Clemens J. Setz: „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“

Clemens J. Setz: "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre"
Das Prinzip Versteckte Kamera … Georg-Büchner-Preis 2021.

Romanen Voyeurismus vorzuwerfen, mag absurd erscheinen. Es handelt sich schließlich um Texte über Figuren, ausgestaltet im sprachlichen Medium einer auf die Figuren hin zugeschnittenen Narration. Romane wie Madame Bovary von Gustave Flaubert oder Mit doppelter Zunge von William Golding glänzen zwar mit Details, mit dem Bericht von Intimitäten; oder, um Beispiele aus der Gegenwartsliteratur zu nehmen, Ralf Rothmann in Die Nacht unterm Schnee oder Michel Houellebecqs Vernichten gehen zwar unter die Gürtellinie, aber gleichsam nie zu weit. Den Figuren wird ein erzählerischer Spielraum gewährt. Die Beobachtung rückt ihnen auf den Pelz, aber nie zu nah. Andere Romane wie Maxim Biller Der falsche Gruß oder Constantin Schreiber Die Kandidatin führen ihre Hauptfiguren vor, wodurch der Eindruck von Voyeurismus entstehen kann. Clemens J. Setz gerät mit Die Stunde zwischen Frau und Gitarre in ähnliches Fahrwasser:

Am Abend stand Natalie nackt vor einem Spiegel. Sie hatte ihn dazu extra aus dem Schrank geholt (normalerweise mochte sie keine menschengroßen Spiegel, hatte ihn aber trotzdem nicht in der alten Wohnung zurücklassen können, weil sie dauernd daran denken musste, wie der Spiegel traurig und blind wurde). Da war er, ihr hässlicher unweiblicher Körper. Mein Gott, die Kritik dieses Idioten hat dich wirklich getroffen. Nutzloses Vieh, dachte sie. Das Gesicht im Spiegel sah kindlich beleidigt aus.

Clemens J. Setz aus: „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“
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Annie Ernaux: „Das andere Mädchen“

Annie Ernaux: „Das andere Mädchen“
Von einem Leben, das aufhörte zu leben … Spiegel Belletristik-Bestseller 43/2022.

Gespenster existieren auf unterschiedliche Arten und Weisen. Unabgeschlossene Prozesse, nicht verheilte Wunden und Schmerzen sind solche Möglichkeiten. Sie hallen nach. Das Echo einer unbewältigten Vergangenheit durchzieht die Gedanken, unterminiert das Gemüt, schillert und wabert durch die Sinnbildungen hindurch. Annie Ernaux schreibt in Das andere Mädchen von einem solchen Gespenst, das einer verstorbenen, von den Eltern verschwiegenen Schwester, und verdichtet und drängt eine Erinnerungsspur bis aufs äußerste und kürzeste wortkarg gedrängt:

Ich kann ihre Erzählung nicht Wort für Wort wiedergeben, nur den Inhalt und einige Sätze, die die Jahre bis heute überdauert haben, Sätze, die wie eine kalte, lautlose Flamme über mein Kinderleben hinwegfuhr, während ich weiter neben meiner Mutter herumsprang und mich drehte, mit gesenktem Kopf, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Annie Ernaux aus: „Das andere Mädchen“
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Ferdinand von Schirach: „Nachmittage“

Ferdinand von Schirach "Nachmittage"
Zwischen Hotelzimmern und Selbstflucht … Spiegel Belletristik-Bestseller (36/2022)

Der schmale Band Nachmittage zusammengestellt von Ferdinand von Schirach präsentiert sich im schlichten Cover: Ein Schwarzweiß-Bild, überbelichtet, auf dem ein einsames Ruderboot ohne Ruder und Ruderer im Nebel schwimmt, nur andeutungsweise in der Nähe eines Ufers, Gekräusel, das auf Schilf schließen lässt. Das Inhaltsverzeichnis bleibt ebenso schlicht. Die Kapitel heißen: „Eins“, „Zwei“ … bis „Sechsundzwanzig“, ausgeschriebene Zahlen. Die Zahl Sechsundzwanzig zieht ebenso keine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Weder handelt es sich um eine Primzahl, noch um eine hochsymmetrische Zahl wie Vierundzwanzig oder eine Quadratzahl wie Fünfundzwanzig oder eine Kubikzahl wie Siebenundzwanzig. Sechsundzwanzig zählt lediglich die Buchstaben des lateinischen Alphabets, so dass Schirach die Kapitel seines Buches auch als ABC verstanden haben könnte. Enzyklopädisch, lexikalisch, scheinbar ohne spezifische Anordnung fasst er den Stand der Welt in abgeschlossenen, anders als bei Mariana Leky in Kummer aller Art nicht miteinander in Verbindung stehenden Kurztexten oder Berichten zusammen:

Natürlich, unser Leben ist absurd, weil der Tod es beendet. Wir müssen scheitern, es geht nicht anders. Aber es gibt noch die andere Wahrheit, die Wahrheit der Frau auf dem Wagen: Jetzt, dieser Moment, dieser Nachmittag, der nächste Morgen, der Blütenschimmer im Frühling, der Wind, der durch die Felder geht, die lautlose Schwüle im Hochsommer und das nasse Laub auf den Straßen im Herbst – das alles bedeutet nichts ohne den anderen Menschen. Wir stehen nackt in dieser Welt, die Erde ist ein kaum sichtbarer blassblauer Punkt im All, die Natur ist kalt und feindlich. Aber wir sind Menschen, wir teilen diese Einsamkeit, sie ist es, die uns verbindet. »Wir wissen voneinander«, hat sie gesagt.

Ferdinand von Schirach aus: „Nachmittage“
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Jan Weiler: „Der Markisenmann“

Hoffnungslos durch den Pott … Spiegel Belletristik-Bestseller (23/2022)

Existenzialistische Romane leben nicht von der Sprache. Sie kommen spröde, trocken, in einfachen Sätzen, fast alltagssprachlich daher wie Albert Camus in Der Fremde oder Der Fall, Simone de Beauvoir in Alle Menschen sind sterblich, Jean-Paul Sartres Der Ekel, sein unvollendeter Romanzyklus Die Wege der Freiheit oder Ernesto Sabato in Der Tunnel. Sie verhandeln philosophische Themen, drehen sich um Thesenuntersuchungen und illustrieren mehr Fragen, als dass sie einen literarischen Stoff bearbeiten und durchformen. Mit anderen Worten, die Erzählung bleibt sekundär. Primär steht die Frage im Zentrum, was ist Freiheit, wie frei ist der Mensch wirklich, wie viel Freiheit ist eigentlich möglich und erträglich. Jan Weiler hat ebenfalls einen existenzialistischen Roman geschrieben: Der Markisenmann. Er kommt vielleicht siebzig Jahre zu spät, aber das spricht nicht gegen ihn und erlaubt ihm sogar ein gewisses Maß an spielerischer Leichtigkeit.

»Ich finde bis heute, dass ich es nicht anders verdient habe. Ich habe das alles getan, und ich muss es wiedergutmachen. Es wäre nicht angemessen, wenn ich danach einfach ein erfolgreiches angenehmes Leben geführt hätte. Mit einer anderen Frau, irgendwo, mit einem tollen Job. Ich habe akzeptiert, dass diese Halle mit diesen Markisen und den Schrauben und dem alten Kombi mein Leben sein soll. Ich muss das so lange machen, bis keine Markisen mehr da sind.«

Jan Weiler aus: „Der Markisenmann“
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