöhe von Emily Brontë

Natur als Schicksal und unbezähmbare Kraft – ein gewitterhaftes Erschöpfen.

Inhalt: 2/5 Sterne (unmotivierte Rachegeschichte)
Form: 3/5 Sterne (klassisch-rau)
Erzählstimme: 5+1/5 Sterne (erzählende Erzählung)
Komposition: 4/5 Sterne (konvergente Distanz)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (dröge)
–> 17/5 = 3,4 = 3 Sterne

Sturmhöhe von Emily Brontë erschien unter dem Pseudonym Ellis Bell 1847, zusammen mit den Büchern Agnes Grey und Jane Eyre von ihrer Schwestern Anne und Charlotte. Haben ihre Schwestern eher das Genre des Viktorianischen Gouvernantenromans weiterentwickelt und gepflegt, besitzt Sturmhöhe eine zwiespältige Eigenart, indem sie dem klassisch-sprachlichen Schönheitsideal geradezu entschieden und bewusst entgegenarbeitet und eine Art Naturgewaltschauspiel in der Hochmoorlandschaft von Yorkshire vom Stapel lässt. Heathcliff heißt das Gewitter, das über die benachbarten Familien Linton und Earnshaw hereinbricht:

[Heathcliff] war ein hoher, kräftiger, wohlgebildeter Mann, neben dem mein Herr fast schmächtig aussah. Seine aufrechte Haltung legte den Gedanken nahe, daß er in der Armee gedient habe. Sein Gesicht schien durch Ausdruck und Festigkeit der Züge bei weitem älter als Mr. Lintons. Es war intelligent und wies kein Zeichen früherer Erniedrigungen auf; dennoch glühte die alte, nur halb gezähmte Wildheit aus den schwarzfeurigen Augen. Sein Benehmen aber war geradezu vornehm zu nennen – ganz frei von Derbheit, obschon zu ernst, um entgegenkommend zu sein.

Jener Heathcliff wird von Mr. Earnshaw aus Mitleid aufgelesen, als sich dieser in London befindet, und sehr zum Verdruss seiner Kinder und seiner Frau in sein häusliches Leben eingegliedert und von ihm wie ein Sohn behandelt. Eifersucht und Streit gehen Hand in Hand. Earnshaws ältester verlässt bald die Familie und studiert, indes seine Schwester Catherine sich immer besser mit dem Wildfang Heathcliff versteht, ja in ihn den rohen, unbezähmten, freien Teil ihrer Seele sieht:

›Jetzt würde es mich herabwürdigen, Heathcliff zu heiraten, und darum soll er nie wissen, wie sehr ich ihn liebe – ihn liebe, nicht weil er hübsch ist, Nelly, sondern weil er mehr mein Ich ist, als ich selber es bin. Woraus auch unsere Seelen geschaffen sein mögen: seine und meine Seele gleichen sich völlig; und Lintons Seele ist so anders, wie ein Mondstrahl anders ist als ein Blitz, oder Frost anders als Feuer.‹

Catherine heiratet ihn also trotz Seelenverwandtschaft nicht – und so beginnt das Drama, das am Ende viele Leben, viel Geld, viel Schmerz und Geduld kostet. Heathcliff führt sich auf wie ein Racheengel, den nichts und niemand aufhalten kann und alles mit sich ins Verderben zu reißen versucht. Hierbei aber erscheint er als eine Faustische Kraft, die „das Böse will und stets das Gute schafft“, denn just besagter Heathcliff vollstreckt das dynastische Schicksal der beiden Familien auf brutale, verbrecherische und erbarmungslose Weise, bis die Katze sich in den Schwanz beißt und der Ring sich wieder auf wenig interessante Weise schließt.

In Sturmhöhe probiert Emily Brontë die Natur als unterbrechende, belebende, widerspenstige Kraft aus, die das sittsame, langweilige Landadelsleben aus dem Gleichgewicht bringt. Leider verbleibt sie bei diesem narrativen Element allzu brav – vielleicht auch der Zeit geschuldet –, denn so, wie Sturmhöhe sich am Ende liest, verbleibt Heathcliff allzu sehr im Dunkeln, allzu schematisch, allzu hölzern wie auch der Rest des sehr statischen, dem Auf und Ab der spontanen Willkür der einzelnen ausgesetzten Figurenensembles. Emma von Jane Austen schlägt da andere Töne von Verstehen und Missverstehen an. Jane Eyre von Charlotte Brontë wagt mutigere Frauenfiguren. Emily Brontë hingegen bleibt rau, wüst und hakelig, ohne etwas an den Grundfesten der dynastischen Vollzugsehen etwas, obgleich nur topisch und plottechnisch, ändern zu wollen. Am Ende geht der Spuk einfach spurlos vorbei.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur: Heathcliff, Findelkind, 1764 geboren, von Mr. Earnshaw aufgelesen und zur Sturmhöhe (Wuthering Heights, WH) gebracht, sehr zum Verdruss seines Sohnes Hindley (7 Jahre älter) und zur zwiegespaltenen Freude Catherine (1 Jahr jünger).
●Nebenfigur: Hs Ziehschwester Catherine und Hindley, leibliche Söhne von Mr. Earnshaw, auf WH. Zudem Edgar und Isabella Linton, Nachbarn auf TG.
Hindley heiratet eine Fremde, Frances, und bekommt mit ihr Hareton.
Edgar heiratet Catherine und bekommt mit ihr Catherine (2).
Heathcliff heiratet Isabella und bekommt mit ihr Linton.
Linton und Catherine (2) heiraten. Linton stirbt.
Hareton und Catherine (2) heiraten. H stirbt.

●Zusammenfassung (ausführlich nach Kapiteln):

  1. Besuch Mr. Lockwoods auf Wuthering Height, der sich Heathcliff (H) aufdrängt.
  2. Lockwoods nächster Besuch, lernt geheimnisvolle junge Frau kennen, Hs Schwiegertochter, den Diener Joseph, das Hausmädchen Zillah und einen ungehobelten Buben namens Hareton. Lockwood findet den Weg in der Nacht nicht zurück, muss auf WH übernachten
  3. Lockwood wird in ein Zimmer mit einem Kutschenwagen einquartiert, findet dort Bücher einer Catherine Earnshaw, vollgekritzelt mit Skizzen und Kommentaren. Hat zwei Alpträume, einen zur Schlägerei aufrufenden Reverend (Jabez Branderham) und dann eine Catherine Linton, ein Mädchen, das ans Fenster klopft und um Einlass bittet. Lockwood schreit, weckt Heathcliff, der nach ihm sehen kommt. H schickt ihn fort, reißt das Fenster auf und seufzt nach Catherine. H bringt danach Lockwood nach Hause.
  4. Ein Edgar Linton war der Vormieter/Vorbesitzer von TG, Verwandtschaften werden aufgeklärt. H hat Lintons Schwester Isabella geheiratet, Edgar die Ziehschwester von H, Hareton ist der Sohn des Onkels von Catherine (2), der Tochter von Edgar und Catherine (1). Hareton der letzte der Earnshaws, wie Catherine (2), die letzte der Lintons. Nelly Dean (N) erzählt Lockwood die Geschichte von WH und TG. Mr. Earnshaw nahm H als Findelkind auf. H das Lieblingskind des Vaters, die leiblichen Kinder fühlen sich zurückgesetzt.
  5. Mr. Earnshaw stirbt sehr plötzlich. Hindley bereits auf der Universität.
  6. Hindley kommt zurück und demütigt den sieben Jahre jüngeren H. Eines Nachts büchsen C und H aus, spionieren den Nachbarskindern E und I nach, werden erwischt. Eine Bulldogge beißt C ins Bein. C bleibt bei den Lintons. H wird von Hindley und seiner Frau Frances bestraft.
  7. Nach drei Wochen kommt C verändert zurück, wie eine Dame gekleidet. H hingegen verdreckt von oben bis unten. E und I kommen zu Besuch. Es kommt zum Streit zwischen E und H, H wirft E Apfelkompott ins Gesicht.
  8. Frances stirbt nach der Geburt Haretons an Schwindsucht. ND wird dessen Ziehmutter. C führt sich, als sie nicht allein mit E gelassen wird, wild auf, schlägt ND und boxt E und schüttelt den kleinen Hareton, der flieht, aber dann wiederkommt, wiewohl sich C wie eine Furie aufgeführt hat. Später kommt Hindley besoffen nach Hause.
  9. Eklat. Hindley will seinen Sohn oben von der Treppe fallen lassen, H fängt ihn auf. Danach Gespräch zwischen C und ND, dass sie E aus dynastischen, ökonomischen Gründen heiraten wird, auch um für H zu sorgen. H belauscht sie und flieht. C wartet auf ihn im Regen und erkältet sich. Dann heiratet die beiden nach dem Tode von Es Vater. ND zieht mit ihnen nach TG.
  10. Mr. Lockwood, Erzählgegenwart, krank. H besucht ihn, bringt Moorhühner. ND setzt Nacherzählung fort. C glücklich mit E verheiratet. C dominant, alles richtet sich nach ihr. H kehrt zurück, ein gemachter Mann, gebildet, gepflegt, zieht auf WH, wo Hindley seinem Ruin entgegen trinkt und zecht. H nimmt ihn aus. Isabella verguckt sich in H.
  11. ND besucht WH nach einiger Zeit wieder, Hareton erkennt sie nicht wieder, wirft Stein nach ihr. H lässt Hareton verwildern, explizit als Rache. Streit im Hause der Lintons. C will mit H sich treffen, E hat etwas dagegen, schlägt H, flieht dann aber aus Angst. E droht seiner Schwester I mit Kontaktabbruch, sollte sie sich mit H einlassen.
  12. C gerät in diverse psychische Krisen. C will wieder wild und frei sein. ND holt Arzt, von dem sie erfährt, dass I und H sich heimlich treffen. I und H brennen durch. E bricht Kontakt ab.
  13. I berichtet in einem Brief vom ruinösen WH, arm, verlottert. Hindley ruiniert, unfähig, voller Hass gegen H, der ihn finanziell in Abhängigkeit hält. I schwanger. I wird wie Mr. Lockwood auf WH empfangen, total desolater Haushalt.
  14. ND besucht I auf WH, entsetzt von den Umständen. I heruntergekommen und verwahrlost. H beleidigt sie, quält sie.
  15. H besucht mit NDs Hilfe TG und wird von C verflucht. Dennoch vertragen sie sich. Sie küssen sich. C will sterben. E erwischt sie. C fällt in Ohnmacht. H geht.
  16. C bringt Cathy, Catherine (2), zur Welt, zwei Stunden später stirbt sie. E am Boden zerstört. Er hätte ein Sohn für das Erbe benötigt. C wird schlicht begraben. H legt seine Locke zu ihrer in ihr Medaillon.
  17. I flieht, hat versucht H zu ermorden. Sie flieht nach London, bringt einen Sohn zur Welt (Linton). Stirbt zwölf Jahre später. E kümmert sich um seine Tochter Cathy liebevoll, will sich auch um Hareton kümmern, aber H lässt sie nicht an Hareton heran, droht damit seinen Sohn aus London zu holen. Hindley stirbt, zu Tode gesoffen. H Gläubiger von Hindley, nimmt WH in Besitz, behandelt Hareton wie einen Knecht.
  18. E reist ab, um Dinge mit seiner Schwester I zu ordnen, die gestorben ist. Cathy drängt darauf, nach WH zu gehen, fasziniert von Hareton, der 18 Jahre alt ist, Cathy ist zwölf. Die Faszination hört auf, als sie hört, dass Hareton ein Knecht sei.
  19. E kehrt mit kränklichen Neffen zurück, Linton (L). Cathy fröhlich, nicht mehr allein zu sein. H fordert er ihn zurück.
  20. ND bringt L nach WH. H enttäuscht von der Weichheit seines Sohnes. L weint und will weg.
  21. Cathy nun 16 Jahre alt, führt ND nach WH, ganz vernarrt in L. H will sie liieren, um dadurch in den gesamten Besitz zu kommen (sollte E sterben, geht dessen Besitz auf den nächsten männlichen Verwandten, hier L, der Neffe, statt auf Cathy, seine Tochter). E untersagt den Kontakt. Sie schreiben sich dennoch heimlich Liebesbriefe.
  22. Cathy kein Kontakt mehr nach WH, Edgar wird krank. Treffen mit H, der die Kränklichkeit seines Sohnes beklagt, der zudem sich wünscht, Cathy zu sehen. Sie besuchen ihn, als H abwesend ist.
  23. L führt sich toll auf, neben sich. Cathy versucht ihm zu helfen. ND wirkt krank. Bahn frei für weitere Treffen.
  24. Cathy entsetzt über den launischen L. E weiterhin gegen Umgang mit WH, H und L.
  25. E und L beide nahe dem Tod. L und E zu heiraten, rettet auch sein Erbe.
  26. L bei Treffen mit Cathy völlig erschöpft, ermattet, verdrießlich.
  27. H lockt ND und Cathy ins Haus und sperrt sie ein, zwingt Cathy L zu heiraten, will sie ihren kranken Vater nochmals sehen. Cathy willig ein. Sie heiraten.
  28. L verhilft Cathy zur Flucht, E stirbt in den Armen seiner Tochter, hat es nicht mehr geschafft, sein Testament zu verändern. H hat den Notar bestochen, ein Treffen mit E heraus zu zögern. L muss für die Fluchthilfe büßen.
  29. H kommt, sein Eigentum in TG zu inspizieren, beansprucht Cathy, verbannt ND, denn ein neuer Mieter soll bald kommen (Lockwood). H hat das Gefühl, Catherine suche ihn heim, lässt ihr Grab öffnen, wo sie fas unverändert im Sarg liegt.
  30. L stirbt. Cathy nun isoliert und allein und enterbt. Zillah erzählt ND, wie sich Hareton um sie bemüht. Cathy will von allem nichts wissen. Lockwood angegruselt, beschließt nach London zu gehen.
  31. Lockwood besucht WH, Hareton und Cathy streiten. Sie macht sich über seine fehlende Bildung lustig. Er schmeißt Bücher ins Feuer. Lockwood kündigt seinen Mietvertrag.
  32. Lockwood nach Monaten wieder in der Nähe Glimmertons. ND erzählt, wie Cathy und Hareton sich im Laufe der Zeit nähergekommen sind.
  33. H erkennt eines Abends sich und Catherine in Cathy und Hareton wieder, beschließt, sie in Ruhe zu lassen.
  34. H hungert sich zu Tode, wird neben Catherine begraben. Hareton wird Erbe und heiratet Cathy. Sie ziehen nach TG, überlassen WH Josef und einem Knecht. Lockwood zahlt seine Mietschulden und besucht die Gräber von E, C und H. Schauergeschichten kursieren.

●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Rahmenhandlung: Mr. Lockwood hat sich 1801 in Thrushcross Grange (TG) eingemietet und besucht den Besitzer Heathcliff auf WH. Dort lernt er einen verwilderten Jungen (Hareton, geb. 1778) und eine miesepetrige Teenagerin Catherine (geb. 1784, 18 Jahre alt) kennen. Er kehrt am nächsten Tag wieder und muss unfreiwillig eine Nacht verbringen, in der er eine unheimliche Atmosphäre und eine Art Spuk erlebt. Danach lässt er sich von seiner Haushälterin, Nelly (Ellen) Dean die Geschichte der Earnshaws und Lintons erzählen. Am Ende Lockwood wird krank, kehrt Anfang 1802 nach London zurück, im festen Willen nur noch zum Auflösen des Mietvertrages in die Gegend von Heathcliff zurückzukehren. Als er wieder nach WH kommt, um seinen Mietvertrag aufzulösen, ist Heathcliff gestorben und Hareton und Cathy planen zu heiraten.
Binnenhandlung, die Erzählung von Nelly Dean, hauptsächlich. Heathcliff liebt seine Ziehschwester Catherine, die ihn aber u.a. aus wirtschaftlichen Gründen nicht heiraten will. Sie heiratet stattdessen den Nachbarssohn Edgar Linton. Heathcliff empört verschwindet, kommt reich zurück und ruiniert Catherines Bruder Hindley, übernimmt sein Anwesen (WH), dann nutzt er die Chance und heiratet Isabella, Edgars Schwester, und ruiniert Edgars und Catherines Ehe. Catherine stirbt bei der Geburt ihrer Tochter Catherine, die Heathcliff mit seinem Sohn Linton verheiratet. Nach Edgars Tod gehört ihm nun auch TG. Linton stirbt. Heathcliff am Ziel. Statt die Familien Earnshaw und Linton auszulöschen, zieht er sich zurück, hungert sich zu Tode und lässt Catherine Hareton heiraten, findet seine ewige Ruhestatt neben Catherine auf dem Friedhof.
●Charaktere: (rund/flach) wild, teilweise unberechenbare, eher die Individualität als Rätsel, als Geflecht von Trieben, ein Ort von Naturkräften
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: erste und einzige Nacht Lockwoods auf Wuthering Height, überhaupt die Besuche dort lassen den Ort schauerlich und gruselig erscheinen; Szene als der besoffene Hindley zurückkommt und die Familie und seinen Sohn bedroht.
●Diskurs: Dynastie des Landadels, Erbe, Vererbung, starke und schwache Blutlinien.
… Ein Motiv zieht sich durch: Der schwache Mann – der wie Hindley die Blutlinie der Familie gefährdet. Auch Lintons Sohn, Edgar, zeichnet sich durch Weichheit aus und gefährdet das Erbe der Lintons, als er sich mit Catherine verheiratet, eine Frau, die ihn schlägt und dominiert und im Grunde Heathcliff liebt. Es gibt ein strukturelles Moment, auf einen starken Mann folgt ein schwacher: auf Mr. Earnshaw, dem Patriarchen, der schwache Hindley, aber Hindleys Sohn Hareton kämpft sich stark und unbeugsam durchs Leben; Mr. Linton zeugt den schwachen Edgar, aber Heathcliff, der sich durch besondere Willensstärke auszeichnet, zeugt den schwachen Linton, und muss am Ende einsehen, dass er ohne Erbe dasteht und überlässt dieses dann Hareton.
… im Plot dominiert ebenso das Motiv, dass nur die Besitzlosigkeit und Bildunglosigkeit erlaubt, seinen ungezügelten Leidenschaften gemäß zu handeln: Heathcliff hat nichts zu verlieren und will mit Catherine durchbrennen, diese aber hat den guten Namen zu verlieren und entscheidet sich für die dynastisch klügere Variante, Edgar zu heiraten; später hat Isabella nichts zu verlieren, ihr Bruder hat bereits alles geerbt, also läuft sie mit Heathcliff davon und zeugt mit ihm einen Sohn; wiederum später hat Cathy nichts zu verlieren, denn sie wird ihren Vater nicht beerben und lässt sich daher auf Wuthering Heights ein. Wuthering Heights ist der Ort der ungestümen Leidenschaft (dort vernichtet Mr. Earnshaw seine Familie durch Heathcliff; dort verspielt Hindley sein Vermögen; dort schaltet und waltet der wilde Heathcliff und lässt Hareton und Cathy verwildern und seinen Sohn Linton sterben). Wuthering Height stellt die Synthese nach unten, den Todestrieb im Roman dar, die Wildnis, die wilde Seite im Menschen, die unabhängig von der Zivilisation frei leben und nomadisieren will.
… Emily Brontë romantisiert den Naturzustand nicht. Die Natur bleibt wüst, und sie lässt sich nicht bändigen. Die Erziehung wirkt nicht bei Hindley, sie wirkt nicht bei Heathcliff oder Catherine. Die Figuren bleiben sich in ihrem selbst treu, verleugnen dieses nur, um sozial aufzusteigen.
… insgesamt wirkt auf mich der Plot zu ungewichtig, zu statisch, zu genealogisch-genetisch und dynastisch geprägt. Heathcliff wirkt wie ein Ungewitter, das auf die Familie Linton und Earnshaw herabstürmt und sich dann verzieht, als sei es nie dagewesen, eine Art Naturkraft, die die Dinge in Bewegung hält, kurz in Gefahr bringt, dafür aber mit frischem Wind versorgt, die Spritze des Bösen im alltäglichen Getüddel. Vom Plot her hat es mich kaum begeistert und motiviert, weiterzulesen, hierfür fielen die Charakter zu eindimensional aus.
… prägendes Motiv, das Naturschicksal selbst. Hareton steht über dem Haus der Earnshaws, und Hareton steht am Ende als Erbe wieder in den Stiefeln seiner Familie. Heathcliff, Name des verstorbenen erstgeborenen Sohnes von Mr. Earnshaw, hält das Familienerbe gegen die Dekadenz seines jüngsten Sohnes Hindleys zusammen.
–> 2 Sterne

Form:
●Eindruck: nur selten erhält die Sprache von Emily Brontë Schwung; sehr kühl, sehr nüchtern wird heruntererzählt, Landschaftsbeschreibungen wirken kahl und kalt; selbst bezweckt erhält die Sprache keine eigene Dimension parat. Sie schaut zu, bildet ab, dient als Vehikel, als Instrument ohne Selbstreflexion. Sie wirkt sogar geradezu verstockt.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hohe Fiktionalität durch das Setzen der Figuren, deren Interaktionen, Dialoge, teilweise schauermärchenhaft.
●Wortschatz/Wortzahl: matt, eintönig, in Ockerfarben, grau, matschig, moorig.
●Auffälligkeiten: Mir sind keine aufgefallen.
●Innovation: keine.
… Brontës Stil erhält nie Nervpotential. Die Sprache tritt zurück und lässt für dem Gedanken freien Raum. Hierfür:
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: Der eindrucksvollste Aspekt von „Sturmhöhe“, das Ich-Erzählen, das dann einer Ich-Erzählung lauscht, das Tagebuch von Lockwood, die Erzählungen von Nelly Deane, denen dann noch Briefe und andere Erzählungen, bspw. von Catherine, einverwebt sind. Hierdurch erhält der Roman eine sehr dynamische Perspektive, die fluid das Schaudern über Wuthering Heights erzeugt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): Klar aus der Perspektive Mr. Lockwoods, der situiert und perspektiviert und reflektiert berichtet, wie Nelly Dean urteilt und sich am Schicksal der beiden Familien abarbeitet.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: reflektiert, immersiv, insbesondere die anfängliche Szene, als Mr. Lockwood auf Wuthering Heights übernachtet, und es gruselt im Gebälk, Kabinett, und es ans Fenster klopft. Catherines Geist, der eingelassen werden möchte.
●Einschätzung: beeindruckendes Verweben von Eindrücken, Erinnerungen und immersiven Erzählgegenwartreflexionen.
–> 5+1 Sterne

Komposition:
●Eindruck: auch kompositorisch stimmt vieles – das Fremde, dem das Ich begegnet, das Fremde, das sich langsam erhellt, konvergent gegen das Bekannte entgegenarbeitet, dem Lockwood ausweicht, bis am Ende, in einer Art „Jetzt“ das Ich das Grab von Heathcliff, dem Fremden, besucht, und gar kein Schaudern mehr empfindet. Die Abwehrmechanismen gelingen – es bleibt ein Bericht aus zweiter und dritter Hand.
●Signal/Noise-Ratio: gering, wenig Abschweifungen, dafür viele, viele Wiederholungen derselben Problematik (spätestens als Isabella sich in Heathcliff verliebt, und dann gar Cathy, sehr dröge, zumal Heathcliff zu gefährlich gezeichnet wird).
●Operative Geschlossenheit: operativ geschlossen durch die dynastischen Einebnungen: Bekannt gegen Fremd, Reich gegen Arm, Mann gegen Frau, Land gegen Stadt.
●Rahmenstabilisierende Details: leider wenig, Hintergründe gibt es kaum, wer ist Mr. Lockwood, wie kam Heathcliff zu Geld, was geschah mit Hindley auf der Universität?
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): etwas zäh, da repetitiv.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: sehr mager
●Einschätzung: durch die Gruselatmosphäre leidlich gelungen, auch durch die Konvergenz hin zum Grab Heathcliffs, durch das Moor, den Wind, die fremde Natur, die Wind und Wetter trotzt
–> 4 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: teilweise sehr schleppend, las sich grauselig, insbesondere durch das Setzen des absolut Fremden und Unbeherrschten in Heathcliff, der überhaupt nicht ausgestaltet wird, überhaupt sehr abstrakt, sehr distanziert, sehr isoliert, fremdartig verstockt, wenig lyrisch, schon gar nicht wild oder unbeherrscht. Gegen Ende hin immer langweiliger, und die Auflösung dann doch zu arg, wieso hat Heathcliff nicht wenigstens alles zerstört. Geschrieben mit gebremstem Schaum.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, sehr, lebt völlig für sich, kaum Diskurs, reine Fiktionalwelt
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, als Grusel-Gothic-Novel, insbesondere durch die Erzählungen innerhalb der Erzählung, hier an Conrad erinnernd (erzählstimmenmäßig).
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, nicht schön
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, stimmig, Moor, Morast, Winter, Kälte, Matsch.
●ein zweites Mal lesen? Glaube ich nicht, hierfür gibt es zu wenig Komplexität in den Figuren. Mich haben die Entscheidungen nicht interessiert, und auch das Leben nicht, das jenseits jedweder Dringlichkeit im Grunde in Saus und Braus stattfindet, nicht mal wirkliche Sorgen werden thematisiert, nicht mal die Alkoholsucht Hindleys, sein Kartenspielen. Alles nur angedeutet, was zählt: einzig die Liebe und der Hass, die Sehnsucht, die Leidenschaft und die Gier nach Rache
–> 2 Sterne

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Leïla Slimani: „Trag das Feuer weiter“

Trag das Feuer weiter by Leïla Slimani

Höhere Töchter und der diskrete Charme der nordafrikanischen Bourgeoisie – etwas unentschieden.

Inhalt: 3/5 Sterne (plätschernd-interessant)
Form: 3/5 Sterne (geschliffen-salonfähig)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (sprunghaft)
Komposition: 4/5 Sterne (Fremde/Heimat-Code)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (guter Erzählfluss)
–> 16/5 = 3,2 = 3 Sterne

Slimanis Trilogie über die marokkanische Familie Belhaj beginnt mit Das Land der anderen und beendet die Saga über Schaut, wie wir tanzen nun mit Trag das Feuer weiter. Die Prix Goncourt-Siegerin 2016 für Dann schlaf auch du rahmt dieses Mal die Handlung deutlich mit der Situation einer Ich-Erzählerin, die unter den Nachwirkungen einer Corona-Erkrankung, dem Brain fog, leidet. Um ihr Gedächtnis wieder auf Trab zu bringen, betreibt sie Spurensuche, insbesondere um ihren Vater Mehdi Daoud herum, der für sie bislang ein Rätsel geblieben ist:

Ich habe meinen Vater immer als Romanfigur gesehen, oder besser, er verschmolz irgendwann mit den Büchern, die er mir zu lesen gab, sodass nun alle Spuren, die zu ihm führen, verwischt sind. Ich glaube nicht, dass er mich daran hindern wollte, ihn zu kennen, sondern im Gegenteil, er gab mir den Schlüssel, um einen anderen, zugleich geheimeren und wesentlicheren Teil von ihm kennenzulernen, die Wunschträume, die er genährt, die Vorstellung, die er von sich selbst gehabt hatte, das Feuer, das in ihm brannte.

Tatsächlich bleibt dieser Vater ungreifbar. Die Ich-Erzählerin vermag es nicht aus den Trümmern seines Lebens ein kohärentes Bild, das dynamische Gleichgewicht einer ausgewogenen Persönlichkeit, zu schaffen. Mehdi bleibt in sich zerrissen, unklar, unvermögend, antriebslos. Inmitten seiner zwei Töchter, seiner Frau und dessen Schwester, driftet er durch die Zeit, durch den Alltag Marokkos, vom Traum beseelt, Marokkos Modernisierung voranzutreiben.

In meinen Gedanken ist er immer anwesend, das Zittern seiner Hand, während er rauchte, die Art, wie er den Stummel ausdrückte, sich setzte, das Rascheln, wenn er die Seiten eines Buches umblätterte. Sein Lächeln. Mein Vater, der so naiv war, zu glauben, dass alle Mauern fallen und die Menschen einen Tunnel bauen würden. Dieser Tunnel existiert nicht, oder wenn, dann ist er ein dunkler, kalter Ort, durch den ich unablässig gekrochen bin wie ein blindes, halsstarriges Tier.

Trag das Feuer weiter besitzt viele Ansätze, die konsequent verfolgt, den Text aus dem Gros der Gegenwartsliteratur herausgehoben hätten. Die Idee, ausgehend von den 1980er Jahren, die Verbindung Europas mit Nordafrika über die Planung, Finanzierung des Gibraltar-Tunnels zu reflektieren, dieses Auf und Ab der Zusammenarbeit, die die Figuren in ein Wechselbad der Gefühle zwischen Patriotismus und Offenheit, zwischen Heimatgefühlen und Fernweh getaucht hätten, arbeitet Slimani leider nicht aus. Wie zuvor verstrickt sie sich in private Banalitäten und kleinen sexuellen Aufregern, die dem Handlungsfluss wenig, bis gar nichts hinzufügen.

Codiert wird die Geschichte der Familie durch Mehdis Fußballbegeisterung, eine Art, Patriotismus auszuleben, ohne direkt Kriege führen zu müssen. Leider verbleibt Slimani überall skizzenhaft und breitet ein Pastiche ohne Dringlichkeit vor den Augen ihres Publikums aus. Kompositorisch überzeugend, zu sprunghaft in der Erzählweise, zu brav und unausgeglichen in der Form bietet der Inhalt zu wenig, um von dem Feuer im Titel auch nur ansatzweise etwas zu verspüren. Trag das Feuer weiter wirkt eher wie ein resignatives Einschlaflied im Sinne von „Maikäfer fliegt“, nur dass statt dem „Pommerland“ nun Marokko verbrannt und in Trümmern einer verfehlten Modernisierungsepoche liegt. Ein Fremd-Heimatgeplänkel wie Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt, ohne die Dringlichkeit, die bspw. Dana von Suffrins Nochmal von vorne auszeichnet.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
-Mia, Tochter von Aïcha (A) und Mehdi (M) Daoud, wächst mit ihrer Schwester Inès (I) in Rabat auf, rebelliert gegen die Mädchenhaftigkeit von I, entwickelt sich zum Tomboy und fühlt sich zu Frauen hingezogen. Sie brilliert in der Schule, zieht nach Paris, wo sie auf einem Elitegymnasium den Abschluss macht, zieht daraufhin nach London und arbeitet erfolgreich als Finanzberaterin. Als ihr Vater M verhaftet wird, zieht sie zu ihrer Schwester nach Paris und beginnt dort zu schreiben, das Leben einer Schriftstellerin zu führen.
-Inès, die kleine Schwester von Mia, liebt Barbiepuppen und möchte Model oder Schauspielerin werden, beginnt mit siebzehn Jahren eine Affäre mit ihrem zwanzig Jahre älteren Theaterlehrer, Éric Baillard, trennt sich aber von ihm, zieht nach Paris, um dort Medizin zu studieren (Kardiologie), kommt mit einem wohlhabenden Pariser aus gutem Hause zusammen, Jérôme, erkennt aber die kulturell-politischen Klüfte zwischen ihnen und kommt mit Hakim zusammen, auch Medizinstudent, dem besten Freund von ihrer Schwester, Sohn eines guten Freundes ihres Vaters, lebt in Paris.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Vorwort: Die Ich-Erzählerin (später stellt sie sich als Mia heraus) hat Brainfog, nach einer Corono-Erkrankung im November 2021. Ihr Romanprojekt stockt. Sie versucht ihre Erinnerungen wiederzufinden.
1. Teil:
1980 Marokko. A schwanger, M verlässt überstürzt die Bank, die Crédit Commercial du Maroc, in Casablanca, wo er seit 1979 arbeitet, um zuhause in Rabat Fußball zu schauen, träumt von einer Fußballkarriere. Algerien spielt Marokko – er wünscht sich einen Sohn und einen Sieg von Marokko, und lässt A hochschwanger auf das Ende des Spiels warten. Algerien schießt Tor in der Nachspielzeit (Belloumi) und er bekommt eine Tochter, Inès.
Mia, 6 Jahre alt, fühlt sich bedroht durch I, versucht sie mit Kissen zu ersticken, mit 10 beschließt sie der Sohn zu werden, den M sich gewünscht hat. M selbst arbeitet an der Modernisierung Marokkos, u.a. plant er einen Tunnel zwischen Europa und Afrika, durch die Straße von Gibraltar.
Am 16. November 1987, feiert A ihren vierzigsten Geburtstag, als Gynäkologin gestresst, versucht allen Frauen aus allen Schichten zu helfen.
Amine, 73, besucht mit seiner Frau Mathilde, 64, ihren Sohn Selim in New York City, wo er als Kunstphotograph lebt und versucht ihn zu motivieren, die Farm in Meknès zu übernehmen. Selim sagt zu (übernimmt sie aber nicht).
Mia, nun ihrer Homosexualität sicher, wirbt um Abla, der Klassenschönheit, füllt sie mit Alkohol ab und befummelt sie. Krise in Marokko, Irak-Krieg 1991. Die Familie Daoud verbringt einen Monat in Meknès, um den Ausschreitungen zu entgehen. Nach dem Monat, in welchem Mia Liebesbriefe an Abla verfasst und sie ihr übergeben hat, schlägt Ablas Bruder Kamel Mia zusammen. Die Freundschaft zwischen Abla und Mia geht in die Brüche. Mia beschließt nun erfolgreich zu werden und schließt ihre Schule mit sehr gut ab.
Mia reist nach Paris ab, um dort am Lycée Henri-IV zu studieren, fühlt sich fremd, ängstlich ob ihrer Homosexualität. Vater rät ihr, das Feuer weiterzutragen.
Intermezzo:
Rückkehr Mias im August 2022 nach Meknès, alles verwahrlost, das Familienerbe darbt dahin, von Ratten zernagt. Keiner hat die Farm übernommen nach dem Tod Mathildes und Amines.
2. Teil:
Mehdi fällt 1995 beim König Hassan II. in Ungnade. Ihm wird Korruption vorgeworfen. 1997 trinkt Medhi lediglich, verschläft den Tag. A wird 50 Jahre alt.
Mia hat den Abschluss in Paris geschafft. I verknallt sich in den Theaterlehrer und beginnt einen Affäre mit dem zwanzig Jahre älteren Mann, werden von der Polizei erwischt. I besucht, nach Trennung von dem Lehrer, Mia in Paris, Weltmeisterschaft 1998, Finale Frankreich gegen Brasilien. I will sich sexuell austoben, Mia peinlich berührt, will sie beschützen, als ihr das nicht gelingt, reist sie kommentarlos nach London ab, um dort ihre Stelle als Finanzberaterin anzutreten.
Amine ereilt ein Herzinfarkt, kann sich nicht mehr selbst versorgen. Hassan II stirbt 1999, Mathilde fühlt sich in Marokko heimisch, beschließt, sich dort begraben zu lassen.
I studiert Medizin in Paris, in Beziehung mit einem gutaussehenden Sohn einer wohlhabenden Pariser Familie, aber kulturelle Differenzen verstärken sich, trifft in Rabat auf Hakim.
Amine stirbt. Mathilde darf nicht der Beerdigungszeremonie beiwohnen. Der 11. September unterbricht die Trauerzeremonien. Mathilde wütend. Selim peinlich berührt, nicht in New York gewesen zu sein.
Mehdi wird verhaftet. A außer sich, besucht ihn im Gefängnis, benachrichtigt Mia in London, die nach Paris fährt, um bei I zu sein, lässt ihren gutbezahlten Job an Goodman Partner Bank zurück. Mehdi kraftlos, will sich nicht mehr wehren, empfindet sich als Hampelmann der Mächtigen.
Mehdi, schwer krank, wird 2003 entlassen. I und Mia reisen nach Rabat, Mehdi stirbt.
Epilog:
IE auf den Spuren des geheimnisvollen des Vaters, gute Nachrichten aus Paris, Hakim und I feiern das Halbfinale Marokko gegen Frankreich bei der WM 2022 in Katar. Egal wer gewinnt, sie werden sich freuen. IE kämpft weiterhin mit dem Buch. A gegen das Buch.
●Kurzfassung: Mia tritt in die Fußstapfen ihres Vaters, wird erst Bänkerin, dann Schriftstellerin. Inès tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter, wird Kardiologin. Die Farm in Marokko verkommt, weil keiner sich in der Familie um das Erbe ihres Großvaters, Vaters oder Bruders kümmern möchte.
●Charaktere: (rund/flach) komplex genug, unübersichtlich, nicht klar genug gezeichnet, insbesondere das Innenleben bleibt eigenartig unklar.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Selma, die Schwester von Amine, fügt der Handlungsebene nichts hinzu – Hintergrundgeschichte, ihre Tochter spielt genausowenig eine Rolle wie der Unfall, der ihr Bein verkrüppelt, oder die Boutique, die sie führt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: innerer Monolog von Aïcha auf dem Weg zur Arbeit (immersivster Moment). Sterbeszene in Rabat, die Betenden vor Mehdis Leichnam; die Weltmeisterschaftsnacht 1998 in Paris. Übergriff Mias auf Abla; Schlägerei mit Kamel; Gefängniszeit von Mehdi.
●Diskurs: Corona-Nachwirkungen, Fußball, Islamismus, Rechtsruck, Feminismus.
… völlig gefehlt hat die Familiengeschichte Mehdis; gar nicht erklärt oder zumindest plausibilisiert werden die Korruptionsverhältnisse in Marokko; Medhis geschäftliche Tätigkeit wird auch nicht aufgeklärt, beschrieben, was insbesondere in Bezug auf den Tunnel zwischen Gibraltar und Marokko interessant gewesen wäre; Selims Nein zur Übernahme der Farm von seinem Vater wird auch mit keiner Silbe erwähnt. Roter Faden eher der Fußball, Teil der Völkerverständigung; Beziehung zwischen Jerome und Ines, abrupt beendet, das Zusammenkommen mit Hakim kaum erwähnt.
… trotz guter Anlagen, interessanter, dynamischer Figuren bleibt der Plot zu oberflächlich. Es fehlen schlicht die äußeren Konfliktfelder, die Ökonomie Marokkos, die Korruption im Königshaus, die Problematik auf der Farm, im Krankenhaus, die Religion als Zankapfel im Hause der Daouds etc … all dies bleibt so fade, schematisch, undeutlich skizziert, dass sich eine Dynamik gar nicht erst ausbildet, und so plätschert das Buch sehr angenehm vor sich hin. Bunt, distanziert, ertragend, akzeptierend, irgendwie desillusioniert, resigniert und daher mit gnädigem Blick auf die eigene Familie unterwegs. Dringlichkeit jedoch gibt es nicht
–> 3 Sterne

Form:
●Eindruck: sehr geschliffene Sprache, gute gebaute Sätze, angenehm geschrieben, nicht verhakelt, viele abwechslungsreiche Satzanschlüsse, nicht hyperkomplex, aber auch nicht simplizistisch, sehr salonfähig, geschmeidig, mit ein paar Entgleisungen in Sachen Obszönitäten oder Vulgarismen, die im Gesamtgefüge fremdartig wirken.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) wirkt fiktional, erzählerisch, durch deutliche Figurenzeichnungen
●Wortschatz/Wortzahl: Abwechslungsreich, vielgestaltig, etwas sehr dialoglastig, aber stets um Schriftsprachlichkeit bemüht
●Auffälligkeiten: nein
●Innovation: nein
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: Als Rahmenhandlung eine Ich-Erzählerin (Mia), die sich auf Spurenlese begibt, nach Marokko reist (Meknès) und dann wieder in Paris weilt. Zwischendrin jedoch springt eine unbekannte Erzählinstanz episodisch von Person zu Person, berichtet aus deren Augen querbeet über die Ereignisse, mal vor, mal zurück schauend. Eher regisseurhaft.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): in der Rahmenhandlung sowohl als auch, nur nicht in der Binnenhandlung, dort eher frei improvisiert.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: unkommentierend, sehr friedlich, sehr plätschernd, ein Abgesang auf eine Möglichkeit, die es scheinbar nicht mehr gibt.
●Einschätzung: Mia als Schriftstellerin kommt nicht wirklich durch, ihr Projekt selbst, das Buch, die Chronik ihrer Familie, wird nicht klar. Eher diffus. Eher gelangweilt, nicht poetisch getrieben. Sie will etwas aufarbeiten, weiß aber nicht was. Zu sprunghaft.
–> 2 Sterne

Komposition:
●Eindruck: Es gibt ein kompositorisches Prinzip, der Fußball – der Code: Patriotismus/Exil, Vater/Tochter, Mann/Frau, Krieg/Frieden, Nordafrika/Europa. Alles dies webt sich zusammen, vom Afrika-Cup 1980 zum Weltmeisterschaftshalbfinale 2022, Marokko gegen Algerien, Marokko gegen Frankreich, dazwischen wird Frankreich Weltmeister.
●Signal/Noise-Ratio: stark figurenbezogen, wenig Noise, aber ein paar Figuren spielen keine Rolle (Selim, Mathilde, Amine und Selma). Für den Familienhintergrund hätte es keiner eigenen Abschnitte bedurft. Auch die Auseinandersetzung mit den Großeltern fehlt völlig.
●Operative Geschlossenheit: stark geschlosssen, Fremde/Heimat, das eigene/das fremde Land, etc …
●Rahmenstabilisierende Details: durch Ich-Erzählerin Mia
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr abwechslungsreich durch die Perspektiven.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, keine
●Lose Versatzstücke: ein paar Fäden werden gar nicht verbunden, viele Lücken, siehe Plot.
●Reliefbildung: par Force-Ritt durch 22 Jahren marokkanische Geschichte.
●Einschätzung: kompositorisch überzeugend, abwechslungsreich, multiperspektivisch, am Ende zu gerafft.
–> 4 Sterne

Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Liess sich leicht lesen, hat einen gewissen Fluss, eine gewisse Rhythmik, gute Kompositorik, bleibt aber zu oberflächlich, ungefährlich, zu distanziert, zu unentschieden, disparat. Gefängniszeit von Mehdi zu skizzenhaft, dennoch gelungen; Mias Übergriff auf Abla, unangenehm, aber auch eindrucksvoll.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? Nein, denke nicht, zu substanzlos
–> 4 Sterne

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Martin Walser: „Ein fliehendes Pferd“

Ein fliehendes Pferd by Martin Walser

Mitreißend erzähltes Ehedrama, leider ins Prokrustesbett der Novellenform gehackt.

Inhalt: 5/5 Sterne (Eheproblematik)
Form: 3/5 Sterne (bieder)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (personal-authentisch)
Komposition: 2/5 Sterne (zu hastig abgehandelt)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (immersiv)
–> 19/5 = 3,8 = 4 Sterne

Ein fliehendes Pferd gab Walsers Karriere 1978 einen erneuten Schub, der zuvor eher für langweilige Mittelschichtsromane bekannt gewesen ist und von Marcel Reich-Ranicki bevorzugt verrissen wurde. Wie so oft steht bei Walser die Liebes- und Sexproblematik innerhalb einer Ehe im Zentrum des Geschehens. Hier, Sabine und Helmut, die zum elften Mal an den Bodensee fahren, sie, um Menschen anzuschauen, er, um Sören Kierkegaards Tagebücher endlich zu lesen. Sie werden aus ihrer Ruhe heraus gestört, und zwar durch seinen Jugendfreund Klaus Buch und seine achtzehn Jahre jüngere Partnerin Helene:

Obwohl er jetzt allmählich zugeben müsse, einen Freund gehabt zu haben, der Klaus Buch geheißen und ausgesehen habe wie der junge vor ihm stehende Mann, könne er den vor ihm Stehenden überhaupt nicht mit dem in seiner Erinnerung allmählich auftauenden Klaus Buch zusammenbringen, einfach weil sein Klaus Buch inzwischen auch sechsundvierzig sein müßte, während der vor ihm Stehende doch eher sechsundzwanzig sei. Samt seinem Mädchen. Vor allem wegen seines Mädchens. All das sagte Helmut nicht.

Was sich nun entspinnt, lässt sich als Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf? nur mit bundesrepublikanischen Mitteln bezeichnen. Die Vierer-Konstellation bringt sich gegenseitig in Schwung, setzt gegenseitig Hoffnung in die jeweils anderen und lässt sogar eine Art Seitensprungphantasie zu. Klaus, der sportliche Überflieger, sucht Nähe zum ausgeglichenen, zufrieden reflektierten Helmut. Wo Klaus zu viel sein will, will Helmut zu wenig sein. Beide kommen mit der Dialektik Person-Selbst, oder Sein-Schein nicht zu Rande.

Jedesmal, wenn [Helmut] das Erkannt- und Durchschautsein in Schule oder Nachbarschaft demonstriert wurde, die Vertrautheit mit Eigenschaften, die er nie zugegeben hatte, dann wollte er fliehen. Einfach weg, weg, weg. Die benützten Kenntnisse über ihn, deren Richtigkeit er nicht bestätigt hatte. Sie benützten sie zu seiner Behandlung. Zu seiner Unterwerfung. Zu seiner Dressur. Die wußten ihn zu nehmen. Und je mehr die ihn zu nehmen wußten, desto größer wurde seine Sehnsucht, wieder unerkannt zu sein. Wenn jemand von ihm noch nichts wußte, war noch alles möglich.

Das erinnert nicht nur an Max Frischs Stiller, das ist dasselbe Buch nur in unangemessener Kurzform mit ein paar rasanten Episoden vergossen. Die Wiederaufnahme des Albee- oder Stiller-Stoffes, oder Goethes Wahlverwandtschaften würde nicht stören, aber die gewollt, zerhackte, verkürzte, verkleinerte Erzählform, die Novelle, die gar nicht passt. Ein durchgehendes Pferd einzufangen, dient nicht als unerhörte Begebenheit, auch nicht ein Sturm auf dem Bodensee. Das wirkt manieriert und hinterlässt einen faden Beigeschmack eines ansonsten wohlaustarierten, obgleich nicht schönen Textes, der aber durch seine Intensität zum Wiederlesen einlädt.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Das Buch liest sich schnell, angenehm, die Erzählstimme wird völlig in die von einem Helmut Halm verlagert, der mit sich im Widerstreit liegt und durch Klaus Buch eine Konfrontation mit seinen eigenen Ängsten erfährt. Nichts an dem Buch wirkt schwerfällig, die Atmosphäre, die Personenkonstellation, der Gang der unerhörten Begebenheit mit dem Einfangen des durchgehenden Pferdes etc … wohlaufgehoben, wohlsituiert, für sich stehend; vielleicht als Stoff nicht ganz als Novelle geeignet, wirkt daher eher wie ein zu kurz geratener Roman, zumal die Fabel, die Pointe, nicht wirklich zur Geltung kommt.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, besitzt einen hohen Fiktionalitätsgrad, ästhetisch
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, Helmuts Figur und Psyche erweisen sich lebendig
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, Walser schreibt nicht schön, aber flüssig
●stimmig?(Komposition: ja/nein) fast, die Länge erweist sich hier eher als gekünstelt
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, wegen des Stoffes, nicht wegen der Sprache; Walser Sprache lädt nicht zum Wiederlesen ein, auch nicht die Erzählstimme oder Erzählweise, die kaum Komik, kaum Ästhetik besitzt; seine Form der Stoffverarbeitung jedoch ist interessant.
–> 4 Sterne

Inhalt:
●Hauptfigur(en): Helmut Halm (HH), Ende vierzig, verheiratet mit Sabine (S), hat eine Hündin namens Otto, Lehrer von Beruf, fährt zum elften Mal an den Bodensee in den Urlaub.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. S und HH sitzen an der Promenade, S schaut gerne Menschen zu, HH möchte gerne Kierkegaards Tagebücher lesen und fühlt sich beäugt und etwas vom Gesicht seiner Frau bedrängt
2. Klaus Buch (K) und seine Gattin Helene (H), 18 Jahre jünger als K, treten auf sie zu. K und HH sind Jugendfreunde, haben sich aber seit 23 Jahren nicht mehr gesehen. HH erkennt K kaum wieder. HH schon immer neidisch auf K gewesen.
3. K erinnert sich besser als HH, der kaum noch die Vergangenheit vor Augen hat. Die Freundschaft zwischen ihnen bestand zwischen dem elften und dreiundzwanzigsten Lebensjahr. HH flieht der Selbsterkenntnis.
4. HH und S auf dem Boot von K und H. HH hat kalte Füße. K spricht von seinen Büchern, verdient sein Geld als Journalist, hat sich von erster Frau, Herta, getrennt, wegen Stagnation. H macht spitze Bemerkungen K gegenüber. K erinnert an Jugendsünden (Wettpissen). HH versucht K und H abzuwimmeln, ohne Erfolg.
5. Abendessen. K hat Angst vor dem Hund, ekelt sich aber vor ihm. K wiederholt immer wieder gegenüber H „magst mich nicht mehr, gell?“ HH erinnert sich an hämmernde Sexgeräusche in Italien, in einem Hotel Grado, an seiner Unfähigkeit, ebenfalls so dynamisch Sex zu haben. Er entzieht sich der physischen Intimität und rollt sich in Fötushaltung zusammen, träumt vom Sarg. S schlägt vor, dass sie K nach Sex fragen soll.
6. Ausflug zum Höchsten, einem Hügel in der Nähe vom Bodensee. Regen und Aussichtslokal. Ein Pferd geht durch, das Klaus einfängt.
7. Abendessen, S erzählt von HHs Arbeitsgewohnheiten, sein Lesen. K redet abwertend über die Arbeit, die das Erotische zerstöre. Am Abend gibt S zu, dass sie sich von K angezogen fühlt. HH besitzt Gewaltphantasien ihr gegenüber, sollte es zur Affäre kommen.
8. S entzieht am nächsten Tag K, H geht für ihr Buch über ältere Frauen recherchieren, und K und HH machen einen Segeltörn, auf dem K versucht, HH zu einem Neuanfang zu bewegen, auf den Bahamas. K soll S verlassen und mit ihm losziehen, wie früher, statt zu stagnieren. Ein Sturm bricht los. K überwältigt von der Herausforderung riskiert ein gefährliches Segelmanöver. HH überkommt Angst. Er tritt K die Pinne aus der Hand, der über Bord geht. HH rettet sich ans Ufer.
9. K wird vermisst. HH und S versuchen sich mit Sport abzulenken, kaufen Räder, beschließen Laufen zu gehen, als H ankommt, auf die gesunde Ernährung pfeift, und nun statt Wasser Calvados trinkt und auch noch raucht. Sie erzählt, wie K sich wie ein Versager fühlt, unausgeglichen ist, nicht mit sich und der Welt zu Rande kommt, und sie an ihrer Musikkarriere gehindert hat. Als sie Schubert pfeift, tritt K ins Zimmer, nimmt H mit, kein Wort zu HH. Anlässlich der Erzählung von H über die dicken Mauern in Montpellier, die also Ruhe und Abgeschiedenheit erlauben, im Gegensatz zum Hotel Grado in Italien, reisen HH und S dahin, um, wahrscheinlich, Sex zu haben.
●Kurzfassung: Ein ruhiges Ehepaar gerät durch einen Jugendfreund in Aufruhr und werden dadurch motiviert, etwas Neues zu versuchen, nämlich nach elf Reisen zum Bodensee eine nach Montpellier.
●Charaktere: (rund/flach) überzeugend, biedere Männer im mittleren Alter, Helene und Sabine, die Frauenfiguren, eher etwas schwach.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, streng komponiert, ohne viel Drumherum.
●Besondere Ereignisse/Szenen: das Einfangen des Pferdes und das Fast-Kentern des Segelschiffes, aber auch die Bettszene zwischen Sabine und Helmut.
●Diskurs: keine überpersönlichen Diskurse, vielleicht der Oberstudienrat-Bildungsdünkel mit Kierkegaard und Nietzsche etc
… der Plot überzeugt; das System Intimität, das aus seiner Inkommunikativität gerissen wird, durch äußeren Einfluss. Vgl. Edward Albee Wer hat Angst vor Virginia Woolf? und Johann Wolfgang Goethes Die Wahlverwandtschaften.
… die Männerproblematik findet hier eine beeindruckende Gestaltung, das mehr Sein als Schein wollen, aber nur im Schein sich sicher zu fühlen, also den Schein zu überziehen und dann unter Impotenz ob der sich selbst auferlegten Diskrepanz zu leiden. Leib-Seele-Problematik.
–> 5 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: klare Er-Perspektive, aus Sicht von Helmut, in seinem Innenleben verankert, teilweise rhapsodisch, aber authentisch, beeindruckend und immersiv
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, durch die Augen des erlebenden, nacherzählenden Helmut, im Zuge auf dem Weg nach Montpelier. Eine wirkliche Reflexion findet aber nicht statt.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher mitgerissen, überfordert, hastig, verhaspelt.
●Einschätzung: sehr passend zum Stoff, eine Er-Erzählung, da die Begebenheiten mehrere Figuren umfasst, und es zu der Pferd- wie Segeltörn-Episode kommt.
–> 5 Sterne

Form:
●Eindruck: keine schöne Sprache, keine interessanten Wörter, keine mitreißenden Sätze, nichts, was diesem Buch irgendeine Schönheit geben würde, eher nüchtern, sachlich, kalt gehalten, eine sehr brutale, Schraubzwingen-artige Form der Sprachverwendung, aber in diesem Sinne zum Erzähler passend, als Biedermann.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch die Innenperspektiv mit hohem Fiktionalitätsgrad versehen, klare Schriftsprache, eben keine mündliche Erzählung. Der ästhetische Rahmen als solcher ist gegeben.
●Auffälligkeiten: „Du magst mich nicht mehr, gell?“ von Klaus, und Helmuts „Ach du. Einziger Mensch. Sabine.“ Teilweise etwas unappetitliche Vergleiche.
●Innovation: eher nicht. Sprache nicht störend, aber nicht überzeugend, irgendwie ernüchternd und platt, biedermeierlich.
–> 3 Sterne

Komposition:
●Eindruck: leider unausgewogen, zu kurz, und auch keine „unerhörte Begebenheit“, denn das Pferd-Einfangen taugt nichts, und der Segeltörn auch nicht. Als Novellenform misslungen, klarerweise, denn die Charakterisierung hätten auf mehr Seiten deutlich überzeugender ausfallen können, überhaupt wirkt das Buch zur sehr gerafft durch die Kürze, zu hastig, zu gewollt die Rahmengebung, die gar nicht passt. Helmut erzählt auf dem Weg nach Montpellier Sabine ihren eigenen Urlaub? Das wirkt gewollt.
●Signal/Noise-Ratio: keine Abschweifung, hohe Konzentration, fast zu hohe.
●Operative Geschlossenheit: ja, durch den Konflikt sehr geschlossen und die Erzählfigur auch, das inkommunikative, träge System wird durch die Umwelt zur Adaption gezwungen.
●Rahmenstabilisierende Details: nein, keine, die fehlen. Es wirkt daher etwas karg und hastig skizziert, wie ein Drehbuch oder ein Theaterbühnenskript. Wurde tatsächlich auch für beides verwendet.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): zu hastig, schnell, abgekürzt, lädt nicht zum Langsamlesen ein.
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: Zickzack in Hochgeschwindigkeit, unpassend zur Erzählfigur
●Einschätzung: das Vorhaben, eine richtige, nach Goethes Diktum, Novelle zu gestalten, wirkt hier nicht und fad, der Stoff hätte mehr Seiten bedurft. Hinterlässt etwas Kurzatmiges.
–> 2 Sterne

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Jane Austen: „Emma“

Emma by Jane Austen

Souveränes Bäumchen-Wechsel-Dich, präzise, zielstrebig und souverän erzählt.

Inhalt: 5/5 Sterne (dynastisches Bäumchen-Wechsel-Dich)
Form: 4/5 Sterne (gepresst-gepflegt)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (souverän innen wie außen)
Komposition: 5+1/5 Sterne (operativ dicht geschlossen)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (viktorianisch-eng)
–> 23/5 = 4,6 = 5 Sterne

Emma (1814) heißt der letzte vollendete Roman von Jane Austen, die 1817 bereits im Alter von 42 Jahren verstarb. Ihre Romane spielen in dem niederen, dem sogenannten Landadel, der sich um seine dynastischen Interessen kümmert und seine operative Geschlossenheit als sozialer Raum gegen das Bürgertum, den Kaufleuten, und die Landwirte absichert. In Emma muss sich die Familie Woodhouse, mit zwei Töchter (Emma und Isabella), und die Familie Knightley, mit zwei Söhnen (George und John), gegen Begehrlichkeiten sozial weniger geachteter Familie erwehren (die Pastorenfamilie Elton und die Kaufmannsfamilie Weston). Der Roman beginnt mit dem Übernahmeversuch der Westons, die Emmas Erzieherin, Anne Taylor, in ihr Haus gelockt haben:

Und doch stand [Emma und ihrem Vater] Kummer bevor, gelinder Kummer allerdings und keineswegs in Gestalt von unliebsamer Selbsterkenntnis. Miss Taylor heiratete. Der Abschied von Miss Taylor brachte Emma den ersten seelischen Schmerz. Am Hochzeitstag ihrer geliebten Freundin hing sie zum ersten Mal längere Zeit trüben Gedanken nach. Die Feier war vorüber, das Brautpaar fort, und ihr Vater und sie mussten sich allein und ohne Aussicht auf Gesellschaft, die ihnen den langen Abend verkürzen half, zum Dinner niedersetzen.

Verlassen von Mrs. Taylor, die nun Mrs. Weston heißt, muss sich Emma ein neues Hobby suchen und befreundet sich mit dem Waisenkind Harriet Smith, das sie zu sich auf die soziale Ebene ziehen möchte. Diese Dynamisierung erfasst mehr oder weniger das ganze Dorf. Zusammen mit Frank, dem Sohn aus der unglücklich verlaufenen ersten Ehe von Mr. Weston, findet ein Bäumchen-Wechsel-Dich in Highbury samt Ball und Erdbeerpflücken statt. Westons streben alsbald danach, Frank mit Emma zu verkuppeln, um die Übernahme zu besiegeln. Emma erscheint zuerst nicht gänzlich abgeneigt:

»Es muss wohl Liebe sein«, sagte sie sich. »Dieses Gefühl von Lustlosigkeit, diese Teilnahmslosigkeit, dieser Stumpfsinn, diese Unlust, mich hinzusetzen und mich zu beschäftigen, dieser Eindruck, dass alles im Haus öde und fade ist! Ich muss wohl verliebt sein. Ich wäre das merkwürdigste Geschöpf der Welt, wenn ich es nicht wäre – einige Wochen lang mindestens. Aber des einen Glück ist des anderen Unglück.«

Nun müssen jedoch familiäre Interessen gewahrt und sozialer Abstieg vermieden werden. Operativ hält sich Jane Austen in Emma sehr eng an der Idee, wie sich der Landadel immunisiert, wie er die Besitzstände wahrt, wie er trotz Liebe, Gefühl, Begehren und Poetizität stets das Große und Ganze des sozialen Raumes betrachtet und sich gegen Fremdeinflüsse schützt. In dieser olympischen Souveränität lässt Austen ihre Figuren herumlaufen, um am Ende alle Fäden im Sinne des operativen Abschlusses zusammenzuführen, und dies sprachlich wie handlungstechnisch überaus gnadenlos.

Emma liest sich oberflächlich wie eine Romanze, etwas tiefgründiger wie eine Variante der Widerspenstigen Zähmung, kompositorisch jedoch spricht aus jeder Zeile die Etikette, der große Andere, das moralische Gesetz des Standesdünkels und der Besitzstandswahrung. Fast unheimlich setzt es sich hinter den Rücken der Erzählinstanz und der Figuren durch und hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, der zwischen krasser Rationalität, repressiver Enthaltsamkeit und strikt codierter Virtuosität schwankt – ohne auch nur einen einzigen Angriffspunkte zu zeigen. Emma steht als Roman für sich, uneinnehmbar, und liest sich wie eine einzige, ins narrative verschobene, Machtdemonstration.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: das Buch liest sich geschmeidig, schmökerisch weg. Es besitzt eine gewisse angenehme Ruhe, sehr entfernt, wenig aufdringlich, da die Figuren eine gewisse Souveränität ausstrahlen. Keine anstrengende Lektüre. Sehr leicht. Schockmomente, als Emma Miss Bates beleidigt, und als Emma sich plötzlich nicht mehr für Harriet interessiert. Etwas poetisch gebremst, rein gehalten. Kein Überschwang.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) definitiv, hoher Fiktionalitätsgrad.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) sehr glaubwürdig, eine Salondame spricht
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) vielleicht, eher angenehm, ansprechend, formvollendet
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nicht ganz, die Komposition mit Harriet kippt, zu schnell am Ende abgehandelt, etwas kurzatmig plötzlich
●ein zweites Mal lesen? Denke nicht, dafür dreht sich das Buch viel zu sehr um den Inhalt, und wie Emma mit Knightley, und ob sie zusammenkommen.
–> 3 Sterne

Inhalt:
●Hauptfigur(en):
-Emma (E) Woodhouse, 21 Jahre alt, lebt mit ihrem verwitweten Vater Henry (H) auf Highbury, wohlhabend, Schwester Isabella, älter, verheiratet.
-George Knightley (K), 37 oder 38 Jahre, ledig, Bruder des Ehemannes von Emma.
-Ms. Anne Taylor Weston (ATW), nun Mrs. Weston, Gouvernante Emmas für 16 Jahre, heiratet Mr. Weston und bekommt ein Kind mit ihm.
-Mr. Weston (W), verwitwet, ruiniert aus erster Ehe mit Sohn Frank, den er dem Bruder seiner verstorbenen Frau zur Pflege gegeben hat, den Churchills, wurde Kaufmann, um sich finanziell wieder zu etablieren, heiratet dann Ms. Taylor, als er sich das Anwesen Randall leisten kann.
-Frank Churchill (F), Sohn von Mr. Weston, wächst bei seinem Onkel und dessen Frau auf, Witzbold, Draufgänger, sucht Verbindung mit seinem Vater Mr. Weston und besucht Highbury in diesem Zuge.
-Jane Fairfax (J), Mrs. Bates Enkelin und Miss Bates Nichte, Vollwaise, Kind der jüngeren Tochter von Mrs. Bates, wächst in Highbury auf, wird aber aus Mitleid an den ärmlichen Verhältnissen der Bates von einem Freund ihres Vaters, Oberst Campbell, im Alter von acht Jahren aufgenommen. Sie soll Gouvernante werden.
-Harriet Smith (HS), uneheliches Kind eines Kaufmannes, wächst in einem Internat auf, 17 Jahre alt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. E und ihr Vater H betrübt von As Heirat mit W. E beschließt, nun Pastor Philip Elton (PE) unter die Haube zu bringen. Heiratsschmieden als Zeitvertreib.
2. E sehnt Besuch von F herbei, um etwas Bewegung in Highbury zu bringen.
3. Kartenpartie bei den Woodhouse. E lernt HS kennen, ihr neustes Projekt.
4. E verhindert, dass HS sich mit dem Bauern Robert Martin (RM) vermählt, indem sie HS Flausen in den Kopf setzt.
5. K im Gespräch mit A findet, dass E hochmütig ist, die Freundschaft mit HS fördert diesen.
6. E bringt PE und HS in Berührung, malt HS und PE will das Porträt in London rahmen lassen.
7. HS lehnt RMs Heiratsantrag ab. E droht HS mit Freundschaftsabbruch, sollte sie annehmen.
8. K spricht sich für RM aus. K kritisiert E.
9. Silbenrätselspiel bei den Woodhouse. PE präsentiert eines für „Hoch-Zeit“, E sieht darin seinen Wunsch, HS zu heiraten, die das Rätsel aber nicht zu lösen versteht.
10. HS und E auf einem Spaziergang. E beteuert, wegen ihres Vaters nicht heiraten zu wollen. HS und E verspüren Mitleid mit den Armen. E lässt ihr Schuhband reißen, um einen Vorwand zu haben, bei PE einzukehren. PE und HS kommen sich aber nicht näher.
11. Weihnachtsbesuch von Es älterer Schwester mit fünf Kindern. Gespräch über den baldigen Besuch von F.
12. Gespräch über die Luftqualität in London. Krisengespräch über eine Kur oder Reise von Isabella nach Southend.
13. HS krank, kann dem Weihnachtsessen nicht beiwohnen. E besucht sie, trifft dort PE, der sich aber kaum um die Krankheit von HS kümmert, stattdessen gute Laune zeigt. John Knightley, Emmas Schwager, vermutet, dass PE HS nicht heiraten möchte.
14. E freut sich auf Treffen mit F, den sie als Ehemann akzeptieren könnte. Sein Besuch hängt aber von seiner Tante und seinem Onkel in Enscombe ab.
15. PE wird während des Weihnachtsessen E gegenüber immer aufdringlicher. Es beginnt zu schneien, sodass das Essen vorzeitig beendet werden muss. E findet sich allein mit PE in einer Kutsche, wo dieser ihr einen Heiratsantrag macht, den E mit Verweis auf HS ablehnt. PE empfindet HS aber unter seinem Stand.
16. E schockiert, verbringt ruhige Momente wegen des Schnees, stolz auf ihre Wurzeln.
17. PE empfiehlt sich mit einem Brief an Es Vater und reist nach Bath ab. E unterbreitet HS die Botschaft, die am Boden zerstört ist.
18. F sagt seinen Besuch erneut ab. K und E streiten sich ob seines Charakters. K hält F für einen Schwächling. E idealisiert ihn.
19. E besucht die Bates, die den Besuch ihrer Enkelin/Nichte JF erwarten, die von PE berichtet.
20. JF Hintergrundgeschichte. Campbells eigene Tochter hat Mr. Dixon in Irland geheiratet, den die Campbells besuchen, indessen JF bei ihrer Großmutter weilt. E hat Konkurrenzgefühle gegenüber JF. JF kennt F, sagt aber nichts über ihn.
21. Nachricht von PEs Heirat mit Augusta Hawkins. HS platzt bei E herein, hat RM gesehen.
22. E entschließt sich, die Familie Martin mit einem kurzen Besuch zu demütigen.
23. E bringt HS für 15 Minuten zu den Martins und holt sie dann ab, bevor HS sich mit ihnen versöhnen kann. F kündigt seinen Besuch an.
24. Spaziergang F mit E. F plant einen großen Ball für alle. E spekuliert mit ihm über JF Anwesenheit, dass sie von Mr. Dixon wohl ferngehalten wird, weil sie ihre Ziehschwester in allem übertrifft.
25. F lässt sich in London die Haare schneiden. Die Nase wird hierüber gerümpft. Coles, die zu Geld gekommen sind, laden zu einem Essen ein. Es Vater erlaubt ihr hinzugehen.
26. Treffen bei den Coles. Jemand hat JF ein Klavier liefern lassen. E und ATW spekulieren über Ks Verhältnis zu JF, der sie mit der Kutsche abholen lassen hat, wohlmöglich sogar das Klavier schenkte. E entsetzt über diese Möglichkeit, auch im Sinne des Erbes von K, das Henry, Isabellas Sohn, zufallen soll. JF und E Wettbewerb am Klavier. E tanzt danach mit F, K aber nicht mit JF.
27. E geht mit HS shoppen. Sie treffen auf F und ATW, die JFs Klavier anhören wollen. Bei den Bates erzählt Miss Bates von den Äpfeln, die K ihnen geschenkt hat.
28. Klavierspiel bei den Bates, K kommt vorbei, tritt aber nicht ein, weil F zugegen ist.
29. F organisiert einen Ball in „Der Krone“. Mr. und Mrs. Weston wünschen sich eine Verbindung zwischen E und F.
30. F wird, bevor der Ball stattfinden kann, nach Enscombe, zur kranken Tante, zurückgerufen. E vermisst F, etwas verliebt.
31. Nach Fs Abreise, HS wieder über PE, von dem E nichts mehr hören will.
32. Eltons wieder zugegen, Mrs. Elton (Augusta Elton, AE), zeigt sich hochnäsig, redet von Maple Grove, mischt sich in alle Angelegenheiten ein.
33. AE wirbt um JF. K streitet Interesse an JF ab. E zufrieden.
34. E lädt die Eltons zum Dinner ein, um der Etikette genüge zu tun. Salongespräch über die Post, Skandalon, JFs Weg zur Post im Regen.
35. ATW bringt die Nachricht, dass F wieder zu Besuch kommt. AE nervt JF mit dem Angebot, für sie eine angemessene Stelle zu finden.
36. Mr. Weston lästert mit AE über Fs Tante, die ständig „krank“ zu sein scheint. Isabellas Söhne werden zu E gebracht.
37. F wieder da. E desinteressiert. Der Ball soll stattfinden.
38. E und K kommen sich auf dem Ball näher. K rettet HS aus der Bredouille, als niemand sie auffordert, PE bewusst an ihr vorübergeht. E und K tanzen miteinander.
39. HS wird von Vagabunden bedrängt. F rettet sie und bringt sie zu HS. Großes Gesprächsthema, die Vagabunden fliehen.
40. HS nun verliebt in F, vernichtet die Andenken an PE, Bleistiftstummel und Pflaster. E rät HS, sich bedeckt zu halten.
41. K vermutet etwas zwischen JF und F. E lehnt die Möglichkeit ab. F provoziert JF beim Worterätsel mit „Dixon“.
42. K lädt die Gesellschaft zum Erdbeerpflücken ein, auf Donwell Abbey. E exploriert Ks Anwesen. AE hat eine Anstellung für JF gefunden, die abrupt aufbricht. Kurz darauf erscheint F, sehr schlecht gelaunt. E lädt F dennoch zu einem Ausflug nach Box Hill ein.
43. Auf dem Ausflug flirten E und F heftig miteinander. E lässt sich hinreißen, die höfliche Miss Bates öffentlich zu verspotten, die es traurig akzeptiert. K nimmt sie zur Seite und kritisiert sie dafür, da Miss Bates sozial gesehen ausgeliefert ist. E weint auf der Rückfahrt.
44. E besucht Miss Bates, um sich zu entschuldigen. JF entzieht sich E. Es gibt eine Anstellung beim einer Mrs. Smallridge. F nach Richmond, zu seiner Tante, abgereist.
45. JF sehr krank. E bemüht sich um sie, vergeblich. Nachricht vom Tode Mrs. Churchhills trifft ein, Fs Tante.
46. Mr. Weston holt E ab, bringt sie zu ATW, wo sie schüchtern vom Verhältnis zwischen F und JF berichten, das bereits seit fast einem Jahr besteht. Sie sind verlobt. E hegt keine Gefühle mehr für F. Alle sind erleichtert.
47. HS besucht E, berichtet von der Verbindung zwischen JF und F. E erstaunt, wie locker sie die Nachricht nimmt, bis E erfährt, dass HS schon seit längerem K liebt. E voller Selbstzweifel.
48. E fühlt sich bedroht, entdeckt, dass sie K liebt, schämt sich für ihr Verhalten beim Ausflug nach Box Hill. E und ihr Vater blasen Trübsal, wie ein Jahr zuvor, bei ATWs Heirat.
49. Treffen von K und E. K gesteht seine Liebe. E glücklich.
50. E erhält von ATW einen Brief von F, in welchem er sich für sein Verhalten entschuldigt. F hat JF das Klavier geschenkt. Als F verärgert zum Erdbeerpflücken kam, traf er JF. Sie stritten sich. JF gewillt eine Stellung anzunehmen, wenn die Verlobung länger geheimgehalten wird. JF deshalb krank gewesen, drohte mit der Auflösung der Verlobung. Fs Antwort aber wurde von der Post verbummelt. JF wurde deshalb schwer depressiv und arrangierte sich damit. Durch den Tod der Tante ist der Weg aber frei. Der Onkel gibt F seinen Segen.
51. K liest Fs Brief, erkennt, dass F nicht völlig übel ist. K schlägt E vor, zu ihnen zu ziehen, um E nicht die Wahl zwischen ihm und ihren Vater aufzuzwingen.
52. E besucht JF. Sie versöhnen sich.
53. ATW bringt eine Tochter zur Welt. Ks und Es Verlobung wird bekanntgegeben.
54. HS kehrt zurück. RM hat wieder um ihre Hand angehalten und wurde erhört.
55. Wiedersehen mit HS. Herkunft nun gelüftet, HS ein uneheliches Kind von einem Kaufmann, deshalb kein Heiratsmaterial für PE, K oder F. HS heiratet RM, dann K und E, und bald soll die von JF und F folgen.
●Kurzfassung: Emma besitzt einen schwachen Vater und amüsiert sich damit, sich in anderer Leben einzumischen, wählt sich Harriet als Projekt und verzettelt sich. Am Ende finden alle Paare zusammen und Harriet heiratet den Landwirt, den sie von Anfang an heiraten wollte.
●Charaktere: (rund/flach) sehr ausgestaltet, sehr rund, sehr lebendig.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Emmas Schwester Isabella und ihre Familie erscheinen gänzlich überflüssig. Campbells und Churchills als außenstehende Familie sind notwendig, um das Verhältnis zwischen Jane und Frank zu ermöglichen. Isabella aber nicht, sie spielt keine Rolle.
●Besondere Ereignisse/Szenen: als Emma und Knightley zusammenkommen, und die Erzählinstanz den Moment der Wonne nicht ausgestaltet, sondern verschiebt, diffusioniert
●Diskurs: Heirat, Schicksal der Frau, Ausgeliefertheit der Frau zwischen Ehe und Gouvernantentätigkeit
… großes Geheimnis um die Vornamen. Emmas Vaters nur einmal indirekt genannt (Henry), Mr. Knightleys ebenfalls nur an zwei Stellen (George), wie auch Mr. Elton (Philip) und Mrs. Taylor (Anne).
… Jane Fairfax erinnert an Jane Eyre, in vielerlei Hinsicht (Waise, Gouvernantentätigkeit).
… wohltemperiertes Heiratsdrama, das tatsächlich durch seine Vielfältigkeit interessant bleibt. Es fehlt vollständig der Alltag arbeitender Menschen, überhaupt jedweder physiologischen Tätigkeit, Putzen, Toiletten, Mauern, Handwerk etc … existieren in dieser Welt des Salons nicht. Hier schlägt Eliot in Middlemarch einen ganz anderen Ton an. Dennoch bleibt das Interesse im Fegefeuer der Eitelkeiten erhalten, vor allem durch Jane Fairfax und Miss Bates.
–> 5 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: schwierige auktoriale, sich mischende, vermischende Erzählinstanz, aber in der Immersion sehr überzeugend, sehr immersiv, indem Denken und Sagen in Schwebe gehalten werden, ineinsgesetzt, d.h. das Bewusste bleibt insgesamt ein sozialer Rahmen, das Unbewusste wird komplett verdrängt, und auf diese Weise gibt es zwischen Gespräch und Selbstgespräch keinen Unterschied. Sehr einzigartig.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nein, die Erzählinstanz geht völlig als Raum der Handlung auf, kaum zu trennen. Fast unsichtbar, bis auf ein paar Kommentare.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: abgeklärt, souverän, verfügend über alles und jedes, sehr ruhig und gelassen, geradezu olympisch, unberührbar
●Einschätzung: obwohl jedwede präzisierte Erzählinstanz fehlt, erhält das Buch hohe Glaubwürdigkeit und Authentizität, geradezu filmisch präsent, echt. Die Erzählweise mit ihrer Durchmischung von Innen und Außen rundet das Werk und schließt es auf dritter Ebene operativ in einem strikten Code ab.
–> 5 Sterne

Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad, eigenständig, sich erhaltend, nicht abhängig durch den Stoff der Liebe, der Ehe, der Lüge und der Angst, alleine dazustehen, auch soziales Drama.
●Wortschatz/Wortzahl: 157439 Wörter.
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 80,5% (vgl „Jane Eyre“ 76%) (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 943 (vgl. Jean Paul „Siebenkäs“ 2790 Wörter)
●Auffälligkeiten: im Grunde sehr langatmig, geziert, repetitiv geschrieben, im Sinne des sich wiederholenden Salongesprächs, stilistisch weniger eindrucksvoll, eher standardsprachlich, ohne Poesie vorgetragen, keine Metaphern, keine Bilder, keine wie auch immer geartete Ästhetisierung in welche Richtung auch immer. Seriöses Englisch.
●Innovation: syntaktisch vielleicht, durch die Bewusstseinsebenen, mal Anführungszeichen, mal Klammern, mal einzelne Anführungszeichen … sehr durchmischt.
–> 4 Sterne


Komposition
:
●Eindruck: über jeden Zweifel erhaben, Rahmenwirkung gegeben, Vater und Tochter trauern (Abschied von Emmas Erzieherin Mrs. Taylor, ATW) und ein Jahr später (als Emma denkt, sich von Knightley verabschieden zu müssen). D.h. Vater und Tochter müssen zusammenhalten, dazwischen: Emma amüsiert sich, indem sie sich einmischt und Chaos veranstaltet, um am Ende dann beruhigt in den Hafen der Ehe einzugehen, Knightley zieht bei ihnen ein, so sind sie nicht mehr allein. Knightley ersetzt Mrs. Taylor, und Mrs. Taylor (nun Mrs. Weston) bekommt ein Baby, das Emma ersetzt. Das Leben geht weiter, und das Erbe und der Reichtum der Knightley bleibt in der Familie der Woodhouse.
●Signal/Noise-Ratio: sehr gering, kaum Abschweifung, sehr referenziell-lastig, d.h. kaum Kontrollverlust beim Schreiben, Jane Austen schreibt strikt und präzise.
●Operative Geschlossenheit: das System heißt Landadel (Gentry), die reichen Familien Woodhouse (in Hartfield) und Knightley (Donwell Abbey) und das wiedererstarkte Weston (Randall). Die Woodhouse haben zwei Töchter (Emma/Isabella), die Knightley zwei Söhne (John/George) und die Westons einen Sohn (Frank). Die Randalls befinden sich sozialgesehen eher randständig. Es geht um die Erhaltung der Dynastie. Am Ende vermählen sich die Woodhouse und die Knightley zweifach, und die Westons geben sich mit Jane Fairfax zufrieden, wiewohl sie zuvor um Emma für Frank gebuhlt haben. Dynamisiert wird das ganze durch Emmas Versuch, Harriet auf ihre Stufe zu heben – erst versucht sie Harriet mit dem Pastor Elton zu verkuppeln, dann mit Frank, um sie am Ende aber fallen zu lassen; die zweite Dynamisierung erfährt das ganze durch Frank, der wegen seiner Tante seine Verlobung mit Jane Fairfax geheim halten muss. Die offensichtliche Lösung: Emma und Frank erscheint dadurch ausgeschlossen, auch gefährdet diese Lösung das Erbe von George Knightley, der noch ledig ist, aber nicht mehr ledig bleiben will, nachdem er das Familienglück seines Bruders John erlebt hat. Um das Erbe zu sichern, muss Emma George heiraten; und Jane, von der George Knightley beeindruckt ist, kann dann von den Westons integriert werden, die sowieso fast eine Kaufmannsfamilie geworden sind, nachdem Westons erste Frau ihn ruiniert hat.
●Rahmenstabilisierende Details: sehr strikte Lokaliserung in Highbury zwischen den Anwesen und dem Dorf oder der Stadt.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): durch die Dialoge, Selbstgespräche und Briefe dynamisch.
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine wirklichen
●Reliefbildung: durch Events wie der Ball, das Klavier, das Erdbeerpflücken, das Weihnachtsessen, der Ausflug nach Box Hill.
●Einschätzung: sehr überzeugend, straff, eng gezurrt und durchgezogen.
–> 5+1 Sterne


Bodo Kirchhoff: „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“

Selbstmitleidige narrative Nebelbombe eines gehörnt-düpierten Gatten.

Inhalt: 2/5 Sterne (Ehedrama ohne Ehe und Drama)
Form: 2/5 Sterne (gekünstelt-manieriert)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (katastrophal zerstörerisch)
Komposition: 4/5 Sterne (wohlaustariert-stimmig)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (selbstmitleidig-stammelnd)
–> 10/5 = 2,0 = 2 Sterne

Schon Bodo Kirchhoffs Seit er sein Leben mit einem Tier teilt (2024) glänzte durch eine erbarmungslose Langsamkeit, in der Hauptrolle eine gealterter Schauspieler, der sich nochmals Hoffnungen auf ein bisschen Liebe und Sex im Alter macht. In Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt soll nun eine fast siebzigjährige Ehefrau im Zentrum des narrativen Geschehens stehen, Terese, die ihrem Mann nachreist, nachdem dieser sich mehrere Tage nicht auf ihre Kontaktversuche zurückgemeldet hat. Ihr schwant nichts Gutes:

Und dafür ist er nach Mumbai geflogen, um [für ein Buch über eine waffenlose Welt] zu recherchieren. Nur was? Sie hat von ihm bloß gehört, er sei gut angekommen, in einer Gegend, vor der gewarnt werde. Musste sie das wissen? Eher nein. Später noch ein Anruf, vom Dach seines Guesthouse, mit tollem Blick, wie er ihr zurief. Dann tagelang nichts, und er war auch nicht erreichbar. Sie hat ihm geschrieben, er hat nicht geantwortet, und mit der Sorge wuchs eine Wut, wie die bei seinen Ausflüchten während einer Affäre.

So, das Zitat umfasst mehr oder wenige das ganze Buch. Sie reist nach Indien, erwischt ihn, bei was auch immer, aber das spielt alles keine Rolle mehr. Die Erzählweise zeigt an, dass nicht Terese erzählt. Sie wird erzählt und zwar durch die Phantasie, die Bilder, die Filme, die sich der Ehemann von ihr macht, während sie sich fuchsteufelswild immer weiter von ihm und einem gemeinsamen Leben entfernt. Das Disparate der Erzählanlage beherrscht von Anfang an das Leseerlebnis: eine Figur, die im Hintergrund von sich durch die Augen einer anderen Figur erzählt. Hierbei können nur abstruse Paradoxien entstehen:

Man steht oder sitzt dort [am Marine Drive in Mumbai] zwischen tausend anderen auf dem Kai und verfolgt, wie die Sonne hinter der Bucht im Dunst versinkt, der Tag zur Nacht wird. Das sollten Sie tun, Terese. Das gehört zu Mumbai, wie es zu Ihrer Gegend gehört, auf dem Hinterwaldkopf zu wandern, hab ich mit meiner Mutter gemacht. Und Terese – nicht ganz sicher, ob der, der schon auf dem Hinterwaldkopf war, sie gerade beim Namen genannt hat – geht auf ihr Zimmer in dem Gefühl, so genannt worden zu sein, Terese, mit Betonung auf dem ersten e, wie es auch ihr Vater gesprochen hat, mit dem sie zuletzt auf dem Hinterwaldkopf war.

Vor lauter „Terese“ und „Hinterwaldkopf“ wird einem ganz schwindlig, davon abgesehen, dass Terese wirr, unsicher, wankelmütig und manipulierbar, ja wie eine Marionette erscheint, mit der die Männer in ihrer Umgebung im Grunde tun, was sie wollen. Und darum geht es auch, um die Phantasie einer Figur, die sich von ihrer Umgebung zu emanzipieren sucht, nur um in die nächste Abhängigkeit zu geraten usw. usf.

Dass das Buch keine melodramatische Wendung nimmt, spricht für das kompositorische Feingefühl Bodo Kirchhoffs; dass er aber seinen Ich-Erzähler, den Rotwein trinkenden, sich selbst bemitleidenden Ehegatten Vigo nicht in den Vordergrund stellt, eher für prätentiöse Augenwischerei. Das Buch handelt von ziemlich verlogenen Charakteren, die sich gegenseitig etwas vorzumachen versuchen, dabei aber zeitlebens scheitern. So lautet auch das Motto des Buches:

Und schließlich schreibt sie auch etwas an Vigo – Was du tun kannst, damit ich zurückkommen. Von dir absehen. Einmal im Leben.

Ja, aber mit wem will sie zusammensein? Mit dem, der von sich absieht. Sehr ungereimt, wie auch Bodo Kirchhoffs insgesamter Versuch, aus der Sicht einer siebzigjährigen Frau zu schreiben, indem er sie durch die Augen eines siebzigjährigen gehörnten Ehemannes betrachtet, der lieber alleine an seinem Buch schreibt, als mit seinem Kumpel Bier zu saufen und ein Schalke-Bundesliga-Spiel zu schauen. Öhem … gewollt, manieriert, unschön geschrieben, aber zumindest mit kompositorisch-perspektivischen Sinn, dem leider sein Gegenstand entgleitet (in diesem Falle, die Frau), da erscheinen ja sogar Martin Mosebachs Die Richtige und Bernhard Schlinks Das späte Leben in einem besseren Licht.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Das Buch hat mir die Freude am Lesen für eine Weile genommen, alles war zäh, langsam, hingezogen, ängstlich, total kontrolliert und unpoetisch. Es wirkte auf mich gekünstelt, entfremdet, ja, widersprüchlich und zwiegespalten, eine sehr problematische Wirkung und vollständiges Fehlen von Fokus
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) zu Zweidrittel ja, zu einem Drittel nein, inkonsequent.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, glaubwürdig schon, Figuren sind realistisch, ohne jede Poesie, ziemlich aus dem Alltag gegriffen
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, auf keinen Fall, gewollt, manieriert, sogar snobistisch.
●stimmig?(Komposition: ja/nein) irgendwie bei den Charakteren stimmig durch die Persönlichkeitsspaltungen und inkonsistenten Verhaltensweisen
●ein zweites Mal lesen? Nein, niemals
–> 1 Stern

Inhalt:
●Hauptfigur(en):
T: Terese Goll, Ende 60, Therapeutin, Spezialistin für Autismus, hat eine Mitte Dreißig Jahre alte Tochter, Ava, einen Ehemann namens Vigo Goll.
V: Vigo Goll, wahrscheinlich im selben Alter, Friedensaktivist, Gründer einer Denkfabrik für Waffenlosigkeit, reist nach Indien zur Recherche, um mit einem Schweizer Drohnenfabrikanten ein Interview zu führen.
R: Rana Walter Panjabi führt ein Guesthouse in Mumbai, hat eine deutsche Mutter, spricht fließend Deutsch und beginnt eine Affäre mit T.
Z: Zlata, eine Ukrainerin, die in der Nähe von Dortmund sich für kriegstraumatisierte Kinder einsetzt, die von V eine Reise nach Indien als Dank finanziert bekommen hat, dass sie ihm für seine Recherche um den Krieg in der Ukraine herum zur Verfügung gestanden hat.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. T im Flugzeug, reist V nach, nachdem er nichts von sich hören gelassen hat.
2. Erzählgegenwart: V als Ich-Erzähler (IE) berichtet von Ts Ankunft in Mumbai, im Panjabis Guesthouse.
3. R, der Besitzer, beeindruckt von Ts Schönheit.
4. Erzählgegenwart: IE, Erzählgegenwart, trinkt Wein, stellt sich die ersten Tage von T vor.
5. R und T treffen sich auf dem Dach des Guesthouses. R schlägt Unternehmungen in Mumbai vor.
6. T geht mit Kappe spazieren, fühlt sich zu R hingezogen. Erlebt Indien.
7. Wieder im Hotel, dann zum Marine Drive, fotografiert eine Prostituierte, die dagegen protestiert (sie werden sich später kennenlernen, Aaranyi).
8. T erfährt, dass V losgefahren ist, zu einem isolierten Strand, in Süd-Goa. R und T gehen essen.
9. Wieder auf dem Dach, Bier und Zigarette.
10. Erzählgegenwart: IE reflektiert über Bissspuren im Buch.
11. Zum Bahnhof, T verabschiedet sich von R. V meldet sich immer noch nicht.
12. T erreicht Koli-Beach nach beängstigender Taxifahrt. V schon wieder abgereist.
13. Übernachtung. Sie lernt den Schweizer-Waffenhändler Geysin kennen, der mit ihr flirtet.
14. Treffen mit dem Schweizer. Bewusstsein als Urwaffe.
15. Abendessen mit dem Schweizer. Zweifelt an ihrem Muttersein.
16. Frühstück. Sie findet eine zerschlagene Muräne. Abschied vom Schweizer, der ihr Koffer den Hang hochträgt.
17. Taxifahrt zum Flughafen.
18. Flug zurück nach Mumbai. Gedanken an Autismus der Tochter.
19. Erster Kuss zwischen R und T. Sein Arabisch erregt sie.
20. Erzählgegenwart: IE über seine Interviews mit einer Ukrainerin (Zlata), keine Affäre, mehr eine sprachliche Verbundenheit.
21. In Mumbai sieht sie V auf der Terrasse des Hotels am Marine Drive. Sie schießt ein Foto von ihm und schickt es ihm. Jemand Fremdes greift T an die Brust.
22. Im Hotel schläft T mit R.
23. Im deutschen Kulturinstitut stiehlt sie sich ein Foto von ihrem Ex-Geliebten Schellenberg, ein Liebestheoretiker und ihr Doktorvater.
24. In Mumbai, streunert herum, interessiert sich für eine Moschee. Lernt die Prostituierte Aarany kennen, von der sie ein Foto geschossen hat, das sie löschen musste. Sie rauchen eine Zigarette.
25. T erhält Nachricht von ihrer Tochter, dass sie etwas Dringendes mit ihnen zu besprechen hätte, mit V und ihr.
26. Nur wenige Tage bleiben (zwei). Sie kauft Glühbirnen fürs Guesthouse ein.
27. Schläft mit R. Er bringt sie zum Flughafen. Wiedertreffen mit V.
28. Erzählgegenwart: IE erhält Anruf von Potthaus, da IE, also V, wieder Single ist wie er. V lehnt Angebote zum Treffen ab.
29. Im Flugzeug, Schweigen, dann Sprechen, Schweigen, wieder Sprechen zwischen T und V.
30. Misslungene Aussprache an Flugzeugtür.
31. U-Bahnfahrt in London. V muss pinkeln, pinkelt in die Ecke.
32. Im Hotel, Annäherungsversuche von V. T gesteht ihre Affäre.
33. Kurzes Treffen mit A, Verabredung zum Treffen zu viert.
34. T und V trinken etwas.
35. Im Hotelzimmer, das zu heiß ist, will V Sex, aber T nicht. V drängt sich auf. Sie versucht ihn mit Nachrichten zu beruhigen.
36. V vergewaltigt T.
37. Beim Frühstück, Versuch der Versöhnung.
38. Sie fahren zur National Gallery. T will alleine sein.
39. Sie fahren zu Harrod’s, um sich einzukleiden. Lassen es aber. Kaufen stattdessen einen Präsentkorb.
40. Treffen bei Fortnum&Mason. Sie fühlen sich fremd und fehl am Platz.
41. A in Begleitung mit Thomas, einem Major, Soldaten, der in Litauen dient.
42. Gespräch am Tisch über den Pferdehof von Thomas Eltern. Beschwerde über den Champagner. Verlobungsring.
43. Gespräch über den Westfälischen Frieden. T im Rückblick. Sie sitzt bereits im Flieger.
44. Erzählgegenwart: IE denkt über das Zweier-Gespräch mit Thomas nach, während T und A auf der Toilette sind, im Powder Room.
45. Rückblick von T auf Gespräch mit A im Powder Room. Unversöhnlich.
46. Verabschiedung. T bricht auf, zurück nach Indien.
47. Im Flugzeug neben einer Influencerin. T hat Angst sich in R zu verlieren.
48. Zurück in Mumbai, trifft sich mit Aarany.
49. R überrascht sie in der Nacht. Sie haben Sex.
50. R schenkt ihr Kreolen, Ohrringe.
51. T nimmt sich ein Buch aus der Bibliothek von Rs Mutter, ein Buch von Annemarie Schwarzenbach (Eine Frau zu sehen). T lässt sich die Löcher für die Ohrenringe von Aarany stechen.
52. R will, dass T ein Tuch von seiner Mutter und die Ohrringe trägt. T weicht aus, fährt zum Marine Drive, zur Dachterrasse, wo sie V gesehen hat, um dort in Schwarzenbachs Buch zu lesen.
53. T lernt eine Ukrainerin kennen, die krault. Verabreden ein Treffen, um zur Elephanta Insel zu fahren.
54. T geht ins Kino, wird dort ekelhaft von einem Inder angemacht, schnalzende Zunge.
55. T will nicht mit R schlafen. R traurig.
56. T vermutet die Ukrainerin sei die Affäre von V.
57. Sie verbringen einen Tag auf Elephanta Island. Dort wird klar, dass die Ukrainerin V kennt, aber keine Affäre mit ihm gehabt hat. Z erzählt, wie sie bei einem Bombenangriff ihre Familie verloren hat.
58. T schreibt Potthaus, dass er nach Schellenberg sehen soll. Sch hat sich nicht gemeldet. Potthaus aber gar nicht in Deutschland.
59. Erzählgegenwart: IE über Ts Telefonnummer, die nicht mehr gültig ist.
60. T erzählt Z von ihrem Schwangerschaftsabbruch. Ein Sohn von Sch, den weder Sch noch V wollten, dann auch sie nicht. T und Z wollen sich wiedersehen.
61. Sie geht mit Aarany Essen, danach übergibt sie sich in einer Gasse. Erinnerungen an ein verkorkstes Weihnachten, als T ein 2500 Jahre altes Gefäß zerdeppert.
62. T krank, verbringt mehrere Tage im Bett (Noro-Virus).
63. Wieder genesen, Telefonat mit Moni aus der Silvestergruppe.
64. R und T haben wieder Sex, nach Ts Schwarzenbach-Lektüre.
65. Stadtrundgang, T schenkt die Ohrringe Aarany. Anruf von V, Sch gestorben. Beerdigung in ein paar Tagen.
66. T reist ab.
67. Ankunft in Deutschland. Telefonat mit A vom Flughafenhotel aus.
68. Taxifahrt mit Syrer aus Aleppo. Glatteis.
69. Trauerfeier. Wiedersehen mit V und anderen.
70. T unterbricht die Trauerrednerin und hält ihre Rede, spielt die Musik „Malafemmena“, Song von Antonio de Curtis, 1951. Song über eine Frau, die für einen Mann schlecht ist.
71. Erzählgegenwart: Überblende, Sicht vom IE auf die Trauerfeier.
72. Gang zum Grab, über Eis, T hält sich an V fest. Geschehnisse Monate her (von Erzählgegenwart aus). V läuft T hinterher, will sie am Einsteigen ins Taxi hindern.
73. Erzählgegenwart: Reflexion über seine Spekulation über T.
74. T lässt sich vom Syrer nach Dortmund zu Z fahren. Wahrscheinlich pflegt sie dort mit Z kriegstraumatisierte Kinder. Am Ende hört sie von Del Shannon „Runaway“.
●Kurzfassung: Eine Ehefrau, die schon oft zuvor fremdgegangen ist, entschließt sich, ihren langjährigen Ehemann zu verlassen und geht dabei den Umweg über Indien.
●Charaktere: (rund/flach) rund, ausgestaltet, auf ihre Weise, keine groben Schnitte, eher feinfühlige Nachzeichnungen, fast zu feinfühlig, fast verwaschen, weichgezeichnet, etwas zu ängstlich.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: das Übergeben, die Viruserkrankung von Terese in Mumbai
●Diskurs: Politik, Krieg, viele Nachrichten, viele News, sehr unverständliche Dinge, die den Zeitgeist auffangen, später kaum noch zu verstehen sind. Bspw. die Pullover-Szene im weißen Haus, das Trump-Selenskyj-Debakel.
… erinnert an Bernhard Schlinks „Das späte Leben“, an Martin Mosebach „Die Richtige“ und alles in allem etwas an Heinrich Mann „Professor Unrat“. Das Buch bleibt zu träge, watschelnd, zu unentschieden. Auch zu klischiert in mancherlei Hinsicht. Am Ende des letzten Drittels nimmt das Buch Fahrt auf, sie im Mumbai, kotzt, hat Sex, lernt Aaranyi kennen. Die besten Szenen im Buch. Daher, wegen der ermüdenden Lektüre:
–> 2 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: der Mann stellt sich seine Frau vor, wie sie sich von ihm entfremdet, er behandelt sie herbei wie eine narrative Marionette, nimmt sich nicht zurück, erfindet als Ich-Erzähler, fährt sich einen Film, sozusagen
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): Situiert, ein paar Wochen nach der Beerdigung, vielleicht April des Jahres, der Ehemann, Viktor, alleine zuhause beim Rotwein und Schreiben.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: wirkt nicht plausibel noch dringlich, irgendwie schläfrig, abgeschlafft, unklar, wie eine narrative Nebelbombe
●Einschätzung: schlimm unentschieden.
–> 1 Sterne

Form:
●Eindruck: schlimm zu lesen, unrhythmisch, unmelodiös, fließt nicht, hakt, schwer zu verstehende Sätze, gewollt verdreht, gewollt unintuitiv hingeschrieben, ästhetisch widerborstig, aber auf wurstige Weise
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) klar in seiner Fiktionalität zu erkennen, dennoch beständig verklausulierte Hinweise auf die Tagespolitik
●Wortschatz: nicht repetitiv, dennoch hier und da gewollt veraltet, gewollt distanzierend.
●Auffälligkeiten: verhakelt, gekünstelt, unecht, kaum lesbar, teilweise, fehlende Verben, gewollt-schnöselige Appositionen und Nachstellungen und Satzstellungen; formalästhetisch für mich eine Tortur, aber auf seine Weise gekonnt
●Innovation: nein, aber er zieht seine Form durch, besitzt eine Sprache, sie besitzt nur keine Glätte, keine Harmonie, keine synthetisierenden Kräfte. Alles zerplatzt.
–> 2 Sterne

Komposition:
●Eindruck: Gelungen. Sie fliegt nach Indien hinterher, trifft ihn dort nicht an. Retardierungsszene: Koli-Beach und der unsympathische Waffenhändler, der Schweizer. Rückkehr und Affärenbeginn (auch durch Retardierung) mit Rana, das Heimische im Fremden (die Sprache der Mutter). Sieht dann ihren Ehemann auf dem Schiff, zieht sich zurück, will sich in die Affäre werfen. Dann aber Unterbrechung durch Tochter, Zwangsreise nach London, Retardierung in der Affäre mit Rana, Möglichkeit für Viktor, wieder einen gemeinsamen Nenner zu finden, aber dann vergewaltigt er sie. Sie flieht nach Indien, will dort bleiben, lässt sich auf Rana ein, lernt Zlata kennen, dann aber die Nachricht vom Tod ihrer großen Liebe, Schellenberg. Wieder erzwungene Reise. Bei der Beerdigung der endgültige Abschied. Sie zieht nach Dortmund, das Fremde im Heimischen.
●Signal/Noise-Ratio: gering
●Operative Geschlossenheit: ja, von seinem Ehe-Code her gesprochen, den Konflikt, die Psyche der Ehefrau, sie will die Sprache, aber die Sprache reicht nicht, und so entkommt sie am Ende der Sprache und zieht nach Dortmund.
●Rahmenstabilisierende Details: ja, Szenerien wirken weitestgehend ausgestaltet
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): auch gelungen, gute Abwechslungen der Orte, Raffungen, Dehnungen, die Längen beim Flug etc … wohlaustariert.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, keine
●Lose Versatzstücke: auch keine
●Reliefbildung: leider erlaubt die Erzählgegenstand kaum Relief. Das Drama, das keines ist.
●Einschätzung: im Grunde sehr gut komponiert, leider ohne Stoff und Plot, und mit zagender Erzählstimme.
–> 4 Sterne

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Volter Kilpi: „Im Saal von Alastalo“

Im Saal von Alastalo by Volter Kilpi

Formalästhetisch überzeugendes Erzählexperiment, dem der Treibstoff ausgeht.

Inhalt: 1/5 Sterne (karg)
Form: 5/5 Sterne (prächtig-hymnisch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (unausgewogen)
Komposition: 3/5 Sterne (ausgedünnt)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (klaustrophobisch)
–> 13/5 = 2,6 = 3 Sterne

Ohne Zweifel handelt es sich bei Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi um ein außergewöhnliches Buch: Es macht die Probe aufs Exempel, nämlich die narrative Entschleunigung bis ins Extrem zu treiben. Knapp sechs Stunden Handlung bedürfen ungefähr um die 60 Stunden Lesezeit – die erzählte Zeit selbst vergeht also ein Zehntel so schnell wie die Erzählzeit. Von der Erzählanlage erinnert Im Saal von Alastalo also an James Joyces Ulysses , der ungefähr einen erzählten Tag über eine größere Erzählzeit hinwegdehnt. Ein anderes Beispiel Mrs. Dalloway von Virginia Woolf erzählt auch von einem Tag, aber in kürzerer Zeit. Beide jedoch kommen an das Zeitlupentempo, das Kilpi anschlägt, nicht heran:

Alastalo weihte also zufrieden seine Jackenaufschläge und ließ im Saal von Mann zu Mann ein freundliches Auge schweifen, was sich der Schafhüter leisten kann, wenn die Herde zahm im Verschlag umherspringt und es nebenan von Mutterschafen wimmelt, willig, sich zwischen die Knie nehmen zu lassen, und zwar so wollig, dass die Schurschere zu beißen hat: Blöken wir auf der Weide alte Geschichten, dann kommt sogar beim Scheren schöner Saft zum Wiederkäuen in den Mund!, dachte er, Alastalo.

Eigentliche Hauptfigur von Kilpis Roman heißt aber nicht Alastalo, sondern Pukkila, der aus einer Knecht-Familie stammend, sich nicht verkneifen kann, gegen die Großkopferten der Gemeinde, Silberrücken wie Langholma und Alastalo aufzubegehren. Er will seinen Sohn an Alastalos Tochter Siviä verheiraten und auch den Großgrundbesitzer Langholma übertrumpfen, gerät aber in Gefahr sich allzu sehr bei diesem Unternehmen zu verschulden. Im ständigen Vergleich (Bauchumfang, Pferde, Schiffsgröße, Kinnlänge etc…) sieht er sich von der Natur benachteiligt und zürnt dieser umso mehr:

Und doch ist Herman neben Efram bloß ein Bub, ein Bub auch nach der Meinung von uns anderen! Es ist gottlos, dass es so sein muss, es wurmt mich selbst, es fuchst mich bis in die Wurzel eines jeden Härchens auf der Haut, dass der eine Mann neben mir einer Wanne gleicht, während ich wie ein Eimer bin, dass mir dort, wo ich gegen Langholma ankommen müsste, die Natur in den Stiefelschaft rutscht und ich bis in die Härchen aus weicher Schafswolle bin, obwohl jede Schuppe meiner Haut wie ein Hammel dagegen anstößt!

Über die Dauer der Erzählzeit erschöpfen sich leider die Sprachspiele und wiederholen sich auch bedenklich (Stichwort: „Bachstelze“). Weder Pukkila noch Alastalo noch Langholma kommen aus ihrer Haut. Eine narrative Dynamik entfaltet sich so nicht. Auch besitzt Im Saal von Alastalo keinen überraschenden Perspektivwechsel wie bspw. Ulysses, als plötzlich Molly Blooms Monolog beginnt und eine Mehrdimensionalität im ehelichen Bett erzeugt.

Was jedoch wirklich bedenklich in Kilpis Roman fehlt, ist die Welt. Der Ostseehandel wird gar nicht beschrieben (setzt aber den Rahmen), vom Schiffsbau und Währungen, vom Handel und Tausch gibt es so gut wie keine Details (das eigentliche Ziel des Romans), und politische Verstrickungen und Rechts- und Zollsysteme finden ebenfalls kaum (wenn überhaupt) eine Erwähnung. Nach dem Lesen eines auktorialen Berichts über den Plan eines Schiffsbaus bleibt die finnische Welt des 19. Jahrhunderts weitestgehend verschlossen – nur die Männer, die Bärte tragen, Pfeife rauchen und sich Anekdoten an den Kopf schmettern, ja von denen und ihrem Bauchumfang weiß ich (vielleicht) nun mehr, doch hinterlässt der Roman bei mir hierdurch ein extremes klaustrophobisches Gefühl.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: insgesamt enttäuschend, hinterlässt fast gar nichts, eine verrauchte, trunklustige Atmosphäre, ein paar Schaukelstühle, Lachen und Brummen, geteilte Unhöflichkeiten, Pfeifenputzen, Bartansabbern, Bartspitzendrehen … Problem: alles läuft auf die schwache Figur von Pukkila hinaus, Pukkila (aus einer Knecht-Familie) will aufsteigen, der große Hecht sein (wie Efram Langholma), eifert Alastalo nach, ohne das Geld, den Einfluss, die Weitsicht zu besitzen und neidet allen und jedem Erfolg, vermag sich aber dennoch stets kurz vor dem finalen Exzess zusammenzureißen. Pukkila jedoch interessiert in seiner Problematik nicht. Es wird nicht deutlich, was worin sein Problem besteht. Kilpis Buch besitzt die richtige Architektur, besitzt aber zu wenig Sprachumfang für die Größe und Länge und zu wenig Wissen für die Breite und Weite. Ich habe zu wenig über die finnische Schifffahrt, zu wenig über den Handel, zu wenig über den Schiffsbau und das Pfeifenschnitzen erfahren (so gut wie gar nichts) – ich habe nur von Interrelationalem gehört (er hat den Größten, dieser den Kleinsten etc…). Ich habe nichts von der Währung, der Wirtschaft, dem Ackerbau erfahren (nur Belanglosigkeiten), nur vom Stolz, von der Ehre, der Inbrunst der Geltungssucht. Ich habe nichts von der Flora und Fauna Finnlands erfahren (außer ein paar Tieren), nur von der Robbenhaftigkeit Alastalos und der Bachstelzenhaftigkeit seiner Tochter.
… eigentlich interessant durch die Erzählanlage, nämlich der Zeitdehnung, für das es ein Paradigma darstellt (Minuten in der erzählten Welt dauern Stunden für das Erzählen), jedoch herrscht eine unfassbare Diskrepanz zwischen Form und Inhalt
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, kein Diskurs, ein eigenes Setting, fest und klar umrissen
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, Figuren besitzen allesamt Schärfe
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, bis es zu Schaumschlägerei wird
●stimmig?(Komposition: ja/nein) nein, kein Konflikt, keine Perspektivierung, kein Telos
●ein zweites Mal lesen? Nein, höchstens Auszugsweise für die sprachliche Form
–> 1 Sterne

Inhalt:
●Hauptfigur(en): Herman Mattsson Alastalo (A), Gastgeber, Ehemann von Eevastiina (E), Vater von Siviä (S), Kapitän.
Seine (wichtigsten) Gäste:
1.) Efram Eframsson von Langholma (L), Gemeindeoberhaupt;
2.) Malakias Afrodite Härkäniemi (H), Geschäftspartner und Nachbar von Alastalo, ledig;
3.) Petter Filemon Pihlman-Pukkila (P), Gegenspieler, Neider von Alastalo, will aber dessen Tochter Siviä für seinen Sohn Ewald, auch Vater von Janne durch eine Affäre mit der Netzfang-Fiina;
4.) Taavetti Taavetinpoika Lahdenperä (LP), Schöffe, Richter und Besitzer eines guten Waldstücks in Vaarniemi;
5.) Eenok Eenokinpoika Karjamaa, geiziger Reeder, Investor, Gläubiger auch von Pukkila;
6.) Mikkel Mikkelinpoika Krookla (MK), reich durch Erbe.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Vorwort: Gang über den Friedhof, was bleibt vom Männerleben übrig
Kapitel 1: As Gäste finden sich nach und nach ein.
Kapitel 2: P mokiert sich über As Sofa, Saal und Teppich.
Kapitel 3: H wählt sich eine Pfeife aus dem Regal aus, loyal zu A.
Kapitel 4: A begrüßt L feierlich entgegen, P erbost.
Kapitel 5: S serviert Kaffee, E Kringel.
Kapitel 6: A zögert Bark-Thema heraus.
Kapitel 7: Anekdote, wie sie mit Rum den Zucker-Zoll überlistet haben.
Kapitel 8: Zweite Zoll-Anekdote, die vor den Engländern fliehen.
Kapitel 9: A spricht die Bark an. L wohlgesonnen.
Kapitel 10: P wirft A Unehrlichkeit beim Handel vor.
Kapitel 11: S serviert das Grogwasser, Gerangel.
Kapitel 12: A trinkt auf die Bark.
Kapitel 13: H erzählt die Erfolgsgeschichte von Villes Albatros.
Kapitel 14: A präsentiert den Bauplan der Bark.
Kapitel 15: L unterschreibt. Streit um S, die den Grog serviert.
Kapitel 16: H rettet die Situation, trägt die Grogkanne zum Tisch.
Kapitel 17: Nach Aufforderung unterschreibt P.
Kapitel 18: MK und andere unterschreiben.
Kapitel 19: LP denkt an Friisi.
Kapitel 20: P mokiert sich über L, während andere unterschreiben.
Kapitel 21: A und L unterstützen Janne zu unterschreiben.
Kapitel 22: P überlegt Evald mit Janne konkurrieren zu lassen, bleibt vernünftig.
Kapitel 23: A reißt P aus der Tristesse, gehen im Kreis. L angeödet. E hält L davon ab zu gehen.

●Kurzfassung: Alastalo lädt die wichtigsten Person und noch andere zu sich ein, um einen Barkvertrag zu unterzeichnen, ein größeres Schiff, um noch mehr Wohlstand für die Gemeinde einzubringen. Erst werden Anekdoten zum besten gegeben (wie der königliche Zoll überlistet wurde), dann wird Grogwasser von E und S serviert, und Kringel; dann wird der Vertrag unterschrieben und dann das Essen serviert.
●Charaktere: (rund/flach) sehr ausführliche Psychogramme
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, da es keinen Plot gibt
●Besondere Ereignisse/Szenen:
… die Erzählung innerhalb der Erzählung von Härkäniemi über den Reeder, der 7 Jahre auf sein Schiff wartet, Ville aus Vaasa und sein Schiff Albatros
… Wutrede von Eevastiina über die Männer, als Härkäniemi sich aufspielt
●Diskurs: –> kein wirklicher Diskurs, höchstens, wie sich Männer denken, männlich sein zu müssen.
… es gibt keinen Konflikt. Der Vertrag wird einfach unterzeichnet. Es gibt nur die Spannung, ob Pukkila sich völlig ruiniert und seinen Sohn Evald gleich mit, oder ob er sich zu beherrschen versteht. Außerdem gibt es den hintergründigen Konflikt, dass Pukkila seinen Sohn Evald mit Alastalos Tochter Siviä verheiraten will, die aber Janne, Pukkilas Bastardsohn vorzieht, der auch noch von Alastalo und Langholma protegiert wird. Pukkilas Plan geht also in die Binsen, weil er sich damals an seiner Magd, der Netzfang-Fiina vergriffen, sich also nicht in Zaum zu halten verstanden hat. Grund für Pukkilas Versagen, der eigentlich Protagonist, Donald Duck, der Veranstaltung.
… für die völlig Abwesenheit jeder Grundproblematik (weder Finanzierung wird problematisiert, noch der Handel, noch der Refinanzierung etc … nichts dergleichen) kann ich für den Plot nur einen Stern geben, weil die Anekdoten teilweise interessant und lustig gewesen sind, besonders die über Ville und Kalle.
1 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: es wird von einer allwissenden Erzählinstanz gestaltet, due den inneren Monolog kennt, nach außen und nach innen changiert, die Zeiten sich überlagern lässt. Im Vorwort erscheint eine Figur, die über einen Friedhof schlendert, könnte die Erzählinstanz mimen, aber unklare Situierung, unklares Interesse, keine Perspektivierung.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nein, eher berichtend, schmausend
●Erzählverhalten, -stil, -weise: belustigt, ehrend, freundlich, feiernd, hymnisch.
●Einschätzung: Die Erzählfigur inszeniert ein Spektakel, wie auf einer Bühne, sehr restriktiv, verwendet die literarischen Möglichkeiten des inneren Monolog, aber die Erzählstimme selbst, so wie sie angelegt ist, müsste größeren Ereignisumfang besitzen wie „Krieg und Frieden“ bspw. Das Ereignis, Unterzeichnung eines Barkvertrages in einer kleinen Gemeinde, erscheint unproportioniert zum erzählerischen Gewicht und zur Erzählanlage, die kosmisch ausgerichtet ist. Schieflage. Der innere Monolog der verschiedenen Figuren überzeugt jedoch sehr. Daher:
–> 3 Sterne

Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad durch gehobene, hymnische, feierliche, teilweise überzogene Sprache.
●Wortschatz: bis zu 40% des Buches überzeugend, überladen, reich und fröhlich, dann zunehmend in seinen Allegorien repetitiv, wie „Bachstelze“, „robbenhaft“ etc … hält der Textmasse nicht stand, überzogen.
●Auffälligkeiten: sehr lange, wohlgeschmiedete Sätze, kunstvolle Allegorien, rhythmisch und melodisch beeindruckend, weitestgehend. In der Sprache, der Form, liegt die Stärke des Buches.
●Innovation: massive Dehnung und Streckung und Überschnörkelung und Hyper-Ornamentalisierung erzeugt poetische Kraft.
–> 5 Sterne

Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: überwiegend Noise, überwiegend Abschweifungen, Wiederholungen, sehr weitschweifige Allegorien, und immer wieder dieselben Problemen von Pukkila.
●Operative Geschlossenheit: es gibt keinen Konflikt, die Situation ist zu eng, die operative Geschlossenheit findet im Konkurrenzkampf zwischen Alastalo und Pukkila statt, aber die beiden Gegner sind leider nicht ebenbürtig, daher keine wirkliche Opposition, eher ein An-die-Wand-Drücken Pukkilas durch Alastalo. Es fehlt der Gegenpol.
●Rahmenstabilisierende Details: die Welt außerhalb des Saales fehlt völlig, und so auch die historischen Wendemarken und Problematiken des Ostseehandels.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): wahnsinnig deskriptiv, ausladend und dekorativ, kaum Tempiwechsel.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, alles bleibt in der Welt der Männer, die Bärte tragen, Pfeife rauchen und Grog trinken.
●Lose Versatzstücke: nicht wirklich, zu eng komponiert.
●Einschätzung: Kilpis Komposition geht auf (als Schema), denn die Versatzstücke erzeugen einen Zug. Zuerst die Anekdote, wie sie gemeinsam, als Gemeinde, den Zoll überlistet haben; dann die Anekdote von Ville, der Geduld bewies, um reich durch sein Schiff zu werden; dann das Unterzeichnen des Vertrages und das Lüften des Problems zwischen Pukkila und Alastalo, dass Alastalo nicht daran denkt, seine Tochter Pukkilas Sohn zu überlassen. Dies bereits vorher schon angedeutet, und Janne, als zukünftiger Schwiegersohn inszeniert, als Janne beim Zoll-Überlisten hilft. Dennoch wirkt das ganze zu eng.
–> 3 Sterne


Jennette McCurdy: „Half his age“

Invulnerabilitätserklärung einer 18jährigen. Wilde, ungeschlachte hypernaturalistische Alltagsstimme.

Inhalt: 1/5 Sterne (vorhersehbar)
Form: 1/5 Sterne (keine)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (überzeugend)
Komposition: 4/5 Sterne (Konflikt-codiert)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (aufgeweckte Ich-Erzählerin)
–> 14/5 = 2,8 = 3 Sterne

In ihrem Debüt-Roman Half his age lässt Jennette McCurdy eine aufsässige Teenagerin auf ihr Publikum los und verschafft dem Genre des Coming-of-Age eine weitere lebhafte, zum Selbstbewusstsein erwachende Frauenfigur, die sich tatsächlich durch den Roman hindurch von Fremderwartungen letztlich zu befreien versteht. Sie stimmt hierin mit Rachel Kushner in See der Schöpfung und Caroline Wahl in Die Assistentin erzählstimmentechnisch überein, indem diese drei, rein erzählpsychologisch betrachtet, auf eine weniger gefallsüchtige, als abgeklärte, die Lücke zur Welt bejahende Ich-Erzählerin setzen. Bei McCurdy klingt das so:

Ich will diesen kleinen Schmerz, das spritzende Blut, den metallischen Geruch. Es ist eklig, aber ich will genau das. Ich will keine Gedichte. Zittrigen Hände. Sehnsüchtigen Blicke. Picknickdecken und Gänseblümchen und Dinner bei gedimmtem Licht. Ich will so viel mehr. Etwas Echteres, Hässlicheres. Ich will gemeinsam mit ihm an einem Ort sein, der so schamlos und widerwärtig ist, dass wir nicht mehr zurückkönnen. An dem wir irgendwie vereint sind. Ich will ein Zeichen auf ihm hinterlassen, das unauslöschlich ist.

Half his age bespielt das Thema Alter Mann-Junge Frau mit allen Klischees, die das „Genre“ so zu bieten hat. Vom Plot her gesehen lässt sich über die vielen kurzen (über 80 Kapitel) hinweg nur gähnen. Story wie Erzählweise verbleiben im Alltagsgeplänkel. Ungeschönt, ungeformt, roh und barsch nudelt besagte Waldo ihre durchweg in Präsens gehaltene, reflexionslose Lebensgeschichte eines Jahres herunter. Fiktionalität gibt es nicht. Phantasie auch nicht. Völlig vom Rädergetriebe der Gegenwart zermalmt verbleibt sie völlig überfordert inmitten der Dinge:

Ich schmeiße meine Zimtschnecke in den Müll, reiße die Packung Sour Patch Kids auf und stopfe mir eine Handvoll in den Mund. Ich renne in mein Zimmer und werfe mich aufs Bett, reiße meinen Laptop auf, um verzweifelt diese Leere zu vertreiben. Sie mit Dingen zu füllen, die mich woanders hintragen, mich aufrichten, in eine Version meines Selbst verwandeln, die leicht und ganz und happy ist, zufrieden mit dem, was sie hat. Die nichts mehr will, weil sie alles hat, was sie je brauchen könnte.

Jugendbuch, Coming-of-Age, brüllen, weinen, Gier nach Leben, nach Sex, nach Begegnung und Wechselwirkung, nach ernsthafter Auseinandersetzung mit dem, was Waldo zu sein oder zu werden versucht – all das verbleibt ziemlich genrehaft klischiert. Nicht jedoch die Erzählfigur selbst, die einen äußerst unwehleidigen, ungeschminkten, heftig naturalistischen und erbarmungslosen Blick auf sich selbst wirft. Dieser Blick erlaubt es Waldo, nach und nach sämtliche Konflikte neu zu bewerten und dementsprechende Konsequenzen für ihr eigenes Handeln zu ziehen. Es handelt sich also um ein leise-lautes Buch der Selbstbestimmung und Invulnerabiltätsbekundung, denn am Ende, so erschien das zumindest mir, bleibt der Eindruck zurück, dass Waldo krass durchs Leben gehen wird und keiner ihr so schnell das Wässerchen wird reichen können. Diese Positivität sich selbst gegenüber fand ich sehr überzeugend. Den Roman, den Half his age darstellen soll oder will, aber nicht.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Zuerst hat mich die simple Sprache genervt – es besitzt kaum formal-ästhetisch gesehen nennenswerte Qualitäten. Kaum Deskription. Keine sprachliche Atmosphäre, keine wirkliche Situierung der Figuren. Alles bleibt extrem abstrakt – abgezogen, schematisch, schablonenhaft. Dann aber, nach längerem Lesen ergibt die Figur als nebulöse, schwebende Erzählerin Sinn durch Komik, durch etwas Slaptstickhaftes, etwas Unzerstörbares. Waldo erscheint nach und nach als eine Art Rabauke, die durch die Welt zieht, mit ihrer Mutter abschließt, die Männer durchwandert, sich nichts anhaben lässt. Sie hat eine Art transzendentes Verhältnis zur eigenen Physis, insofern wirkt das Buch zurecht filetiert, unnahbar, maskiert – sie schiebt zwischen sich und der Erfahrung eine massive Kluft, diese Kluft bleibt spürbar und lässt das Geschehnis an ihr selbst vorübergleiten als Epiphänomen. Niemand kann Waldo etwas anhaben. Insofern hat das Buch wenigstens eine richtige Heldin, obgleich in einem sehr unterbestimmten Szenario.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) kaum fiktionalisiert, sehr dicht an Realität, weder formal noch narrativ gebrochen, kaum verständlich jenseits des Diskurses
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, als Teenagerstimme ziemlich glaubwürdig
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) absolut nicht, es handelt sich nicht um ein ästhetisches Gebilde
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, als Ich-Erzählerin
●ein zweites Mal lesen? Nein, dafür gibt das Buch zu wenig hin. Aber als dritte Stimme, neben Kushner, Caroline Wahl, eine interessante Invulnerabilitätserzählerin.
–> 4 Sterne

Inhalt:
●Hauptfigur(en): Waldo (W), 17 Jahre, wird 18 im Laufe des Jahres, in welchem sie die Highschool abschließt. Verkäuft BH bei Victoria’s Secret, lebt mit ihrer wilden Mutter allein, eher prekär, weiße Unterschicht.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) W hat Sex mit Randy, Randy macht Schluss, ihr macht’s nichts aus. Ihr Mutter hat ihr gesagt, sie sei schwer zu lieben.
2.) W kommt nach Hause, ihre Mutter ist nicht da, bei ihrem Freund Tony. W shoppt im Internet, verschleudert ihr ganzes Geld.
3.) Korgy, ihr neuer Lehrer für kreatives Schreiben, bekennt sich als Versager, um seine Schüler zur Aufrichtigkeit zu motivieren.
4.) Eine Kundin bei Victoria’s Secret fragt sie, ob sie weiß, was sie wert sei. W bejaht die Frage.
5.) Zuhause, wieder allein, shoppt sie weiter.
6.) Sie verguckt sich in der nächsten Stunde in Mr. Korgy, und will auch seine ekligen Seiten kennenlernen.
7.) Frannie, ihre beste Freundin, ist entsetzt darüber, dass W mit Randy Schluss gemacht hat, ohne ihr davon zu erzählen. Frannie stammt aus einer Mormonenfamilie. W fühlt sich wie ein Wohltätigkeitsprojekt von ihr.
8.) W liest in Korgys (K) Unterricht aus ihrem Text vor. Er ist begeistert. W schließt sich auf Toilette ein und masturbiert über Ks Instagram-Feed.
9.) W schreibt, um K zu beeindrucken.
10.) Mitte Oktober, K sucht Gespräch mit W. K attestiert ihr eine starke Stimme.
11.) Zuhause, Tony hat mit ihrer Mutter Schluss gemacht. Mutter am Boden zerstört. Mutter schlägt den lang gehegten Plan eines Roadtrips nach Seward vor.
12.) W stellt sicher, dass K kein Wohltätigkeitsprojekt in ihr sieht. Er beteuert, dass er Respekt vor ihr hat.
13.) Zuhause, Tony und ihre Mutter wieder zusammen.
14.) K sucht W bei ihrem Job auf und lädt sie zu sich und seiner Familie ein.
15.) W stylt sich für den Besuch auf.
16.) W lernt Gwen und Gregory kennen. Unterkühlter Besuch.
17.) W gibt K ihre Telefonnummer.
18.) K ruft sie während Thanksgiving an, das sie bei Frannies Familie verbringt. K unglücklich damit, dass Gwens Eltern ihn ablehnen.
19.) Black Friday. Mutter besucht sie.
20.) K und W gehen spazieren. K sieht W im College. Ihre Mutter sagt, das sei nur eine Falle. K und W treffen sich wieder. K spricht vom Tod seiner Schwester. Sie kommen sich näher. W küsst ihn, K lehnt ab. W entsetzt.
21.) W und K sprechen über den Kuss. K wird nichts sagen, will sich aber nicht auf W einlassen.
22.) Tony und ihre Mutter sind zuhause. Tony geht sofort wieder. Mutter unterwürfig.
23.) W donnert sich für nächste Stunde auf, aber K nicht da – ein Mr. Condren gibt seine Stunden, sagt Ks Namen falsch.
24.) W und F im Zoo. Ein Elefanten scheißt und bleibt gerne für sich.
25.) Auf dem Winterball lernt W Nolan kennen. Sie schleicht in Wehmut zum Zimmer von K und findet ihn dort zu ihrer Überraschung auf. Er musste zur Beerdigung seines Vaters. W drängt sich ihm auf, reibt sich auf ihn, bis er kommt.
26.) Frannie, ihr Freund Tristan und W fahren vom Winterball zurück. K schreibt im Chat W, dass sie reden müssten.
27.) W und K treffen sich. W beteuert, sie will nur eine Affäre, keine Beziehung. K entsetzt, aber schwach.
28.) K will W nach einer Pokerrunde mit Freunden sehen.
29.) K besucht W bei ihr Zuhause. Sie schämt sich für ihre Wohnung, erinnert sich, wie Frannie damals geschaut hat. Sie haben das erste Mal Sex miteinander. W glücklich.
30.) W geht’s gut. Sie macht einen Workout-Clip auf YouTube mit.
31.) W und K chatten. K will ihr Kultur näherbringen.
32.) W und K verbringen Zeit miteinander, aber auswärts. Sprechen von ihren familiären Hintergründen. W von ihrem Trailerpark-Leben.
33.) Mutter und W bei Denny’s. W liebt Ks Nachrichten.
34.) W und K haben ein Date und versuchen ihre Affäre mit der bald beginnenden Schulzeit zu vereinbaren.
35.) Schulbeginn. Sie treiben es in der Besenkammer und werden fast erwischt.
36.) Während W K oral befriedigt, ruft seine Ehefrau an. W unterdrückt Eifersucht.
37.) K muss kurzfristig den Geburtstagsausflug von W zum Beluga Point absagen. Dann sagt er doch zu. Sie fahren.
38.) K gibt ihr Tipps, sich kulturell zu bilden, Kinofilme. Sie verbringen ein Picknick miteinander.
39.) Frannie merkt etwas. W verheimlicht ihre Affäre, die ihr aber immer schwerer fällt wegen Ks Familienleben.
40.) K besucht W bei der Arbeit. Sie haben während der Mittagspause Sex. Ws Eifersucht auf Gwen wächst.
41.) Das dritte geplante Date nach Alyeska. K muss wegen eines Streites mit Gwen absagen.
42.) Im Restaurant entschuldigt sich K, aber wieder ruft G an. W unterdrückt ihre Wut. Sie werden von der Kellnerin für Vater und Tochter gehalten.
43.) K muss für sechs Nächte verreisen, in den Frühlingsferien. Er verspricht E-Mails zu schreiben.
44.) W wartet auf eine Nachricht, erhält keine. Sie ruft ihre Mutter an, die Zeit mit Tony verbringt.
45.) Ein Arbeitstag bei Victoria’s Secret, eine Kundin beschwert sich.
46.) Sie bricht bei W ein und treibt es mit Ks Jean Paul Gaultier Parfümflasche.
47.) K macht nach der Reise Schluss.
48.) W erzählt die Sache mit K Frannie. Sie weint vor ihr.
49.) W schiebt Frust, zieht sich Reality-TV Shows rein.
50.) K zeigt ihr in der Schule die kalten Schulter.
51.) Nolan spricht sie wieder an. Sie verabreden sich.
52.) Erster Kuss mit Nolan.
53.) Double-Date mit Frannie und Tristan. W sieht K im Restaurant. W geht auf die Toilette und masturbiert mit Chili-Cheese-Fingern.
54.) W stalkt K, parkt vor seinem Haus, frisst Chips.
55.) K warnt W, dass sie durch seinen Kurs rasselt, wenn sie sich weiter keine Mühe gibt. W hält das für eine leere Warnung.
56.) Nolan und W haben Sex in Nolans Star-Wars-Zimmer.
57.) Auf einer Party am See haben Nolan und W Sex. Nolan benimmt sich respektvoll.
58.) W donnert sich auf für Nolan. Sie gehen auf einen Ball.
59.) Auf dem Ball sieht sie K.
60.) W und K haben Sex auf der Toilette.
61.) Nolan und W trennen sich. Nolan spürt, dass W nicht voll für ihn da ist.
62.) Am Tag danach am Beluga Point. W und K kommen wieder zusammen.
63.) W graduiert.
64.) W muss sich wieder zurückhalten, auf K warten.
65.) W wird immer wütender über die Situation.
66.) K ruft W spontan zu sich. W menstruiert. Sie haben Sex. K gibt ihr mit seinem blutverschmierten Penis Ohrfeigen. Plötzlich erscheint Gwen. W versteckt sich und blutet auf dem Boden. K entzieht sich Gwen. W kann unentdeckt entwischen.
67.) W beendet die Affäre.
68.) K lässt nicht locker, schreibt ihr Nachrichten, spricht ihr aufs Band, dann verspricht er ihr, seine Familie für sie zu verlassen.
69.) Er verlässt Gwen. Sie treiben es in einem Captain Cook Hotel.
70.) Sie verbringen die erste Nacht als Paar.
71.) Sie verbringen den Tag und haben sich schnell nichts mehr zu sagen.
72.) Sie ziehen um in ein schäbiges Motel.
73.) K gesteht W seine Liebe. Sie schauen 1940er Jahre Filme.
74.) K schreibt wieder, sitzt inmitten seiner Habseligkeiten, ist nun ausgezogen von Zuhause.
75.) W kommt nach Hause. Die Mutter hat geputzt und ist einer Selbsthilfegruppe für Liebessüchtige beigetreten, hat eine Sponsorin, um über Tony hinwegzukommen. Mutter erzählt von der Suchtgruppe.
76.) K zieht in ein Loft und schreibt. Empfiehlt W Don Quijote und Unendlicher Spaß. Hängt ein Clockwork Orange Poster auf.
77.) Beim Cookie-Backen hat W keine Lust auf Sex. Der Alltag gestaltet sich als schwierig.
78.) W beginnt wieder Online zu shoppen.
79.) W beginnt sich vor K zu ekeln.
80.) W zögert Wiedersehen heraus, K engagiert, aber W sagt ab.
81.) Mutter immer noch gewillt, ihr Leben selbst auf die Reihe zu bekommen, verspricht Tour nach Seward.
82.) K betrunken, das Schreiben läuft schlecht. Er will mit ihr über ihre Zukunft reden. Das Clockwork Orange Poster hält nicht.
83.) Frannies Abschiedsparty. Tristan geht auf Mission. Sie wollen schnell heiraten und viele Kinder. Sie geht aufs College. W fühlt sich entfremdet. Beide gehen im guten auseinander.
84.) K gibt seinen Roman auf, säuft.
85.) K gibt sich Mühe, lädt W zu einer Reise nach Hawaii ein, macht eine Schnitzeljagd daraus.
86.) Auf dem Flughafen warten sie. W geht auf Toilette, wo ihr übel wird. Sie entscheidet sich spontan wegzugehen, nicht mit K zu verreisen.
87.) Zuhause erwischt sie die Mutter, wie sie sich wieder Tony hingibt, all ihre guten Vorsätze über Bord geworfen hat. Statt auszurasten, bleibt sie ruhig und geht.
88.) W fährt nun allein, ohne Frannie, K oder ihre Mutter nach Seward.
●Kurzfassung: Waldo befindet sich in einer Krise, und zwar mit ihrer Freundin Frannie, mit ihrem Typen Randy und ihrer Mutter. Zuerst serviert sie Randy ab, dann verliebt sie sich in ihren Kreatives-Schreiben-Lehrer Korgy, der sie abserviert, dann aber wieder zurückwill, also serviert sie den Zwischenfreund Nolan ab, aber Korgy stellt sich doch als der Loser heraus, der er auch zugibt zu sein, also serviert ihn Waldo am Ende doch ab, und dann gibt sie auch ihre Mutter und ihre Mormonen-Freundin Frannie den Laufpass und fährt los in eine ungewisse, aber selbstgewählte Zukunft.
●Charaktere: (rund/flach) Waldos Psyche schlägt ein paar Salto-Mortale, bleibt aber nachvollziehbar. Alle anderen erscheinen eher dürftig ausgeschnitzt.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Tatsächlich erschließt sich die Freundinnen-Erzähllinie mit Frannie nicht wirklich. Besuch bei Korgys Familie auch nicht. Nolan als Charakter auch ziemlich überflüssig, Randy auch. Gwen, Korgys Ehefrau, völlig ungestaltet, schattenrisshaft.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Menstruationsblutung beim Sex und Bluten auf dem Teppich, als sie sich im Schrank versteckt. Und als Waldo bei Korgys einbricht und Sex mit seiner Parfümflasche hat.
●Diskurs: Aussehen, Frauen, Liebessucht, Coming-of-Age.
… erfüllt vieles nicht – keine Fiktionalität, eher das Gefühl von einer Reality-TV Show!! Insgesamt vom Plot äußerst vorhersehbar mit ein paar Schockmomenten (Käsegeruch, Chili-Cheese-Finger, Menstruationsbröckchen, Penis-Blut-Ohrfeigen). Der Plot selbst konnte nicht begeistern. Die Story hierzu, ein Loser-Mitte-40er hält nicht, was er verspricht…
–> 1 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: äußerst naturalistisch gehalten, gewinnt über die Länge aber Plausibilität, bis sie überzeugt, als Waldo anfängt zu existieren, eben eine Erzählerin, die sich nicht ins Bockshorn jagen lässt von Hochkultur, Prätention, Selbsthilfegruppe und Fürsorger-Attacken christlicher Nächstenliebe. Sie ist kein Wohlfahrtsprojekt, und der Text besteht daraus, wie sie völlig zu sich findet, als Erzählerin, als junger Mensch, frech, tollkühn und heroisch unbesiegbar, so gibt sie sich zumindest.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): keine Reflexion, aber situiert und perspektiviert, durchweg konsequent in Präsens erzählt.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: dreist, frech, abgeklärt.
●Einschätzung: Als Erzählhaltung überzeugend.
–> 4 Sterne

Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) keine ästhetische Brechung, eher Alltagssprache und Alltagsthemen, die sich im Diskurs der Schönheits- und Modeindustrie verlieren.
●Eindruck: Formal gesehen nicht der Rede wert.
–> 1 Stern

Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: wenig Überflüssiges, ja, und im Sinne eines psychologischen Crescendos überzeugend. Das etwas wuselige Erzählich findet nach und nach zur Stärke, gibt nicht auf, setzt sich durch, und zwar durch die Ablenkung der Mutter, der Freundin, des Freundes hindurch, also Abhängigkeitsverhältnisse durchschreitend, in diesem Sinne auch kompositorisch überzeugend.
●Operative Geschlossenheit: ja, Code: Emanzipation, operativ mit dualistischen Verhältnissen durchexerziert und am Ende durchschritten, als Unabhängigkeitserklärung. Die drei Linien, Mutter/Freundin/Freund gehen durch Hoffnung/Enttäuschung/Hoffnung/Trennung, also sehr konsequent.
●Rahmenstabilisierende Details: leider keine, Anchorage als Ort funktioniert nicht und ist beliebig. Anchorage existiert gar nicht, könnte jeder andere Ort in den USA sein.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): problematische Dynamik, da oft eintönig, mit dennoch steigender Bewusstseinskurve
●Extradiegetische Abschnitte: nein, gar nicht.
●Lose Versatzstücke: Randy, Nolan, die Typen spielen keine Rolle bei Waldo, auch Tony nicht, der Freund der Mutter.
●Reliefbildung: zu wenig.
●Einschätzung: Besitzt sehr viele gelungene Aspekt in der Codierung und der systembildenden Formung, leider aber besitzt das Werk gar keine Fiktionalität und keine Ästhetik.
–> 4 Sterne

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Slata Roschal: „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt“

Dadaistisch-lyrisches Verlangsamungsbestreben einer bedeutungsüberfrachteten Lebensrealität.

Nach 153 Formen des Nichtseins und Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten bringt Roschal nun einen Gedichtband namens Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt heraus, eine intuitiv verständliche Entwicklung, denn ihre Prosatexte erscheinen weniger autofiktional oder fiktionalisiert als dichterisch-rhythmisch geschlossen. Der atmosphärischen Stimmigkeit lässt sie nun mittels des dadaistischen Selbstverständnisses, das Sprache sich selbst zu regulieren habe, in ihren Gedichten freien Lauf:

Männer horten unter dem Tisch Nistmaterial demonstrieren
Ihre geringe durchschnittliche Lebenserwartung
Sie sind zu wenige um miteinander froh zu sein
Mein Rouge besteht aus Roter Beete
Ich schreite en passant und tue deutsch
Gerade werden viele Kinder auf Bahnhöfen geboren

Diese Art Schreiben funktioniert assoziativ. Die Poesie treibt bestimmte Wörter zusammen, aus denen überraschende Querverbindungen hervorgehen. Roschal betreibt eine Art surrealistisches Traum-Aufschreib-System: Sätze schließen nicht; Wörter werden erfunden; Deiktika erhalten nebulöse Bestimmtheiten. Im Zitat, bspw., wird „gerade“ in „gerade werden viele Kinder auf Bahnhöfen geboren“ völlig von der Semantik des Restgedichtes entkoppelt und mit einem seltsamen Humor quergelesen, denn das, worauf sich diese Aussage bezieht, kann unmöglich zeitlos noch zeitgebunden sein, zumal das pointillistische „gerade“ nicht so recht zum Prozesses des Gebärens passen will.

Die Wäsche riecht nach fremdem Wohnsitz neu oder mit Perwoll gewaschen
Ich unterdrücke nicht mehr das Verlangen zu sagen was ich denke
Die Mine bricht und zieht sich durchs Gesicht nun ist Ein Auge rot und eines violett

Die scheinbare Einfachheit solchen Dichtens besteht in der suggestiven Kraft der Sinnentriegelung. Roschal bleibt zentriert, spricht aus einem selbstkritischen, aufmerksamen Ich heraus und lässt alles miteinander in Interferenz geraten. Die poetische purifizierende Dynamik, die hieraus entsteht, erinnert an eine Colette Peignot alias Laure in ihren Gedichten, oder an die Dadaistin Emmy Hennings in Die Letzte Freude. Die Wörter überraschen. Die Aussagen verschlieren sich. Die Überforderung wird sichtbar und verarbeitet sich als Sprachstrudel. Hieraus ergibt sich aber eine poetische Wachsamkeit gegenüber Kurzschluss-Aussagen, die bei Slata Roschal dadaistisch überbetont geläutert und vermittelt werden, sodass sich das lyrische Ich einen Freiraum gegen die bedrängende soziale Realität erkämpfen kann.

Trotz aller diffusiven Bedeutungsgehalte bleibt so der melancholisch-zögerliche Ton Roschals, der schon ihren Prosatexten eine überraschende Geschlossenheit verleiht, auch hier erhalten. Die Kunst liegt hier darin, es leicht erscheinen zu lassen.


Walter Benjamin: „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“

Die Idee der immanenten Kritik der Kunst als eines Reflexionsmediums

Benjamins Dissertation Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik erschien 1920 und beinhaltet bereits die wichtigsten Komponenten des späten Benjamins, der mit den geschichtsphilosophischen Thesen das Kontinuum des falschen Bewusstseins zu sprengen gedachte, seines Zeichen aber Angst vor dem jubelnden Missverständnis verspürte und vieles unpubliziert ließ. Um Benjamin ranken sich zwar Mythen, Hoffnungen, die um das Spannungsfeld messianischer Marxismus kreisen, von den politischen, meist subversiv unterstellten, Aspekten aber abgesehen, hält Benjamin in seiner Tätigkeit als Kritiker, als Leser, als Rezensent und Übersetzer stets aufs Neue provozierende und aufrüttelnde Einsichten bereit. All dies versammelt er bereits in seinem Grundlagentext über den Kunstkritikbegriff der Frühromantiker, namentlich über die Ästhetik von Friedrich Schlegel und Novalis:

Es ist klar: für die Romantiker ist Kritik viel weniger die Beurteilung eines Werkes als die Methode seiner Vollendung. In diesem Sinne haben sie poetische Kritik gefordert, den Unterschied zwischen Kritik und Poesie aufgehoben und behauptet […]

Um zu dieser Rekonstruktion zu gelangen, durchforscht Benjamin die Paradoxie des frühromantischen Denkens, das neben der ersten Stufe (Reflexion) und der zweiten (Selbstreflexion) noch eine dritte kennt, nämlich ein Denken, dass das Denken des Denkens denkt. Hier entsteht ein suspendierter Übergang zwischen Objekt und Subjekt, denn das Denken der dritten Stufe vermag zwischen dem Denken über das Denken des Denkens und dem Denken des Denken über das Denken zu oszillieren. Mit anderen Worten, die Reflexion reflektiert über den Gegenstand der Selbstreflexion oder die Selbstreflexion reflektiert sich im Gegenstand. Diese Schwebung erlaubt eine Transposition im medialen Prozess der Kunsterkenntnis. Kunst wird ein Reflexionsmedium der symbolischen Formen:

Die Idee der Kunst als eines Mediums schafft also zum ersten Male die Möglichkeit eines undogmatischen oder freien Formalismus, eines liberalen Formalismus, wie die Romantiker sagen würden. Die frühromantische Theorie begründet die Geltung der Formen unabhängig vom Ideal der Gebilde.

Von hier aus nun entfesselt Benjamin die Möglichkeit einer immanenten Kritik, die es zum Ziel hat, die Idee eines Kunstwerks hinter seinen Zeichen aus den Zeichen heraus zu lesen, um auf diese Weise das Kunstwerk in seiner ihm gemäßen Form als Reflexionsmedium eines infiniten Progress und Regress erscheinen zu lassen, also als in symbolische Formen gebanntes dynamisches Gleichgewicht. Diese Idee der Kunstkritik führt Benjamin dann später an Einzelwerken wie die von Charles Baudelaire oder von Johann Wolfgang Goethes Wahlverwandtschaften durch, bevor er sie auf den geschichtlichen Prozess selbst anwendet in seinen Geschichtsphilosophischen Thesen.

Die Idee aber einer immanenten Kritik, die nicht diskursiv-ideologisch argumentiert, sondern aus dem Kunstwerk selbst die Mittel seiner Kritik entnimmt, als Idee von sich selbst, sprengt zumindest, in jedem Fall herkömmliche Methoden der Kunst- und Kulturkritik, indem sie das Identitätspolitische als der Kunst Fremdes dekuvriert.


Pascal Mercier: „Der Fluss der Zeit“

Zeit und die Spuren von ihr im eigenen Leben: kurze Episoden.

Inhalt: 3/5 Sterne (Alter und Zeit)
Form: 3/5 Sterne (reflexiv-erzählt)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (nachdenklich)
–> 9/3 = 3,0 = 3 Sterne

Mercier wurde vor allem bekannt durch Nachtzug nach Lissabon, als literarische Verarbeitung seines Buches über die Freiheit des Willens. Die Bücher bedienen ein gewisses Reflexionslevel, ohne aber die formalästhetischen Grenzen des ungezwungenen Erzählens anzutasten. Ihn zeichnet eine gewisse Unaufgeregtheit aus, die besonders in seinem kleinen posthum-veröffentlichten Erzählband Der Fluss der Zeit zur Geltung kommt:

Ich machte das Fenster auf und sah in die leere Gasse hinunter. Aus der Kneipe gegenüber war Gelächter zu hören. Ich nahm den Schlüssel, den mir Schweikerts gegeben hatten, ging leise hinaus und betrat die Kneipe. Der Raum selbst hatte sich kaum verändert, aber die Tische und Stühle waren neu, und ich war verblüfft, dass ich die Veränderung nach der langen Zeit sofort sah. Ich setzte mich in eine Ecke, bestellte einen Wein und sah den Leuten zu. Zwei alte Männer meinte ich von früher zu erkennen. Ich war damals nicht oft hierhergekommen, Kneipen dieser Art habe ich nie gemocht. Ab und zu streifte mich jemand mit seinem Blick, und einer prostete mir zu. Ich hatte keine Ahnung, was ich hier machte. Mehr und mehr kam mir mein ganzes Unternehmen abstrus vor, und ich zahlte bald.

Seine Erzählweise erinnert stark an Christoph Heins Der Tangospieler oder Der fremde Freund. Sie verzichtet auf jede Emphase, auf jedes Ornament. Sie dröppelt und träufelt und schwebt durch ihren selbstgestifteten Raum, aber transportiert dadurch eine träge, sattsam sich ihrer selbstgewisse Melancholie, die aus dem Hier und Jetzt nach Antworten sucht, aber keine findet, weder in sich noch in den Beziehungen zu anderen. Mercier schreibt im Sinne eines Cees Nootebooms, eines Christoph Heins über Einzelgänger, traurige Schattengestalten ihrer Selbst, die ihr Leben verfehlen, sich im Verfehlen aber irgendwie wohlfühlen und bleiben, wohin es sie nun einmal getrieben hat.

Die Frau war aufgestanden und ging, hastig rauchend, im Korridor auf und ab. »Glauben Sie, dass wir, der Junge und ich, uns aus seinem Leben hätten zurückziehen sollen? […] Jemand tritt in das Leben eines anderen und bleibt dann darin. Bleibt einfach. Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Wissen Sie, was ich meine?«
Ja, sagte ich, ich wisse, was sie meine. Ich wagte nicht hinzuzufügen: Ich habe nie jemanden länger als acht Tage in meinem Leben ausgehalten. Die Frau setzte sich wieder aufs Bett und versank in Schweigen. Sie versank so tief, dass ich Angst hatte, sie könnte darin verloren gehen und nie wieder zurückkommen.

Die Figuren von Mercier immunisieren sich durch ihre Einsamkeit. Diese erlaubt Entschleunigung und Entzauberung, aber auch ein gewissen kleinodisches Erzählen, das hier und da eine Authentizität besitzt, die etwas Großväterliches, aber auch Überzeugendes, ja Direktes und Eindringliches erhält. Leider verbleiben die Bücher von Mercier, wie auch dieses, lediglich am Rand eines psychologischen Problems. Sie lassen sich nicht fallen. Sie halten eine Pose aufrecht, und diese Maske bewahrt die Sprache davor, wahrscheinlich das Gesicht zu verlieren.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: angenehme, unanstrengende Lektüre, gemäßigt, gedämpft, lau, und etwas meditativ, hochgradig deeskalierend, jede Intensität vermeidend, aber fließend-flüssig mit der Zeit und der Erzählung rollend. Besitzt überhaupt kein Widerstandspotential.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, die Erzählungen wirken wie Erinnerungen
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) na ja, geschmeidig geschrieben, aber eher konventionell
●ein zweites Mal lesen? Wahrscheinlich nicht.
–> 3 Sterne

Inhalt:
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: 5 Erzählungen, die unabhängig voneinander sind.

Die Übergabe: Ein Ehepaar nimmt die Schlüssel eines ältlichen Hausbesitzers, Karl Prager, entgegen, der als Restaurator in diesem Haus gewirkt und sein ganzes Leben verlebt hat. Da seine Tochter kein Interesse an der Weiterführung seines Geschäfts gehabt hat, seine Frau verstorben ist, die Tochter woanders wohnt, verkauft er das Haus und geht von dort aus direkt ins Pflegeheim. Offenkundig fällt ihm der Abschied schwer. Das Ehepaar verfällt in eine gewisse Tristesse, zumal er trotz Verabschiedung immer wieder kommt. Höhepunkt, als Prager seine Pfeife holt, diese aber vor ihren Augen ins Gebüsch wirft, als letztes Zeichen, dass er aufgibt, auch das Rauchen, scheinbar den ganzen Lebenswillen. – Seltsame Sache mit der Weihnachtsdeko, und er behält einen Satz Schlüssel, wie sie feststellen.

Die Wohnung: Ein Ich-Erzähler freundet sich mit einem Pianisten an, Luca Gasparin. Mit seiner Frau haben sie ein Konzert besucht. Wenige Wochen später lernt er ihn auf der Geburtstagsfeier einer Vera kennen. Luca hat sich an der Hand verletzt und wirkt melancholisch. Eine Freundschaft beginnt. Als Luca aus der Wohnung geschmissen werden soll, falls er die Wohnung nicht selbst kauft, kauft das Ehepaar für ihn die Wohnung und überschreibt sie ihn großzügig. Er kann sein Glück nicht fassen, aber eine Distanz stellt sich nun zwischen den Gönnern und ihn ein. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass er die Wohnung wieder zurückgibt und für das Wohnen Miete zahlt, zum Glück hat sich seine Hand erholt und er kann mit Filmmusik wieder Geld verdienen. Dem Pianisten war die innere Freiheit lieber als die äußere, Dankbarkeit für eine Wohnung verspüren zu müssen, die ganze Zeit. Am Ende treffen sie sich zum Schachspielen, wieder auf Augenhöhe, nachdem Luca die Miete gezahlt hat.

Warten auf den Befund: Ein Deutschlehrer hat mit dem Rauchen aufgehört. Kurze Zeit später hat sich ein hartnäckiger Husten eingestellt. Der Arzt führt eine Bronchoskopie durch, um einen Befund zu erstellen, zur Sicherheit. Der Lehrer fürchtet sich sehr, redet mit seiner Ehefrau, von der er getrennt lebt, redet mit seinem Sohn, der in der IT arbeitet, redet mit seiner Tochter, die sich über ihr Leben beklagt, fährt mit seiner Frau nach Paris. Doch stets begleitet ihn die Sorge um den Befund. Immer wieder wird alles durch das über ihn hängende Damoklesschwert gedämpft, bis sich am Ende herausstellt, dass es keine Auffälligkeiten gibt.

Tödlicher Lärm: Ein Nachbar in einem italienischen Ferienort springt vom Balkon in den Freitod, ohne offensichtliche Fremdeinwirkung. Er bezeugt, dass die Ehefrau mit dem Sprung nichts zu tun hat, und erfährt nun von dieser die Leidensgeschichte des schwer am Lärm leidenden Mannes. Sie hat ihn kennengelernt und sich ihm angeschlossen, weil er so groß und stabil erschien, Wilhelm, „ein Koloss“. Sie hat aus der ersten Ehe ein Kind mitgebracht, aber Wilhelm und der Sohn kamen nie miteinander aus. Wilhelm wurde zudem immer geräuschempfindlicher. Der Sohn nutzt diese Schwäche aus, quält den Vater, der sich im Gegenzug über das Stottern lustig macht. Als die Situation im Italienurlaub eskaliert, stürzt sich der Koloss lieber aus dem Fenster als auf den Jungen.

Noch einmal die Mansarde: Ein Linguist besucht seine alte Studentenschaft, soll zu einem Vortrag eines Konkurrenten, der seine Thesen angreift. Statt sich der Debatte zu stellen, vertrödelt er seine Zeit und geht durch die Straßen, hängt seinen Studentenerinnerungen nach, wie ins Kino ging, wo er wohnte, bis er tatsächlich die Vermieter seines alten Studentenzimmers besucht, mit ihnen speist, und kurzerhand auch dort übernachtet. Er merkt aber, dass er die Zeit nicht zurückholen kann, wird nostalgisch, desillusioniert. Eine Entzauberung fand statt. Die Situation lässt ihn nicht los, also schreibt er sie auf.

–> 3 Sterne

Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) Mercier schreibt leichte Prosakost, wenig Konzentrationsaufwendung nötig, sehr eingängige und gefällige Sprache, wenig Bombast, kein Experimentieren, sehr eng gestrickt im Erwartungshorizont. Fiktional durch das Erzählte, nicht das Erzählen. Keine formale Abgrenzung direkt.
●Wortschatz: eher konventionell
●Type-Token-Ratio: 0,17 abwechslungsreich, geschliffen (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 11,8 – Median 10 – STAB 7,4
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 85% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 661 Wörter.
●Auffälligkeiten: keine
●Innovation: keine
–> 3 Sterne

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Tezer Özlü: „Suche nach den Spuren eines Selbstmordes“

Suche nach den Spuren eines Selbstmordes by Tezer Özlü

Reise am Rande der Einsamkeit – Flucht und Todesverarbeitung.

Inhalt: 3/5 Sterne (Selbstvergegenwärtig – langatmig)
Form: 4/5 Sterne (rhythmisch-ozeanisch)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (intensive Todesauseinandersetzung)
–>12/3 = 4,0 = 4 Sterne

Nach Die kalten Nächte der Kindheit, das hauptsächlich im poetisch-autobiographischen Stil gehalten ist, montiert Özlü in Suche nach den Spuren eines Selbstmordes eine weitere Ebene in den Textfluss: eine Reise von Hamburg über Prag, Triest nach Turin, um einerseits Italo Svevos und Cesare Paveses Spuren nachzuforschen, aber auch um den Tod einer nahestehenden Freundin, Christa, zu bewältigen. Özlü schreibt keinen Roman, eher eine poetische Todesverarbeitung, eine Interjektion gegen die Einsamkeit, gegen die Verlassenheit:

Es ist nicht nur seine Schwermut, seine Hoffnungslosigkeit, seine Einsamkeit, die ich in diesen kleinen Gebäuden, in diesen Gärten wiederfinde, durchlebe. Es sind die Bäume, die Verlassenheit dieses Grüns, die heute genauso zeitlos sind wie damals, und bedrücken und bedrücken und bedrücken. Nirgends auf der Welt empfing mich die Einsamkeit so stark wie im Giardino Valentino. Nicht einmal in dem stillen Grün am Rande von Stockholm. Es ist etwas hier. Es ist etwas in dieser Stadt. Es ist etwas in diesem Grün, was ich nicht benennen kann, was seinen Todestrieb nährte, vertiefte, vollendete, dem er entfliehen musste, nicht entflohen ist, sondern sich davon treiben ließ.

Texte dieser Art leben vom Feuer des Erzähl-Instanz, und Özlü hat viel Intensität, viel Wucht, viel inneren Antrieb, die Widersprüchlichkeiten, die Desillusionen und Frustrationen aus sich herauszuschreiben. Ihr dient das Schreiben als Ventil, als Verarbeitung und Erweiterung einer ins Leere laufenden Psychomaschinerie, die sich ihr wie ein Schraubzwingenscharnier aufs Gemüt legt. Sie kämpft, und Suche nach den Spuren eines Selbstmordes legt Zeugnis davon ab:

Als er eine weitere Tür öffnet, erwarte ich einen Schrank oder eher ein Badezimmer. Wir betreten einen dunklen Raum. Die Holzläden sind geschlossen. Ich nehme die dunkle Enge wahr. Nicht nur die dunkle Enge. Ich nehme den Selbstmord wahr. Die Kluft verschwindet. Er ist in meinem Wesen. In jeder Zeit und in der Zeitlosigkeit meines Wesens. Ich bin erfüllt mit seinem ewigen Selbstmord. Allein wäre ich hier zusammengebrochen. Ich hätte mich auf dieses Bett gelegt. Ich hätte geschrien. Und geweint. Hier ist Tod. Tod jeder Art. Selbstmord. Das Zimmer ist ein Sarg. Ein Grab, ein verstecktes Grab im Zimmer 305 des Hotel Roma.

Pavese, ein Schriftsteller der 1940er des italienischen Neorealismus, eine Vor-Form der Nouveau Roman-Ästhetik oder als metaphysisch-entleerter Existentialismus, hat das Kämpfen gegen die Einsamkeit 1950 aufgegeben, sein Handwerk des Lebens, das sich die Ich-Erzählinstanz bei Özlü zurückerobern möchte. Ihr Weg geht vor allem über die sinnliche-leibliche Nähe, über sexuelle Erfahrungen, hautnahem Kontakt zu den Mitmenschen. Dort glüht sie. Dort öffnet sich sie anderen, weniger für die Worte als über die Vertraulichkeit der Berührungen in der Dunkelheit.

In diesem Sinne lässt sich Suche nach den Spuren eines Selbstmordes als kämpferisches und widerständiges Buch bezeichnen, eines, das eine Schriftstellerin zeigt, die viel zu geben gehabt hat, nur nicht genügend Zeit dazu bekommen hat. Sie starb bereits 1986 mit nur 43 Jahren. Ihr Text gesellt sich in jedem Fall in das Spannungsfeld einer Ingeborg Bachmann, Brigitte Reimann und Emine Sevgi Özdamar mit bspw. Ein von Schatten begrenzter Raum.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Insgesamt angenehme poetische Prosa, die über eine Fahrt aus dem Norden Deutschlands hinunter zum Balkan und dann nach Norditalien handelt, wo das lyrische Ich den Spuren des Selbstmordes von Cesare Pavese nachforscht. Auf dem Weg wollen ihr viele Männer an die Wäsche, und sie denkt über den Tod und das Leben, die Abschiede und die Unmöglichkeiten des Zusammenlebens nach. Für sich sehr hermetisch, sprunghaft, assoziativ, eher wie ein Gedankenstrom, eine Art innere Anhörung dessen, was das lyrische Ich auf dieser Reise überkommt. In seiner poetischen Schreibweise, seinen Auslassungen und Ausschweifungen überzeugt mich der Text, der kein Roman, auch keine Erzählung zu sein anstrebt, aber einen roten Faden besitzt, die Reise. Es ist eher Lyrik, Selbstsuche, Bericht, dynamisches Sich-selbst-Erfassen, gehobene, geformte Briefmitteilung an Unbekannt.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, durch die Thematik – Leben, Lust, Einsamkeit, Tod.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, durch die Intensität der Sprache, Originalität.
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja, auch schön, da rhythmisch, immersiv, fließend.
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, denn das lyrische Ich bringt sich zum Erwachen, erwacht.
●ein zweites Mal lesen? Vielleicht, im Rahmen von Pavese, oder in Bezug auf Bachmann, oder andere türkische Schriftstellerinnen.
–> 5 Sterne

Inhalt:
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) IE, eigentlich das lyrische Ich (LI), findet heraus, dass Pavese und sie beinahe am selben Tag geboren sind, mit der Zeitverschiebung eingerechnet. Zeit in Berlin. Schmerzen des Seins. Hört Don Giovanni. Besuch der Kneipe „Alte Liebe“ mit einem Freund. Jemand ist gestorben, unklar wer. Vermischung mit Erinnerungen an Wien. Nichtlineare Erzählweise. Reise beginnt in Hamburg. Nimmt Zug nach Berlin Bahnhof Zoo. Unterhaltung mit studiertem Katholiken über Krieg, Holocaust und die CDU. Erinnerungen aus 1961 mischen in ihr Bewusstsein. Datum: 5.7.1982. In Berlin. Sie besucht Freunde in Storkwinkel, beschließt nach Prag zu fahren, vom Ostbahnhof aus. Sie lernt einen Künstler kennen, Latislav. In Prag besucht sie das Grab von Kafka. Erinnerungen an den Besuch von Wien aus (stets vor und zurück in der erzählten Zeit). Latislav hat ihr aufgelauert. Sie verabschieden sich. Sie fährt Richtung Wien. Übernachtet dort im Prinz-Eugen-Hotel. Sie hat Zahnschmerzen.
2.) Sie versucht zu schlafen. Wegen der Zahnschmerzen unmöglich, durchnächtigt nach 30 Stunden wird sie am Ersten Kärntner-Ring abgeholt, von einem Er, der sie fast nicht erkannt hätte. Sie fahren die E5 Richtung Süden, der Route, die türkische Gastarbeiter auf der Reise zurück in die Türkei nehmen. Rückblick vom Hotel Niš aus. Ihr Mitfahrer hat sie zurückgelassen. Er ist unterwegs in die Türkei, in ihre Heimatstadt – vor Zagreb gibt es einen Zwischenfall, sie steigt aus, weiß aber nicht wohin. Sie hat Zahnschmerzen. Das Verhältnis zwischen den beiden wird nicht klar. Sie trennen sich, treffen sich aber in Zagreb wieder. Sie will nach Belgrad. Sie fahren wieder gemeinsam.
3.) Brüllende Zahnschmerzen. Samstag, 10.7., sie fährt mit dem Zug den Weg zurück. Eine Christa ist gestorben, die gemeinsame Bekannte? Achim, Freund Christas?
4.) In Triest, im Hotel. 11. Juli. Sie hat mit einem Griechen angebandelt. Der Grieche fährt nach Turin zu einem Rolling Stones-Konzert. Schmerzen. Fußballweltmeisterschaft findet statt. Endspiel: Deutschland-Italien. Siegesjubel.
5.) 12. Juli. Forscht Svevo Italo nach, besucht die Tochter. Eindrucksvolle Gestalt, hat Englisch bei James Joyce gelernt. Am 13. geht sie zu Svevos Grab. Läuft durch Triest am 14. Ist mit Achim die E5 runter gefahren. Sie fährt nach Turin. Trifft den Griechen wieder. Sie wird von einem Maschinisten angebaggert. Dann vom Kaffeeverkäufer, der noch bei seinen Eltern lebt.
6.) Befindet sich in S. Stefano Belbo, in der Nähe von Turin. Rückblick auf Einfahrt nach Turin. Besuch bei Paveses Verleger. Besuch des Hotels, in welchem er Selbstmord begangen hat, Hotel Roma. Ein junger Sekretär, Orazio, führt sie ins Zimmer 305.
7.) Christas Tod, Traum. Achim und sie, Süm und LI hat es nicht am Totenbett ausgehalten.
8.) Orazio begleitet sie nach S. Stefano Belbo. Er findet sie außergewöhnlich. Sie schlafen miteinander. Besuch Nutos, Freund Paveses, Handwerker.
9.) Rückkehr nach Turin. Sie nimmt Zimmer 211 im Hotel Roma, nicht 305. Erinnerung an den Sommer im Vorjahr mit Christa und Achim. Caffé Platti. Turin, 19. Juli. Abfahrt aus Turin am 20. Juli, 8 Uhr 36. Tag zuvor bei Paveses Schwester. Keiner da.
●Kurzfassung: Eine gemeinsame Freundin stirbt, Christa. Achim, ihr Lebenspartner und die Ich-Erzählerin trauern in Berlin. Später im Jahr bringt sie ein Kind nach Hamburg zum Flughafen. Sie selbst fährt über Berlin nach Prag, Wien, dann über Belgrad, Triest nach Turin, um den Spuren von Pavese nachzuforschen. Einerseits denkt sie über ihr Leben, über Christa und Pavese nach, um im Schmerz ein neues Lebensgefühl zu entwickeln.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Gespräch mit Katholiken in der Bahn über den Holocaust.
●Diskurs: Einsamkeit, Tod eines Freundes, Allein-Sein.
… Stimmungsmäßig Bodo Kirchhoff: „Seit dem er sein Leben mit einem Tier teilt“ – wegen Italien und der Erschöpfung; Jehona Kicaj: „ë“ – wegen der Zahnschmerzen und der Balkanreise; Heinz Strunk: “Es ist immer so schön mit dir” – wegen Wien und der Balkanreise, der Desperation, der Urlaub in dem Betonhotel.
… vor allem geht es um den vorzeitigen Tod, durch Krankheit (Christa), durch Selbstmord (Pavese).
… es ist eher eine Art lyrisches Schreiben um eine Erfahrung und Todesverarbeitung herum, Tod Svevos, Kafkas, Christas und Paveses, und ihr eigener Selbstmordversuch im Kindesalter. Die Thematik bricht sich in der Form. Die Handlung selbst teilweise zu konfus, zu unklar, zu indirekt erzählt, dass sich die Umstände unklar herausarbeiten lassen. Daher vom Plot her teilweise zäh.
–> 3 Sterne

Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) lange, rhythmische, poetische Sätze, Welt- und Todesmetaphern, sehr holistische, Zeit überspannende Erzählweise, zwischen Vergangenheit und Zukunft in Schwebe gehaltene Gegenwart. Sprache abwechslungsreich, eindringlich, sehr erfahrungsnah, wie Briefe, wie direkte Mitteilung, als Botschaft dennoch ästhetisch gefiltert, verarbeitet, so dass das Ganze weniger roh erscheint, eher mittel-unmittelbar. Es besitzt nicht ganz den letzten Schliff in der Rhythmik und Sprachfärbung.
–> 4 Sterne

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Jean Paul: „Siebenkäs“

Intensiv romantisch-ironische Verhandlung über die Trauer, einen Menschen zu verlieren.

Inhalt: 5/5 Sterne (Trauer der Endlichkeit)
Form: 5/5 Sterne (einzigartig wortgewandt)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (wild-artistisch, frei)
Komposition: 5/5 Sterne (intensiver Weltausschnitt)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (nachhallend-traurig)
–> 25/5 = 5,0 = Sterne

Siebenkäs stammt aus dem Jahr 1797, neu herausgegeben 1818, und gilt als einer der zugänglichsten Romane des Satiriker-Eudämoniums, Jean Paul, der vor allem durch sein Hesperus Berühmtheit erlangt hat und sogar durch Anraten Georg Wilhelm Friedrich Hegel eine Ehrendoktorwürde verliehen bekam. Er selbst fand wohl, dass Titan sein Hauptwerk sei. Neben Siebenkäs verblassen seine andere Werke jedoch, zumindest ideen- und literaturgeschichtlich gesehen, denn in diesem wird statt das kontrovers Zeitpolitische des ausgehenden 18. Jahrhunderts das Thema Ehe und Beziehung in aller Ausführlichkeit behandelt und zudem der Verlust eines geliebten Menschen und die Trauer darüber:

Auch keine Freunde mehr – nein – wir stehen alle auf ausgehöhlten Gräbern nebeneinander – und wenn wir nun einander so herzlich an den Händen gehalten und so lange miteinander gelitten haben: so bricht der leere Hügel des Freundes ein, und der Erbleichende rollt hinab, und ich stehe mit dem kalten Leben einsam neben der gefüllten Höhle – – Nein, nein; aber dann, wenn das Herz unsterblich ist, wenn einst die Freunde auf der ewigen Welt beisammen stehen, dann schlage wärmer die festere Brust, dann weine froher das unvergängliche Auge, und der Mund, der nicht mehr erblassen kann, stammele: nun komm‘ zu mir, geliebte Seele, heute wollen wir uns lieben, denn nun werden wir nicht mehr getrennt.

Jean Paul vermag wie kaum ein anderer Alltäglichkeit mit romantischer Sehnsucht, Trivialität mit berauschenden kosmogonischen Allüren zu beschreiben, in denen, nebst Erbsen und Bohnen und Kohl eben die Träume, das Möglichkeitsdenken sich stets wieder aufs neue entfalten. Siebenkäs handelt von zwei Freunden, die nicht gemeinsam durchs Leben gehen können, da beide doch in ihrer Eigenart zu unterschiedlich sind: der eine eher sittsam, der andere eher abenteuerlich, reisefröhlich; der eine eher nachhaltig-verzeihend, der andere eher aufbrausend und rächend. Grundthema des Romans lautet nun, wie der abenteuerliche Freund dem sittsamen hilft, nicht im Leben schon zu sterben, und zwar, indem er aus einer selbsterwählten Ehetristesse einen Ausweg findet. Er ist sich aber nicht sicher:

Aber als die Sonne hinter die Erde sank – – so flog in die leuchtende Welt, die hinter den zwei wasservollen Augen Firmians wie eine ausgedehnte, flackernde, feurige Lufterscheinung zitterte, plötzlich der Engel eines höhern Lichts, und er trat blitzend wie ein Tag mitten in den nächtlichen Fackeltanz der hüpfenden Lebendigen, und sie erblichen und standen alle. – – Als er seine Augen abtrocknete, war die Sonne hinunter und die Erde stiller und bleicher, und die Nacht zog tauend und winterlich aus den Wäldern. Aber das zerflossene Menschenherz schmachtete nun nach seinen Verwandten und nach allen Menschen, die es liebte und kannte, und es schlug unersättlich in diesem einsamen Kerker des Lebens und wollte alle Menschen lieben. O an einem solchen Abend ist die Seele zu unglücklich, die viel entbehret oder viel verloren hat! –

Siebenkäs lässt sich mit kaum einem Buch vergleichen, vielleicht noch mit Friedrich Hölderlins Hyperion, vielleicht auch ein wenig, nicht sprachlich, aber inhaltlich mit Hermann Hesses Narziss und Goldmund, nur eben doch völlig anders, denn Jean Paul vermag es mit seiner eigentümlich wirren, ausufernden Sprache den tristen Alltag literarisch produktiv zu gestalten. Siebenkäs lässt seine Figuren äußerst lebendig werden, sodass alles, was ihnen zustößt, intensiv erfahren wird. Insgesamt erscheint Jean Pauls Roman als großes Bekenntnis zum Hier und Jetzt, zu dem Getümmel, Rummel, zum Chaos des Menschlich-Allzumenschlichen, eine Fabulation ins Unendliche, um gegen das Endliche zu protestieren.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: es liest sich schwer, anstrengende Metaphern verbauen zuerst den Leseeindrücke, nach und nach wird klar, dass diese Art zu schreiben, den Schreibenden vom Realismus befreit, alles wirkt artistisch, verfremdet, erfunden, die Fiktionalität wird unterstrichen, und hierdurch verschafft er sich eine große lebendige Meinungs- und Kommentarfreiheit, die er wild ausspielt. Mich hat das Buch sehr mitgenommen, mitgerissen, mit Traurigkeit und Humor erfüllt, mich in das Leben von Firmian und Lenette hineingezogen, und auch in die Trauer dieser Menschen, nicht das Leben führen zu können, das ihnen vorschwebt, ohne zu wissen, worin denn ein solches Leben bestehen könnte.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? Auf jeden Fall.
–> 5 Sterne

Inhalt:
●Hauptfigur(en): Firmian Stanislaus Siebenkäs; Ehefrau Lenette Egelkraut; Schulrat Stiefel; Heinrich Leibgeber; Heimlicher von Blaise; Venner Everard Rosa von Meyern; Natalia Aquiliana. 1784 in Kuhschnappel.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:

Vorrede: Ich-Erzähler (IE) kehrt bei einem Jakobus ein, Kaufmann, dessen Tochter Pauline ein tristes Leben führt. Er schläfert den Jakobus mit Reden ein, um Pauline aus dem Hesperus und den Blumenstücken („Siebenkäs“) vorzulesen.

1. Bändchen:

1.) Armenadvokat Stanislaus Siebenkäs (S) wartet auf eine Braut Lenette Egelkraut (L), die ihr Geld mit dem Anfertigen von Hauben verdient. S hat seine Erbschaft von 1200 Gulden verheimlicht, um nicht des Geldes wegen geheiratet zu werden. Zur Hochzeit erscheint sein bester Freund Heinrich Leibgeber (H) und will sich über die Hochzeit lustig machen. H bestraft, S verzieht lieber. H hinkt, S hat ein pyramidales Muttermal am linken Ohr. Sie haben die Namen getauscht, aus Jux. H und S haben sich sechs Monate nicht gesehen. H verdient sein Geld mit dem Schneiden von Schattenrissen. Schulrat Stiefel (ST) wundert sich, dass H und S sich lieber unter Handwerker mischen. S tischt groß auf beim Hochzeitsschmaus. H lässt sich von der Romantik beeindrucken. Alle drei umarmen sich fröhlich.

2.) S freut sich darüber, L bald die Summe seines Erbes vorweisen zu können. Den Namenstausch nutzend, verwehrt Heimlicher v. Blaise (B) das Geld, und dies obwohl er schriftlich (aber mit Zaubertinte) die Problemlosigkeit vorher bestätigt hat. Das Schreiben verschwindet. B behält das Geld für sich. H und S lauern B zuhause auf, können ihn nicht überzeugen. H erlaubt sich einen Ulk mit B, hat mit selbiger Zaubertinte von Bs Schandtat auf dessen Wand kundgegeben, wiewohl sich Vokalinjurien erlaubt. H muss verschwinden, mindestens für ein Jahr, um der Strafe zu entgehen. H und S verabschieden sich unter Tränen.

Beilage zu 2.) Verstädterung des Landes, Kuhschnappel als Ort ungewöhnlich, da es viele Bürger wie Patrizier gibt.

3.) S regt eine Klage gegen B an und beschließt ein Buch zu schreiben („Auswahl aus des Teufels Papieren“). ST verliebt in L. S verteidigt eine Kindsmörderin und verdient sich sein Geld als Rezensent bei ST. Ein Freund von B kommt zu Besuch Venner Everard Rosa von Meyern (R), der die Kindsmörderin geschwängert hat und sich als übler Casanova aufspielt. Auch R drängt sich L auf. Feier des Michaelistag (29. September). Bettelarmee zieht auf. R versucht L zu verführen, erwartet eine Locke, aber L bleibt S treu. R will L damit Erpressen, dass er bei B ein gutes Wort wegen der Erbschaft für sie einlegen will. L enttäuscht, dass S sie angelogen, ihr etwas verschwiegen hat, bspw. auch, dass er den Namen getauscht hat. Derweil schlägt sich S durch die Massen und flieht in die Einöde, H vermissend. L aufgebracht über S, ST versucht zu versöhnen.

4.) L beleidigt, schweigt. S verfügt, dass R von L fernzubleiben habe. Brief von Heinrich über die Menschheit seit Adam, wirft sich zum Universalmonarchen auf. Geschichte Adams und Evas. Adam grämt sich über die Menschheit, tröstet sich nur mit den einzelnen gelungenen Exemplaren, den Genies wie Aristoteles, Platon, Shakespeare, Newton, Rousseau, Kant und Leibniz. H berichtet, dass dieser nach Italien reist. H hat eine aufregende Frau kennengelernt, die wohlmöglich nach Kuhschnappel kommt (Natalie Aquiliana – N), Verlobte von R. Freut sich auf Wiedersehen im Frühjahr. L und S versöhnen sich.

Ende der Vorrede: IE liest Pauline vor, gegen den Willen des Vaters, der die Tochter gefügig halten will. IE enthält sich Pauline am Neujahrsabend zu verführen. IE sentimental, gedenkt aller Mitmenschen.

2. Bändchen:

Vorrede: IE hat zu viele Vorreden verfasst und muss sie nun unterbringen. Er bringt sie unter die Leute, u.a. findet er den Autor des Hesperus als williges Opfer. Der Roman Titan wird angekündigt. Jean Paul tritt auf.

5.) S fühlt sich bei seiner Schriftstellerei durch L gestört. Verarmt setzt er seine Hoffnung aufs Schießfest, bei dem er zu gewinnen gedenkt. Das Ehepaar ist pleite. Verhökern ihr Silber. S fühlt sich durch Ls Putzen gestört. Über das Kerzenschneuzen. Ehekonflikt. ST bringt Bücher zum Rezensieren.

6.) Rezension über latinisierte Emilia Galotti. L versetzt den Mörser, ST hat kein Geld bei sich, kann S Lohn nicht zahlen. S fordert L auf, ST einen Kuss zu geben. S eifersüchtig, testet L. Trostlosigkeit des Novembers. Extrablättchen über den Trost. Andenken an die Verlorenen auch ein Trost. Vorblick auf das Schwenk- und Andreasschießen. Zankapfel: das grillierte Kattun (Trauerkleid Ls). Martinstag, Abschweifung über das Verhältnis Christen-Juden. L peinlich berührt über die Armut, will nicht den Mitbürgern zeigen, was sie alles versetzen. S prüft L, als er vorschlägt, den Brautstrauß zu versetzen. Sie weigert sich. Er ist erleichtert. S erinnert sich an den schlagenden Vater und verkauft dessen Jägerzeugs.

7.) Schützenfest. B Meister der Schützenloge. S schießt einen Hecht u. ein Zepter, einen Apfel. Schließlich, im spannenden Wettkampf, wird er Schützenkönig, derweil R sich wieder L aufdrängt. Sie lehnt ab. R will sie erpressen, sie jagt ihn davon, der daraufhin sein Glück bei der Nachbarin von L sucht. Muss sich aber vor dem Ehemann verstecken. R wird entdeckt. Abschweifung über Landmiliz.

8.) S ein Gelehrter. Festessen zu ehren seines Schützentitels. S will Verlobungsstrauß auslösen, erfährt, dass dies schon R getan hat, L es ihm aber verschwiegen hat. Die Blumen, die S stattdessen kaufte, schmeißt er auf ein Grab. ST versucht Streit zwischen L und S zu schlichten.

Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab: Rückkehr der Gefühle das Ziel. Sonnenfinsternis, die Erde bebt. IE rettet sich in Kirche, in der Christus vom Himmel herabsinkt und sagt, es sei kein Gott. Riesenschlange der Ewigkeit umschließt die Welt, lässt sich röchelnd bersten. IE erwacht. Traum im Traum. Maria weint um die Erde, um die unendliche Liebe zu den Menschen, die als Traum im Traum erwacht.

3. Bändchen:

9.) IE traut sich nicht abzuschweifen. Weiter im Text. Liebe zwischen L und S erkaltet. Eheleben trist, L für S zu bieder, S für L zu springhasig. Sie treffen B auf einem Spaziergang am Tag von Marias Empfängnis (8. Dezember), S schafft es nicht zum Verdrusses Ls seinen Hut zu ziehen. Abschweifung über das Hutziehen. L ärgert sich über einen Schneider, der sie kopiert.

10.) S will zu Silvester 1785 das grillierte Kattun versetzen. S sieht auf einem Spaziergang einen Kindersarg und wird melancholisch. Leidet an Herzrhythmusproblemen. Will zurück, sich bei L entschuldigen, aber ST ist schon bei L, sodass S es nicht über sich bringt, sich zu entschuldigen vor Eifersucht. S versöhnt sich mit dem Rat, versteht Ls Probleme, dass sie nicht wie er das Schreiben hat, um sich zurückzuziehen. S fragt ST um Hilfe wegen B. ST hilft. Dennoch versöhnen sich L und S nur leidlich. Sie korrespondieren nur schriftlich, wenn überhaupt. S beschließt an Ls Geburtstag, ihr zu verzeihen, ST einzuladen, das Kattun zu kaufen. Alle versöhnen sich.

11.) H schreibt, dass er nicht mehr berühmt sein will. Vom Kosmischen aus gibt es zu wenig Unterschiede. H meldet seine Rückkehr am 1. Mai an. S eifersüchtig, traurig, fiebert seinem Freund entgegen. S fühlt sich krank und dem Tode nahe.

12.) H schickt 30 Taler. S soll kommen, nicht mehr darben, nach Bayreuth. S bereitet alles zum Abschied vor. Sentimentalität ergreift ihn. Er bricht auf, Euphorie beim Gehen, kurz vor Bayreuth trifft er eine geheimnisvolle Frau in Fantaisie. Am nächsten Morgen erreicht er Bayreuth (8. Mai). Freunde wieder vereint. Tischrede Hs, über die Schwierigkeit Kronprinzen zu zeugen. H lüftet das Geheimnis um die Unbekannte. Es ist Rs Verlobte N, Nichte des B. B hat N gedroht, sie verhungern zu lassen, sollte sie R nicht heiraten. H schlägt S vor, sich von L scheiden zu lassen, aber das kommt wegen Ls Glauben nicht in Frage, also muss S seinen Tod vortäuschen. H hat außerdem eine Stelle für ihn in Vaduz ergattert.

13.) H und S klären N über R auf. Sie soll ihn fortschicken, trotz Bs Drohung. Auftritt von R, der sein wahres Gesicht zeigt. N enttäuscht. Sie schickt zuerst alle weg, dann lädt sie aber H und S wieder ein.

14.) S und N gehen im Mondschein spazieren. Sie fühlen sich nah. Romantische Szene.

1. Fruchtstück: Brief am 1. April 1795 über die singend schreitende Nachtigall. Diskussion über Hass, Vergebung und die Übung, sich im Urteil über andere zu mäßigen. Falsche Menschenabneigung, nur weil die anderen nicht mit einem selbst übereinstimmen.

Nachschreiben von Jean Paul: Frankreichs Nationalkonvent. Gewaltmonopol des Staates. Strom der Zeit. Rheinfahrt.

4. Bändchen:

15.) S von N berauscht, H genervt. N bereits gen Schraplau abgereist. H lauert ihr auf, trotz ihr ein Ja ab, dass S ihr eine Witwenrente ergaunert (durch seinen – vorgetäuschten – Tod). H sieht sich als Wanderphilosophen und reisenden Lehrer.

16.) S reist zurück nach Kuhschnappel. ST bereits bei L, leben bereits in einem harmonischen Alltag.

17.) R hat S bei L verpetzt. Ungemach im Haus. L eifersüchtig auf Ns Gelehrsamkeit.

18.) IE wehrt sich gegen den Vorwurf, Betrug bei der Witwenrente Vorschub zu leisten. S und er nicht dieselbe Person. H kündigt sich in Kuhschnappel an, S bereitet seinen Tod vor.

19.) Gewitter in Kuhschnappel. L beleidigt H. S erbost. L ekelt sich vor Hs Hund Saufinder. Särge sind teuer. S soll an Schlagfluss erkranken.

20.) L und S umarmen sich auf dem Sterbebett. Hinweis auf Molière. S mimt den Tod.

21.) Wucherei mit dem Tod. Sie drängen H ihre Dienste auf. H wehrt sie alle ab, hat S aber vorsichtshalber einen Totenkopf gegeben, den dieser benutzt, um seinen Nachbarn zu foppen. S bricht nach Hof auf. H hält kurze Grabesrede am 24.8.1786. Grabesrede an Friedrich den Großen (17.7.1788 gestorben).

22.) S auf Wanderschaft, zur Fantaisie. Die Freunde treffen sich noch vor Hof. Sie dürfen sich nicht zusammensehen lassen, nicht mehr, müssen getrennter Wege gehen, denn allein würde man sie beide für H halten, aber nicht zu zweit. Wanderung von Bayreuth-Berneck-Gefrees-Münchberg. Sie verabschieden sich auf dem Glücksberg, in der Nacht, Spiegelung des Monds im Wasser eines Sees. S bricht das Herz. IE spricht von seinem verstorbenen Freund Christian. Konklusion: Wärmer gegen die lebendigen Menschen sein, überhaupt wärmer.

23.) S muss Hs gute Laune in Vaduz spielen und wird auch fröhlicher dabei. Arbeitet beim Grafen, erledigt Arbeit gewissenhaft. Zeitsprung 6 Monate, 1787. Brief Natalies, in welchem sie nach den letzten Momenten von S fragt. S antwortet nicht.

24.) Brief von ST. H hat B Angst eingejagt, so dass B nun gewillt ist, die Erbschaft auszuzahlen. L schwanger, beide sind glücklich. Gewohnheit überzieht die Welt mit Borke. Um Ls Glück willen entschließt sich S zu schweigen. Graft lädt N ein. S beichtet ihm alles. Der Graf lauscht beglückt. S reist nach Kuhschnappel, um N aus dem Weg zu gehen.

25.) S in Kuhschnappel. L im Kindsbett gestorben. 22. Juli 1787. Ihr letzter Wunsch ist es gewesen, S im Himmel wiederzusehen. S hört von einer Unbekannten, die nach S letzten Stunden forscht. Am Grab von S treffen N und S sich. Zuerst denkt sie, er ist ein Gespenst, dann finden sie zusammen.


●Kurzfassung: Zwei beste Kumpels, Firmian und Heinrich, sehen sich sehr ähnlich und tauschen aus Jux die Namen. Der eine, nun Firmian, beschließt ein bürgerliches Leben als Advokat zu führen und eine Frau zu heiraten (Lenette); der andere bleibt ein Springinsfeld und Lebenskünstler. Der Namenstausch führt dazu, dass Firmian das Erbe mütterlicherseits nicht antreten kann. Der zuständige Vormund weigert sich und Heinrich beleidigt ihn so sehr, dass er für ein Jahr das Weite suchen muss. Firmian vermisst ihn sehr und gerät in arge Geldnöte. Auch die Ehe mit Lenette kriselt, da sie, sehr hausbacken, ihn eher bei seiner kreativen Arbeit stört als unterstützt. Als Schützenkönig bringt er sie noch über den Winter und bekommt ein wenig Geld von Heinrich, der ihn fast ein Jahr später nach Bayreuth beordert, wo er die gleichgesinnte, intellektuelle Natalie kennenlernt. Dort beschließen Heinrich und Firmian, dass Firmian stirbt, um Lenette von ihrem Ehegelöbnis freizusprechen. Sie inszenieren seinen Tod. Heinrich hat Firmian zudem eine Stelle bei Grafen in Vaduz verschafft. Da sie nun, nachdem Firmian gestorben ist, nicht mehr zusammen gesehen werden dürfen, müssen sich ihre Wege trennen. Wieder ein Jahr später erfährt Firmian, dass Lenette wieder geheiratet hat, aber im Kindsbett gestorben ist. Er besucht ihr Grab und trifft dort Natalie wieder.
●Charaktere: (rund/flach) sehr ausgestattet, mit vielen Facetten, sehr detailliert, widersprüchlich und ambivalent dynamisch.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: schwierig, viele seltsame Vorreden, Zwischenreden, Dornen- und Blumenstücke, die den Text aufsprengen. Der Fall der Kindsmörderin wird nicht wirklich aufgelöst. Die Rahmenhandlung mit Pauline, Teil der Vorreden, erscheint auch etwas müßig, da diese Vorreden eher Werbetrommeln für Jean Pauls andere Werke (Titan, Hesperus) schlägt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei“ – berühmter Abschnitt über die leere, triste Welt des Atheisten. Etwa gleichzusetzen mit dem Großinquisitor von Dostojewski.
●Diskurs: Armut, vor allem alltägliches Eheleben, Zusammenleben von Adel und Bürgern, der wirre menschliche Kosmos.
… „Siebenkäs“ verhandelt die Problematik, wie der einzelne im dichten Lebensgewirr, im sozialen System, noch lebendig, spontan, glücklich, gleitend bleiben kann. Es geht um Person vs. Selbst, also Authentizität und Form, Förmlichkeit, um die Problematik Sicherheit und Glück, Opferbereitschaft für ein gesichertes Auskommen. Die Welt erscheint in Jean Pauls Roman weit und groß – nur die der Menschen nicht, die sich aber abschotten gegen die Riesigkeit des Kosmos.
… „Siebenkäs“ ist auch einer der Eheromane, in denen sehr früh bereits das Zusammenleben von verschiedenen Charakteren beobachtet, beschrieben, reflektiert worden ist, auch die Vorstellung von Mann und Frau.
… es ist aber auch ein Roman über den Tod, die Problematik des Endlichen, des Sterben-Müssens, die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen, Partner, Freund. Die Endlichkeit selbst gegen die Unendlichkeit der Welt, des Alls, des Gottes- und Seelenglaubens, und die Ethik, die sich daraus entspinnt, gnädiger mit den Mitmenschen zu sein.
… sehr einmaliges Werk, das sich sehr heraushebt, unheimlich intensiv das Nicht-Zusammenpassen zweier Menschen erörtert, zweier Menschen, die sich aber mögen, sich nichts Böses wollen, nur ein anderes Leben führen möchten.
–> 5 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: verrückt, verschwurbelt, aber doch konsistent im roten Faden, klarer Rahmen, klarer Fokus auf die Freundschaft, auf die Sehnsucht, lebendig zu bleiben, spontan, frei und offen. Dies inmitten eher versteinerter Verhältnisse.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nicht wirklich klar, der Erzähler erweist sich als ein Reisender, der Paulines tristes Leben aufheitern möchte, und zwar mit Siebenkäs‘ Lebensgeschichte.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: ironisch, kauzig, driftend, abschweifend, überdreht, verschwurbelt, allegorisiert.
●Einschätzung: Jean Paul besitzt große Leichtigkeit durch seinen sprachlichen Frei- und Unsinn. Hierdurch kann er über alles und nichts erzählen, abdriften, ohne dass es stört. Seine Texte gleichen riesigen monumentalen Wandgemälden, die so detailliert geschaffen wurden, dass einem stets etwas zum Entdecken bleibt, so überladen erzählt er.
–> 5 Sterne

Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch die Sprache enorm artistisch, absolut fiktional, Schriftdeutsch, kein bisschen alltäglich, funktional.
●Wortschatz: überbordend, mittelalterlich, gehäuft, gewandt, der Romanschriftsteller mit dem breitesten Wortverwendungsfeld
●Type-Token-Ratio: 0,15 bei sehr langen Texten außergewöhnlich – vgl. klassische Erzähprosa 0,06-0,09 und realistische Romantradition 0,08-0,11 bei einem Textumfang von 180 000 Wörtern.
●Satzlängen-Verteilung-Median: 28,6 Wörter – Median 23 Wörter – STAB 24,5.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: knapp unter 70% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: unglaubliche 2790 Wörter (assoziative Expansion).
●Auffälligkeiten: die Metaphern, die Verfremdung, die Verballhornungen von Sinnornamenten.
●Innovation: an seiner Sprache und seinem Schreiben fast alles innovativ
–> 5 Sterne

Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: wohlaustariert, Jean Paul kommt immer schnell zum Punkt zurück. Er hat eine wirkliche Problematik vor Augen.
●Operative Geschlossenheit: Rahmen, Kuhnschnappel, das alltägliche Leben und darin, der Code, die Dynamisierung, die beiden Freunde, die nicht aufhören wollen, spontan und frei zu bleiben.
●Rahmenstabilisierende Details: Kuhnschnappel wirkt sehr lebendig, die Bewohner, die Nachbarn interagieren, großes Geflecht.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): eher gleichlaufend, ironisch-fröhlich beruhigend.
●Extradiegetische Abschnitte: Die Rede des toten Christus, der Traum Marias, viele kleine Abschnitte, bspw. wenn Heinrich sich vorstellt, Adam zu sein.
●Lose Versatzstücke: der Kindsmörderin-Fall
●Reliefbildung: starkes Relief, Szenen mit großer Intensität und Leidenschaft, und dann auch solche des Rummels, des Gewusels.
●Einschätzung: der Text erschafft sich selbst eine Welt, in der er lebt, auf die er Bezug nimmt, die er kommentiert und erschafft zugleich

–> 5 Sterne
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Jürgen H. Petersen: „Formgeschichte der deutschen Erzählkunst“

Formgeschichte der deutschen Erzählkunst by Jürgen H. Petersen

Informativer Schnellritt durch Prosaformen mit vielen Beispielen

Petersen legt mit Formgeschichte der deutschen Erzählkunst ein knappes und sehr übersichtliches Sachbuch über die Erzählformen vor, die von 1500 an im deutschsprachigen Raum in Romanen und Epen praktiziert wurden. Seine Analysen legen den Akzent auf den Text selbst, nicht seine politischen Bedeutungen, und so führt er eine Art Liste an, die zeigt, wie sich die Erzählweisen selbst evolutionieren. Hierbei ergibt sich ein Dualismus zwischen Sprachexperiment und Sprachrestauration: Bspw. findet zuerst Wildwuchs im Barock statt, der gedämpft wird in der Aufklärung, die aufgeputscht wird durch den Sturm und Drang, der wiederum eingezäunt wird von der deutschen Klassik, die wieder von der Romantik unterwandert wird, um dann vom Biedermeier vom Sockel gestoßen zu werden, bevor die Erzählexperimente der absoluten Prosa in der Moderne stattfinden, die dann aber durch spröde erzählte Faktenphantasien in der Postmoderne abgelöst werden.

Leider hat er es nicht vermocht, eine Ästhetik des Schönen zu schreiben, die ich weiterhin suche. Das Buch Formgeschichte der deutschen Erzählkunst stellt eine Anwendung seines sehr übersichtlichen und informativen Buches über Erzählsysteme dar, zusammen ergeben sie eine sehr offene, wenig tendenziöse Literaturgeschichte deutscher Prosa.

Hier nun, mehr oder weniger in Stichworten, der Inhalt:

● Anfänge deutscher Erzählprosa: Volksbücher, digressive Unterhaltung, Schelmenromane wie Ulenspiegel und Lalebuch (Die Schildbürger) – kommentierende Erzähler, nachdrücklich diskursiv, sprachexperimentell. Herausstechend: Johann Baptist Friedrich Fischart mit Geschichtsklitterung (1575), eine Art deutschsprachliche Verarbeitung von Rabelais Gargantua (1564), dominierend Sprachspiele, Unsinn, Erzählspaß. Viel Schwank, viel Erbauung.

●Arten des Barockromans: Erste wirkliche Polyphone in Adriatische Rosemund, Mosaik, montierendes Erzählverfahren. Barockstil: rhetorisch durchwirkter, den Erzähltext verzierender Sprachschwulst. Herausstechend: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen mit Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch (1669) durch Erweiterung und Erprobung der Ich-Perspektive: auktorialer Weltbeschreiber; kritischer Zeitzeuge; selbstkritischer Autobiograph; neutraler Beobachter; Verschmelzung mit handelnder Figur, von erlebendem und erzählendem Ich. Stets unter Vorzeichen von Horaz: Unterhaltung und Belehrung.

●Epik des 18. Jahrhunderts: Zeit der Aufklärung, auktoriales Erzählen ohne frei expressive subjektive Elemente, räsonierend, argumentierend. Gefühle sollen analysiert, durchrationalisiert werden. Herausstechend: Christoph Martin Wieland mit Agathon (1767). Entdeckung der Innerlichkeit einerseits als Psychologem, andererseits dann auch als Sentimentalität, als subjektives Erlebnisidiom. Zweiter Hauptstrom, Sturm und Drang, Selbstexpression. Hier herausstechend: Johann Wolfgang Goethes Leiden des jungen Werther (1771). Zwei Wege führen aus dieser Zeit, einen in die deutsche Klassik (Agathon), der andere in die Romantik (Werther). Daneben Kitsch von Johann Martin Miller in Siegwart (1776).

●Deutsche Klassik: Mehr oder weniger Goethe im Alleingang mit Wahlverwandtschaften (1809) und Wilhelm Meisters Lehrjahre (1794). Das Extreme tritt zurück, auch das Sprachexperimentelle. Goethe eher dämpfend im Literaturbetrieb.

●Romantik: Dagegen die Romantiker als Vollstrecker des Sturm und Drangs. Beharren auf das Dunkle, auf eine Universalpoesie, auf Märchen und das Unheimliche. Vorliebe für Chaos und und das Unzusammenhängende. Die Romantik begreift den Roman als entgrenzende Form. Herausstechend: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann mit Lebensansichten des Katers Murr (1819/1821), in welchem die Kohärenz völlig aufgegeben wird, Montage und Überlagerung, Mischung, Kompilation, Wirrsinn. Romantik bricht formale Verhältnisse statt sprachsemantische Artikulation zu verfeinern. Wissen wird von Erzählinstanz vorenthalten.

●Erzählen im 19. Jahrhundert: Rekonstituierung des Erzählens nach der Romantik durch historische Romane, eher biedermeierliche Kontemplation, rückwärtsgewandte Sozialphantasien in Bildungsromanen. Herausstechend: Karl Leberecht Immermann mit Die Epigonen(1836). Priesterliche Ton, Phantasmata. Entdeckung des Unbewussten. Daneben Zensurprobleme, die Heinrich Heine mit Deutschland ein Wintermärchen (1842) bekämpfte, gleichzeitig Höhepunkt der deutschsprachigen Versepik. Viel konstruiertes, erlebnisarmes in den Erzählungen.

●Bürgerlicher Realismus: Abstrakta und Kategorien setzen sich thematisch durch, Soll und Haben, öffentlicher Dienst, Desillusion durch allwissenden, konstruierten-fingierten Erzähler, erste Diskursromane mit stark dialogischen Sequenzen, zusammengesetzt, Einbindung von Briefen, Tagebüchern und Selbstgesprächen. Herausstechend: Heinrich Theodor Fontane mit Effi Briest (1895) und Der Stechlin (1899). Preis der Beliebtheit: große Chance vergessen zu werden, wie Paul Heyse, Nobelpreisträger von 1910, mit seinen damals aktuellen Diskursromanen.

●Klassiker der Moderne (Sinnlosigkeit): Nach Realismus, Abgrenzung zur Tradition, zur Antike, Feiern der Technologie, Naturbeherrschung, das Ich stellt sich in das Zentrum, homo artifex, Künstlichkeit wird gepriesen. Paradigma: Unverständlichkeit, Reflexion, Dekonstruktion der eigenen Psyche. Paradigma hier Robert Musils Reflexionsprosa in Der Mann ohne Eigenschaften (1933). Biographiephantasien prägen die Literatur. Mythosgeplänkel. Abschaffungsphantasien. Die Moderne entgrenzt die Erzählung in die Beliebigkeit, alle dürfen sich selbst den Sinn im Text suchen. Erzählen unter Vorbehalt. Das erzählerische Präsens tritt den Siegeszug an – unvorhersehbares Echtzeit-Erleben.

●Erzählen am Rand der Moderne (Sinnsuche): Die Beliebigkeit eingrenzend, neben der Moderne herlaufend, teilweise naturalistisch-realistisch, mehr politisch, teilweise auch satirisch, dennoch montierend, kompilierend. Herausstechend: Anna Seghers in Das siebte Kreuz (1942). Versuch, einen Teil des Mythos als Sinngebung und Allegorie zu retten. Gegen Sinnverlust.

●Neuerungen in der Moderne (Sinn-Entriegelung): Beide moderne Erzählstrategien (Sinnlosigkeit und Sinnsuche) werden formalästhetisch durch Formexperimente synthetisiert. Das offene Kunstwerk als Erprobung der Sprache, das Nichts wird ins Zentrum gestellt, aber formal klar ausgezeichnet, so dass das Sinnlose formal aufgehoben ist, der Sinn nicht gesucht, die Sinnsuche nicht irritiert wird, sondern der Sinnanspruch ins Kreativ-Leere verläuft. Herausstechend hier: Thomas Bernhard in Das Kalkwerk (1970). Direkte Ansprache, dynamisch suchend, ums Nichts kreisend, das Sprachvermögen erweiternd. Es wird nicht unzulänglich erzählt, sondern die Unzulänglichkeit wird reflektiert und formalästhetisch durchdekliniert. Hier findet auch die erste Auseinandersetzung zwischen Wirklichkeitssätzen und Fiktionalitätssätzen statt, in Max Frischs Tagebuch 1946-59 (1950).

●Postmodernes Erzählen: Hier wird ein Rückgriff auf die ästhetischen Normen vor der Modernität durchgeführt, epische Inkohärenzen treten wieder zurück, eher verwandt mit dem bürgerlichen Realismus mit Traumeinschüben und Geschichtserfindungen. Herausstechend: Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt


Natascha Wodin: „Die späten Tage“

Die späten Tage by Natascha Wodin

Briefe an Unbekannt – ein sentimentales, gebrochenes Echo.

Inhalt: 3/5 Sterne (anekdotisch)
Form: 2/5 Sterne (bemüht,hakelig)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (authentisch-offen)
Komposition: /5 Sterne (entfällt)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (desillusionierte Stimme)
–> 14/4 = 3,5 = 4 Sterne

Natascha Wodin schreibt in Die späten Tage von ihrem Leben an einem mecklenburgischen See, von ihren Altersgebrechen, ihrem Zusammenleben mit einem ein paar Jahre älteren Partner (Ende 80) und ihrer Angst vor dem Alleinsein. Ihr Buch liest sich erstaunlich parallel zu Helga Schuberts Der heutige Tag und Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich. Auf dem zweiten Blick liegt jedoch eine ganz andere Reflexionsform zugrunde, die die Prosa unversehens langsam, unter der Hand, in eine Art Gedicht- und Lyrikform bringt:

Es war, als wäre ich mein ganzes Leben blind gewesen und könnte zum ersten Mal sehen. Ich sah alles, ich sah glasklar. Ich war zu Hause, wo ich immer schon gewesen war, ich hatte es nur nicht gewusst. Nichts hatte sich verändert und gleichzeitig alles. Das ganze Leben bestand aus Problemen, mit denen wir uns unentwegt herumschlugen, aber jetzt begriff ich, dass es überhaupt keine Probleme gab, wir machten sie uns alle selbst, wir dachten sie uns aus.

Die selbsterklärte Nachteule löst sich aus alten Verbindungen. Für einen kurzen Moment fühlt sie sich frei, selbständig und unabhängig, bevor sie wieder zurücksinkt, und dieses Zurücksinken befremdet sie. Sie trauert um die fehlende Kraft, aus sich selbst zu schöpfen, statt sich nur von dem eigenen Debakel durchs Schreiben abzulenken, statt mit einem Mann zusammenleben, nur weil sie nicht alleinsein will, Angst vor der Einsamkeit hat, ohne diesen Mann jedoch, selbst nach ihrer eigenen Maßgabe, zu lieben.

Wenn man mich nach meiner Lebensbilanz fragen würde, wüsste ich nicht viel zu sagen. Ich habe viel geliebt und wurde viel geliebt, ich habe viel gelitten und mitgelitten, ich habe ein paar Bücher geschrieben, und ich habe immer Angst gehabt. Mein Leben war der vergebliche Versuch, die Angst zu besiegen. Alles, was ich gemacht habe, war letztlich diktiert von der Angst. Insofern weiß ich gar nicht, ob ich das Leben überhaupt erreicht habe.

Das Buch zeichnet sich nicht durch formalästhetische Geschmeidigkeit aus. Es gleicht mehr einer Briefsammlung, Notizen, Geständnissen, die ihr direkt und spontan aus der Feder fließen. Sie zitiert viel, montiert, tröstet sich mit dem Schicksal von anderen, schämt sich ob ihrer Schwäche, ihrer Gefallsucht, aber kann sich aus all ihren inneren und äußeren Verstrickung nicht befreien. Ihr Ton gleicht sehr Slata Roschal in Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten – hier spricht nicht eine Erzählstimme, sondern ein wachsendes, im Entstehen begriffenes lyrisches Ich.

Als versteckt-verkappte Elegie des Sterbens ergreift Natascha Wodins Die späten Tage sehr. Sie befindet sich auf dem Weg und der führt sie zu einer Friederike Mayröcker, die mit da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete poetisch das Altwerden bearbeitete und Trost in der Sprache fand, die Wodin noch sucht. Doch die Suche beeindruckt und rührt, auch wenn sie nicht zu einem zweiten Lesen einlädt, aber welches Gespräch will man wortwörtlich schon zweimal führen?

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Anfangs sehr inkohärent, zerfahren, die Liebe zu Friedrich wirkte aufgesetzt, unwirklich, geradezu abstrakt, nach und nach stellt sich aber heraus, dass diese tatsächlich auch von dem Ich als solche erfahren wird, sie bleibt mit ihm zusammen aus Angst vor dem Alleine-Sein, und diese Stimmigkeit breitet sich erst nach und nach, erst ab Mitte des Textes, dann auch rückwirkend auf den Text aus. D.h. ich glaube ihr, nehme ihr die Angst, die Verzweiflung ob ihres Alters, ihrer Isolation ab, und hiermit entsteht ein atmosphärisch sehr stimmiges, aber nicht schön geschriebenes Gebilde, eine Art Monolog, eine Briefsammlung an Unbekannt, eine Mitteilung, die sich nicht aus ihrer Angst heraus befreien kann. Komposition gibt es nicht – Inhaltliches nur über Anekdoten, die teilweise grausam sind; sprachlich wirkt der Text schnöde und einfallslos auf mich. Die Erzählstimme aber trägt das Buch.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, lebt von der gegenwärtigen Geisteskultur
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, offen, authentisch
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, eher bemüht, langweilig
●stimmig?(Komposition: ja/nein) also Beichtform schon, entfällt hier
●ein zweites Mal lesen? Nein, wie ein gutes Gespräch, das ich aber auch nicht ein zweites Mal führen wollen würde (welches Gespräch schon?)
–> .. Sterne
–> 4 Sterne

Inhalt:
●Hauptfigur(en): Eine Art Monologistin, die denselben Namen wie die Autorin besitzt, aber eigentlich Natalia Nikolajewna Wdowina heißt, 79 Jahre alt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Das lyrische Ich schreibt kurze Passagen. Sie befindet sich in einem mecklenburgischen Haus am See. Dort lebt sie mit Friedrich zusammen, wahrscheinlich Ende 80. Beide leiden unter ihrem Alter, suchen Nähe, finden sie aber nicht. Insbesondere sie hat ein sehr ambivalentes Gefühl dazu, ihm beim Sterben zuzusehen. Der Rahmen dieses Buches beschreibt ihr Zusammenleben und Zusammenkommen, und ihre Schwierigkeit zu gehen, ihre Schmerzen und Probleme, beim Schlafen, ihre Zahnschmerzen.
Sie erinnert sich zusätzlich an Begebenheiten aus ihrem Leben:
– Die USA als gelobtes Land, Angst vor Stalin, da sie als deutsche Zwangsarbeiter unter Generalverdacht standen, emigrierte ihre Eltern nach Deutschland
– Als sie eines Sommers nur Paul Auster-Bücher las
– Ihre Ehe mit einem DDR-Schriftsteller namens Jakob (Wolfgang Hilbig)
– Ihre Dolmetschertätigkeit in der Sowjetunion, die Angst bei der Einreise, das Hotel Rossja, Affäre mit Jan Lankwitz (als sie 27 Jahre alt war), Aufbauleiter der deutschen Messegesellschaft, während des Aufenthaltes, Vergehen gegen die Hotelregeln, aber lokal und temporal auf Moskau beschränkt, da er seine Ehefrau liebte. Nur ein kurzes, kommentarloses Wiedersehen.
– Reise mit Friedrich zur Familie ihres verstorbenen Cousins, Igor. Das Wiedersehen kam zu spät. Er starb vorher. Episode mit der Schwalbe, die zum Übernachten zu ihnen kam, Armbeuge der Laterne.
– Der kleine Adoptivjunge, dem sie Klavierunterricht erteilte, in den sie vernarrt gewesen ist, und der dann wieder zurück ins Heim gegeben worden ist, als die Pflegemutter schwanger wurde.
– Der Vermieter, der keinen alten Mensch in seinem Haus leben lassen wollte.
– Wie sich Friedrich weigerte, in die SED einzutreten.
– Passverlängerung und Namensdebakel mit der Beamtin, die kein Sütterlin lesen kann.
– Friedrich verliebte sich in das Cover von „Sie kam aus Mariupol“.
– Hitzenacht, Umzug ins Literaturhaus Wannsee, Zimmer mit Porträt von Alain Delon.
– Zahnarztangst
– Astrid, Bürgerrechtlerin für Sterbehilfe, Kind des Lebenborn, die einsam und verlassen stirbt, das lyrische Ich um Beistand bittet, das ihr aber eine Abfuhr erteilt und sie allein sterben lässt. Das lyrische Ich schickt Blumen; am Tag ihres Todes noch eine Mail an den Blumenladen, dass ihre Freundin nie so eine Geschmacklosigkeit sich erlaubt hätte, das lyrische Ich im CC.
– Die Einladung nach China, in die Region Zheijang, Hüterin des weinenden Feuers.
– Besuch des Alkoholiker-Nachbarn Kurt im Pflegeheim.
– Ihre Tätigkeit für einen Vieh- und Fleischhändler.
– Trennung von Hilbig, Jakob.
– Reise im Schneesturm nach Südtirol, ihr Verliebtsein in Marie, aus der Liebe, die sie ihr in einem Brief später gestand, wurde nichts. Marie heiratete und bekam ein Kind.
– Die Fast-Witwe, mehrmals, Tod des Ehemannes kurz nach Scheidung, Tod des Verlobten Lew kurz vor der Hochzeit, Tod Jakobs nach Scheidung, etwas später.
– Ihr plötzlicher literarischer Erfolg
– Tod ihrer Freundin Nadja, nach der Wende, erstes Auto und direkt ein Autounfall.
… zitiert ein Benn, ein Bachmann Gedicht. Gioconda Belli. Anna Achmatowa.
●Besondere Ereignisse/Szenen: siehe oben, die Sache mit dem Klavierspiel-Jungen und der Tod der Freundin
●Diskurs: ordnet sich in die Reihe der Bücher übers Altwerden ein, Helga Schubert „Der heutige Tag“ – Irvin D. und Marilyn Yalom: “Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben”, Friederike Mayröcker: “da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete” – Georgi Gospodinov: „Der Gärtner und der Tod“ … Kalender- oder Stundenbuch. Julia Schoch: „Das Liebespaar des Jahrhunderts“. Slata Roschal: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“.
… durch die Anekdoten zum Ende hin interessanter, bewegender. Der Anfang zog sich deutlich. Sehr verwandt zu Schuberts „Der heutige Tag“.
–> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: durchgängig sehr klar, sehr offen, sehr selbstbezogen. Auf eine eigenartige Weise durchlässig, zugänglich, mitteilsam. Sie öffnet sich, zeigt sich, dies auch sehr konsequent durchgehalten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, in dreifacher Hinsicht.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: aufrichtig, geradeheraus, nach Anschluss suchend
●Einschätzung: über die Dauer hat das Buch etwas von einer Lebensbeichte, einer Botschaft, einer Sammlung Briefe an Unbekannt, ein Lebensresümee. Als Stimme erzeugt sie aber eine sehr klare Atmosphäre, gibt ihre Persönlichkeit preis, hat eine sehr zugängliche, nackte Sprache.
–> 4 Sterne

Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum gegeben, eigentlich eher eine Mitteilung
●Wortschatz: sehr alltagssprachlich bis auf ein paar gewollte Lateinismen.
●Type-Token-Ratio: (Musil >0,25 – Genre < 0,1) 0,171
●Satzlängen-Verteilung-Median: 22,2 Wörter –
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1603 Wörter
●Auffälligkeiten: die Sprache wirkt auf mich oft bemüht, etwas gedrechselt und nicht flüssig, feinfühlig. Sie wirkt sehr direkt und oft wenig schriftsprachlich, und die brüchigen Metaphern und Wortfeldschwierigkeiten erzeugen einen gestörten Sprachrhythmus.
●Innovation: nein
–> 2 Sterne

Komposition: kein fiktionaler Text

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Tezer Özlü: „Die kalten Nächte der Kindheit“

Die kalten Nächte der Kindheit von Tezer Özlü.

Sprach-motivisch intensive Selbstbehauptungsgeste – stellenweise noch etwas roh.

Inhalt: 4/5 Sterne (Selbstbehauptungslyrik)
Form: 5/5 Sterne (dicht-verwoben-alp(träumend))
Erzählstimme: /5 Sterne (keine Erzählung)
Komposition: /5 Sterne (keine Erzählung)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (intensiv-teilweise etwas roh)
–> 13/3 = 4,3 = 4 Sterne

Tezer Özlüs Buch Die kalten Nächte der Kindheit erschien 1980 auf Türkisch und 1985 das erste Mal auf Deutsch. Es wurde 2025 im Rahmen der Erst-Veröffentlichung von Auf den Spuren eines Selbstmords neu übersetzt. Sie steht klar in der Traditionslinie Sylvia Plaths Die Glasglocke, Ingeborg Bachmanns Malina und verhandelt eine ähnliche Europa-Türkei-Problematik wie die Georg-Büchner-Preisträgerin von 2022 Emine Sevgi Özdamar mit ihrem Roman Ein von Schatten begrenzter Raum. Im Gegensatz aber zu Özdamar verbleibt Özlü klar in einem lyrischen Duktus, sodass die autofiktionale Thematik eine literarische Selbstbehauptungsgeste wird, die sprachlich, nicht inhaltlich von der Durchschreitung und Entgrenzung von Oppositionspaaren getragen wird:

Die Unendlichkeit in der Vereinigung zweier Menschen macht das Wesen eines Menschenlebens aus. Sie muss das Wesen der Sonne sein. Das Wesen der Kraft, die liebt und lieben lässt. Das Wesen der Wärme, die uns umhüllt. Der abkühlenden Nächte. Und der Sterne, die nachts den Himmel übersäen. Das Wesen des blauen Himmels über dem Mittelmeer muss diese Vereinigung sein. Diese Feuchtigkeit. Diese Kraft reicht ins Unendliche, sie schafft Leben und rückt schließlich das Leben in die Ferne, zu den Horizonten hinter der weißschäumenden Gischt des Mittelmeers oder seiner grünen Stille.

In Die kalten Nächte der Kindheit steht das Sexuelle klar im Vordergrund. Das lyrische Ich wächst in einer ärmlichen, prekären Dorflandschaft auf, mit einem Vater, der das Militärische einhämmert, der auf Disziplin besteht und der die sehr engen Wohnverhältnisse mit seiner Präsenz noch enger wirken lässt. Sexuelle Phantasien und Erfahrungen erscheinen so von Anfang an als der Ausweg für das lyrische Ich, das im Text zu einer Sprache sucht und findet, die nicht allein vom Körperlichen abhängt.

Plötzlich, auf diesem kleinen Platz mit Pflastersteinen, umzingelt von Wohnhäusern, rieche ich den Herbst. Der Wind vom Bosporus lässt meine Haare fliegen. Der Duft der Natur steigt von den gelben und orangefarbenen Herbstblättern am Boden auf zu mir – nichts habe ich je lieber gerochen. In dem Duft der Blätter auch er. Quicklebendig. Die schmale Gasse, die zum Markt hinter den Häusern am Wasser führt, ich laufe sie hoch.

Das verspürt sie, nachdem sie die Trennung und Scheidung von ihrem Mann durchschreitet. Sie erträgt die Kluft, die Lücke, und sie gibt dem Herbst den Hauch eines Lebendigen zurück. Sie arbeitet sich aus der Enge der Gassen, der Häuser, der sie bedrängenden Wohn- und Lebensverhältnisse heraus, denn sie läuft hoch und dort oben, wird die Gasse enden, sich weiten und ihr den Blick auf den Ozean, ihr geliebtes Meer freigeben, denn das nächste Kapitel heißt: „Mittelmeer, erneut“.

Özlü, in der Thematik eng mit Plaths Die Glasglocke verwandt, beschreibt, wie ein lyrisches Ich aus der Elektroschocktherapie und missbräuchlichen Geschlechterverhältnissen zu einem sich öffnenden Ich erwacht, das sprachlich gegen die hochgezogenen Panzer des Körperlichen arbeitet, um dem Sanften und Gewaltlosen Raum in ihrem Leben zu geben. Leider hat Özlü nicht weiter an dieser Thematik arbeiten können. Manches wirkt noch roh, noch zu wenig lyrisch bearbeitet, geformt, noch zu sehr einfach hineinmontiert, um vollends zu überzeugen. Die Grundstimmung und Intensität jedoch bleibt – das Ich, das in Die kalten Nächte der Kindheit entdeckt worden ist, ist zur vollen Blüte erwacht und lässt sich nicht mehr zum Schweigen bringen. Die Autorin ist leider nur zu jung verstorben (1986).

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): keine Erzählung
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
„Das Haus“. Familienverhältnisse. Vater Handwerker, liebt das Militär, Anfang der 1950er Jahre. Bäume als Motiv (Han Kang – Die Vegetarierin?). Kindliche sexuelle Erfahrung mit Schwester Süm. Bunni, die Großmutter, die verwelkt wirkt. IE folgt Schwester nach Istanbul. Kino. Beengte Wohnverhältnisse. Die IE schluckt Pillen, um sich umzubringen. Wacht in einer psychiatrischen Anstalt wieder auf. Bunni bereitet ihren Tod vor. Bunni bleibt zuhause.
„Schule und Schulweg“. IE besucht katholische Schule mit Nonnen, die abweisend wirken. Gottesversessen. Jenseitig. Müssen ein Gedicht zur Übung vom Buchstaben O singen. Hetzrede gegen Nietzsche. Dort lernt IE Günk kennen, mit der sie Literatur entdeckt. Beide Familien aus dem Schulmilieu, Vater und Mutter sind Lehrer. Brüder wollen nach Paris, Intellektuelle werden. Sexuelle Erfahrung mit Schwester hören in der Pubertät auf. Nachtleben in Istanbul. Günk und IE lernen Hayalet kennen, einen schmierigen Typen, kennt die Nachtschwärmer. Erster Sex mit einem namenlosen Mann. Günk geht nach Europa. IE beschließt jung zu heiraten, bloß raus aus dem Elternhaus. Abschied von Günk.
„Das Konzert von Léo Ferré“. In Berlin, wohnte bei einem Schriftsteller. Sie vermisst die Natur, den Ozean. IE wird wieder in die Nervenklinik gebracht. Ihr Mann lebt in Paris, unglückliche Ehe, er ist zu depressiv. „Einer flog übers Kuckucksnest“ hat große Wirkung auf IE, sie teilt die Erfahrung. Die Kranken können unter den Kranken nicht gesund werden. Fünf Jahre Aufenthalt im Krankenhaus. Fahrt nach Paris, durch die Porte des Lilas. Eheliche Untreue. Sie ist schwanger von einem anderen Mann. Abtreibung. Ehemann träumt nur von Paris. Besessen von Léo Ferré. Scheidung von ihm. Sie befindet sich noch in der Klinik. Krankenschwester will, dass sie sich vor einem Fremden auszieht. Sie weigert sich. Eine Frau springt zweimal aus dem Fenster, keiner hilft ihr. Frühling 1971. In Antalya, zum Nervenarzt. Elektroschocks. Kettenrauchen. Wieder auf freiem Fuß.
„Das Mittelmeer, erneut“. Sitzt an der Küste, am Bosporus. Nachbar hat sich umgebracht, fette Maus hinter Fensterglas, Ganis. Nachtleben in Istanbul.
… in jedem der Kapitel eine klare Bezugsperson, Süm (die Familie), Günk (die Schulfreundin), Ehemänner (Das Konzert von Léo Ferré), Ganis (Selbstmörder-Nachbar).
●Kurzfassung: Ich-Erzählerin spricht über ihre Erfahrungen, Reisen, Eheprobleme und Schwierigkeiten, sich anzupassen. Sie hat manisch-depressive Schübe, weshalb sie in eine Nervenklinik gebracht wird, wo sie Elektroschocks verpasst bekommt.
●Charaktere: (rund/flach) – keine Narration in dem Sinne.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, in dieser Form des gleitenden Bewusstseinsbericht gar nicht wirklich möglich, alles erscheint als Phantom, Phantasma, als Erfahrungsrohmasse, die sich sprachlich langsam selbst bearbeitet
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Elektroschocks; die geschwisterlichen sexuellen Erfahrungen.
●Diskurs: Wahnsinn, Irrsinn, Heilung von psychotischen Zuständen.
… autofiktionaler Bericht, der sich nicht durch einen Plot, aber durch Bilder auszeichnet, also eher Prosagedicht, kein Narrativum, kein wirklicher Plot, aber dichte Bilder. Sehr verwandt zu Ingeborg Bachmanns „Malina“ und Emine Sevgi Özdamar: „Ein von Schatten begrenzter Raum“. Der Text wirkt sehr kurz und teilweise noch sehr roh, was seiner Wirkung nicht schadet, was aber im Nachgang nicht völlig überzeugt.
–> 4 Sterne

Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) klar sich abgrenzende Gestaltung, keine Erzählung, Erinnerungsdurchmischungen, keine klaren Bilder, Gefühls- und Bewusstseinszustände, Zeugnis, das sich dichterisch bearbeitet, um neue Bilder zu erschließen, neue Perspektiven zu finden. Klar im therapeutischen Diskurs angesiedelt, rettet sich aber hier durch die extrem poetische Spracheinfärbungen, die das Gleiten des Bewusstseins weg vom Dokumentarischen hin zum Künstlerischen gelingen lässt. Sprache als Mittel der Selbstbehauptung schiebt sich in den Vordergrund.
●Wortschatz: Tanne (1x), Platane (2x), Kiefer (2x), „Bäume“ (29x), Weide (1x). ABER: kein Wald. Vereinzelung, Individuum/Gesellschaft. Land/Stadt.
●Type-Token-Ratio: 0,212 hoch-lyrisch-verdichtet (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 9,7 Wörter – STAB 9,72, Median 8 Wörter. Kurz.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1013, relativ früh, eher beharrend.
●Auffälligkeiten: starke Oppositionspaare, Licht/Schatten, Stadt/Land, Religion/Sex.
●Innovation: schwierig bei einem so selbstbezüglichen Text, aber die Sprachverquickungen wirken frisch und unverbraucht. Kein Stern Abzug, da die Schreibweise nicht an Spannung verliert, immer wieder zu ihrer Lyrizität zurückfindet, auch wenn diese nicht eine völlig einheitliche Grundstruktur beibehält wie Sylvia Plath in „Die Glasglocke“
–> 5 Sterne

Erzählstimme: kein erzählerischer Text, fällt aus.

Komposition: kein erzählerischer Text, fällt aus.

Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, mitreißend, verstörend, aber auch ermunternd
●Geärgert: nein, sehr subjektive Stimme, die sich absolut setzt
●Amüsiert: nein, dazu passt das Thema nicht, ernst, kämpfend, sich behauptend
●Gefesselt: ja, wie es ihr gelingt, sich abzugrenzen
●Zweites Mal Lesen?: vielleicht
… mich hat das übertriebene Beharren auf das Sexuelle gestört, was aber dazu passt, dass das lyrische Ich keine Worte für ihr Umfeld findet, um sich in ihrem Lebenswillen verständlich zu machen. Das Körperliche ersetzt die Vokabel, das Vokabular. Sie kommuniziert mit Berührung, weil sie ansonsten überhaupt keinen Zugang zu ihren Mitmenschen findet. Vereinzelung und Entfremdung der Grundtenor. Fehlende Zärtlichkeiten. Fehlender Raum, um Sanftheit zu entwickeln. Ein Stern Abzug für mich, da ich die geschwisterlichen sexuellen Erfahrungen eher überflüssig und daher eher entblößend, distanzlos empfand. Es gab für mich im Gesamtton keinen Grund, kindliche Sexualität auf diese Weise zu thematisieren.
–> 4 Sterne

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