Toril Brekke: „Ein rostiger Klang von Freiheit“

Toril Brekke: „Ein rostiger Klang von Freiheit“
Von offenen Türen und anderen Hindernissen.

Coming-of-Age-Romane spielen oft mit Genre-übergreifenden Stilmitteln, um den Fokus nicht allein auf Familien- und Liebeskonflikte zu reduzieren. Fernanda Melchor bezieht in Paradais Gewaltexzesse mit ein, Ariane Koch in Die Aufdrängung phantastische Parabelelemente und Claudia Durastanti in Die Fremde kulturphilosophische Erwägungen, um nur einige im letzten Jahr erschienen Beispiele dieser Art zu nennen. All diese Romane beschreiben das Aufwachsen, Erwachsenwerden ihrer Figuren, so auch in Toril Brekkes Coming-of-Age Roman Ein rostiger Klang von Freiheit, der von Agathe und ihrem Bruder Morten und ihren familiären Verhältnisse handelt, dessen Hauptaugenmerk aber wie in Stephen Kings Später im Grunde auf dem Unheimlichen, dem Nahen und doch so Fremden liegt:

Mama drehte sich in langsamen Bewegungen, und ihr Gesicht ist einschmeichelnd kokett, während sie zu dem leisen Jazz auf dem Plattenspieler summt, und das Summen wird zu Worten, und sie zeigt auf ihn, den Kindsvater, den Verführer, sie zeigt auf einen Mann im Zimmer, während ihre dünnen Silberarmreifen klirren, und sie spricht es aus: Er war das!
Und aus dem tiefen Sessel mit dem gelbweißgestreiften Bezug ertönt ein seltsames Röcheln, etwas Dunkles aus einer Kehle, wie von einem Tier, einem weidwunden Tier, vielleicht von einer Kugel getroffen oder mit einem spitzen Messer an der Kehle verletzt, ein Röcheln des Todes.

Toril Brekke aus: „Ein rostiger Klang von Freiheit“

Wie in Stephen Kings Später spielt die Beziehung der Hauptfigur zu ihrer Mutter die zentrale, alles tragende Rolle. Im Gegensatz aber zu dem sehr warmen, sehr freundlichen Roman von King, in welchem eine sehr auf Vertrauen und Verständnis basierende Mutter-Sohn-Beziehung beschrieben wird, spürt in Ein rostiger Klang von Freiheit Agathe einer in die Brüche gegangenen Mutter-Tochter-Beziehung nach. Der Roman beginnt nämlich damit, dass Veronika in Kopenhagen verschwunden ist, ihre Kinder, Agathe und Morten, aus Sorge um sie ihr hinterherreisen, nur um dort das in Trümmern liegende Privatleben ihrer Musikerin-Mutter am eigenen Leibe zu erfahren. Nicht nur hat Veronika ihre Kinder und ihren Lebenspartner Isak, den Klavierstimmer, in Oslo für einen Bassisten namens Lennart in Kopenhagen verlassen. Nun hat sie auch den Bassisten für Niels, einen Posaunisten, sitzengelassen. Weder die Eltern, noch die Kinder oder die jeweiligen Partner können sich auf Veronika einen Reim machen:

Auf diese Weise unterschied Mama sich von den anderen Müttern der Gegend, in der wir aufwuchsen, Lilleberg in Hovin, sie war eine, die zufällig Kinder bekam. Sie war eine strahlendschöne Pianistin, immer gut angezogen und ein farbenfroher Anblick, wenn sie von zu Hause wegging, aber das half nichts. Sie war anders. Sogar vor mir, ihrem Kind, versteckte sie sich. In diesem Sommer war es vier Jahre her, dass sie uns verlassen hatte.

Morten und Agathe verstehen ihre Mutter nicht. Veronika bleibt abwesend, geheimnisvoll, unzugänglich. Ihre Verhaltensweisen wirken unberechenbar, sprunghaft und unzurechnungsfähig. Wie sehr alle Veronika für ihr Klavierspiel, für ihre Freiheit, für ihr Künstlerdasein und ihren Wagemut bewundern, sie enttäuscht auch in einem fort ihre Mitmenschen und straft sie mit Abwesenheit und Distanz und Desinteresse ab, selbst ihre eigenen Kinder, und so sitzen Agathe und Morten verblüfft, konsterniert allein in Kopenhagen auf dem Bahnhof, verletzt und sprachlos über ihre lieblose Mutter:

Ich saß auf der Bank und döste vor mich hin. Hinter meinen Augenlidern flimmerten Bilder von Vögeln mit grauschwarzen Kleidern und Hüten vorbei, Federvieh, das wild durcheinander schrie und krakeelte. Als ich die Augen öffnete, sah ich drei Spatzen und eine Krähe, die sich unter der Bank gegenüber Essensreste vom Boden schnappten. Und gerade jetzt schaute er auf und redete in die Luft hinein, mein gelblich bleicher Bruder. Jetzt habe ich nur noch dich, sagte er, tonlos, mit grauer, flacher Stimme, dann schloss er wieder die Augen und schlief weiter.

Das Leben der Patchwork-Familie gerät aus den Fugen. Agathe wechselt die Schule. Der Bruder sucht Anschluss und identifiziert sich mit Sergeant Pepper vom gleichnamigen Beatles-Album und schnüffelt giftige Lösungsmittel, womit auch das zeitliche Setting der Handlung samt Schallplattenspieler klar in die 1968er Jahre, lange vor die digitale Wende, verlegt worden ist. Studentenproteste, Vietnamkrieg, Kommunismusangst, die Emanzipationsbewegung der Frauen, die sexuelle Befreiung und alles umgreifende Schulreformen der anti-autoritären Pädagogik ziehen die Menschen in ihren Bann. Auch in Oslo. Bei so viel Bewegung gerät vieles durcheinander, so auch in Agathes Leben und das ihrer Freunde. Insbesondere der Alkohol und andere Drogen locken mit ganzheitlicher Entspannung und der Möglichkeit, alle Sorgen und Ängste wegzuschieben und zu vergessen, was für die Freunde ‚den Durchblick behalten‘ heißt:

Ich weiß, dass Henrik mich in diesem Moment sah, dass er sah, wie wütend ich war, wie verletzt und gekränkt. Und er führte mich weg, über den Rasen und ins Haus, ins Badezimmer, mit einem Weinkarton. Trink jetzt, Agathe. Vergiss den ganzen Scheiß. Geh raus und seh‘ mit LSD!

Agathe versucht wie Veronika ihren eigenen Weg in all den Verwirrungen zu gehen. Im Hintergrund steht diese geheimnisvolle Mutter, die abwesend und doch anwesend ist und wie ein Gespenst alle Fäden in den Händen hält, weil alle Fäden auf sie zulaufen, nur um dort aber unversehens und immer wieder aufs Neue von ihr gekappt zu werden. Veronika ist die zentrale Figur, die ihren langen Schatten auf die Ereignisse in Oslo wirft. Agathe versteht sie nicht. Niemand versteht sie. Sie kommt und geht wie der Wind. Sie begeistert, entgeistert, täuscht und enttäuscht. Stets taucht sie nur in kurzen Momenten auf. In geballten kleinen Episoden, wenn Agathe an sie denkt:

Von dem Tag ihres Verschwindens an hatte ich Angst um sie, meine kleine Mama in einem fremden Land, mit neuen Menschen; so wehrlos, konnte ich über die Frau denken, die andere als Diva erlebten, und das war sie auch, eine Frau, die zu gern verwöhnt wurde, die zu gern schöne Geschenke und Komplimente entgegennahm.

Veronika hat in dem Leben aller im Roman vorkommenden Figuren eine bleibende Erinnerung und Spur hinterlassen. Sie selbst kommt kaum zu Wort. Sie schwebt über den Dingen. Diaphan überlässt sie den Dingen ihren Lauf. Hier kommt das Unheimliche von Ein rostiger Klang von Freiheit zum Tragen. Veronika wirkt wie eine Verbannte, wie ein Geist, der die Familie zu gegebenen Anlässen heimsucht und mit der Vergangenheit konfrontiert. In seinem 1919 erschienenem Aufsatz Das Unheimliche schlägt Sigmund Freud mehrere Definitionen des Unheimlichen vor. Eine davon, die allgemeinste, lautet:

[…] wenn dies wirklich die geheime Natur des Unheimlichen ist, so verstehen wir, dass der Sprachgebrauch das Heimliche in seinen Gegensatz, das Unheimliche übergehen lässt, denn dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozess der Verdrängung entfremdet worden ist. Die Beziehung auf die Verdrängung erhellt uns jetzt auch die Schellingsche Definition, das Unheimliche sei etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist.

Sigmund Freud aus: „Das Unheimliche“

Ein rostiger Klang von Freiheit liest sich, als hätte Brekke Freuds Aufsatz als poetologische Grundlage genommen. Alle Male der Verdrängungsarbeit lassen sich deutlich erkennen. Die Ich-Erzählerin behält nicht den Überblick. Die Ereignisse rollen über sie hinweg. Zu viel kommt auf einmal zur Sprache. Die Gespräche fasern aus. Ablenkungsmanöver finden statt. Sie geht ihren eigenen Fragen nicht hinterher, beschäftigt sich ausgiebig mit den Problem anderer, worüber sie sich selbst und ihre Bedürfnisse vergisst. Kurze, hastige Skizzen von Gesprächen reihen sich. Nirgendwo findet Agathe Ruhe. Sie wird getrieben, ist getrieben, und zwar von der Ungewissheit und Unsicherheit, von den vielen offenen Fragen in ihrem Leben. Die Verschiebungen und Projektionen gelingen also. Die Vatersuche des Bruders dringt zunehmend in den Vordergrund. Die Heirat des Onkels. Die Studentenbewegungen in Paris. Der Schulstreik in Oslo. Nur dem Blick auf die eigene Situation weicht Agathe aus. Statt auf sich zu schauen, beschäftigt sie sich in einem fort mit ihrer Mutter, die, wo sie geht und steht, Verwirrung stiftet:

Vielleicht hatte Lennart etwas gesagt, das sie verletzt hatte, vielleicht war sie ihm weggelaufen, durch fremde Straßen und Gassen, vielleicht war sie auf ihren hohen Absätzen gestolpert, vielleicht war sie jemandem mit bösen Absichten in die Arme gelaufen.

Die hohen Absätze der Mutter spielen für Agathe eine große Rolle. Sie symbolisieren die Unsicherheit, mit der alles, was Veronika betrifft, umgeben ist. Alles wankt und schwankt. Jederzeit kann alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen, kann die Mutter stolpern, aus dem Gleichgewicht geraten, für immer verschwinden:

Dann ging sie ihrer Wege, auf ihren hohen Absätzen, hocherhobenen Hauptes, mit einem Koffer in der Hand, sie riss ihn mit sich, aus dem Schatten hinter der Tür, zwischen Diele und Küche.

Das Gepäck, das die Mutter mitreißt, die Auftritte und Abgänge, die sie inszeniert, verwirren Agathe so sehr, dass sie sich nicht die offensichtlichen Fragen stellt, weshalb die Mutter ständig wegläuft, weshalb sie keine feste Partnerschaft eingehen kann, weshalb sie jedwede Verantwortung und Stabilität scheut. Die Verwirrtaktik gelingt so gut, dass Agathe lieber an ihrer eigenen Mutter zweifelt, als an unangenehme Zusammenhänge zu denken, die Veronikas Verhaltensweise aufklären könnten. Veronika schafft es also, alle Aufmerksamkeit und Pathologie auf sich zu ziehen, um die Leichen der Familie im Keller zu belassen. Freud schreibt in seinem Aufsatz:

Wir sind durch alle vorstehenden Erörterungen [über den dämonischen Charakter des Lustprinzips] darauf vorbereitet, dass dasjenige als unheimlich verspürt wird, was an diesen inneren Wiederholungszwang mahnen kann.

Sigmund Freud aus: „Das Unheimliche“

Veronikas Fluchten stehen unter eben einem solchen Wiederholungszwang. Sie symbolisiert und trägt das unheimliche Prinzip. Sie ist an- und abwesend. Sie meidet ihre eigenen Kinder. Sie meidet die Väter der Kinder. Sie meidet selbst ihre Eltern. Alles, was nur geringfügig mit Familie, Stabilität, Normalität zu tun hat, flieht sie, und Agathe sieht sich zurückgelassen in einer Welt, die keinen Sinn ergibt. Je länger Agathe von ihrem Leben in der Ich-Perspektive erzählt, desto unheimlicher werden die Figuren und die Zusammenhänge, das Auftauchen des Onkels, der Bruder ihrer Mutter, die Apathie ihrer Oma und die Autorität des Opas, das strenge Familienoberhaupt, der Naturwissenschaftler ist und den Alliierten bei der Entwicklung der Atombombe in Los Alamos geholfen hat. Er will Agathe überzeugen, in seine Fußstapfen zu treten. Sie will aber lieber wie ihre französische Kusine Madeleine Literatur studieren:

­Ich werde auf keinen naturwissenschaftlichen Zweig gehen, sagte ich ruhig, als ich wieder auf dem Sofa saß und den ersten Schluck getrunken hatte. Ich werde Literatur studieren.
Pah, sagte Opa.
Nenn es, wie du willst, sagte ich. Madeline hat mir erzählt, wie schön es ist. Findest du das Buch [von Walt Whitman], das ich dir vorgelesen habe, nicht wunderbar, Oma?
Doch, sagte sie. Es bindet die Welt zusammen, mit Worten.
Pah.
Auf eine gute Weise, sagte Oma.

Agathe spürt sehr gut, dass sie eine Sprache benötigt, die die Welt zusammenbindet, aber die Sprache alleine hilft nicht. Sie benötigt auch eine Erzählposition, eine Erzählperspektive, überhaupt irgendein Ordnungsschema, und das fehlt ihr noch. Sie pendelt zwischen verschiedenen Wohnungen und sitzt zwischen allen Stühlen. Ihr fehlt der Schlüssel zu den Lücken, den ausgelassenen Worten um sie herum, zu all dem, was in den Gesprächen nicht gesagt, sondern unter den Deckmantel des Schweigens gehüllt wird. Teilweise liest sich deshalb Ein rostiger Klang der Freiheit wie ein dokumentiertes Trauma, eine Edgar Allan Poe oder H. P. Lovecraft Gruselgeschichte. Alles befindet sich im freien Fall. Ereignisse wiederholen sich, geben ihren Sinn nicht preis. Gespräche laufen ins Leere, Wünsche lösen sich in Luft auf. Freud zitiert als Paradebeispiel für das Unheimliche E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann, in welchem es im Kapitel Nathanael an Lothar heißt:

Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.

E.T.A. Hoffmann aus: „Der Sandmann“

In Ein rostiger Klang von Freiheit geht es um dieses gewaltsame Augen-Öffnen. Veronika, sobald Agathe erwachsen ist, ihr eigenes Leben in die Hand genommen und erfolgreich ihr Abitur bestanden hat, beendet die Scharade. Auf dem Familienfest gibt sie letztlich das alles zerstörende, unheimlich im Hintergrund wabernde Geheimnis preis. Das geheime Zentrum der Familie gerät ins Schwanken, zusammen mit Veronika selbst:

Aber dieser Augenblick ist schon zu lang, noch ehe er angefangen hat, sie schafft es nicht, allein auf ihren hohen Absätzen zu stehen, kann die Einsamkeit in diesem Zimmer nicht ertragen, die vielen Blicke, und sie fängt an zu tanzen, um das Gleichgewicht zu halten.

Bei diesem Tanz lässt sie alle Schleier fallen. Sie spricht Klartext und beendet die heile, nicht so heile Welt. Ein rostiger Klang von Freiheit von Toril Brekke besitzt viel von einem Hans Christian Andersen Märchen. Es kommt unverdächtig und in schlichter Sprache daher, erzeugt aber einen unterschwelligen Grusel, fesselt, schockt und lässt einen betroffen und konsterniert zurück. Die über weite Strecken Lose-Wort-Sammlung verdichtet sich zunehmend, bis der Gedankenblitz eintrifft und der nachhallende Donner kommt. Vielleicht ist für diese Generation Freiheit tatsächlich nur ein Wort dafür, nichts mehr zu verlieren zu haben. Toril Brekke jedenfalls legt dies mit Ein rostiger Klang von Freiheit nahe und beweist, dass das Alltägliche oft gruseliger ist als das Phantastische.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag STROUX edition, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Weitere Besprechungen gibt es auf: Kulturbowle und Zeichen&Zeiten und weitere Hinweise auf dem Blog Birgit-Böllinger.

3 Antworten auf „Toril Brekke: „Ein rostiger Klang von Freiheit““

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