
Gewalt und Brutalität als Stoff fordern die literarischen Darstellungsweisen heraus. Allzu schnell bedienen sie verklausulierte Rechtfertigungen oder gewähren, unfreiwillig, sogar voyeuristische Sensationslust. Das Erzählen selbst problematisiert und reflektiert und unterwandert sich in solchen Romanen oft, wie bspw. in Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten oder Gier, Roberto Bolaño in 2666 oder auch Fernanda Melchor in Paradais. In den genannten Romanen wird hauptsächlich die Gewalt gegen Frauen verarbeitet. Dorothee Elmiger setzt diese literarische Linie mit Die Holländerinnen fort. In diesem Roman spricht eine Autorin über die Unmöglichkeit, weiterzuschreiben. Hierzu berichtet sie von einem Theaterprojekt in Mittelamerika, in welchem das Verschwinden zweier Touristinnen dramaturgisch bearbeitet wird:
Man müsse [die Bewegung der Dunkelheit, die Nachtschwärze] alles, sagt sie, im Kontext der ‚Holländerinnen‘ betrachten, man müsse alles, was nun folge, den Terror der Nächte, die schonungslosen Tage, vor dem Hintergrund dieser Geschichte verstehen, die der Theatermacher für sein Stück noch einmal hervorgeholt und ans Licht geschleift habe, weil er darin, so seine Erklärung, etwas in Bilder gefasst oder in diesen Bildern enthüllt finde, das er aber nicht ‚sagen‘ könne, das sich grundsätzlich nicht sagen lasse, ‚das letzte Reale‘ vielleicht, mit Lacan gesprochen, ‚das Angst-objekt par excellence’.
Dorothee Elmiger: „Die Holländerinnen“
Inhalt/Plot:
Der äußerst verdichtete, von der Länge her, sehr kurz gefasste Roman gibt einer namenlos bleibenden, in der Gegenwart erfolgreich publizierte Autorin das Wort, die von ihrer Reise nach Mittelamerika und den Anekdoten und Begebenheiten berichtet, die sie dort miterlebt und mitgehört hat. In fast allen Episoden lauert subkutan oder äußerst expressiv die Gewalt und das Bedrohungsszenario für Frauen in einer Welt, in der sie erbarmungslos als Objekt der Begierde angesehen, verfolgt und behandelt werden. Das Verschwinden der Holländerinnen steht in einem weitumfassenden, im Text von Elmiger oft selbst philosophisch-kulturanthropologisch unterfütterten Reflexionsbogen, ohne jedoch die Fabel Verbrechen aus den Augen zu verlieren:
Sie erinnere sich daran, sagt sie, wie sie in ihrer Bedrängnis irgendwann mit sich selbst zu sprechen angefangen, wie sie sich zugeredet habe, beschwörend geradezu, und wie ihr dann, obwohl sie im Grunde keinerlei religiöse Gefühle hege und auch nie gehegt habe, die Zeilen eines zweiten Psalms eingefallen seien, die sie eine Woche zuvor, auf der Hinreise, in einer Toilettenkabine am Rand der Überlandstraße entziffert habe — no temerás el terror nocturno, von Hand auf die schmutzige Wand gekritzelt, du wirst den Schrecken der Nacht nicht fürchten —, und so, irr murmelnd und monologisierend, Zaubersprüche flüsternd, habe sie sich durchs Dickicht gekämpft, als hätte nur dieses magische Sprechen sie retten, als hätte sie nur so verhindern können, dass sie sich ganz abhandenkäme.
Eigentliches Thema nämlich von Die Holländerinnen erscheint der allzu nahe, zum Sprung bereite Dschungel der Alltagswelt, der Kollege, der Partner, aber auch der Wald, die Natur mit ihren Raub- und Nachtieren. Die Autorin beschreibt eine Reise in das Herz der Finsternis der Welt, das bereits Joseph Conrad zum Gegenstand erhoben hat, nur nicht in Südamerika, sondern im kolonialisierten Afrika, aber mit ähnlichen verstörenden, durch Nachtschatten und Schemen verzerrte, den Plot unterbrechenden Erzählfragmenten. Freud beschreibt in Das Unheimliche diesen Dschungel als das einst Heimische, Altvertraute, das in der tief eingeschriebenen Erinnerung an etwas Verdrängtes rührt:
Zweitens, wenn dies wirklich die geheime Natur des Unheimlichen ist, so verstehen wir, daß der Sprachgebrauch das Heimliche in seinen Gegensatz, das Unheimliche übergehen läßt, denn dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung entfremdet worden ist. Die Beziehung auf die Verdrängung erhellt uns jetzt auch die Schellingsche Definition, das Unheimliche sei etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist.
Sigmund Freud: „Das Unheimliche“
Hier besteht es darin, dass die Gewalt gegen Frauen als ein allgegenwärtiges Bedrohungsszenario verdrängt wird, aber stets in verstörenden Augenblicken als Möglichkeit auftritt, zumal und gerade im Kunst- und Kulturbereich, also in hochzivilisatorischen Zusammenhängen, die sich offensichtlich und, plötzlich nur scheinbar, weit entfernt von der Barbarei der physisch-ungebremsten Triebe befinden. In Anekdoten tauchen in Die Holländerinnen diese Beispiele erzählerisch auf, bspw. als ein Schauspieler, sich in seiner Ehre gekränkt fühlend, einen Anschlag auf einen Theatermacher durchführt; Klaus Kinski seine Partnerin vor allen Leuten schlägt; oder ein Maler in einer Silvesternacht seine Freundin aus dem Nichts bedroht:
Sie habe in jener Nacht, der Silvesternacht, gespürt, dass etwas in ihm vorgegangen sei, ohne aber den Finger darauf legen zu können, was es wirklich gewesen sei, und irgendwann habe sie ihn, mit ihrem Mund nah an seinem Ohr, gefragt, ob er müde sei und nach Hause gehen wolle, aber er müsse sie falsch verstanden oder ihre Frage anders gedeutet haben, als Stichelei oder Vorwurf, denn für einen Moment sei er ganz still geworden, wie sie da bei der Bar gestanden hätten, und dann habe er zu schreien begonnen, sein Gesicht kaum eine Handbreit von ihrem entfernt, you dumb bitch und so weiter, seine Augen pechschwarz, als handelte es sich bei seinem Körper um eine unbelebte Hülle, als könnte sie durch seine Augen mit einem Mal ins kalte, menschenleere All hinausblicken.
Wie Melchor in Paradais, oder Jelinek in Gier, aber auch Conrad in Herz der Finsternis beschreibt Elmiger, wie die Gewalt überall hervorzubrechen droht. Gewalt, so die Autorin, zieht sich durch den Alltag, durch Reisen, durch die Kunst hindurch, als perpetuierte, verdeckte Normalität, die sich, nackt angeschaut, komplett der Sprache entzieht. Die Holländerinnen nimmt einen real-dokumentierten Vorgang, das Verschwinden von Kris Kremers und Lisanne Froon im Jahr 2014, und verarbeitet ihn fiktional als Bedrohungszusammenhang, um den horror vacui der Gewalt sprachlich hervortreten zu lassen.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stil/Sprache/Form:
Dieses Hervortreten jedoch scheitert, denn das Sprechen selbst mindert den Schrecken. Die begriffliche Rekonstruktion nivelliert den Moment der Lücke, den das Verschwinden der Holländerinnen im Weltgewebe hinterlassen hat. Diesem Scheitern eingedenk nimmt die Autorin das Theaterprojekt zum Anlass über die Unmöglichkeit, weiterzuschreiben, zu berichten.
Selbstverständlich, sagt sie, könne man dies nun im Licht der gegenwärtigen Verhältnisse betrachten, Verhältnisse, die fraglos und im vielfachen Sinne schlecht, ja tödlich seien, man könnte sagen, der Text selbst verweigere sich unter dem Eindruck des rapiden Sterbens, und wenn alles so rasant auf sein unwiderrufliches Ende zuschlittere, erübrige sich der sinnhafte Text, erübrige sich der Hinweis auf das Schöne, das Mögliche und so fort, aber dies sei in ihren Augen eine allzu simple Auffassung, die auch von einer gewissen Hybris zeuge.
Der Roman ist aus der Sicht eines Auditoriums geschrieben, das die Rede der Autorin indirekt wiedergibt, die wiederum indirekt die Erzählungen ihrer Mitreisenden nacherzählt, so dass eine mehrfach in sich komplexifizierte Darstellungsweise die Folge ist, die eben die Ereignisse eher andeutet als nackt benennt. Diese Verwebung reflektiert die Unsicherheit über das, was geschehen ist (der Fall der Holländerinnen wurde bislang nicht aufgeklärt), und auch die Ungeklärtheit, inwiefern die Erzählungen einer Wahrheit entspringen oder einer Fabulation. Diese Unsicherheit selbst führt zu einem schriftstellerisch vollzogenen Scheitern, in einer rastlosen Rede, die an Thomas Bernhards Exzessivität gemahnt:
Jetzt, nach dieser Erläuterung, kann ich von der Lebensgefährtin des Schweizers, von der Perserin also, sprechen und wenigstens den Versuch machen, die Erinnerung an sie festzuhalten, wenn das auch nur bruchstückhaft und nur fehlerhaft und wie alles Geschriebene nicht im geringsten auf die vollständige und vollkommene Weise geschehen kann, nachdem so viele Ansätze dazu, die ich in der letzten Zeit unternommen habe, immer wieder gescheitert sind. Aber alles zu Schreibende muß immer wieder von vorne angefangen und immer wieder aufs neue versucht werden, bis es wenigstens einmal annähernd, wenn auch niemals zufriedenstellend glückt. Und ist es noch so aussichtslos und ist es noch so fürchterlich und so hoffnungslos, es sollte doch immer wieder, wenn wir einen Gegenstand haben, der uns immer wieder und immer wieder mit der größten Hartnäckigkeit peinigt und nicht mehr in Ruhe läßt, probiert werden.
Thomas Bernhard aus: „Ja“
Im Gegensatz aber zu Bernhards Monomanie besticht Elmigers Die Holländerinnen durch sanftere Töne dadurch, dass sie in dritter Person und die Ereignisse ausschließlich als indirekte Rede erzählt. Bernhard verwendete indirekte Rede zwar ebenfalls oft, meist aber aus der Ich-Erzählung heraus. Elmiger wahrt die Distanz. Sie rückt den Geschehnissen nicht auf den Pelz. Sie will tatsächlich das Unheimliche bestehen lassen, weiß aber, dass selbst darin das Grauen ein wenig gemindert wird.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Trotz Ähnlichkeiten besitzt Elmigers Roman aber nicht den nihilistischen Verzweiflungston eines Bernhards und auch nicht die paraphrasiert-anekdotisch zersplitterte Diskurswut einer Elfriede Jelinek. In der Distanz, durch die Figurenrede konsequent umgesetzt, spinnt sich ein besänftigender Ton durch die Welt der Unheimlichkeit. Das Grauen erscheint gedämpft. Es bricht nicht brutal hervor. Es ist bereits, auf seine Weise, aus der Sicht der Erzählenden, vergangen.
Sie selbst habe es in den Wochen und Monaten, den Jahren danach unzureichend und unbeholfen als das »erratische, grundlose Wesen der Welt«, als »großen, leeren Gott«, das »klaftertiefe, abyssische Nichts« zu beschreiben versucht, aber der Horror, der Horror liege naturgemäß außerhalb der Sprache, ja, er sei, wenn man so wolle, ihr Gegenteil, ihr Ende, und sie müsse deshalb auch jetzt, in diesem Moment, noch einmal scheitern, wenn sie ihn zu formulieren, zu benennen versuche, könne ihn nur umkreisen wie ein schwarzes Loch, einen reißenden Strudel […]
Hier behauptet sich die Sprache in Distanz gegen die Intensität des Unmittelbaren. Das Irrationale wird weniger symbolisiert als diffusioniert. Es erscheint, durch Worte, verdinglicht als ein überwindbares und endliches Gegenüber. Elmiger, die Theodor W. Adorno und Max Horkheimer im Roman selbst zitiert, übernimmt einen Aspekt des literarischen Trostes, das jene in der Dialektik der Aufklärung wie folgt verorten:
Als Bürger, der der Hinrichtung nachsinnt, tröstet Homer sich und die Zuhörer, die eigentlich Leser sind, mit der gesicherten Feststellung, daß [das Sterben der Mägde] nicht lange währte, ein Augenblick und alles war vorüber. […] Als Echo bleibt vom »Nicht lange« nichts zurück als das Quo usque tandem [Wie lange noch], das die späteren Rhetoren nichtsahnend entweihten, indem sie die Geduld sich selber zusprachen. Hoffnung aber knüpft sich im Bericht von der Untat daran, daß es schon lange her ist. Für die Verstrickung von Urzeit, Barbarei und Kultur hat Homer die tröstende Hand im Eingedenken von Es war einmal. Erst als Roman geht das Epos ins Märchen über.
Theodor W. Adorno u. Max Horkheimer aus: „Dialektik der Aufklärung“
Adorno und Horkheimer sehen im epischen Nacherzählen des Grauens eine Art Rettung, die eben das Dargestellte nicht erklärt oder mit Sachzusammenhängen verklärt, sondern als Bericht hervortreten lässt. Erst der Roman verwandelt, durch Sinngebung und Motivationsstruktur, das Geschehen zu einem Gruseligen und maskiert es als phantasmatisches Märchen. Elmiger, beinahe als Antwort, hebt in Die Holländerinnen das Epische im Roman auf, indem sie in indirekter Rede verweilt, also dem Mündlichen nahebleibt. Ihr Bericht bleibt distanziert und doch nahe dran. Es lässt die Rätsel zu, und so belässt Elmigers Prosa sogar dem Denken Raum für die Utopie:
Erst spät, nachdem sie das Auditorium längst verlassen hat, sieht sie an jenem Abend eine Folge überbelichteter Bilder, als erinnerte sie sich an einen lange verschütteten Traum: Sie verlässt die Landungsstelle zu Fuß. Es muss kurz vor Mittag sein, als der Himmel unerwartet aufreißt und die Sonne als weiß glühender Ball am Zenit steht. […] Ein Taumel befällt sie, ihr Gang verliert an Sicherheit. Mit schwindligen Augen sucht sie torkelnd den Himmel ab, als käme etwas von dort auf sie herunter. Dann sieht sie, wie sich weit vor ihnen eine schimmernde Öffnung in der Luft anzeigt, ein Riss, ein Spalt, ein flimmerndes, instabiles Portal.
Wie unwahrscheinlich auch immer, Elmigers Roman Die Holländerinnen springt, verdichtet, konsequent deliriert, aus einer mechanischen Dialektik der Aufklärung als Gewaltzusammenhang hinaus. Er öffnet sich, indem er sich der Unsicherheit preisgibt, denn nicht alles, was möglich ist, ist bereits denkbar, und nicht alles, was denkbar ist, ist bereits erschienen.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Nächste Woche am 16.09.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich von Christine Wunnicke Wachs vorstellen, einen weiteren Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025.
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.


Danke! wie immer: für die Rezension! Ich bin auf ne Art fern des Deutschen Buchpreises und auch der Shortlist, umso lieber lese ich hier! (sorry für die vielen Ausrufezeichen. In echt neige ich eher zu Nicht-Ausrufen)
„Die Hollaenderinnen“ berühren die uralte (Homeros) Polaritaet zwischen Erzaehlen und Schweigen.
„Worüber man nicht reden (schreiben kann…“ versus:
„Nur was erzehlt wird, hat sich ereignet…“
Grüsse! Thomas
Ja, du hast es sehr genau beschrieben, aber mittlerweile sind radikale Erzählversuche selten, die sich ins Unbestimmbare wagen – Holländerinnen hat das getan. Ich kann es sehr empfehlen. Der ganze theoretische Unterbau ist auch gar nicht nötig. Die Poesie schwingt. Einen schönen Wochenstart dir und Danke für den Kommentar! Schon mal was von Elmiger gelesen? Gruß
Elmiger ist völlig neu für mich! Gruss!
Für mich auch 😀
werd mir „Die Hollaenderinnen“ mitbringen lassen
„Die Hollaenderinnen“ kommt am 22.11.!
Lieber Alexander, habe Deine Rezension vorher UND nachher gelesen!
Wow! „Die Hollaenderinnen“!
Der Dschungel Panamas von einer Appenzellerin beschrieben (naja, kommen ja wenigstens Geissen darin vor)!
Schweizerinnen und Schweizer haben wohl ein besonderes Verhaeltnis zur Indirektheit. Mir sind die Künstlerin Sophie Taeuber und der Roman „In Trubschachen“ von E.Y.Meyer eingefallen (dieser ist ja zur Gaenze im Konjunktiv geschrieben)
Aber Elmiger hat mir, obwohl ja alles als ein Vortrag verfasst ist, fast Alptraeume beschert. Tolles Buch. Wichtig auch dass (wie Du ja schreibst) Adornos Dialektik der Aufklaerung und Benjamins Leskow-Text (der ja vom Erzaehlen handelt) erwaehnt werden.
(Elmigers wohl erstes Buch „Einadung an die Waghalsigen“ ist übrigens auf Türkisch erhaeltlich. Wir haben es uns besorgt.)
Ich werde auch noch anderes von Elmiger lesen. „Einladung an die Waghalsigen“ wirkt erst einmal erfreulich-waghalsig 😀