
25 letzte Sommer von Stephan Schäfer befindet sich in einem Niemandsland der Prosa, weder Roman noch Sachbuch, weder narrativ-geformte Fiktion noch historisch-belegte Reflexion, weder dargelegte Introspektion noch agitierende Provokation. Es entspringt der Kategorie Selbsthilfebücher, aber ohne den therapeutischen, exemplarischen Gestus, und besitzt deshalb auch keine wirkliche Motivation, wie Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich, in welchem das Ehepaar den sich ankündigenden Tod Marilyns gemeinsam verarbeitet. Auch besitzt es nicht die politische Verve von Didier Eribons Eine Arbeiterin, das exemplarisch, soziologisch argumentiert. Am ehesten schließt 25 letzte Sommer an Texte wie Helga Schuberts Der heutige Tag an, in welchem es um eine Art religiöse Stundenbuch-ähnliche Konsolidierung eines ins Schwanken geratenen Selbstverständnisses geht. Bei Schubert um das der fürsorglichen, ehrerbietigen Ehefrau, bei Schäfer um das des sozial-angesehenen Erfolgsmenschen:
„Stephan Schäfer: „25 letzte Sommer““ weiterlesenEines war jedoch klar, und das fühlte sich beengend und belastend an: Irgendwo im Leben hatte ich die falsche Abzweigung genommen, den inneren Kompass verloren. Bis vor ein paar Jahren hatte ich mich noch fröhlich und frei gefühlt, hatte die Dinge, die ich tat, ob privat oder beruflich, geliebt. Doch über die Jahre hatte ich immer mehr Pflichten gegen immer weniger Freiheit eingetauscht. Nicht bewusst, eher schleichend. Ich war einer dieser Optimierer geworden, die Arbeit, Anerkennung und Geldverdienen in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt hatten. Streng zu sich selbst, selten zufrieden, entschlossen statt entspannt. Getrieben von Abgabeterminen, von den Erwartungen anderer und den eigenen. Ich wollte nicht das, was ich hatte, sondern das, was ich nicht hatte.
Stephan Schäfer aus: „25 letzte Sommer“





