Claudia Durastanti: „Die Fremde“

Mit dem Kopf durch die Wand ins fröhliche Leben … Shortlist der Premio Strega

Claudia Durastanti ist eine Journalistin, aktive Redakteurin, vielgereiste Person zwischen Europa und den USA pendelnd, und hat bereits einige Romane selbst geschrieben, und nicht nur über solche auf Festivals und Messen berichtet. Von ihren vier Romanen ist nur „Die Fremde“ ins Deutsche übersetzt. Zudem wurde der Roman auf der Shortlist der Premio Strega gesetzt und ist bislang Durastantis erfolgreichstes Buch. Sie beginnt ihren Roman „Die Fremde“ mit dem Wort „Familie“ als Überschrift, einem Motto von Emily Dickinson: „After great pain, a formal feeling comes“ und nach dem Wort „Mythologie“ mit den ersten Sätzen ihres Textes:

Meine Mutter und mein Vater lernten sich an dem Tag kennen, als er versuchte, sich in Trastevere vom Ponte Sisto zu stürzen. Es war eine gute Stelle zum Springen, er konnte zwar ausgezeichnet schwimmen, aber der Aufprall auf dem Wasser hätte ihn gelähmt, und der Tiber war schon damals giftig und grün. Wenn sie allein war, ging meine Mutter immer mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern, als würde es regnen, doch an dem Tag blieb sie auf der Brücke stehen und sah einen jungen Mann rittlings auf der Brüstung sitzen. Sie ging zu ihm, legte eine Hand auf seine Schulter und zog ihn zurück, vielleicht gab es auch ein kurzes Gerangel. Sie brachte ihn dazu, sich zu beruhigen und langsam zu atmen, dann spazierten die beiden durch die Stadt, betranken sich und landeten in einem Hotel mit steifen Bettlaken, die nach Ammoniak rochen.

Claudia Durastanti aus: „Die Fremde“

Das Wort „Familie“ durchzieht den ganzen Roman, in welchem es hauptsächlich um die tauben Eltern der Ich-Erzählerin geht, um die Verwandten und Vorfahren, um ihren pragmatischen Bruder, um das Leben zwischen Bohème und Bürgerlichkeit, zwischen Italien und den USA, der Basilicata und Brooklyn, ein Leben geführt zwischen vielen Welten und allen Stühlen. Familie ist der einzige rote Faden und dies zeigt rein formal schon der Beginn des Romans, denn von Emily Dickinson über den Schmerz und den Selbstmordversuch des Vaters führt kein Weg nach Rom und zum Tiber. Einzig „Familie“, „Mutter“ und „Vater“ rahmen und umfassen disparate Elemente, und so kündigt Durastanti an, dass alles Folgende ein Hüpfen, Springen, Erfinden und Dichten sein wird. Cesare Pavese, den die Ich-Erzählerin als einen ihrer Lieblingsschriftsteller erwähnt, schreibt in seinem Tagebuch:

„Wenn die erste Zeile einer Erzählung geschrieben ist, ist schon alles gewählt, der Stil, der Ton wie die Wendung der Geschehnisse. Wenn die erste Zeile dasteht, ist es nur noch eine Frage der Geduld: alles übrige muss und kann daraus hervorgehen.“

Cesare Pavese aus: „Das Handwerk des Lebens“ – 22. Juli 1938

Die ersten Zeilen von „Die Fremde“ zentrieren sich um Mythologie, in sich bereits eine Dopplung und Ko-Zentrierung, denn „Mythos“ stammt aus dem Griechischen und lautet soviel wie Report, Geschichte, oder Erzählung. „Logos“ jedoch stammt auch von Erzählung, Rede, oder Wort ab. Durastanti spannt ihre Familiengeschichte insofern zwischen formalem Schmerz und erzählter Erzählung und bahnt sich einen freien Fall von Sinn und Bedeutung, indem das Dichterische selbst thematisch angedeutet wird. Konsequenterweise wird dann das Zusammenkommen der beiden Eltern auch aus zwei Perspektiven auf völlig verschiedene Weise wiedergegeben. Meinte die Mutter den Vater vor dem Selbstmord gerettet zu haben, so meinte der Vater dasselbe, nur rettete er die Mutter. Ohne auf den Widerspruch Bezug zu nehmen, konstatiert die Ich-Erzähler nur wenige Zeilen später:

Mein Vater und meine Mutter lernten sich an dem Tag kennen, als er sie vor einem Überfall vor dem Bahnhof Trastevere rettete. Mein Vater und meine Mutter lernten sich an dem Tag kennen, als er sie vor einem Überfall vor dem Bahnhof Trastevere rettete. Er hatte gehalten, um Zigaretten zu kaufen, und wollte gerade wieder ins Auto steigen, als die heftigen, hastigen Bewegungen zweier Übeltäter seine Aufmerksamkeit weckten. Sie traktierten ein Mädchen mit Tritten und versuchten, ihr die Handtasche zu entreißen. Er erschreckte die beiden, bis sie endlich wegliefen, dann blieb er bei meiner Mutter stehen, um sie zu beruhigen, und schlug ihr vor, sich bei ihm zu Hause zu waschen.

Claudia Durastanti aus: „Die Fremde“

Beide Wiedergaben können nicht zugleich wahr sein. Sie widersprechen sich eindeutig. Die Ich-Erzählerin stößt sich daran nicht. Ihre Eltern sind viel zu verrückt, viel zu unglaubwürdig, unberechenbar, als dass irgendetwas von dem, was diese sagten und meinten, gesagt zu haben, stimmen müsste. Hier entledigt sich der Roman bereits allem Autobiographischen. Lineare Verdichtungen werden aufgegeben. Kausalität, Ahnen- und Familienforschung, ja Erklärungsbemühungen treten in den Hintergrund. Fetzen, Blitzlichter werden zugelassen, die dem Geschehen wenig, den beschriebenen Personen aber viel Lebendigkeit verleihen.

Mit zwanzig hatte meine Mutter ein breites, unmanierliches Lächeln, die Zähne einer Raucherin und glatte, auf die Schultern fallende, schwarze Haare mit dem Schnitt, der keiner Frau steht; manchmal steckte sie ihre Haare mit Spangen aus Schildpatt fest.

Claudia Durastanti aus: „Die Fremde“

Durastantis Stil besitzt Humor, Feingefühl, aber vor allem Fabulierlust und Intermezzowillen und tollkühne Betonung von vordergründig Belanglosem, denn nach einer klaren Beschreibung der Mutter will und muss gesagt werden, obwohl dies wenig, bis gar nichts der Charakterisierung hinzufügt, dass diese die Haare mit Spangen aus Schildpatt feststeckte. Eindeutig eine Fröhlichkeit dem Wort „Schildpatt“ gegenüber. Das formale Gefühl, von dem Emily Dickinson spricht, schlägt sich also nieder als Reihung, als Durchwalkung und Befriedung des Gegensätzlichen, Zeitfremden und Zusammenhanglosen.

Das Schreiben gehorcht keinem inneren Determinismus. Kein Gleichnis wird erzählt. Keine Moral der Geschichte steckt impliziert in den Zeilen, keine Agenda herrscht vor, nur freiflottierendes Mitteilungsbegehren. Was sich jedoch ergibt, sobald man sich dem Wortfluss überlässt, ist eine Ahnung von einem Lebensgefühl, das in den Großstädten dieser Welt weniger Schranken als Möglichkeiten, weniger Muster als Chaos, weniger Ordnung als Kunst und Ausdrucksbegehren erfasst.

Eine gewisse Zeitlosigkeit stellt sich ein, Beliebigkeit, ein Treiben inmitten bunter Reklameschilder, zwischen Songs und Filmen, zwischen Büchern und Schule, Eltern und Mitschülern, Kusinen und Brüdern, ein Italien, das genauso existiert wie nicht existiert. Nüchtern und performativ. Beliebig und deshalb lebendig füllen sich die Räume um die Sätze herum, bis eine Ich-Erzählerin entsteht, die keine Furcht mehr hat, keine Angst mehr in sich trägt, die das Leben bejaht, so wie es ist. Nicht ohne Grund schreibt Emile M. Cioran in den „Syllogismen der Bitterkeit“:

Man hat keine Furcht vor dem nächsten Tag, wenn man gelernt hat, mit vollen Händen im LEEREN zu schöpfen. Die Langeweile bewirkt Wunder: sie transformiert das Vakuum in Substanz, sie selbst ist überquellendes Nichts.“

Emile M. Cioran aus: „Syllogismen der Bitterkeit“

Durastanti vermag mit jedem Satz, mit jedem neuen Abschnitt stets sprachliche Wunderwerke zu erschaffen, und zwar durch formale Konsequenz und inhaltliche Kontingenz.

Ich bin nie auf dem Mond gewesen, ich habe nicht schwimmen gelernt, ich habe keine Freundin beim Duell verletzt, aber ich bin jemandem begegnet. Eines Tages habe ich ein Gespräch begonnen und nicht mehr aufgehört. Ich konnte von jedem beliebigen Ort der Erde kommen, ein zur Unverständlichkeit verdammter Alien sein, aber dann fing ich an zu sprechen und jemand hörte mir zu, und das hat die Person geformt, zu der ich geworden bin, das hat langfristig meinen Gesichtsausdruck auf Fotos ausgebildet und die Art, wie ich Wörter ausspreche. Wir können eine etymologische Wurzel in uns tragen, aber wer entdeckt sie?

Claudia Durastanti aus: „Die Fremde“

Die Welt ist Kommunikation, ein Teppich aus Geräuschen, aus Gefühlen, aus Bildern und Geschmäckern und Gerüchen. Sie vernetzen sich in Worten, Gedichten, und kondensieren sich zu Texten und Romanen, verarbeiten sich wieder zu Filmen und zur Musik, um von dort die Reise aufs neue zu beginnen, als Wahrnehmungen und Sensationen, bedeutungsschaffende Assonanzen und Alliterationen. In all dem fragt kein Warum, kein Wieso. Die Handlungen werden beschrieben, in Zusammenhang gebracht, eben kommuniziert als Text, als Gewebe, ein Leben zwischen Migration und Heimat, Einbildung und Erinnerung, zwischen Realität und Fiktion.

Um das Leben auszudrücken, muss man nicht nur auf viele Dinge verzichten, sondern auch den Mut haben, diesen Verzicht zu verschweigen.

Cesare Pavese aus: „Das Handwerk des Lebens“ – 23.Juni 1940

Die Ich-Erzählerin verschweigt nämlich Vordergründiges, Faktisches. Sie erzählt die Leben ihrer Familie ohne soziale Fakten, sozusagen ohne den harten Kern eines Curriculum Vitae. Sie spricht nicht quantitativ, nicht komparativ. Sie wählt keine Maßstäbe, um sich mit anderen zu messen, um zu sehen, wer schneidet wie ab. Sie ist eine Einzelne und bleibt es. Wie die Mutter. Und weil sie Einzelne bleiben, wie auch der Vater, erhalten sie eine mystische Würde in ihren tollpatschigen Versuchen, die Welt zu verändern.

In den Umkleidekabinen der großen Kaufhäuser beobachte ich sie [die Mutter] im Spiegel und habe plötzlich die Piazza Navona vor Augen, die Rosen, die Nächte in den Diskotheken, wo sie die Bewegungen der anderen nachahmte, ich sehe ihre vergeudete Jugend, die viel lustiger war als meine, die Todesfälle, die an ihr gezehrt haben, ihre eigenartigen nächtlichen Träume, ihre Sorge, dass ich zu schüchtern und ängstlich bin, um ein interessantes Leben zu haben, ihr Talent, das die Kunstwelt früher oder später anerkennen wird, es wird geschehen, ungeachtet der auf dem Speicher gestapelten, verrottenden Bilder (sie hat Broschüren mit einer eigenen Einschätzung ihres Marktwerts und Preisangaben für die Bilder in Höhe von Hunderttausenden Euro, diese Broschüren gibt sie meinen Freunden, und ich versinke im Boden vor Scham)

Claudia Durastanti aus: „Die Fremde“

Die Mutter schätzt ihren eigenen Marktwert ab. Ein verrückter Umstand, aber voller Elan, Selbstfreude und Beschwingtheit, die die junge Tochter zwar zur Scham zwingt, aber nur, weil diese sich noch nicht emanzipiert hat. Die Mutter lebt ein wildes Leben, wie der Vater, und alles auf dem Wege zum Ziel, das keines ist, bildet nur einen weiteren Anlass, Lebensfreude zu generieren, Schmerz auszuweichen, sich das Leben interessant zu gestalten, aber ohne die Gefahr zu scheitern. Das pittoreske Leben kennt keine Kontinuität, keine Konsequenz, ein kaleidoskopisches Ungestümes, ein Probieren und Versuchen treibt die Eltern an, Drogen, Trinken, Kunst, Tanzen, ein Nackt-und-Frei-Sein, wie es diese Hippie-Generation repräsentiert. Die Tochter geht einen anderen Weg. Sie nimmt das Ungestüme mit, aber verknüpft es mit einem Willen zum Scheitern.

Ich lese die Biografien der Autorinnen, die ich bewundere, und mir wird klar, dass ich nicht so schreiben will, wie sie geschrieben haben, es ist mir völlig egal, ob ich schreiben kann, wie sie schrieben: Ich will lieben wie sie, ich will scheitern wie sie.

Claudia Durastanti aus: „Die Fremde“

Im Scheitern ereignet sich ein Widerstand, den die Tochter zwischen Tür und Angel als Lebensbejahung erfährt. Ihre Liebesbeziehung ist verbindlich. Ihre Poetologie stringent. Ihre Wortwahl genau, und ihr Wunsch, die Worte so in die Luft zu werfen, so mit ihnen zu jonglieren, dass sich im Muster ein Bild des Lebens ergibt, nicht in der Wahl, aber in der Konstellation, beweist Zielstrebigkeit bis ins letzte Detail. Ihre Eltern sind nicht nur physisch taub. Ihre Eltern verschließen die Ohren vor Kommunikation und verbindlicher Interaktion, ohne dass sie, zumindest die Mutter, weniger liebenswert erschienen. Die Tochter liebt die tauben Eltern, die stumm auf ihre Kommunikationsversuche reagieren.

Wir [Mutter und Tochter] sitzen uns in einem Café auf dem Flughafen gegenüber, und sie erklärt nonchalant: »Natürlich bist du erschöpft, seit einer Woche sprichst du Chinesisch, ohne Chinesisch zu können.« So weit ist es mit uns gekommen: Um mich vor dem Kummer zu schützen, dass ich sie nicht mehr verstehen kann, verwandelt sie sich in einen anderen Kontinent.

Claudia Durastanti aus: „Die Fremde“

„Die Fremde“ ist ein bewegender, inspirierender Versuch, den Mut an Kommunikation aufrechtzuerhalten, die Freude an der Interaktion, an der tiefen, sich öffnenden, freien Artikulation von Ideen und Erinnerungen, Erlebnissen und Erzählungen, von Zielen und Vorlieben. Ein ungebrochener Glaube an das geschriebene, gesprochene, gedachte Wort gibt sich kund.

Sprache ist eine Technik, die uns die Welt offenbart. Die Wörter sind Flämmchen, die wir an das Unsagbare halten, damit es erscheint, als wäre die Wirklichkeit mit Geheimtinte geschrieben, und wenn es keine Wörter gibt, sind es die Gesten, die diese Übersetzung ermöglichen.

Claudia Durastanti aus: „Die Fremde“

Die Mythologie als Verhängnis bleibt bestehen, denn die Ich-Erzählerin leidet mit ihren und unter ihren Eltern. Sie leidet am fehlenden Wagemut ihrer nächsten Mitmenschen, am Verstecken, Hinterm-Berg-Halten des Bruders, an den Drogenexzessen ihrer Kusine, an der Instrumentalisierung durch ihre Vorgesetzten und Lehrer, an den Lügen und Spielen, Intrigen und Beleidigungen, die ihr widerfuhren, nur weil sie eine behinderte Mutter, einen behinderten Vater hat und aus ärmlichen Verhältnissen stammt. Im Schmerz jedoch bejaht sie ihren Kommunikationswillen ganz im Gegensatz zu den chinesischen Versuchen der Mutter und des Vaters. Cioran schreibt:

»Nur der Mensch, der nichts liebt, wird unverwundbar sein.« (Tschuang-Tse) Eine ebenso tiefsinnige wie unanwendbare Maxime. Wie sollen wir den Gipfel der Gleichgültigkeit erreichen, wenn schon unsere Apathie selbst Spannung, Konflikt, Aggressivität ist? Unter unseren Vorfahren befinden sich kein Weise, nur lauter Frustrierte, Willenskranke, Tollwütige, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als ihre Enttäuschungen oder Überschwenglichkeiten fortzusetzen.

Emile M. Cioran aus: „Dasein als Versuchung“

Claudia Durastanti hat das Medium der Literatur gewählt, um über ihre verrückten, unberechenbaren, durchgedrehten Eltern zu berichten und auch um ihre Überschwenglichkeiten mit anderen Mitteln fortzusetzen, und hat deshalb mit „Die Fremde“ ein Buch geschrieben, das sich lohnt, immer wieder und wieder gelesen zu werden.

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