Martin Walser: „Das Traumbuch“

Walser, nur ein klein bisschen leiser.

Alterswerke präsentieren sich oft eigenwillig und aufmüpfig. In ihnen wird kein Blatt mehr vor den Mund genommen. Sie geben dann noch mal alles, resümieren, rekapitulieren und ziehen alle Register. Manche Alterswerke jedoch nicht. Martin Walsers Das Traumbuch – Postkarten aus dem Schlaf gehört zu diesen, wie auch Herta Müllers spartanisches Der Beamte sagte oder Friederike Mayröckers entschlossenes da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Auch wäre da noch Helga Schuberts sanftes Vom Aufstehen und Irvin D. Yaloms und Marilyn Yaloms rührendes Unzertrennlich zu nennen. Walser stellt sich in diese Reihe, versöhnt mit sich und der Welt:

Schon das Bedürfnis, Träume zu deuten, kommt mir absurd vor. Meine Träume müssen nicht gedeutet oder gar nach den billigsten Schlüsseln übersetzt werden, sie sind mir lieb und wert, so wie sie vorkommen. Sie sind mir deutlich genug.  

Martin Walser aus: „Das Traumbuch“

Das Traumbuch liest sich nicht als Roman. Es ist keiner. Es besteht aus kurzen Reminiszenzen, Traumszenen, die wie ein Gedicht die Seite weitestgehend weiß lassen. Nur wenig Text drängt sich an die obere Kante des Buches, zumeist abwechselnd mit einer Doppelseite bunter, fröhlich gemalter Impressionen von Cornelia Schleime vom Bodensee, von Wasserburg, Konstanz und den sich spiegelnden, zwischen Wolken auf der Oberfläche des Bodensees funkelnden Säntis, der die Alpen ankündigt. Von Natur berichtet Walser nicht viel. Ihn beschäftigt Sex und Schmerz, Ruhm und Neid, Ehre und die Angst vor dem Phallusverlust:

Traum gestern Nachmittag: Das Geschlechtsteil zur Hälfte weg. Ich muss es in einer Schachtel verbergen. Schaue an mir nach. Zum Glück ist es nachgewachsen! Schaue auf, schon liegt eine zweite Geschlechtshälfte da. Wieder verstaut und an mir nachgeschaut, und wieder ist es, zum Glück, nachgewachsen.

Die psychoanalytischen Ausdeutungen verbittet sich Walser ausdrücklich. Er hat eine eigene Traumtheorie. Ihm geht es um das Leibliche, Kreatürliche, die Rückbindung an das sensorische Empfinden des Körpers mit all seinen Gebrechen, Ausdünstungen, seiner Versehr- und Verwüstbarkeiten. Von Virtualität will er nichts wissen, schon gar nicht von Deutungen, Ausmalungen, Interpretationen. Walser bleibt theologischer Materialist, entweder völlig körperlos oder ganz und gar körperlich. Dazwischen wabert nur Irrtum und weltlich sich verzettelnde Psychologie:

Dass immer körperliche Zustände den Traum bestimmen. Das wäre das stärkste Argument gegen die Psychoanalyse des Traums. Herzschmerz, Magenverstimmung, Sexualbedürfnisse, je nachdem, was vorkommt, wird geträumt. Der Alptraum ist körperlich bestimmt.

Walser unterlässt es, seine eigenen Träume zu interpretieren. Ihm geht alles zu nah. Ihm hängt alles nach. Ihn lassen die Geister der alten Bundesrepublik Deutschland nicht los: das literarische Quartett im ZDF, Marcel Reich-Ranicki, Michel Friedmann, Günter Grass, Siegfried Unseld, Jürgen Habermas und viele mehr. Von seiner Paulskirchenrede kein Wort mehr, auch nicht, dass sie ein menschliches Versagen gewesen sei. Stattdessen herrscht ein ruhiger, abgeklärter Ton auf diesen knapp 150 Seiten. Es herrscht ein gewisser Frieden mit allem, auch mit der eigenen Unzulänglichkeit.

Mit vielen in einer überfüllten Vorhalle. Es kommen dann Reich-Ranicki mit Gefolge und, hinter ihm, ihn überragend eine Art Michel Friedman, der heftig mit einer Schönen scherzt, auch aus Übermut nach ihr beißt. Reich-Ranicki und Michel Friedman haben dünne Stöckchen. Ich habe auch ein solches Stöckchen. Als sie an mir vorbeikommen, um dann endlich einzuziehen ins Ziel, springe ich auf. Ich rufe, dass ich mich auch nicht von denen schlagen lasse. Sie wehren sich. Ein kurzes Gefecht mit den Stöckchen. Ich verliere irgendwie.

Das entscheidende Wort lautet hier „irgendwie“. Er verliert nicht knapp, nicht aufgrund unfairer Mittel oder gegen eine Übermacht. Nein, er verliert einfach irgendwie, ohne Erklärung, Rechtfertigung, ohne Entschuldigung. Wie spielt plötzlich keine besondere Rolle mehr und so auch die Niederlage selbst nicht. Walser atmet auf. Zwischen den Zeilen schaut er zurück, durchschreitet Phantasma nach Phantasma. Er wird es zwar nicht los, hält noch immer an dem Ganzen fest, an sein Publikum, das kaum noch existiert, an die Probleme, die keiner mehr debattiert, an die Werke, die in Bibliotheksregalen verstauben und nicht mehr ausgeliehen werden, aber all dies geschieht, ohne ihm Angst einzujagen. Es gehört einfach dem prädigitalen Zeitalter an. Walser weiß dies, und in seinen Träumen geht diese Welt samt der Frankfurter Schule zu Bruch:

In Wasserburg. Im Haus eine Art Explosion, und es reißt uns in die Höhe, Habermas und mich, wir fliegen schneller hoch als die auch schon nach oben fliegenden einzelnen Stockwerke. Ich mache Habermas auf das aufmerksam, was die hell erleuchteten Stockwerke enthalten. Dann schießen wir in die Nacht hinaus und wissen, dass wir gleich wieder herunterfliegen werden und dass das tödlich sein kann. Wir klammern uns aneinander, umarmen einander. Habermas hat mehr Angst als ich […]

Jürgen Habermas, letzter Exponent der Frankfurter Schule, ist 92 Jahre alt, Martin Walser 95. So richtig grün waren sie sich nie, aber im Alter, in Walsers Träumen finden sie zueinander, umarmen und versöhnen sich. Ihre Welt liegt in Trümmern. Vom Historikerstreit redet keiner mehr, auch nicht vom kommunikativen Handeln und dem Strukturwandel der Öffentlichkeit, dessen Theorie Habermas im hohen Alter revidieren musste, und Bertolt Brecht wie die gesamte analoge Welt schrecken sowieso niemanden mehr.

Ein Fiebertraum. Dass über Bertolt Brecht berichtet worden sei, er habe die Länge der Geschlechtsteile von Erhängten gemessen. Und wenn ihm die zu lang vorgekommen seien, habe er gesagt, durch das Erhängen sei die Wirbelsäule verrutscht; was er hier als Geschlechtsteil messe, sei in Wirklichkeit ein Teil der Wirbelsäule.

Wieder der Phallus, der Sex, das, was Martin Walser zeitlebens umtrieb. Im hohen Alter jedoch überspielt er es nicht mehr. Er redet nur noch davon, von seinen Sexträumen, seinen Kastrationsängsten, seiner Inkontinenz, und auf diese Weise wirft er mit diesen kleinen Miniaturen ein ganz anderes Licht auf seine Werke, auf Ein fliehendes Pferd, Die Gallistl’sche Krankheit, auf Tod eines Kritikers und Ehen in Philippsburg beispielsweise. Was sich dort noch tarnte, kommt nun unverblümt hervor. Geltungsdrang, Eroberungswünsche, Besitzergreifung und doch große, nicht zu sagen, maßlose Enttäuschung, dass in all dem Messen und Gemessen-Werden, in all dem Wettringen um Deutungshoheit der Sex doch im Mittelpunkt stand und steht und einfach, so der alte Walser, nicht einhält, was er verspricht:

Ich fühlte mich von ihr [einer zuerst sehr Schönen] nicht oder zu wenig geachtet. Ich wunderte mich sehr, dass sie dann doch in einem Schlafzimmer war. Aber mir gelang es nicht, das Licht anzumachen. Es ist fast unmöglich, einen Tag nach einer solchen Nacht zu bestehen. Es ist, als gäbe es doch nichts anderes als das. Alles andere ist Ersatz. Wenn das so ist, war dieses Leben nicht viel wert.

Anklänge an Michel Houellebecqs Vernichten sind nicht zufällig. In beiden Werken geht es ums Altwerden, Kranksein, ums Sterben oder kurz vor dem Sterben Stehen. In Vernichten findet Paul Raison zurück zu seiner Ehefrau Prudence. Er findet Genuss und Leidenschaft in ihren Armen und wendet sich vom Präsidentschaftskampf, von Intrigen, weltumspannenden Verschwörungen, vom politischen Tages- und Ideologiegefecht ab. Houellebecq gibt keine Ratschläge mehr. Er regrediert offensiv. Walser regrediert nicht. Er atmet durch und lässt die Masken fallen.

Das, was Das Traumbuch nicht ist, was in ihm nicht steht, zeichnet es aus. Es ist keine Abrechnung. Es wird nicht über das digitale Zeitalter gehetzt. Es gibt keine gehässigen Spitzen gegen die Prominenz, gegen den ausbleibenden Nobelpreis, gegen die neue Welt. Walser bleibt in Wasserburg und bei seinen Leisten, bei seiner Libido, frank und frei, und gibt sich gelassen, ja leutselig. Er schwadroniert ohne Agenda, ohne Anklage und so werden seine Worte leicht wie Federn im Wind, versöhnlich, freundlich, manchmal etwas derb, zu nackt, aber stets ehrlich und klar. Es ist mehr ein Buch von Martin als von Walser, mehr von dem jungen Schriftsteller, der auszog, um das Fürchten zu lernen, als vom Hochintellektuellen, der über Emanuel Swedenborg mystisch räsoniert, sich nicht genug wertgeschätzt fühlt und so Tabu nach Tabu der Berliner Republik bricht, um mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Walser wollte einfach dazugehören:

Um 18 Uhr vor einem Philosophenkongress, der in einem historischen Gemäuer tagte. Im Freien, auf einem weiten Platz, saß schön und schlank und eher verträumt Jürgen Habermas. Er nahm keine Notiz davon, dass ich an ihm vorbeiging. Drinnen fehlt mir das Manuskript.

Walsers Offenherzigkeit überzeugt mit jeder Zeile. Sein Mut zu schreiben, sein Mut, sich zu entblößen, seine Suche nach sich und seiner Wahrheit, treibt ihn weiter, lässt ihn tiefer in sich hineinblicken. Er hat die Angst vor sich selbst verloren, vor sich und seinen Wünschen, seinen Begierden. Diese Selbstakzeptanz wirkt befreiend und entlässt den Text Satz um Satz aus den Klammern, Bedeutsames zu kreieren, je nebensächlicher desto intensiver, je kleiner desto genauer. Walser findet diesen Ton und läutert seine Romane und Erzählungen im Rückblick, wirft einen anderen Glanz auf sie, gibt seinem Werk eine ganz andere und neue Richtung, nämlich die einer Suche nach sich selbst, die gelang.  

Ich lese in einem Buch, halb Krimi, halb Science-Fiction. Eine Handlung, die hauptsächlich enthält, dass eine Frau Kinder gebärt, die von Geburt an Krawatten tragen, mit Krawatten auf die Welt kommen. Ich beneide den Autor um diese Idee. Sage zu Alissa: Warum fällt uns so etwas nicht ein! Ich wache auf und nehme mir vor, diese Idee nicht zu vergessen. Ich bin einen Augenblick glücklich, dass ich das nur geträumt habe …. Diese Idee ist also noch zu benutzen. Bei Tageslicht dann doch nicht.

Walsers Schubumkehr revolutioniert Stil und Credo seiner früheren Texte. Früher verschrieb er sich dem Schmerz, suchte Bedeutung in der Vergebung, im steten Aufbegehren gegen das Nichts, gegen die innere Leere. Er versuchte eine Form der Gefangenschaft zu bejahen, eine Weise der Knechtschaft zu akzeptieren und zu hofieren, eine höhere Weihe im Unterworfenen und ewig Suchenden zu erblicken. So schrieb er noch am 30.10.1999 in der Zeit in seinem Artikel Sprache, sonst nichts:

Jeder ist ein Gefangener in einem System oder in einem Palast oder in einem Kosmos oder in sonst etwas. Die schönste mir vorstellbare Gefangenschaft ist die in der Sprache. Für diese Gefangenschaft werden wir entschädigt durch die Illusion, dass es für alles eine Entsprechung im Ausdruck gebe. Ich habe einmal in der Straßenbahn eine Mutter sagen hören: Wenn man die Kinder nett anzieht, mag man sie lieber. So wollen wir’s halten.

Martin Walser aus: „Sprache, sonst nichts“

So aber hält es der alte Walser, Martin, nicht mehr. Seine Sprache ist offen. Seine Liebe zum Ausdruck ungebrochen, aber entspannt und fröhlich. Er verkleidet nichts mehr. Er lässt die Masken fallen. Die Maske hat nicht gehalten, was er sich von ihr versprochen hat, und nun hat er keine Verwendung mehr für sie.

Zwischen Turnhalle und Eisenbahnbrücke geht ein Wesen ohne Arme und ohne Geschlecht, nackt, und ist das Schaustück einer Transplantation: Eine dicke Hautschärpe von links unten, von der Lende, bis über die rechte Schulter. Dann dreht sich das andauernd vor sich hinredende Wesen um – von hinten einfach ein nackter Mensch.

Martin Walser aus: „Das Traumbuch“

Im Gegensatz zu Houellebecqs Vernichten liegt keine Bitternis in diesen Worten. Walser gibt nicht auf. Er gibt sich selbst nach. Er spielt nicht mehr den Bösen, den Fürsprecher fürs Verdrängte, den advocatus diaboli wie Maxim Biller in Der falsche Gruß, Christian Kracht in Eurotrash oder Heinz Strunk Es war immer so schön mit dir. Noch sucht er zu belehren, mit gutem Beispiel voranzugehen, wie Bernhard Schlink in Die Enkelin, oder zu mahnen wie Christoph Hein in Guldenberg. Im Gegenteil, er findet eine Sanftheit wie Friederike Mayröcker in da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Beispielsweise schreibt sie:

die Kunst ist mein alles. Die Worte als Worte ausstellen, ohne ihren Sinn zu entfalten, ich telefoniere mit Ulla-Mae, wie der Frühling aufgewacht ist, eine Mandarine ganz gelb, die Schuhe des Schlafes, das Krönlein, diese Mündchen v. Botero, pulst etwas v. Papagei auf deiner Schulter etc.,

Friederike Mayröcker aus: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“

Am Ende seiner Schaffenskraft lässt Walser sich auf Mayröckers Sang und Klang, Spiel und Stil ein, auf jene leichte, dennoch genaue, auf jene präzise, doch um so verspieltere Weise, mit den Dingen zu sprechen, von den Dingen zu berichten, von sich und der Welt kundzutun, und so lädt Das Traumbuch ein, mit diesem Walser einen Spaziergang am Bodensee zu unternehmen, den Säntis, Himmel und Erde zu bestaunen und über alles und irgendwie auch nichts zu reden und den sanften Frühlingswind im Gesicht zu genießen:

Den Träumen kann man trauen, mehr als allem sonst.

Martin Walser aus: „Dem Traumbuch“

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