Constantin Schreiber: „Die Kandidatin“

Wortsalat eines Augenblicksgedächtnisses … (Spiegel Belletristik-Bestseller 18/21)

In „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber wird eine Zukunftsvision der Bundesrepublik Deutschland im Gewande ihrer Gegenwart entworfen. Weit entfernt davon visionär zu sein, werden mit neuen Namen alte Sachverhalte in noch ältere Schläuche gegossen, und herauskommt eine Rhapsodie aneinander gereihter Wörter, die eher an einen Raptext erinnern als an einen Roman. Die Geschichte lässt sich nur als Szenerie wiedergeben: Eine muslimische Kanzlerkandidatin steht kurz vor ihrer Wahl und tritt vehement für das feministische Recht ein, einen Hijab tragen zu dürfen. Sie wird gefeiert und bekämpft. Sie reist nach China, ein Attentat auf sie findet statt, und am Ende läuft sie Gefahr, alles wegen eines schmutzigen kleinen Geheimnisses zu verlieren. Was in dem Roman über die Kanzlerkandidatin Sabah Hussein gesagt wird, gilt vor allem für den Roman selbst:

„Um Inhalte musste sie sich lange nicht kümmern. Sie selbst war Inhalt genug.“

Constantin Schreiber aus: „Die Kandidatin“

Die Sprache dieses 200 Seiten langen Textes, und vielleicht ist dies eine interessante Eigenschaft, kann an Einfachheit nicht mehr unterboten werden.

„Auf einem sehr verwackelten Handyvideo rennt eine Frau in blutgetränkter Bluse mit ihrem Baby im Arm über eine Straßenkreuzung, offenbar beim Versuch, sich in Sicherheit zu bringen. Ein Soldat steht hinter einer Hauswand ein paar Meter weiter. Er springt hervor, holt mit dem Maschinengewehr aus und rammt es der Frau ins Gesicht. Sie fällt auf die nasse Straße, das Baby wird durch die Luft geschleudert und landet hart auf dem Bordstein. Es bleibt regungslos liegen. Die Welt ist entsetzt.“

Constantin Schreiber aus: „Die Kandidatin“

Einem Kolportageroman ähnlich, nur ohne Plot, Handlungsfaden oder irgendeiner anderen temporalen Organisation, werden die Geschehnisse unverarbeitet aneinandergereiht. Atemlos peitscht ein Ereignis auf das nächste ein, ohne roten Faden, ohne die mindeste Entwicklung. Wie ein Verhängnis stürzt der Turm Babels ein, zerbirst in Tausend Einzelteile und hinterlässt nur Schutt und Asche, wo einst Sprache und Stil gewesen ist. In sich gewandt und hermetisch werden Wörter in Verbindung miteinander gebracht, die sich nicht kennen und auch nicht gegenseitig zu einem Sinn vereinen. Das Schreiben bleibt äußerlich, gleitet an der Oberfläche der Situation ab wie die Wassertropfen an dem beschaulichen Federkleid einer sich selbstgenügsamen Ente.

„Der Tiergarten ist für sie ein Symbol für das andere Leben, das sie jetzt führt. Oft läuft sie vor der Arbeit auf den Schotterwegen durch den weitläufigen Park, hält ab und an inne und schaut nach oben in die dichten Blätter, während die aufgehende Sonne Lichtblitze auf ihr Gesicht wirft. Die Weite, die Stille, das Grün.“

Constantin Schreiber aus: „Die Kandidatin“

Nicht nur „läuft“ sie durch den „weitläufigen Park“ und genießt die „Weite“, nein, sie befindet sich zugleich unter „dichten Blätter“ statt Baumkronen und lässt sich kontinuierlich, in Katachrese, „Lichtblitze“ aufs Gesicht werfen, während die Sonne aufgeht. Wie jedoch eine aufgehende Sonne in einem Wald mit dichten Blätterdach Lichtblitze auf ein Gesicht werfen kann, ohne am Zenith zu stehen, bleibt ein Rätsel wie der ganze Text. Die Sprache befindet sich in jedem Absatz, Satz, auf ihrem absoluten Nullpunkt. Es scheint beinahe, als hätte der Verfasser zum Ziel gehabt, jedwede Kunstfertigkeit als Elitismus zu überkommen und das reine, sprachliche Material freizulegen.

„Sonderbeauftragte für öffentliche Dialoge. So wunderbar wolkig der Titel, so wenig definiert war das, was sie tun sollte. Aber das ließ ihr große Freiheiten und die Möglichkeit, sich in fast jede Debatte einzumischen. Reuter ist wie ein Vater für Sabah, er behandelt sie, als wäre sie seine Tochter.“

Constantin Schreiber aus: „Die Kandidatin“

Das eine „Sonderbeauftrage für öffentliche Dialoge“ sich in fast jede Debatte einmischen kann, erscheint geradewegs verständlich und nicht „wolkig“, genauso dass jemand „wie ein Vater“ ist, wenn dieser jemand sie „wie eine Tochter behandelt“. Die „großen Freiheiten“ werden dann einfach ohne Erklärung dazwischengesetzt, denn von „Freiheiten“ zu sprechen, schadet ja bekanntlich nie. Die Handlung selbst lässt sich elliptisch auf wenige Sätze zusammenfassen, und so gerät die Ausführung des auf dem Reißbrett zusammengeschacherten Idioms zu einer Kette von Reizworten, die einem nur so um die Ohren fliegen. Jede Beschreibung dient als Anlass, seine Sichtweise auf die Sache zu bekennen:

„Es geht [in China] vorbei an gleißenden Hochhäusern, blitzblanken Plätzen. Die Trabantenstädte erstrecken sich über zwanzig Kilometer. Ein Hochhaus sieht aus wie das andere. Wie klinisch rein alles ist! Sabah staunt. Sie hätte das nicht für möglich gehalten. Sie fühlt sich abgestoßen und ist fasziniert zugleich. In Berlin gibt es kaum noch eine Wand, die frei von Graffiti ist. Wegen der Müllentsorgungskrise häuft sich in vielen Stadtteilen der Unrat, deutsche Kommunen haben ein Rattenproblem, das nur noch schwer in den Griff zu bekommen ist. Auch die Zahl an Obdachlosen und Drogenabhängigen ist weiter steigend. Hier sieht man nichts davon, die Straßen sind auch nicht von Demos verstopft. Klinisch reine Konformität.“

Constantin Schreiber aus: „Die Kandidatin“

Es fällt tatsächlich schwer, dieser Verwendung der Sprache irgendeine Form von Kunstfertigkeit zuzugestehen. Die Beobachtungebene springt stets vom auktorialen zum allwissenden Beschreiben. Kaum sitzt man mit der Protagonistin im Wagen und sieht, ohne von der Tageszeit zu wissen, scheinbar von selbst „gleißende Hochhäuser“, schon schwebt man hoch über allem und sieht über zwanzig, nicht zehn oder fünfzehn, Kilometer sich erstreckende Trabantenstädte. Die Protagonistin staunt, denn sie hätte dies nicht für möglich gehalten – scheinbar nämlich hat die vielgereiste Kanzlerkandidatin gedacht, die ganze Welt sähe wie Berlin aus. Sofort hilft der Erzähler wieder aus und zieht noch das Rattenproblem hinzu, das „schwer in den Griff zu bekommen ist“. Wie es jedoch zu der angenommenen Müllentsorgungskrise kam, das bleibt im Unklaren.

Es lohnt sich in Erinnerung zu rufen, worüber schon viele nachgedacht haben. Polyphone Öffentlichkeiten führen unweigerlich zur Verunsicherung und Überforderung, und auch zu einem gewissen Maß an Meinungschaos. In „Am Nullpunkt der Literatur“ diagnostiziert Roland Barthes, der nach eigenen Aussagen selbst daran gescheitert ist, einen Roman nach dem Ende des Romans zu schreiben:

 „Es besteht also eine Sackgasse der Schreibweise, es ist die Sackgasse der Gesellschaft selbst. Die heutigen Schriftsteller spüren es: für sie ist die Suche nach einem Nicht-Stil, nach einem Nullzustand oder einer gesprochenen Stufe der Schreibweise das Vorausnehmen eines absolut homogenen Zustandes der Gesellschaft. Die meisten begreifen, dass es außerhalb einer konkreten und nicht mehr nur mystischen oder nur nominalen Universalität der zivilen Welt keine universale Sprache geben kann.“

Roland Barthes aus: „Am Nullpunkt der Literatur“

Constantin Schreiber scheint, bewusst oder unbewusst, dieses Damoklesschwert über sich hängen gespürt zu haben. Seine Wahl fiel auf die Flucht nach vorn: In Gefahrensituationen nicht bremsen, sondern beschleunigen. Für die Literatur heißt dies, ganz auf Stil zu verzichten, in vollendeter Einfachheit eine Schlagzeile nach der anderen zu verfassen in der Hoffnung, die Stimmung einzufangen und einer situativen Befindlichkeit Ausdruck verleihen zu können. „Die Kandidatin“ besitzt das Konzept eines Twitter-Posts und verheimlicht dies auch nicht. Nur der Verlag titelt „Roman“, wo es „Ein Beitrag“ lauten hätte sollen. Am Ende gleicht der Text der Agit-Prop-Literatur des Dadaismus in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Walter Benjamin schreibt in „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“:

„Auf die merkantile Verwertbarkeit ihrer Kunstwerke legten die Dadaisten viel weniger Gewicht als auf ihre Unverwertbarkeit als Gegenstände kontemplativer Versenkung. Diese Unverwertbarkeit suchten sie nicht zum wenigsten durch eine grundsätzliche Entwürdigung ihres Materials zu erreichen. Ihre Gedichte sind »Wortsalat«, sie enthalten obszöne Wendungen und allen nur vorstellbaren Abfall der Sprache. […] In der Tat gewährleisteten die dadaistischen Kundgebungen eine recht vehemente Ablenkung, indem sie das Kunstwerk zum Mittelpunkt eines Skandals machten. Es hatte vor allem einer Forderung Genüge zu leisten: öffentliches Ärgernis zu erregen.“

Walter Benjamin aus: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Die merkantile Verwertbarkeit ist nach Hundert Jahren nun gegeben. „Die Kandidatin“ ist ein Bestseller und bietet den genannten Wortsalat stolz feil, aus dem sich jeder nehmen kann, was ihm beliebt. Die Sprache benötigt nur ein Augenblicksgedächtnis für die letzten Google-News-Schlagzeilen, und der Traum der postmodernen Ästhetik, ein Kunstwerk wie ein Feuerwerk, das in Sekundenschnelle verpufft, zu schaffen, hat sich in Form von Sprache materialisiert, und dies als ecriture automatique, als Reihung und Parataxe des Monströsen:

„Im Anschluss an das Interview läuft Werbung über den Bildschirm. Beeindruckende grüne Berge und Täler, stahlblauer Himmel, exotische Altstädte, frisches asiatisches Essen, lachende Kinder, die Drachen steigen lassen, alles unterlegt von sphärischen Holzflötenklängen.“

Constantin Schreiber aus: „Die Kandidatin“

Wieder weiß man nicht, wer „beeindruckt“ ist, und schmerzlich fällt die Wendung „stahlblauer“ Himmel, die nach Victor Klemperers Lingua Tertii Imperii (LTI) angsteinflößende Erinnerungen wachwerden lässt, zumal Stahl nicht blau, sondern grau ist, und ein alter IG Farben Begriff scheinbar wieder in die Waagschale geworfen werden musste. Abschließend hilft Maurice Blanchot und seine Diagnose der postmodernen Zeit.

„Man wird in dieser Beschreibung […] die Hauptzüge des öffentlichen Daseins wiederfinden, das unpersönliche Verstehen, das grenzenlose Offensein, das witternde und vorausahnende Aufnehmen, bei dem jeder über das, was geschehen ist, bereits im Bilde und mit allem fertig ist und wobei jedes Werturteil zugrunde geht. Das ergibt aber auch eine neue Situation, in der der Schriftsteller gewissermaßen seine eigene Existenz und seine persönliche Gewissheit einbüßt und der Prüfung einer noch unbestimmten und ebenso mächtigen wie ohnmächtigen, ebenso umfassenden wie nichtssagenden Kommunikation unterworfen wird, und sich wie Mascolo richtig sagt, »zur Ohnmacht verurteilt sieht«, »aber auch auf die Einfachheit zurückgeführt«.

Maurice Blanchot aus: „Wohin geht die Literatur?“ in „Gesang der Sirenen“

Schneider hat sich für die Einfachheit, aber gegen die Ohnmacht entschieden, inwiefern dies noch stilistisch und sprachlich unterboten werden kann, bleibt abzuwarten. An persönlicher Gewissheit scheint er jedenfalls nichts eingebüßt zu haben und von einer informierten Prüfung nichtssagender Kommunikation lässt „Die Kandidatin“  erst recht nichts vermuten.

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