Erich Kästner: „Fabian“

Fabian
Moralisch geht die Welt zugrunde … Georg-Büchner-Preis 1957

Neben seinen Gedichten und Kinderbüchern wie Pünktchen und Anton und Emil und die Detektive verfasste Erich Kästner auch herkömmliche Romane mit Erwachsenen als Zielpublikum. Unter denen erregte Fabian. Die Geschichte eines Moralisten besonderes Aufsehen durch seine sexuelle Freizügigkeit, vergleichbar in neuerer Zeit bspw. mit Charlotte Roches Feuchtgebiete. Im Gegensatz aber zu Roche, deren Schreibweise individualpsychologische Traumabewältigung anvisiert und weniger einen Zeitgeist auf die Schippe zu nehmen versucht, lässt sich Kästners Roman Fabian, der eigentlich Der Gang vor die Hunde hätte heißen sollen und 2013 in Neuauflage auch unter diesem Titel erschienen ist, nur als Parodie auf die Zeit seines Entstehens verstehen, das Ende 1920er Jahre in Berlin:

Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.

Erich Kästner aus: „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“
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Raphaela Edelbauer: „Die Inkommensurablen“

Die Inkommensurablen
Sprachfreudige Ideologiekritik im Vorkriegswien … Longlist des Deutschen Buchpreises 2023

Raphaela Edelbauers neuer Roman Die Inkommensurablen lebt von dem Zauber, den die Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts ausstrahlte. Er steht im Zusammenhang mit dem kollektiven Unbewussten eines Carl Gustav Jungs, mit dem Geheimnisvollen der Mathematik des Unendlichen eines Georg Cantors und dem nationalistischen Zeitgeist eines Vorkriegswiens im Jahre 1914, auf das die kommenden Schrecken des 1. Weltkrieges noch warten. Sprachlich und stilistisch stellt sich Edelbauers Roman in die Tradition eines Robert Musils aus Der Mann ohne Eigenschaften, Alfred Kubins Die andere Seite und Hermann Hesses Die Morgenlandfahrer. Zwischen den Zeilen schimmert ein Unbehagen an einem selbstbezogenen ästhetisch-begründeten Hedonismus hindurch, dem David Foster Wallace auf eigenwillige Weise in Unendlicher Spaß eine Absage erteilt. Im Gegensatz zu diesem verbleibt Edelbauer aber ganz und gar klassizistisch:

Wer die Karlskirche betritt, befindet sich in zu Stein gewordenem Gedächtnis. Sie ist aber – ganz als hätte ihr Grazer Architekt auch der österreichischen Seele als Ganzem ein Denkmal setzen wollen – nicht nur ein eklektizistisches Kind eines Vielvölkerstaates. Sie ist auch ein Meisterstück abgeschlossener Vereinzelung. Fischer von Erlach orientierte sich beim Bau an den Schriften des Mathematikers Gottfried Wilhelm Leibniz, und so ist die Karlskirche, ganz wie Wien selbst, Monade: fensterlos und gegen Veränderung indifferent.

Raphaela Edelbauer aus: „Die Inkommensurablen“
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