
Marie-Henri Byle, bekannt als Stendhal, ein Pseudonym, das er sich wahrscheinlich wegen seiner Verehrung für Johann Joachim Winckelmann, geboren in Stendhal, zugelegt hat, veröffentlichte kurz vor der Juli-Revolution 1830 seinen Restaurationsroman Rot und Schwarz. Scharfe Zungen behaupten, dass Stendhals Roman schlagartig überholt gewesen sei, da er just zu einem Zeitpunkt erschien, als die beschriebene Gegenwart, nämlich die Regierung und Restaurationsversuche der Bourbonen, durch die erneute Machtergreifung des Bürgertums in Frankreich endgültig verschwand. Diese rein polithistorische Lesart übersieht, dass die Restauration nur eines von vielen Beispielen für ein Leben unter dem Ennui abgibt:
Seit Napoleons Sturz war in den kleinen Städten und auf dem Lande auch die geringste Galanterie streng verpönt. Das hätte Kopf und Kragen kosten können. Die Schelme krochen hinter die Röcke der Geistlichkeit, und die Heuchelei trieb sogar in liberalen Kreisen die schönsten Blüten. Die Langeweile nahm überhand. Man mußte sein bißchen Vergnügen in den Freuden des Landlebens oder in Büchern suchen.
Stendhal aus: „Rot und Schwarz“
Inhalt/Plot:
Julien Sorel, einer von drei Söhnen eines Sägemüllers in der Provinz, will etwas erleben. Das elterliche Gewerbe in Verrières langweilt ihn. Statt zu arbeiten, liest er in historischen Romanen das Leben großer Helden nach, allen voran Napoleon, den er idealisiert. In Zeiten des Friedens, der Restauration, ergeben sich aber keine Gelegenheiten, sich militärisch hervorzutun. Ein labiles Gleichgewicht der Macht zwischen altem Adel und Klerus versucht sich zu erhalten. Für Experimente gibt es keinen Spielraum, auch nicht für großangelegte Emotionen, Interessen, für aufrührerischere Literatur oder Theorien. Frankreich um 1830, kurz vor der Revolution, gleicht einem mühsam geschlossen gehaltenen Dampfkessel, selbst in den vielbesuchten und geschwätzigen Salons der Hauptstadt:
Weder hunderttausend Taler Einkommen noch das blaue Ordensband vermochten etwas gegen die Salongesetze. Der geringste lebendige Gedanke wurde als grobe Unmanierlichkeit aufgefaßt. Trotz des guten Tons, der ausgesuchten Höflichkeit und des Wunsches, sich angenehm zu machen, gähnte die Langeweile auf allen Gesichtern. Die jungen Leute, die pflichtmäßig erschienen, schwiegen nach einigen gezierten Redensarten über Rossini oder das Wetter still, denn sie fürchteten, bei weiterem Sprechen einen verpönten Gedanken oder verbotene Lektüre zu verraten.
In dieser Situation begehrt Julien gegen seine niedere Herkunft, als Bauernsohn und Plebejer, auf. Ausweg aus seiner misslichen Lage erscheint ausschließlich der wiedererstarkte Klerus darzustellen. Aus diesem Grunde übt er sich in Latein und lernt die gesamte Bibel auswendig, wodurch er sich alsbald einen Namen macht und eine Anstellung beim Bürgermeister von Verrières ergattert. Dort beginnt er, gelangweilt von seiner Hauslehrertätigkeit, eine Affäre mit der ebenfalls gelangweilten Gattin des Bürgermeisters, Luise Rênal:
Luise von Rênal war eine jener Frauen der Provinz, die einem in den ersten vierzehn Tagen, wenn man sie kaum kennengelernt hat, leicht beschränkt vorkommen. Sie besaß durchaus keine Lebenserfahrung und hatte kein Bedürfnis, viel zu reden. Im unbewußten Streben nach Glück, das allen Lebewesen innewohnt, lebte ihre feinsinnige und hochmütige Seele still über dem Tun und Treiben der groben Naturen, unter die sie das Schicksal verschlagen hatte.
Julien erweckt sie aus ihrem Dornröschenschlaf. Sie entfliehen der Tristesse ihrer Lebensumstände und verbringen innige Liebesnächte, bis die eifersüchtige Kammerzofe Elise sie anschwärzt und einem Konkurrenten des Bürgermeisters und Nebenbuhler um politische Macht, Valenod, einen anonymen Brief verfassen lässt, der die Fortsetzung der Affäre verunmöglicht. Um seine Karriere innerhalb des Klerus nicht zu gefährden, gehorcht Julien dem hiesigen Pfarrer und reist ab nach Besançon. Nach einem Tag der Freiheit tritt er dem dortigen Priesterseminar bei und verschafft sich nach mühsamen Beginn die Beförderung als Repetitor des Alten und Neuen Testaments, tappt aber bei der mündlichen Examensprüfung in eine Falle und wird Letzter seines Jahrganges. Er hat leutselig aus lateinischen Klassikern Horaz, Vergil zitiert und sich so in den Augen der jesuitischen Prüfungskommission vulgarisiert und delegitimiert. Als sein jansenistischer Fürsprecher ebenfalls ins Kreuzfeuer der Kritik gerät und nach Paris zieht, folgt Julien ihm, um dort im Hause des Marquis La Mole Sekretär zu werden:
Ein paar Minuten später befand sich Julian allein in der herrlichen Bibliothek. Eine köstliche Augenweide! Um in seiner Erregung nicht etwa überrascht zu werden, setzte er sich in die dunkelste Ecke. Von hier aus betrachtete er voller Entzücken die glänzenden Bücherrücken. »Das darf ich alles lesen!« frohlockte er. […] Er ward fast närrisch vor Freude, als er eine Voltaire-Ausgabe entdeckte. Schnell lief er nach der Tür des Bibliothekzimmers und blickte hinaus, ob ihn auch niemand stören werde. Dann machte er sich das Vergnügen, jeden einzelnen der achtzig Bände aufzuschlagen. Die kostbaren Einbände waren die Meisterleistung eines der geschicktesten Londoner Buchbinder. Julians Bewunderung war grenzenlos.
Auch die Sekretärentätigkeit langweilt Julien bald. Wie die Tochter des Hauses, Mathilde La Mole, so flieht auch er in die Imagination der Romane und Bücher. Sie beginnen sich füreinander zu interessieren und eine Affäre entbrennt, die schließlich zu Mathildes Schwangerschaft führt. Mathilde beichtet die Affäre ihrem strengen Vater, der außer sich vor Ärger, denn er hatte bereits Vorkehrungen für die Verheiratung Mathildes mit einem Herzog getroffen, dennoch einwilligt, Julien in den Adelsstand zu erheben und die von diesem lang angestrebte Grundrente durch ein Anwesen im Languedoc zu gewähren:
So schrieben sie sich innerhalb des Hauses. Der Marquis wagte nicht mit seiner Tochter Auge in Auge zu reden. Er fürchtete, durch impulsive Nachgiebigkeit alles zu verderben. Er schrieb ihr:
»Begehe vor allen Dingen keine neuen Torheiten! Hier hast Du ein Kavallerie-Oberleutnantspatent für Herrn Chevalier Julian Sorel von La Vernaye. Du siehst, daß ich alles mögliche für ihn tue. Arbeite mir nicht entgegen! Verhalte Dich still und stumm! Julian soll binnen vierundzwanzig Stunden abreisen und sich in Straßburg bei seinem Regiment melden. Anbei einen Scheck auf meinen Bankier. Ich verlange Gehorsam.«
Der Marquis forscht, um sicherzugehen, in der Vergangenheit Juliens nach und erfährt von dessen Affäre mit Luise, der Ehefrau des Bürgermeisters. Er erkennt das Muster eines Karrieristen, der mittels Liebesaffären die gesellschaftliche Leiter emporsteigen möchte, und fordert von seiner Tochter eine sofortige Trennung. Julien erfährt, dass die mittlerweile sehr fromm gewordene Luise dem Marquis selbst die Affäre gestanden hat, fährt zurück nach Verrières und rächt sich bei ihr, indem er in der Kirche auf sie schießt. Es kommt zum Prozess, bei welchem Julien schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt wird. Um letztlich doch noch eine heroische Pose in seinem Leben zustande zu bringen, verzichtet er auf Berufung und wird sehr zum Leidwesen von Mathilde und Luise hingerichtet.
Detaillierte Inhaltsgabe
Teil 1:
- Verrières, dessen Bürgermeister Herr von Rênal, Nutznießer der Restauration von 1815, und der Holzhändler und Besitzer einer Sägemühle Sorel und seine drei Söhne werden vorgestellt.
- Rênal beschließt auf Empfehlung des Pfarrers Chélan für seine Kinder einen Hauslehrer anzustellen, um sie zu beaufsichtigen, aber auch, um Valenod, seinen Rivalen und Nebenbuhler um Luise zu beeindrucken, den Sohn des Sägemüllers Sorel, Julien, 19 Jahre alt.
- Julien verehrt Napoleon, entschiedener Gegner der Restauration, benutzt sein Gedächtnis, um im Klerus Karriere zu machen. Hierfür hat er das Neue Testament auf Latein auswendig gelernt, womit er den Pfaffer Chélan beeindruckt hat.
- Bevor Julien zu den Rênals geht, findet er in der Kirche von Verrières ein Stück bedrucktes Papier, über einen Ludwig Jenrel, der zu Besançon enthauptet wurde. [Jenrels – Julien Sorel?]
- Julien lernt Frau von Rênal kennen, Luise. Ihre Kinder mögen Julien schnell. Er wird eingekleidet und in dem Haus eingeführt, ein Zimmermädchen, Elise, verliebt sich in ihn. Er weist ihr Heiratsangebot ab.
- Julien und Luise beginnen Gefühle füreinander zu empfinden, sehr zum Missgefallen von Luises Freundin Derville, während die Rênals in Vergy residieren.
- Julien reist zu seinem Freund Fouqué, rastet in einer Höhle, genießt die Freiheit. Der Freund bietet ihm die Teilhaberschaft an seinem Holzhandel an. Julien schlägt aus.
- Luise und Julien beginnen Affäre. Luise will Julien fördern und verschafft ihm einen Aufritt beim Besuch des Königs in Verrières als Ehrenwache, sehr zum Neid vieler. Julien trifft einen Bischof beim Empfang.
- Stanislaus-Xaver, einer von Luises Söhnen, erkrankt. Luise denkt, es sei Gottes Strafe für ihre eheliche Untreue. Ihr Sohn gesundet aber bald.
- Luises Ehemann erhält einen anonymen Brief von Valenod, in welchem dieser, von Elise in Wissen gesetzt, das Verhältnis zwischen Luise und Julien aufdeckt. Um Luises Ehre zu retten, fingieren sie einen eigenen Brief, der die Kündigung von Julien zu verhindern.
- Die Intrigenspiele mit Valenod, der einst in Luise verliebt war, gelingen, aber der Pfarrer Chélan, Fürsprecher seiner klerikalen Karriere, befiehlt Julien entweder zu Fouqué oder in das Seminar nach Besançon zu reisen, will er seine Unterstützung nicht verlieren. Julien reist schweren Herzens ab.
- Nach einem freien Tag, an welchem er sich beinahe duelliert hätte, betritt Julien das Seminar, geleitet vom Abbé Pirard. Er findet zuerst keine Freunde und beschließt sich völlig auf die klerikale Karriere zu konzentrieren. Fouqué besucht ihn, der ihn unterrichtet, dass Luise strenggläubig geworden ist.
- Der Zeremonienmeister Abbé Chas-Bernard erkennt Talent in ihm und lässt ihn die Kathedrale zum Fronleichnamsfest schmücken. Wagemutig platziert er die Federbüsche auf der Spitze eines Baldachins, sehr zur Freude der Kleriker. Beim Umzug sieht Julien Luise in Begleitung ihrer Freundin Derville, die ihn wegscheucht.
- Julien wird wegen seiner Leistung bei der Kathedralenschmückung vom Abbé Pirard zum Repetitor des Neuen und Alten Testaments befördert. Bei einer Leistungseinschätzung wird Julien auf den letzten Platz verbannt, weil Julien Begeisterung für lateinische Klassiker zeigt.
- Julien erhält einen Brief mit einem Scheck vom Marquis La Mole, der über Abbé Pirard von seinen Problemen im Seminar beim Examen gehört hat. Julien denkt, der Brief stammt von Luise.
- Jesuiten und Jansenisten kämpfen um Vorherrschaft im Seminar. Abbé Pirard gibt auf und auf ein Angebot des Marquis ein, eine Pfarrei in der Nähe von Paris anzunehmen.
- In Paris schlägt Pirard La Mole vor, Julien als Sekretär zu nehmen. Julien reist nach etwas über einen Jahr vom Seminar ab, besucht seinen Freund Fouqué, der ihn vor Intrigen in Paris warnt, und besucht Luise in Verrières, mit der intensive Stunden verbringt. Sie werden erwischt. Julien flieht. Teil 2:
- Julien trifft in Paris ein. Wird eingekleidet und in das Haus vom Marquis La Mole als Sekretär eingeführt. Bewährt sich bei der Unterhaltung über lateinische Klassiker.
- Norbert la Mole und Mathilde La Mole werden vorgestellt. Die Salons, die Treffen ihrer Freundin, der Salon der Mutter, der Julien langweilt. Julien erfüllt die Aufgaben des Marquis zu dessen vollsten Zufriedenheit.
- Julien streitet sich und ruft ein Duell aus, ohne ernstliche Folgen.
- Marquis leidet an Gicht. Julien unterhält ihn und wird von ihm befördert. Er wird nach London geschickt, wo er das Dandytum und einen Fürst Korasoff kennenlernt. Trifft nach Rückkehr auf Valenod und hört von Varrières, intrigiert für seinen Vater.
- Mathilde lädt Julien zu einem Ball beim Herrn von Retz ein. Mathilde langweilt sich mit den Verehrern und Adelssprösslingen. Sie lernen Altamira, einen zum Tode Verurteilten kennen. Mathilde begeistert sich für ihn, da die Todesstrafe Charakter anzeige. Sie beginnt sich für Julien zu interessieren. Julien gibt Mathilde gegenüber seine Begeisterung über Danton zu.
- Mathilde gedenkt einem familiären Vorfall am 30. April 1574 auf dem Grève-Platz und trägt schwarz. Sie denkt an Königin Margarete von Navarra, die den Kopf ihres Geliebten, Bonifaz la Mole, eigenhändig begraben hat.
- Julien und Mathilde beginnen sich füreinander zu interessieren. Sie sieht in ihm einen zweiten Danton. Sie liest heimlich Voltaire. Mathildes Verhalten bleibt wechselhaft. Schließlich schreibt sie ihm aber einen Brief. Julien im Höhenflug.
- Julien empfindet die Affäre mit Mathilde als militärische Herausforderung (ganz wie bei Luise). Sie verabreden sich zu Mitternacht. Zur eigenen Sicherheit schickt er Mathildes Brief zu seinem Freund Fouqué. Sie verbringen eine Nacht miteinander.
- Mathilde wirkt wieder abweisend. Julien rastet in der Bibliothek aus und ergreift einen Degen. Mathilde erregt die Gefahr. Der Besuch einer Oper bewirkt in Mathilde einen Liebesrausch. Zum Abschied schenkt sie ihm eine Locke.
- Marquis La Mole beauftragt Julien eine Geheimnote auswendig zu lernen, die die Ergebnisse eines geheimen Treffens zusammenfasst und einem Herzog zukommen soll. Julien als Geheimagent tätig. Fährt nach Straßburg, wo er Fürst Korasoff wiedertrifft, der ihm einen Plan zur Verführung Mathildes unterbreitet. Julien entkommt knapp einem Attentat.
- Julien setzt Plan um, hält sich von Mathilde fern und flirtet mit Marschallin von Fervaques, besucht mit ihr Opern und schreibt ihr Briefe.
- Er hält sich strikt an die russischen Vorschriften Korasoffs. Mit Erfolg. Er verlangt eine Bürgschaft für die Liebe Mathildens und erhält sie. Sie beginnen eine Affäre. Mathilde wird schwanger.
- Mathilde gesteht die Affäre ihrem Vater. Nimmt alle Schuld auf sich. Ein Streit entbrennt. Am Ende befördert Marquis La Mole Julien zum Kavallerie-Oberleuntnant Herr Chevalier Julien Sorel von La Vernaye. Sie sollen im Langedoc wohnen und erhalten eine Rente. Zuvor soll Julien in Straßburg Dienst verrichten.
- In Straßburg erreicht ihn eine Nachricht von Mathilde. Marquis La Mole hat einen Brief von Luise erhalten, der beweist, dass Julien ein Emporkömmling ist und sich über Affären seinen gesellschaftlichen Stand erhöht. La Mole erwartet Mathildes sofortige Trennung und verschwindet. Julien hat vollstes Verständnis und reist unverzüglich nach Verrières und schießt in der Kirche auf Luise.
- Julien wird verhaftet. Er wird in der Gefangenschaft von Mathilde wie von Luise besucht. Bei der Gerichtsverhandlung spricht er zum ersten Mal aus freiem Herzen und beleidigt die Geschworenen. Er wird wegen versuchten Mordes zum Tode verurteilt, nachdem Valenod die Stimmen auf seine Seite bringen konnte.
- Juliens Berufung findet trotz Versuche von Mathilde und Luise nicht statt. Seine Liebe gilt einzig Luise. Mathilde eifersüchtig. Er wird hingerichtet. Luise stirbt drei Tage nach seiner Hinrichtung in den Armen ihrer Kinder. Mathilde kann seinen Kopf feierlich wie Margarete von Navarro beerdigen, und zwar auf derselbigen Anhöhe, auf der Julien unbedingte Freiheit kostete (auf seiner Reise zu Fouqué).
Stil/Sprache/Form:
Stendhal gilt mit Rot und Schwarz als einer der Begründer des Zeitgeistromans. Zusammen mit Honoré de Balzac und später Gustav Flaubert bindet er detaillierte zeitgenössische, politische, journalistische Themen in die Handlung ein. Seine Figuren werden zu Ideenträgern, und ihre Handlungen zu Kommentaren auf zeitgeschichtliche Entwicklungen. Erich Auerbach geht darauf in Mimesis im Kapitel Im Hôtel de La Mole ausführlich ein. Mehr aber als der zeitpolitische Horizont erscheint stillistisch das Ineinanderübergehen von direkter und innerer Rede auffällig. Die Figuren reden mit sich, reden mit anderen, schreiben Briefe, diskutieren, ohne dass dies im Roman selbst durch Zeichensetzung, durch Beschreibungen, Absätze differenziert würde:
Könntest Du [Vater] ein Gleiches von irgendeinem der andern sagen, die sich um [deines Tochters] Hand beworben haben? Julian würde selbst unter der gegenwärtigen Regierung eine hohe Stellung erreichen, wenn er eine Million und die Fürsprache meines Vaters besäße. Der Brief war absichtlich acht Seiten lang. Mathilde wußte genau, daß ihr Vater unter dem ersten Eindrucke ihres Briefes handelte.
Um die Zeit, da der Marquis den Brief lesen mußte, fragte sich Julian: »Was wird nun? Worin besteht: erstens meine Pflicht, zweitens mein Vorteil? Was ich dem Marquis verdanke, ist unberechenbar. Ohne ihn wäre ich immer noch ein subalterner Schelm, und doch nicht Schelm genug, um mich vor dem Hasse und der Verfolgung der andern zu bewahren […]«
Plötzlich wurde er von dem alten Kammerdiener des Marquis unterbrochen: »Der Herr Marquis wünscht Sie sofort zu sprechen, gleichgültig in welchem Anzuge.« Flüsternd setzte er hinzu: »Exzellenz ist maßlos in Wut. Nehmen Sie sich in acht!«
In der Stelle gehen ein Brief, den Mathilde an ihren Vater, den Marquis, verfasst, mit den Gedanken Juliens und der direkten Rede des Kammerdieners des Marquis ineinander über. Der Brief erscheint wie das Erzählte, und die Reflexionen wie eine direkte Rede. Das Innen wird vom Außen nicht merklich getrennt – das Verschriftlichte vom Korrespondierten, das Gedachte vom Gesprochenen. Hier zeigt sich eine Durchlässigkeit der Figuren für ihre Umgebung. Sie grenzen sich nicht ab. Sie reagieren, passen sich an, werden direkt durch die Meinung und die Strukturen des Außen gesteuert. Erst abgeschieden, in äußerer Isolation von allen Menschen vermag Julien zu sich finden:
Endlich erreichte er den Gebirgskamm, den er auf einem Paß überschreiten mußte, um in das entlegene Tal zu kommen, in dem der Holzhändler Fouqué, sein Freund und Altersgenosse, wohnte. Julian beeilte sich durchaus nicht. Er spürte keine Sehnsucht, Menschen zu sehen. Auch den Freund nicht. […] Er kam auf den Einfall, sich die Freude zu machen, seine Gedanken niederzuschreiben. Das war ihm andernorts zu gefährlich. Ein viereckiger Felsblock diente ihm als Pult. Sein Bleistift flog über das Blatt. Was um ihn war, sah und hörte er nicht. Endlich bemerkte er, daß die Sonne hinter den fernen Bergen von Beaujolais zur Rüste ging. Da fragte er sich: »Warum sollte ich nicht hier übernachten? Brot habe ich bei mir. Ich bin frei!«
Stendhals Figuren in Rot und Schwarz zeichnen sich durch ihre Durchlässigkeit aus. Zitate werden zu Gedanken, Gedanken zu Sprechakten, Sprechakte zu Gefühlen. Sie vermögen sich nicht gegen die öffentliche Meinung zu wehren. Zu wichtig wirkt der Wunsch nach Ansehen, Status in ihnen. Der Eitelkeit opfern sie alles. Julien begreift es, vermag aber nichts daran zu ändern:
»Wie reizend natürlich war Luise! Wie harmlos! Ich kannte ihre Gedanken immer früher als sie selbst. Ich sah sie entstehen. Es war keine Gegenströmung in ihr, außer der Furcht, ihre Sünde könne sich an ihren Kindern rächen. Das war eine vernünftige, natürliche Zuneigung, eine Wonne selbst für mich, wiewohl ich darunter litt. Ich war ein rechter Tor! Die falsche Vorstellung, die ich mir damals von Paris machte, war schuld daran, daß ich dieses herrliche Weib nicht voll gewürdigt habe. Großer Gott, welch ein Unterschied! Was finde ich hier [in Paris]? Nichts als eisige, hochmütige Eitelkeit, alle Spielarten der Eigenliebe – und weiter nichts!«
Im Unvermögen, sich selbst fest im Griff gegen die Meinung anderer zu haben, darin zeichnen sich Stendhals Figuren aus. Ihre Zeitgenossenschaft stellt ein Leiden an ihrer eigenen Zeit dar. Sie geben sich hin und treiben hinfort, von Zufällen, Ränkespielen, Anerkennungssucht und Intrigenspielen, vom Fegefeuer der Eitelkeiten geplagt.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Stendhals Rot und Schwarz begründet das Paradigma eines um sozialen Aufstieg ringenden Jugendlichen. Nach diesem Muster verfasst lassen sich viele moderne Romane finden, denen Julien Sorels Lebenslauf als Erzählmuster zugrunde liegt, allen voran: Josef Knecht aus Hermann Hesses Das Glasperlenspiel und Hans Castorp in Thomas Manns Der Zauberberg. Die Gesellschaft will Sicherheit, aber auch Abenteuer. Sie will Intensität, aber auch Garantien. In Rot und Schwarz mischt sich noch die Komponente des Mitläufers bei. Julien Sorel erscheint, bei genauer Betrachtung, nicht als Held. Er ist vielmehr mit einem Diederich Heßling aus Heinrich Manns Der Untertan, einem Felix Krull aus Thomas Manns gleichnamigen Roman oder mit Paul Riesling aus Sinclair Lewis‘ Babbitt verwandt. Er will etwas darstellen:
[Julien] ging auf sein Zimmer und packte, dabei pfeifend, seinen Koffer. Er war entschlossen abzureisen, ohne überhaupt zu antworten.
Aber dieser weise Entschluß brachte seinem Herzen keinen Frieden. Als sein Koffer zugemacht war, sagte er sich plötzlich: »Wenn Mathilde nun aber kein falsches Spiel treibt, dann bin ich in ihren Augen ein kompletter Feigling! Ich bin kein Aristokrat von Geburt; somit muß ich große Eigenschaften besitzen, und zwar ordentlich und ehrlich, nicht bloß auf einem geschmeichelten Bilde. Und ich muß sie durch eine drastische Tat beweisen …«
Heinrich Manns Heßling bekümmert sich gleichermaßen um sein Ansehen. Nichts bringt ihn mehr aus der Ruhe, als eine falsche Meinung von ihm und seiner Männlichkeit. Dieser opfert er alle Gefühle, alle Möglichkeiten eines freien, auf eigenen Füßen gestellten Glück. Lieber bringt er sich als vollendeter Konformist, wie auch Julien Sorel, in Abhängigkeiten, die sozialen Aufstieg versprechen. Die Maske des vorbildlichen Mannes darf keinerlei Makel aufweisen:
Da zuckte Diederich zusammen. Doktor Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens, als er vom Militär loszukommen wünschte! Er hatte ihm, in einem höhnischen Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er konnte ihn vernichten! In seinem jähen Schrecken befürchtete Diederich sogar Enthüllungen aus seiner Schulzeit, als Doktor Heuteufel ihn im Hals gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiß brach ihm aus. Um so lauter bestellte er Hummer und Sekt.
Heinrich Mann aus: „Der Untertan“
Julien Sorel und Heßling teilen viele Eigenschaften, wie auch, um ein gegenwärtigeres Beispiel zu wählen, die Protagonisten von Raphaela Edelbauers Die Inkommensurablen. Vor allem wollen sie ihre Herkunft, ihre Vergangenheit, ihre Taten verbergen. Sie schauen stets auf andere, nur durch die Augen ihrer Mitmenschen auf sich selbst. Sie treiben durch ihre Zeit, Marionetten von Machtstrukturen, denen sie nichts entgegenzusetzen haben. Fouqué, Juliens bester Freund, bietet ihm eine Teilhaberschaft an dessen Holzgeschäft an, aber das ist Julien zu langweilig. Julien will höher hinaus und Fouqué sieht das drohende Verhängnis über ihn:
Noch vor Mitternacht war Julian bei Fouqué, der in seiner nüchternen Art über die Wendung im Leben seines Freundes erstaunt, aber nicht entzückt war.
»Das Ende vom Lied wird sein«, meinte er vom Standpunkt seiner politischen Liberalität, »daß du in den Dienst der Regierung trittst. Man wird dich eines schönen Tages zu Dingen mißbrauchen, die in der Presse gebrandmarkt werden. Wenn du am Pranger stehst, werde ich wieder von dir hören. Meiner Ansicht nach ist es selbst in materieller Hinsicht besser, in einem anständigen Holzgeschäft zweitausend Franken im Jahre zu verdienen, dabei aber sein eigner Herr zu bleiben, als viertausend Franken von einer Regierung zu beziehen, und wäre es die des Königs Salomo.«
In diesen Einreden sah Julian nur die Beschränktheit des kleinen Mannes.
Mit dem Ergebnis, dass alles das, was Fouqué ihm prophezeit hat, eintritt. Julien setzt alles auf eine Karte und verliert alles, aber wohlmöglich gewollt und bewusst, denn er gibt sich seinem Schicksal hingebungsvoll hin, als zum Tode Verurteilter, als jemand, der zur Tat schreitet, um seine Ehre zu retten, und sei’s auch nur, um die Waffen gegenüber einer allmächtigen Öffentlichkeit vollends zu strecken. Julien schießt auf die einzige Liebe seines Lebens, Luise, um sich zur Erbauung seiner zweiten, Mathilde, köpfen zu lassen, die den Kopf dann zeremoniell an just der Stelle begräbt, wo er für einen kurzen Moment den Duft der Freiheit verspürt hat. Stendhal zeigt, manche wollen nicht frei sein und koste die Anerkennung sie auch das Leben. Sie wählen ein Leben als Glücksspiel, wodurch „Rot“ und „Schwarz“ im Titel auf das seiner Zeit bereits beliebte Roulette verweist. Mit Rot und Schwarz hat er einen solchen Menschen, die ihr Leben als Glücks- und Gesellschaftsspiel, als Spiel überhaupt begreifen, ein bedenkenswertes und hochdifferenziertes Denkmal gesetzt.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Außerplanmäßig werde ich ab und zu Besprechungen zu Klassikern posten. In diesem Zuge soll nach und nach mein Ein Kanon an Leben und Inhalt gewinnen.
Andere aktuelle und Klassiker-Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier.


Ich weiß, dass ich „Rot und Schwarz“ früher mal gelesen habe. Okay, ist ein paar Jahre her. 😎
Aber jetzt, wenn ich versuche, in deiner Rezension etwas zu finden, an das ich mich erinnere, ist da nichts, nicht mal ein vertrautes Gefühl, und das bestürzt mich doch. Vielleicht schaue ich doch noch mal in das Buch.
Danke dir für die Mühe. 😉
Vormittagskaffeegrüße 🌥️🎶💻☕🍪
Ja, ehrlich gesagt, ist es auch für mich ein sehr seltsames Buch, da ich mich auch sofort an vieles nicht erinnern konnte. Deshalb habe ich eine sehr ausführliche Inhaltsangabe beigefügt (auch für mich selbst). Das Buch ist so episch, so weitverstrickt, dass es nicht allzu sehr mit Einzelheiten, eher mit einer Atmosphäre aufwartet. Freut mich sehr, dass ich das Interesse wieder ein bisschen erwecken konnte. Hat es dir denn damals gefallen? Viele Grüße und ein Kraulen an den Fellträger!!
Ich musste das Buch nach nur zweieinhalb Jahren Französisch in der Schule lesen. Ein Desaster! Ich habe nix verstanden, vor allem nicht die gesellschaftliche Situation. Auf eine Art war klar, dass es ein tolles Buch ist, aber eben, ich habe weder Witz noch Tragik der Situation verstanden. Toll, wie Du es zusammengefasst hast.
Das Buch ist viel zu schwer – selbst in Übersetzung und mit vielen anderen Büchern im Hinterkopf erzeugt es ein wahres Geflecht an Bedeutungsbezügen, das mein Hirn nur so qualmte. Deshalb habe ich mir erlaubt eine genaue detaillierte Inhaltsangabe anzufertigen, nur um dann noch viel mehr zu entdecken, was ich berücksichtigen müsste, und so ging das Drama von vorne los und weiter. Nee, in der Schule hätte ich da gar nichts verstanden außer: Jüngling will groß raus und scheitert in allen Belangen. Schön, dass die Besprechung dir gefallen hat. Viele Grüße!!
Hab das Buch auch als halbes Kind und vollkommen unpolitisch gelesen. Unpolitisch? Wir spielten eine Art „Raeuber und Gendarm“ und nannten es „Napoleon“.
Erinner mich auch nicht an sehr viel Inhalt. Ich liebe aber Pontarlier, Verrieres, Besançon, den Jura!! Deshalb mochte ich wohl das Buch.
Neulich las ich ne ausführliche Stendal-Biographie. Dieser Mann ist ein echt unwichtig-wichtiger Autor! Sein Leben? Frage nicht!