Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.

Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.

Die letzten Wochen standen ganz im Zeichen der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Statt einer wöchentlichen Wahl aus der Spiegel Belletristik Bestseller-Liste überließ ich die Wahl der Akademie des Deutschen Buchpreises und ihrer jährlich wechselnden Jury. Sie legten mir nebst Fatma Aydemirs Dschinns und Kristine Bilkaus Nebenan, noch vier weitere Bücher ans Herz, die ich bereitwillig kaufte und widerspruchslos las. Mein Blog besteht ja überhaupt hauptsächlich aus Büchern, die ich ohne äußeren Anstoß sonst nicht lesen würde, und gerade dies führt aber zu ungeahnten Einblicken und Leseerfahrungen, die ich seitdem nicht mehr missen möchte. In meinen Lektüren versuche ich stets das Beste aus den Büchern, die sich mir aufdrängen, herauszuholen. Nicht immer jedoch gelingt’s und das gibt mir weitere ästhetische wie verwickelte dialektische Rätsel auf:

Weil ästhetische Vulgarität undialektisch die Invariante sozialer Erniedrigung nachmacht, hat sie keine Geschichte; die Graffiti feiern ihre ewige Wiederkehr. Kein Stoff dürfte je als vulgär von der Kunst tabuiert werden; Vulgarität ist ein Verhältnis zu den Stoffen und denen, an welche appelliert wird.

Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“
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Eckhart Nickel: „Spitzweg“

Das Cover von Eckhart Nickels neuestem Roman Spitzweg zeigt den Ausschnitt eines Gemäldes von Carl Spitzweg Der Hagestolz. Abgekehrt zum Beobachter steht ein Herr mit Zylinder auf einer kleinen Anhöhe und schaut selbstzufrieden gen Horizont. Nur zufällig schlendert ein Paar, ein Soldat und eine Dame, Hand in Hand in wohlgemessener Entfernung an ihm vorüber. Die Szenerie wirkt altmodisch, aus der Biedermeierzeit, lang vor dem Siegeszug des Radios oder jedweder anderer Massenmedien mit Ausnahme der Zeitung, die der Hagestolz betont lässig und nebensächlich in den hinter seinem Rücken verschränkten Händen hält. Das Cover wirkt in doppelterweise rückwärtsgewandt. Nur der grellrosafarbene Schriftzug deutet auf anderes hin, auf Pop, auf Neuzeit und Neonfarben, Plastik, Bubblegum und Ekstase. Kollidierende Zeiten also in Wort und Bild geht Spitzweg einen sehr eigenwilligen Weg als Coming-of-Age-Roman:

Für diesen einen wunderbar glänzenden Moment aber schwebte das Gesagte ganz eigen schillernd vor unserer Nase wie eine Seifenblase, von der noch keiner wusste, ob sie in den Himmel gleitet oder im nächsten Augenblick in ein nasses Nichts zerplatzt.

Eckhart Nickel aus: „Spitzweg“
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