Jan Faktor: „Trottel“

Jan Faktor: „Trottel“
Humorlos bis zum Ende … Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022

Der Schelmenroman als Gattung stellt eine Gratwanderung zwischen Belanglosigkeit, Leutseligkeit und Schamlosigkeit dar. Er gelingt meist nicht, denn meist überwiegt eine Seite zu sehr. Der Schelmenroman bedarf eines Gleichgewichts zwischen seinem verrückt-verschrobenem Erzählers und dem Potpourri aus absurd-grotesken Szenen, das er für sein Publikum entzündet. Unterhält er, amüsiert, überrascht der Bericht, stellt niemand ernsthaft die Frage nach der Glaubwürdigkeit. Das satte, bunte Erzählen reicht. Mit anderen Worten: Die Legitimität des sich selbst unterminierenden Erzählens resultiert aus dem überbordenden Einfallsreichtum, das glaubhaft keine Zeit zur Besinnung lässt. Konsistenz wäre in diesem Fall nur eine Spaßbremse.

Der Leser – und da spreche ich indirekt auch alle Odasten, Idasten, Adasten und die eckförmigen Irokasten beziehungsweise alle Adaptine der vergessenen Zoroaster, Tussinas aller Härtegrade, Nostradamistinnen und ihre eingeschnappten, zu Hause schmollenden Schaumkanonisten an … – der Leser kann mich inzwischen doch einigermaßen gut einschätzen, denke ich, und er weiß, dass ich hier keinesfalls nur völlig unkontrolliert agiere.

Jan Faktor aus: „Trottel“

Jan Faktors Trottel stellt sich in die Tradition der Schelmenromane, als da wären Don Quijote von Miguel de Cervantes Saavedra, oder Der abenteuerliche Simplicissimus von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, oder, etwas moderner Die Insel des zweiten Gesichts von Albert Vigoleis Thelen. Der Schelmenroman darf erzählen, fabulieren, erfinden, konstruieren, was das Zeug hält. Keine Grenzen sind ihm gesetzt. Auch dürfen die Wörter, die Sätze, die Strukturen kunterbunt durcheinandergewürfelt werden – die Erzählposition selbst hat ja bereits das Handtuch der Vernunft frischfröhlich zu Boden geworfen. Ab jetzt gibt’s den Schwank und zwar so, wie einem gerade der Sinn steht und der Schnabel gewachsen ist:

Egal wie echt sich die Begeisterung dieser Frischlinge anhörte, egal wie rein ihre hellen Stimmchen schrillten, und egal, was diese Leute in der weiten Welt sonst noch korrektgerecht zu beurteilen wussten oder was sie an Zuwendungen in ihre Ani geblasen bekommen hatten – sie beschmierten mit ihrer Rotze trotzdem eloxierte Klinken, bequetschten Drehkreuze, bebirnten Wortmus, beknackten Satzhack, bissen in Quitten und wippten nebenbei mit ihren Skrota, Mamata und Gamata lockrös umher.

Und ja, Faktor lässt in Trottel ordentlich vom Leder. Neologismen lassen sich auf jeder Seite finden. Seltsame Wortfindungen und -erfindungen prangen fröhlich in jedem Absatz, fast Satz. Hier schreibt also jemand, der sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen lässt. Aber wovon handelt nun der Schelmenroman? Cervantes, Grimmelshausen oder Thelen melden konsequent, na der Schelm selbst, heiße er Don Quijote, Simplicius Simplicissimus oder Vigoleis. Der Schelm macht die Musik, um ihn geht’s. Wer ist also der Schelm in Trottel? Ein namenloser Ich-Erzähler, der vom Selbstmord seines Sohnes berichtet, von seinem Leben im Ostblock, in der Tschechoslowakei, in der DDR und dann von seinem Treiben und Weilen in der Nachwende BRD plaudert. Leider, und hier beginnt das Problem, entsteht keine Figur vor dem inneren Auge. Wer da erzählt, bleibt ungewiss. Ein paar Details lassen sich finden:

Meine Haare wollten leider gar nicht in die Länge wachsen, sie bildeten hässliche Locken und wuchsen viel mehr in die Breite – und sie völlig ungehemmt wuchern und hängen zu lassen, traute ich mich dann doch nicht. Das wäre damals einer offenen Kampfansage an die Staatsmacht gleichgekommen. Und dazu fehlte mir in meiner damaligen Heimat einiges – nicht nur viel an Reife und Festigkeit, sondern auch jegliche Art von Stammesrückhalt.

Es lassen sich weitere Hinweise finden, wie eine Körpergröße von 192cm, eher zarte Stimmbänder, eine gewisse, von einer übertriebenen Joghurternährung stammenden Kernigkeit. Vielmehr jedoch nicht. Der Trottel bleibt ziemlich unsichtbar. Ganz im Gegensatz zu seinen Meinungen und Vorlieben, und synästhetischen Genüssen. Im Grunde nämlich erforscht und bereist der Trottel die Welt mit seiner Nase. Auffällig oft werden Menschen, Situationen über Gerüche beschrieben. Auch mit seinem eigenen hält er nicht hinterm Berg:

Im Übrigen besaß ich in jungen Jahren den besonderen Vorteil, dass mein Körpergeruch nach einigen Tagen zu reifen und sich selbstständig zu veredeln begann – bis er die Note von Wild- bis Stachelbeere annahm; oder vielleicht sogar vom Waldbodenhumus. Die Voraussetzung war allerdings, dass mir einige stressfreie Tage hintereinander vergönnt waren. Meine T-Shirts rochen dann einfach herrlich. Ich durfte mich allerdings tagelang nicht waschen, versteht sich.

Auch dies langt jedoch nicht weit zur Charakterisierung. Naseneindrücke wie Zungenerlebnisse erzeugen keine Übersicht. Sie gehen die Sache bereits eine Ebene tiefer an, nämlich auf Tuchfühlung, und überspringen ein paar Beschreibungs- und Annäherungsphasen. Von solchen will der Trottel in Faktors Roman nichts wissen. Er geht direkt und gerne aufs Ganze, also auf Ganzkörpererlebnisse, die alle Schamgrenzen durchbrechen und zu teilweise distanzlosen, jedwede Intimsphäre überschreitenden Beschreibungen führen. Beispielsweise, als der jugendliche Protagonist auf dem Wenzelsplatz in Prag in Ohnmacht fällt, hilft ihm eine Reisegruppe aus der DDR wieder hoch. Aus der Sicht des Protagonisten liest sich dies nun wie folgt:

Außerdem streichelten sie mir über meine mit Limonade befeuchtete Stirn und zeigten mir in der Hocke großzügig ihre verschwitzten Schlüpfer. Und stand da in der Luft plötzlich auch noch eine wunderschöne Prise Urin? Was ich damals allerdings noch nicht ahnte: Aus dem Scheidenmilieu steigen dank der dort arbeitenden Milchsäurebakterien wesentlich komplexere Gerüche auf. Manche der Frauen hockten oder knieten die ganze Zeit in meiner Nähe, manche richteten sich zeitweilig wieder auf. Eines dieser Geschöpfe muss meine zukünftige Frau gewesen sein. Und eine andere anonyme Gestalt aus der Gruppe beeindruckte mich auch noch mit Patschuliöl, das ich bis dahin noch nie gerochen hatte.

Konsequenterweise hätte der Protagonist zumindest den Duft des Patschuliöls umschreiben können, zumal er zu diesem Zeitpunkt, wie er hinzufügt, noch nicht wusste, dass das, was er riecht, Patschuliöl ist. Von der Gruppe sonst lässt sich aus den Beschreibungen keinen Eindruck gewinnen, nur dass von nun an die DDR ein Reiseziel für den Protagonisten geworden ist. Er beginnt von Prag nach Berlin zu pendeln, siedelt irgendwann komplett nach Berlin über, bekommt mit seiner Frau einen Sohn, von dessen Geburt aber so gut wie gar nichts berichtet wird. Die Schwangerschaftsphase seiner Frau wird in wenigen, desinteressierten Sätzen abgehandelt. Augenmerk liegt vielmehr auf dem FDJ-Pfingsttreffen, das der Protagonist abscheulich findet:

Und der Dauerstrom der schrillen Süße aus den Lautsprechermündern gab mir dann den Rest. Meine Frau hatte in diesem extrem heißen Mai leider schwer zu leiden, weil sie hochschwanger war. Und unser Sohn wurde dann tatsächlich während des Pfingsttreffens, also tatsächlich unter vielen wehenden Fahnen geboren, während in meinem Schädel die angeblichen Ur-, Urur- oder Urururenkel von Karl Marx pausenlos kreischten: Leute, Leute, wie schön ist die Welt grad heute! Und ich schwöre beim Hodensack von Friedrich Engels, dass es dieses Lied gab.

Wenige Zeilen später hält er seinen Sohn schon in den Armen und zetert weiterhin über das „gruppenoralbefriedigende gemeinsame Singen“, um zu unterstreichen, was ihm wirklich zu Herzen geht. Sein Sohn, seine Frau offensichtlich nicht. Überhaupt gibt er auf Schritt und Tritt zu, ein etwas schwieriger Zeitgenosse zu sein. Streitereien in der Ehe stehen an der Tagesordnung, und mit dem Sohn ist seiner Meinung nach auch nicht gut Kirschen essen. Der Sohn nervt mit seinen Fragen, mit seinen Essgewohnheiten und Wutausbrüchen. Zudem bemerkt der Protagonist gleich von Anfang an, sehr kurz angebunden, dass es mit dem Sohn kein gutes Ende nimmt:

Mein Sohn wurde genauso wie ich als Trottel geboren, er kämpfte dagegen ehrenhaft und lange genug unter stark widrigen Vorzeichen – und er hat sich schließlich aus Scham über sein in eine Sackgasse geratenes Trotteltum umgebracht.

Inhaltlich geht es also in Trottel um das Leben und den Alltag in der endenden DDR, im Prag nach dem Prager Frühling 1968, um die Nachwendejahre in der DDR, um Rammstein, Sackkarren, Betonblöcke, im Wiesengrund steckende Altmetallrohre, um Theodor W. Adorno, „erigierte Riechzentralen“, diverse „Reisighintern“ und „ballistisch sauber fliegende Spucke“ und andere Wanddurchbruchsphantasien. Nur mit sehr viel gutem Willen lassen sich die Abschweifungen als Ausweichmanöver betrachten, dem Freitod seines Sohnes nicht in die Augen blicken zu müssen. Wie oft der Protagonist aber auch beteuert, dass der Sohn genial, wunderschön, brillant gewesen ist, die Liebe zu diesem scheint nicht sehr stark durch und liebenswerte Erziehungsmethoden schon gar nicht:

Allerdings konnten meine Frau und ich auch mal streng sein und zwangen unseren Sohn regelmäßig, seine ausgekippten Getränke mit einem Strohhalm vom Tischwachstuch abzuschlürfen. Und da er pausenlos seine und auch unsere etwas entfernteren Gläser und Tassen umkippte, war dieses Zischen bei den Mahlzeiten bei uns an der Tagesordnung.

Von dem sehr langen Kapitel über Rammstein und den sonderbarerweise seitenlang zitierten Stellen aus Adornos Ästhetische Theorie abgesehen, bleibt von der Lebensgeschichte des Protagonisten nicht viel übrig. Er hat sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, hat ein Studium abgebrochen, hat viele Affären mit DDR-Bürgerinnen gehabt, arbeitete in einer Werkstatt, gab eine Zeitung für das Neue Forum heraus und betrauert den Freitod seines Sohnes. Ein klares Bild ergibt sich nicht. Noch weniger von seiner Partnerin oder seinem Sohn, oder gar seiner Großmutter. Zu widersprüchlich, beliebig, völlig zusammenhangslos fabuliert der Protagonist:

Lebe dein Leben in Ekstase, sagte einmal überraschenderweise meine Großmutter zu mir. Dies ist mir zum Glück nicht möglich gewesen, jedenfalls nicht über einen längeren Zeitraum. Meine Großmutter hat es auch nie gesagt.

Mit solchen Absätzen lässt sich selbst in einem Schelmenroman nicht viel anfangen. Die Glaubwürdigkeit ist hierbei gar nicht das Problem. Der Text besitzt einfach keine Bezugsebene. Weder figürliche, noch narrative, noch szenische oder formale Aspekte halten ihn zusammen. Er arbeitet auf nichts hin, nichts zu, und so endet er auch absurd abrupt. Andere Schelmenromane arbeiten mit Witz, mit einer absurden Persönlichkeit, die nicht unbedingt sympathisch erscheinen muss, sich aber stets als Interaktionszentrum anbietet und mit viel Gewese und Geschwätz vom eigenen Leid plagt, und zwar, wenn schon alles andere drunter und drüber geht, anhand einer linearen Handlung:

Dies alles wäre noch zu verschmerzen gewesen, aber o mirum! kein Unglück allein! in der Stunde, darin mein Weib genase, ward die Magd auch Kindbetterin. Das Kind zwar, so sie brachte, sahe mir allerdings ähnlich; das aber, so mein Weib gebar, sahe dem Knecht so gleich, als wann es ihm aus dem Gesicht wäre geschnitten worden. Zudem hatte diejenige Dame, deren oben gedacht, in ebenderselben Nacht auch eins vor meine Tür legen lassen mit schriftlichem Bericht, daß ich der Vatter wäre, also daß ich auf einmal drei Kinder zusammenbrachte, und war mir nicht anders zu Sinn, als es würde aus jedem Winkel noch eins herfürkriechen, welches mir nicht wenig graue Haar machte. Aber es gehet nit anders her, wann man in einem so gottlosen und verruchten Leben, wie ich eins geführet, seinen viehischen Begierden folget.

H.J.C. von Grimmelshausen aus: „Der abenteuerliche Simplicissimus“

So Grimmelshausen. Der Schelmenroman zieht für gewöhnlich ein weißes Kaninchen nach dem anderen aus dem Hut. Gibt es ein Kind, gibt es zwei, und sogar drei. Wird ein Krieg geführt, beginnen vier weitere zugleich, und überall lauern Pech, Pleite und Pannen, d.h. alles geht schief. Bei Cervantes sind die Riesen, die der tapfere Ritter von der traurigen Gestalt bekämpft, Windmühlen und die edle Prinzessin eine Bäuerin aus dem Nachbarsdorf, die Dulcinea von Toboso; oder bei Thelen wird aus dem Schloss, dem Zufluchtsort ein Amateurbordell der schlimmsten und heruntergekommensten Sorte:

Wie gerne hätte ich mich auf eines der ledigen Tiere geschwungen, wagte es aber nicht Beatricens wegen, die in den schreiend bunten Kruppdecken noch mehr Flöhe witterte als im Wams des Ranzenheiligen Porfirio. Als Wigalois, Chevalier à la roue, stünd es mir besser an, dem neuen Schloss entgegenzureiten, denn niedrig im Staube fürbass zu ziehen. Einem Schloss? Wieder ein Schloss? Ich weiß nicht, was nachher kommt, jetzt und hier auf der Straße nach Sóller pilgern wir nur einem scheußlichen Gestank entgegen, einem Massengrabe vermutlich. Es roch nach Leichen und Aas, wo bleiben da meines Arabiens Wohlgerüche?

Albert Vigoleis Thelen aus: „Die Insel des zweiten Gesichts“

Der Schelmenroman zeichnet sich dadurch aus, dass der Protagonist seine gute Laune nicht verliert. Er schreit nicht Zeter und Mordio. Irgendwie immunisiert ihn die eigene Galgenlaune gegen alle Missgeschicke, und so lesen sich diese Roman teilweise sehr formidabel und amüsant weg. Die Schelmen und Narren gehen mit gutem Beispiel voran. Jan Faktors Trottel jedoch bezeugt nur die neue Unübersichtlichkeit und Zerfahrenheit eines von allem überforderten Individuums. Trotz aller Wortakrobatik und Wortverdreherei schimmert eine gewisse, eigenartige Verzweiflung durch die Zeilen. Frieden mit der Vergangenheit lässt sich eben nicht erzwingen. Weder helfen Idiosynkrasie-Absätze aus Adornos Theoriekompendium noch die Songs und der Sound von Rammstein, die er mit Lob und Preis zu überschütten versucht:

»Das letzte Aufbäumen des weißen Mannes«, spottet dagegen meine Frau gern, wenn sie mit mir ausnahmsweise kurz rammhört oder rammsieht. Aber lassen wir meine Frau und ihresgleichen ruhig spotten, das hält unser Kollektiv locker aus. Das, was die Rammsteinmusik in mein Leben des sich abschwächenden Lärms gebracht hatte, passte zu mir wie ein Rammbock ins Abwasserrohr, wie ein Kugelfisch in eine Augenhöhle oder ein Stück vibrierenden Stacheldrahts ins Gehörzentrum.

Mit anderen Worten, Rammstein verstopft seine Sinne, und der Frosch im Hals bleibt stecken. Eine eigenwillige und eigenartige Moral der Geschichte. Der Surrealismus wollte die Sinne entriegeln. Jan Faktors Roman strebt das Gegenteil an. Alles verrammeln und verstecken, und dann so tun, als sei nichts gewesen. Jan Faktor setzt sich bewusst zwischen alle Stühle und fühlt sich wohl dabei. Ob dabei ein Roman herauskommt, ist ihm schlichtweg egal. Nur an seine eigene Regel hat er sich nicht gehalten:

Eine Regel, die ich immer streng befolgt habe, lautet: Wenn du gesund bist, halte die Klappe – und halte genauso die Klappe, wenn du krank bist.

Nach 400 Seiten bekommt der Titel für das kaufende und lesende Publikum plötzlich eine ganz andere Konnotation, und die ist noch viel weniger freundlich als der ganze Text davor und danach.

tl; dr … eine Kurzrezension findet sich hier.
Eine weitere Rezension von Jan Faktors Roman findet sich auf dem Blog soerenheim.

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