Kaleb Erdmann: „Die Ausweichschule“

Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann.
Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann. Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

Auf der diesjährigen Shortlist des Buchpreises des Börsenvereins des deutschen Buchhandels befindet sich ein Zwillingspaar, aber je mit verschiedenem Vorzeichen. Dorothee Elmigers Roman Die Holländerinnen und Kaleb Erdmanns Die Ausweichschule behandeln beide Morde. Beide wählen eine Hauptfigur, die schreibt und der das Schreiben zunehmend schwerfällt, bis unmöglich wird. Um die Koinzidenz bis zur Unwahrscheinlichkeit zu treiben, haben beide Figuren noch in Frankfurt am Main ihren Wohnsitz und werden jeweils durch einen Dramatiker zu ihrem Schreibprojekt getrieben. Als Setting wählen beide das für die Literatur sehr typische Topos des misslingenden, zum Scheitern verurteilten Schreibens, wie es bspw. Hermann Hesse in Die Morgenlandfahrer oder Christa Wolf in Voraussetzungen einer Erzählung kompakt intellektuell durchgespielt haben. In Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann handelt es sich um einen jungen Autoren, der nach seinem Debüt mit dem Stoff seines Zweitlings kämpft:

Seitdem ist es still geworden. Im Grunde warte ich, dass etwas passiert. Ich schreibe hin und wieder Pointen für ein großes, profilloses Satire-Fernsehformat und mache Lektorate für einen großen, profillosen Sprachdienstleister. Im Wesentlichen warte ich und komme mir zunehmend profillos vor. Gestern hat mich meine Agentin angerufen.
Denkst du eigentlich an einen zweiten Roman?, hat sie gefragt.
Ich denke ständig an einen zweiten Roman, habe ich geantwortet.
Und schreibst du ihn auch?, hat sie nachgebohrt.
Ich denke ernsthaft ans Anfangen, bin ich ausgewichen.
Kaleb Erdmann aus: „Die Ausweichschule“

Inhalt/Plot:

Wie das Zitat zeigt, prokrastiniert die namenlos bleibende Ich-Erzählinstanz des Romans schon seit vielen Monaten, will es aber ihrer Literaturagentin gegenüber nicht eingestehen. Das Erzähl-Ich kämpft mit einem widerspenstigen Stoff. Als Stoff hat die Figur sich Erinnerungen aus der Kindheit gewählt, namentlich den Massenmord an sechzehn Menschen aus der Lehrer- und Schülerschaft seines Gymnasiums in Erfurt. Die erzählerische Parallelisierung entblättert sich für das Publikum also auf drei Ebenen: Es gibt die sich einstellenden, verändernden Erinnerungen der Figur, die Tatsachen in der Welt der Figur und die Ereignisse, von denen die Figur nichts weiß, die sich aber auf die Erinnerungen und Umstände der Ereignisse beziehen, die der Autor Kaleb Erdmann und sein Publikum über ein gleich lautendes Ereignis in der tatsächlichen Welt besitzen. In Die Ausweichschule geht einiges durcheinander:

Ich habe ein Problem, nicht Erfurt.
Aber die Selbsterkundung hat mich in dieser Frage nur bis zu einem bestimmten Punkt gebracht, einem Punkt, an dem mir klar wird, dass ich meine Erinnerungen herausfordern muss, statt mich in ihnen zu suhlen. Auch wenn das bedeuten kann, herauszufinden, dass alle bisherigen hundertfünfzehn Seiten zurück in die Schublade gehören.

Die Zeilen geben deutlich davon Ausdruck, dass nicht Erfurt, nicht der Massenmord, sondern das Schreiben des Protagonisten, sein eigener Erinnerungsprozess im Vordergrund stehen, und vor allem: das Scheitern seines Schreibprozesses. In, den Prolog und Epilog eingerechnet, neunzehn Kapiteln wird in Echtzeit protokolliert, wie das Manuskript „Unterm Herrenberg“ brachliegt, durch das Projekt eines Dramatikers wieder belebt wird, dann aber an dem ernsten und lustlosen Ton, in welchem der Roman verfasst ist, beim Verlag dennoch scheitert:

Nachdem mein eigener Verlag das Buch abgelehnt hatte, nach dem anschließenden, ziemlich katastrophalen Gespräch mit Herrn Mertens im japanischen Suppenladen und der Absage von Sailstorff, hat meine Agentin noch lange im literarischen Dickicht gestochert, ob sich nicht vielleicht doch ein kleiner Verlag für ‚Unterm Herrenberg‘ finden würde. Vor einigen Monaten habe ich dann von ihr den Anruf erhalten, den man aus Katastrophenfilmen kennt: ‚Es tut mir sehr leid, aber die Suche wird eingestellt. Es besteht keine Hoffnung mehr, noch jemanden zu finden.‘

Die Kapitel unterteilen sich jeweils in eine Zeit vor und nach den Gesprächen mit dem Dramatiker, der in kürzester Zeit ein erfolgreiches Stück über den Stoff zusammenschreibt. Kapitel 1-17 lassen sich deshalb interessanterweise in einer Art Schleife lesen, die ungefähr sechs Monate des Lebens der Hauptfigur umfassen, in denen minutiös beschrieben wird, was sie isst, wie sie sich fühlt, wie sehr sie schwitzt, wie sie sich wäscht, Drogen nimmt, Bier trinkt und, nun ja, auch zu schreiben versucht, zwischendrin. Sie ist ganz und gar nicht beeindruckt von sich selbst.

An diesem Morgen schlafen Hatice und ich miteinander, zum ersten Mal seit langer Zeit. Danach liegen wir in unserem säuerlichen Portweindunst, schauen an die stuckbehangene Decke und lassen den Vormittag verstreichen. Hatice sagt, dass es ihr leidtut, wenn sie in den letzten Monaten gemein und ungerecht zu mir war. Ich sage, dass sie weder gemein noch ungerecht war, höchstens ein bisschen kalt, und dass ich ihr die Kälte nicht übel nehme, weil ich weiß, dass sie mich besser kennt als jeder andere, manchmal besser als ich mich selbst, dass ich mich selbst schon manchmal schlecht aushalte und ich mir gar nicht vorstellen möchte, wie es ist, mich noch besser zu kennen

Neben der Nacherzählung vieler kleiner Episoden, die u.a. vom Strandurlaub in Portugal, vom Biertrinken in einem Bamberger Gasthaus, vom Urinieren in eine Plastikflasche, Kokain Schniefen auf einer Vernissage und von der Durchführung einer Katzenwäsche in einer Zugtoilette handeln, bleibt im Text noch ein wenig Zeit, um über den Massenmord zu recherchieren und sich kaum zu ertragende Gedanken darüber zu machen, wie cool oder uncool, zielstrebig oder nicht der Massenmörder schwer bewaffnet und zum Massenmord bereit zum Gymnasium gezogen sei. Im Stoffbereich Öffentliches Miteinander dynamisiert Kaleb Erdmann sein Material in Die Ausweichschule kaum, wenn überhaupt mit der unangebrachten Kategorie Verhängnisvolles Durcheinander statt Gewalt/Verbrechen/Krieg.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.

Stil/Sprache/Form:

Kaleb Erdmann zeigt in Die Ausweichschule ein ausgeprägtes Gespür für Rhythmik und Fluidität der geschriebenen Sprache. Mit vielen Einfällen strukturiert er lange wie kurze Sätze zu interessanten Gebilden, die häufig einen mehr oder weniger offensichtlichen Sprachwitz vorbereiten. Sein lakonischer Stil passt gut zur prokrastinierenden, unentschiedenen, verwirrten Hauptfigur, die sich hier und da durch übertrieben aufgemotzte Signalwörter aus dem Dauerschlaf zu reißen versucht. Lieblingswort hier: „brutal“.

[…] Die Waffen liegen simpel und brutal vor weißem Hintergrund auf dem Bildschirm, kleine Maschinen zum Töten, es gibt keinen Erkenntnisgewinn daraus, sie anzusehen.
[…] Immerhin ist es Winter, und es gibt keine Insekten oder brutal frühe Sonnenaufgänge, wie vor einem halben Jahr, in der schlaflosen Nacht, als die erste Mail des Dramatikers in meinem Postfach auftauchte.
[…] Man rechnet ständig damit, seine Mitmenschen mit einem ungeschickten Wort in eine grässliche Retraumatisierung zu schubsen, man traut den eigenen Worten eine empfindliche Sprengkraft zu, man hält sich für einen sprachlichen Gewaltverbrecher, und oft wächst sich das zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung aus.

Die etwas gewollten Übertreibungen, die sich häufenden Negationen und Superlative simulieren gekonnt ein Selbstbewusstsein, dass die Figur ansonsten im Handlungsverlauf zu zeigen nicht imstande ist. Sie schlingert durch die Gegend, und gerade neben diesem Schlingern, Wabern und Dackeln erscheint die zum Urteil und Wertung bereitwillige Sprache wie eine Münchhausen-Schlinge, an der sich die Figur selbst aus dem Sumpf ziehen möchte. Besonders kennzeichnend für den Stil, neben der Rhythmik und den angedeuteten Semantikexzessen, zeigt Erdmann in Die Ausweichschule ein ausgeprägt detailliertes Interesse an Körperfunktionen und Körperbefindlichkeiten und zeigt sich dort einem Joshua Groß aus Prana Extrem stilistisch nah verwandt, im Habitus und Fokus fast ununterscheidbar:

Quietschend machte ich das Garagentor halb auf. Mit einer auffordernden Kopfbewegung bedeutete ich Ignar Drugh, ins Innere zu schlüpfen. Dann knipste ich das Licht an. Ich klappte einen Campingstuhl auf und stellte ihn vor den Meteoriten. Ignar Drugh setzte sich. Er streckte dem Meteoriten seine offenen Handflächen entgegen. Kurz flatterten seine Augenlider. Melierte, fluoreszierende Stoppeln sprossen dicht von seinem Kinn weg. Ich selbst lehnte währenddessen an der kühlen Wand und betrachtete den Meteoriten. Dabei lächelte ich. Minuten vergingen. Ich versprühte Raumspray. Allmählich vergaß ich die ballernde Sonne draußen, allmählich vergaß ich die bestialischen Berge. Die Hände von Ignar Drugh vibrierten. Wow, sagte er irgendwann, wirklich heavy.
Joshua Groß aus: „Prana Extrem“

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Bei Erdmann in Die Ausweichschule handelt es sich dagegen nicht um einen Meteoriten, der gestohlen werden soll, sondern um ein Hühnchen in Epoxidharz:

Laut der Werkbeschreibung besteht die Arbeit aus Epoxidharz, ein hüfthoher, trüber Klotz in einer kräftigen Bernsteinfarbe. Im Inneren des Blocks ist ein Huhn eingeschlossen wie die Mücke aus Jurassic Park. Ich weiß nicht, ob es sich um ein echtes, ausgestopftes Tier oder um eine Nachbildung handelt, durch das beinahe intransparente Harz kann man es nicht richtig erkennen. Feine Luftbläschen bedecken die Federn wie aufgestickte Perlen. Ich gehe auf die Knie und sehe genauer hin. Das Huhn wirkt nicht panisch oder gefangen, sondern gefasst, es schwebt ganz ruhig im Raum, die Flügel sind gefaltet, der Kopf erhoben, die Krallen stehen gerade auf dem unsichtbaren Boden.

Groß und Erdmann beschreiben zwei extrem körperbewusste, an Körpern interessierte, mit Drogen experimentierende Schriftsteller, die im Grunde in einer sehr festen und sicheren familiären Situation leben und von ihren jeweiligen Partnerinnen unterstützt werden. Im Gegensatz aber zu Groß, dessen Ich-Erzählinstanz in Prana Extrem einfach herumdriftet, wegschwebt und sich in ein kosmisches gewaltloses Einerlei flüchtet, versucht diejenige von Erdmann mit dem Massenmord an einer Schule fertig zu werden und wird es nicht. Zu unentschieden, zu weit weg, zu nebulös bewegt sie sich durch die Welt, als dass sie zwischen Täter und Opfer, Gewalt und Wort, zwischen Gedanke und Tat wirklich eindeutig unterscheiden könnte, denn sie verliert manchmal völlig den Kontakt zum Außen, komplett den Boden unter den Füßen:

Es hat sehr lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass Meditation etwas für Leute ist, die Probleme mit dem Außen haben, Leute mit stressigen Jobs, einer Welt, die an ihnen zerrt. Als Autor habe ich aber das genau gegenteilige Problem. Bei mir passiert ausnahmslos alles im Innenbereich. Mich noch stärker nach innen auszurichten, das ist, als würde man in einem brennenden Zimmer zur Entspannung eine Duftkerze anzünden. Was ich brauche, ist ein Kabel nach außen, einen Bezug zur Welt […]

Kaleb Erdmann verzockt sich mit seinem Gegenstand und reitet sich mit seinen versuchten Assoziationen und Reflexionen mehr und mehr in eine alles verzeihende, alles nivellierende Vergebung hinein. Er besucht religiöse Orte, zündet Kerzen an und gedenkt mit roten Rosen selbst dem Massenmörder. Fühlt sich schuldig, erwachsen, kindlich, unfähig zugleich und bleibt äußerst darauf bedacht, niemals allzu zu sehr zu einer Seite zu kippen. Seine Flucht nach vorn endet in Diffusion und Grenzverwischung, in Nebelbomben, Wirrnissen und Hoffnungen, dass im Grunde alle im Kern doch gut sind, und unterscheidet deshalb deutlich von Dorothee Elmigers Die Holländerinnen, die ganz auf den Spuren der Opfer verbleibt. Mit anderen Worten, Kaleb Erdmann weicht seinem Gegenstand in Die Ausweichschule einfach aus, um keine Entscheidung treffen zu müssen. Er betäubt sich und betäubt andere mit sedierenden Sprachflausen und Wortornamenten, die in einem grauen Allerlei enden. Seine Hauptfigur hat einfach zu viel mit sich und ihrem Körper zu tun, als dass sie Kraft und Bewusstsein für den Schmerz anderer hätte. Roberto Bolaño geht in 2666 einen ganz anderen Weg:

Es war die erste Tote, die im März 1996 gefunden wurde, ein unheilvoller Monat, in dem noch fünf weitere Frauenleichen auftauchen sollten. Unter den sechs Polizisten, die am Tatort erschienen, befand sich auch Lalo Cura. Die Tote war ungefähr zehn Jahre alt. Ihre Größe betrug ein Meter siebenundzwanzig. Sie trug Schühchen aus durchsichtigem Plastik, die mit einer Metallschnalle geschlossen waren. Ihr Haar war kastanienbraun, der Teil, der ihr in die Stirn hing, etwas heller, als hätte sie ihn gefärbt. An ihrem Körper wurden acht Stichwunden gezählt, drei davon in Höhe des Herzens.
Roberto Bolaño aus: „2666“

Bolaño verliert nie die Opfer aus den Augen, beschreibt sie, stellt sie in den Vordergrund seines literarischen Schaffens, wenn er bspw. die Handlung seines Romans jäh unterbricht, um die Fälle und das Schicksal von 112 Frauen aufzuzählen, die Opfer von Gewalttaten in Santa Teresa wurden. Es wäre schön gewesen, wenn zumindest 16 in Die Ausweichschule Platz gefunden hätten, aber scheinbar war das Morgenfrühstück eines Massenmörders oder sein „cooler“ Gang zum Tatort doch interessanter.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

In den folgenden Wochen stelle auf Kommunikatives Lesen die Shortlist des Deutschen Buchpreises vor. Bislang erschienen:

Dorothee Elmiger: „Die Holländerinnen“ [9. September]
Christine Wunnicke: „Wachs“ [16. September]
Jehona Kicaj: „ë“ [23. September]
Thomas Melle: „Haus zur Sonne“ [28. September]
Fiona Sironic: „Am Samstag gehen die Mädchen …“ [3. Oktober]
Kaleb Erdmann: „Die Ausweichschule“ [8. Oktober]

Am 12. Oktober 2025 werde ich dann meine Prognose und mein Fazit zum Buchpreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 2025 ziehen. Hier finden sich die Fazits der jeweilig letzten Jahre: 20242023 und 2022.

Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

6 Antworten auf „Kaleb Erdmann: „Die Ausweichschule““

    1. Es ist ein sehr hilfloses Buch – völlig neben der Spur, als hätte der Ich-Erzähler überhaupt keinen Kompass, würde durch die Gegend driften und sich betroffen fühlen, von der Welt und seinem seltsamen Ich – es ist in diesem Sinne ein sehr harmloses Buch, das sehr nahe an einem Tagebuch ist, also eine Privatsprachenäußerung. Ich habe mich wirklich bemüht, etwas aus diesem Text herauszuholen. Vielleicht als schönes Resultat: ich werde demnächst wieder Bolano lesen 🙂 Viele Grüße und Danke für den Kommentar!

      1. Mein Kommentar war auf keinen Fall Kritik an deiner Kritik! Man merkt dein Bemühen um positive oder zumindest moderate Worte 🙂 Ich hab auch gleich an ein Tagebuch gedacht und auch, dass, wenn er sich vielleicht noch ein bisschen länger Zeit gelassen hätte, er eventuell den Zugang zu der Geschichte gefunden hätte, die er eigentlich schreiben wollte. Manchmal dauerts eben, bis die anfängliche Idee sich in ihrer Gänze zeigt. Aber kann mir auch gut vorstellen, dass es ein immenser Druck ist, wenn man so schnell so erfolgreich ist und am besten schnellschnell den Erfolg wiederholen will.

      2. Danke, habe ich auch nicht so verstanden. War Erdmanns erstes Buch so erfolgreich. Ich kenne das gar nicht, hast du es gelesen? Es ist ein sehr generischer Werdegang, habe ich das Gefühl. Ich denke auch, dass oft zu viel Druck auf dem Schreiben liegt, statt es langsam sich entfalten zu lassen. Viele Grüße!

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