Hengameh Yaghoobifarah: „Ministerium der Träume“

Eine Wortmeldung der explosiven Art. (Spiegel Belletristik-Bestseller 10/2021)

Hengameh Yaghoobifarahs Roman will keine falschen Freunde, keine Sympathisanten, beim Bio-Markt-einkaufende Gutmenschen überzeugen. Der Roman ist laut, er schreit, und zwar unverblümt, seinen Schmerz heraus. Die Zeile fetzen einem um die Ohren. Ungeschlacht reißt er jedweden Boden unter den Füßen weg, lässt Mauern einstürzen, um noch höhere zu bauen. Die zugefügte Gewalt sprengt die Ketten, wer rastet, der rostet:

Ein junger Mann stellt sich hinter mich, liest ein Buch. Woher die Ruhe, Bruder, will ich fragen.

Hengameh Yaghoobifarah

Deutlich wird von Anfang an die spezielle Bindung zur Schwester, die Flucht aus Iran, das Leben/Überleben in Lübeck, das Warten, Harren auf Familienzusammenführungen, Bombenkeller, Angst vor der Passkontrolle, Heimat, nicht Heimat, endlich der Umzug nach Berlin. Zentral aber, den ganzen Text bindend, zentrierend, voller schrecklicher Andeutungen, Löchern, Kratern, das um die Protagonistin sich ziehende Spinnennetz aus Gefühlen, Ängsten, verwobenen, verdrängten Bildern, jener Moment, den kein Individuum je erleben sollte:

Am letzten Tag meiner Kindheit war ich 12. Der Tag, an dem ich vom Mädchen zur Lücke, als mein Gedächtnis zum Netz wurde, begann wie jeder andere Tag in den Sommerferien auch.

Regungslos starrte er mich durch seine Brille an, sein Blick war aus Stahl. Er bohrte Löcher in mich hinein, schuf ein Gedächtnis aus Gips.

Hengameh Yaghoobifarah

Das Fürchterlichste bleibt in Rhapsodien des Leids dem Leser vorenthalten. Je weniger besprochen, um so gewalttätiger die Auswirkung: Die Zerstörung jedweden Vertrauens, die sich bis ins letzte Detail durch das gesamte Buch zieht. Überall lauert der Feind, die Norm, überall das Vorurteil, die Beleidigung, die Gewalt. Es bedarf nur eines kleinen Fehltritts und wieder liegt die Welt in Scherben – deshalb entscheidet sich die robuste, wilde, sanfte, brutale Protagonistin stets zum verbalen Erstschlag. Das Ziel lautet: Zerstören, sagt sie ein Roman von Marguerite Duras, nun als Wiederauflage in Berlin, härter, krasser, ein Ghetto-Rundumschlag der ersten Güte. Auf alles andere als einen Slamdunk lässt sich Yaghoobifarah nicht ein noch runterhandeln. In your face ruft sie und drückt noch dem/der verdutzten Leser/in einen weiteren Spruch.

Wenn ich knurre, bekommt selbst sie Angst. Knurrenden Lesben gehört das Universum.

Ich bin Butch Medusa, und ich paralysiere alle, die meinen Blick erwidern.

Hengameh Yaghoobifarah

Die verbale Attitüde zieht konsequent ihre Kreise, aber nie in Selbstverleugnung oder -überschätzung. Wer sich an einzelnen Aussprüchen, Verallgemeinerungen, radikalen Mutmachungen stößt, findet keine Freude an diesem Text. Er strotzt vor Ungerechtigkeiten. Das Sprachuniversum liegt in Scherben vor uns, vor jedem. Hier gibt es kein Trost, kein gutes Zureden. Vergewaltigung, Nötigung, Schläge und Fußtritte artikulieren sich nicht in Sonetten und feingezwirbeltem Sprachduktus. Brücken, die nie gebaut wurden, werden gebaut, um sie zerschlagen zu können, feurig, selbstbestimmt, eineindeutig.

»Ich will Astronaut werden«, rief Dâriush. »Und wovon träumst du, Nasrin?« Lebend aus diesem Viertel rauszukommen, diesem Ort, wo jeder Traum vom Treppenhausgeruch erstickt wird und Wut das einzige Gefühl ist, das dich nicht wie ein Opfer dastehen lässt, dachte ich. Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht«, murmelte ich.

Hengameh Yaghoobifarah

Alles erinnert an Jean Genet, das Verzeihen von Diebstahl, der Hass auf die Polizei, das Verfolgt-Werden, Sich-Durchschlagen, die Angst, aufzufliegen, die Angst, aufzufallen, die Flucht in der Nacht, das Küssen auf Toiletten, die Sehnsucht nach Frieden, wo doch nur Krieg herrscht, innen wie außen, selbst innerhalb der eigenen vier Wände, wenn die Gegenstände fliegen, Schläge ausgeteilt werden, und Wut und Tränen sich mit Trauer und Verzweiflung abwechseln. Was bleibt anderes, als sich im Drogenkonsum zu betäuben, lautes Musikhören, endlich vergessen, verdrängen, beiseiteschieben zu können, was die Luft zum Atmen nimmt. Kopfhörer rauf und weg mit der Welt.

Die Stärke des Romans liegt in jenen zarten Momenten, in denen eben keine physische, keine verbale Gewalt mehr ausgeteilt wird, wenn die Protagonistin sich zurückhält, nicht will, könnte, aber ihren Impulsen misstraut, sich festkrallt an der Sprache, die ihr bleibt, flucht, aber unhörbar für alle, und dieses, jenes stille innerliche kosmoszerreißende Fluchen expressiv über die geduldigen Seiten einer Erzählung verteilt, die den Tod ihrer Schwester betrauert.

Ich laufe im Kreis, in meiner Kehle klemmt ein Schrei, den ich mit aller Kraft zurückhalte. Ich spüre meinen Finger an meinem Hals, als würde er ihn beruhigen, damit nicht dieses laute Brüllen aus mir herausbricht. So laut, dass die Blätter von den Bäumen fallen. So laut, dass die Fenster von Filiz’ Auto zerspringen. Ich will, dass die ganze Welt einen Hörsturz kriegt. Sie hört mir sowieso nicht zu.

Hengameh Yaghoobifarah

Das Buch ist als Tortur angelegt, parataktisch gehetzt, syntaxartig verkrampft, ein Gangsterrap als Literatur, in dem mal nicht Frauen und Mütter, sondern alle anderen beleidigt und angeprangert werden. Fast nichts wirkt konstruiert. Fast alles fließt ineinander, treibt die Geschichte voran, reibt sich an der Illusion von Authentizität, die es nicht einmal als Idee wirklich geben kann, auch nicht innerhalb von Erzählungen, die sich eine eigene Heimat zu geben versucht.

Yaghoobifarah ist eine moderne Antigone im Kampf um das Vermächtnis der Schwester, ein Ringen um Verstehen, um das Durchbrechen der Angst, die Vorahnung, das unheilvolle Zeichen zu vieler Vögel am Himmel, die Kraniche des Ibykus, die den Mörder/Schuldigen anprangern, preisgeben, eine Antigone, die sich nicht an die Regeln halten kann, noch halten will, so lange, bis sie einmal nicht mehr ironisch, voller Enttäuschung und Traurigkeit feststellen und sagen muss:

Nicht schlecht, Deutschland.

Hengameh Yaghoobifarah

Sondern es sagen will und kann, da sie endlich angstlos leben und lieben darf, wie es jeder ohne Ausnahme verdient hat, und zwar ohne Scham und fremdaufmodulierter Reue.

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