Lange, über etliche Hunderte Seiten sich erstreckende Erzählungen, also Romane, entstehen in der Zeit der zunehmenden Privatisierung und Atomisierung der Gesellschaft hin zu individuellen Sozialräumen. Walter Benjamin nannte diese Entwicklung in Erfahrung und Armut eine Form von narrativer Entwertung, denn das Erzählen selbst wurde zunehmend unpersönlicher und selbstbezogener. Mercier, bekannt durch seinen Roman Nachtzug nach Lissabon und Perlmanns Schweigen, hingegen beruft sich implizit auf diese ältere Form des Erzählens und setzt dies in seinem posthum erschienen Der Fluss der Zeit, einer Erzählsammlung fort:
Ich schreckte aus einem leichten Schlaf auf. Es war drei Uhr. Alle Fenster in der Gasse waren dunkel. Ich nahm mein Notizbuch aus dem Koffer, setzte mich an den Tisch und begann, die Stationen meines Lebens aufzuschreiben. Was war wann geschehen? Was für Spuren hatte es in mir hinterlassen? Es gab längere Abschnitte, von denen ich überhaupt nichts mehr zu wissen schien. Dass es solche Lücken des Erinnerns gab, wusste ich natürlich, das würde bei jedem so sein. Doch jetzt, an dem Tisch, an dem ich vor vierzig Jahren meine Referate geschrieben hatte, geriet ich über das Vergessen in Panik. Mir war, als hätte ich mich verloren, noch dazu, ohne es bemerkt zu haben.
Pascal Mercier aus: „Der Fluss der Zeit“
Inhalt/Plot:
Der schmale Band besteht aus fünf Erzählungen, die sich allesamt durch eine melancholische, sehr ruhige, fast sentimentale Erzählweise auszeichnen. Der Fluss der Zeit wird eröffnet mit der Erzählung Die Übergabe, in der ein Ehepaar das Haus eines Restaurators übernimmt, dessen Tochter kein Interesse an der Weiterführung des Familienunternehmens und -erbes besitzt und das Haus, in welchem er aufgewachsen und sein ganzes Leben lang gelebt hat, dem fremden Ehepaar übergibt. Hier speichern die Räumlichkeiten die Zeit auf, die Dauer und Spanne des Lebens von Karl Prager, der vom Verkauf direkt ins Pflegeheim ziehen wird.
In den drei vergangenen Stunden, in denen er uns durch das Haus geführt hatte, konnte man an Prager noch eine Art Spannung spüren, eine kleine Zukunft. Jetzt, als er mitten in seinem aufgeräumten, leblos wirkenden Atelier stand, war alles an ihm erloschen. Er war ein eher kleiner Mann. Jetzt schien er noch ein bisschen kleiner als vorhin.
Die Schwierigkeit, sich von seinem Zuhause zu trennen, das sein eigenes Kind nicht der Mühe wertbefindet, lastet schwer auf Prager und lässt die Übergabe auch etwas belastend für das Ehepaar werden. In der zweiten Erzählung Die Wohnung schenkt ein, durch ein Erbe, reich gewordenes Ehepaar einem in Schwierigkeiten steckenden Pianisten namens Luca Gaspari eine Wohnung, mit der Folge, dass das Verhältnis zwischen ihnen spürbar problematisch wird. Die anfängliche Dankbarkeit wandelt sich in passiv-aggressive Abwehr und sucht nach Ventilfunktionen. In dieser Erzählung steht also die nicht antizipierbaren moralischen Verwicklungen der Zukunft im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Es gab Momente der Befangenheit, wenn von der Wohnung die Rede war, aber das würde sich geben, wenn sie einmal ganz ihm gehörte. Dachten wir. Doch da war es erst noch ein Plan, ein Vorhaben, eine Zukunft, noch keine Tatsache. Es war noch nicht passiert. Nun war es passiert. Jetzt war es ein Faktum, dass die Wohnung ihm gehörte. Das schien mit einem Schlag alles geändert zu haben, ohne dass wir es hatten kommen sehen.
Die Entscheidungen der Gegenwart bilden Anschlussreaktionen in der Zukunft, die die Gegenwart zur abgeschlossenen Vergangenheit werden lassen. In Warten auf den Befund, der dritten Erzählung, bildet ein ähnliches, problematisches Verhältnis zur Zukunft die Erzählfiber. Jan Winter lebt getrennt von seiner Frau, hat zwei erwachsene Kinder und geht wegen anhaltenden Hustens zum Arzt. Jahrelang hat er geraucht. Nun, nachdem er aufgehört hat, hat sich dieser Husten eingestellt, und der Arzt verordnet eine Bronchoskopie. Leider benötigt das Labor einige Tage, um ihm das Ergebnis mitzuteilen, und in diesen Tagen verliert Winter jedwede Lebensfreude und Leichtigkeit wegen des über ihm hängenden Damoklesschwert des Befundes. Um sich abzulenken, reist er mit seiner Frau Jeanne nach Paris:
»Eigentlich schade, dass wir morgen schon zurückfahren«, sagte Jeanne. In diesem Moment geriet Winter in Panik. Nach Montag kam schon Dienstag, der Tag des Befunds. Plötzlich ging ihm alles zu schnell. So bald wollte er es nicht wissen. Bisher waren diese Tage etwas gewesen, was man überbrücken und hinter sich bringen musste, um möglichst bald Gewissheit zu haben. Jetzt auf einmal kam ihm die Zeit bis Dienstag wie ein Schutz vor, wie ein Bollwerk vor der Gewissheit, und das Bollwerk wurde mit jeder Stunde weniger.
Hier stellt sich ein ambivalentes Zeitempfinden ein. Erst mag Winter gar nicht schnell genug den Befund hören. Je näher aber letztlich der Termin rückt, desto mehr wünscht er sich, die Zeit würde immer langsamer, ja gar nicht vergehen. Die vierte Geschichte, Tödlicher Lärm, fällt aus dem Zeitkonzept heraus. Ein Nachbar bezeugt den Selbstmord eines Mannes und verbringt mit der traumatisierten Ehefrau des Nachbarn einen Tag. Statt der Zeit spielt die Lärmempfindlichkeit des Mannes eine Rolle, die zu einem problematischen Verhältnis zum Stiefsohn führt. In Noch einmal die Mansarde jedoch kehrt der Erzählband zu seinem Grundthema zurück. Ein Linguist verbringt während einer Konferenz einen Tag in der Stadt, in der er als Student gewohnt hat.
Ich klingelte bei Schweikerts [den ehemaligen Vermietern]. Der Türsummer ging, und ich trat ins Treppenhaus. Vor vierzig Jahren war ich diese Treppen das letzte Mal hochgestiegen, manchmal mit einem Eimer voller Briketts für den Kohleofen, die ich im Hof des Nachbarhauses gekauft hatte. Ich blieb auf einem Treppenabsatz stehen und dachte immer wieder: vierzig Jahre. Es kam mir vor, als spürte ich das erste Mal so richtig, was das war: Zeit.
Das Treffen mit den Schweikerts führt dazu, dass der Ich-Erzähler, Clemens Comelius, der sich mit CC vorstellt, eine Nacht in seinem ehemaligen Zimmer verbringt und in Nostalgie mit dem Schwinden der Vergangenheit in sich ringt. Insgesamt verbleibt der Ton insgesamt nüchtern und freundlich, erinnert an einen Cees Nooteboom oder John Williams in Stoner oder auch Han Kang in Griechischstunden, vor allem aber jedoch durch die somnambul anmutende stoische Erzählweise Alan Lightmans Albert Einstein-Improvisationen Und immer wieder die Zeit.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stil/Sprache/Form:
Schon in Nachtzug nach Lissabon, dem erfolgreichsten Titel von Peter Bieri, alias Pascal Mercier, wählt er eine sehr nachdenkliche, bescheidene, geradezu zurückhaltende Erzählweise. Seine Sprache zeichnet sich durch Klarheit, Einfachheit und Direktheit aus. Erzählt wird geradeheraus zum Punkt hin. Abschweifungen erlaubt sich die Erzählinstanz nicht. Auch lange Beschreibungen werden nicht gewählt. Im Vordergrund steht das Zwischenmenschliche, das gegenseitige ins Auge Sehen beim Erzählen, die weder das eigene Wissen noch das des Gegenübers unter- oder überschätzt. Mercier bleibt mit seiner Sprache auf Tuchfühlung mit den Dingen:
Langsam ging ich durch die Straßen von damals. Wenn es keine Veranstaltungen gab, waren die Abende manchmal lang gewesen, auch die Wochenenden, und dann war ich hier entlanggegangen. Meine Lehrer am Gymnasium hatten mir Heidelberg empfohlen. Ich sog alles auf, was ich hörte, die Notizbücher füllten sich. »Sprachliche Zeichen, Wörter — sie sind das Mysterium des Geistes«, pflegte der Deutschlehrer zu sagen.
Hier klingt Sprachfremdheit wie zugleich Sprachvertrauen an, eine Art, in der Sprache zu treiben und in ihr zu leben, ohne sie in sich poetisch wecken zu wollen, so dass sie einer Traumwelt nahekommt, die in einer Art Unbewusstheit das Erzählen vor der Entfremdung zu schützen, vor dem Überladen-Werden mit Erklärungen und Zusammenhängen, mit Überlagerungen und Missverständnissen zu bewahren sucht. Walter Benjamin fasst es in Erfahrung und Armut wie folgt:
Wo ist [das Erzählen] hin? Wer trifft noch auf Leute, die rechtschaffen etwas erzählen können? Wo kommen von Sterbenden heute noch so haltbare Worte, die wie ein Ring von Geschlecht zu Geschlecht wandern? Wem springt heute noch ein Sprichwort hilfreich zur Seite? Wer wird auch nur versuchen, mit der Jugend unter Hinweis auf seine Erfahrung fertig zu werden?
Walter Benjamin aus: „Erfahrung und Armut“
Bei aller Bescheidenheit jedoch und erzählerischer Intensität fehlt bei Mercier oft die Fabel, das Erkenntnisreiche, oder, wie Goethe sagen würde, die Novellität des Berichteten. Die Erzählungen plätschern angenehm vor sich hin, gleichsam wie Tropfen an einem gemütlichen Regentag das Fenster herab träufeln, sich verbinden, auflösen, sammeln und irgendwann wieder verdunsten. Es ist nicht das Schlechteste, eine solche Erzählweise zu wählen, auch wenn sie oft versandet. In Der Fluss der Zeit bewahrt Mercier etwas vom Tradierten, großväterlichen Erzählen, das mehr auf die Präsenz der Stimme setzt als auf das Erzählten selbst.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Wie Salman Rushdie in seinem Erzählband Die elfte Stunde oder Ralf Rothmann in Museum der Einsamkeit stehen in Merciers Der Fluss der Zeit melancholische Männerfiguren im Fokus. Sie haben zumeist Halt und Sicherheit, ja das Sinngefüge verloren, treiben etwas ziellos zwischen den Zeiten, zu alt, um etwas Neues zu beginnen, zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen. Rastlos und erschöpft zugleich ahnen sie, dass noch nicht aller Tage Abend ist, der Morgen aber schon zu weit zurückliegt. Sie haben sich verzettelt. Paradebeispiel für diese Figur bleibt Christoph Heins Hans-Peter Dallow in Der Tangospieler:
[Dallow] langweilte sich. Er hatte gehofft, Bekannte zu treffen, doch schnell begriffen, daß es unmöglich war. Diese Bekannten gehörten zu seinem vergangenen Leben, er hatte nichts mehr mit ihnen zu tun, sie nichts mit ihm. Er war nicht in die Stadt zurückgekehrt, die er damals, vor zwei Jahren, verlassen hatte. Es war eine fremde Stadt mit für ihn fremden Menschen, und es gab für ihn, der nicht bereit war, an sein früheres Leben anzuknüpfen, keine Möglichkeit, in diese alte Stadt zurückzukehren.
Christoph Hein aus: „Der Tangospieler“
Genau diese Stimmung treibt auch Clemens Comelius um, als er in Heidelberg seiner längst vergangenen Studentenzeit nachspürt und in seinem alten Zimmer übernachtet, oder in eine alte Stammkneipe einkehrt, um sie nach nur kurzer Zeit wieder zu verlassen, zu fremd sind ihm die Dinge geworden. Statt nach Rügen im Falle von Dallow treibt es Clemens zwar nach San Francisco, beide jedoch merken, dass sie keine Kraft mehr zu einem Neubeginn haben. Bei Mercier klingt, mehr als bei Hein, noch etwas Schablonenhaftes hinein, nennt er doch seine Hauptfigur CC:
In der Tür des obersten Stocks stand Christa Schweikert, hinter ihr Werner. Hätte ich sie auf der Straße erkannt? Ich nahm die letzten Stufen und trat vor sie. »Sie sind doch nicht etwa …?«, sagte Christa. »Doch«, sagte ich. »Clemens, Comelius Clemens.« »CC«, sagte Werner aus dem Hintergrund, »wir haben Sie … wir haben dich CC genannt.« »Ich kann’s kaum glauben«, sagte Christa, »da steht nach all den Jahren plötzlich CC vor uns. Wie lange ist das jetzt her?« »Vierzig Jahre«, sagte ich, »fast vierzig Jahre, und ich kann’s auch kaum glauben.« »Kommen Sie … komm herein«, sagte Christa und ließ mich eintreten.
Hinter der Tür jedoch verbirgt sich nur Melancholie. CC, bekannt als Kürzel, stammt vom englischen Ausdruck „carbon copy“, was auf den Durchschlag hinweist, der früher mittels Kohlepapier bei Schriftstücken auf einer Schreibmaschine mitangefertigt wurde. Heutzutage gibt es, außer in der Referenzialisierung, keinen Unterschied mehr zwischen der Kopie und dem Original, und „carbon copy“ verweist zudem auch auf die Kohlenwasserstoffe, aus denen sich die Bausteine des Lebens zusammensetzen, weshalb im Englischen der Begriff auch für einen Klon, Zwilling, für Blaupausenähnlichkeit verwendet wird. Bei Mercier in Der Fluss der Zeit ergibt sich ein unheimliches Gefühl eines Schattenlebens, in allen fünf Erzählungen, eines Erzählens, das sich zurückhält, nicht nach vorn traut, im Hintergrund murmelt, berichtet, eine Art Zeugenwärterschaft antritt, ohne jedoch genau zu wissen wovon. Er schließt an, weiß aber nicht mehr woran, und so erzählt er althergebracht vor sich hin und gemahnt an eine Zeit, in der sich die Menschen noch mehr zu erzählen hatten und nicht drohten, sich nur als Kopie einer Kopie zu fühlen, als ein CC einer unverständlichen Nachricht.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Andere (mir bekannte) Rezensionen:
Leseschatz
Hier finden sich andere Kurzrezensionen zu aktuellen und älteren Titel.

Ach! Und wenn du die radikale Variante eines Schattenlebens lesen möchtest, wo es gar nichts mehr anzuschließen gibt, nicht mal Melancholie, musst du jetzt wohl doch nochmal Peter Weiss lesen „Der Schatten des Körpers des Kutschers“.
Klingt jedenfalls so, als würden die beiden Texte sich im Motiv treffen.
Ich mag keine Erzählungen oder Kurzgeschichten, insofern werde ich Mercier nicht lesen. Bin auch kein all zu großer Fan von Melancholie in Literatur. Insofern ist deine Rezension zwar informativ, aber kein Drängler mich zu diesem Buch zu verleiten 😏
Ich werde langsam wärmer mit Erzählungen – aber sie besitzen einfach nicht die Intensität wie Romane, insofern stimme ich da zu. „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ habe ich sehr düster in Erinnerung, eine Art mechanisches Slapstickstück, das mich sprachlich damals sehr beeindruckt hat. Ich hab es nur noch als Atmosphäre in Erinnerung. Die Schattenseite als Motiv könnte tatsächlich passen. Ich lese noch mal rein. Im Gegensatz zu Weiss hat bei Mercier Sprache einen schweren Stand, bin mir auch sicher, dass du die melancholische Art von ihm nicht magst.
Ich war gespannt, ob du das Buch vorstellen würdest und bin wieder einmal sehr angetan von deiner Poesie! „Hier klingt Sprachfremdheit wie zugleich Sprachvertrauen an, eine Art, in der Sprache zu treiben und in ihr zu leben, ohne sie in sich poetisch wecken zu wollen, so dass sie einer Traumwelt nahekommt, die in einer Art Unbewusstheit das Erzählen vor der Entfremdung zu schützen…“ und noch andere Stellen. Wunderschön. Auch das Zitat von Walter Benjamin.
Das Buch zu lesen überlege ich noch. Haben mir doch der Film „Nachtzug nach Lissabon“ und das Buch „Das Gewicht der Worte“ so gut gefallen. Danke und liebe Grüße, Bettina
Auf Mercier habe ich wegen „Lea“ ein gewisses Auge, dass mir vor Jahren sehr gut gefallen hat. „Nachtzug nach Lissabon“ habe ich gelesen, aber völlig vergessen, wie es scheint. Ich habe mal reingeschaut und nur noch erahnt, dass ich das kenne – das ist nie ein so tolles Zeichen. „Das Gewicht der Worte“ kenne ich noch nicht. Freut mich sehr, dass du der Besprechung etwas abgewinnen kannst – ich finde Mercier kann tatsächlich gut erzählen, nur fehlt es ihm manchmal, meine ich, an Dringlichkeit. Ich würde dir „Lea“ eher empfehlen. Viele Grüße!!
Lese gerade „Nachtzug….“. Da ich wie Mercier/Bieri Schweizer bin, verstehe ich seine Art recht gut. Halt! Bin ja kein Berner! Die sind laaaaaaangsam. Warum darf man in Bern am Freitag keine Witze erzaehlen? Weil die sonst am Sonntag in der Kirche lachen! 🙂
Den Witz finde ich gut! Ein ganzes Wochenende lachen ist doch toll! Also lieber noch früher den Witz erzählen, dann läutet man das Wochenende mit einem Grinsen ein. Viele Grüße!
Apropos Film (schreibundsprich): stellt man sich wirklich Gregorius wie Jeremy Irons vor?