Sebastian Fitzek: „Der erste letzte Tag“

Hermeneutik, Literaturwissenschaft, Exegesen, Soziologie, Philosophie behandeln immerzu die selbst gestellte Frage, das eigenst erfundene Problem, was denn Literatur von einer Gebrauchsanleitung, ein Gedicht von Prosa, Belletristik von Romanen, Unterhaltung von Kunst unterscheidet, Kitsch von Tiefe, Avantgarde von Brauchtum, Innovation von Reproduktion, Tradition, Bildung von Verblendung und Kulturindustrie. Sie bemühen Kriterien, erheben Anspruch vor Wirklichkeit, den ästhetischen Schein zum Prinzip, übergehen einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, voller Sympathie für das Einfache, und doch in rückhaltloser Parteilichkeit für das Differenzierte, Schwierige, ins Tiefe Zielende.

Sie wissen, dass ein Unterhaltungsroman genauso ein Text wie jeder hoch angesehene Bildungsroman ist – das eine jedoch liest sich in ein paar Stunden, vergnüglich, amüsant, das andere, nun, das liest kaum einer und wenn, dann dauert es zähneknirschend viele Wochen und meist findet die Lektüre ohnehin ein vorzeitiges Ende. Man verlor einfach irgendwann die Lust.

„Ihre Schwiegertochter, die Konsulin Elisabeth Buddenbrook, eine geborene Kröger, lachte das Krögersche Lachen, das mit einem pruschenden Lippenlaut begann, und bei dem sie das Kinn auf die Brust drückte. Sie war, wie alle Krögers, eine äußerst elegante Erscheinung, und war sie auch keine Schönheit zu nennen, so gab sie doch mit ihrer hellen und besonnenen Stimme, ihren ruhigen, sicheren und sanften Bewegungen aller Welt ein Gefühl von Klarheit und Vertrauen. Ihrem rötlichen Haar, das auf der Höhe des Kopfes zu einer kleinen Krone gewunden und in breiten künstlichen Locken über die Ohren frisiert war, entsprach ein außerordentlich zartweißer Teint mit vereinzelten kleinen Sommersprossen. Das Charakteristische an ihrem Gesicht mit der etwas zu langen Nase und dem kleinen Munde war, daß zwischen Unterlippe und Kinn sich durchaus keine Vertiefung befand. Ihr kurzes Mieder mit hochgepufften Ärmeln, an das sich ein enger Rock aus duftiger, hellgeblümter Seide schloß, ließ einen Hals von vollendeter Schönheit frei, geschmückt mit einem Atlasband, an dem eine Komposition von großen Brillanten flimmerte.“

Thomas Mann aus: „Die Buddenbrooks

Kategorien wie Komplexität der Sprache, Weite der Themen, Vielfalt der Wortbildungen und Länge der Sätze wurden bemüht. Man führte auch schlichtweg Bildungstradition an, denn worüber lange gesprochen wird, das musste auch interessant, wichtig, von überragender Bedeutung sein. Die Selbstverständlichkeit der Überlegenheit artikulierte sich dennoch schlecht. Was genau, so insistieren immer wieder SeminaristInnen, rechtfertigt die Unterscheidung jedoch wirklich? Warum überhaupt von Überlegenheit, Unterlegenheit, hoher und niedriger Unterhaltung, Kunst, Literatur sprechen? Und wer spricht davon überhaupt noch?

Sicherlich nicht Sebastian Fitzek.  Sein Ziel ist einfach umrissen: Den Lesenden so viele unterhaltsame Momente wie nur möglich zu bieten, und in seinem neuen Roman „Der erste letzte Tag“ versucht er es dieses Mal nicht mit Mord und Todschlag, nicht mit Leichen, Vergewaltigungen, hanebüchenen Gewalt- und Blut- und Mord- und Racheexzessen, nein. Er versucht sich an einem leisen Thema. Mann trifft Frau am Flughafen. Der Flug nach Berlin wird wegen schlechten Witterungsbedingungen gestrichen, und bei der Autovermietung kommt das eine zum anderen, und beide lernen sich kennen und verbringen eine Fahrt nach Hamburg miteinander. Warum Hamburg und nicht Berlin ist eine andere Sache. Die Sprache ist gewohnt schnell, zielstrebig, ornament- und schnörkellos. Fitzek kommt schnell zur Sache.

„Was pflegte mein Vater immer zu sagen? Es gibt auf alles eine Antwort! Ganz sicher auch auf die Frage, wie ich Yvonne [die noch Ehefrau] erklären sollte, dass ich es vorzog, mir in Begleitung einer jungen Heroinsüchtigen in einer Dessau-Rosslauer Wodkasauna schockalkoholisiert von einem nackten Wellness-Guru den Hintern versohlen zu lassen, anstatt mich mit ihr in Berlin zum Versöhnungsabendessen zu treffen. Ich ging im Geiste schon mal meinen Rückruf durch.“

Sebastian Fitzek aus: Der erste letzte Tag.

Er gibt den besten Vergleich für das Lesen seiner Bücher gleich selbst: „Aber nun ist es wie mit einer Tüte Chips. Einmal angefangen, kannst du nicht mehr aufhören.“ Nur stimmt es nicht ganz. Fitzeks Bücher beginnen und enden, wo sie wollen, als wären sie aus dem Leben gegriffen. Sicherlich, hier und da versuchen sie einen Spannungsbogen zu ziehen. Hin und wieder lässt er ein deus ex machina steigen, täuscht, lässt aus, um mit großem Trara aus einer dunklen Ecke in das Scheinwerferlicht zu springen und Ätschibätsch zu rufen, nur um auf ein freundliches nickendes Publikum zu schauen: Leider wieder nicht hereingelegt, denn Fitzek ist eine ehrliche Haut und kein David Copperfield. Liest man konzentriert, deutet sich vieles an und so richtig überrascht eigentlich dann auch wieder gar nichts mehr.

Wieso denn „Der erste letzte Tag“ dann überhaupt lesen? Weil einem vielleicht danach ist, jemandem plaudern, vor sich hin fabulieren hören zu wollen.

»Was habe ich nicht verstanden?«, fragte Lea. »Dass noch nie etwas im Leben in der Vergangenheit geschehen ist. Und es wird auch nie etwas in der Zukunft passieren. Alles, was du erlebst …«, tada, Trommelwirbel bitte hier einfügen, »… geschieht: jetzt!«

Sebastian Fitzek: Der erste letzte Tag.

Richtig. Wie fast alles in Fitzeks neuem Roman. Er lässt kein Thema aus (Pandemie, Adolf Hitler, Mauerfall, Heroin, rachsüchtiger Pizzabäcker, Krebs … und Stau, Penner, Kohlenhydratvernichtungsketten …) und alles überschlägt sich in Windeseile, lässt einen kaum zu Atem kommen. Die Gedanken sind frei und völlig von einem roten Faden losgelöst. Lea und Livius brettern über die A9, mimen Tofu-Terroristen und gerontinische Conartists ohne Scham und Reue, um am Ende festzustellen.

„Hätte ich meinen Standpunkt gekannt – hätte ich wirklich gewusst, was mich glücklich macht, und über all die Prinzipien und Werte Bescheid gewusst, nach denen ich mein Leben ausrichten wollte, dann vielleicht hätte ich anfangen können, an mir zu arbeiten. Aber ich, und das war mir soeben klar geworden, hatte nicht die geringste Vorstellung über mein wahres Ich.“

Sebastian Fitzek: Der erste letzte Tag.

Dem neuen Roman von Fitzek lässt sich nichts vorwerfen. Er plätschert freundlich dahin, will nichts und niemandem etwas Böses, will nur eine gute Zeit haben, wie seine Protagonisten. Es gibt genügend Diskussionen, übelmeinende Zeitgenossen, Probleme und Ängste. All dieses wird beiseitegeschoben. Sich einfach mal Hops nehmen heißt die Devise. Warum so ernst? Was erwartet man auch von einem Buch mit dem paradoxalen Titel: „Der erste letzte Tag“ – entweder ist ein Tag in gewisser Hinsicht der erste oder er ist es nicht. Es kann jedoch keinen ersten, schon gar keinen zweiten letzten Tag geben. In Fitzeks Welt jedoch schon.

»Genau. Ohne Nietzsche zu nahe treten zu wollen, aber manchmal müssen wir in den Abgrund hineinblicken, um das Paradies zu sehen.«

Nun ist nämlich der Abgrund das Paradies, und der erste wird der letzte, und der letzte der erste, und eigentlich heißt es doch:

„Ja, super. Eine Salamipizza und alles ist vergessen.“

Sebastian Fitzek: Der erste letzte Tag.

Walther Killy schreibt in seinem Büchlein über „Deutscher Kitsch“:

„Die Absicht – das wird noch vielfach hervortreten – ist vorzüglich auf Reiz gerichtet. Sie möchte die Gefühlserregtheit, ‚poetische‘ Stimmung; sie möchte dem Leser den vagen Genuss verschaffen, den vielleicht auch der Autor in der Komposition seiner eigenen Worte empfunden hat. Allein, diese Worte tragen nicht weit und sind für sich genommen charakterlos, denn sie sind nicht zuerst um ihres unersetzlichen Anschauungs- oder Sachgehaltes willen gewählt, sondern um eines Stimmungsgehaltes willen, der vielen Worten eigen sein kann. Der Effekt von Meeresrauschen und Winternacht ist der gleiche, die Worte sind nicht mit Notwendigkeit gebraucht und nicht unersetzlich, sondern ersetzbar und auszutauschen, solange sie den Stimmungsreiz gemein haben, welcher die Kompilation ermöglicht hat.“

Walther Killy aus: „Deutscher Kitsch“.

Killy redet von „Notwendigkeit“, von „Charakterlosigkeit“, von „Unersetzbarkeit“ und hebt sich und alle „anspruchsvollen“ Leser über den Kitsch hinweg, das Einfache, das Vergnügliche, das Vage und Hingemurmelte, das reicht nicht. Es muss „scharf“ nicht „vage“, es muss „tief“ nicht „flach“, es muss um des „unersetzlichen Sachgehalts“ willen gesprochen werden. Ein vergnüglicher Moment dagegen erscheint eher als Verrat an der Sache. Konsequenterweise schreibt er auch:

„Eben diese Notwendigkeit trennt unerbittlich die Kunst, welche sie kennt, von der Trivialliteratur, welche sie nicht kennt und lediglich imitiert, indem sie Zweck und Mittel vertauscht.“

Walther Killy aus: „Deutscher Kitsch“.

Killy sagt nicht, was er unter Notwendigkeit versteht, denn diese versteht sich scheinbar von selber, und so schließt er mit dem Ganghofer Zitat:

„»Wer das so könnte wie der Wald: alles Schwächliche und Niedrige von sich abstoßen, nur bestehen lassen, was stark ist und gesund … so stolz und aufrecht hinaussteigen über den Schatten der Tiefe und die Helle suchen, die hohen reinen Lüfte! Wer das so könnte!« Es ist ein sehr kitschiger Wunsch, dem man einen reinen Beweggrund nicht wird absprechen können.“

Walther Killy aus: „Deutscher Kitsch“.

Walther Killy hat also Verständnis für Abstoßendes, Exkludierendes, für eine von ihm imaginierte Natur, in der nur das für ihn Gesunde und Starke gedeihen darf. Da lobe ich mir einen Sebastian Fitzek und seine Salami-Pizza, und seine Figuren und sein Erzählstil, der selbst ironischer nicht sein könnte.

„Stell ich mir zumindest so vor, ich war ja noch nie in einem Kreißsaal. Bis vor Kurzem hatte ich noch geglaubt, die Dinger wären tatsächlich kreisrund, bis mir jemand erklärte, dass der Name vom Kreischen kommt; eine Lautäußerung von Gebärenden, die ich wahrlich nachvollziehen kann. Ich befürchte, würden Männer Kinder bekommen müssen, wäre die Welt ein sehr einsamer Ort. Vielleicht waren die anderen Planeten in unserer Galaxie ja deshalb alle unbewohnt? Weil vor zwei Milliarden Jahren dort der letzte Mann ein Kind bekommen sollte, bei der ersten Wehe aber schon dreimal auf die Matte klopfte und allen Geschlechtsgenossen dringend von derartig selbstzerstörerischen Praktiken abriet.“

Sebastian Fitzek: Der erste letzte Tag.

In dem neuen Roman von Sebastian Fitzek lebt ein fröhlicher Glaube an das bunte Durcheinander eines gelungenen, nicht blasierten Kommunizierens, daran, dass jeder und jede schreiben darf und schreiben kann, was amüsiert, was einfällt, was passt, wie einem jeden der Schnabel gewachsen ist. In diesem Brimborium an Wortverdrehungen und Satzaneinanderreihung schwirrt der Kopf, aber Angst bekommt keiner. Das Buch darf getrost als Remedium verstanden werden, beinahe eine literarische Aspirin-Tablette, ein Anstoß, ein Schmunzeln, ein Schulterklopfen zur richtigen Zeit ohne Überheblichkeit und Besserwissertum. Ein sehr gewaltloser Weckruf:

„»Okay, was sagt mir das jetzt?« »Dass wir hin und wieder einen Schuss vor den Bug brauchen, um unser System zu resetten. Stell dir vor, wir würden jetzt einen Unfall bauen …«“

Sebastian Fitzek: Der erste letzte Tag.

Im Grunde sitzen die Lesenden und der Schreibende alle im selben Boot und der Text vergisst dies mit keinem Wort. Fitzek schreibt nicht von oben herab, verfolgt kein hehres Ziel, erschleicht sich keine Lorbeeren und schmückt sich auch nicht mit fremden Federn. Es ist ein einladendes, bescheidendes, belangloses fröhliches Buch aus lauter situationsbedingten Gedankenfetzen und -einfällen rund um das Thema: Wäre es nicht schön, glücklich und frei, gesund und ohne Angst zu sein und zu bleiben. Ein Walther Killy oder Thomas Mann haben da scheinbar ganz andere Ansprüche ans Leben.

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