Kim Young-Ha: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“

Zwanghaftes Vergessen … Spiegel Belletristik-Bestseller 07/2020

Dass Literaturkategorien höchstens zur sehr groben Orientierung dienen, beweist der Roman „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Kim Young-Ha. Dieser rangiert unter Krimis. Wurde 2020 mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet, belegte Platz 1 der Krimbestenliste und Platz 1 der besten Krimis der Saison, ebenfalls 2020. Wer nun meint, er bekomme den nächsten Simon Beckett oder Sebastian Fitzek geboten, oder einen Brunetti-Roman von Donna Leon, der täuscht sich. Er bekommt etwas geboten, und zwar eine polithistorische Parabel auf Gewalt, Vergessen, Schuld und Sühne in einem heimgesuchten Land, das genug Tote für viele weitere Generationen gesehen hat: Südkorea. Es handelt sich also um einen Fall, der sich nicht so leicht lösen lässt. Der Roman handelt von einem an Alzheimer erkrankten Serienmörder, Byongsu Kim.

»Glauben Sie [Byongsu Kim], dass Sie zu Unrecht beschuldigt werden?« Diese Frage belustigt mich. Der Mann [Kommissar Jutae Park] unterschätzt mich. Das missfällt mir am meisten. Hätte man mich früher gefasst, wäre ich nicht so leicht davongekommen. Unter Chunghee Park hätte man mich sofort gehängt oder auf den elektrischen Stuhl gesetzt.“

Kim Young-Ha aus: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“

Oberflächlich gesehen bietet der Plot bereits genug. Ein in die Jahre gekommener Serienmörder erkrankt an degenerativer Demenz, die ihm mehr und mehr den Boden unter den Füßen wegzieht und von der Gegenwart entfremdet. Byongsu verliert mehr und mehr sein Kurzzeitgedächtnis und entwickelt eine Paranoia, die überall eine Bedrohung evoziert. Sein Realitätssinn schwindet. Er vergisst, ob er ein Hund besitzt, ob er bereits einkaufen gewesen ist oder zu Mittag Nudeln gegessen hat. Seine Handlungsfähigkeit nimmt in der Kadenz der Erzählung immer mehr ab und so auch seine Fähigkeit, die von ihm begangenen Morde vor der Polizei zu verbergen. Er begreift, es ist nicht mehr die Frage, ob, sondern nur noch wann er letztlich gefasst wird. Für den Alzheimer erkrankten Byongsu ist alles eine Frage der Zeit geworden.

„Ich bin mir sicher, dass ich die Antworten weiß. Doch sie fallen mir nicht ein. Nicht wissen, obwohl man weiß? Wie um alles in der Welt ist so etwas möglich? Nach der Untersuchung rief mich der Arzt in die Sprechstunde. Er machte kein glückliches Gesicht.
»Der Hippocampus ist geschrumpft.«
Er zeigte auf die MRT-Bilder meines Gehirns und sagte: »Es handelt sich zweifellos um Alzheimer-Demenz. In welchem Stadium, ist noch nicht sicher. Wir müssen abwarten und die Entwicklung beobachten.«“

Das Setting selbst könnte nun für einen einfallsreichen Krimi bereits ausreichen. Je weiter man sich aber auf die Welt Byongsus einlässt, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ eine Parabel auf das Nachkriegskorea ist, dass die Schuld, das Vergessen, der Versuch eines Neuanfanges synchronisiert sind mit den politischen Entwicklungen eines aus Gewalt hervorgegangenen Landes. Anders lassen sich die Bezugnahmen auf die Zeitgeschichte, die an entscheidenden Stellen den Plot aus den Angeln heben, nicht zuordnen. Als Beispiel dient die Szene, als sich Byongsu aus dem Nichts heraus plötzlich an eine Volkskundgebungen auf einen Sportplatz erinnert:

„Ein Sportplatz. Ich erinnere mich, wie die Menschen zusammenströmten. Auf dem Platz fand eine Volkskundgebung statt. Der Norden hätte Guerillakämpfer entsandt, ein US-Kriegsschiff sei gekapert, die Präsidentengattin erschossen worden. Sprecher traten auf und brüllten, Lasst uns das rote Schwein Il-Sung Kim in Stücke reißen! Rotten wir sie aus, die KP! Die Kinder saßen ganz vorn und sahen zum Podium hinauf. Wir wussten, was passieren würde, warteten auf das große Spektakel: das Abschneiden von Gliedmaßen, Fontänen von Blut.“

Die Erinnerung gliedert sich nicht in den Lauf der Erzählung ein, auch nicht, dass die Morde, für die sich Byongsu schuldig sieht, mit nordkoreanischen Spionen und Spionageabwehrtechniken in Verbindung gebracht werden, zumal die genauen Abläufe und Hergänge der Morde nur sehr oberflächlich Erwähnung finden. Sie stellen nur den Hintergrund eines dumpfen und stumpfen Schuldgefühls dar, dass Mord- und Totschlag in jedem Haus geschehen und keiner, weder Kinder noch Frauen, wirklich vor Massakern sicher ist. In Byongsus Welt existieren Zombies, Untote, die noch durch die Straße schleifen, Gespenster und Geister, die eingebildet werden, Paranoia, die vielleicht keine ist.

„Der hinkende Ödipus erlangt im Alter Erleuchtung und wird zu einem weisen Menschen; ich [Byongsu] dagegen werde zum Kind. Zu einem Gespenst, das niemand zur Verantwortung ziehen kann. Ödipus schritt vom Unwissen zum Vergessen, vom Vergessen zur Zerstörung. Bei mir ist es genau umgekehrt. Ich bewege mich von der Zerstörung zum Vergessen, vom Vergessen zum Unwissen. Zum reinen Unwissen.“

Die Taten, aus denen Südkorea hervorgegangen ist, die Diktatur Park Chunghees, der sich den Namen mit dem nach Byongsu fahndeten Kommissar Jutae Park teilt, der Preis des wirtschaftlichen Aufschwunges, des Reichtums, die unfassbare Beschleunigung und Modernisierung der südkoreanischen Peninsula bilden den Sud eines Phantomschmerzes. Unter jedem Stein, unter jedem Bambusfeld drohen Leichen aufzuerstehen, versinnbildlicht durch die Leichen, die Byongsu in seinem Garten vergraben hat. Das Unwissen, das sich im Vergessen bildet, entflieht der Schuld nicht, zeigt der Roman. Das Schamgefühl bleibt.

„Scham bezieht sich auf einen selbst. Man schämt sich vor sich selbst. Schuldbewusstsein bezieht sich auf Andere. Man schämt sich nach außen. Es gibt Menschen, die ein Schuldbewusstsein haben, aber keine Scham empfinden. Sie fürchten sich vor der Bestrafung durch Andere. Ich empfinde Scham, habe aber kein Schuldbewusstsein. Die Blicke Anderer oder ihre Schuldzuweisungen habe ich nie gefürchtet. Mein Schamgefühl hingegen ist besonders ausgeprägt. Manche habe ich nur deshalb umgebracht. Leute mit Schamgefühl sind die eigentlich gefährlichen. Leute wie ich. Zuzulassen, dass Jutae Park Unhi umbringt, wäre beschämend. Das würde ich mir nicht verzeihen.“

Das Schamgefühl der Gewalt, der Kriegsverbrechen, die bis in das Ende der 1970er Jahre in Nachkriegssüdkorea an der Tagesordnung waren, zerstören die Unschuld der neuen Generation, des neuen Südkoreas, der Kinder, die Chunghee Park nicht gekannt haben, die nur das moderne Südkorea kennen. Die Scham der ursprünglichen Akkumulation des Reichtums zerstört die Früchte der Anstrengung. Alles muss vergessen werden: die 50er, 60er, und 70er Jahre. Nicht ohne Grund mordet Byongsu genau seit 25 Jahren nicht mehr, genau seit einer Generation, genau seitdem er meint, eine Tochter zu haben.

„Mein Leben lässt sich in drei Phasen teilen. Meine Kindheit, bevor ich meinen Vater umbrachte. Die frühen und die reifen Jahre als Mörder. Das friedliche, mordlose Leben.“

Die Verbrechen werden bedeutungslos, sobald die schmerzhaften Erinnerungen am Leben erhalten werden. Die Zerschlagung der Gewalthaber, die brutalen Methoden der Diktatur, einen Staat aus den Nachkriegstrümmern zu errichten, müssen begleitet werden von einem Gedächtnisverlust, von einem Schweigen, einer langsamen Abdankung dessen, worauf sich alles gründet, von der Abdankung der Diktatur Chunghee Parks, dem Vergessen, dass es ein Südkorea vor 1980 gegeben hat, ein Südkorea des Chaos, des Aufbegehrens, zwischen Notstand und Militärputsch, Wahlbetrug bei gleichzeitigem Wirtschaftsaufschwung, denn vor nichts hat Byongsu mehr Angst als vor dem Chaos, der Unordnung, der Anarchie:

„Streunende Hunde graben sich Löcher in den Boden. Auch Haushunde fangen an, sich wie Wölfe zu verhalten, sobald sie kein Herrchen mehr haben. Sie bellen den Mond an, graben Löcher und führen ein streng geregeltes Rudelleben. Selbst in Sachen Nachwuchs gibt es eine Hierarchie: Nur das Weibchen des Leitwolfs darf Junge bekommen. Wird ein niedrigrangiges Weibchen trächtig, greifen die anderen Weibchen es an und töten es.“

Sein Wunsch bleibt es, sich ins Gefängnis zurückziehen, dort in der Ordnung der Dinge für seine Taten zu büßen, für das Ermorden beispielsweise seines gewalttätigen, die Mutter und Schwester missbrauchenden Vaters.

„Wenn man mich verhaften sollte, bekäme ich wenigstens einmal das Gefängnis zu sehen, das ich bislang nur aus meinen Phantasien kenne. Was wäre schlecht daran, eine Weile diese chaotische Erdwelt gegen die strengen Quader einer Eisenwelt zu tauschen?“

Würde man ihm nämlich auf die Schliche kommen, wäre es der Triumph der Gerechtigkeit und er könnte abdanken, in Ruhe verschwinden. Die Leichen im Keller verderben das Leben, wie bunt es sich auch geriert. „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ haben wenig mit einem herkömmlichen Kriminalroman gemein. Selbst der Plot ist nicht spannend oder interessant, zumal der Täter und der Schuldige von Anfang an feststeht. Was sich hier entwickelt, ist eine eigenartige Mischung aus Samuel Beckett mit Haruki Murakami, eine Mischung aus dem kafkaesken Affenmenschen in „Erste Person Singular“ mit „Malone stirbt“ oder dem Namenlosen.

„[…] ich ersehnte mein Land, ich ersehnte mich in meinem Lande, einen kurzen Moment, ich wollte nicht als Fremder unter Fremden sterben, als Fremder bei mir, inmitten von Eindringlingen, nein, ich weiß nicht, was ich wollte, ich weiß nicht, was ich glaubte, ich habe so viele Dinge wollen, soviel Irrsinn ersinnen müssen, beim Sprechen, ohne genau zu wissen was, dass ich dabei blind geworden bin, von Wünschen und Visionen, die ineinander verschmolzen, ich hätte besser auf das achtgeben sollen, was ich sagte.“

Samuel Beckett aus: „Der Namenlose

Die Blindheit des Namenlosen gleicht dem Gedächtnisverlust des Serienmörders Byongsu. Die Visionen blenden. Nicht weniger als die Pathogenese einer Gesellschaft steht auf dem Spiel. Beckett, der aus Irland floh, ebenfalls ein gespaltenes Land wie Korea, und nur noch auf Französisch schrieb, verliert den Halt als Fremder unter Fremden, wie Byongsu sich von Serienmördern umgeben wähnt, die seine Tochter bedrohen. Die alten Schlagworte ziehen nicht mehr. Zwischen der Aggressivität Friedrich Nietzsches und dem Sanftmut Michel de Montaignes hin und her pendelnd findet Byongsu kein Gleichgewicht. Bald befindet er sich im freien Fall und erkennt nichts wieder.

„Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Ich weiß auch nicht, ob es Vor- oder Nachmittag ist. Ob ich mich noch in dieser Welt oder schon im Jenseits befinde. Fremde Menschen kommen und nennen mir Namen. Namen, die nichts in mir wachrufen. Irgendetwas in mir, das Dinge und ihre Namen mit Gefühlen verbindet, ist zerstört. Ich bin auf einem winzigen Punkt im riesigen All, ganz allein. Und werde nie von dort entkommen können.“

Kim Young-Ha aus: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“

Die Parabel gelingt im Unheimlichen. „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ gleicht in vielerlei Hinsicht Edgar Allan Poes „Das verräterische Herz“. Die Schuld hält wach. Das Klopfen und Dröhnen der Scham durchzieht alle Taten. Am wenigsten entkommt Byongsu sich selbst und seinen Erinnerungen. Sie halten ihn wach und verwandeln das Gefängnis unversehens in einen Sehnsuchtsort, um den eigenen Geist der Vergangenheit begraben zu können. Der Ausweg bei Poe ist das Schuldeingeständnis des Ich-Erzählers.

»Schurken!« kreischte ich, »verstellt euch nicht länger! Ich bekenne die Tat! – Reißt die Dielen auf! – Hier, hier! – Es ist das Schlagen dieses fürchterlichen Herzens.«

Edgar Allan Poe aus: „Das verräterische Herz“

Bei Kim Young-Ha jedoch läuft er schlicht auf die Akzeptanz des Endes hinaus.

„Kein Leiden und keine Ursache des Leidens,
kein Auslöschen des Leidens
und auch keinen Weg aus dem Leiden,
keine Weisheit und kein Erlangen.“

Kim Young-Ha aus: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“

Ein Krimi der fürwahr dunklen und besonderen Art.

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