Iris Hanika: „Echos Kammern“

Selbstbefreiende Mythen und von anderen Irrungen und Wirrungen … (Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmessenpreis 2021)

Iris Hanikas Roman handelt von zwei Frauen und zwei Städten, von Sophonisbe und Roxana, Dichterin und Ratgeberschreiberin, und von Berlin und New York, Kreuzberg und Manhattan. Es geht um Sinn, Enttäuschung, Liebe, Karriere, Beruf und Freundschaften. Es geht ums Reisen, um Partys, um Apple-Computer und das „Ingwer-Net“, um Gentrifizierung von Innenstädten, um Veränderungen und den gleichbleibenden Wechseln; vor allem jedoch geht es um den Versuch, seinen Platz in der Welt zu finden, um seinen Beobachtungsstandort zu kennzeichnen, ja, mittels eines solchen, eine Sprache zu finden und zu etablieren, auf dass die Dinge nicht sofort beliebig erscheinen, bar jeder Bedeutung des Inhalts beraubt und entleert werden.

Hierfür entfremdet sie die Sprache, lässt Sophonisbe eine Kunstsprache sprechen:

„Es ist auch geschehen mir in New York, daß ich habe gesprochen in französische Sprache. Das war doppelte Schwierigkeit, weil war ich in Ausland sowieso und habe ich gesprochen dann (auch falsch und mit Akzent) in andere fremde Sprache als fremde Sprache von dieses Ausland, so daß es ist gewesen zweimal fremde Sprache und daß ich habe gar nicht gewußt, was ich sage eigentlich.“

Iris Hanika aus: Echos Kammern

Hanika vollführt eine Donquijotterie in Prosa, mit Tragik, Witz, Hoffnung und Verzweiflung, kunterbunt gemischt und virtuous aneinandergereiht, einen Versuch, mittels Epik ein Bild der Zeit zu entwerfen, ein Stillleben zu Tage zu fördern, das nicht sofort in Tausend Einzelteile und Beliebigkeiten zerfällt, zerspringt, als gäbe es kein Ganzes, als gäbe es nur Bruchstücke und von Bruchstücken nur fraktale Uneindeutigkeit. Hierfür springt sie zwischen den Erzählzeiten, erlaubt auktoriales und allwissendes Erzählen, innere Monologe, Kommentieren, hat phantastische, traumartige, surreale Passagen, gemischt, aneinandergereiht mit herkömmlicher Berlin Roman-Technik.

„Obwohl wir in Manhattan anfangen, das an der Ostküste des riesigen Landes liegt, an dessen Westküste Hollywood sich befindet, fangen wir nicht mit einem Erdbeben an und steigern dann langsam, sondern nähern uns den Dingen, die da kommen sollen, ganz behaglich und werden den Vulkanausbruch, sollte einer stattfinden, aus gemessener Entfernung betrachten. Wir waren nämlich mit einem Rückflugticket in Amerika und sind schon lange wieder zurück auf unserem Kontinent, dem alten, mit seinen Basalten. Was wir hier dichten, sind keine Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten, wir werden bestimmt kein System errichten, denn wir wollen nur die Wörter schichten, also so die Zeilen mit zierlichen Buchstaben ausfüllen. Et voilà, that’s it.“

Iris Hanika aus: Echos Kammern

Die Aufgabe, die sie sich gesetzt hat, ist nicht weniger als herkulisch, und sie zieht deshalb alle Register, die dem Roman zur Verfügung stehen, mit stetem und implizitem Hinweis und Verweis auf Walter Benjamin und seine Bemühungen, den Fingerabdruck seiner Zeit in Worte zu fassen.

„Ja, man darf weitergehen und sich die Frage vorlegen, ob die Geschichtsschreibung nicht den Punkt schöpferischer Indifferenz zwischen allen Formen der Epik darstellt. Dann würde die geschriebene Geschichte sich zu den epischen Formen verhalten wie das weiße Licht zu den Spektralfarben.

Walter Benjamin aus: Der Erzähler (GS II-2).

Mit anderen Worten: Alles ist erlaubt. Gedichte, metrische Versabläufe, grammatikalischer Wust, Hymnen, Balladen, Reportagen und Berichterstattungen, wörtliche Rede, indirekte Rede, Beobachterwechsel, Zeitsprünge ineinander- und durcheinander gewürfelt und immer so weiter. Hanika nutzt alles und skizziert mittels ihrer Bemühungen eine Haltung der neuen Unübersichtlichkeit gegenüber, die Mut zum Weiterlesen erzeugt und das Vertrauen in die Literatur stärkt, ja, der Gegenwartsliteratur neues Leben einhaucht.

„Wir sind gekommen von Norden, von Kanada, und ich hatte Sitzplatz an Fenster auf linke Seite von Flugzeug, welches ist es geflogen in niedrige Höhe entlang an Westseite von Insel Manhattan, und wie Insel lag so ruhig in das graue Wasser und ganz voll mit Häuser und in dem Sonnenschein – das war so friedliches Bild, daß mein Herz sich hat gefüllt mit großer Freude. Man hat gesehen keine Bewegung von Leben unten auf Insel, man hat gesehen nur die vielen Häuser, welche stehen sie dicht beisammen. Es war ganz insgesamt von Menschen gemacht, was man hat gesehen da unten, doch es lag da, wie wenn es wäre eine Naturerscheinung und unberührt von Menschen. Auf diese Weise die Insel Manhattan erschien wie großes Versprechen mir und wie Verlockung, als ob sie würde sagen: komm her zu mir, ich warte auf dich schon.“

Iris Hanika aus: Echos Kammern

Die Brechtsche Entfremdung wirkt. Man liest genauer, überlässt sich dem Rhythmus, erkennt eine Individualität hinter dem Sprechen, eine widerborstige Existenz, die sich nicht das Wort reden lässt. Sie muckt auf. Echos Kammern kreiert mit Sophonisbe eine selbstbewusste, störrische Person, die als Dichterin ihr Geld verdient, aber keine Dichterin sein möchte, die sich gegen Federico García Lorca zu Wehr setzt, von John Dos Passos „Manhattan Transfer“ nichts wissen will, sondern ihren eigenen Blick auf Manhattan werfen möchte, weder Episodenroman noch Hymne, weder Reisetagebuch noch sentimentaler Touristenguide. Um dies zu tun, bedarf es dieser Kunstsprache, die nur so holpert, stolpert, den Leser ins Ungewisse entlässt, unbeholfen, dezidiert naiv, aber eine neue Lust am Sprechen und Schreiben erweckt.  

Der Handlungsverlauf gerät insofern in den Hintergrund. Vielmehr zelebriert der Roman das kunstvolle Verweben, Ineinanderstricken von Verschiedenheit zu einem gesetzten, sich selbst bewussten und beliebig, aber gewollten Zusammenhang, der eine Ahnung vermittelt, wie Sophonisbe die Welt erlebt, wie sie mit dem Fahrrad durch Berlin-Kreuzberg fährt, mit Beyoncé auf eine Spontanparty anstößt, im surrealen Traumrausch, alte Freunde wiedertrifft und die Annäherungsversuche eines jungen Soziologiestudenten abwehrt.

„Armer Junge, dachte Sophonisbe die ganze Zeit, armer Junge, und hatte ganz vergessen, wie sehr er ihr schon auf die Nerven gegangen war. Armer Junge, tut alles, was man von ihm verlangt, will immer nett und freundlich sein, und alles Leben fällt von ihm ab, sobald keine Anforderungen mehr zu erfüllen sind, sobald er genau das hergegeben hat, was man von ihm verlangte, und weiß dann nicht weiter.“

Iris Hanika aus: Echos Kammern

Die Welt der Unübersichtlichkeit rückt ihr von allen Seiten nahe, kleine Bildschirme wohin das Auge reicht, Gebrauchtbuchläden, die die schönsten Bücher verramschen, enge Straßen in Manhattan, der Himmel über Berlin, Sonne und Asphalt, ein Unfall, ein Schreckensmoment, Weiter zum nächsten Treffen, im Schock, ohne über ihn reden zu können, zu dürfen, ja in der Lage sein, jemanden zu finden, der nicht sofort mit einer unerwünschten Meinung das Gespräch übernimmt.  

„dann würde auch sie etwas über die Ukraine lernen – wogegen doch nichts einzuwenden war. Es war ganz und gar nichts dagegen einzuwenden, etwas, und am Ende womöglich sogar sehr viel!, über die Ukraine zu wissen. Etwas zu wissen, ist doch immer gut, auch viel zu wissen, ist gut und viel schöner, als nichts zu wissen, schöner auch, als nur ein bißchen was zu wissen – gut, gut, gut […]“

„Ideologisch mußt’ alles erklärt werden können, bloßes Existier’n und des Lebens froh zu sein, das war no-go, war verboten, ging echt nicht, ging überhaupt, ging ganz und gar nicht.“

Iris Hanika aus: Echos Kammern

Hanikas Roman bietet ein Potpourri, aus dem man sich nehmen kann, was man möchte, das erfrischend, leicht, fröhlich die Sprache erneuert, untergräbt, indem sie mit Sanftheit und Freundlichkeit die Protagonistinnen in ihren Irrungen und Wirrungen beschreibt, in ihrer Ausgeliefertheit und Versuchen, ein Mindestmaß an Countenance im Alltag zu bewahren.  

„Aber das [ihre Ansichten mitteilen] taten nun die meisten, und das war eigentlich gut so, weil Sophonisbe, die keine Ansichten hatte, sowieso lieber zuhörte, als selbst zu reden, wenn sie sich überhaupt mit jemandem unterhielt. Gespräche mit ernstem Inhalt waren nicht ihre Lieblingsbeschäftigung. Aber nötig, um Material zu sammeln. Oder es war umgekehrt: sie schrieb überhaupt nur, um das Material loszuwerden, das sich ohne ihr eigenes Zutun in ihr ansammelte, bis es ihr das Hirn verklebte, weil die anderen immer so gerne ihr vieles Material loswerden wollten.“

Iris Hanika aus: Echos Kammern

Maurice Blanchot bespricht in seinen Essays zur modernen Literatur die Möglichkeit, dass Literatur verschwinden könnte und zwar in einem unaufhörlichen Reden:

„Eher ist es ein Reden: das redet und redet ohne Unterlass, es ist so, als redete die Leere, mit einem leisen, eindringlichen, gleichgültigen Raunen, das sicher für alle genau so klingt, das ohne Geheimnis ist und doch jeden in sich einschließt, ihn von den anderen, von der Welt und von sich selber abtrennt, ihn in spottende Labyrinthe hineinzieht, ihn in immer größerer Ferne zur Rede stellt, mit faszinierender Gegenstrebigkeit, die unterhalb der gemeinsamen Welt alltäglicher Worte ist.“

Der Schriftsteller dagegen, so Blanchot, verschafft eine Atempause, eine Lücke und Pause im Diskurs, einen neugewonnenen Spielraum für den poetischen Gedanken, erfinderischen Einfallsreichtum, für eine Epik und Mythos der Gegenwart:

„Ein Schriftsteller ist der Mensch, der dieser Rede Schweigen gebietet, und ein literarisches Werk ist für jeden, der einzudringen versteht, ein ergiebiges Weilen in der Stille, eine feste Schutzwehr und eine hohe Mauer gegen diese redende Unermesslichkeit, die auf uns einredet und uns dabei uns selber abwendig macht.“

Maurice Blanchot aus: Gesang der Sirenen

Iris Hanika hat ein solch literarisches Werk verfasst. Es steht allein und sonderbar zwischen den Neuerscheinungen, ein Zeuge der Möglichkeiten, die Zeit im Roman zu entschleunigen, in der Lektüre die Sonne schillernd, strahlend durch Berlins Straßen scheinen zu spüren, den Fahrtwind auf der Fahrradfahrt Sophonisbes, die Freude an der Bewegung, den matten klebrigen Asphalt in der flirrenden Hitze, einen Straßenverkehr in Zeitlupe, die Spree, der Sommer, die Weite des noch immer spärlich bebauten Berlins im Gemüte der Erzählerin, die nicht verklärt, aber anbietet und so ein leises Buch geschrieben hat, um etwas von dem wenigen friedlichen Glück um uns herum einzufangen.

„Glück ist, wenn man ganz bei sich ist und das Wünschen für einen Augenblick aufgehört hat. „Verweile doch, du bist so schön“, wir kennen das.“

Iris Hanika aus: Echos Kammern

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