Kalenderwoche 30/31. Lesebericht.

Kalenderwoche 30/31. Lesebericht.

Ich habe viel Zeit auf die Recherche nach Rezensionen, Leseberichten und Sekundärtexten über Elfriede Jelineks Romane verwendet. Erstaunlicherweise nicht viel gefunden. Es gibt eine sehr hilfreiche Besprechung von Andrea Geier auf literaturkritik.de gefunden. Der üblicherweise herangezogene Band Realien zur Literatur von Marlies Janz in der Sammlung Metzler über Elfriede Jelinek beinhaltet nicht die Besprechung von Die Kinder der Toten, und Janz hat nur noch, scheinbar, einen sehr schwer zugänglichen Aufsatz über Jelineks letzten Roman geschrieben. So viel dazu.  Ich befürchte einfach, es gibt nicht viele, die dieses Buch gelesen habe, und das finde ich schade. Andrea Geier schreibt in ihrer Besprechung Lob mit Fußtritten anlässlich der Nobelpreisvergabe für Jelinek:

Zu reden wäre über zu vieles: Über das Projekt der „Entmythologisierung“ und eine Programmatik der „Seichtheit“, über Wiederholung und Intertextualität als Strukturprinzip, über Lust an der Übertreibung jenseits der Schmerzgrenze, über Trivialität und Alltagsmythen, Ironie, Parodie und die Lust am Kalauer, über Autorschaft, die mit der Gestik des Verschwindens spielt, über Sprachbeherrschung und Sprachüberflutung, vor allem aber über die Entwicklung einer Schriftstellerin, die sich eben nicht nur mit der Welt, sondern zuallererst mit anderen Texten aus vielfältigen Bereichen und mit dem Schreiben auseinander setzt und dabei stets die formalen Möglichkeiten von Genres und Gattungen ausreizt und sprengt.

Andrea Geier: „Lob mit Fußtritten“

Vielleicht als Trotzreaktion habe ich mir nun die ebenfalls schwierig zu erstehenden gebundenen Ausgaben ihrer Romane gekauft und erforsche dieses reiche Literaturuniversum weiter. Die Anspielungen in die Die Kinder der Toten auf Platons Höhlengleichnis  hat mich inspiriert wieder etwas antike Philosophie zu lesen.

Gekauft:

Ingeborg Bachmann: Das Buch Goldmann – die neue Ausgabe richtet sich nach dem Material, das für die kritische Ausgabe des Todesarten-Projektes von Monika Albrecht und Dirk Göttsche unter der Leitung von Robert Pichl zusammengestellt und 1995 veröffentlicht wurde. Die Salzburger Ausgabe gestaltet die Zusammenstellung freier, mehr romanhafter. Ich bin gespannt, werde mir wohl aber die Kritische Ausgabe noch besorgen, um sie dagegen lesen und legen zu können.

In der Küche stand sie da, sie rührte sich nicht, sie bewegte dann ihre Hände, sie hatte Blumenstengel abgeschnitten, sie kehrte sie mit den Fingern zusammen, sie warf sie in den Abfalleimer. Sie wusch noch ein paar Schalen und Gläser, sie war nicht müde, aber jede Bewegung war müder, als Müdsein es erlaubt. Dann ging sie ins Zimmer, sie hatte das Bett schon gemacht, warf sich aufs Bett, sie griff nach dem Buch und fing wieder darin zu lesen an. Sie kannte es ja schon, sie las es noch einmal, sie las eigentlich nicht mehr, sie käute es wieder mit den Augen.

Ingeborg Bachman aus: „Das Buch Goldmann“

Dass sie so wenig ihre Texte bearbeiten, durchformen, der Nachwelt anders als in fragmentarischer Form hinterlassen konnte, wird mich stets aufs Neue betrüben. In jedem Satz lebt die Poesie und strahlt die Prosa.

Elfriede Jelinek: Gier, Lust, und Klavierspielerin – hatte ich bereits als Taschenbuch im Regal und auch bis auf Die Klavierspielerin gelesen. Jelinek aber liest sich besser gebunden. Es minimiert die intellektuelle Achterbahnfahrt dadurch, dass wenigstens das gebundene Buch einem ein wenig zwischen den atemlosen Höhen und dröhnenden Tief Halt gibt.

Ich höre Musik, die ist wie mein vergeudetes Leben, man hört sie, von fern, die Musik des Lebens, und einen Moment später ist sie schon wieder verklungen. Besser kann ich es leider nicht. Erheben wenigstens Sie nach Hause, dort wird gewiss ein jedes Buch liegen, das es besser kann.

Elfriede Jelinek aus: „Gier“

Ich empfehle auch die Arbeiten, gesammelten Texte, Berichte und Aufsätze auf der Blogseite Jelinetz.

Walt Whitman: Lyrik und Prosa – Verlag Volk und Welt 1966, übersetzt von Erich Arndt. Ich habe schon länger eine Ausgabe gesucht. Diese nur antiquarische erhältliche bietet nun den vollen Whitman, an den ich durch Torik Brekkes Ein rostiger Klang von Freiheit erinnert wurde, als Agathe Whitman Gedichte liest und zu schätzen lernt:

Bleib bei mir diesen Tag und diese Nacht, und du sollst den Ursprung aller Dichtung erfahren,
du sollst das Gute der Erde und der Sonne haben (Sonnenmillionen bleiben noch übrig),
du sollst nicht länger die Dinge nehmen aus zweiter und dritter Hand, nicht mit den Augen der Toten schauen
noch die nähren von Hirngespinsten in Büchern,
sollst auch nicht durch meine Augen schauen, noch Dinge übernehmen von mir
sollst nach allen Seiten hin lauschen und sie filtern durch dich selbst

Walt Whitman aus: „Grashalme“

Insgesamt erinnert mich der Duktus, das Druckbild, der Rhythmus sehr an Wladimir Majakowski. Ich habe das Buch auf meinem Schreibtisch gelegt, als begleitende Lektüre und Ideengeber.

Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee – meine dieswöchige Wahl aus der Spiegel Belletristik-Bestseller Liste. Mich hat das Thema nicht so sehr angesprochen. Wieder handelt ein Roman vom Kriegsende und der Nachkriegszeit, also schließt die Rothmann-Lektüre an Susanne Abels Was ich dir nie gesagt habe an. Das Thema Schuld und Sühne bleibt in der Bestseller-Liste allgegenwärtig. Bei Rothmann jedoch mit stilistischen Ansprüchen:

Am frühen Nachmittag gingen die Kellnerinnen in die Pause, und dann servierte sie auch selbst, und ich liebte diese Stunden vor dem Lärm des Abendgeschäfts, wenn die Sonne durch die bunten Oberlichter schien und die alte Standuhr vernehmlicher tickte. Unter den Bahnen aus rauchigem Licht saßen nur wenige Gäste und blätterten in Zeitungen oder studierten Akten; Mirka, die weiße Katze des Hausmeisters, strich zwischen den Tischen herum und ließ sich kraulen, und oft hockte ich mich mit einer Limonade an den Tresen neben dem Telefon und machte dort meine Schulaufgaben.

Ralf Rothmann aus: „Die Nacht unterm Schnee“

Die Mischung aus sensorischen Eindrücken, Licht- und Schatten-Effekten, die Ruhe und Langsamkeit in der Beschreibung erlauben wohltuende Lesestunden. Ob mir der Inhalt weiterhin zusagt, wird sich zeigen.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste:

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Eine Frage der Chemie – Bonnie Garmus
  2. Mutterherz –  Tess Gerritsen
  3. Violeta – Isabel Allende
  4. Kummer aller Art – Mariana Leky
  5. Was ich nie gesagt habe – Susanne Abel
  6. Ein Sommer in Niendorf – Heinz Strunk
  7. Stay away from Gretchen – Susanne Abel
  8. Die Hyänen – Lee Child
  9. Die Toten von Fleat House – Lucinda Riley
  10. Affenhitze – Volker Klüpfel; Michael Kobr
  11. Milde Gaben Donna Leon
  12. Der Markisenmann – Jan Weiler
  13. Die Nacht unterm Schnee – Ralf Rothmann
  14. Susanna – Alex Capus
  15. Der Geschichtenbäcker- Carsten Sebastian Henn
  16. Der Buchspazierer – Carsten Henn
  17. Der Papierpalast – Miranda Cowley Heller
  18. Lonely Heart – Mona Kasten
  19. Morgen kann kommen – Ildikó von Kürthy
  20. Schreib oder stirb – Sebastian Fitzek; Micky Beisenherz

Die wöchentliche Wahl fiel einerseits auf Isabel Allendes Violeta und für diese Woche, wie bereits geschrieben, auf Ralf Rothmann Die Nacht unterm Schnee. Susanna von Alex Capus hat mich in der Leseprobe nicht überzeugt, aber ich lasse mich gerne eines anderes belehren.

Ausgelesen:

Toril Brekke: Ein rostiger Klang von Freiheit – meinen Leseeindruck habe ich bereits hier festgehalten. Ein seltsames, unheimliches Buch, das einen sehr eigenen Gang und Klang einschlägt.

Platon: Der Staatsmann (Politikos) – wegen der Sloterdijk-Debatte nochmals gelesen. Ich habe bislang sehr wenig Platon gelesen und habe, vielleicht wegen des sonnigen, sehr schweren, lastenden Wetters auf diese Dialoge Lust bekommen. Diese in sich gekehrten, sich wiederholenden, sich verkomplizierenden Dialoge bedürfen einer trägen Mittaghitzigkeit:

Weil das Gesetz nicht imstande ist, das für alle Zuträglichste und Gerechteste genau zu umfassen und so das wirklich Beste zu befehlen. Denn die Unähnlichkeit der Menschen und der Handlungen, und dass niemals nichts sozusagen Ruhe hält in den menschlichen Dingen, – dies gestattet nicht, dass irgend eine Kunst in irgend etwas für alle und zu aller Zeit einfach darstelle.  

Platon aus: „Politikos“ (übersetzt von F. Schleiermacher)

Sehr fröhliche Sentenzen von der Vergeblichkeit aller Versuche, ohne diese Versuche doch aufzugeben. Ein eigener Sisyphos in jedem einzelnen Argumentenlogiksatz.

Isabel Allende: Violeta – der Lesebericht steht noch aus und folgt in zwei, drei Tagen. Mich hat Violeta etwas ratlos zurückgelassen.

Das »Kaffeetrinken« der Nichte bestand jedenfalls aus einer Unmenge verschiedener Kuchen, heißer Schokolade in Karaffen aus Silber, Eiscreme und Likören in Gläsern aus böhmischem Kristall, und für Stimmung sorgten einige junge Frauen mit Streichinstrumenten und ein Magier, der Seidentücher erbrach und den Damen verdutzte Tauben aus den Dekolletés zog.

Isabel Allende aus: „Violeta“

Ich benötige noch ein paar Tage, um eine Perspektive auf diesen aus den Fugen geratenen Text zu finden. Eine Kurzrezension findet sich hier.

Sigmund Freud: Das Unheimliche – eines der Grundlagentexte für Jelinek in ihren Recherchen für Die Kinder der Toten. Insbesondere die graduellen Übergänge zwischen dem Bekannten, Heimlichen und Unheimlichen, dem Nahen und doch Fernen im Alltag, mit einer Etymologie des Wortes und ein Versuch, den Unterschied zwischen dem Real- und Literaturgespenstlichen zu unterscheiden, von dem Freud das erste wie folgt schildert:

Als ich einst an einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschenleeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet ich in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht lange in Zweifel bleiben konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an den Fenstern der kleinen Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, die enge Straße durch die nächste Einbiegung zu verlassen. Aber nachdem ich eine Weile führerlos herumgewandert war, fand ich mich plötzlich in derselben Straße wieder, in der ich nun Aufsehen zu erregen begann, und meine eilige Entfernung hatte nur die Folge, daß ich auf einem neuen Umwege zum drittenmal dahingeriet. Dann aber erfaßte mich ein Gefühl, das ich nur als unheimlich bezeichnen kann, und ich war froh, als ich unter Verzicht auf weitere Entdeckungsreisen auf die kürzlich von mir verlassene Piazza zurückfand.

Sigmund Freud aus: „Das Unheimliche“

Ein kurzer, aber sehr intensiver Aufsatz, der im engen Zusammenhang mit Jenseits des Lustprinzips steht. Seine Doppelgänger- und Wiedergängeranalysen machen immer wieder Spaß beim Lesen, wie auch seine Versuche, den Alltag in den Traum, den Traum in den Alltag zu verlegen, woraus er sodenn das Unheimliche, das Vertraute, aber Fehlplatzierte ableitet.

Zu schreiben:

Isabel Allende: Violeta
Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel
Sibylle Lengauer: Mottengedanken
Max Frisch: Montauk, Blaubart
Simone Weil: Das Fabriktagebuch
Ingeborg Bachmann: Frankfurter Poetik-Vorlesungen
Werner Bräunig: Rummelplatz
Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt
Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter
Hari Kunzru: Red Pill

Ich freue mich über Anmerkungen, Vorschläge, und weitere Lesehinweise, denen ich nachgehen könnte. Vielen Dank und eine fröhliche sonnige Woche!

12 Antworten auf „Kalenderwoche 30/31. Lesebericht.“

  1. Dankeschön für deine feinen Hinweise auf Bücher, die mich fast alle auch interessieren. Besonders das neue Buch der Allende. Ihre letzten Bücher fand ich alle sehr gut!
    Liebe Abendgrüße vom Lu

    1. Allende hat sehr viele intensive Stellen in ihrem neuen Buch. Es liest sich sehr gut. Es ist das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe – es ist eine Art Crime Familien-Saga Novel, die sehr gut am Strand gelesen werden kann. Sehr versöhnlich. Ich werde genauer darüber noch diese Woche schreiben. Vielen Dank für die Grüße und Morgengrüße zurück!

      1. Dankeschön, das klingt gut 🙂

        Zuletzt las ich von ihr „ein unvergänglicher Sommer“ … gute Leseunterhaltung pur.

        Das großartigste Buch, das ich in den letzten Jahren las war allerdings „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Für mich schon jetzt so eine Art Buch des Jahrzehnts

        … herzlich, Lu

      2. Oh vielen Dank! Deine Literaturtipps sind stets goldwert, wie bei Agota Kristof. Ich besorge mir das Buch von Yanagihara, wenn es so sehr in deiner Gunst steht!! Ich freue mich.

      3. Es ist ein umfangreiches und umwerfendes Buch, das nicht nur in meiner Gunst, sondern in der Gunst vieler Leser/innen und Kritiker/innen weltweit!

      4. Da kann ich dem Lu Finbar nur uneingeschränkt recht geben. Das Buch ist großartig – und erschütternd.
        Nachmittagskaffeegrüße 🌞☕🧊🌼👍

  2. Weißt du schon, ob du das neue Buch von Marina Leky lesen wirst? Ich mochte den „Sound“ von dem Okapi-Buch so sehr, und ich finde es sehr interessant, wie du an Bücher herangehst und ob sie dir liegt …
    Abendgrüße 🌅🍷🧊🌼👍

    1. Hab mich erkundigt und eine Quelle fürs Buch zum Ausleihen gefunden. Ich schau mal rein. Ich dachte, es ist mehr eine Sammlung von Glossen und Kolumnen, kein Roman, in dem Sinne. Dennoch, vielleicht ergibt sich ja was! Danke für den Vorschlag! Morgengrüße!

      1. Das stimmt, es sind Kolumnen, ich habe gerade auch noch mal geschaut. Ich muss aber zugeben, dass das meiner hohen Erwartung aber eigentlich egal ist 😉

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: