Eckhart Nickel: „Punk“

Punk von Eckhart Nickel.
Punk von Eckhart Nickel. Hermann-Hesse-Preis 2024.

Im Gefolge der letzten beiden Rezensionen, Christian Krachts Air und Takis Würgers Für Polina, stellt sich von allein ein literarisch-kommunikativer Bezug zu dem neuesten, im letzten Jahr, erschienenen Buch von Eckhart Nickel Punk her, das 2024 mit dem Hermann-Hesse-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Mit Air verbindet Nickels Punk das popliterarische Kontinuum einer referenzgesättigten Mediensprache, wie die beiden sie unter anderem mit Benjamin von Stuckrad-Barre im manifestartigen Tristesse Royal (1999) ausbaldowert haben, um ästhetisierend-kritisch auf eine ihrer Meinung nach bedürftige postmoderne Wirklichkeit einzuwirken. Mit Für Polina verbindet Punk der Stoff Jugend mit dem dynamisierenden Problem des Klavierspielens und des Lampenfiebers im Plotbereich Soziale Renitenz. Er verbleibt hiermit im Fahrwasser seines letzten Romans Spitzweg. Auch in Punk dreht sich alles um die Kunst, nur hier nicht um die Malerei, sondern um die befreiende Kraft der Musik:

Nun gut, wir brauchen ja die Stille, um überhaupt etwas zu hören. Wusstet ihr, dass das Gehirn, wenn wir Musik hören, an der bereits fertiggestellten Komposition mitarbeitet, weil es immer Bruchteile einer Sekunde vorausdenkt und die gerade im Augenblick gehörte Melodie in Richtung Zukunft weiterspinnt? Da wird man irre, wenn man versucht, sich das vorzustellen. Das HIRN rast also der Musik davon, fast wie im Märchen der Igel vermeintlich dem Hasen.
Eckhart Nickel aus: „Punk“

Inhalt/Plot:

Die Protagonistin und Ich-Erzählerin von Punk heißt Karen. Sie hat eine Zwillingsschwester namens Kirsten und eine beste Freundin, Anna, die mehr und mehr die Rolle einer Wahlschwester in Karens Leben übernimmt. Das zentrale Geschehen dreht sich um den Versuch, ein Zimmer in einer beliebt-berüchtigten Wohngemeinschaft der Brüder Lambert und Ezra zu ergattern, die aber ziemlich wählerisch zur Sache gehen und bereits einigen Anwärterinnen eine Absage erteilt haben. Karen will ihr Glück dennoch versuchen und lässt sich von Anna begleiten, falls die Gerüchte um Lambert und Ezra sich als begründet erweisen sollten. Sie vereinbaren ein Rettungssignal:

Auch wieder so etwas [das Begleiten], das Kirsten nie machen würde, ich höre sie gleich, ihre spöttische Stimme, ob ich »jetzt echt jemanden zum Händchenhalten« brauche, und natürlich, brauche ich nicht, ich brauche überhaupt niemanden, aber es ist einfach nur nett, dass Anna mitkommt und unten auf mich warten will. »Wir vereinbaren am besten ein Rufzeichen, falls irgendwas schieflaufen sollte. Schau einfach, dass ein Fenster offen ist, damit ich dich auch hören kann. Und wenn alles zu viel wird oder sie dir zu nahe treten, rufst du einfach ganz laut »Irre«. Das passt dann bestimmt ohnehin, hahaha!« Anna halt.

Nun entwickelt sich die Romanhandlung überraschenderweise in eine völlig andere Richtung, sehr friedlich, unaufgeregt, nämlich um die Freundschaft, die sich sofort zwischen Ezra, Lambert und Karen entwickelt. Das Spannungsmoment, ob Karen das Zimmer bekommt, bleibt nicht wirklich lange erhalten, zu sehr spielen, witzeln, improvisieren die drei auf einer Wellenlänge. Tatsächlich tritt das inhaltliche Gespräch über weite Teile des Buches zugunsten eines medialästhetischen Referenzhagels zurück, der aber, inhaltsfremd und -arm, dennoch eine Untergrundströmung an Verbindlichkeit behält. Es geht schließlich um Musik, und die Liebe der drei für diese Kunstform hält das Potpourri nachvollziehbar zusammen:

Ich befürchte, dass ich irgendwie kurz weggetreten bin, will es aber unbedingt kaschieren.
»Da, da, da. Da kommt es her, wollte ich nur sagen. Bitte um Verständnis, ich musste kurz in meiner internen Audiothek, dem berüchtigten KGA, Karens-Gedächtnis-Archiv, herumstöbern, um das Lied ausfindig zu machen, das zu diesem Rhythmus gehört. Trio natürlich, wir sind ja auch ein Trio dann mit PUNK, oder habt ihr noch mehr Kandidaten im Visier? Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht, aha. Kannst du auch die Melodie dazu, Lambert?«
Er nimmt sich das Keyboard und schiebt an ein paar Reglern herum. »Aha, aha, aha. Also gerne noch mal von vorn. Der Rhythmus ist ziemlich klar Rock-1 […]

Unterbrochen wird diese Handlung, die neben einer WG- auch einer Bandgründung entspricht, von allgemeinen erzählerischen Hintergründen, wie der Tatsache, dass die Musik aus dem öffentlichen Raum verschwunden ist, dass so etwas wie der Weiße Lärm die zwischenmenschlichen Begegnungen beherrscht und dass die Menschen insgesamt, seitdem der Weiße Lärm Einzug in ihr Leben gehalten hat, eher in einer Art delirierendem, abgedämpftem, fast verstumpftem Zustand herumwanken und zunehmend ihr Leben im Fastschlaf verbringen:

Der vielleicht überraschendste Nebeneffekt des Weißen Lärms bestand darin, dass durch die übertönten negativen Affekte bald auch sämtliche Glücksgefühle wie Begeisterung und Euphorie verschwanden, aber nicht durch Interventionen, sondern ganz beiläufig und en passant. Als hätte jemand einen Regler heruntergedreht und damit der allgemeinen Gefühlsskala des Menschen ihre Extreme entzogen und die Enden gekappt, sodass, im Geräuschjargon gesprochen, nur noch Mitteltöne in einem begrenzten Spektrum überhaupt übrig geblieben waren. Irgendwie ahnte man schon, dass alles noch da war, aber halt in einen seltsam apathischen Ruhezustand versetzt.

Hier nimmt Nickels Punk klar die Traditionslinie der dystopischen Romane wie von Aldous Huxley Schöne neue Welt (1932) oder Ray Bradburys Fahrenheit 451 (1953) auf, insbesondere scheint der Weiße Lärm Huxleys Soma akustisch zu simulieren, denn beide laufen auf Gleichschaltung, Vernebelung, Nivellierung und Entdifferenzierung hinaus. Die Frage, die sich Nickel in Punk stellt, lautet, hilft die Musik? Hilft der Punk?

Eine komplette und detaillierte Inhaltsangabe von Punk findet sich hier.

Stil/Sprache/Form:

Von den aberwitzig vielen Pop-, Film-, Musikreferenzen und Anspielungen auf Literaturklassiker wie Lewis Carrols Alice in Wunderland abgesehen, stellt sich kein kaltes, entleertes Erzählschema ein, wie es in Krachts Air zu finden ist. Nickel arbeitet mit Fülle, Intensität gegen die Entleerung an. Die Vorliebe für Musik spiegelt sich in einer rhythmischen, strukturiert melodiösen, harmonischen Sprache wieder, die sich als wärmendes Netz über den inhaltsarmen Text legt und immer wieder für momenthafte Leseereignisse sorgt, die an Bret Easton Ellis American Psycho erinnern:

Ezra setzt sich also neben diesen Lambert und legt aufmunternd, aber irgendwie auch gelangweilt sein Kinn in die Hand des aufgestützten Arms. Der Kragen seines weißen Polos, wahrscheinlich Fred Perry, ist schick rotblau gestreift, unter der signalroten Harrington-Windjacke leider kaum zu sehen. Die langen Beine schlackern in einer schmal geschnittenen grauen Stoffhose mit Bügelfalte, was sie noch dünner wirken lässt. Zwischen Hose und Desert-Boots aus braunem Wildleder leuchten Argyle-Socken, die ich wegen des prominenten Metallknopfs über dem linken Knöchel sofort als Burlingtons identifiziere.

Bei Easton Ellis klingt das wie folgt:

Reed Thompson kommt rein und trägt einen karierten Vierknopf-Zweireiher aus reiner Wolle, ein gestreiftes Baumwollhemd und eine Seidenkrawatte, alles Armani, leicht affektierte blaue Baumwollsocken von Interwoven und schwarze Schnürschuhe mit gerader Kappe von Ferragamo, die genauso wie meine aussehen; in einer hübsch manikürten Hand hält er eine Ausgabe des Wall Street Journal, ein Bill-Kaisermann-Tweed-Balmacaan-Mantel hängt zwanglos über seinem anderen Arm. Er nickt und setzt sich uns gegenüber an den Tisch. Kurz danach kommt Todd Broderick in einem Sechsknopf-Zweireiher aus reiner Wolle mit Kreidestreifen, einem gestreiften Hemd aus Pinpoint-Oxford und einem Seidenschlips rein, alles von Polo, dazu ein affiges Leinen-Einstecktuch, das ziemlich sicher auch von Polo ist.

Der Markenfetischismus und die Sorge ums Aussehen werden nicht einfach nur benannt oder eingeübt, sondern erhalten fast poetische Züge, denn die Körper innerhalb dieser Marketingoberflächen erhalten Konturen und ziehen, trotz vieler ablenkender Labels, die Aufmerksamkeit auf sich. Die Beschreibungen laufen in diesem Sinne gar nichts ins Leere, sondern um die Körper als Zentrum des Begehrens herum und evozieren das Interesse des Ich-Erzählers an der ihm gegenübersitzenden oder -stehenden Person. Bei Nickel verläuft die perspektivische Beschreibung von Kinn, Armen zu Beinen zu Knöchel. Hier nimmt Nickel klaren, nicht nur textlichen, auch inhaltlichen Bezug auf Schopenhauers Konzeption des Begehrens, das hinter allen Erscheinungen wie ein Ding-an-sich schwelt, und gerade dieses Zentrum, das die Beschreibungen bindet, unterscheidet Nickel und Easton Ellis von anderen popliterarischen abstraktiven Erzeugnissen:

Ich drehe mich noch mal zu Anna um, die ihre Augen zusammenkneift und zwei Daumen hochhält. Dann fällt die Tür wahnsinnig laut mit voller Wucht ins Schloss. Im Treppenhaus riecht es nach Putzmittel und feuchtem Stein. Das schrillbunte Ornamentglas der Fenster malt seltsam oszillierende Farbmuster auf die Holzstufen, das muss der Wind in den Bäumen sein.

Präsentisch-konsequent in Ich-Erzählerlebniswelt konzipiert, behält Nickels Punk, hier in Form und Inhalt American Psycho verwandt, stets Kontakt zur Welt. Die Figuren lenken nicht ab, lösen sich nicht in einem interrelationalen Raum auf. Anna hält die Daumen nach oben, eine Türk knallt, Licht ergießt sich in den Flur, bunt durch das ornamentalisierte Glas, kaleidoskopisch bewegt, was auf eine Bewegung im Außen hindeutet, hinter dem Glas, auf den Wind, der nämlich durch die Straßen der Stadt pfeift, wo Anna, die beste Freundin, wie ein Ruhepol auf Karen wartet.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Wer ein Plot oder Konflikt getriebenes Setting wünscht, wird von Nickels Roman enttäuscht werden. Wie es einer Ich-Erzählweise entspricht, stellt das Bewusstsein, das erlebende Ich, die Hauptfigur in seiner Sprachweltwirklichkeit dar. Als Protagonist erscheint ein werdendes Ich, das seine Ängste überwindet, und hierfür nimmt Nickel die Doppelgänger-Allegorien aus der Romantik wie bei E.T.A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels (1815) oder Der Sandmann (1816) auf, nur wendet er sie ins utopisch Harmlose. Kirsten nämlich, die virtuose Klavierspielerin und Zwillingsschwester, dient als alter Ego von Karen, die an Lampenfieber leidet und im Text ab dem Zeitpunkt, und zwar plötzlich, verschwindet, als Karen Teil der Band Punk wird. Im Grunde nämlich geht es in Punk um das Besiegen der Angst vor dem Auftreten, wie der Beginn des Romans deutlich aufzeigt:

Hinterher ergab alles Sinn: der Umstand, dass mein Beitrag zum Abend, die späten Nocturnes von Chopin, wegen der Länge von Eriks Stück auf das nächste Frühjahrsvorspiel verschoben wurde, was mir völlig recht war, weil ich totales Lampenfieber hatte.

Kurz gesagt: Kirsten verpatzt das Vorspiel von Mozarts Klaviersonate Nummer 1 in C-Dur, woraufhin Erik einspringt und Karen davor bewahrt, ihr Chopin-Stück spielen zu müssen, wovor sie eine Heidenangst besitzt. Kurz darauf verschwindet die Musik im Weißen Lärm. Die Schwestern entfremden sich, und am Ende, als Kirsten verschwunden ist, tritt Karen selbstbewusst mit ihrer Band bei einem Musikwettbewerb auf, und zwar mit Punkmusik. Sie hat zu sich und ihrem Selbstbewusstsein gefunden, indem sie den Weißen Lärm, das entdifferenzierte, unübersichtliche Sprachraunen, übertönt durch ihren sich in Töne ausdrückenden unbändigen Lebenswillen:

[welchem] doch die vollkommenste Ordnung zum Grunde liegt, den heftigsten Kampf, der sich im nächsten Augenblick zur schönsten Eintracht gestaltet: es ist rerum concordia discors, ein treues und vollkommenes Abbild des Wesens der Welt, welche dahin rollt, im unübersehbaren Gewirre zahlloser Gestalten und durch stete Zerstörung sich selbst erhält. Zugleich nun aber sprechen aus dieser Symphonie alle menschlichen Leidenschaften und Affekte: die Freude, die Trauer, die Liebe, der Haß, der Schrecken, die Hoffnung u. s. w. in zahllosen Nüancen.
Arthur Schopenhauer aus: „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (Band 2)

Karens Emanzipation findet durch einen verwirrenden, alles überdeckenden Sprachraum namens der Weiße Lärm statt, der betäubt, ablenkt und die Menschen in ihrer Umgebung in einen Zustand des nivellierten Schlafwandlertums versetzt. Nickels Punk erscheint vor diesem Hintergrund als eine Komplementärform zu Franz Kafkas Das Schloß, in welchem K mit seinen Gehilfen Artur und Jeremias keinen Ausweg aus dem Labyrinth der administrativen Abhängigkeiten findet. K(aren) mit ihren Gehilfen namens Ezra und Lambert im Schlossanalogon, dem Ministerium für Unterhaltung, schon, indem sie sich nämlich nicht auf die Diskurssprache verlässt, auf die alles betäubende öffentliche Kommunikation, sondern auf den Klang der Dinge, das Brausen und Klackern und Rattern der Küchengeräte und altmodisch-physischen Seiteninstrumenten. Auf diese Weise, bar jedweder öffentlicher Anerkennung, gelingt die Musik selbst ohne Publikum, nur für die drei, als Band und Text, der das Leben als Abenteuer feiert.

Was war das? Ein See wie gläsern vor uns früh am Abend, auf dessen Spiegelfläche wir beim Schwimmen Blumen malten mit den Armen und uns dabei gelassen gleiten ließen durch die tränenhelle Nacht, die kam mit Vögeln ganz hoch oben über uns im Himmel. Wo sind sie hin?
Das Mädchen mit den weichen Lidern trägt sie sanft geschlossen wie die graue Schleife ihres schwarz gewirkten Kleides, schlafwandelnd durch die weichen Stunden weit vor Morgengrauen. 

Der ästhetische Schein bleibt gewahrt. Nickel hält mit Punk einer optimistischen Weltsicht die Treue und zersetzt popliterarische Oberflächenstrukturen mit poetisch-subversiven Ausdrucksmitteln, vor allem mit seiner kessen, selbstbewussten, das Leben und den ganzen Reichtum der Welt bejahenden Ich-Erzählerin.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Nächste Woche am 29.04.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich den neuen Roman von Martin Mosebach Die Richtige.

Diese und andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier

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