Baise-Moi – Fick mich von Virginie Despentes (Rezension)

Baise-Moi – Fick mich von Virginie Despentes.

Roadmovie inkohärent zurückübersetzt – holprig ratternd nichtssagend.

Inhalt: 1/5 Sterne (spannungslose Racheexzess)
Form: 1/5 Sterne (detaillos)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (inkohärent-auktorial)
Komposition: 1/5 Sterne (keine)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (belanglos)

1994 kam Virginie Despentes‘ Baise-moi und Michel Houellebecqs Ausweitung der Kampfzone heraus. Beide thematisieren explizit Sex und Gewalt. Sie gehen jedoch unterschiedlich damit um. Betreibt Houellebecq eine Form von revanchistischem Selbstmitleid, geht Despentes mit Baise-moi schonungslos in die Offensive. Ihre Protagonistinnen, Nadine, die Dicke, und Manu, die Kleine, veranstalten ein Blutbad:

Sie verzieht den Mund: «Alle gleich. Vor allem in diesem Stadium. Nur’n Stück Fleisch, so’n Mensch …»
«Von wegen alle gleich, die da haben doch wohl ganz besonders eklige Fressen, wie Streifenbullen oder so. Der Typ grantiger Rassist, aggressiv und gefährlich. Was wir hier veranstalten, sind Blutbäder fürs Allgemeinwohl.»
Als sie das Geschäft verlassen wollen, bemerken sie, dass sich vor dem Schaufenster Leute versammelt haben. Manu geht mit erhobener Knarre nach draußen, jagt die Schaulustigen auseinander und schreit: «Haut ab, ihr Arschlöcher.»

Das Problem an Baise-moi ist nicht der Inhalt, der Racheexzess, die Frustration, die sich bei den Protagonistinnen entlädt, wiewohl das ungerichtete Morden beliebiger Menschen tatsächlich Grauen einflößt. Nein, das Problem mit dem Text ist, dass er unausgegoren, unentschieden erzählt, hinskizziert und unausgearbeitet geblieben ist:

Burgorg, Camels Bewährungshelfer, wohnt in einem Mittelklasse-Wohnviertel. Ganz schön heavy. Wirklich ganz schön heavy. Auf der Fahrt versucht Manu, sich an den Gingeschmack zu gewöhnen. Auch ganz schön heavy, volle Kanne. Das Taxi setzt sie genau vor seiner Haustür ab. Während der gesamten Fahrt hat der Fahrer kein einziges Wort mit ihr gesprochen.

Es bleibt völlig unklar, wieso Camel ein Bewährungshelfer besitzt, noch was an dem Mittelklasse-Wohnviertel „ganz schön heavy“ sein könnte, noch was relevant am dem wortkargen Taxifahrer gewesen sein soll. Der Text trägt sich nicht. Er hält die Spannung nicht aufrecht. Er lebt vom Tabubruch, das Gemetzel an Normalos darzustellen. Die Ironie, dass der Architekt als das mehr oder weniger dahingemetzelte Bildungsbürgertum und Publikum selbst inszeniert und adressiert wird, hilft nicht über den trostlosen Eindruck hinweg, dass der Text schludrig, gewollt nachlässig, ja tatsächlich, hingerotzt wirkt.

Sie weiß gar nicht genau, ob sie es laut gesagt oder nur gedacht hat. Eigentlich ist sie echt fertig. Es wird gerade erst dunkel. Im Sommer sind die Tage wirklich lang. In einer Kneipe sucht sie im Telefonbuch nach «Burgorg». Sie notiert sich die Adresse. Sie weiß nicht genau, wo das sein soll.

Weil die Beschreibung nicht trägt, sind die Tage „wirklich“ lang und sie ist „echt“ fertig und passt danach auch wirklich „total“ auf. Als dadaistische Intervention oder Öffentlichkeitsarbeit, vielleicht, als Theater- oder Filmstück, um auf die Leute einzudreschen, allenthalben, als Text jedoch erschafft Baise-moi weder Figuren noch Atmosphäre und bleibt trist, zerrüttet, verkrampft bis zuletzt, so hart an der eigenen Message gekettet, dass der Sprache die Luft ausgeht. Elfriede Jelinek treibt ein ähnliches Spiel, aber mit subversiven Methoden, die den Text erweitern wie in Die Kinder der Toten und in der Erweiterung des Vorstellbaren das Fürchten lehren. Despenstes Baise-moi bleibt plakativ bei dem immer Selben und tritt ausgelatschte Pfade aus, ganz wie ihr dunkler Bruder Michel.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Hauptfiguren: Manu, die Kleine, deren großer Bruder sich erhängt haben soll, hängt mit Dealern und Kriminellen ab. Nadine, die Dicke, deren Kumpel Francis in der Klemme steckt, hört gerne Musik über einen Walkman und schaut gerne Pornofilme an, verdient ihr Geld als Prostituierte.
● Kurzzusammenfassung: Manu, nach einer Vergewaltigung, rastet aus; Nadine nach ihrer Runde als Prostituierte ebenfalls. Beide bringen jemandem um, fahren dann zu ihren nächsten Bekannten: Manu zur Mutter, die im Urlaub ist; Nadine zu Francis, der aber stirbt, jedoch einen Auftrag für sie hat. Manu und Nadine treffen sich am Bahnhof. Manu entführt Nadine. Sie beginnen eine Bonny-and-Cylde-Tour. Sie wollen den Auftrag von Francis vollenden. Sie bringen viele Leute um. Manu stirbt. Nadine wird gefangengenommen.
● Zusammenfassung/Inhaltsangabe: 1. Teil) Nadine kommt mit ihrer Mitbewohnerin nicht klar, säuft und zieht sich Pornofilme rein; Manus großer Bruder soll sich umgebracht haben. Beide ziehen los. Nadine, um sich zu prostituieren und sich einen neuen Kopfhörer für den Walkman zu kaufen; Manu, um sich volllaufen zu lassen. Manu und ihre Freundin Karla werden brutal vergewaltigt. Karla wird über den Haufen gefahren, Manu kommt gerade noch so davon. Nadine geht zu dem alten Kerl, fährt nach Hause und erwürgt ihre Mitbewohnerin, weil diese sie nervt, fährt los, um Francis zu helfen, der jemanden umgebracht haben soll. Manu völlig fertig schleppt sich nach Hause, trinkt, zieht los, um sich mehr zu kaufen, bricht bei Lakim ein, klaut eine Knarre, hört, dass Radouan von Moustaf und seiner Bande mit Schwefelsäure verletzt wurde, fährt zu Moustaf und knallt ihn über den Haufen. Sie fährt zum Bewährungshelfer von ihrem älteren Bruder Camel, Burgorg, erschießt ihn und dessen Frau. Nadine gibt Francis das Versprechen, einer gewissen Noelle, einen Umschlag in Nancy am 13. Juni zu geben. Francis geht beim Versuch, sich aus der Apotheke Drogen zu holen, drauf. Nadine zieht Richtung Bahnhof los. Manu bei ihrer Mutter trifft Nadine und zwingt diese mit der Knarre sie in die Bretagne zu fahren. Nadine willigt ein. 2. Teil) Nadine erkennt Manu aus einem Pornofilm. Sie freunden sich an. In Brest beschließen sie erstmal zusammenzubleiben, zumindest bis sie den Umschlag Noelle gegeben haben, für Francis. Sie machen einen drauf, schlafen mit zwei Typen: Töten eine Frau am Bankautomaten, töten einen Range Rover-Besitzer, fahren nach Bordeaux, rauben einen Waffenladen aus, töten den Besitzer: „Blutbad fürs Allgemeinwohl“, töten einen kleinen Jungen und die Mutter im Kuchenladen, erschießen Polizisten, die eine Araberin filzen, Fatima. Sie fahren zu ihr, treffen dort Tarek, ihren Bruder. Fatima erzählt von einem reichen Architekten, den die beiden ausrauben sollen, unterdessen sie den Umschlag Noelle bringen. Sie fahren zum Architekten, auf dem Weg treiben sie es mit einem Schmerbäuchigen, bringen ihn dann um, als er einen Kondom benutzen will. Der Architekt fällt auf ihre Meinungsinstitut-Finte herein. Sie lassen ihn den Safe öffnen, bringen ihn um, pissen ihn an, schauen einen Pornofilm und masturbieren besoffen. Auf dem Weg nach Nancy überfällt Manu einen Lebensmittelladen und wird abgeknallt, Nadine knallt den Besitzer ab und verbrennt Manus Leiche an der Küste. 3. Teil) Nadine trifft Fatima und Tarek, die Noelle nicht angetroffen haben. Sie fahren ins Hotel. Tarek schläft mit Nadine. Sie schleicht sich am Morgen hinaus, geht in die Stadt, will sich dort umbringen und wird geschnappt.
… es gibt keinen Spannungsbogen und kein Interesse, das sich intensiviert. Lose Abfolgen von Gewaltszenen und Gewaltexzessen, die keine Dramaturgie besitzen. Als Darstellung distanziert, nicht voyeuristisch, aber als Plot unspannend, denn es wird nicht ausgeführt, warum Francis‘ Auftrag wichtig ist, noch was in dem Umschlag ist, noch wer Noelle ist. Völlig an den Haaren herbeigezogen sind Tarek und Fatima – insbesondere die Skurrilität, dass Fatima mit ihrem Vater mit elf Sex haben wollte. Manu irgendwie neidisch … auch keine Verfolgungsjagden, keine Weltverbundenheit, auch kein Exzess in den Szenen selbst. Völlig abstrakt, konstruiert, leblos. –> 1 Stern

Form: Die Sprache besitzt keine Eigenheiten, keinen Stil, keinen Anspruch. Sie entstammt direkt dem Groschenroman-Jargon, kurz, verkürzt, noch kürzer und einfach, ohne jede Beschreibungstiefe. Erscheint eher als Drehbuchskizze. –> 1 Stern

Erzählstimme: Völlig inkonsistente Erzählstimme, nämlich die einer Regisseurin, die ihre Figuren wie Marionetten durch Frankreich schleift und darüber entscheidet, was sie fühlen und denken. Keine Reflexion möglich, da in Präsens und nicht in der Ich-Perspektive erzählt, d.h. abstrakte, über den Dingen hängende Ich-Instanz. Wer entscheidet, was gesehen, gefühlt, gedacht wird. Weder reiner Blick von außen, Verfolgerperspektive, Voyeur; noch Innenperspektive, inkohärent bis zuletzt, und auch noch unzuverlässig, Kommentare relativierend. –> 1 Stern

Komposition: Keine. Lose Erzählung, Gewaltszene, verknüpft durch das Letzte, was sie mit der Gesellschaft verbindet, den Umschlag zu Noelle (Weihnachten, ein Geschenk) zu bringen. Ein wildgewordener Schelmenroman. –> 1 Stern

Leseerlebnis: Gelangweilt von der Obszönität, angeekelt. Die Figuren ließen sich gar nicht unterscheiden, die Dicke, die Kleine, beide saufen, beide ziehen sich Drogen rein, beide wollen Menschen umbringen, alle, nicht nur die, die ihnen Leid zugefügt haben. Völlig unübersichtlich und beliebig. Einfacher Gewaltexzess ohne Sinn und Verstand. Interessant nur, dass die Form keinerlei Voyeurismus zulässt, vor allem nicht durch die sprunghaften Perspektiven, den inkohärenten Blick. –> 1 Stern