Fernanda Melchor: „Paradais“

Von jungen Wilden und ihrer Sprachlosigkeit … Blick in den Abgrund

Bücher, die im Grunde aus Rhythmus, Sprachfreude und einem bandwurmartigen Formexperiment bestehen, lassen sich nur mit Mühe herkömmlichen Kategorien zuordnen. „Paradais“ von Fernanda Melchor gehört zu diesen Texten und lässt sich, beinahe, in einem Atemzug mit einer Lesezeit von etwa 90 Minuten durchlesen, in etwa einer Spielfilmlänge. Ist es also ein Film als Buch? Ein mexikanischer Coming-of-Age-Roman, ein Splatter-Machwerk, Thriller, eine Quentin Tarantino-Variante, bestehend aus Schimpfwörtern, Obszönitäten, ordinären Tiraden, durchsetzt von Fäkalien- und Sexmanierismen? Oder einfach der Versuch, den Dschungel spätpubertärer Jünglingsallüren mal ungeschönt und unverharmlost, nicht wie in Hermann Hesses „Demian“, in Worte zu gießen, der Gefahr der rasenden Ungeduld nackt ins furchterregende Auge zu sehen, um eine Rettung zu erahnen, wie der Ich-Erzähler in Edgar Allan Poes „Hinab in den Malstrom“?

„An einen dicken Ast des Amatebaums gelehnt, schloss er [Polo] die Augen, atmete den matten Duft der Lilien ein, und ohne es zu wollen, doch auch ohne es verhindern zu können, machte er denselben Fehler wie immer, wenn es ihm gut ging, genau denselben: Er wünschte sich, dieser Moment des einsamen Friedens ginge niemals vorüber. Doch, klar, gleich darauf tauchte unweigerlich der verfluchte Dicke [Franco Andrade] am Steg auf, vom Herabsteigen der Holzstufen schnaufend wie ein Nashorn, mit seinem dämlichen Grinsen aus der Zahnpastawerbung und dem gleichen Gelaber wie immer, im Ernst, demselben beschissenen Gefasel, wie er die Señora [Marián Maroños] von vorne und von hinten und von wer weiß wo […]“

Fernanda Melchor aus: „Paradais“

Es ist klar, wie es in dieser Welt von Polo, ein Jugendlicher, der in Mexiko, in Progreso lebt und von Reichtum, Anerkennung und Bedeutung träumt, weitergeht. Er trinkt viel zu viel trinkt und nimmt sich auch seinen kriminellen Cousin Milton zum Vorbild. In dem 87 Seiten langen Text weben sich mehrere Erzählstränge dschungelartig und kaum auseinanderhaltbar ineinander: Polos Planlosigkeit und Unlust, einer geregelten Arbeit nachzugehen, statt seinem Cousin nachzueifern, der im Laufe des Romanes völlig auf die schiefe Bahn gerät, sich in eine Welt voller Gewalt, Drogen, Mord und Totschlag verstrickt; Polos Freundschaft mit Franco Andrade, der sich in seine reiche Nachbarin, Marián Maroños, zweifache Mutter und Medienbekanntheit verknallt hat und nach Mitteln und Wegen sucht, sie ins Bett zu bekommen; Polos Angst, er habe seine Cousine Zorayda geschwängert, die mit ihm bei seiner Mutter lebt; und Polos Erinnerung an seinen Großvater, der mit ihm ein Boot bauen wollte, aber bevor sie ihr Projekt beenden konnte, krank verstarb.

„Deshalb [um sich befreit auszuklinken] blieb er auf der Brücke über den Fluss immer ein paar Minuten stehen und schaute auf das brackige Wasser hinab, das sich zwischen den Wiesen und Luxusanlagen und winzigen Inseln mit ihren Trauerweiden und zerzausten Palmen entlangschlängelte, die kaum sichtbar waren vor der lachsfarbenen Leinwand des nächtlich erleuchteten Hafens dort hinten am Horizont, und dann musste er an das Boot denken, das er mit seinem Großvater hätte bauen sollen, als noch Zeit dazu war, ein einfaches kleines Boot, nichts Besonderes […]“

Das Projekt mit seinem Großvater spielt für Polo eine große Rolle. Im Grunde wünscht sich Polo nichts, als frei zu sein, mit dem Boot in See zu stechen, alles hinter sich zu lassen, der Beengtheit, den Vorschriften, der Enge, in der er mit seiner Cousine, der Mutter, mit den Nachbarn in Progeso lebt, zu entfliehen. Er hält die hitzige, schwüle, bedrückende Atmosphäre am Jamapa Fluss nicht aus. Er will weit weg, so weit und so schnell wie möglich, und der Alkohol erlaubt ihm die kurzen geistigen Höheflüge, und die Träumereien, von seinem Cousin in die große weite Welt mitgenommen zu werden und laute der Preis auch, Gangster, Krimineller zu werden. Die Verzweiflung Polos entlädt sich in permanenten Beschimpfungen, größenwahnsinnigen Selbst- und Fremdanklagen, in mäandernden Sätzen, die kein Ende finden wollen, Gedanken, Träume, die keine Utopie kennen, nur widerspiegeln, was er ohnehin andauernd sieht, ohne einen Ausweg finden zu können. Polos Welt gleicht einem Labyrinth, dem er mittels Gewalt und Drogen zu entkommen sucht.

„Eine riesige verirrte Blaukrabbe segelte durch die Luft zu den umstehenden Bäumen, was der Dicke [Franco Andrade] erneut mit lautem Gelächter und einem weiteren Furz quittierte. Das war der Moment, in dem er [Polo] anfing, ihn zu hassen. Ihn wirklich zu hassen, solche Lust hatte er plötzlich, ihm die Fresse einzuschlagen, ihm diese eckige Flasche über den Schädel zu ziehen, ihm die Eingeweide matschig zu treten und ihn kopfüber in den Fluss zu werfen, wo die trügerischen Strömungen seine von den Fischen zernagte Leiche bis Alvarado oder vielleicht sogar noch weiter treiben würden.“

Der Roman von Fernanda Melchor fängt die Geistesverwirrung und Obsession eines Heranwachsenden ein, der vor lauter Intensität nicht klar zu denken vermag, Spielball seiner Selbstinszenierung bleibt, von den Launen seines selbst herbei gerufenen Schicksals abhängig bleibt.

Melchor bildet nüchtern und krass ein selbstverantwortliches Verhängnis ab. Alles ist zu grell und hell, riecht zu stark, schmeckt zu fies, um bei Sinnen bleiben zu können. In dieser Welt gibt es nichts anderes als die Gossensprache, als kontinuierliche Beleidigungen. Melchor vermittelt aber auf diese Weise, je länger der Text andauert, eine Enge und Desorientierung, eine allseitige Gewaltbereitschaft, die sich beinahe zu mythischer Geschlossenheit zu erheben vermag, ein Dschungelteppich emotionaler und atemloser Verwahrlosung. Polo treibt, driftet in einem Milieu der repressiven Entsublimierung, flucht, säuft, versinkt in Selbstmitleid, in eine Entfremdung mit sich und seiner Umwelt, die ihm nur noch als hassenswert, ekelhaft und mitleiderregend erscheint. Im Grunde, so meint Polo über sich, sei er kein schlechter Kerl, die Welt ist nur schlecht, ungerecht. Jeder verrät ihn, verlässt ihn, insbesondere sein Cousin Milton und sein Großvater, seine beiden leuchtenden Vorbilder, die ihm einen Weg aus dem Elend hätten zeigen können und sollen.

„Hätte sein Großvater, dieser Hurensohn, dieser Verräter, doch nur sein Versprechen gehalten und ihm beigebracht, wie man ein Holzboot baute, ein einfaches, aber zuverlässiges kleines Boot, dem er später irgendwann einen schlichten Motor eingebaut hätte, um nicht allein von der Kraft seiner Arme und den Launen der Strömung abzuhängen […]“

Zu keinem Punkt findet eine Selbstinszenierung der Derbheit statt. Sie bleibt literarisches Mittel, um atemlose Gefangenschaft darzustellen, um den impulsiven, ungeduldigen, draufgängerischen Polo in seiner Wildheit, seiner barbarisch gestörten Impulskontrolle darzustellen, in dieser Welt zwischen Videoclips auf dem Smartphone, als Gärtner von Reichen, als arm, noch von seiner Mutter abhängig, als Schulabbrecher, Faulenzer, Säufer und Kleinkrimineller, der keine Zeit findet, sich ein Ziel zu setzen, durchzuatmen, ja, von vorn zu beginnen, sondern im Gegenteil schnurstracks den Weg vom Regen in die Traufe findet.

„Aber keine Sekunde, keine einzige Sekunde, das würde er [Polo] ihnen sagen, niemals, nie war ihm das Bild durch den Kopf gegangen, wie er selbst den Maroños etwas antat. Er hatte überhaupt nichts gegen sie, dachte gar nicht daran, irgendjemanden umzubringen, irgendjemanden zu vergewaltigen; diese ganzen Pläne hatte der andere gemacht, der verfluchte Dicke in seiner Scheißbesessenheit.“

Was „Paradais“ außergewöhnlich deutlich werden lässt, wie Geschehnisse möglich werden, die in Roberto Bolaños Roman „2666“ eindrücklich und schmerzhaft beschrieben worden sind, nämlich die Serienmorde an Frauen und Kinder, die schutzlos der Gewalt marodierender Jugend- und Verbrecherbanden in Mexiko ausgeliefert sind. Im berühmten vierten Kapitel seines letzten Buches werden von Bolaño 112 Ermordungen von Frauen aus Santa Teresa beschrieben, nacheinander weg, in seiner schieren Menge unfassbar, Haar sträubend und nachhallend verstörend. Melchors „Paradais“ gibt eine psychologische Miniatur solcher Ermordungen, ohne Erklärungen, ohne Rechtfertigungen, ohne auch nur das kleinste Mitleid mit den Tätern. Die Sprache, die sie verwendet, gibt beredtes Zeugnis. Die Sprache ist nunmehr auf ein Schnaufen zurückgebildet, ein Stöhnen nach Körper, Luxus, Drogen und Exzess.

„Wir [Mexikaner] öffnen uns nicht nur, wir reißen uns auf, und alles – Gesang, Liebe, Freundschaft – endet in einem herzzerreißenden Geheul. Die Wucht unserer Feste zeigt deutlich, wie weit unser Hermetismus uns die Wege der Kommunikation mit der Welt versperrt. Wir kennen das Lied, das Geheul, den Wahnsinn und den Monolog -, aber nicht den Dialog.“

Octavio Paz aus: „Das Labyrinth der Einsamkeit“

Octavio Paz, selbst Mexikaner und Literaturnobelpreisträger, schreibt dies in „Das Labyrinth der Einsamkeit“ und analysiert sich und seine Herkunft in intellektuell, europäisch-vorgezeichneter Manier. Melchor hat Ähnliches bewerkstelligt, nur schonungsloser mit sich und ihrer Zeit. Jedes Schöngeistige verstummt in ihrem Roman. Der Ausweg existiert nicht. Sie flieht sich nicht in emphatischer Lyrik und auch nicht in sprach-orientiert reflektierte anthropologische Studien wie Paz in „Der sprachgelehrte Affe“. Sie lässt diesen, ähnlich Franz Kafka in „Ein Bericht an die Akademie“, selbst zur Sprache kommen und überschreitet so einige Schmerzgrenzen des Erträglichen. Zwischen den Zeilen jedoch verspürt man den Widerstand gegen diese Welt, den Versuch, mittels Sprache, dieser Welt den Spiegel vorzuhalten, also den ästhetischen, literarischen Einspruch gegen Gewalt, gegen Menschenverachtung und blinde Zerstörungswut.

„Das »Andere« gibt es nicht: so lehrt der »vernunftgemäße Glaube«, die unheilbare Überzeugung menschlicher Vernunft. Identität=Realität, als ob am Ende mit absoluter Notwendigkeit alles »ein und dasselbe« sein müsste. Aber das »Andere« lässt sich nicht aus der Welt schaffen: es besteht beharrlich fort, es ist der harte Knochen, an dem die Vernunft sich die Zähne ausbeißt.“

Antonio Machado aus: „Juan de Mairena“

Das Andere aber, die Anderen, das Gegenüber existieren in Polos Welt nicht. Er fühlt sich imstande, es mit allem und jedem aufzunehmen. Seine Worte, die Sprachexzesse, die jede Höflichkeit vermissen lassen, jedes Rücksichtsnehmen, Sich-in-Relation-Nehmen verschwindet im Überschwang des sich seiner selbst gewissen, auf sich selbst bezogenen Allmächtigkeit, des jugendlichen, vor Kraft strotzenden Selbstbewusstseins.

„Polo jätete gern mit der Machete, er mochte es, wie sie an seinem Gürtel hing, wenn er über die gepflasterten Straßen der Anlage lief, wie er mit ihr das mächtige Unkraut absäbelte, das ihm entgegenwucherte, mit Dornen groß wie Hörner und behaarten Blättern, die auf der Haut brannten […] Manchmal, wenn Urquiza ihn zum Jäten an die Grundstücksgrenzen schickte und er sicher war, dass niemand ihn sehen, hören oder über ihn lachen konnte, veranstaltete er ein wahres Gemetzel, machte dem Unkraut stampfend und schreiend den Garaus, ab und an sogar mit martialischen Sprungtritten, wenn er merkte, dass die Flechten ihn umzingeln wollten, bis ihn ein Teppich aus zerfetzten Blättern und zerstückelten Rohrstängeln umgab wie verblutende Opfer auf einem Schlachtfeld […]“

Fernanda Melchor aus: „Paradais“

Fernanda Melchor, die offenkundig viel Inspiration aus Thomas Bernhards Texten gezogen hat, die gleichermaßen in einem atemlosen Stil das Wirrwarr Polos nachzeichnet, wie Thomas Bernhard sein eigenes Leben, seine eigenen Bemühungen den Gedankengefangenschaften zu entkommen, beispielsweise in der autobiographischen Trilogie „Die Ursache – Der Keller – Der Atem“, klagt im selben Stil, nur noch obszöner, den blinden Fleck des Beschriebenen ein, nämlich die Humanität, sich den Vorgängen zu stellen. Thomas Bernhard setzte vor „Der Atem“ das Blaise Pascal-Zitat:

„Da die Menschen unfähig waren, Tod, Elend, Unwissenheit zu überwinden, sind sie, um glücklich zu sein, übereingekommen, nicht daran zu denken.“

Blaise Pascal aus: „Gedanken“ (Lafuma Nr. 133)

Mit Thomas Bernhard und Octavio Paz und vielen anderen teilt sie expressis verbis den Gedanken, dass die sogenannte Unfähigkeit, Elend zu überkommen, nämlich gerade darin besteht, es nicht zu beschreiben, es nicht zu denken. Mit „Paradais“, einem ganz eigenen „Paradise Lost“ Miltonscher Provenienz, ist es ihr zumindest gelungen, es unheimlich und furchterregend zu beschreiben. Es lässt einen ratlos und zugleich empört zurück.

Siehe auch andere Rezensionen und Gedanken über „Paradais“ von arcimboldis world und jancak.

2 Antworten auf „Fernanda Melchor: „Paradais““

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