Stephen King: „Später“

Ein Kleinod herbstlicher Lebensfreude. (Spiegel Belletristik-Bestseller 12/2021).

Stephen King erzählt in seinem neuen Roman „Später“ die Geschichte eines Sohnes (Jamie), der Tote sehen kann, die Geschichte einer Mutter (Tia), die diesen Sohn liebt und eine Literaturagentur betreibt, und die von ihrem gemeinsamen Lebens, bis der Sohn letztlich loszieht und ein College besucht. Es ist ein Coming-of-age-Roman, der spartanisch, spätsommerlich-portugiesisch einen Sohn zu Wort kommen lässt, der geliebt wird und liebt, der die Welt bestaunt, sanft mit ihr zu Rande zu kommen versucht, zwischen Büchern und einer lesbischen Mutter heranwächst, zwischen Liebe und ersten Kuss, Grusel und Schicksal mit einer Fähigkeit des Sehens belastet zu sein, von der niemand etwas ahnt und die darin besteht, Tote wahrnehmen zu können, die kurz nach ihrem Tod noch für eine kurze Weile orientierungslos herumstehen und für ihn allein ansprechbar bleiben.

Letztlich behandelt King mit seinem Gruselgenre stets die Frage, wie Angst sich überwinden, wie Furcht sich überkommen lässt. In „Später“ zieht er alle Fäden seiner Erzählkunst, um einen freundlichen Heranwachsenden über sich hinauswachsend ins angstlose Erwachsenenleben zu entlassen, und zwar indem er auf jedwede Kunstgriffe, barockhafte Verzierungen, jedwedes Rokoko und Deus-Ex-Machina-Kniffe verzichtet. Geradeheraus, schnörkellos, beinahe existenzialistisch in bester Sartre- und Camus-Manier durchläuft der Leser eine spannende, leicht nachzuvollziehende Geschichte, die just darin besteht und ihren Zusammenhalt erhält, dass nicht ein Monster das andere jagt, ein Schicksalsschlag auf den nächsten folgt, es also nicht vor Toten, Zombies, Sex und Brutalität nur so wimmelt, sondern das die Mutter-Sohn-Beziehung vom ersten bis zum letzten Wort nicht in Frage gestellt wird, keine Krise kennt, kurzum der Sohn ein Zuhause besitzt.

Als ich nach Hause kam, bereitete meine Mutter gerade Lachs zu, wie wir ihn gern essen, in feuchte Küchentücher eingewickelt und in der Mikrowelle gedämpft. Man würde nicht meinen, dass etwas so Einfaches derart gut schmeckt, doch das tut es.

Stephen King

Nicht er isst ihn gerne, sie essen ihn gerne. Der Plural impliziert Vertrauen. Seine Mutter lässt seine Tür offen, auf dass er sich nicht fürchtet, und sie bläut ihm nicht Moral ein. Sie lebt mit ihm, freundlich, harmonisch, und so ergeben sich viele Dinge wie von selbst.

Man sagt bitte, man sagt danke, man wedelt in der Öffentlichkeit nicht mit dem Schniedel herum, man kaut nicht mit offenem Mund, und man spricht nicht mit toten Leuten, wenn sie neben lebenden Leuten stehen, die gerade erst anfangen, sie zu vermissen.

Stephen King

Gerade die Selbstverständlichkeit des Beschriebenen entlastet die Lesenden von Anfang an. Die Mutter hat ihre Probleme, ihre Ängste, ihre Krisen, aber all dies belastet nicht das Verhältnis zu ihrem Sohn. In schönen, stillen Szenen, wortkarg, zwischen den Zeilen beweist King hier die Fähigkeit durchs Nicht-Beschreiben mehr zu beschreiben, durch die Auslassung zu verstärken, durch Stille Wärme zu erzeugen, die seines Gleichen sucht. Der Roman erhält einen poetischen Elan wie Fernando Namora „Im Verborgenen“ und Franz Werfels „Verdi“, die sich wie ein voll ausgereifter Rotwein lesen, tief, rund, traubig und ein Glücksversprechen einlösen, von dem man lange noch nach dem Lesen der letzten Worte zehrt. Ein herbstlich weises Gefühl von Bescheidenheit und Zufriedenheit durchzieht das Buch trotz der schockierenden Handlung. Es gibt die Mutter, und das reicht. Es gibt diese Draufgängerin, und die weiß sich schon durch die Welt zu schlagen, sich und ihren Sohn trotz Umzüge, Statusverlust, trotz aller Schwierigkeiten über Wasser zu halten.

„»[…] Als ich [Tia, die Mutter] hier so saß, hab ich an Flugball-Grundball gedacht. Weißt du [Jamie], was das ist?« »Ich glaube schon, ja.« »Die anderen Jungen wollten mich als Mädchen nicht mitspielen lassen, aber Harry [ihr Bruder] hat gesagt, dann würde er auch nicht mitspielen. Und er war beliebt. Immer war er total beliebt. Daher wurde ich, wie man so sagt, zum einzigen Mädchen im Spiel.« »Warst du gut?« »Ich war klasse«, sagte sie und lachte. Dann wischte sie sich ein Auge aus.“

Stephen King

„Später“ liest sich wie eine Ode auf eine geliebte Mutter und ist noch mehr. Der Sohn besiegt die Angst, indem er sich dem Grauen direkt stellt und den Weisungen seiner Mutter folgt, nämlich seine Fähigkeit, Tote sehen zu können, zu verschweigen. Das Geheimnis rettet sie. Hier erinnert „Später“ an Anne Michaels „Fluchtstücke“, wo geschrieben steht:

„Die Liebe ist immer etwas Gutes, egal, unter welchen Umständen … Unsere Geheimnisse werden unser Mut sein, wenn wir ihn einmal brauchen.“

Stephen King

Und auch, um an die Jamies Fähigkeit anzuschließen, Tote sehen zu können:

„Bei den Toten bleiben heißt, sie verlassen. […] Wie andere Geister flüstert sie [die Schwester Bella]; aber nicht, dass ich bei ihr bleiben soll, sondern damit sie mich, wenn ich nah genug herangekommen bin, wieder in die Welt zurückstoßen kann.“

Anne Michaels aus: Fluchtstücke.

Die Toten müssen in „Später“ die Wahrheit sagen, im Gegensatz zu den Lebenden. Sie dürfen nicht einmal aufs Antworten verzichten. Jamie jedoch drängt sich den Toten nicht auf. Er gibt ihnen Raum, Platz, rückt ihnen nicht auf den Pelz. Er lebt zu sehr im Diesseits, freut sich über die kleinen Dinge, schwebt behütet in Richtung Volljährigkeit und merkt:

„Mal ehrlich, das Schlimmste am Erwachsenwerden ist, dass es einen derart zum Schweigen bringt.“

Stephen King

Jedoch gibt es ein Gegenmittel und die Mutter als Literaturagentin kennt es:

„Bücher sind Magie zum Mitnehmen.“

Stephen King.

King beweist viel Fingerspitzengefühl, viel Sanftmut und Lebensfreude in „Später“ und ohne jedwede Begehrlichkeit eröffnen sich ungeahnte Tiefendimensionen, die häufig und vielen anderen hochgepriesenen Werken fehlen. Interessanterweise entstehen sie durch eine lockere, strukturelle Kopplung, eben darin, dass nicht zu viele Details preisgegeben, die Lesenden nicht allzu sehr in die Situation gezwungen werden. Die Worte entfalten vielmehr einen Raum für die freie Imagination, eine Stille voller Fülle, so wie der Schreinermeister ein Möbel immer als Ganzes komponiert mit viel Raum zur Korrektur, statt Tischbein um Tischbein und Tischplatte perfekt fertig zu drechseln und zu hoffen, dass sie später auch im sogenannten Moment der Wahrheit zusammenpassen. Die ungezwungene Leere zwischen den Zeilen, Sätzen, das Unausgeprochene verschafft Atemluft. So nimmt es auch kein Wunder, dass „Später“ an Walter Benjamins Begriff der Geschichte erinnert.

Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? […] Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat.

Walter Benjamin aus: Über den Begriff der Geschichte.

Der Roman, das Magische der Wörter, vermag ein solches Staunen wieder zu evozieren. „Später“ ist nicht zu spät, aber von Stephen King scheinbar spät genug geschrieben worden, ein Kleinod herbstlicher Lebensfreude, ein Bund zwischen Schreibenden und Lesenden, auf dass man des Lesens nicht überdrüssig wird. King hält sein Versprechen. Sein Buch macht Lust auf mehr.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: