Edgar Selge: „Hast du uns endlich gefunden“

Ein schmerzvoll authentischer Text … Spiegel Bellestristik-Bestseller 44/2021

Autobiographische Texte verlieren sich schnell in einer Unmenge an Details. Die erlebten Ereignisse häufen sich zu einer schier unüberschaubaren Menge an. Schnell lässt sich das Material nicht mehr bändigen. Die Erinnerung löst alle Bande und dreht sich um sich selbst. Jede Erinnerung eröffnet den Weg zu neuen Erinnerungen, so dass das Autobiographische alsbald ins Chronistische, Historische abgleitet, ja fast Protokollarische – also das Literarische in den Hintergrund tritt und sich nur noch Ereignis um Ereignisse, Name um Namen, Orte um Orte und Reisen drehen. Edgar Selges „Hast du uns endlich gefunden“ geht einen anderen Weg. Nicht die Erinnerung als Selbstzweck steht im Vordergrund, sondern der Zwiespalt, der Schmerz, das Unüberwundene an der Vergangenheit bündelt die Sprache und gibt dem Bericht eine Form, so dass er Roman wird. Hierin sehr vergleichbar mit Jean-Paul Sartres „Die Wörter“.

Zu Beginn des Buches büchst der kleine Edgar aus, um die große weite Welt zu erfahren:

„Wohin [ausbrechen]? Am besten mal Richtung Bahnhof. Ich biege in die Hansastraße, und eine ungeheure Vorfreude packt mich, als ich diese lange und breite Strecke vor mir sehe, die zum Bahnhof führt. Aha, das ist die Freiheit, von der alle sprechen, denke ich, und voller Abenteuerlust beiße ich in das Weißbrot. Während ich noch kaue, sehe ich jemanden, den ich gut kenne. Es ist mein Vater. Er kommt auf mich zu. Keine Ahnung, was der hier zu suchen hat. Und schon fragt er mich, wo ich hinwill. In die weite Welt, antworte ich, völlig verdattert. Na, sagt er, dann komm mal mit nach Hause. Fasst mich am Ohr und führt mich durch die ganze Eimterstraße zurück in unsere Dienstwohnung.“

Edgar Selge aus: „Hast du uns endlich gefunden“

Das alles beherrschende Thema des Buches bleibt das problematische Verhältnis zum Vater. Der Vater der Familie dominiert das Geschehen, Gefängniswärter, Pianist, und getreuer Anhänger des besiegten Hitler-Regimes. Die Kindheit und Jugend des kleinen Edgars pendelt zwischen Klavierorchestern vor Gefängnisinsassen, Streitereien mit den Eltern und Brüdern, ist geprägt von einer unglücklichen Mutter, die ihre Künstlerambitionen zugunsten ihres Ehemannes zurückstellen musste, von seinem psychisch-kranken kleinen Bruder, von Edgars Obsession mit dem Kino, in das er sich des Nachts heimlich schleicht, der Brutalität des Vaters, dem großen angstvollen Schweigen über die jüngste Vergangenheit der deutschen Geschichte. Überall lugt das Ungewisse, Fürchterliche, die Brutalität und das Unheilvolle hindurch. Edgar fühlt sich nie sicher.

„Ich habe den Flügel angeschaut, den neuen, blanken Steinway meines Vaters. Das wird nichts mit mir als Pianist. Mir fehlt da was. Ich mag gern Musik. Sie löst viel in mir aus, aber sie macht mich immer zum Opfer. Sie zu gestalten? Das packe ich nicht. Auf dem Steinway liegt eine Reitpeitsche.“

Kultur und Brutalität, Kunst und Gewalt liegen im Hause Selges ganz nahe beieinander. Disziplin der Technik, Unterwerfung der Emotionen, Gestaltung des Spontanen und Bekämpfung der Triebimpulse. Die Reitpeitsche liegt auf dem Klavier, und in der Musik gibt es gute Komponisten und schlechte, solche, die die gewünschte Tradition repräsentieren, solche, die als Gefahr gelten, die nur kopieren, nicht kreieren. Alles ist ein Drahtseilakt. Ein Hängen und Würgen zwischen den Extremen, zwischen totaler Zuneigung und unverhohlener Ablehnung, unterlaufen von der Politisierung des Kulturellen, der Repatriierung eines vermeidlich Musikalischen, so dass die Eltern das Musizieren mit einem jüdischen Rechtsanwalt Brand und seiner Schwester, nach deren Einladung, nicht einmal trotz größten Bemühens genießen können.

„Es gab einen Kuchen mit Gewürzen, die ich nicht kannte. Sie [die Brands] sprachen viel leiser als wir, waren sehr freundlich, aber alles wirkte auch ein bisschen eingeübt. Selten habe ich unsere Eltern so steif gesehen, so unbeholfen. Die Unterhaltung stockte ständig. Als würden die Brands kein Deutsch sprechen. Bis sie Musik machten. […] Sein [Brands] Ton war wirklich schön, nur mit dem Rhythmus hatten sie Schwierigkeiten, mein Vater und Herr Brand. Die Synkopen am Anfang vom dritten Satz, dem Scherzo, diese in der Violinstimme und in der Klavierbegleitung ständig wechselnden, leicht versetzten Vogelrufe waren ein solches Durcheinander, dass ich lachen musste. Niemand lachte mit. […] Wir sind früh gegangen. Ich wäre gerne länger geblieben. Es geht eben doch nicht, hat Mutti auf dem Rückweg vor sich hin gemurmelt. Leider.“

Die Bedrückung ist greifbar. Die Musik als Utopie einer Kommunikation, die nicht stattfinden konnte, die sich versperrte, aus Emotionen, fehlendem Rhythmus, fehlendes Öffnen zum Nächsten, war nicht stark genug. Ein enges, festgefahrenes Nachkriegsdeutschland zeichnet sich zwischen den Zeilen und im gesamten Roman ab: Die Trauer über sich, die Trauer über die eigenen Unfähigkeiten, das Bedauern über das, was geschehen ist, aber auch das Festhalten an den Werten und Traditionen, die zu dem Schmerz führten, ihn erst ermöglichten, die alles beherrschende Schuld, die weder eingestanden noch geleugnet werden kann. Alles ist Selges Erinnerung geprägt vom Stillstand, von der Sackgasse, vom Irrweg, aus dem niemand der Beteiligten mehr auszubrechen vermag. Edgars kleiner Bruder wird wahnsinnig. Die Mutter ist permanent krank. Der Vater hat Wutanfälle, die Brüder ziehen schnell aus, zerstreiten sich mit den Eltern. Auch Edgar sucht den Ausweg im Streit, den Widerstand in der Evokation der kalten Gewalt, die er zum Ausbruch zwingt, indem er lügt, den Anordnungen der Eltern zuwiderläuft. Die Frage, die ihn beherrscht, lautet, wie einen Vater lieben, der schlägt. In der Isolation durch den Lockdown während der Covid-19 Pandemie findet Selge den Mut, diesen Zwiespalt zu formulieren.

„Die Klarheit dieses Tageslichts fragt mich durch die Fensterscheiben: Warum schämst du dich? Die Pandemie hält die Zeit an, damit ich ausspreche, was mir so schwer auf die Zunge will. Hier drinnen bin ich im Reagenzglas. Die Welt ist draußen, blendend, fast unbetreten, und guckt mir zu: Mensch, Edgar, sag, was los ist! Meine Liebe zu meinem Vater. Das ist es, was los ist. Ich will nicht zugeben, von jemandem geschlagen zu werden, den ich liebe. Und noch weniger will ich zugeben, dass seine Schläge meine Liebe nicht ausgelöscht haben. Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt.“

Und doch liebt er seinen Vater. Er liebt ihn für seine Musikbegeisterung, für diese ihm innewohnenden Utopie, doch noch Künstler, Pianist zu werden, sich mittels des Klaviers auszudrücken und zu finden, für dessen Belesenheit, Kultiviertheit, für die Unfähigkeit, der eigenen Bestimmung zu folgen, für die Sanftheit gegenüber der Mutter, der Geduld gegenüber dem psychisch kranken kleinen Bruder, für die Sicherheit, die es dennoch im Hause Selge gegeben zu haben scheint. Je länger der Roman, desto komplexer wird das Bild des Vaters. Ein undurchschaubares Geflecht an Widersprüchen ergibt sich, an Übergriffen, Nötigungen, die sich im Bild des Vaters mischen, der von Seite zu Seite mehr dekonstruiert, in seiner Schwäche gezeigt wird, verfolgt von den Minderwertigkeitskomplexen, kein Künstler geworden zu sein, rückgratlos, ängstlich, von der Tradition und seiner politischen Heimat im Stich gelassen, orientierungslos im Nachkriegsdeutschland vor sich hintreibt und einen Impulskontrollverlust nach dem anderen erleidet. Kurz, Edgars Vater eignet sich nicht als Feindbild.

„Unser Vater, unter dem ich so sehr gelitten habe, hat da einen ganz anderen, weiten Raum in mir, in dem er immer wieder in Wellen aus Liebe oder in Strudeln von Wut auftaucht. Auch unsere Mutter ist in meinen Träumen anwesend, vielleicht etwas seltener als unser Vater, aber beide sind sie noch heute so präsent, dass ich manchmal, am helllichten Tag, kurz denke: Mensch, ich habe ganz vergessen, Mutti und Papa anzurufen!“

Ob Stockholm-Syndrom oder nicht, Edgar entkommt seinem Vater nicht, und das Geheimnis dieses Romans besteht in der poetisch gelungenen Nachzeichnung der Verzweiflung darüber. Jedes Kapitel besteht aus einem Erlebnis, das hautnah überliefert wird, ungeschönt, ungeschminkt, eine Art Exorzismus, den Selge gegen sich selbst betreibt, ein gnothi seauton im Schutzmantel des Narrativen, da man nicht weiß, wo er über- und wo er untertreibt, wo er etwas auslässt, oder ungefragt hinzufügt, wo er Geschichtsfälschung betreibt oder sich einfach nur nicht mehr erinnern kann. Psychoanalytisch gesprochen besteht das Problem in der fehlenden Triangulierung, die die Macht des Vaters relativieren und in Perspektive setzen könnte. Jacques Lacan schreibt dazu:

„Das heißt, dass jede Zweierbeziehung stets mehr oder weniger vom Stil des Imaginären geprägt ist. Damit eine Beziehung ihren symbolischen Wert erhält, muss es die Vermittlung durch eine dritte Person geben, die gegenüber dem Subjekt das transzendente Element realisiert, dank welchem sein Verhältnis zum Objekt in einer gewissen Distanz unterhalten werden kann.“

Jacques Lacan aus: „Namen-des-Vaters“, Turia+Kant (2006)

Diese Distanz hat sich Edgar Selge nun als Literatur beschafft, denn in dieser stellt er nicht nur seinen Vater fiktiv vor die Anklage. Nein, er lässt auch seine Mutter in eine Wutrede ausbrechen, eine Wutrede, die es auf diese Weise wohl nicht gegeben hat. Im Roman aber steht ihm frei, die Mutter ausrasten zu lassen, sich zu wehren, sich zu behaupten, und in dieser Behauptung behauptet sich auch Selge selbst. Mittels seiner Romanfigur schreibt er sich frei und verschafft sich eine Atempause, die es in der zu engen Beziehung zu seinem Vater nicht gegeben hat. Diese Wutrede ist der Höhepunkt des Romans und befreit auf kathartische Weise.

„Alles falsch! Alles falsch gemacht im Leben! Der Mann: Falsch! Jedes Kind: Falsch! Edgar: Eine Katastrophe! Sie selbst: Gar nicht für Familie geschaffen! Vielleicht gar nicht für Männer! Pfarrfrau hätte sie werden sollen, an der Seite einer Pfarrerin. Kindergärtnerin an der Seite einer Kindergärtnerin. Lyrikerin an der Seite einer Lyrikerin. Abends mit einer Genossin über Gedichten sitzen. Aber nicht für einen Mann die Beine breit machen. Nicht diese Familie. Nicht dieser Haushalt. Nicht die grausame Vernichtung der eigenen Begabung: ihr Sprachgefühl. Das hat sie nämlich. Daraus hätte sie doch was machen können. Stattdessen: Spießrutenlaufen durch den täglichen Parcours der Haushaltspflichten. […] Alles bleibt an mir hängen! Das ist das gestöhnte Motto ihres Lebens. Wie im Märchen von der goldenen Gans. Sie wird die Töpfe, die Betten, die Besen, die Einkaufszettel, die ganze Wäsche nicht mehr los, alles klebt an ihr dran.“

Über Edgar Selges Roman lässt sich noch viel mehr sagen und schreiben, insbesondere in Bezug auf das Verhältnis von Gewalt und Kultur, von dem großen Anderen der Genies, der sogenannten Geistesgrößen, die alles niederhalten. Sein Zwilling ist der Roman „Der Vater eines Mörders“ von Alfred Andersch und auch, auf ganz andere Weise, Jean-Paul Sartres „Die Wörter“. Als Alleinstellungsmerkmal besitzt die Selbstdarstellung Selges ein grausames, beeindruckendes Maß an Authentizität. Dieses vielbeschworene Wort, so fühlt man nach der Lektüre, findet hier, bei „Hast du uns endlich gefunden“, einmal wirklich seine Anwendung – ein sehr eindrucksvoller, sanft daherkommender, unfassbar mutiger, aus dem Schmerz geborener Text.

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